Samstag, 29. April 2017

[Rezension Hanna] Das Glück hat vier Farben - Lisa Moore


Das Glück hat vier Farben
Autorin: Lisa Moore
Übersetzerin: Maren Illinger
Hardcover: 368 Seiten
Verlag: FISCHER Sauerländer

Inhalt
Flannery ist sechzehn Jahre alt und in Tyrone verliebt, seit sie denken kann. Als Kinder haben sie vieles gemeinsam unternommen, doch dann ist er weggezogen. Nun gehen sie beide wieder auf die gleiche Schule. Aus Tyrone ist ein Rebell geworden, der Graffitis sprüht und ständig die Schule schwänzt. Für ein Schulprojekt müssen die beiden gemeinsam ein Produkt entwickelt. Tyrone schlägt Liebestränke vor und verschwindet dann wieder tagelang. Wird er Flannery helfen? Unterdessen hat ihre beste Freundin Amber einen neuen Freund und entfernt sich zunehmend von ihr. Und ihre Mutter gibt das wenige Geld, das sie als Sozialhilfeempfängerin hat, lieber für Spielzeug für ihren Sohn aus als für die Stromrechnung und Flannerys Schulbücher. Kann Flannery in diesem Chaos für sich selbst einstehen?

Meinung
Das Cover und der Titel des Buches spielen auf die Liebestränke an, die Flannery und Tyrone für ihr BWL-Projekt entwickeln. Zu Beginn des Buches lernt man Flannery kennen, welche die Geschichte aus der Ich-Perspektive erzählt und dem Leser zunächst einen groben Überblick über ihr Leben gibt. Da gibt es ihre große Liebe Tyrone, der fast nie in der Schule ist und sie kaum beachtet; ihre beste Freundin Amber, für die Schwimmen wichtiger ist als Schule; ihre alleinerziehende Künstler-Mutter, die nicht mit Geld umgehen kann und ihren kleinen Bruder Felix, auf den Flannery ständig aufpassen muss. Alles in allem hat Flannery kein perfektes Leben, aber sie hat sich damit arrangiert und Menschen, die zu ihr stehen.

Schon nach kurzer Zeit geraten die Dinge in Bewegung. Nach wenigen Seiten wird Tyrone Flannerys Partner für das BWL-Projekt. Endlich eine Chance, mehr Zeit mit ihm zu verbringen! Auch Amber wird ihrem Schwarm zugelost, mit dem sie kurz darauf zusammen kommt. Nun will sie aber lieber Zeit mit ihm und den Freundinnen seiner Bandkollegen verbringen als mit Flannery. Und auch dass ihre Mutter gerade wieder absolut pleite ist macht die Situation nicht einfacher. Flannery muss lernen, für sich selbst einzustehen und zu entscheiden, in welche Dinge es sich lohnt, Energie zu stecken.

Die Autorin setzt viele Rückblenden ein. In diesen erinnert sich Flannery meist an ihre Kindheit, sodass man als Leser die Beziehung zu ihrer Mutter, Amber und Tyrone besser verstehen konnte. Allerdings sind Flannerys Gedankengänge nicht sonderlich geordnet, sodass ich manchmal verwirrt war, und sie holt weit aus. Außerdem werden wichtige Fakten vertauscht, zum Beispiel ist Tyrone erst am gleichen Tag geboren und plötzlich zehn, während Flannery neun ist.

Auch in der Gegenwart grübelt Flannery viel und setzt sich mit ihrer Situation auseinander. Zum einen beschäftigt sie ihre Schwärmerei und die Probleme mit der besten Freundin. Ich muss zugeben, dass ich weder Tyrone noch Amber sonderlich sympathisch fand. Sie sind beide sehr egozentrische Personen, die Flannery in wichtigen Momenten im Stich lassen. Zum anderen wird das Thema Armut angesprochen. Ich fand es zwar merkwürdig, dass Flannery sich gar nicht damit beschäftigt, ob sie mit einem Aushilfsjob ein wenig eigenes Geld verdienen könnte. Doch sie gibt emotionale Einblicke, wie sie sich fühlt, wenn ihre Mutter ihr nicht mal ein Biobuch kaufen kann, die mich nachdenklich stimmten.

Die Geschichte entwickelt sich anders, als ich es zu Beginn erwartet hätte. Das fand ich sehr gut, denn viele Klischees werden damit nicht erfüllt. Die Atmosphäre wird zunehmend bedrückend und zeigt, dass manchmal eben nicht alles so läuft, wie man es gerne hätte. Trotz der Masse an kritischen Situationen in kürzester Zeit fand ich die Entwicklung der Charaktere authentisch. Die Entwicklungen rund um den Liebestrank fand ich witzig, sie lockern die Stimmung zwischendurch wieder auf. Das Ende ist schließlich definitiv kein rosa Zuckerguss, es rundet die Geschichte versöhnlich und stimmig ab.

Fazit
„Das Glück hat vier Farben“ ist eine Coming of Age Story, in der die sechzehnjährige Flannery gemeinsam mit ihrem Schwarm Liebestränke für ein Schulprojekt entwickeln will. Doch der lässt sich nur selten in der Schule blicken, ihre Freundin hat kaum mehr Zeit für sie und ihre alleinerziehende Mutter ist wieder völlig pleite. Die Geschichte bedient keine Klischees, sondern spricht wichtige Themen an. Ich empfehle das Buch an Jugendliche weiter, die Lust auf eine Geschichte haben, in der einige Dinge anders verlaufen als gedacht.


Freitag, 28. April 2017

[Unterwegs] Meet & Greet mit Amy Ewing, Autorin der Juwel-Trilogie

Hallo liebe Leser,

am Montag war ich zu einem ganz besonderen Treffen in Frankfurt eingeladen: Einem Meet & Greet mit Amy Ewing, der Autorin der Juwel-Trilogie!

In dieser Woche ist "Das Juwel. Der schwarze Schlüssel", der Abschluss der Trilogie, erschienen. Hier findet ihr meine Rezension zum Buch! Aus diesem Anlass war die Autorin Anfang der Woche in Deutschland  und der S. FISCHER Verlag hat einige Blogger und Testleser eingeladen, sie im Verlag zu treffen. Zum Glück konnte ich mir frei nehmen und habe sofort zugesagt. :-)


Im Verlagshaus in Frankfurt wurden wir ganz herzlich von unserer Presse-Ansprechpartnerin für Fischer FJB begrüßt. Auch zwei weitere Kolleginen aus dem Marketing und Lektorat waren dabei. Während wir auf Amy warteten, nutzten wir die Gelegenheit, uns untereinander besser kennenzulernen und mit den Verlagsmitarbeiterinnen zu plaudern.

Dann kam Amy Ewing, und das Meet & Greet konnte losgehen! Die Autorin betrat strahlend den Raum, durfte vor einer großen Juwel-Wand Platz nehmen und hatte sichtbar Lust auf das Treffen und den Austausch mit uns. In total lockerer Atmosphäre begannen wir, sie mit Fragen zu löchern, und erfuhren jede Menge über die Trilogie und Amy selbst. Ich fand es zum Beispiel sehr interessant, dass sie "Das Juwel" auf der Graduation School eher nebenher geschrieben hat, während sie (erfolglos) versucht hat, einen Verlag für ihr erstes Buchprojekt zu finden. In den letzten Monaten vor ihrem Abschluss hat sie "Das Juwel" dann fertig geschrieben und es am Tag ihrer Graduation verkauft!


Die Idee zur Trilogie kam Amy, als sie den Film "Taken" (96 Hours) geschaut hat. Während der Szene, in der Liam Neesons Tochter von einem wohlhabenden Mann gekauft wird, hat sie sich gefragt, wie es wohl wäre, wenn stattdessen eine Frau das Mädchen erworben hätte. Daraus entstand die Idee der Surrogate. Auf meine Frage, wie anschließend die Magie ins Buch gefunden hat, antwortete Amy, dass sie zunächst die Idee der Auspizien hatte. Sie wusste von Anfang an, dass die Auspizien gegen die Natur sind. Von Paladinnen ahnte sie da aber noch nichts. Grundsätzlich plottet sie nie die komplette Geschichte genauestens vorab sondern überlegt sich vielmehr beim Schreiben, wie sie von einem Punkt der Geschichte zum nächsten kommen soll.

Außerdem wollte ich von Amy wissen, wie sie sich in der Einzigen Stadt fühlen würde - als Adelige im Juwel, als Mutter eines Surrogats oder als Surrogat selbst.
Sie vermutete, dass ihr als Adelige das Schicksal der Surrogate vermutlich recht egal wäre, da die Gesellschaft das dort so vorsieht und man keine andere Meinung kennt, wenn man dort aufwächst und nie etwas anderes gesehen hat. Sie glaubt zum Beispiel, dass die Herzogin vom See unter anderem Umständen eine ganz anderer Mensch geworden wäre, doch ihr Vater hat sie enorm geprägt. Und auch Gavin sieht Violet zu Beginn nicht als Mensch, weil er es nicht so gelernt hat.
Außerdem überlegte Amy, dass sie als Mutter eines Surrogats wohl am Boden zerstört wäre, schon allein deshalb, weil sie ihre Tochter nie wiedersehen könnte. Und als Surrogat wäre sie vermutlich völlig panisch aufgrund der Schmerzen der Auspizien und des Gedankens, ein Kind auszutragen, dass einem dann gleich weggenommen wird.

 

Nach über einer Stunde Interview stärkten wir uns mit leckerem Fingerfood, das der Verlag bereitgestellt hatte. Danach machte sich Amy ans Signieren und Erinnerungsfotos wurden geschossen.

Vielen lieben Dank an Amy für die vielen Einblicke, an die Verlagsmitarbeiterinnen für die absolut gelungene Organisation des nachmittags und die netten Bloggerinnen & Testleserinnen für die spannenden Fragen!

