Sonntag, 16. November 2014

[Rezension] Emil Ostrovski - Wo ein bisschen Zeit ist

Titel: Wo ein bisschen Zeit ist
Autor: Emil Ostrovski
Übersetzung aus dem Amerikanischen: Thomas Gunkel
Erscheinungsdatum: 24.07.2014
Verlag: FJB (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag
Handlungsort: Nordwesten der USA
Handlungszeit: Gegenwart


Jack trifft sich mit seinem erwachsenen Sohn an dessen Geburtstag. Dieser steht kurz davor aufs College zu gehen und Philosophie zu studieren Der Leser merkt dadurch gleich, dass Vater und Sohn keinen sehr engen Kontakt zueinander haben. Emil Ostrovski, der junge Autor des Buchs „Wo ein bisschen Zeit ist“ schickt diesen Prolog der eigentlichen Geschichte des Romans voraus, die Jack nun im Folgenden aus der Ich-Perspektive seinem Sohn erzählt. Ich finde es nicht gut, dass in der Inhaltsangabe auf der Rückseite des Umschlags das Ende des Buchs vorweggenommen wird. 

Jack erhält an seinem 18. Geburtstag den Anruf seiner Ex-Freundin Jess, die gerade in einem Krankenhaus den gemeinsamen Sohn zur Welt gebracht hat. Er hatte ihr zur Abtreibung geraten, doch Jess wollte das Kind unbedingt bekommen. Im Krankenhaus erfährt er davon, dass Jess den gemeinsamen Sohn zur Adoption freigegeben hat. Bei Jack keimen Vatergefühle auf und er mag seinen Sohn nicht hergeben. Kurz entschlossen steigt er mit seinem Sohn aus einem Fenster des Krankenhauses und begibt sich mit ihm auf eine Reise die erst ein Ziel findet, als seine an Alzheimer erkrankte Großmutter ihn zur Gratulation anruft. Sie wird er trotz der dazwischenliegenden mehrstündigen Fahrtzeit besuchen, um ihr seinen Sohn zu zeigen! 

Auch sein treuer Freund Tommy ruft zum Geburtstag an. Beide verbinden viele gemeinsam erlebte Tage ihrer Jugend und so wird im Schwelgen über gemeinsam Erlebtes und noch zu Erlebendes eine irrsinnige Fahrt, zunächst mit dem Auto von Tommy und später mit dem Boot von dessen Vater, über den amerikanischen Kontinent. Mit an Bord ist auch Jess, die vor den Adoptiveltern ihres Sohns und der Polizei, die nach dem Entführer sucht, aus dem Krankenhaus geflüchtet ist. 

Das Buch ist eine humorvolle, abenteuerliche Geschichte, deren schneller Handlungsablauf immer wieder unterbrochen wird durch tiefgründige Zwiegespräche, die Jack mit seinem Sohn hält, den er nach dem großen Philosophen der Antike Sokrates nennt. Hin und wieder macht Jack sich bewusst, dass diese Gespräche natürlich eine innere Auseinandersetzung seiner selbst sind. Auf diese Weise nimmt der Leser Teil daran, wie Jack sich mit seiner bisherigen Sorglosigkeit auseinandersetzt, die sogar soweit geführt hat, dass er sich umbringen wollte, als er über seine Glückwünsche zum Geburtstag nachgedacht hat. Doch die Angst vor Folgeschäden hat ihn davon abgehalten. Dies war ein erster Schritt sich darüber klarzuwerden, welche Auswirkungen Handlungen haben können. 

Die sich mühelos lesende, lebendige Erzählung ist nur die Basis für eine viele tiefergehende Erfahrung, die der Leser an der Seite von Jack nachvollziehen kann. Man merkt der Geschichte an, dass der Autor selber noch jung ist, nämlich Anfang 20, da er die Handlungen und Gedanken seines Protagonisten so leicht zu Papier bringt. Dabei bleibt die richtige Behandlung des Babys auf der Tour Nebensache, die zunehmende Übernahme von Verantwortung steht im Vordergrund. Emil Ostrovski weiß mit phantasievollen und frischen Einfällen den auch wenig an philosophischen Gedankengängen interessierten Leser immer wieder in seine Erzählung zurückzuziehen. Unter der Oberfläche der Romanidee geht es um Freundschaft, das Erwachsenwerden, die Unendlichkeit und vieles mehr. 

„Wo ein bisschen Zeit ist“ ist ein besonderer Roman, der neben der Beschreibung einer unglaublichen Flucht ganz nebenher ein wenig Philosophie vermittelt und den Leser zum Mitdenken über die großen Fragen der Menschheit anregt. Gerne empfehle ich dieses Buch weiter. 

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