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Freitag, 11. Juni 2021

Rezension: Der Ozean am Ende der Straße von Neil Gaiman

 


Rezension von Ingrid Eßer

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Titel: Der Ozean am Ende der Straße
Autor: Neil Gaiman
Übersetzer aus dem Englischen: Hannes Riffel
Erscheinungsdatum: 30.04.2021
Verlag: Eichborn (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover
ISBN: 9783847900719
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„Der Ozean am Ende der Straße“ von Neil Gaiman ist eine Fantasy. In der mir vorliegenden Ausgabe finden sich über hundert liebevoll gestaltete Tuschezeichnungen von Elise Hurst, die der Geschichte eine passende, eher düstere Atmosphäre verleihen.

Ein Mann, etwa Mitte Vierzig, kehrt nach einer Beerdigung an den Wohnort seiner Kindheit zurück. Sein Elternhaus wurde längst abgerissen, neu errichtet und später verkauft, aber am Ende der Straße gibt es immer noch den Ententeich hinter einem alten Bauernhof. Hier lebte damals seine Spielgefährtin Lettie, vier Jahre älter als er selbst. Er erinnert sich daran, dass er damals Lettie im Wasser gesehen hat und allmählich kehren seine Erinnerungen an das große, vieles verändernde Abenteuer zurück, das er erlebt hat, als er sieben Jahre alt war.

Als Leserin hat mich die Geschichte immer tiefer in das Geschehen gezogen. Der unbenannte Mann erzählt aus der Ich-Perspektive zunächst in der Gegenwart, um dann in Gedanken in die Vergangenheit einzutauchen hin zu einem Erlebnis, dass in den 1960er Jahren stattgefunden hat. Alles beginnt mit einem Besuch auf dem Bauernhof der Nachbarn im Rahmen einer außergewöhnlichen Begebenheit. Seltsam wird es für den Jungen dann, als Lettie ihm erzählt, dass sie von jenseits des Ozeans gekommen sind, von dem der Junge mit eigenen Augen sieht, dass sie damit den Teich hinter dem Haus meint. Ab diesem Zeitpunkt geschehen immer mehr Dinge, die nicht alltäglich sind und zunehmend mysteriös werden.

Neil Gaiman erzählt eine spannend aufgebaute Geschichte mit einzigartigen sagenhaften Gestalten. Als Leserin hielt ich es für denkbar, dass der kleine Junge die Ereignisse nur in seiner Fantasie erlebt hat, denn er fühlt sich allein gelassen, seine Eltern sind beide berufstätig, es sind Ferien und er hat keine Freunde zum Spielen. Stattdessen soll eine Haushälterin auf die beiden Kinder aufpassen, auf deren Anweisungen er nicht hören möchte und dadurch bei ihr in Misskredit gerät.

Zum ersten Mal erlebt er seinen Vater gewalttätig, was ihm seine Erfindungskraft auch durch die wahrgenommene angespannte finanzielle Situation der Eltern vorspielen könnte, die eventuell zu harschen ungewohnten lieblosen Worten und härterem Auftreten des Vaters führte. Die Veränderung im Verhalten seiner Eltern erklärt er sich durch magischen Einfluss. Der Roman lässt insgesamt großen Spielraum zur Interpretation offen, auch fragte ich mich, ob Neil Gaiman eigene Erlebnisse aus seiner eigenen Kindheit in der Erzählung verarbeitet hat.

Durch die Schilderungen des kleinen Jungen wirken die phantastischen Gestalten überdeutlich groß, seine Angst ist spürbar. Auf dem Bauernhof begegnet er drei Frauen verschiedenen Alters, darunter auch Lettie als jüngste von ihnen. Er fühlt sich rundum wohl in ihrer Nähe. Das Wissen um ihre vermeintliche Existenz gibt ihm Rückhalt und Kraft, die schwierige Zeit zu überstehen.

Neil Gaiman versteht es in seinem Roman „Der Ozean am Ende der Straße“ in einer mitreißenden, ausdrucksstarken Sprache aus einer zunächst scheinbar unbedeutenden Alltagssituation heraus eine zunehmend und bis zum Schluss anhaltend spannende Fantasiegeschichte zu erzählen. Von einem Lesesog erfasst flog ich über die mit stimmungsvollen schönen Tuschezeichnungen von Elise Hurst versehenen Seiten hinweg. Sehr gerne vergebe ich eine Leseempfehlung an Leserinnen und Leser, die eine besondere Geschichte mit mystischen Elementen mögen.