Dieser Bloggerinnen waren ebenfalls dabei:




Jenny von Jennybuecher 


[Rezension Ingrid] Stirb ewig von Peter James


Titel: Stirb ewig
Autor: Peter James
Übersetzerin: Susanne Goga-Klinkenberg
Erscheinungsdatum: 01.07.2007
Verlag: Fischer 
rezensierte Buchausgabe: Taschenbuch als Mängelexemplar

„Stirb ewig“ von Peter James ist der Auftakt einer Krimireihe in der Roy Grace, Detective Superintendent von der East Sussex Police, ermittelt. Die Geschichte spielt in Brighton and Hove. Fünf junge Männer feiern den Junggesellenabschied von Michael Harrison, dem gemeinsam mit seinem Partner Mark eine Baugesellschaft gehört. Michael hat eine ganz besondere Art von Humor, der zuweilen über die Stränge schlägt und den er des Öfteren in einem makabren Scherz an seinen Freunden ausgelassen hat. Mark ist sein Trauzeuge, aber durch die Verspätung seines Rückflugs von einer Geschäftsreise kann er nicht an der Pub-Tour seiner Freunde teilnehmen. Nachdem Michael reichlich betrunken ist, wird er als Vergeltung für die üblen Scherze von seinen Freunden in einen Sarg gelegt und vergraben. Allerdings begleitet ihn ein Walkie-Talkie und eine Flasche Whiskey. Aber unmittelbar nach dieser Aktion verunglücken die vier Kumpel tödlich.

Für mich und wie es scheint auch für die Braut und den Trauzeugen setzt sich die Suche nach dem Vermissten erst spät und eher gemächlich in Bewegung. Dabei hätte ich den zuständigen Detective Sergeant Branson gerne zur Eile angetrieben. Eigentlich hat Roy Grace mit seinen eigenen Fällen genügend Arbeit, doch für seinen Freund Branson springt er gerne mal ein. Er selbst vermisst seit neun Jahren seine Lebensgefährten die von einem Tag auf den anderen spurlos verschwunden ist. Michaels Verbleib liegt ihm daher am Herzen.

weißes Gebäude in der Mitte: Van Alen Building = hier wohnt der Trauzeuge

Nachdem der Krimi zunächst den von mir erwarteten Verlauf nahm, verhielten Braut und Trauzeuge sich zunehmend auffällig. Das zweite Walkie-Talkie wird von einer geistig behinderten Person gefunden, was zu einer unvorhersehbaren Komplikation führt. Während nun Grace und Branson ihren persönlichen Terminen nachgehen, ruht der Fall nicht etwa, sondern wird zunehmend zur dringenden Angelegenheit und gipfelt in einer Sonderkommission. Glaubte ich mich nun der Lösung des Falls immer näher, schaffte Peter James es durch raffinierte Wendungen und Wechseln der Gründe, die für ein Ableben von Michael in Frage kommen würden, mich immer wieder zu überraschen. Einige Charaktere sind schwer zu durchschauen. Die Erzählperspektive wechselt in den Kapiteln zwischen den handelnden Personen und somit auch zu Michael. Fehlte längere Zeit der Blick auf ihn, vermutete ich bereits, dass er nicht mehr leben würde. Doch so schnell hat Peter James ihn nicht aufgegeben und überraschte mich mit ständig neuen Entwicklungen. Roy Grace zieht alle Fäden der Methoden die ihm zum Ermitteln zur Verfügung stehen. Der Autor begeistert sich selbst für das Übersinnliche und so kommen auch unkonventionelle Maßnahmen zum Einsatz.

Der Krimi wurde mehrfach preisgekürt und das zu Recht, wie ich finde. Er konnte mich von Beginn an begeistert und hat seinen Spannungsbogen bis zum Schluss hoch gehalten. Wer fesselnde Thriller mag ist hier richtig.

Donnerstag, 27. April 2017

[Rezension Ingrid] Altenstein von Julie von Kessel


Titel: Altenstein
Autorin: Julie von Kessel
Erscheinungsdatum: 10.03.2017
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen

„Altenstein“ ist der Debütroman von Julie von Kessel. Ihre Geschichte dreht sich um den Verlust und die spätere Enteignung von Hab und Gut einer fiktiven alten Adelsfamilie in Ostpreußen. „Altenstein“, der Sommersitz der gräflichen Familie von Kolberg, gehört dazu. Hier geht es nicht nur um Gebäude, sondern vor allem um wertvolle weitläufige Bodenflächen.

Eine der Protagonisten ist Agnes von Kolberg, die zweite Frau von Kuno, dem Erben und Oberhaupt der Familie. Sie sieht sich gern als Blume und ihre Kinder als Blütenblätter die sie ausschmücken. So ist denn sinnbildlich die Blume auf dem Cover zu verstehen mit den drei Blütenblättern auf der linken Seite, die für die drei Töchter von Agnes aus erster Ehe stehen und fünf auf der rechten Seite, die ihre zwei Töchter und drei Söhne, von denen einer bereits bei der Geburt verstorben ist, aus der Ehe mit Kuno symbolisieren. Auch Kuno hat aus seiner ersten Ehe drei Töchter.

Konrad ist der jüngste der Geschwister. Er ist ein letztes, von Agnes ertrotztes Kind und wird mitten im Krieg geboren. Neben Agnes ist er es und die nächst geborene ältere Schwester Marie Elisabeth, genannt Nona, auf denen der Fokus der Erzählung vor allem ruht. Nachdem nicht nur die Heimat in Ostpreußen verloren ist, sondern auch der Besitz von Altenstein in Brandenburg aufgegeben werden musste, findet die inzwischen verwitwete Agnes mit ihren Kindern im rheinischen Bonn eine neue Bleibe. Zwar hat sie nur noch wenig Geld zur Verfügung, legt aber weiter bei der Erziehung ihrer Kinder Wert auf Anstand und Standesbewusstsein und Respekt ihr selbst gegenüber. Nona und Konrad jedoch widersetzen sich immer wieder. Sie sind es auch die nach der Wende nach Altenstein fahren und dann nach einer Möglichkeit suchen, das Anwesen zurück zu erhalten.

Julie von Kessel stammt selbst aus einer Adelsfamilie wie sie sie im Roman beschreibt. Daher gelingt es ihr, die Charaktere im Roman authentisch zu gestalten. Bereits beim Lesen ist mir aufgefallen, dass ungewöhnlich viele Mitglieder der Familie von Kolberg im diplomatischen Umfeld arbeiten und so ist es auch in der Familiengeschichte der Autorin selbst. Diese von Beginn an weltgewandten Menschen haben auf ihren Landgütern immer eine beständige Heimat gehabt und dadurch die Möglichkeit in den „Schoss der Familie“ zurück zu kehren. Die Häuser waren groß genug um etliche Personen zusätzlich aufzunehmen. Die Güter warfen genügend Lebensmittel ab, um ohne Not weitere Familienangehörige zu ernähren. So wie die Familie von Kolberg standen viele Adelsfamilien aus Ostpreußen vor dem Nichts. Ihren Stolz und ihre Weltoffenheit haben viele dabei behalten und in neuer Form versucht, sich zu verwirklichen.

Mit Konrad bringt die Autorin auch ein Beispiel dafür, dass nicht jeder seiner Rolle gerecht wird. Nona bricht bewusst aus dem für sie durch Agnes vorgesehenen Lebensweg aus; sie wechselt den Beruf und den Ehemann. Eigentlich zählten Mädchen in der Erbfolge wenig und der Besitz fiel grundsätzlich an den ältesten Sohn. Doch Agnes hat für ihre Kinder eine andere Aufteilung vorgesehen. Als nun Hoffnung auf eine Rückgabe des Anwesens beziehungsweise einen finanziellen Ausgleich aufkeimt, kann der älteste Sohn seinen Unmut über testamentarisch Festgelegte Teilung des Erbes zurück halten. Selbst über den Tod von Agnes hinaus behalten die Geschwister mit wenigen Ausnahmen ihr Klassendenken. Konrad gibt sich auch nach außen hin immer noch gerne als Graf. Untereinander herrscht ein freundlicher Umgangston, der jedoch im Detail gesehen ruppig wird. Vor klaren Ansagen scheint keiner zurück zu schrecken. Obwohl die Hilfsbereitschaft von jedem für seine Familienangehörigen da ist, hört sie wohl bei finanziellen Angelegenheiten auf.

Julie von Kessel konfrontierte mich in ihrem Roman mit einer Familie die einen Teil deutscher Geschichte gelebt hat. Zu den geschichtlichen Hintergründen hätte ich mir an einigen Stellen mehr Informationen gewünscht. Zu Beginn des Buchs findet der Leser eine Auflistung der einzelnen Kapitel mit örtlichen Gegebenheiten und eine Aufzählung der Familienmitglieder. Doch die zeitlichen Sprünge von Kapitel zu Kapitel verbunden mit wechselnden Personengruppen forderten meine Aufmerksamkeit und störten immer wieder meinen Lesefluss.

Die Charaktere im Buch sind abwechslungsreich gestaltet, die Schauplätze manchmal ungewöhnlich und interessant. Für die Erzählung, die glaubwürdig konstruiert ist, gebe ich gerne eine Leseempfehlung.

[Rezension Hanna] Das Juwel. Der schwarze Schlüssel - Amy Ewing


Das Juwel. Der Schwarze Schlüssel
Autorin: Amy Ewing
Übersetzerin: Andrea Fischer
Hardcover: 400 Seiten
Erschienen am 27. April 2017
Verlag: FISCHER FJB

Die Reihe

Das Juwel

Band 1: Die Gabe (Rezension)
Band 2: Die weiße Rose (Rezension)
Band 3: Der schwarze Schlüssel

Inhalt
In der Weißen Rose laufen die Vorbereitungen für die geplante Revolution auf Hochtouren. Violet und ihre Freundinnen reisen zu den verschiedenen Verwahranstalten, um alle Teilnehmerinnen der nächsten Auktion für ihr Vorhaben zu gewinnen und ihnen zu zeigen, wer sie wirklich sind. Doch dann erfährt Violet, dass auf ihre Schwester Hazel, die von der Herzogin vom See gefangen gehalten wird, ein Mordanschlag geplant ist. Sie will nicht länger warten, sondern verändert mithilfe der Auspizien ihr Aussehen und begibt zurück sich in die Höhle des Löwen, den Palast der Herzogin. Kann sie unentdeckt bleiben und ihrer Schwester helfen? Und wird der Revolutionsplan des Schwarzen Schlüssels erfolgreich sein?

