Freitag, 23. Juni 2017

[Rezension Hanna] Wenn die Wellen leuchten - Patricia Koelle


 

Wenn die Wellen leuchten
Autorin: Patricia Koelle
Taschenbuch: 544 Seiten
Erschienen am 22. Juni 2016
Verlag: FISCHER Taschenbuch

Inhalt
Rhea ist auf der Nordseeinsel Amrum aufgewachsen, die sie nur selten verlassen hat. Als Kind wurde sie von ihren Mitschülern gehänselt, weil sie ihren Vater nicht kennt und ihre Mutter Filine die Erinnerung an ihn nur langsam mit ihr teilt. Gleichzeitig war sie fasziniert von der Legende des Töveree Fisk, der früher mit seinem blauen Leuchten Schiffe gerettet hat. Ob sie eine magische Schuppe von ihm im Watt finden kann? Als Erwachsene betreibt sie gemeinsam mit ihrer Mutter eine Minigolfanlage auf der Insel. Noch immer hofft sie, irgendwann ihren Vater zu finden. Als sie eines Tages ein verlockendes Angebot erhält, wagt sie den Sprung ins Ungewisse…

Meinung
Nachdem mich die Ostsee-Trilogie der Autorin begeistern konnte, habe ich mich riesig über die Nachricht gefreut, dass das nächste Projekt eine Nordsee-Trilogie ist. Der Prolog nimmt den Leser mit ins 18. Jahrhundert: Im Sturm gerät ein Schriff in Seenot und wird von einem blau leuchtenden Fisch gerettet – dem Töveree Fisk? Als einziger Beweis für dessen Eingreifen bleibt dem Kapitän eine blau schimmernde Schuppe. Eine schöne Legende, auf die auch im Titel angespielt wird und die mich neugierig darauf machte, welche Rolle der Töveree Fisk in der Geschichte spielt.

Die Protagonistin Rhea lernt man zuerst als Kind kennen, dass von den anderen wegen ihres unbekannten Vaters geärgert wird und die Strandkrabben als ihre Freunde betrachtet. Vierzehn Jahre später, im Jahr 1979, ist aus Rhea eine starke Frau geworden, die fest mit der Insel verbunden ist und der dennoch etwas fehlt: Das Wissen, wer ihr Vater wirklich war. In Rückblenden aus der Perspektive von Filine erfährt man genau wie Rhea als Kind Stück für Stück alles, was sie über ihn weiß. Ich mochte Rheas besonnenes Wesen von Beginn an sehr. Auch Filine verstand ich mit jeder Rückblende besser.

Besonders interessant fand ich Filines Begabung, Minigolf-Hindernisse zu bauen und mit ihnen eine Geschichte zu erzählen. Daraus ergibt sich für sie auch eine tolle Gelegenheit, nur für eine Weile die Insel zu verlassen, wodurch Schwung in die Geschichte kam. Sie macht neue Bekanntschaften, die sie darum bitten, Geschichten zu erzählen. Dadurch erfuhr man noch mehr über ihre Kindheit und andere Inselbewohner. Dieses Eintauchen machte Spaß, ich lernte die bezaubernde Insel Amrum und dessen Bewohner immer besser kennen und nicht selten kannte ich danach ein neues Geheimnis.

Der Leser begleitet Rhea und Filine über mehrere Jahrzehnte durch Höhen und Tiefen. Die Jahre flogen beim Lesen geradezu dahin. Schön fand ich, dass es auch ein Wiedersehen mit Henny Badonin aus der Ostsee-Trilogie gab. Auch Kalle aus „Die eine, große Geschichte“ spielt eine Rolle. Dieses Buch kenne ich leider noch nicht und ich hatte das Gefühl, dass mir dadurch Vorwissen fehlte, um ihn besser verstehen zu können.

Im Buch gibt es immer wieder entscheidende Momente, die Rhea oder Filines weiteren Weg nachhaltig bestimmen. Diese waren mal schön oder bittersüß und mal dramatisch und machten die Handlung abwechslungsreich. Für meinen Geschmack neigten aber zu viele Personen dazu, wortlos die Insel zu verlassen. Zum Ende hin kam mir die Wendung in Richtung Happy End außerdem zu abrupt. Trotzdem hat mir der Abschluss gefallen, denn die drängendsten Fragen wurden geklärt. Gleichzeitig warten weitere Geheimnisse darauf, gelüftet zu werden, sodass ich mich schon sehr auf die Fortsetzung freue.

Fazit
„Wenn die Wellen leuchten“ erzählt die Geschichte von Rhea und Filine, die auf der Nordseeinsel Amrum leben. Der Leser begleitet die beiden durch abwechslungsreiche Jahre, in denen sie nach der Liebe und dem legendären Töveree Fisk suchen. Mir hat es Spaß gemacht, mich gedanklich in diese schöne Geschichte fallen zu lassen. Sehr gern empfehle ich das Buch weiter.

 

Donnerstag, 22. Juni 2017

[Rezension Ingrid] Hotel Atlantique von Valerie Jakob


Titel: Hotel Atlantique
Autorin: Valerie Jakob
Erscheinungsdatum: 22.04.2017
Verlag: Wunderlich (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen 

Das „Hotel Atlantique“ im gleichnamigen Debütroman von Valerie Jakob steht an der französischen Atlantikküste in St. Julien de la mer, einem fiktiven Ort in der Nähe von Biarritz. Eine entsprechende Karte zur Lokalisierung findet sich auf den Vorsatzblättern. Das Hotel Atlantique liegt wie auf dem Titelbild zu sehen, direkt am Meer und ist der wöchentliche Treffpunkt der Protagonistin Delphine mit ihrer älteren Freundin Aurélie.

Delphine Gueron hat lange Jahre als Kommissarin in Paris gearbeitet. Seit sie in Rente gegangen ist, lebt sie wieder in ihrer Heimat St. Julien de la mer. Jeden Dienstagnachmittag trifft sie sich mit der kürzlich verwitweten Aurélie de Montvignon im angesehenen Hotel Atlantique. Aurélie ist seit langer Zeit Dauermieterin einer der Suiten im Hotel. Eines Tages fällt sie kurz vor dem Treffen mit Delphine vom Balkon ihres Zimmers ohne erkennbaren Grund. Delphine glaubt an Fremdeinwirkung, ein Nachweis gestaltet sich schwierig. Der fünfzehnjährige Karim, der erst vor kurzem versucht hat, bei ihr zu Hause einzubrechen und dem sie angeboten hat, sie bei einigen Tätigkeiten zu unterstützen statt ein Anzeige zu erstatten, trägt mit seinem Wissen zu den Nachforschungen bei. Über einen langjährigen Freund der Familie, der Wohnrecht im Haus der Montvignons besitzt, führen die Ermittlungen zu einem dunklen Kapitel der französischen Geschichte.

Obwohl der Roman äußerst raffiniert konstruiert ist konnte mich die Erzählung nicht mitreißen. Zwischen den Zeilen liest man die Begeisterung der Autorin für die Gegend an der französischen Küste in der Nähe zur spanischen Grenze. In den Beschreibungen der Landschaft kann man sich verlieren, mir persönlich gefielen die ausschweifenden Beschreibungen der Umgebung nicht so gut, weil ich mehr Romantik erwartet hatte. Die durchaus interessant gestalteten Charaktere blieben für mich auf Distanz, was im Fall von Delphine wohl auch dem höflichen Umgangston mit ihrer Freundin bei dem beide sich Siezen geschuldet ist und im Fall der Figur des Richard, dem alten Freund des Hauses, daran liegt, dass er als fragwürdige Person aufgebaut ist.

Der Roman führte mich zu dem mir unbekannten und gerne verschwiegenen Thema der horizontalen Kollaboration in der Vergangenheit der Franzosen. Einen Bogen von den damaligen Ereignissen zur heuten Zeit schafft Valerie Jakob durch den Charakter des Karims, so dass deutlich wird, dass es auch heute noch Vorbehalte gegen Personen gibt, bei denen mindestens ein Elternteil ausländischer Herkunft ist. Mein Lesefluss wurde leider immer wieder durch französische Floskeln und kurze Sätze unterbrochen. Es erfolgt nicht immer eine Übersetzung und so waren meine Grundkenntnisse der Sprache gefordert.

„Hotel Atlantique“ fasst in einem unterhaltsamen Roman, der wenige Längen verzeichnet, brisante Themen der französischen Geschichte aus Vergangenheit und Gegenwart auf. Ein Spannungselement ergibt sich aus dem Tod von Aurélie. Die Aufklärung der Umstände gestaltet sich jedoch eher schwierig. Wer sich gerne an die Küste des Atlantiks, umgeben von französischem Lebensstil versetzen lassen möchte und ein in der französischen Öffentlichkeit verschwiegenes Kapitel entdecken will ist bei diesem Buch richtig.



