Mittwoch, 4. Oktober 2017

[Blogtour] Das Haus der Granatäpfel von Lydia Conradi - Das historische Smyrna und das heutige Izmir






Hallo liebe Leser,

diese Woche ist „Das Haus der Granatäpfel“ von Lydia Conradi erschienen, ein historischer Roman, der in den 1910er Jahren hauptsächlich in und rund um Smyrna, dem heutigen Izmir, spielt.

Unsere Rezensionen zum Buch: Ingrids Rezension (LINK) und Hannas Rezension (LINK)

Im Rahmen der Blogtour zum Buch gab es am Montag schon eine Buchvorstellung auf fantasie-und-traeumerei.blogspot.de und gestern ein Interview mit der Autorin auf buchstabenmagie.blogspot.de

Heute möchten wir Euch den zentralen Handlungsort der Geschichte näher vorstellen.

Das historische Smyrna

Einen ersten Blick erhält der Leser auf Smyrna im Jahr 1894. Der neunjährige, armenische Sevan wird von seinem Onkel Bredos, einem Händler, zum ersten Mal mit in die Stadt an der Ägäisküste genommen. Schon auf dem Weg dorthin gerät Bredos ins Schwärmen:

„Bedeutende Männer, die in London, Paris, und Sankt Petersburg wohnen, wenn du die fragst, wo das Herz der Welt schlägt, was sagen sie dir? Smyrna, Smyrna! Schönes Frauenauge Anatoliens, langer Arm Europas, schillernde Perle der Levante.“ (S.19)

Sevan kann diese Schönheit erst nicht erkennen, bis ihm Ferdinand Reinecke, ein Handelspartner seines Onkels, eine Brille auf die Nase drückt. Zum ersten Mal sieht Sevan scharf – und dann gleich Smyrna. Für ihn ein überwältigender Moment:

„Sevan konnte den Blick nicht vom Ende der Bucht wenden, von dem Viertel, das Cordelio hieß und von dessen Farben er seiner Mutter erzählen wollte. Er sah Boote mit leuchtenden Segeln, die vor der Kaimauer tanzten, verfilzte, von Muscheln überwucherte Fischernetze im Sand und blau-weiß gestreifte Kabinen, aus denen Menschen in Badekleidung ins Wasser tapsten.“ (S. 23f.)

Einige Jahre später kommt auch Reineckes Tochter Klara zum ersten Mal nach Smyrna. Sie hat Berlin hinter sich gelassen, um hier Peter, den Sohn eines Warenhausbesitzers, zu heiraten. Bei der Einfahrt in den Hafen ist Peters Bruder Nimrod an ihrer Seite, den sie auf der Reise zufällig getroffen hat, und erklärt ihr die Küstenpromenade:

„Hier stehen wir also am Pier von Pasaport, wo sich Smyrnas Zollstationen, die britische ebenso wie die türkische, befinden. […] Das höchste Gebäude ist das Grandhotel Kraemer Palace, wo der Hochzeitsempfang ausgerichtet wird, daneben steht das Théâtre de Smyrne, es folgt der Sporting Club, das Herz des gesellschaftlichen Lebens, und ein Stück weiter unser brandneues Lichtspielhaus Seite an Seite mit dem französischen Konsulat.“ (S 104)

Der Blick auf Smyna muss damals wirklich beeindruckend gewesen sein!

zur Verfügung gestellt von Lydia Conradi


zur Verfügung gestellt von Lydia Conradi
 
Auch gesellschaftlich hatte das historische Smyrna einiges zu bieten. Verschiedenste Völker lebten hier mal mehr, mal weniger friedlich zusammen. Den größten Teil der Bevölkerung machten Griechen und Muslime aus. Lange gab es einen Konflikt um die Frage, zu welchem Land die Stadt gehört, über den ihr im Buch mehr erfahrt.

Eine Minderheit bildeten sowohl die Levantiner, zu denen Peters Familie zählt, als auch die Armenier, zu denen im Buch Sevan gehört. Erstere waren oft wohlhabende Familien, deren Vorfahren zum Handeln nach Smyrna gekommen sind. Letztere hatten einen schweren Stand, sie wurden immer wieder das Opfer von Diskriminierung und schließlich aus weitaus Schlimmerem. Auch in dieses bedrückende Kapitel gibt das Buch einen Einblick.