Meinung
Das Cover dieses Trilogiefinales ist wieder ein echter Hingucker, der mir sehr gut gefällt. Schwarz ist die dominierende Farbe und überall fliegen Splitter herum. Für mich war das ein Hinweis, dass nun alle Zeichen auf Umbruch stehen. Ich war neugierig, ob der Schwarze Schlüssel seine Pläne umsetzen kann und welche Konsequenzen der Versuch haben wird.

Das Buch startet temporeich und ich stellte erfreut fest, dass Violet und ihre Freundinnen seit dem Ende des zweiten Bandes einige Fortschritte gemacht haben. Die Vorbereitungen schreiten voran, Raven hat inzwischen beinahe alle Teilnehmerinnen der nächsten Auktion mit zur Klippe genommen und ihnen gezeigt, welche Kräfte in ihnen schlummern. Doch kurz darauf erhält Violet die Information, dass ihre Schwester in noch größerer Gefahr ist als gedacht. Sie beschließt, vorzeitig ins Juwel aufzubrechen. Mit dieser Entscheidung hat sie erneut ihren Mut unter Beweis gestellt und ich war neugierig, was sie wohl vorfinden wird.

In den ersten beiden Bänden hat man das Juwel hauptsächlich aus der Perspektive eines Surrogats kennengelernt. Violet kehrt nun in einer anderen Funktion zurück und erhält dadurch einen ganz neuen Blick darauf, was hinter den Kulissen vor sich geht. Ich fand diese neuen Einblicke interessant. Noch dringender wissen wollte ich aber, wie es ihrer Schwester geht und ob die Revolutionspläne voranschreiten. In zügigem Tempo erhält man immer mehr Informationen. Geheime Gespräche werden geführt, Verbündete gewonnen und schockierende Entdeckungen gemacht. Das Leben im Juwel ist noch immer ein einziges Verbrechen, getarnt mit schönen Ballkleidern und pompösen Festen.

Eine Weile sind alle Charaktere damit beschäftigt, ihre Pläne weiter zu verfeinern. In dieser Zeit taucht Violet noch mal in das im Juwel alltägliche Leben ein. Eine Weile passiert nichts neues, doch die Gefahr ist jederzeit präsent. Schließlich kommt es zu dramatischen Szenen, durch welche die Spannung stark anstieg. Der Adel ist noch immer grausam, aber auch die Revolution fordert ihre Opfer. Ich bangte um meine Lieblinge und hoffte, dass sie alle die Ereignisse überstehen, doch das ist nicht der Fall. Die ersten traurigen Verluste zeigen, dass es nun zu spät ist, um umzukehren. Als es schließlich so richtig losgeht, bleibt kaum mehr Zeit, um Luft zu holen. In rasantem Tempo erzählt die Autorin von Kämpfen, in denen mir bekannte Beteiligte so schnell ums Leben kamen, das ich kaum den Überblick wahren konnte. Zum Ende hin nimmt sich die Geschichte dann noch mal mehr Zeit für Abrechnungen und Aufarbeitung. Der Schluss rundet die Trilogie für mich absolut stimmig ab.

Fazit
In „Das Juwel. Der Schwarze Schlüssel“ steht die lang geplante Revolution kurz bevor. Violet macht sich vorzeitig auf ins Juwel, um ihrer Schwester beizustehen. Während Pläne verfeinert und neue Verbündete gewonnen werden, besteht ständig die Gefahr, dass jemand auffliegt oder angegriffen wird. Schließlich gibt es kein Zurück mehr und ich fieberte mit, wie all das wohl ausgehen wird. Insgesamt ist dieser temporeiche und spannende Band ein wirklich gelungener Abschluss der Juwel-Trilogie!


Mittwoch, 26. April 2017

[Rezension Hanna] Ich, Eleanor Oliphant - Gail Honeyman


Ich, Eleanor Oliphant
Autorin: Gail Honeyman
Übersetzerin: Alexandra Kranefeld
Hardcover: 528 Seiten
Erschienen am 24. April 2017
Verlag: Bastei Lübe

Inhalt
Eleanor Oliphant ist fast 30 Jahre alt und arbeitet seit ihrem Uniabschluss als Buchhalterin in einer Grafikdesign-Agentur. Auf der Arbeit ist sie fleißig, mit ihren Kollegen aber nicht auf einer Wellenlänge, und so verbringt sie die Mittagspausen allein mit Kreuzworträtseln. Das Wochenende verbringt sie mit Wodka in ihrer Wohnung und spricht meist erst wieder mit jemandem, wenn sie montags zur Arbeit geht. Zweimal im Jahr schaut eine Sozialarbeiterin bei ihr nach dem Rechten. All das ist für Eleanor normal und okay. Doch dann verliebt sie sich in einen Musiker und beschließt, in ihrem Leben einige Veränderungen vorzunehmen. Als in der IT auch noch ein neuer Kollege anfängt und sie gemeinsam bei einem alten Mann Hilfe leisten, ist in ihrem Leben so einiges los. Doch irgendetwas ist in ihrer Vergangenheit passiert, das sie bis heute verfolgt und nie ganz loslässt.

Meinung
Das Cover des Buches sieht auf den ersten Blick bunt und unbeschwert aus. Doch in der oberen Ecke ist es ganz schwarz gefärbt, und dort steht eine Person – vermutlich Eleanor, deren soziale Interaktion sich auf das absolut nötigste beschränkt. Eleanor gibt dem Leser zu Beginn des Buches in nüchterner, sachlicher Sprache einen Überblick über ihre stets gleich ablaufende Woche, mit der sie sich arrangiert hat. In einer bizarren Situation beim Arzt lässt sie sich außerdem Schmerzmittel verschrieben und erklärt dem Leser schließlich, dass sie sich in einen Musiker verliebt hat, der für sie perfekt ist.

Schnell wird klar, dass Eleanor alles andere als ein durchschnittliches Leben führt. Sie bezeichnet sich selbst als Einzelkämpferin und Überlebende und lässt keinen anderen Menschen an sich heran. Im Kontakt mit anderen verhält sie sich zudem reichlich ungeschickt. Sie weiß, dass die Kollegen über sie lästern, doch das ist ihr egal. Eleanor tat mir wirklich leid und die Szenen, in denen sie so offensichtlich ins Fettnäpfchen tritt konnten mich berühren. Gleichzeitig konnte ich aufgrund ihres befremdlichen Verhaltens die Distanz der Kollegen teils nachvollziehen. Eleanor macht immer wieder Andeutungen über eine schwere Kindheit und ständig wechselnde Pflegefamilien, sodass ich neugierig wurde, was damals wohl vorgefallen ist, das bis heute nachwirkt.

Nach kurzer Zeit geschehen mehrere Dinge, die Eleanors Leben durcheinanderwirbeln. Für ihre baldige Beziehung zum Musiker will sie sich selbst etwas herrichten und macht dabei ganz neue Erfahrungen bei der Maniküre und dem Brazilian Waxing. Gleichzeitig hat sie einen neuen Kollegen in der IT, Raymond, der gern mit ihr redet und sich von ihrer verschrobenen, förmlichen Art nicht abschrecken lässt. Durch ihn und einem alten Mann, dem die beiden helfen, lernt sie zu verstehen, was es bedeutet, Zeit mit anderen zu verbringen und eine Familie zu haben. Eleanor verhält sich bei all dem sehr naiv, doch es war wirklich schön zu sehen, wie sie durch das Interesse anderer an ihr als Person regelrecht aufblüht und selbst merkt, dass ihr das Zusammensein mit Anderen Spaß macht.

Ich hatte Eleanor wirklich gern, doch was mich bei der Lektüre am meisten störte waren diverse Ungereimtheiten in Bezug auf ihren Charakter. Zum Beispiel löst sie gern Kreuzworträtsel, schaut viel Fern und hört Radio, weiß aber nicht, wer Spongebob Schwammkopf oder die Village People sind. Diese Bildungslücken waren in der jeweiligen Situation amüsant, in dem Ausmaß für mich aber wenig nachvollziehbar. Auch konnte ich nicht verstehen, warum sie früher so oft die Pflegefamilie wechseln musste – haben alle Pflegeeltern wirklich so schnell aufgegeben? Und trotz ihres asketischen Lebensstils in einer winzigen Sozialwohnung hat sie nach acht Jahren Arbeit fast kein Erspartes – verdienen Buchhalter in Glasgow so unglaublich wenig? Das sind nur einige Beispiele, die mich immer wieder stutzen ließen.

Es hat mir Spaß gemacht, Eleanor dabei zu begleiten, wie sie Stück für Stück lernt, auf andere Menschen einzugehen und dass das Leben mehr bietet als Arbeit und Wodka. Es gibt viele schöne Situationen, aber auch einige Rückschläge, die mich hoffen ließen, dass sie trotzdem nicht aufgibt. Ich habe mich sehr für sie gefreut, dass sie mit Raymond einen Freund an ihrer Seite hat, der den Kontakt zu ihr während Höhen und Tiefen halten will. Eleanor macht eine tolle Entwicklung durch und will sich schließlich auch ihrer Vergangenheit stellen. Zum Schluss ging es mir dann etwas zu schnell. Gerne hätte ich Eleanor mit ihrem neuen Blick auf sich selbst noch einige weitere Seiten begleitet.