[Rezension Hanna] Stell dir vor, dass ich dich liebe - Jennifer Niven

 

Stell dir vor, dass ich dich liebe
Autorin: Jennifer Niven
Übersetzerin: Maren Illinger
Klappenbroschur: 464 Seiten
Erschienen am 22. Juni 2017
Verlag: FISCHER Sauerländer

Inhalt
Libby und Jack sind auf den ersten Blick ganz verschieden. Libby ist stark übergewichtig, war einst bekannt als „Amerikas fettester Teenager“ und ist nach Jahren des Heimunterrichts und Abnehmens endlich wieder bereit für die Welt. Jack hingegen gilt als cool, hat viele Freunde und führt eine On-Off-Beziehung mit der beliebten Caroline. Doch er hat ein Geheimnis: Er leidet unter Prosopagnosie, das heißt, er kann ihm bekannte Menschen nicht anhand ihrer Gesichter erkennen. Als er sich von seinen Freunden zu einer demütigenden Aktion gegen Libby anstiften lässt, verrät er ihr im Gegenzug sein Geheimnis. Er fühlt sich von ihr verstanden und beginnt, Zeit mit ihr zu verbringen – zum Missfallen von seinen Freunden und vor allem Caroline…

Meinung
Schon vor der Lektüre war mir die Krankheit Prosopagnosie bzw. Gesichtsbildheit bekannt, allerdings nur in Form von wissenschaftlichen Erkenntnissen. Deshalb war meine Neugier gleich geweckt als ich hörte, dass der Protagonist des Romans darunter leidet. Schnell ist klar, dass zwischen den pinken Buchdeckeln zwar die Liebe eine Rolle spielt, aber auch mal ernstere Töne angeschlagen werden, durch welche die Geschichte alles andere als eine typisch kitschige Love Story ist.

Zu Beginn des Buches lernt der Leser Libby an ihrem ersten Schultag seit der fünften Klasse kennen. Sie ist in vielerlei Hinsicht aufgeregt. Zum einen freut sie sich auf viele neue, nette Bekanntschaften. Zum anderen ist sie sich ihres Übergewichts absolut bewusst und ahnt, dass sie auch abfällige Kommentare hören wird. Beides bewahrheitet sich – sie findet erste Freunde, wird aber auch Opfer verschiedener Gemeinheiten. War sie zu Beginn noch unsicher, so wird sie mit der Zeit immer selbstbewusster, worüber ich mich sehr für sie gefreut habe.

Die Geschichte wird abwechselnd aus der Sicht von Libby und Jack erzählt. Jack ist seit Jahren darum bemüht, seine Prosopagnosie geheim zu halten, was schon häufiger zu peinlichen Situationen geführt hat. Zuletzt hat er aus Versehen die Cousine von Caroline geküsst, weil er die beiden verwechselt hat. Ich fand die Einblicke in seine Wahrnehmung und seine Strategien sehr authentisch und interessant. Durch seine Freunde wird Jack schließlich auf Libby aufmerksam. Er trifft eine folgenschwere Entscheidung, durch welche die Dinge ins Rollen kommen. Obwohl er seine Wahl ausführlich begründet konnte ich diese und auch die Art und Weise, wie er Libby sein Geheimnis verrät, nicht hundertprozentig nachvollziehen.

Ich bin schnell tief in die Geschichte eingetaucht. Sie ist temporeich erzählt und gibt gleichzeitig breite Einblicke in die Gedanken und Gefühle der beiden Protagonisten, die mich mit ihnen fühlen ließen. Die beiden müssen sich auf ihre Art und Weise so manchen Herausforderungen stellen. Dabei gibt es schöne, aber auch bedrückende Momente in einem gelungenen Verhältnis. Besonders gefallen haben mir die Dialoge zwischen Libby und Jack, die mit der Zeit vertrauter werden. Beide können sich nicht ganz von den Dingen frei machen, die sie belasten, und beginnen, sich gegenseitig zu unterstützen. Doch Jack steht unter sozialem Druck von seinen Freunden. Ich schwankte deshalb immer zwischen Hoffnung und Sorge, wie es weitergehen wird. Für mich hat die Autorin hier genau die richtigen Worte gefunden und konnte mich berühren. Das Ende hat mir gefallen, es fühlte sich nach den Herausforderungen auf dem Weg dorthin aber schon fast zu einfach an.

Fazit
„Stell dir vor, dass ich dich liebe“ erzählt die Geschichte von Libby und Jack, die auf ihre Art und Weise aus der Menge herausstechen: Libby ist stark übergewichtig und Jack versucht zu verbergen, dass er aufgrund einer Krankheit bekannte Gesichter nicht wiedererkennen kann. Schwungvoll und berührend zugleich erzählt die Autorin von den Hoffnungen und Ängsten der beiden und wie sie sich zunächst eher unfreiwillig besser kennenlernen. Sehr gern empfehle ich das Buch weiter, das tiefgründiger ist, als das pinke Feelgood-Cover vermuten lässt.


Dienstag, 20. Juni 2017

[Rezension Ingrid] Für dich würde ich sterben - Erzählungen von F.Scott Fitzgerald


Titel: Für dich würde ich sterben - Erzählungen
Autor: F. Scott Fitzgerald
Herausgeberin und Kommentatorin: Anne Margaret Daniel
Übersetzer: Gregor Runge, Andrea Stumpf und Melanie Walz
Erscheinungsdatum: 11.04.2017
Verlag: Hoffmann und Campe (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen

Mit „Für dich würde ich sterben“ liegen erstmals Texte von Francis Scott Key Fitzgerald in gedruckter Form vor, die zu Lebzeiten des Autors in der vorliegenden Fassung keinen Verleger fanden. Das Buch enthält achtzehn Geschichten, davon sind vierzehn abgeschlossene Erzählungen, ein Fragment und drei Exposés zu Filmen. Die erste der im Buch enthaltenen Storys hat F. Scott Fitzgerald 1920 geschrieben, die anderen Texte viele Jahre später in den 1930ern.

Nach seinen großen Romanerfolgen wurde der Name des Autors in Verbindung mit Liebesgeschichten gebracht, in denen junge Männer aus minderbemitteltem Haus um Töchter reicher Eltern buhlten. Fitzgeralds eigene Eltern gehörten der oberen Mittelschicht an. Als Lieutenant bei der Army lernte er seine spätere Frau Zelda kennen, die eine Heirat aber zunächst aufgrund ungesicherter Lebensverhältnisse ablehnte. Doch nach ersten schriftstellerischen Erfolgen heirateten sie und führten ein mondänes Leben bei denen das zur Verfügung stehende Geld nicht ausreichte. Seine Erfahrungen flossen in seine Werke ein. So bewegt er sich in der ersten Geschichte „Spielschulden“ auf bekanntem Terrain in der Verlagswelt.

In den folgenden Jahren kam zu den Sorgen um‘s Geld die psychische Erkrankung seiner Frau hinzu, die immer wieder und zunehmend Aufnahme in psychiatrischen Kliniken suchte. Auch seine eigenen Probleme mit Alkohol und Gewaltanwendung gegen seine Frau blieben der Öffentlichkeit nicht verborgen. Bereits die zweite Geschichte „Böser Traum“ nimmt den Leser mit in eine psychiatrische Klinik und spielt mit dem Gedanken, ob sich klar trennen lässt, wer hier Patient oder Arzt ist. Die folgenden Erzählungen sind tragisch, schicksalhaft, erheiternd, aber grundsätzlich mit einer Spur von Dunkelheit versehen. Beispielhaft hierfür steht die Titelstory „Für dich würde ich sterben“, die vom Thema „Selbstmord“ durchzogen ist. Kurze Zeit nach Verfassen der Geschichte versuchte der Autor sich mit einer Überdosis Tabletten umzubringen.  Seine Beliebtheit sank zunehmend, doch die Umarbeitung der einmal geschriebenen Erzählungen, um sie dem Geschmack des Publikums anzupassen, verweigerte er und so blieb eine Veröffentlichung aus.

Die Geschichten lesen sich leicht und unterhaltsam und wirken aus einer heutigen Perspektive gesehen modern, vielleicht weil gerade die beinhalteten Frauenfiguren meist sehr selbstbewusst agieren. Im Anhang des Buchs finden sich zahlreiche Erläuterungen und Stellenkommentare zu den einzelnen Geschichten. Für mich waren die Storys ein ansprechender Zeitvertreib, für Fans des Autors die auch an seinem Lebensweg Interesse haben, sind sie ein Muss.