Smyrna war also eine Stadt, in der in den 1910er Jahren verschiedene Völker und damit auch verschiedene Religionen lebten. Die für den Handel günstige Lage zog viele Menschen an und so gab es gesellschaftlich, kulturell und auch architektonisch so einiges zu entdecken.

Und wie ist das heute?

Das heutige Izmir

Heute deutet bereit der türkische Namen der Stadt „Izmir“ darauf hin, welchem Staat sie sich befindet. „Schönes Izmir“ wird sie bis heute genannt. Sie ist in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts stark gewachsen und nunmehr mit inzwischen über 4 Millionen Einwohner die drittgrößte Stadt der Türkei.


©Lydia Conradi

Nach Istanbul besitzt Izmir den zweitgrößten Hafen des Landes. Vier Universitäten und eine Technische Hochschule befinden sich auf Stadtgebiet. Es bestehen Städtepartnerschaften in der ganzen Welt beispielsweise mit Bremen. Izmir breitet sich entlang der Rundung der Bucht in der türkischen Ägäis aus, das Häusermeer steigt sanft zu den Hügeln im Hinterland hinauf. Im Sommer laden traumhafte Strände zum Baden ein.
©Lydia Conradi

Etwa die Hälfte der Stadt fiel 1922 einem Brand zum Opfer, nahezu unverschont blieb das türkische Viertel in der Oberstadt. Das europäische Flair des alten Smyrnas, das sich an Frankreich und Italien orientierte, ist noch an allen Ecken zu finden. Touristen finden heute eine modern ausgerichtete, weltoffene, junge, aber lärmige Großstadt vor. Auf den Trümmern des früheren griechischen Viertels wurde der etwa 40 ha große Kulturpark erbaut. Ein Freilufttheater, Sportplätze und Messehallen sind auf dem Gelände zu finden. In den Außenbezirken kann der Interessierte große Villen besichtigen, wohingegen die Altstadt erahnen lässt, wie man sich das Leben von vor etwa hundert Jahren vorstellen kann. Hier finden sich einstöckige Häuser mit Klappläden, in deren Erdgeschoss kleine Geschäfte eingerichtet sind und in den engen Gassen verschachtelte Basare. 


Mosque & Market ©Lydia Conradi
Old Street ©Lydia Conradi


Stair with Shop ©Lydia Conradi
Sehenswert ist vor allem der Saat Kulesi (Uhrturm) auf dem zentralen Konakplatz, der von einem levantinischen Architekten entworfen wurde. Auf diesem zentral gelegenen Platz wurde der Uhrturm bereits 1901 im osmanischen Stil erbaut. Erwähnenswert ist vor allem, dass Kaiser Wilhelm II. die Turmuhr stiftete. Er steht direkt neben einer beeindruckenden Moschee, die in ihrer Schönheit allerdings mit der Hisar-Moschee, der größten Moschee der Stadt, im Viertel Kemeralti konkurrieren muss. Kein Reiseführer kommt um eine Empfehlung zur Besichtigung herum. Von allem unweit entfernt liegt der von Gustav Eiffel gestaltete Konak Pier. Wer bis hier gebummelt ist, kann das bunte Treiben von einem der Cafés an der Promenade genießen.


Gustave Eiffel Pier ©Lydia Conradi
Clocktower ©Lydia Conradi



















Weit in die Stadtgeschichte hinein bis ins Jahr 300 v.Chr. lässt die Kadifekale den Besucher blicken. Die alte Befestigungsanlage und die Burg befinden sich auf dem gleichnamigen Hügel im Stadtgebiet. Von hier aus hat man einen herrlichen Ausblick über den Golf von Izmir.
View from High Place ©Lydia Conradi

Gegenüber dem alten Smyrna besteht in Izmir nicht mehr die damalige Völkervielfalt, der größte Teil der Bewohner sind Türken. Auch das Nebeneinander der Religionen ist nicht mehr wie in Smyrna gegeben. Der Anteil der Muslime liegt über 95%. Doch die christlichen Gemeinen vor Ort, katholische wie auch evangelische, sind weiter lebendig. Das älteste Gotteshaus im Stadtgebiet ist die St. Polykarp Kirche aus dem Jahr 1620 und ebenfalls eine der Schönheiten Izmirs. Sie ist ein Wallfahrtsort in der Türkei. Leider haben die Armenier, die der Armenisch Apostolischen Kirche zu 90% angehören, auch heute noch einen schweren Stand in der Stadt wie eigentlich überall im Staat. Darum verbergen Armenier sehr häufig ihre Herkunft. Die griechisch-orthodoxe Gemeinde existiert praktisch nicht mehr und auch die jüdische Religion hat sich zurückgezogen. Von den sieben Synagogen werden nur noch zwei benutzt.