Fazit
„Ich, Eleanor Oliphant“ erzählt die Geschichte von Eleanor, die soziale Kontakte möglichst vermeidet und sich selbst als Einzelkämpferin sieht. Doch dann verliebt sie sich, begegnet einem neuen Kollegen und findet sich in für sie ganz neuen Situationen wieder, die sie zu der Frage bringt: Ist es wirklich okay für sie, sich ganz allein durchzuschlagen? Trotz einiger Ungereimtheiten in Bezug auf ihren Charakter hat mit diese lebensbejahende Geschichte über Freundschaft und die kleinen Dinge im Leben gut gefallen. Ich vergebe vier Sterne.

Eine Rezension von Ingrid zum Buch findet ihr unter folgendem Link: KLICK!

Freitag, 21. April 2017

[Rezension Ingrid] Ein fauler Gott von Stefan Lohse


Titel: Ein fauler Gott
Autor: Stephan Lohse
Erscheinungsdatum: 06.03.2017
Verlag: Suhrkamp (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag (Leseexemplar)

Ben ist im Sommer 1972 elf Jahre und hat gerade seinen Bruder Jonas verloren. Er war dabei als Jonas im Schwimmbad anfing zu krampfen und wenige Tage später im Krankenhaus verstarb. Ben glaubt, dass Gott keine Lust dazu hat seine Macht über die Menschen auszuüben und Freude daran findet Brüder durch den Tod zu trennen.  Im Debütroman „Ein fauler Gott“ von Stefan Lohse ist das eine der unbefangenen Ansichten des Protagonisten Ben. Aber auch der verstorbene Jonas hatte seine ganz spezielle Denkweise. So lang gestreckt wie Raketen würden die Menschen in den Himmel kommen vertraut er seinem Bruder an. Die Rakete auf dem Cover lässt sich symbolisch mit Jonas verbinden, der eine solche auf dem Krankenbett als Bild visualisiert hat.

Trotz des großen Verlusts geht das Leben für Ben und seine geschiedene Mutter weiter. Ben besucht nach den Ferien die 5. Klasse des Gymnasiums und lernt neue Freude kennen. Neue Schulfächer fordern seine Aufmerksamkeit. Davon erzählt er auch zu Hause und bietet damit seiner Mutter ein wenig Abwechslung in ihrer Einsamkeit. Wie die meisten Frauen zur damaligen Zeit übt sie ihren Beruf als Fremdsprachenkorrespondenten nicht mehr aus. Es bleibt ihr genug Zeit sich in ihrem Schmerz immer tiefer zu versinken. Gegenüber Ben versucht sie Normalität zu leben, zum Weinen geht sie in ihr Schlafzimmer und lässt sich von der Wärme ihrer Heizdecke in ihrem Kummer umfangen.

Stefan Lohse schildert die Geschichte als auktorialer Erzähler in einem schlichten Stil. Er lässt sich auf Augenhöhe eines Heranwachsenden nieder und fängt damit die sorglose Kindheit umso deutlicher ein. Der Autor ist Anfang der 1970er in etwa im gleichen Alter gewesen wie Ben und auch ich habe diese Zeit entsprechend erlebt. Die Themen über die Ben sich mit seinen Freunden ausgetauscht hat, egal ob über Film, Fernsehen, Bücher oder Musik waren mir nur allzu bekannt und immer wieder tauchten dadurch meine eigenen Erinnerungen an diese Zeit auf. In den Dialogen, die er mit seinen Freunden führt, geht es um typische Sorgen und Probleme von Fünftklässlern und gerne bin ich mit Ben wieder in dieses Alter eingetaucht.

Wenn Ben nach Hause kommt findet er seine Mutter vor, die vor Trauer wie gelähmt ist und dadurch den Haushalt manchmal vernachlässigt. Ihre Gedanken kreisen um das Wie und Warum, doch Antworten findet sie nicht. Ihr geschiedener Mann ist längst wieder verheiratet und wohnt in Frankfurt, von ihm erfährt sie keinen Trost. Ihre Sorge um Ben ist seit dem Tod von Jonas gewachsen, denn sie möchte ihn nicht auch noch verlieren. Leider fehlte mir durch den Erzählstil die direkte Nähe zu ihrer Person. Das, was sie am Ende des Buchs als Lösung für sich und Ben geplant hat fand ich aus der Erfahrung heraus eher unglaubwürdig.

Ben schafft sich mit seiner Fantasie eigene Weltne in die er stundenweise versinken kann. Letztlich lässt er sogar seiner Mutter Einblick in sein Spiel nehmen und nach Wunsch daran teilnehmen. Obwohl „Ein fauler Gott“ eigentlich ein zutiefst trauriges Buch über den Tod eines Jungen ist, legt sich mit Bens unerschrockener Art der eigenen Sicht auf viele Dinge ein dicker Film Vergnügen über das Leid und rückt Freundschaft und Zusammenhalt in den Vordergrund. Lässt sich auch die Wunde des Verlusts nicht mehr heilen, so zeigt Ben dem Leser und seiner Mutter, dass eine optimistisch gedachte Zukunft für die Zurückgebliebenen möglich ist.

Das warmherzig erzählte Schicksal von Bens Familie konnte mich berühren und ließ mich dennoch aufgrund von Bens Einfällen und dem Schwelgen in eigenen Erinnerungen an die damalige Zeit nicht traurig werden; ein Buch, dass ich gerne weiterempfehle.


Donnerstag, 20. April 2017

[Rezension Ingrid] Das geträumte Land von Imbolo Mbue


Titel: Das geträumte Land
Autorin: Imbolo Mbue
Übersetzerin: Maria Hummitzsch
Erscheinungsdatum: 16.02.2017
Verlag: Kiepenheuer & Witsch (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen

Für das aus Kamerun stammende Ehepaar Jende und Neni Jonga ist die USA das Land ihrer Träume. In dem entsprechend betitelten Debütroman „Das geträumte Land“ von Imbolo Mbue suchen sie nach einem Weg, dort Asyl zu erhalten um dann in den Besitz von Arbeitspapieren zu kommen, damit sie legal im Land bleiben dürfen. Im Cover sind die Farben der Flagge Kameruns wiederzufinden. So wie die traditionelle farbenfrohe Kleidung der Kameruner fällt das Titelbild dem Betrachter sofort ins Auge. Doch symbolisch hat sich New York in Form von Wolkenkratzern und Freiheitsstatue aus Holz entsprechend des großen Wunschs der Jongas in den Vordergrund gespielt.

Es ist das Jahr 2008 und Jende ist bereits seit drei Jahren in New York. Vor achtzehn Monaten konnten auch Neni und sein Sohn Liomi einreisen. Gemeinsam wohnen sie in einer bescheidenen Wohnung in Harlem. Er arbeitet für einen Taxidienst und erhält eines Tages durch Beziehungen die Möglichkeit für Clark Edwards und seiner Familie als Chauffeur zu arbeiten und dessen Familienmitglieder. Clark Edwards ist Manager der Investmentbank Lehman Brothers. Diese Position als Fahrer ist gut bezahlt und Jende benötigt das Geld dringend, denn neben dem Lebensunterhalt für seine kleine Familie möchte er Neni ihren Traum erfüllen, Apothekerin zu werden. Neni arbeitet stundenweise als Pflegerin für ältere Personen. Durch Familie Edwards erhält sie die Chance in deren Ferienhaus auszuhelfen und so noch zusätzlich einiges zu verdienen. Die Erfüllung der Wünsche rückt in greifbare Nähe, doch dann muss Lehman Brothers im Zuge der Finanzkrise Insolvenz anmelden. Beide Familien, die Jongas und die Edwards, haben mit den Konsequenzen zu kämpfen. Wird es eine Zukunft für Jende und Neni in den USA geben?

Neni stammt aus einer wohlhabenden Familie aus Limbe/Kamerun. Jendes Familie ist nicht so gutsituiert und seine Chancen auf einen gesellschaftlichen Aufstiegs sind gering, weil unsichtbar gezogene Standesgrenzen das verhindern. Nenis Vater hat seine Erlaubnis für die Ehe verweigert. Das junge Paar ist seiner jeweiligen Familie und den geltenden kamerunischen ungeschriebenen Gesetzen so verbunden, dass es sich nicht spürbar dagegen auflehnt. Ein Cousin von Jende schafft den Sprung nach Amerika ins „Land der Unbegrenzten Möglichkeiten“. Jende leiht sich das Geld von ihm für seinen eigenen Start. Jende begleitet auf seinem Weg in die USA auch die Hoffnung seiner ganzen Familie auf Unterstützung. Die Sorgen seiner Verwandten, denen er sobald wie möglich Unterstützung für medizinische Hilfe, Renovierungen und anderes zukommen lässt stellt er regelmäßig vor die Erfüllung seiner eigenen Träume für die er mühsam sein Geld zusammenträgt. Je nachdem wie viel die Familie in Kamerun benötiget wächst und sinkt sein Vermögen und damit auch sein Budget, einen ordentlichen Anwalt zu bezahlen der sich für seinen weiteren Aufenthalt einsetzt.

Neni machte auf mich zunächst einen selbstbewussten Eindruck, sie hatte ein großes Ziel für sich vor Augen und schaffte es trotz Kind und Haushalt für ihr Studium zu lernen. Doch Jende trifft als Oberhaupt seiner kleinen Familie für Neni wichtige Entscheidungen die deren Zukunft beeinflussen und Neni ordnet sich dieser Ordnung unter, so wie sie es von Geburt an gewohnt ist. Obwohl also beide US-Amerikaner werden möchten bleiben sie doch in ihren Herzen Afrikaner. Für mich stellte sich daher von Beginn an die Frage, ob sie die Assimilation im fremden Land schaffen können.