Sonntag, 18. Juni 2017

[Rezension Hanna] Schüsse im Schnee - Leena Letholainen


Schüsse im Schnee
Autorin: Leena Letholainen
Übersetzerin: Gabriele Schrey-Vasara
Hardcover: 384 Seiten
Erschienen am 19. Mai 2017
Verlag: Kindler

Inhalt
Über eine Freundin erhält die Leibwächterin Hilja Ilverskero einen neuen Auftrag. Sie soll für die Sicherheit von Lovisa Johnson sorgen. Die zweiundneuzigjährige Dame war früher eine erfolgreiche Unternehmerin. Heute fühlt sie sich in ihrem abgelegenen Anwesen bedroht, denn sie ist sich sicher, dass jemand sie töten will. Vielleicht sogar jemand aus der eigenen Familie? Schon auf dem Weg zum Anwesen gibt es einen Zwischenfall: Ein Unbekannter schießt auf Hiljas Auto. War das ein fehlgeleiteter Schuss eines Wilderers oder eine Nachricht an sie, dass sie unerwünscht ist? Trotzdem nimmt sie den Job an und hält die Augen offen im Kontakt mit Lovisas Familie und Bekannten. Aber bald geschieht wieder etwas…

Meinung
Das Cover des Buches spiegelt die Abgeschiedenheit des Handlungsortes wieder und machte mich neugierig, was dort wohl geschehen wird. Das Buch startet spannend mit den Schüssen auf Hiljas Auto, die gerade auf dem Weg zu ihrer neuen Auftraggeberin ist. Davon lässt sie sich aber erst einmal nicht abschrecken und beginnt nach einem kurzen Gespräch mit Lovisa sofort mit ihrer neuen Aufgabe als ihre Leibwächterin.

Für Hilja scheint der neue Job zur rechten Zeit zu kommen. Sie hat schon viel durchmachen müssen, was vermutlich in den ersten drei Bänden der Serie beschrieben wird, die ich noch nicht gelesen habe. Immer wieder flackern Erinnerungen auf, die dem Leser das nötigste erklären. Doch vor allem will sie nach vorn blicken und beginnt zügig mit dem Überprüfen der Sicherheitsvorkehrungen. Weil Lovisa nicht will, dass ihre Erben von ihren Ängsten erfahren, gibt sie Hilja als Sekretärin aus, die ihre Memoiren niederschreiben wird. Durch die Gespräche, die die beiden deshalb führen, erhält man immer wieder Einblicke in Lovisas Vergangenheit, aus der sich mögliche Motive ergeben.

Schon bald lernt Hilja Lovisas Erben kennen, bei denen es sich allesamt um exzentrische Persönlichkeiten handelt. Da gibt es den selbstlosen Arzt Johannes, der sich um illegale Einwanderer kümmert; den ehemaligen Polizeischüler Sampo, der zu einer rechten Vereinigung gehört; Aurora, die glaubt ,sie habe übersinnliche Fähigkeiten und Raisa, eine Unternehmerin in der Ölindustrie. Ihre gegensätzlichen Weltanschauungen prallen immer wieder aufeinander und jeder meint zu wissen, was das Beste für Lovisa ist. Zwar sind die Charaktere an sich interessant, aber es wird viel diskutiert und gestritten, wodurch die Geschichte für mich nur schleppend vorankam und an Spannung verlor.

Zwischenzeitlich tritt Lovisas Angst, man könne sie töten, fast gänzlich in den Hintergrund. Stattdessen konzentriert sich die Geschichte auf einen illegalen russischen Einwanderer, den Johannes nach Norwegen schmuggeln will und von dem natürlich vor allem Sampo nichts erfahren darf. Das weckt bei Lovisa alte, geheim gehaltene Erinnerungen. Dieser Handlungsstrang konnte mich leider nicht wirklich fesseln und ich hoffte, dass in Bezug auf die Haupthandlung endlich etwas passiert. Für mich etwas zu spät kommt es zu einem unerwarteten Todesfall, der für Dramatik sorgte. Leider flachte die Spannung danach recht schnell wieder ab und es wurde wieder ruhiger bis hin zu einem kurzen und heftigen Showdown, in dem Personen ihr wahres Gesicht enthüllen und alles auf dem Spiel steht. Vieles hier wirkte auf mich leider zu gewollt und nicht hundertprozentig nachvollziehbar, sodass ich das Buch mit gemischten Gefühlen beendete.

Fazit
In „Schüsse im Schnee“ soll Hilja eine alte Dame schützen, die glaubt, jemand wolle sie ermorden. Während Hilja sich um ihre Sicherheit kümmert, lernt sie die exzentrische Familie ihrer Auftraggeberin kennen. Die Autorin hat höchst unterschiedliche Charaktere geschaffen und lässt deren Überzeugungen aufeinanderprallen. Doch die Geschichte kommt trotz einzelner dramatischer Momente und gelüfteter Geheimnisse nicht so recht in Schwung. Ich vergebe drei Sterne für diesen ruhigen Kriminalroman im verschneiten Finnland.

Donnerstag, 15. Juni 2017

Blog-Törn durch "Das Leben fällt, wohin es will" von Petra Hülsmann - 1x1 des Segelns

 
Hallo liebe Leser,

mit „Das Leben fällt, wohin es will“ ist Ende Mai ein neuer Roman aus der Feder von Petra Hülsmann erschienen. Ich mag die bisherigen Bücher sehr, und so war auch dieses wieder ein Must Read für mich. Meine Rezension ist bereits hier erschienen.

Weil wir uns über das Erscheinen des Buches so freuen, haben Marie von wortmalerei.org und ich einen Blog-Törn durch das Buch organisiert, den ihr heute und morgen auf unseren Blogs findet.

Im ersten Teil des Specials geht es heute um das 1x1 des Segelns.

Marie & das Segeln

Maries Familie gehört eine Werft in Hamburg, wo sie seit mehr als hundertzwanzig Jahren Segelboote bauen. Marie hat früher einen Großteil ihrer Zeit in der Werft und auf Segelbooten verbracht. Doch kurz nach ihrem siebzehnten Geburtstag hat sie allem, was mit dem Segeln zu tun hat, den Rücken gekehrt. Stattdessen stürzte sie sich ins Partyleben, während ihre ältere Schwester Christine die Geschäftsführung übernahm.

Zu Beginn des Buches erfährt Marie, dass ihre Schwester krank ist. In der Folge möchte ihr Vater, dass Marie als Geschäftsführerin einspringt – zu rein repräsentativen Zwecken. Marie willigt ein, Smalltalk zu halten und den Tag mit Solitär und surfen im Internet zu verbringen. Gegenüber Daniel, der rechten Hand ihres Vaters, behauptet sie, keine Ahnung von Segelbooten zu haben. Doch immer wieder blitzen ihre Kenntnisse durch, was auch bei Daniel nicht unbemerkt bleibt…

Basierend auf den Begriffen, die Daniel und Marie im Roman nutzen, habe ich für euch ein 1x1 des Segelns zusammengestellt.

Die Basics

Am Beispiel des „Ocean Cruiser“, der neuen luxuriösen Segelyacht, welche die Werft zusätzlich zu den bisherigen kleinen Yachten verkaufen will, setzt Daniel im Buch zu einem Vortrag über die Grundlagen an. Den „Ocean Cruiser“ habe ich mir etwa so vorgestellt:


Übrigens ist der "Ocean Cruiser" das bislang größte Projekt der Ahrens Werft, das sie gar nicht selbst bauen werden. Die Spezialität der Werft sind eigentlich kleine Segelyachten, also eher so etwas:


Aber nun zu den Basics: Dank des Kiels liegt das Segelboot stabil im Wasser. Damit es Fahrt aufnimmt, muss der Wind in die Segel greifen. Dazu muss er von der Seite oder hinten kommen. Die dem Wind zugewandte Seite heißt Luv, die dem Wind abgewandte Seite Lee. Kommt der Wind genau von vorn, dann steht das Boot „im Wind“ und die Segel killen, das heißt sie flattern im Wind. Damit ein Segelboot sich nicht mehr von der Stelle bewegt kann man es entweder mit Leinen an einem Liegeplatz festmachen - zum Beispiel in einer Marina, einem Yachthafen, wie es ihn auch gleich bei der Werft von Maries Familie gibt. Oder man nutzt einen Anker, der während des Ankermanövers meist über eine Bugrolle ins Wasser gelassen wird.

