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Mittwoch, 13. März 2019

Rezension: Rheinblick von Brigitte Glaser


Rezension von Ingrid Eßer

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Titel: Rheinblick
Autorin: Brigitte Glaser
Erscheinungsdatum: 22.02.2019
Verlag: Ullstein
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Leseband
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Der Roman „Rheinblick“ von Brigitte Glaser brachte mich handlungsmäßig nach Bonn in das Jahr 1972. Sonja und Hilde, die Protagonistinnen der Geschichte, genießen gerne den Blick über den Rhein auf den Drachenfels im Siebengebirge, wie er auf dem Cover zu sehen ist. Ich war auch schon mehrfach hier zu Besuch, weil ich die Gegend sehr mag.

Die 23-jährige Logopädin Sonja Engel wohnt in einer Wohngemeinschaft mit den Studenten Kurt, Max und Tine. Im November 1972 wird ein zunächst geheimnisvoller Politiker eingeliefert, den sie nach einer Stimmband-OP betreuen soll. Es ist der gerade neu gewählte Kanzler Willy Brandt ist. Es stellt sich die Frage, ob er für eine Weile ohne Stimme seine Geschäfte in seinem Sinne fortführen kann oder ob es vielleicht Parteigenossen gelingen wird, sich einen Teil seiner Macht zu eigen zu machen.

Unterdessen herrscht das alltagsübliche Treiben in der Gaststätte „Rheinblick“ von Hilde Kessel. Nach dem Tod ihres Ehemanns vor zwei Jahren führt sie das Lokal alleine weiter. Hier treffen sich Politiker aller Couleur, deren Mitarbeiter und viele Bonner Bürger zum Essen, auf ein Kölsch und zum Gedankenaustausch. Hilde hat sich als diskret erwiesen und wird von manchem Gast ins Vertrauen gezogen. Doch jetzt findet sie sich in einem politischen Intrigenspiel um Postengerangel im Kanzleramt wieder.

Brigitte Glaser schafft es, ein realistisches Bild der Geschehnisse zur Kanzleiwahl und den darauffolgenden Tagen im November 1972 entstehen zu lassen. Neben den historisch verbrieften Persönlichkeiten, wie beispielsweise Brandt, Schmidt, Bahr und Wehner lässt sie auch fiktive Figuren agieren, die ihre eigenen Ecken und Kanten haben. Sonja und Hilde blicken manchmal auf die vergangenen Jahre zurück und haben sich aus ihren Erfahrungen heraus weiterentwickelt. Jedoch wird auf dem politischen Parkett nach wie vor integriert, gehasst und gegeneinander ausgespielt. Die beiden Frauen sind auf ihre Weise damit verknüpft und obwohl das Ränkespiel ihnen bewusst ist, besteht die Schwierigkeit nicht nur darin, unbehelligt aus einer solchen Situation herauszufinden sondern vor allem erscheint es nahezu unmöglich, sich davon fernzuhalten.

Neben der Darstellung der politischen Lage schreibt die Autorin auch über erste Erfolge der Emanzipation von Frauen und über deren Ansehen in der Gesellschaft. Sie schildert das Zusammenleben in einer Wohngemeinschaft und das studentische Leben. Neben der Hoffnung auf Genesung des Kanzlers bindet sie eine zarte Liebesgeschichte in den Roman ein und lässt in einer Nebenhandlung einen Mord aufklären der verbunden ist mit dem düsteren Kapitel der Misshandlung von Kindern in Heimen. Ebenso trägt ein kurzer Einblick in den Journalismus einer Zeitschrift zur abwechslungsreich ausgestalteten Erzählung des Romans.

Im Anhang findet sich ein Soundtrack, denn die Geschichte wird von Brigitte Glaser mit entsprechender Musik, die damals gehört wurde, unterlegt und viele werden sich beim Lesen an die Lieder erinnern. Anhand einer Literaturliste findet der Leser passende Lektüre über die damaligen Politiker und ihre Zeit, in einem Glossar sind die wichtigste Begriffe aus Wirtschaft und Politik erklärt sowie biografische Daten berühmter Staatsmänner aufgeführt.

„Rheinblick“ ist eine anschauliche Lektüre über ein wenig bekanntes Kapitel der deutschen Geschichte, nämlich der Stimmbanderkrankung von Willy Brandt unmittelbar an seine Kanzlerwahl 1972. Brigitte Glaser lässt die Ereignisse gekonnt authentisch präsent werden und baut nebenher noch durch die Handlungen eine gewisse Spannung auf und hält sie bis zum Schluss. Ich wurde von dem Roman bestens unterhalten und empfehle ihn gerne weiter.