Clark und Cindy Edwards leben den amerikanischen Traum. Cindy stammt aus einfachen Verhältnissen und führt jetzt an der Seite ihres Ehemanns ein sorgloses Leben. Dadurch hat sie für die Wünsche der Jongas ein gewisses Verständnis, dass aber dann aufzuhören schien als ihr eigenes Budget durch die Krise eingeschränkt wurde. Die Edwards haben gemeinsam bereits einige Sorgen geteilt. Allein durch ihr Vermögen gelingt es beiden nicht, ein wunschlos glücklich zu sein. Der ältere Sohn Vince soll in die Fußstapfen seines Vaters treten, doch er rebelliert und geht seinem eigenen Traum, im Ausland zu leben, nach. Für Cindy bricht mit Vince eine wichtige Bezugsperson in ihrer unmittelbaren Nähe weg. Ihr eigenes erhofftes und gelebtes Leben erhält deutliche Risse.

Für mich als Leser war es interessant am Alltagsleben der beiden Familien in New York teilhaben zu können. Imbole Mbue erzählt aus einer auktorialen Sichtweise. Die Probleme und Sorgen der einzelnen Personen beschreibt sie einfühlsam und wirklichkeitsnah. Mit und mit erfuhr ich durch Erinnerungen immer mehr über die Vergangenheit von Jende und Neni sowie Clark und Cindy. Das Leben in Kamerun mit den geltenden Konventionen war mir bisher unbekannt. Es war für mich schwierig, mit den Protagonisten zu sympathisieren, weil jede ihr Schwächen hatte. Vor allem Neni erschien mir letztlich arglos in Bezug auf die Umsetzung ihres Berufswunschs, der durch die frühe sorglose Liebe zu Jende zunächst unerreichbar wurde.

Imbolo Mbue vermittelte mir mit ihrem Roman ein realistisches Beispiel für die Auswanderung einer kamerunischen Familie und deren Versuch in den USA eingebürgert zu werden. Auch die Geschichte des Managers Clark Edwards und seiner Familie konnte ich gut nachvollziehen. Mir hat das Buch unterhaltsame Stunden bereitet und daher empfehle ich es gerne weiter.

Samstag, 15. April 2017

[Rezension Ingrid] Jeder Tag kann der Schönste in deinem Leben werden von Emily Barr


Titel: Jeder Tag kann der Schönste in deinem Leben werden
Autorin: Emily Barr
Übersetzerin: Maria Poets
Erscheinungsdatum: 23.03.2017
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag

Der Titel des Buchs „Jeder Tag kann der Schönste in deinem Leben werden“ von Emily Barr ist für die 17-jährige Protagonistin Flora Banks Programm, denn in ihrem 10. Lebensjahr hat eine anterograde Amnesie, die durch ein Ereignis eingetreten ist bei dem ihr Gehirn so geschädigt wurde, dass sie alltägliche Dinge spätestens beim Aufwachen wieder vergessen hat. Manches kann sie sich sogar nur für Stunden merken. Wer das wunderschön gestaltete Cover mit seinen Ranken und der glänzenden erhabenen Schrift anschaut, wundert sich über einen Elch in der Mitte links und ein Flugzeug auf der rechten Seite. Sie stehen symbolisch für das Abenteuer, das Flora in diesem YA-Roman erlebt und dabei über sich selbst hinauswächst.

Alles, was sich vor der Amnesie ereignet hat, vergisst Flora nicht. Für die Sachen, die sie im täglichen Leben wissen muss, beschreibt sie ihre Arme und Hände, Zettel und Notizbücher, manchmal macht sie ein Foto mit ihrem Handy. Sie hat es wirklich nicht einfach; so zu leben wünscht man sich nicht. Doch dann hat sie nach einer Party ein neues, nie dagewesenes  Erlebnis. Sie wird von dem 19-jährigen Drake in einer romantischen Situation geküsst. Und es passiert für sie das Unmögliche: sie kann sich am nächsten Tag daran erinnern! Auch an das Gespräch mit ihm. Doch Drake hat sich gerade von ihrer besten Freundin getrennt und wird zukünftig auf Spitzbergen/Norwegen studieren. Als ihr in Paris lebender Bruder dringend die Hilfe ihrer Eltern benötigt und sie allein zu Hause bleibt, sieht sie endlich die Chance aus dem ihr von ihren Eltern gesetzten Rahmen auszubrechen und alleine zu entscheiden, was sie tun und lassen möchte. Der Kuss lässt sie nicht ruhen und sie beschließt, Drake zu suchen.

Die 17-jährige Flora verharrt wissensmäßig auf dem Stand einer 10-Jährigen. Jede neue Erkenntnis, jede neue Erfahrung ist bereits nach wenigen Stunden nicht mehr abrufbar. Sie legt sich ihre Notizen sichtbar hin, um daran erinnert zu werden, dass es diese gibt. Eigentlich müsste sie stundenlang darüber nachlesen, was sie in den letzten Jahren gelernt und erlebt hat. Das geht natürlich nicht und so beschränkt sie sich auf das Wesentliche. Der Roman ist in der Ich-Perspektive geschrieben. So konnte ich durch die etlichen Wiederholungen, die Flora jeden Tag durchliest, um sich ihr Wissen mühsam erneut zu erarbeiten ein wenig davon ahnen, wie schrecklich es für sie jedes Mal sein muss, ihr Umfeld neu kennen zu lernen. Und dennoch konnte ich es kaum nachzuvollziehen, denn an das, was mich bereits anfing zu langweilen, konnte Flora sich ja jedes Mal nicht erinnern.

Flora kleidet sich meistens wie ein Kind und äußert sich entsprechend, ihr Tun wirkt auf andere häufig befremdlich. Sie selbst ist sich dessen bewusst und nichts liegt ihr mehr am Herzen als so zu sein wie Gleichaltrige. Im Buch wird ihre Pubertät nicht thematisiert, doch ihre Reize bleiben nicht verborgen und es prickelt und kribbelt in ihr als sie mit Drake allein ist. Von Drake geht für sie keine Gefahr aus, denn sie hat festgestellt, dass er sie schon eine Weile kennen muss. Weil sie sich am nächsten Tag auch an das Gespräch mit ihm erinnert sieht sie die Möglichkeit, dass sie sich an noch mehr erinnern wird und ihr Leben sich demzufolge ändert. Diese Chance ist es ihr Wert, ihn zu suchen um die Beziehung fortzusetzen, weil sie ihn für ihren Glückritter hält.

Die Autorin stellt die Liebesromanze zwischen Flora und Drake bei ihrer Erzählung in den Vordergrund. Dahinter zurück tritt das Verhältnis von Flora zu ihren Eltern, die bewusst das Verhalten ihrer Tochter in den vergangenen Jahren nach eigenem Willen geleitet haben. Für mich war es schwierig, trotz der Probleme der Mutter, dafür Verständnis aufzubringen. Flora hätte sicher durch weiteren Zugang zu sozialen Medien mehr Möglichkeiten gehabt, sich mit Gleichaltrigen auszutauschen. Zum Glück hat sie ihre Freundin Paige, die sie seit dem Kindergarten kennt. Aber auch in diese Freundschaft mischt sich ein Erwachsener ein. Floras ganz großer Rückhalt ist ihr Bruder, erst zum Ende des Buchs begreift sie und damit auch ich als Leser welche große Rolle er seit der Erkrankung für sie gespielt hat.

„Sei mutig“ liest Flora jeden Tag eintätowiert auf ihrer Hand. Wie wichtig der Mut für sie ist, um eingefahrene  Gleise zu durchbrechen und Grenzen zu überschreiten liest man in dieser Geschichte. Emily Barr erzählt sehr emotional und neben der Faszination für die Kraft, die Flora aufbringt um mit ihrer Einschränkung zu leben, war ich gespannt darauf, ob es ihr  gelingen wird, Drake in Spitzbergen zu finden und ob er sie wirklich liebt. Das Ende konnte manche meiner offenen Frage beantworten und ließ mich erneut staunen, was alles in Flora steckt.  

„Jeder Tag kann der Schönste n deinem Leben werden“ ist eine ungewöhnliche Liebesgeschichte mit einer beherzten Protagonistin, die mir sympathisch wurde. Der Autorin ist es gelungen, einige Charaktere so zu zeichnen, dass man bis zum Schluss nicht weiß, ob sie es gut mit Flora meinen oder nicht. Ich habe Flora gerne auf ihrer Reise begleitet, die für mich gefühlsmäßig ein Abenteuer war. Gerne gebe ich hierfür eine Leseempfehlung.
Die Rezension von Hanna zum Buch findet ihr hier: KLICK!

Freitag, 14. April 2017

[Rezension Hanna] Der Kuss der Lüge - Mary E. Pearson


Der Kuss der Lüge
Autorin: Mary E. Pearson
Übersetzerin: Barabara Imgrund
Hardcover: 559 Seiten
Erschienen am 16. Februar 2017
Verlag: ONE (Bastei Lübbe)

Inhalt
Arabella Celestine Idris Jezelina ist die Erste Tochter des Hauses Morrighan und damit eine Prinzessin. Doch während ihre Brüder und Schwestern selbst wählen dürfen, wen sie heiraten wollen, wurde für sie eine Ehe mit dem Prinzen des Königreichs Dalbreck arrangiert. Auch wenn die Prinzessin, die am liebsten nur Lia genannt wird, nicht über die sogenannte Gabe verfügt, ist die Hochzeit doch wichtig für ein Bündnis der Reiche gegen das barbarische Venda. Doch Lia ist nicht bereit, ihr Schicksal hinzunehmen. Am Tag ihrer Hochzeit flieht sie zusammen mit ihrer Dienerin und Freundin Pauline aufs Land, wo die beiden Arbeit in einem Gasthof erhalten. Lia wähnt sich in Sicherheit. Sie ahnt nicht, dass ihr zwei Personen dicht auf den Fersen sind. Der eine ist der Prinz. Der andere ein Attentäter…

Meinung
Das Cover von „Der Kuss der Lüge“ zeigt ein vom Betrachter abgewandtes Mädchen. Im Hintergrund sind zwei Männer zu sehen. Auch wenn ich die Farben fast schon zu düster finde vermittelte mir das Cover einen guten ersten Eindruck von Lia und den beiden Männern, die ihr auf den Fersen sind. Das Buch beginnt am Tag von Lias Heirat mit einem Mann, den sie noch nie zuvor gesehen hat. Sie muss lange Zeremonien über sich ergehen lassen und ihre Eltern erinnern sie immer wieder daran, dass sie mit der Heirat dem Königreich einen Dienst erweist. Schon nach wenigen Seiten befand sie sich auf schon auf der Flucht vor dieser für sie angedachten Bestimmung.