Weitere Begriffe rund ums Segeln

Schon vor Daniels Grundlagen-Vortrag sind Marie gegenüber Daniel versehentlich Begriffe rund ums Segeln herausgerutscht, obwohl sie die Ahnungslose spielen wollte:

»Ja, Teambuilding. Du hast davon wahrscheinlich noch nie was gehört, weil du dich in deinem Ingenieurstudium ausschließlich mit Lateralplänen, Rumpfgeschwindigkeitsberechnungen oder Roboterbasteln beschäftigt hast.« (S.142)

Das liefert Daniel natürlich die perfekte Vorlage:
»Ich würde sagen, fürs Erste ist das alles, was du wissen musst, denn von Tragflächeneffekt, Lateralplan oder Luv- und Leegierigkeit brauche ich dir wohl noch nichts erzählen. Wobei du ja zumindest das Wort Lateralplan schon mal gehört hast. Das ist prima.« (S.204)

Diese Begriffe werden im Buch nicht weiter erklärt, weshalb ich neugierig geworden bin und recherchiert habe:
  • Der Lateralplan bezieht sich auf den Teil des Segelbootes, der sich unter Wasser befindet. Wenn man sich diesen Teil seitlich anschaut, dann blickt man auf den Lateralplan. Je größer er ist, desto kleiner ist die Wahrscheinlichkeit, dass das Boot seitlich abtreibt.
  • Die Rumpfgeschwindigkeit zu berechnen ist wichtig, um die Maximalgeschwindigkeit eines Segelbootes zu bestimmen. Die Rumpfgeschwindigkeit basiert auf den Wellen, die das Schiff bei der Fahrt erzeugt, und ihrer Überlagerung.
  • Der Tragflächeneffekt ist ein physikalischer Effekt, bei dem am Segel ein Auftrieb entsteht, dank dem man auch nach vorn segeln kann, wenn der Wind von schräg vorne oder der Seite kommt.
  • Die Begriffe Luv- und Leegierigkeit werden genutzt, um zu beschreiben, in welche Richtung ein Segelboot im Wind aufgrund verschiedener einwirkender Kräfte strebt. Dreht es in Richtung des Windes, liegt eine Luvgierigkeit vor, wenn es vom Wind wegdreht eine Leegierigkeit.
Ich hoffe, dieser kleine Einblick in die Welt des Segelns war für euch interessant und hat euch neugierig auf das Buch gemacht. Vielleicht habt ihr Lust bekommen, selbst mit einem Segelboot zu fahren? Ich selbst habe vor inzwischen schon 11 Jahren mal einen einwöchigen Kurs gemacht und habe nach der Lektüre und meiner Recherche große Lust, das Wissen mal wieder in der Praxis aufzufrischen. ;-)

Gewinnspiel


Ihr habt große Lust auf das Buch bekommen, es aber noch nicht im Regal stehen? Dann habe ich eine gute Nachricht für euch: Im Rahmen des Blog-Törns verlose ich einmal "Das Leben fällt, wohin es will" von Petra Hülsmann!
Wenn Du teilnehmen willst, dann schreib bitte einen Kommentar unter diesem Beitrag und...

1. Beantworte die folgenden Fragen:
Bist du schon mal gesegelt? Wenn ja, was gefällt dir am meisten daran? Wenn nein, möchtest du das irgendwann mal tun oder bleibst du lieber an Land?
Ein "Nein" mindert Eure Gewinnchancen nicht - die Autorin kann übrigens auch nicht Segeln. ;-)

2. Hinterlasse außerdem Deine Mailadresse, damit ich Dich im Gewinnfall kontaktieren kann (alternativ kannst Du diese an mail@buchsichten.de schicken oder Deinen wasliestdu/Lovelybooks-Namen angeben).

Das Gewinnspiel läuft bis zum 23. Juni 2017 23:59 Uhr, danach gebe ich den Gewinner bekannt.


Auf wortmalerei.org könnt ihr ab morgen an der Verlosung für ein weiteres Exemplar teilnehmen!

Das Kleingedruckte:
Teilnahmeberechtigt sind alle Personen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Ihr solltet über 18 Jahre alt sein, ansonsten benötige ich das Einverständnis eurer Erziehungsberechtigten. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Eine Barauszahlung des Gewinns ist nicht möglich. Für evtl. Verlust auf dem Postweg übernehme ich keine Haftung. Mit der Teilnahme an diesem Gewinnspiel erklärt ihr euch einverstanden, dass ich uren Namen für die Gewinner-Bekanntgabe auf unserem Blog veröffentlichen und eure Adresse für den Versand des Gewinns an den Verlag weitergeben darf. Nach der Gewinnerbekanntgabe habt ihr 48 Stunden Zeit, euch bei mir zu melden. Ansonsten müssen wir neu auslosen.

Ich drücke euch die Daumen für die Verlosung!

Liebe Grüße
Hanna

Quellen:

[Rezension Ingrid] Die Dame mit dem blauen Koffer von Valérie Perrin


Titel: Die Dame mit dem blauen Koffer
Autorin: Valérie Perrin
Übersetzerin: Elsbeth Ranke
Erscheinungsdatum: 22.04.2017
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen

Hélène Hel ist 96 Jahre alt und lebt im Seniorenheim in dem kleinen französischen Ort Milly. Ihre Gedanken schweifen täglich zum Meer. Dort steht sie dann am Strand und wartet auf ihren Liebsten Lucien, der jedoch schon vor vielen Jahren verstorben ist. Im Buch „Die Dame mit dem blauen Koffer“, dem Debütroman von Valérie Perrin, erzählt sie der jungen Pflegehelferin und Protagonistin Justine ihre Lebensgeschichte. Justine notiert sie auf Wunsch des Enkels in ein Notizheft. So wie nur die Gedanken von Hélène und nicht sie selbst am Meer sind, so ist auch die Figur auf dem Cover lediglich ins Bild montiert und nicht wirklich bei der Fotographie vor Ort. Schon die Gestaltung des Titels bei dem ich glaubte, durch den Wellengang das Meer rauschen zu hören, machte mir Lust darauf, mehr darüber zu erfahren, warum dieser Ort für Hélène so stark mit Lucien verknüpft ist.

Justine lebt bei ihren Großeltern. Ihre Eltern sowie ihr Onkel und ihre Tante sind bei einem Unfall ums Leben gekommen und ihr jüngerer Cousin gehört ebenfalls zum Haushalt. Ihr Beruf ist ihr Traumjob, für den sie sich nach dem Abitur anstelle eines Studiums entschieden hat. Ihr liegen die Bewohner des Seniorenheims sehr am Herzen und daher verbringt sie hier über ihre Arbeitszeit hinaus viele Stunden. Zum Ausgleich besucht sie alle drei Wochen eine Diskothek. Sie flirtet gern und lässt sich hin und wieder auf einen Mann ein, eine feste Beziehung hat sie nicht. Die Liebe von Hélène zu Lucien spricht in Justine etwas an, das sie dazu bringt, über die Liebe ihrer Großeltern und deren Verlust der Söhne und Schwiegertöchter nachzudenken. Aber auf Fragen nach Details zum Unfallgeschehen erhält sie nur unbefriedigende Antworten. Justine vermutet, dass ihr etwas verschwiegen wird und macht sich auf die Suche nach den Hintergründen.

Der Roman ist eine leise Geschichte oder eigentlich zwei. Zu Beginn wirkte Justine auf mich etwas arglos, konnte mich im Laufe des Romans aber davon überzeugen, dass sie ihre Ideen und Meinungen auch immer in die Tat umsetzt. Sie liebt ihre Tätigkeit Tag für Tag. Die Autorin beschreibt sie im Umgang mit den Senioren mitfühlend und hilfsbereit. Für ihren Cousin spart sie einen Teil ihres Geldes, um ihm uneigennützig ein Studium zu finanzieren. Nur eine feste Partnerschaft kann sie sich augenblicklich nicht vorstellen. Ich habe mich für sie gefreut, dass die Liebe sie dennoch nicht vergessen hat. Das Verhältnis zu ihren Großeltern bleibt unklar. Zwar leben sie zu viert in einem Haushalt, der von der Großmutter geführt wird, doch jeder geht seinen eigenen Weg. Dieses eher distanzierte Verhalten klärt sich im Laufe der Geschichte, denn Justine drängt zunehmend auf die Beantwortung ihrer Fragen zum Hergang des Unfalls ihrer Eltern. Dabei deckt sie einige Familiengeheimnisse auf, die auch eine Erklärung für das augenblickliche Stimmungsbild bieten

Gleichzeitig zeichnet Justine feinsinnig die von Hélène erzählte Geschichte auf, die im Text kursiv zu lesen ist und die mich mit in die Vergangenheit in die 1920er Jahre nahm. Hélène ist Legasthenikern, eine Krankheit die damals noch nicht erkannt wurde. Sie bricht die Schule ab und arbeitet zu Hause als Schneiderin. Lucien hat bereits in jungen Jahren die Angst, wie sein Vater zu erblinden. Beide finden bei dem jeweils anderen Unterstützung und Halt, bis der zweite Weltkrieg ausbricht, sich das tägliche Leben ändert und schließlich Lucien zum Kriegsdienst eingezogen wird. Eine schicksalsschwere Zeit beginnt für die beiden. Hélènes Geschichte ist ungewöhnlich, berührend und so mitreißend, dass die Seiten wie im Flug gelesen waren.

