Freitag, 17. Februar 2017

[Buchplauderei] Wie sich ein Debüt-Autor die amerikanische YA-Community zum Feind machte

 
Hallo liebe Leser,

heute ist in Deutschland "Cruelty. Ab jetzt kämpfst du allein" von Scott Bergstrom erschienen, zu dem ich heute auch meine Rezension veröffentlicht habe. In dieser habe ich das Buch ganz allein nach seiner Geschichte bewertet. Doch obwohl das Buch ein Debüt ist, hat der Autor in Amerika schon für große Aufregung gesorgt. Ich habe mir die Hintergründe dessen näher angeschaut.

Doch von Anfang an.

Mir wurde das Buch auf der Frankfurter Buchmesse vorgestellt. Ausgestellt noch hinter Glas und mit knallorangem Schnitt zog das Buch die Blicke am Rowohlt-Stand auf sich. Als es mir als Geschichte über eine toughe Protagonistin, die ihren verschwundenen Vater sucht, vorgestellt wurde, war meine Neugier vollends geweckt. Ich freute mich total, als ich dann auch noch ein Leseexemplar mit nach Hause nehmen durfte.

Kurz vor Weihnachten hatte sich "Cruelty" dann den Platz ganz oben auf meinem SuB erkämpft und ich begann, zu lesen. Parallel zur Lektüre suchte ich die englische Ausgabe des Buches auf Goodreads - das mache ich ganz gerne bei in Deutschland noch nicht erschienenen Büchern, um einen groben Eindruck davon zu bekommen, wie gehypt oder nicht gehypt das Buch in Amerika ist. Auf goodreads.com erwartete mich eine relativ schlechte Bewertung von 3,3 bei ca. 200 Ratings. Auf Amazon.com hingegen findet man eine überragende Wertung von 4,6. Was war denn da passiert? Mir gefiel das Buch, das ich gerade las, eigentlich sehr gut.

Ich tat also, was ich sonst nicht tue - ich las mich durch die Kommentare. Und siehe da: Einige Goodreads-Mitglieder haben dem Buch aus Prinzip einen Stern gegeben aufgrund der Äußerungen des Autors. Da wollte ich jetzt wirklich wissen, was passiert war. Relativ schnell fand ich verschiedene Artikel, unter anderem diesen hier, der das Geschehen ganz gut zusammenfasst.

Was war also passiert? 

In Kürze: Das Debüt des Autors versprach schon vor Veröffentlichung, erfolgreich zu werden, denn es wurde sofort in 16 Länder verkauft und Paramount sicherte sich die Filmrechte. In dem Zuge wurde Scott Bergstrom von Publishers Weekly interviewt und es kam zu folgendem Statement:

“The morality of the book is more complicated than a lot of YA so I wanted to try doing it on my own,” Bergstrom said. “In a lot of YA, the conflict takes place inside a walled garden, set up by outside adult forces. If you think of those stories as a metaphor for high school, they start to make a lot more sense, but that was one thing I wanted to depart from.” (Quelle)

Zusätzlich fand man in der zu diesem Zeitpunkt bereits verfügbaren Leseprobe folgende (damals nur auf englisch verfügbare) Sätze:
"Ich hole ein Buch aus meinem Rucksack und lehne mich gegen die Tür, und der Zug schießt durch den Tunnel in Richtung Queens. Es ist ein Roman mit einer Teenager-Heldin, der in einer dystopischen Zukunft spielt. Welcher Roman spielt keine Rolle, denn sie sind alle gleich." (deutsche Ausgabe, S.21)

Die Empörung der amerikanischen YA-Gemeinde war riesig. Unter dem Hashtag #morallycomplicatedYA brachten zahlreiche Leser mal mehr auf ironische, mal mehr auf entzürnte Weise ihre Meinung zum Kommentar des Autors zum Ausdruck.

Und heute?

Seit der großen Aufregung ist ein gutes Jahr vergangen. Unter oben genanntem Hashtag findet man nun vor allem Bilder eines Panels der YALC (Zufall oder Absicht der Veranstalter?!). Die Goodreads-Bewertung wird sich aber wohl im Gegensatz zur überragenden Bewertung auf amazon.com nicht mehr erholen.

Jetzt ist das Buch also auch auf deutsch verfügbar. Ich habe es schon gelesen und fühlte mich unterm Strich sehr gut unterhalten.

Ist das Buch wirklich komplizierter als der Rest der YA-Literatur? Nö. 

Trotzdem würde ich mich sehr freuen, wenn die Geschichte den Sprung in die Kinos schafft und ich werde wohl auch zur Fortsetzung greifen, wenn sie auf deutsch erscheint (das scheint noch zu dauern, die Veröffentlichung des Originals ist für 2018 geplant).

Ich glaube, dass der Autor mit dem großen Erfolg im Rücken schon vor der Veröffentlichung des Buches wohl ein bisschen größenwahnsinnig reagiert und dick aufgetragen hat. "Mein Buch ist ja so viel besser als der Rest" - das denkt der ein oder andere Autor vielleicht, aber das sagt man dann eben nicht im Interview mit der Publishers Weekly. Ich war nach meiner Recherche erstaunt, welch große Wellen ein einzelnes Interview in der YA-Community schlagen kann. Ich persönlich verzeihe dem Autor seinen Fehltritt, sofern er solche Kommentare in Zukunft für sich behält und weiterhin spannende Bücher schreibt.

Was denkt ihr zu diesem Vorfall? Werdet ihr "Cruelty: Ab jetzt kämpfst du allein" lesen?

Liebe Grüße
Eure Hanna




Kommentare:

  1. Das Buch hat mir bisher gar nichts gesagt, daher habe ich davon nichts mitbekommen. Ich finde aber schon, dass das ziemlich übertrieben ist. Nur weil er meint, das Buch sei besser als andere ist es doch kein Grund, es nur mit einem Stern zu bewerten. An der Qualität des Buches ändert es ja nichts, ob der Autor etwas zu eingebildet ist und SO problematisch finde ich diese Aussage nun wirklich nicht. Wie viele andere Autoren sagen sowas wie "mein Buch ist anders als alle anderen" und meinen damit das gleiche? Da ist das auch nie ein Problem.
    Schön dass du dich davon nicht beeinflussen lässt und dem Buch trotzdem eine faire Chance gegeben hast.

    Liebe Grüße!

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Hallo Jacquy,

      dass eine einzige Bemerkung so extreme Reaktionen auslösen fand ich schon sehr erstaunlich. Es gibt sicherlich Haltungen und Einstellungen von Autoren, die mich dazu bewegen würden, ihre Bücher nicht zu lesen. Ein wenig Größenwahn gehört aber nicht dazu. ;)

      Liebe Grüße!

      Löschen