Lia lernte ich als wild entschlossen kennen, den Zwängen und Traditionen zu entkommen und ein normales Leben zu führen. Ich bewunderte ihren Mut, sich so offen gegen ihre mächtige Familie zu stellen. Gleichzeitig fand ich es aber auch naiv, dass sie denkt, sie könne wirklich in einem Gasthof arbeiten und nicht erkannt werden. Kein Wunder, dass der Prinz und der Attentäter sie in kürzester Zeit finden. Obwohl die beiden sich reichlich merkwürdig verhalten, kommt Lia nicht auf die Idee, dass sie wegen ihr gekommen sind.

Der besondere Reiz dieses Buches ist, dass man lange nicht weiß, wer der Prinz ist und wer der Attentäter, denn beide begegnen Lia zeitgleich. Kurze Kapitel aus der Sicht der beiden geben Einblick in ihre höchst unterschiedlichen Gedankengänge, und trotzdem fällt es schwer, diese den Handelnden zuzuordnen. Auch wenn meine erste Vermutung sich im Nachhinein als richtig entpuppte, geriet ich immer wieder ins Zweifeln. Lias Beziehung zu beiden Männern intensiviert sich zunehmend und ich war neugierig, wohin das führen wird. Es kommt zu einigen romantischen, unterhaltsamen, aber auch dramatischen Szenen. Insgesamt wurde die ganze Situation aber sehr in die Länge gezogen, sodass der Reiz irgendwann verloren ging und ich mich zu langweilen begann.

Nach 350 Seiten kam endlich wieder Schwung in die Geschichte und die Spannung stieg schlagartig an. Identitäten werden enthüllt und Lia befindet sich in einer verzwickten und gefährlichen Situation, in der sie zeigen muss, was wirklich in ihr steckt. Dabei macht sie eine tolle Entwicklung durch, sie gewinnt an Stärke und verliert an Naivität. In die Geschichte kommt buchstäblich Bewegung und ich fand es interessant, die Welt, in der Lia lebt, besser kennenzulernen. Allmählich erhielt ich einen Überblick über die verschiedenen Bevölkerungsgruppen und die politische Situation. Gleichzeitig bleibt das Buch emotional, denn verzweifelte und hoffnungsvolle Momente folgen rasch aufeinander. Das letzte Buchdrittel hat mir deshalb mit Abstand am Besten gefallen. Diesen ersten Band der Reihe rundet schließlich eine Szene ab, die eine Überraschung bietet, Spannung verspricht und meine Neugier auf die Fortsetzung wecken konnte.

Fazit
„Der Kuss der Lüge“ erzählt die Geschichte von Lia, die ihrem Leben als Prinzessin am Tag ihrer arrangierten Heirat entflieht und sich in einem kleinen Dorf ein normales Leben aufbauen will. Doch der Prinz und ein Attentätet sind ihre schon auf den Fersen, sodass der Leser eine emotionale und gleichzeitig spannende Geschichte erlebt. Nach einigen Längen schöpft die Geschichte ihr Potential zunehmend aus und konnte mich immer besser unterhalten. Ich vergebe knappe vier Sterne und freue mich auf den zweiten Teil, in dem die Geschichte sich hoffentlich weiter steigern kann!

Donnerstag, 13. April 2017

[Rezension Ingrid] Die Entführung des Optimisten Sydney Seapunk von Andreas Stichmann


Titel: Die Entführung des Optimisten Sydney Seapunk
Autor: Andreas Stichmann
Erscheinungsdatum: 17.02.2017
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen

Im Roman „Die Entführung des Optimisten Sydney Seapunk“ lässt Andreas Stichmann in Hamburg-Osdorf frischen Wind und neue Ideen in die beschauliche und seit Jahren existierende Wohnsiedlung Sonnenhof durch zwei Charaktere einkehren. Früher als alternatives Wohnprojekt gegründet dient sie heute dem betreuten Wohnen unter der Leitung von Ramafelene Meisner, dem Sohn der Gründerin und passenderweise so wie sie von Beruf Sozialarbeiter. Einerseits erscheint dort die 17-jährige Bianca, genannt Bibi, vom Äußeren her schon durch ihre blauen Haare auffallend. Sie soll dort ihre Sozialstunden ableisten und sinnt dabei über einen Ausweg der ihr drohenden Unterbringung in einem Heim nach. Andererseits hat sich David van Geelen, Miterbe eines Unternehmens und Focusing-Trainer den Sonnenhof und seine Bewohner bewusst dazu ausgesucht mit ihm gemeinsam vom Projekt der Entführung eines Millionärs zu profitieren. Er möchte die Welt verändern, ist sich aber bewusst, dass er das nicht alleine schafft.

David setzt auf das Schwarmverhalten so wie bei Fischen. In Bezug darauf bezeichnet er sich selbst als Seapunk, also als jemand der wie alles vom Meer beeinflusst wird. Entsprechend ist das Cover in aquablau gestaltet mit dem Bildelement eines Wals. Die im Buch enthaltenen bunten Seapunk-Collagen zeigen Beispiele für die gleichnamige Stilrichtung. Das sieht gut aus, hat aber auf den Handlungsablauf keine Einwirkung.

Jeder Charakter dieses Romans scheint auf der Suche zu sein. Ramafelene sucht nach neuen Konzepten, um mehr Geld zur Erhaltung und Renovierung der Wohnanlage einzunehmen. Seine Mutter sucht nach einer Möglichkeit selbstbestimmt im Alter zu leben, der Bewohner Küwi sucht mittels Detektor nach realen Schätzen, Bibi sucht nach einer dauerhaften Bleibe und David van Geelen nach Mitstreitern für seine Idee.

So kurios und komisch wie das Aufeinandertreffen dieser Figuren auch sein mag, so nachdenklich stimmen die Sorgen der Personen, die hier versammelt sind. Der Autor bildet dadurch einige Themen unserer Gesellschaft ab. Bibi steht als Vertreterin der Jugendlichen, die eine dunkle Zukunftsperspektive für sich sehen und aus Langeweile unüberlegt und eher beiläufig straffällig werden. Ingrid, auch dunkle Inge genannt, hat viel erreicht in ihrem Leben und vertritt die ältere Generation die umsorgt altern möchten. Ihrem Sohn ist es noch nicht gelungen eine Lebensgefährtin zu finden. Seine große Zuneigung zu Bibi ist nicht zu übersehen, aber der Altersunterschied ist groß. Die behinderten Bewohner möchten entsprechend ihrer Fähigkeiten aktiv am Alltag beteiligt werden und nicht nur nutzlos beschäftigt sein. Die Idee von David übersteigt schließlich alles. Erscheint sie auf den ersten Blick als wahnwitzig aber genial, so ist sie auf den zweiten zu hinterfragen.

David wurde durch das Verhalten seiner Eltern ihm gegenüber geprägt. Das was er heute ist, hat er zum größten Teil seiner Umwelt zu verdanken. Seine Idee spricht für ihn, doch die Umsetzung richtet er gegen die Schatten seiner Vergangenheit. Über die Konsequenzen hat er sich wenig Gedanken gemacht. An dieser Stelle treibt denn auch der Ernst der Sache an die Oberfläche.

Andreas Stichmann schreibt schlicht und auf wesentliche Details beschränkt aus unterschiedlichen Erzählperspektiven. „Die Entführung des Optimisten Sydney Seapunk“ ist ein Abenteuer, das auf den Prüfstand zu stellen ist. Der Autor brachte mich dazu darüber zu rätseln wie weit man gehen muss , um eine gewachsene Gemeinschaft aufzubrechen und die Zugehörigen zu instrumentalisieren. Wenn auch das Verbrechen am Beginn einer Weltveränderung bei mir ein Störgefühl hervorrief, so war das Lesen doch verbunden mit Einzigartigkeit der Charaktere und einer ungewöhnlichen Geschichte. Das Ende war vielversprechend und ließ Raum zum Weiterdenken. Kein Buch für jedermann, eher für Denker die Situationskomik mögen.

Dienstag, 11. April 2017

[Rezension Hanna] Die Zutaten zum Glück - Louise Miller

 

Die Zutaten zum Glück
Autorin: Louise Miller
Übersetzerin: Katja Bendels
Klappenbroschur: 408 Seiten
Erschienen am 10. April 2017
Verlag: insel taschenbuch

Inhalt
Olivia arbeitet als Patissière im angesagten Emerson Club in Boston – bis sie an einem Abend mit einem flambierten Baked Alaska einen Brand verursacht. Noch in derselben Nacht flieht sie zu ihrer besten Freundin Hannah nach Guthrie in Vermont. Eigentlich wollte Olivia dort nur für ein paar Tage bleiben. Doch als sie von Hannah erfährt, dass der nahegelegene Landgasthof „Sugar Maple Inn“ eine Patissière sucht, bewirbt sie sich. Die Besitzerin Margaret zeigt sich unbeeindruckt von Olivias bisheriger Karriere, gibt ihr aber eine Chance. Von allen Seiten schlägt ihr zunächst Skepsis entgegen, doch allmählich findet sie Freunde. Vor allem Martin, der wegen seines kranken Vaters vorübergehend in die Heimat zurückgekehrt ist, scheint mehr als nett zu sein…

Meinung
Das Cover des Buches sieht wirklich zum Anbeißen aus. Da ich sehr gern backe war mein sofort Interesse geweckt, als ich las, dass sich das Buch um eine Patissière dreht. Die Protagonistin Olivia lernt man bei der Arbeit kennen, wo sie gerade ihre Spezialität, einen Baked Alaska, den Gästen präsentieren soll. Doch der brennende Nachtisch rutscht ihr aus den Händen und schon steht der Club in Flammen. Gut konnte ich verstehen, dass Olivia einfach nur weg will. Ihre beste Freundin Hannah steht ihr bei und will sie rasch davon überzeugen, doch erst mal länger bei ihr zu bleiben.