Ganz nebenbei erhält der Roman zusätzlich Spannung durch bestimmte Vorfälle im Seniorenheim, deren Klärung bis zum Ende des Buchs ausstehen. Fließend gelingt Valérie Perrin die Verknüpfung der einzelnen Erzählfäden, die sie zu einem gelungenen Großen und Ganzen zusammenfügt. Eindringlich und offen beschreibt sie Liebesszenarien. Trotz der teils tragischen Ereignisse verliert die Geschichte nie einen gewissen heiteren Unterton. Das Buch war für mich beste Unterhaltung und daher empfehle ich es jedem gerne weiter.



Sonntag, 11. Juni 2017

[Rezension Hanna] Die letzten Tage der Nacht - Graham Moore


Die letzten Tage der Nacht
Autor: Graham Moore
Übersetzerin: Kirsten Riesselmann
Hardcover: 464 Seiten
Erschienen am 16. Februar 2017
Verlag: Eichborn Verlag

Inhalt
New York, 1888. Paul Cravath ist ein junger und aufstrebender Anwalt, dessen erster eigener Mandant gleich ein echtes Schwergewicht ist: George Westinghouse wird von Thomas Edison auf unglaubliche eine Milliarde Dollar verklagt, weil er angeblich dessen Patent an der Glühfadenlampe verletzt hat. Doch Westinghouse ist der Meinung, er habe die Glühlampe erheblich weiterentwickelt, da Edisons Version nicht richtig funktioniert hat. Paul beginnt damit, Schlupflöcher zu suchen und die Gerichtsurteile hinauszuzögern. Unterdessen scheint Edison jedes Mittel recht zu sein, um aus der Angelegenheit als Sieger hervorzugehen: Einschüchterungen, Rufmord und Intrigen folgen Schlag auf Schlag. Kann Paul trotzdem einen Weg finden, um Westinghouse zu helfen? Und wie weit ist er selbst bereit, dafür zu gehen?

Meinung
Das Thema des Buches hat mich sofort neugierig gemacht. Der Klappentext versprach eine interessante Geschichts- und Physikstunde zugleich zu werden. Mit dem Stromkrieg hatte ich mich bislang noch nicht beschäftigt, und so startete ich ohne Vorwissen in den Roman, der als auf wahren Ereignissen beruhend angepriesen wurde.

Das Buch wirft den Leser gleich mitten hinein in den tobenden Stromkrieg. Auf den ersten Seiten erlebt der Protagonist Paul mit, wie ein Techniker bei Reparaturen an Stromkabeln durch einen falschen Handgriff bei lebendigem Leib verbrennt. Ein erschütterndes Erlebnis für Paul. Kurz darauf erhält er auch noch eine Einladung von Thomas Edison, der ihm klarmachen möchte, wie aussichtlos Pauls Mandat ist. Erst danach wird erläutert, wie Paul überhaupt Anwalt von Westinghouse wurde. Dank dieses schwungvollen und abwechslungsreichen Einstiegs war ich im Nu gefesselt.

Dem Buch gelingt es, Wissen zu vermitteln, zum Beispiel über die Glühbirne, Gleich- und Wechselstrom sowie Patentrecht Indem der Autor die Perspektive des Anwalts Paul gewählt hat, wird es nicht zu technisch, sondern ich konnte den Erklärungen mühelos folgen. Der Autor hat sich dabei an die wichtigsten Fakten gehalten und beschreibt im Nachwort die wichtigsten Quellen und größten Abweichungen zugunsten der Dramaturgie.

Bei der Ausschmückung der Fakten ist eine unterhaltsame und spannende Geschichte entstanden. Den historischen Personen wurde Leben eingehaucht und in der Folge erlebt der Leser Charaktere, die für ihre Ziele brennen und entscheiden müssen, wie weit zu gehen sie bereit sind. Ihre Persönlichkeiten sind vielschichtig und nicht so leicht zu durchschauen. Nebencharaktere wie der verschrobene Erfinder Tesla brachten weitere Abwechslung in die Geschichte. Höchst dramatische Momente ließen mich begierig weiterlesen und auch die Liebe kommt nicht zu kurz. Paul als Protagonist ist schließlich sehr reflektiert, und so gibt es auch nachdenkliche Abschnitte voller markierungswürdiger Sätze, in der Moral, Ziele und Ambition eine Rolle spielen.

Fazit
Immer wieder gibt es Cliffhanger am Kapitelende und Spannungsspitzen, die das Tempo hoch hielten. Paul als aufstrebender Anwalt, der Fallstricken ausweichen muss und sich beweisen will, ohne sich selbst untreu zu werden, hat mir sehr gefallen. Graham Moore ist hier eine tolle Mischung aus Wissenschaft, Geschichte und spannender Unterhaltung gelungen, die das Buch für mich zu einem Highlight macht.

Donnerstag, 8. Juni 2017

[Rezension Ingrid] Du erinnerst mich an Morgen von Katie Marsh


Titel: Du erinnerst mich an morgen
Autorin: Katie Marsh
Übersetzerin: Angelika Naujokat
Erscheinungsdatum: 10.04.2017
Verlag: Diana Verlag (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Leseexemplar

Im Roman „Du erinnerst mich an morgen“ thematisiert die Engländerin Katie Marsh, dass die Krankheit Alzheimer auch schon ungefähr ab dem 50. Lebensjahr auftreten kann. Auch Gina, die Mutter der Protagonistin Zoe ist erst 54 Jahre alt, als sie erkrankt und ihre Erinnerung sich eintrübt. Immer mehr kleine Stückchen eines großen bunten Lebens verlassen ihr Gedächtnis so wie das Cover es symbolisch darstellt.

Ausgerechnet am Tag ihrer Hochzeit, kurz vor der Trauzeremonie, erhält Zoe einen Anruf von Ginas bester Freundin, die ihr mitteilt, dass ihre Mutter sich auf der Polizeiwache befindet und sie sofort zur Hilfe benötigt wird. Das Angebot ihrer Schwester, für sie einzuspringen, schlägt sie aus und macht sich selbst auf den Weg. Seit über 10 Jahren vermeidet Zoe den Kontakt mit ihrer Mutter, weil Gina damals eine Entscheidung für sie traf, die für sie inakzeptabel war. Zoe stellt in der folgenden Zeit fest, dass ihre Mutter zunehmend orientierungslos reagiert und nicht mehr allein zurechtkommt. Ihr noch junges Unternehmen macht wenig Gewinn und natürlich hat Jamie sie verlassen, nachdem sie ihn so kurzfristig vor dem Ja-Wort versetzt hat. Nichts scheint mehr so zu sein wie es vor der anstehenden Hochzeit war. Zoe steht zwischen Schuld, Pflichtbewusstsein und aufrichtiger Mitmenschlichkeit. Zum Glück hat Zoe Familie, Freunde und Bekannte in ihrer Umgebung, die ihre Unterstützung anbieten. So beginnt sie damit, über sich selbst und ihre Entscheidungen nachzudenken und in Frage zu stellen.

Zunächst war ich etwas verwirrt darüber, wieso Zoe die Hochzeit so einfach platzen lässt, um ihrer Mutter zu Hilfe zu eilen. Jahrelang hat Zoe den Kontakt zu ihr unterbunden. Ihre Eltern sind geschieden und ihr Verhältnis zum Vater ist gut. Dass sie so spontan auf den Hilferuf reagiert, hängt auch mit der derzeitigen Beziehung zu ihrem Bräutigam Jamie zusammen. Schon auf den ersten Seiten wirkt sie nicht wie eine freudestrahlende Braut, sondern es mischt sich da ein gewisses Zaudern vor dem letzten Schritt bei ihr ein. Es braucht ein wenig Geduld, bis die Hintergründe der Geschichte sich entfalten und zu einem Verständnis für die Beteiligten führen. Im Anschluss an jedes Kapitel, deren Fokus auf Zoe liegt, fügt die Autorin Briefe ein, die Gina zu fast jedem Geburtstag ihrer Tochter schreibt, auch während der Zeit, in denen die Verbindung abgebrochen ist. Daraus ergibt sich die Lebensgeschichte von Zoes Mutter, die schließlich den Streit aus Sicht von Gina schildert. Als Leser hatte ich so die Möglichkeit, beide Ansichten kennen zu lernen.

