Sonntag, 25. März 2018

[Rezension Hanna] Sag den Wölfen, ich bin zu Hause - Carol Rifka Brunt



Sag den Wölfen, ich bin zu Hause
Autorin: Carol Rifka Brunt
Übersetzerin: Frauke Brodd
Hardcover: 488 Seiten
Erschienen am 23. Februar 2018
Verlag: Eisele
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Inhalt
Die fünfzehnjährige June hat eine enge Beziehung zu ihrem Patenonkel Finn. Sie liebt es, etwas gemeinsam mit ihm zu übernehmen, zum Beispiel zu The Cloisters zu gehen und sich dort ungewöhnliche Kunstwerke anzuschauen. Doch Finn ist krank, er wird bald an AIDS sterben. Als es so weit ist, stürzt June in tiefe Trauer. Doch bald muss sie feststellen, dass ihr entscheidende Dinge vorenthalten wurden. In Finns Apartment wohnt nun sein „spezieller Freund“, der von der Familie als Verantwortlicher für Finns Krankheit zur Persona non grata erklärt wurde. Wer ist dieser schlaksige Kerl, der unbeholfen Kontakt aufnehmen will? June ist neugierig und beschließt, heimlich mehr darüber herauszufinden.

Meinung
Insbesondere der ungewöhnliche Titel hat mich auf die Lektüre neugierig gemacht. Es ist der Titel des Portraits, das Finn kurz vor seinem Tod von June und ihrer Schwester Greta anfertigt. Dafür fahren sie fast jeden Sonntag zu ihm. Während die Zeit für June kostbar ist, reagiert Greta zunehmend unwillig. Einst waren die beiden unzertrennlich, doch inzwischen scheint Greta einfach kein Verständnis mehr dafür zu haben, was June wichtig ist.

Nach kurzer Zeit stirbt Finn an AIDS. Auf der Beerdigung sieht June einen Mann, der sich bewusst im Hintergrund hält und dem ihre Familie deutlich zeigt, dass er unerwünscht ist. Greta scheint mehr über das Warum zu wissen, nur June ist nicht eingeweiht. Ich konnte ihren Wunsch verstehen, mehr darüber hinausfinden zu wollen, gleichzeitig ihre Unsicherheit, auf einen Fremden zuzugehen.

Als es schließlich zu einem Gespräch mit ihm kommt erhält sie ein ganz neues Bild von ihrem Patenonkel Finn, der für sie so wichtig war. Wieso hat er ihr so viele entscheidende Dinge über sein Leben verschwiegen? Eine Erkenntnis ist für sie besonders schmerzhaft: Die wichtigste Person in Finns Leben kannte sie gar nicht. June empfindet Toby, dem Fremden, gegenüber Skepsis und Neid. Doch mit jeder neuen Information, die sie erhält, wandelt sich langsam ihr Bild. Ist Toby die Hilfe, die sie braucht? Oder machen ihre Gespräche mit ihm alles nur noch schlimmer?

Das Thema AIDS war in den 80ern, in denen das Buch spielt, noch relativ neu. Es gab zahlreiche Spekulationen, wie genau man sich anstecken kann, dementsprechend groß war die Angst vor dieser unbekannten Krankheit und man ließ im Umgang mit Erkrankten Vorsicht walten. Auch ein Coming-Out war noch sehr viel heikler als heute. Das Buch setzt sich damit intensiv und gelungen auseinander.

Besonders kostbar für June sind ihre bittersüßen Erinnerungen an Momente mit Finn. Die beiden haben sich bei ihrem gemeinsamen Ausflügen zum Beispiel immer auf besondere Dinge in ihrer Umgebung aufmerksam gemacht und hatten bestimmte Orte wie The Cloisters, die sie immer wieder besucht haben. Eine wichtige Rolle spielt auch die Beziehung von June zu ihrer Schwester. Greta bietet ihr immer wieder gemeinsame Unternehmungen an, zeigt ihr dann aber doch wieder die kalte Schulter. Es ist keine leichte Zeit für die beiden Schwestern, die nicht wissen, ob sie einander lieben oder hassen sollen. Das Portrait der von ihnen, das Finn angefertigt hat, wird schließlich auf überraschende Weise zu einem Schlüsselelement.

Fazit
„Sag den Wölfen ich bin zu Hause“ erzählt auf behutsame und berührende Weise von June, die ihren geliebten Patenonkel an AIDS verliert. Als Leser konnte ich Junes Gefühle gut nachvollziehen – ihre Trauer, ihre Unsicherheit dem Fremden gegenüber, der Finn so gut zu kennen schien, und ihre Entschlossenheit, sich nicht ohne Erklärung zufrieden zu geben. Das Buch thematisiert einfühlsam die  Bedeutung von Familie und Freundschaft auf verschiedenen Ebenen und stimmte mich nachdenklich in Bezug auf die Frage, was es auslösen kann, Dinge zu verschweigen. Gedanklich wird mich die Geschichte sicherlich noch länger begleiten. Für mich ist sie ein Lesehighlight, das ich klar weiterempfehle.

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