Da Olivia Geldsorgen hat, kommt ihr der neue Job im Sugar Maple Inn inklusive kostenloser Unterkunft gerade recht. Doch als Stadtkind muss sie sich erst einmal an das Kleinstadtleben in Guthrie gewöhnen, wo jeder jeden kennt und gelästert wird, was das Zeug hält. Außerdem scheint es zwischen der zugeknöpften Besitzerin Margaret und Jane White, gegen die Margaret nach zahlreichen Siegen seit drei Jahren im Backwettbewerb verliert, ein altes Zerwürfnis zu geben. Sicherheit gibt Olivia die Arbeit, die sie meisterhaft beherrscht: Brot backen, Desserts zubereiten und Torten herstellen. Die Beschreibungen ihrer Künste machten mir immer wieder Appetit und Lust, mich selbst in die Küche zu stellen.

Olivia findet bald auch Freunde: Den Milchlieferanten Tom, den Küchenchef Alfred und außerdem Dotty, Margarets beste Freundin, sowie ihren Mann Henry und ihren Sohn Martin. Vor allem die Musik hilft ihr dabei, denn sie tritt mit ihrem Banjo in Toms Band ein und lernt von Henry, eine Dulcimer zu spielen. Mit Martin versteht sie sich mehr als gut und verbringt immer mehr Zeit mit ihm und seiner Familie. Ich fand es schön, zu sehen, wie Olivia allmählich ankommt. In der Kleinstadt lernt sie auf ganz neue Weise, was Freundschaft und Zusammenhalt heißt. Ich konnte mich gut in sie einfühlen und habe es genossen, an ihrer Seite in der Küche zu stehen und durch die Stadt zu streifen.

Bald ziehen aber auch dunkle Wolken am Himmel auf. Hannah fühlt sich vernachlässigt und Jane White versprüht hr Gift. Schließlich überschlagen sich die Ereignisse und Olivia gerät in eine rasante, emotionale Berg- und Talfahrt. Ich fand ihr Verhalten in dieser Zeit allerdings nicht ganz nachvollziehbar. Sie trifft einige weitreichende Entscheidungen, die ich überhaupt nicht gut fand und bei denen ich ihr gerne ins Gewissen geredet hätte. Das übernehmen schließlich andere – für mich aber zu spät. Das Ende hält schließlich einige schöne Überraschungen bereit und konnte mich versöhnlich stimmen.

Fazit
„Die Zutaten zum Glück“ erzählt die Geschichte von Olivia, die sich nach einem beruflichen Malheur aus Boston zu ihrer besten Freundin in die Kleinstadt Guthrie flüchtet und dank eines neuen Jobs beschließt, für eine Weile zu bleiben. Bald findet sie neue Freunde und vor allem der charmante Martin weckt ihr Interesse. Doch es schlägt ihr auch Missgunst entgegen, und so mancher hat seine Geheimnisse. Ein schöner Roman rund um Freundschaft, süße Speisen und Musik, der beim Lesen gute Laune macht!

Sonntag, 9. April 2017

Bericht über den Besuch der Lesung von Karine Lambert am 06.04.2017 in Köln

v.l.n.r. Ulrike Kriener, Karine Lambert und Angela Spitzig

Der Einladung des Diana Verlags, für die ich mich an dieser Stelle ganz herzlich bedanken möchte, zur Lesung von Karine Lambert, der belgischen Autorin des Buchs „Und jetzt lass uns tanzen“, bin ich gerne gefolgt. Sie fand am Donnerstag, den 06.04.2017 in der Mayerschen Buchhandlung am Neumarkt in Köln statt. Ich habe das Buch bereits gelesen, meine Rezension dazu findet ihr unter folgendem Link: KLICK!

Andrea Bernauer von der Mayerschen begrüßte als Gäste an diesem Abend neben der Autorin auch die Schauspielerin Ulrike Kriener, die die deutschen Textpassagen las, und Angela Spizig als Moderatorin. „Und jetzt lass uns tanzen“ ist für Frau Bernauer ein „Buchhändlerbuch“, das wäre eher selten, sagte sie. Aber dieser Roman hätte sie bereits nach den ersten Sätzen in den Bann gezogen. An dieser Stelle verriet sie auch, dass der erste Roman der Autorin jetzt übersetzt und bald in Deutschland erscheinen wird.
Andrea Bernauer/Mayersche Köln Neumarkt bei ihrer Begrüßung

Nachdem Frau Kriener, Frau Lambert und Frau Spizig am Lesungspult Platz genommen hatten, begrüßte Angela Spizig, die langjährige frühere Bürgermeisterin von Köln und vielfache Literaturmoderatorin,  die Anwesenden, darunter Doris Schuck als Vertreterin des Diana Verlags und die Übersetzerin des Buchs Pauline Kurbasik. Sie erklärte kurz, dass es für die Autorin ein ungewohnter Abend wäre, denn in Belgien und Frankreich kennt man diese Form der abendfüllenden Lesungen nicht. 
v.l.n.r. Ulrike Kriener, Karine Lambert und Angela Spitzig

Zunächst stellte Frau Spizig Ulrike Kriener vor. Frau Kriener sucht für ihre Rollen, in denen sie ältere Frauen spielt, in ihrem Verwandten- und Bekanntenkreis danach, wie man sich altersgemäß verhält. Das Äußere wird von der Maske durch entsprechende Schminke und Utensilien hergerichtet. Doch im Grunde genommen geht es vor der Kamera und auch im Buch immer um eins: den Emotionen. Ulrike Kriener hat für ihre Leistungen schon viele Preise entgegen genommen. Auf die Frage, welcher ihr der Liebste ist, antwortete sie, dass ihr bisher zwei besonders wichtig gewesen sind. Einerseits der „Grimme-Preis“, weil er ihr erster war und ein unabhängiger Preis ist und andererseits der „Rencontre internationale“, weil er ihr die Bestätigung gebracht hat, auch international erfolgreich sein zu können.

Anschließend kam die Moderatorin wieder auf den Roman zurück und fragte Karine Lambert, die hauptberuflich als Fotografin arbeitet, warum sie die Handlung in den feinen französischen Pariser Vorort Maison-Lafitte gelegt hat. Frau Lambert antwortete, dass es dafür keinen besonderen Grund gibt, die Romanhandlung könnte in Belgien oder Frankreich spielen. Wichtig war ihr, dass der Ehemann der Protagonistin etwas „steif“ wirken sollte. Sie schreibt so wie es ihr selbst am besten gefällt. Beim Schreiben denkt sie nicht daran, für wen sie schreibt. Auf das Thema der Liebe im Alter ist sie durch die Mutter einer Freundin gekommen, deren Mann verstorben war. Ein Jahr später hat sie sie wieder getroffen und den Glanz in ihren Augen bemerkt. Sie war glücklich verliebt.

Ulrike Kriener hat an diesem Abend drei Abschnitte vorgelesen. Sie stellte uns dabei die beiden Protagonisten des Romans Marguerite und Marcel vor und las die Stelle im Buch an der die beiden sich kennen gelernt haben. Frau Kriener wirkte sehr souverän, während die Autorin zunächst auf mich einen angespannten Eindruck machte, der sich mit der Zeit aber gegeben hat. Bevor Frau Kriener die deutsche Übersetzung der ersten Textpassage vorgelesen hat, konnten wir einige Seiten des Originals in Französisch genießen, die Karine Lambert selbst vortrug.

Der ihr eigene Humor, der im Buch zu finden ist, blitzte bei den zahlreichen Antworten auf die Fragen der Moderatorin immer wieder durch. Karine Lambert gab auf die Frage von Angela Spizig, wie lange sie an dem Roman geschrieben hat eine etwas mysteriöse Antwort: ein Leben, ein Monat und eine Sekunde. Auf Nachfrage erklärte sie dann, dass sie zunächst zum Thema gesammelt hat, dass dann ein Funken dieses „Holz“ in Brand setzte und sie dann nachlegen musste, womit sie ihre Recherchearbeiten meinte.

Frau Spitzig interessierte sich dafür, wie sie denn zum Thema recherchiert hätte, denn ihr kämen nur die 3 K in den Sinn „Kaffeefahrt, Kur und Kegeltour“ auf denen sie ältere Menschen kennenlernen könnte. Frau Lamberts Recherchen waren sehr unterschiedlicher Art vom Nachschlagen im Wörterbuch unter „alt“ bis hin zu Interviews. Sie wollte dazu nicht genauer werden. Von Bedeutung waren ihr dabei, diskret vorzugehen und ihre Interviewpartner nicht zu brüskieren.
Angela Spitzig (re.) zeigt die Aufmachung der französischen Taschenbuchausgabe (in ihrer rechten Hand)
 im Vergleich zur französischen Originalausgabe und der deutschen Ausgabe (links und rechts in ihrer linken Hand), links im Bild Karine Lambert

Wenn man sich mit anderen Kulturen beschäftigt, bemerkt man, dass dort durchaus die Älteren im Ansehen steigen, doch hier bei uns in Europa ist das nicht so, da macht das Alter der betreffenden Person  eher Angst, merkte Angela Spizig an. Karine Lambert war bei ihrer Recherche nicht immer nur erfreut. Einmal hat sie von einem Freund erfahren, dass in einem Altersheim in Belgien ein offener Umgang der Bewohner durch das Abschließen der Zimmertüren unterbunden wurde. Solche Erlebnisse wollte sie für ihre Figuren nicht. Sie sieht das Alter als Abenteuer für Körper, Geist und Seele. Mit ihren Protagonisten Marguerite und Marcel hat sie zwei Personen geschaffen, die sehr unterschiedlich sind und sich in ihrem Wohnviertel bei einer zufälligen Begegnung nicht einmal angeschaut hätten. Sie findet, dass sich die Leute um jemanden herum zu viel einmischen. Lust und Leidenschaft älterer Menschen sind für die Jüngeren ungewöhnlich. Sie hofft, dass ihr Buch ansteckend wirken wird. Für sie gibt es keine Altersgrenze sich zu lieben. An dieser Stelle setzte sie ein deutliches „NON“ zu einem Limit.