Leider konnte Zoe bei mir wenige Sympathiepunkte sammeln, zu schwach war ihr Mut dazu, ihre Fehler einzusehen und für Klarheit ein offenes Gespräch zu suchen. Katie Marsh versteht es vortrefflich, einfühlsam und realistisch die Folgen aus der Alzheimererkrankung sowohl für die Erkrankte wie auch für die Beteiligten im Umfeld zu schildern ohne dabei kitschig zu sein. Für Zoe ist es der Weg, sich mit ihrer Vergangenheit auseinanderzusetzen, ohne eine Zukunft mit ihrer Mutter zu haben. Doch glücklicherweise führt das tiefere Verständnis der Beweggründe Ginas für den langen Streit zu einem neuen Anfang für sie selbst und ihre Liebe.

„Du erinnerst mich an morgen“ ist eine tief ergreifende Roman über eine Mutter-Tochter-Beziehung, die ich Lesern empfehle, die sich gerne durch Geschichten berühren lassen.


Dienstag, 6. Juni 2017

[Rezension Hanna] Das Leben fällt, wohin es will - Petra Hülsmann


Das Leben fällt, wohin es will
Autorin: Petra Hülsmann
Taschenbuch: 511 Seiten
Erschienen am 26. Mai 2017
Verlag: Bastei Lübbe

Inhalt
Marie ist in ihren Zwanzigern und lässt sich durchs Leben treiben. Am liebsten feiert sie mit ihren Freunden auf dem Kiez bis in den frühen Morgen. Ihr Geld verdient sie mit wechselnden Jobs, seit kurzem arbeitet sie in einem Café. Auf den schnieken Festen ihrer Familie, denen eine Werft gehört, lässt sie sich als schwarzes Schaf nur blicken, wenn sie unbedingt muss. Doch dann erkrankt ihre Schwester, die Geschäftsführerin der Werft, an Brustkrebs. Sie bittet Marie, bei ihr einzuziehen und ihr mit ihren beiden Kindern und dem Haushalt zu helfen. Gleichzeitig setzt ihr Vater sie als Christines Vertretung in der Werft ein, wo sie die Familie repräsentieren soll. Plötzlich ist Maries Leben alles andere als entspannt. Christine geht es zunehmend schlechter und in der Werft gerät sie immer wieder mit Daniel, der rechten Hand ihres Vaters, aneinander. Dieser will sie zum mitdenken motivieren und ist dabei auch noch charmanter, als Marie es gern hätte…

Meinung
Ich habe mich riesig über die Nachricht gefreut, dass auch in diesem Jahr wieder ein neuer Roman von Petra Hülsmann erscheint. Das Cover passt sehr gut zur neuen Aufmachung der bisherigen Bücher. Anker, Rettungsring und Seesterne versprechen eine Geschichte, in der das Wasser eine große Rolle spielt. Schnell wird die Verbindung klar, denn die Protagonistin Marie lernt man kennen, während sie sich fertig macht für das Frühlingsfest der Werft ihrer Familie.

Marie lebt von Tag zu Tag, ohne sich über irgendetwas allzu sehr den Kopf zu verbrechen. Am liebsten macht sie auf dem Kiez die Nacht zum Tag und ist deshalb viel zu spät dran für das Fest. Dort angekommen erwischt Daniel, der die rechte Hand ihres Vaters ist und den sie überhaupt nicht leiden kann, sie gleich in einer peinlichen Situation. Mit ihrer Interessiert-mich-nicht-Einstellung wurde Marie mir erst einmal nicht unbedingt sympathisch und ich war gespannt, ob sie im Laufe der Geschichte eine Entwicklung durchmachen wird.

Schon bald ändert sich für Marie alles mit der Nachricht, dass ihre Schwester an Brustkrebs erkrankt ist. Plötzlich muss sie sich um zwei Kinder kümmern und obendrein zu repräsentativen Zwecken in der Werft erscheinen, wo sie kritisch beäugt wird. Marie ist zunächst völlig überfordert, wächst aber allmählich an ihren Aufgaben, was ich schön fand. Ihre Reibereien mit Daniel fand ich unterhaltsam. Ich mochte ihn schon bald sehr und fand es gut, wie er Marie aus zum Anpacken bringen will, worauf so gar keine Lust hat. Einige Entwicklungen fand ich allerdings zu abrupt.

Die Szenen mit Christine sind sehr berührend. Ihr geht es zunehmend schlechter, und so kümmert sich Marie bald nicht nur um Christines Kinder, sondern muss ihr helfen, mit den Auswirkungen der Behandlung fertig zu werden und sie zum Essen zu bewegen. Für mich waren diese Szenen aus persönlichen Gründen sehr hart zu lesen, einige Abschnitte musste ich ganz überspringen. Dieses ernste Thema nahm für mich Teile der Leichtigkeit aus der Geschichte, die ich bei den vorherigen Büchern der Autorin so mochte.

Marie wurde mir im Laufe des Buches immer sympathischer, denn ich stellte fest, dass in ihr mehr steckt, als man zunächst dachte. Immer wieder macht sie Andeutungen, dass Ereignisse in der Vergangenheit für ihren Lebensweg verantwortlich sind und ich war neugierig, was dahinter steckt. Vor allem ihre Beziehung zu Daniel, die zu Beginn vor allem durch Abneigung geprägt war, wandelt sich im Laufe des Buches stark. Sie durchlebt Höhen und Tiefen, die eins gemeinsam haben – sie konnten mich sehr gut unterhalten. Bald freute ich mich über jedes Mal, wenn die beiden aus ganz verschiedenen Gründen aufeinander trafen. Der Abschluss des Buches ist dann zwar recht kurz, der hoffnungsvolle Ton rundete die Geschichte aber gut ab.

Fazit
„Das Leben fällt, wohin es will“ erzählt von Marie, deren Leben sich durch die Krebsdiagnose bei ihrer Schwester völlig ändert. Statt bis in den frühen Morgen auf dem Kiez zu feiern zieht sie als Hilfe zu ihrer Schwester und muss sie zusätzlich in der Werft der Familie vertreten. Es hat Spaß gemacht, zu erleben, wie Marie sich durch die neue Verantwortung wandelt. Ihre Reibereien mit Daniel, der rechten Hand ihres Vaters, waren besonders amüsant. Die Erkrankung ihrer Schwester sorgte für sehr berührende Szenen, welche das Buch deutlich ernster machten als die bisherigen Bücher der Autorin. Eine Geschichte über das Leben, die Liebe, Segeln, Bootsbau und Piraten, die aber auch ernste Töne anschlägt.

Sonntag, 4. Juni 2017

[Rezension Ingrid] Die Geschichte eines neuen Namens von Elena Ferrante


Titel: Die Geschichte eines neuen Namens (Band 2 der neapolitanischen Saga)
Autorin: Elena Ferrante
Übersetzerin: Karin Krieger
Erscheinungsdatum: 10.01.2017
Verlag: Suhrkamp (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen

„Die Geschichte eines neuen Namens“ ist der zweite Band der vierteiligen Reihe von Elena Ferrante, dem Pseudonym einer italienischen Autorin. Die Bücher handeln von der über 60-jährigen Freundschaft der Ich-Erzählerin Elena und der gleichaltrigen Raffaella, die von Elena nur Lila gerufen wird, beginnend im Neapel der 1950er bis in die Gegenwart. Das vorliegende Buch schildert die Jugendjahre der beiden Protagonistinnen. Die Erzählung schließt unmittelbar an das Ende des vorigen Teils an.

Wie bereits im ersten Buch machte mich die Autorin neugierig auf die folgenden Ereignisse, indem sie mir gleich zu Beginn einen ganz kurzen unvollständigen Blick auf den Stand der Dinge im Jahr 1966 gewährt. Laut der inzwischen 22-jährigen Elena kriselt es in der Freundschaft, sie treffen einander nur noch selten und dennoch hat Lila ihr gerade erst eine Schachtel mit Heften anvertraut, deren Inhalt sie vor deren Ehemann verstecken soll. Außerdem hat Lila ihre Freundin gebeten, sie nicht zu öffnen. Elena selbst wohnt zu diesem Zeitpunkt nicht mehr in Neapel. Sie hat sich inzwischen einen guten Ruf erarbeitet … und bereits nach wenigen Seiten las ich, dass Elena den Inhalt der Schachtel vernichtet hat. Mir stellte sich dadurch natürlich unwillkürlich die Frage, was sie dazu veranlasst hat.

