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Sonntag, 10. Februar 2013

[Rezension Hanna] David Mitchell - Die tausend Herbste des Jacob de Zoet




~ Inhalt ~


Japan, 1799: Der junge Buchhalter Jacob de Zoet kommt nach Dejima, einer künstlich angelegten Insel vor der Küste Japans. Seit Jahren ist Japan abgeriegelt, niemand darf das Land verlassen und niemand kommt ohne Aufsicht hinein. Jacob soll fünf Jahre auf der gefängnisähnlichen Insel verbringen und mit den Japanern Handel treiben, um anschließend als wohlhabender Mann in die Niederlande zurückzukehren und seine große Liebe Anna zu heiraten. Doch das Leben auf Dejima ist geprägt von Intrigen und Schmugglerei, jeder ist auf seinen eigenen Vorteil bedacht. Als aufrichtiger und ehrlicher Mann gerät Jacob schnell zwischen die Fronten. Auch die Liebe zu einer Japanerin, welche plötzlich spurlos verschwindet, lässt ihn nicht los und veranlasst ihn zu Nachforschungen.

~ Meinung ~


Das Cover des Buches ist außergewöhnlich und hat mich überhaupt erst dazu verleitet, mir das Buch näher anzuschauen und es schließlich zu kaufen. Im Vordergrund sind japanische Häuser auf einer kleinen Insel zu sehen, im Hintergrund ein niederländisches Schiff, dass gen Horizont segelt. Es spiegelt die Atmosphäre des Buches gut wieder, und die im Licht leuchtenden blauen Bildteile sind ein schöner Blickfang.

Der Einstieg in die Geschichte ist mir nicht leichtgefallen. Wie auch auf Jacob strömen auf den Leser mit der Ankunft auf Dejima zahlreiche Charaktere, Orte und Problemstellungen ein, über die ich nur allmählich einen Überblick erhielt. Sehr hilfreich war das Personenverzeichnis am Ende des Buches, denn die Namen der niederländischen Kaufmänner und japanischen Dolmetscher sind zwar authentisch, dafür aber nicht sehr eingängig – immer wieder habe ich nachschlagen müssen, wer nun welche Funktion innehatte.

Nach einiger Lesezeit hatte ich mir einen recht guten Überblick über Dejima verschaffen können und verfolgte Jacobs Versuche, seinen Prinzipen treu zu bleiben und das Leben auf der Insel zu meistern. An Mitchells Sprache musste ich mich dabei gewöhnen: Jeder Satz will genau gelesen und verstanden werden, um die versteckte Ironie, den versteckten Ärger, die versteckte List aufzuspüren. Dabei wohnt ihr eine ganz eigene Poesie inne. Der häufige Perspektivenwechsel erlaubt es zudem, sich in die Gefühlswelt der verschiedenen Personen hineinversetzen zu können. Dann jedoch werden Sätze unterbrochen, um Gedanken oder Szenen, die sich im Hintergrund abspielen, einzuschieben, was den Lesefluss oft schwer machte.

Nach gut einem Jahr auf Dejima muss Jacob zwei bittere Überraschungen erleben. Ich fragte mich, wie er wohl damit wird umgehen können. Aber bevor mir diese Fragen beantwortet werden – macht die Geschichte einen Ortswechsel. Und für die nächsten 300 Seiten wird Jacob de Zoet zu einer Nebenfigur. Eine Frau tritt in den Mittelpunkt der Geschichte, dann ein japanischer Dolmetscher, schließlich ein Kapitän. Die Aufklärung vieler Handlungsstränge wird offen gelassen und ich blieb mir zahlreichen unbeantworteten Fragen zurück. Als die Geschichte zu Jacob zurückkehrt, ist einige Zeit vergangen, und was er in der Zwischenzeit erlebt hat, konnte ich nur grob nachvollziehen. 

~ Fazit ~


Mit der kleinen Insel Dejima vor der japanischen Küste hat David Mitchell ein spannendes und gut recherchiertes Setting gewählt, denn das Leben auf so kleinem Raum mit so vielen Menschen aus zwei verschiedenen Nationen bietet viel Stoff für Geschichten. Die Umsetzung lässt mich mit gemischten Gefühlen zurück. Das Buch vereint zahlreiche Genres und erzählt herausragende Geschichten mit starken Charakteren. Die Sprache blieb bis zum Schluss jedoch gewöhnungsbedürftig, und mit der Zeit entstanden immer mehr Erzählstränge, von denen viele leider gar nicht abgeschlossen oder aufgelöst wurden. Das Buch hat mir einen guten Eindruck vom Leben auf Dejima und das Schicksal Jacob de Zoets verschafft, ansonsten aber zahlreiche Fragen offen gelassen. Wer sich für die Geschichte Japans im 18. Jahrhundert interessiert, dem empfehle ich, sich am besten selbst einen Eindruck von diesem Buch zu verschaffen.



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Gebundene Ausgabe: 720 Seiten
Erscheinungsdatum: September 2012
Verlag: Rowohlt
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