Karine Lambert waren Bücher von Beginn an lebenswichtig. Durch sie konnte sie in tausend andere Leben reinschauen. Sie wollte schon mit acht Jahren schreiben und nichts hat sie daran gehindert außer dem Funken der dazu fehlte. Mit ihrem ersten Buch, das sie vor drei Jahren geschrieben hat, hat sie sich ihren Kindheitstraum erfüllt und sie findet es immer noch unwirklich, dass sie nun so viel Erfolg mit ihren Büchern hat. Die Idee zu ihrem ersten Buch hat ihr die Begegnung mit einer Frau gebracht, die 25 Jahre auf Männer verzichtet hat. Nachdem ihr Roman ein Erfolg wurde hat sie diese Frau nach einem Jahr nochmals aufgesucht, um ihr davon zu berichten. Sie lebte inzwischen in einer festen Beziehung mit einem Mann.

Frau Sinzig erwähnte, dass 60% aller Autoren bereits nach ihrem ersten Roman aufgrund des hohen Erfolgsdrucks der auf ihnen lastet aufgeben und wollte von Frau Lambert wissen, ob es ihr schwer gefallen sei „Und jetzt lass uns tanzen“ zu schreiben. Diese antwortete ihr, dass die vorliegende Geschichte eigentlich der dritte Roman ist. Die zweite Erzählung fand sie nicht so gut gelungen und hat sie für eine spätere Bearbeitung in eine Schublade gelegt. Doch gleich am nächsten Tag hat sie weiter geschrieben und inzwischen arbeitet sie an einem weiteren Werk. Dazu verriet sie, dass die Hauptfigur ein 35-Jähriger ist, der in seinen Grundfesten erschüttert, zu sich selber finden muss.

Für ihre Bücher schreibt sie etwa zehn Seiten fest definierte Charaktere, bei den Handlungen lässt sie sich mehr Spielraum. Sie hat keine Sorge um neue Ideen. Interessant war es auch zu erfahren, dass von ihrem ersten Buch jetzt eine Theaterversion vorliegt. Ihr erstes Buch wird wieder von Pauline Kurbasik übersetzt werden, die bereits in „Und jetzt lass uns tanzen“ den besonderen Humor von Karine Lambert hervorragend ins Deutsche übertragen hat. Es trägt den Titel „Das Haus der Frauen, die auf Männer verzichtet haben“ und erscheint im Oktober 2017 im Diana Verlag.

Angela Spitzig wünschte zum Abschluss des Abends der Autorin, dass sie ihr Alter in den Armen eines Mannes verbringen kann, viel Erfolg für ihre Bücher und viele Leser. Auch ich möchte mich für diesen gelungenen Abend herzlich bei den Beteiligten bedanken und schließe mich den Wünschen der Moderatorin gerne an.
v.l.n.r. Karine Lambert, Angela Spitzig und ich (Ingrid Eßer von buchsichten.de)

Im Anschluss an die Lesung hatte ich die Möglichkeit mir mein Buch und das Signierbuch unseres Blogs signieren zu lassen. Schaut einmal, was Karine Lambert mir hinein geschrieben hat: 

Ich hoffe, euch hat mein Bericht gefallen und vielleicht habt ihr Lust bekommen, einmal eine Lesung der Autorin zu besuchen. Im Moment sind mir leider keine aktuellen Termine dazu bekannt.

(Text: Ingrid Eßer, Fotos: I. und J. Eßer)

[Rezension Hanna] Jeder Tag kann der schönste in deinem Leben werden - Emily Barr


Jeder Tag kann der schönste in deinem Leben werden
Autorin: Emily Barr
Übersetzerin: Maria Poets
Hardcover: 352 Seiten
Erschienen am 23. März 2017
Verlag: Fischer FJB

Inhalt
Flora Banks lebt nur im Hier und Jetzt, denn sie hat eine anterograde Amnesie. Sie ist siebzehn und speichert seit sieben Jahren keine neuen Erinnerungen mehr ab. Mittels Nachrichten auf ihren Händen, ihrem Notizbuch, auf dem Handy und dem Computer erinnert sie sich selbst immer wieder daran, was gerade passiert und was ihr wichtig ist. Als sie eines Tages auf einer Party den Freund ihrer besten Freundin küsst, passiert etwas Unglaubliches: Sie erinnert sich am nächsten Tag noch daran! Allerdings ist Drake nun zum Studieren an den Nordpol gezogen und ihre beste Freundin spricht nicht mehr mit ihr. Als ihre Eltern sie dann völlig überstürzt allein zu Hause lassen, beginnt sie einen Mailaustausch mit Drake. Daraus entwickelt sich ein waghalsiger Plan…

Meinung
Als ich zum ersten Mal von diesem Buch gehört habe, war mein Interesse sofort geweckt. Wie kann ein Mensch, der seit sieben Jahren keine neuen Erinnerungen mehr speichern kann, sein Leben organisieren? Nach einem kurzen Prolog, in dem sich die Protagonistin an einem rätselhaften und kalten Ort befindet, begegnet man ihr auf einer Party wieder. Floras kurzzeitige Erinnerungen löschen sich in regelmäßigen Abständen, und gerade ist es wieder passiert. Sie muss nun erst einmal herausfinden, wo sie ist, warum sie dort ist und wen sie kennt. Von Beginn an war ich überrascht davon, wie routiniert ihr das Lesen ihrer Notizen und die Neuorientierung von der Hand geht. Tatsächlich klappt das so gut, dass ich es am Anfang kaum glauben konnte. Nach Notizen zu suchen ist Flora trotz Amnesie in Fleisch und Blut übergegangen, auf diese Tatsache muss man sich als Leser einlassen.

Das Tempo ist zu Beginn des Buches hoch und Flora passieren viele Dinge, die sie so noch nicht erlebt hat. Am wichtigsten ist wohl der Kuss, an den sie sich plötzlich erinnern kann. Dieser führt jedoch zum Bruch mit ihrer besten Freundin Paige, und als ihre Eltern überstürzt abreisen und Paige bei ihr wähnen ist sie zum ersten Mal für längere Zeit allein. Wie sie das wohl meistern wird?

Die Autorin ermöglichte es mir, ganz nah bei Flora zu sein und zu verstehen, was in ihrem Kopf vorgeht. Sie versucht immer wieder auf Neue, sich selbst möglichst viele aussagekräftige Notizen zu hinterlassen, um später wieder zu verstehen, was gerade passiert und was ihr Ziel ist. So liest sie sich ein ums andere Mal zuerst durch die Notizen mit Grundwissen zu ihrem Leben und dann durch die spezielleren Nachrichten, die ihr die aktuelle Situation erklären. Dadurch gab es einige Wiederholungen, die aber gleichzeitig noch nachvollziehbarer machten, wie es in Floras Kopf aussieht. Dennoch zog sich die Handlung für mich hin und wieder etwas in die Länge.

Zu Beginn habe ich mich mit Flora etwas schwer getan. Warum küsst sie ohne nachzudenken einen Jungen, an den sie keine Erinnerung hat? Insgesamt verhält sie sich aufgrund ihres Handicaps sehr naiv, denn es steckt immer noch viel von der Zehnjährigen in ihr, an die sie sich erinnern kann. Beim Lesen entwickelte ich zunehmend Beschützerinstinkte und hätte Flora gern so manchen Rat gegeben. Gleichzeitig fand ich sie aber auch sehr mutig, denn plötzlich überlegt sie nicht mehr lang, sondern stürzt sich ins Abenteuer. Ich fand es toll, zu sehen, wie sie dank ihrer Erinnerungshilfen eine große Motivation entwickeln und sich auf eine längere Reise begeben kann.

Auf ihrem Abenteuer kann Flora zeigen, was in ihr steckt und dass sie an Herausforderungen wachsen kann. Es hat mir Spaß gemacht, sie dabei zu begleiten, auch wenn nicht alles so läuft wie geplant. Zum Ende hin gibt es dann noch mal einige gute und böse Überraschungen für Flora und den Leser. Es wird noch einmal vieles durcheinander geworfen, was man bislang zu wissen glaubte. Das war spannend, aber fast schon zu dramatisch für meinen Geschmack. Das hoffnungsvolle Ende rundet die Geschichte schließlich gelungen ab.

Fazit
In „Jeder Tag kann der schönste in deinem Leben sein“ kann Flora seit sieben Jahren keinen neuen Erinnerungen speichern – bis sie sich an einen Kuss mit einem Jungen erinnert, der nun zum Studieren an den Nordpol gezogen ist. Indem die Geschichte aus Floras Perspektive erzählt wird, wurde sie für mich zu einem besonders intensiven Leseerlebnis. Gut konnte ich nachvollziehen, was in Floras Kopf passiert und bewunderte, wie mutig sie trotzdem ihr Leben meistert. Gerne empfehle ich das Buch mit dieser ganz besonderen Protagonistin weiter.

Die Rezension von Ingrid zum Buch findet ihr hier: KLICK!