Das Cover des Buchs nimmt direkten Bezug darauf, dass Elenas Gedanken am Anfang des zweiten Teils zum Tag der Hochzeit von Lila zurückgehen. Einen farblichen Akzent setzt der Rosenstrauß in den Händen der Braut, dessen Blütenblätter mit dem Wind davonwehen. Ob das als ein Vorzeichen für die Ehe von Lila zu sehen ist und bedeutet, dass ihr Glück wie die Blüten hinwegwehen wird?
Die Welt von Elena und Lila ist auch jetzt noch zu Beginn ihrer Jugendjahre recht klein. Sie wohnen beide im neapolitanischen Viertel Rione, einer ziemlich heruntergekommenen Wohngegend mit großen Mietshäusern. Ihre Freunde sind immer noch die gleichen wie in Kindertagen. In einigen Aussagen Elenas konnte ich nachvollziehen, dass auch ihre Kenntnisse über Politik und Gesellschaft kaum über ihr eigenes Territorium hinausgehen, obwohl sie doch eine gute Schülerin ist und viele Bücher liest. Aus dem Inhalt der in der Schachtel gefundenen Hefte schließt sie, dass auch Lila nie ihr Interesse am Lernen aufgegeben hat.

Wie bisher besteht die Rivalität um die Vorrangstellung in ihrer Freundschaft weiter. Lila entwickelt dabei eine Arglist, die darin besteht, jede Anfeindung anderer Personen gegen sie früher oder später zurückzuzahlen. Sie scheut nicht davor zurück, Elena für ihre Zwecke einzuspannen. Doch ihr Traum, von ihren Eltern unabhängig zu leben und die damals vorherrschende Rollenteilung in der Ehe, begleitet mit körperlicher Gewalt, hinter sich zu lassen, droht schon mit Beginn ihrer Ehe zu platzen. Elena spürte, dass Lila durch ihre Hochzeit einen Vorteil ihr gegenüber erlangt hat und so tanzen nun ihre Gefühle zwischen Mitleid und der Freude darüber, durch ihre tätige Hilfe bei Lila wieder Beachtung zu finden und sich dadurch erneut besser im Rang zu positionieren. Dagegen ist ihr die Freigiebigkeit, mit der Lila Stefanos Geld ausgibt ein Dorn im Auge, doch genau dieser Umstand ermöglicht es ihrer Freundin, zu einem gewissen Ansehen bei ihren Freunden zu gelangen. Lilas Beliebtheit steigt und mit ihr der Wille sich den Machenschaften ihrer Geschäftspartner nicht zu unterwerfen. In die Dinge, die ihr am Herzen liegen steckt sie ihre ganze Begeisterung und lässt sich auch durch drohende körperliche Gewalt nicht einschüchtern und verbiegen.

Dadurch, dass Elena in der Ich-Form erzählt, konnte ich nachvollziehen, mit welchen Gefühlen sie in ihrer Jugend zu kämpfen hatte. Durch den Besuch des Gymnasiums und später der Universität unterscheidet sich ihr Lebensweg schon jetzt von den meisten ihrer Freunde aus Kindertagen. Sie selbst ist sich dessen bewusst und hält sich für arrogant. Ihr Lernen verbunden mit ihrer Klugheit scheint ihr der Grund zu sein, dass ihre Freunde ihr gegenüber zunehmend auf Abstand gehen. Neidvoll schaut sie in dieser Zeit auf Lila. Noch kann sie nicht die Folgen ihres Handels abschätzen und abschließend beurteilen, ob ihr der Schulbesuch spätere Vorteile bringen wird. In ihrer Umgebung gibt es wenige Vorbilder an denen sie sich orientieren könnte. Später wird sie genau diesen Umstand bedauern, denn in der Welt von Elena und Lila verschafft man sich nicht durch Wissenserwerb Respekt und Anerkennung. Lila muss sich immer wieder behaupten. Elena dagegen muss mehr Selbstbewusstsein entwickeln, denn auf ihrer Suche nach Liebe droht ihr der Verlust ihrer Anerkennung, wenn sie sich nicht normgerecht verhält. Der Zwiespalt ihrer Gefühle in Bezug auf Männer wird auch durch ihre Umwelt mitgetragen. Fehlende Möglichkeiten, schlechte Vorbilder und die gelebte Härte des Alltags lassen ihre Jungmädchenträume schmelzen.

Beide Freundinnen sind sich ihrer Rangeleien bewusst und können doch nicht ganz voneinander lassen. Genau das macht die Faszination des Romans aus. Mancher Leser wird sich in den Vorstellungen der Protagonistinnen vom Leben wiederfinden und erkennt den ein oder anderen Traum aus seiner Jugendzeit darin wieder. Die schöne klare Sprache, selbst in der Übersetzung, ist ein Lesevergnügen. Das Buch endet mit einem Cliffhanger und lässt mich schon ungeduldig auf den nächsten Teil warten. Wer die Bücher von Elena Ferrante noch nicht kennt, sollte unbedingt mit dem Lesen beginnen! Der dritte Band in deutscher Sprache erscheint im August 2017.

[Rezension Hanna] Der kleine Laden der einsamen Herzen - Annie Darling


Der kleine Laden der einsamen Herzen
Autorin: Annie Darling
Übersetzerin: Andrea Brandl
Taschenbuch: 400 Seiten
Erschienen am 9. Mai 2017
Verlag: Penguin

Inhalt
Posy ist Angestellte im Bookends, einer alteingesessenen Buchhandlung in Bloomsbury, London. Schon ihre Eltern haben hier gearbeitet, bis sie bei einem Autounfall ums Leben kamen, als Posy einundzwanzig war. Danach ließ Lavinia Posy und ihren kleinen Bruder in der Wohnung über der Buchhandlung wohnen. Doch sieben Jahre später verstirbt auch Lavinia mit über 80 Jahren. Die Buchhandlung vermacht sie überraschenderweise aber nicht ihrem Enkel Sebastian, der in den Medien als „unverschämtester Kerl Londons“ gilt, sondern Posy. Wenn der Laden innerhalb von zwei Jahren wieder Gewinn abwirft, dann darf sie ihn behalten. Aktuell laufen die Geschäfte schlecht, und Posy braucht einen Plan. Sie will den Laden auf Liebesromane, ihr Lieblingsgenre, spezialisieren. Sebastian, der neuerdings ständig vorbeischaut, hat allerdings ganz andere Pläne. Ihren Frust schreibt Posy sich von der Seele – mit überraschendem Ergebnis. Wird sie den Laden retten können?

Meinung
Geschichten über Buchhandlungen üben auf mich immer einen ganz besonderen Reiz aus und so war es kein Wunder, dass „Der kleine Laden der einsamen Herzen“ es in mein Bücherregal geschafft hat. Das Buch beginnt mit einem Nachruf auf die verstorbene Lavinia, der Besitzerin des Bookends. Wer einen bedrückenden Start erwartet, der liegt allerdings falsch. Auf der Trauerfeier müssen die Gäste Lavinias letztem Willen entsprechend bunte Kleider tragen und Champagner trinken. Posy hat deshalb auch schon einiges intus, als Sebastian sie zum Anwalt zerrt, der ihr verkündet, dass sie tatsächlich die Buchhandlung erbt.

Schnell war ich mitten drin in der Geschichte und der großen Frage, wie Posy den schlecht laufenden Laden retten kann, um ihn behalten zu dürfen. Die drei Angestellten sind ganz spezielle Charaktere, denen Lavinia in ihrer Buchhandlung eine Chance gegeben hat und die vor allem erleichtert sind, dass der Laden nicht verkauft wird. Gemeinsam suchen sie nach einer neuen Idee und lassen sich nach anfänglicher Skepsis von Posys Idee, sich auf Liebesromane zu spezialisieren, überzeugen. Doch das bedeutet einen Haufen Arbeit, und Posy hat die Rechnung ohne Sebastian gemacht.