Mosque with Ornate Design ©Lydia Conradi
Church ©Lydia Conradi

Portuguese Synagoge ©Lydia Conradi


Wodurch sich die Bewohner von Izmir gegenüber anderen türkischen Städtern jedoch abheben ist die offene Art mit aktuellen Problemen umzugehen. Die Stadt präsentiert sich international und bietet auch kulinarisch eine große Vielfalt (à Thema Kulinarisches morgen auf buchherz.blog)

Was meint ihr, welche Stadt findet ihr reizvoller? Möchtet ihr auch gerne mal Izmir besuchen?

Quellen:


Ein besonderer Dank gilt der Autorin Lydia Conradi für ihre Korrekturen, Ergänzungen und vor allem für ihre Auskunft auf meine Frage zur Völker- und Religionsvielfalt in Izmir. Ihrer Begeisterung für die Stadt MUSS man sich einfach anschließen …

Die Autorin am Golf von Izmir ©Lydia Conradi

Wir hoffen, Euch hat unser Einblick ins historische Smyrna und heutige Izmir gefallen!

Zwei Stationen der Blogtour stehen nun noch aus. Morgen wird es bei buchherz.blog kulinarisch. Und am Freitag wird MrsBookmark auf Youtube ein Lesetagebuch vorstellen. Samstag erscheint schließlich noch eine Rezension auf dierabenmutti.de

Wir wünschen Euch ganz viel Spaß bei den weiteren Stationen!
Hanna & Ingrid

Kommentare:

  1. Hallo Ingrid,

    dieser Roman scheint ja ganz besonders gut zu sein, wenn man euren Rezis glauben kann.
    Mich interessiert, ob die Christen in Izmir nicht auch unter Druck geraten wie in anderen Teilen der Türkei. Auf jeden FAll sehe ich mir das Buch mal näher an. Danke für den Tipp!

    Noch mal was anderes! Ich habe dich für einen Award nominiert, schau doch mal rein, ob du mitmachen möchtest. Ich würde mich sehr freuen!

    http://sommerlese.blogspot.de/2017/10/diary-mystery-bloggeraward.html

    Liebe Grüße und eine gute Woche,
    Barbara!

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  2. Hallo Ingrid,

    ein traumhafter Beitrag, besonders die Entwicklung der STadt ist ja gigantisch. Für mich ist das ein absolutes Traumbuch.

    Wünsche dir eine gute Restwoche.
    LG Sonja

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    1. Hallo Sonja,

      vielen Dank für dein Lob, dass Hanna und ich natürlich gerne hören :D Vielleicht ergibt sich für dich die Möglichkeit, das Buch zu lesen.

      Hab' eine gute Zeit
      LG Ingrid

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  3. Hallo Ingrid,
    ein toller Einblick in die Stadt. Eure Rezensionen zum Buch habe ich ebenfalls schon duchgelesen, denn mir ist der Roman auch bei meiner Montasvorschau aufgefallen.
    Liebe Grüße
    Martina

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    1. Hallo Martina,
      lieben Dank für dein Lob, nehmen wir gerne entgegen :D Plane auf jeden Fall schon mal etwas länger ein, wenn du es lesen möchtest, denn die 670 Seiten sind dicht beschrieben ;)
      LG Ingrid

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  4. ein mega toller beitrag und für mich eine geschichte wäre die ich so noch nicht gelesen habe und außer meinem fantasy doch mal was anderes für mich wäre :-)
    VLG Jenny

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    1. Hallo Jenny,
      die Geschichte wird dir bestimmt gefallen, wenn Du mal in das historische Genre reinschnuppern willst. :)
      Liebe Grüße, Hanna

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  5. Guten Morgen liebe Ingrid!

    Ein schöner Einblick! Ich liebe es, in Büchern um die Welt zu reisen, Izmir hatte ich dabei noch gar nicht im Auge, freue mich aber, dass diese exotische und fremde Stadt nun auch ihr Plätzchen in einer Geschichte findet. :) Selbst hinzureisen, wäre mir wohl ein wenig zu unsicher in diesen Zeiten.

    Liebste Grüße
    Nina von BookBlossom

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