Sebastian taucht ständig in der Buchhandlung auf und will Posy in ihre Pläne hereinreden, denn ihm gehört das Grundstück und bald vielleicht auch der Laden, wenn die zwei Jahre ohne Gewinn verstrichen sind. Von Anfang an macht er seinem Ruf als unverschämter Kerl alle Ehre. Ständig zerrt er an Posy, kommandiert sie herum und redet ununterbrochen, ohne ihr zuzuhören. Ich fand seine Art nervig und umso mehr erstaunte es mich, dass Posy sich das auch noch gefallen lässt. Zwar beschwert sie sich anschließend ständig, gegenüber Sebastian kann sie sich aber nicht durchsetzen. Sie schenkt ihm nicht mal reinen Wein bezüglich ihrer Idee ein, sondern glaubt naiv, dass sich schon alles fügen wird. Als Resultat beginnt Posy eine schwülstige Regency-Liebesgeschichte mit ihnen beiden als Protagonisten zu schreiben. Diese ist in Kitsch kaum zu übertreffen und besitzt dadurch einen gewissen Unterhaltungswert. Wenig nachvollziehbar war für mich aber, woher Posys Gefühle bei Sebastians ätzendem Auftreten kommen.

Ein Lichtblick sind die Angestellten der Buchhandlung, die mir mit ihren kauzigen Verhaltensweisen schnell sympathisch wurden: Nina mit blauen Haaren, Büchertatoos und grauenhaftem Männergeschmack, Verity als Zahlenmensch, die sich weigert zu telefonieren und Tom als Literaturstudent mit unverständlichem Promotionsthema, der selten zum Plaudern aufgelegt ist. Auch die voranschreitenden Planungen der Neueröffnung von Bookends fand ich interessant und realistisch beschrieben. Posy entwickelt während der Vorbereitungszeit eine unterhaltsame Vorliebe für bedruckte Tragetaschen, die sie unbedingt verkaufen will. Durch Kleinigkeiten wie diese wurde die Geschichte immer wieder aufgelockert. Zum Ende hin machen einige Personen eine 180-Grad-Wendung durch, die ich leider überhaupt nicht realistisch fand. Auf das amüsant-schöne Ende konnte ich mich deshalb nicht so recht einlassen.

Fazit
In „Der kleine Laden der einsamen Herzen“ erbt Posy überraschenderweise die Buchhandlung, in der sie ihr halbes Leben verbracht hat. Damit sie wieder Gewinn abwirft, will sie sich auf Liebesromane spezialisieren. Doch Sebastian, der Enkel der ehemaligen Besitzerin, funkt ständig dazwischen. Während ich die Vorbereitungen für die Neueröffnung interessant fand, konnten mich der nervige Sebastian und die naive Posy als Charaktere leider nicht überzeugen. Für mich bleibt es eine durchschnittliche Liebesgeschichte vor dem ansprechenden Schauplatz einer Buchhandlung, die von mir drei Sterne erhält.

Samstag, 3. Juni 2017

[Rezension Hanna] Der Galgen von Tyburn - Ben Aaronovitch


Der Galgen von Tyburn
Autor: Ben Aaronovitch
Übersetzerin: Christine Blum
Taschenbuch: 416 Seiten
Erschienen am 5. Mai 2017
Verlag: dtv

Die Reihe

Peter Grant

Band 1: Die Flüsse von London (Rezension)
Band 2: Schwarzer Mond über Soho (Rezension)
Band 3: Ein Wispern unter Baker Street (Rezension)
Band 4: Der böse Ort (Rezension)
Band 5: Fingerhut-Sommer (Rezension)
Band 6: Der Galgen von Tyburn

Inhalt
Die Tochter eines Flusses ist in Schwierigkeiten – und Peter Grant soll es richten. Denn als Polizist und Zauberlehrling ist er der Experte für Verbrechen mit magischer Beteiligung. Und Lady Tys Tochter Olivia ist in ein solches verwickelt, denn sie war Gast bei einer Party im Hyde Park Nummer 1, wo ein junges Mädchen nach dem Konsum von Drogen verstorben ist. Auf Nachfrage gibt Olivia zum Entsetzen ihrer Mutter sofort zu, die Drogen gekauft zu haben. Doch was steckt hinter diesem Geständnis? Auch die Eltern des Opfers und der anderen Partygäste sind Hochkaräter in Sachen Macht und Einfluss, sodass sich die Ermittlungen als schwierig gestalten. Zur gleichen Zeit tritt ein Vertreter der Demi-monde an Peter heran, der Nightingale ein einzigartiges Objekt verkaufen möchte. Doch an diesem haben auch andere Interesse. Bald findet sich Peter in magischen Verstrickungen wieder, die es zu entwirren gilt. Dabei geht so einiges zu Bruch…

Meinung
Nach einer etwas längeren Pause von fast zwei Jahren gibt es endlich ein neues Buch rund um Peter Grant. Peter ist zurück in London und nachdem im vorherigen Band die bänderübergreifende Handlung rund um den Gesichtslosen pausierte war ich gespannt, was Peter nun erlebt. Schon auf der allerersten Seite wird er von Lady Ty aus dem Schlaf gerissen, die einen alten Gefallen einfordert und ihn zum Fundort einer Leiche schickt, wo er die Unschuld ihrer Tochter beweisen soll. Im Nu war ich wieder mitten drin im Geschehen.

Der Fundort ist ausgerechnet der Hyde Park Nummer 1, eine absolute Nobeladresse, deren Wohnungen zu den teuersten der Welt zählen. Das gibt einen ersten Vorgeschmack auf den elitären Kreis, in dem sich Peter während der Ermittlungen bewegt. Auf den ersten Blick ist das Opfer während einer heimlichen Party an einer Überdosis gestorben. Doch Dr. Vaughan, die neue Unterstützung für das Folly in Sachen Pathologie, findet schnell Anzeichen, dass die Verstorbene Praktizierende war. Schnell gibt es eine ganze Menge an Spuren, denen Peter nachgehen muss sowie Eltern und Freunden, die zu befragen sind.

Zusätzlich zu der Ermittlung muss Peter bald noch anderen merkwürdigen Vorgängen nachgehen. Wer ist der Demi-monde, der Nightingale einen einzigartigen, mächtigen Gegenstand verkaufen möchte? Wo hat er ihn gefunden, und wer sind die verschiedenen anderen Parteien, die Interesse daran zeigen? Bald kommt es zu einem ersten aufregenden Höhepunkt vor großartiger Kulisse, bei dem es so richtig knallt und man auch alte Bekannte wiedertrifft. Das brachte noch einmal so richtig Schwung in die Handlung, die tempo- und abwechslungsreich die Seiten füllte.

Mit der Zeit stößt Peter immer weiter vor in ein Netz aus Lügen, Geheimnissen und komplizierten Verstrickungen. War der letzte Band recht übersichtlich, so galt es nun wieder wie in den früheren Bänden, den Überblick bei der Vielzahl an Charakteren zu behalten. Ich habe das Buch mit nur wenigen Pausen gelesen und musste immer wieder zurückblättern, um nachzuvollziehen, wer nun wen kannte und wann Peter das letzte Mal mit ihnen geredet hatte. Auch Ereignisse und Charaktere aus den alten Büchern werden als bekannt vorausgesetzt.

Sehr gut gefallen hat mir, dass Nightingale wieder eine größere Rolle spielt. Neue Charaktere, die ganz besondere Magie wirken können, bringen ein wenig frischen Wind in die Handlung. Auch der Gesichtslose und Lesley sind diesmal wieder dabei und es gibt wichtige neue Informationen, die meine Neugier in Bezug auf diesen Handlungsstrang zumindest ein kleines bisschen befriedigten. Diese Informationen überstrahlen zum Ende hin allerdings den Rest, sodass die Auflösung des Mordfalls etwas in den Hintergrund gerät und für mich ein paar Fragen, vor allem zur Motivation der Beteiligten, offen blieben. Erfreulicherweise gibt es keinen größeren Cliffhanger, trotzdem freue ich mich schon sehr auf den nächsten Fall für Peter Grant!

Fazit
In „Der Galgen von Tyburn“ fordert Lady Ty bei Peter einen alten Gefallen ein: Er soll die Unschuld ihrer Tochter Olivia bei einem Todesfall beweisen. Dummerweise spricht erst einmal alles für Olivias Beteiligung. Ich fand die Ermittlungen, bei denen sich die Angelegenheit als deutlich komplizierter als gedacht herausstellt, interessant. Spannende magische Kämpfe geben der Handlung zusätzlichen Schwung. Ich hätte mir aber noch mehr Erklärungen und Antworten gewünscht. Insgesamt vergebe ich sehr gute vier Sterne. Für alle Peter Grant Fans auch dieser Band ein absolutes Muss! Wer den Polizisten und Zauberlehrling noch nicht kennt, der sollte mit dem ersten Band, „Die Flüsse von London“, in die Geschichte einsteigen.