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Freitag, 29. Dezember 2023

Rezension: Mrs Potts' Mordclub und der tote Bräutigam von Robert Thorogood

 


(Kurz-)Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Mrs Potts' Mordclub und der tote Bräutigam
Band 2 von bisher 2
Autor: Robert Thorogood
Übersetzer aus dem Englischen: Ingo Herzke
Erscheinungsdatum: 05.10.2023
Verlag: KiWi
ISBN: 97833462002188
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Es ist etwa ein Jahr vergangen, seit es in der britischen Stadt Marlow, die westlich von London liegt, zu mehreren Morden kam. Judith Potts, 78 Jahre alt, verwitwet und Erstellerin komplizierter Kreuzworträtseln hat damals gemeinsam mit ihren jüngeren Freundinnen, der Hundesitterin Suzie und der Pfarrersfrau Becks, entscheidend zu den Aufklärungen der Fälle beigetragen.

Im zweiten Band der Reihe „Mrs Potts Mordclub“ von Robert Thorogood mit dem Titel „Der tote Bräutigam“ sind die drei Frauen vor Ort als Sir Peter Bailey am Tag vor seiner Hochzeit tot in seinem abgeschlossenen Arbeitszimmer aufgefunden wird. Die Umstände sind außergewöhnlich, denn ein schwerer Schrank ist auf ihn gefallen und der Schlüssel zum Raum befindet sich der Hosentasche des Toten. Von der Kriminalpolizei wird der Fall schnell als Unfall abgeschlossen. Doch Judith Potts und ihren Freundinnen fallen immer mehr Details ins Auge, die auf gewollte äußere Eingriffe in das Geschehen, das zum Tod von Sir Bailey führte, hinweisen.

Mir hat es gefallen, dass der Autor die Protagonistinnen genau hinschauen und Zusammenhänge erkennen lässt, die dennoch keine Lösung bieten und mich lange miträtseln ließen. Am Ende der Geschichte machen Becks und Suzie ihrer Freundin Judith Vorwürfe, die das weitere Miteinander der Ermittlerinnen in Frage stellen. Doch manchmal ist bei diesem Kriminalfall alles nur Schein statt Sein. 

Entsprechend eines Cosy Crime kommen die Ermittlungen gemächlich voran. Der Mord sorgt für hohe Aufregung in der kleinen Stadt, in der jeder und jede alle zu kennen scheinen. Das Erbe des Herrenhausbesitzers rückt in den Mittelpunkt. Weil jedoch mehrere Personen sich Hoffnung darauf machen, gibt es einige Mordverdächtige und die Ermittlungen werden immer komplexer.

Obwohl das Motiv für den eventuellen Mord an Sir Bailey eindeutig erscheint, konnte mich die letztliche Auflösung überraschen. Während durchgehend die Spannungskurve gehalten wurde, brachte Robert Thorogood sie zum Schluss auf einen Höhepunkt dadurch, dass eine der drei ermittelnden Freundinnen in unmittelbare Gefahr geriet. Ich empfehle den Krimi gerne weiter, denn er hat mich bestens unterhalten.


Samstag, 16. Dezember 2023

Rezension: Das mangelnde Licht von Nino Haratischwili

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Das mangelnde Licht
Autorin: Nino Haratischwili
Erscheinungsdatum: 25.02.2022
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Leseband
ISBN: 9783627002930
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Erstmal vorweg: Ich finde, dass alles Gute, was ich vor dem Lesen über den Roman „Das mangelnde Licht“ von Nino Haratischwili gehört habe, stimmt!

Der Titel des Buchs bezieht sich auf ein Foto, das eine der vier Protagonistinnen, die Fotografin von Beruf ist, von den anderen dreien aufgenommen hat. Obwohl dieses Bild vom Sonnenlicht geflutet ist, fängt es die desillusionierte Stimmung der Freundinnen ein, über deren junge Leben sich viele Schatten gelegt haben. Dina hat als Fotografin sich nie, auch im übertragenen Sinne nicht, mit zu wenig Licht zufriedengegeben. Auf ihre Weise hat sie einen Kampf dagegen geführt, hat Situationen in Krisengebieten mit ihrer Kamera festgehalten und die Fotos in Zeitungsartikeln und Ausstellungen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, damit die Welt hinschaut und erkennt. Dabei hatte sie die Hoffnung, dass ihr Land, ihre Stadt, ihr Umfeld das dunkle Geschehen beenden kann, das alles ins Verderben zieht.

Nach einer ersten Einführung der Hauptfiguren befand ich mich im Jahr 1987. Aufgrund einer Einladung besucht die Ich-Erzählerin Keto ebenso wie zwei ihrer Freundinnen in Brüssel eine Ausstellung mit Werken von Dina, die das Vierer-Kleeblatt früher komplettiert hat, aber vor mehreren Jahren verstorben ist. Durch die Erwähnung ihres Tods an einem Strick auf der ersten Seite stellten sich bei mir als Leserin die Frage nach den Umständen ihres Sterbens. Es wird viele Seiten brauchen, bis fast zum Ende des Romans, bis ich eine Antwort auf meine Fragen erhalte.

Dinas Fotos haben nichts von ihrer Wirkung auf den Betrachter verloren. Keto geht von Bild zu Bild. Jedes Foto ordnet sie darauf ein, wann und wo es aufgenommen wurde. Ihre Erinnerungen entwickeln sich zu einer Geschichte, die auf die Jahre der Freundschaft der vier Frauen zurückblickt, die Ende 1980er Jahre beginnt.

Während sich Georgien noch in einer starken Unabhängigkeitsbewegung befindet, werden die späteren Freundinnen Dina, Nene, Ira und Keto in Tiflis zu Klassenkameradinnen. Dina ist von den vier Frauen diejenige, die am stärksten nach Freiheiten sucht, sowohl im Denken wie auch für ihre Handlungen. Nene wächst in einer patriarchalen Familie auf, bewahrt aber trotz strenger Vorgaben immer ihre Gutmütigkeit, gelegentlich gepaart mit Sentimentalität. Dagegen ist Ira die Strebsamste und steht Fakten nüchtern gegenüber. Die drei Freundinnen, die bei ihren Familien in der Altstadt leben, brauchen Keto in ihrer Mitte, um den Zusammenhalt durch ihr ausgleichendes Gemüt zu sichern. Sie stehen einander bei, als sie den ersten Liebeskummer erleben. Schwieriger wird ihre Beziehung, nachdem Freunde, Bekannte und Verwandte sich zu zwei konkurrierenden Gangersterbanden zusammenfinden und sie sich auf verschiedenen Seiten wiederfinden mit wenig Möglichkeiten, sich den Verbrechen entgegenzustellen.

Die Autorin erzählt mit einer großen Genauigkeit, die sich nicht mit der Schilderung des Erlebten begnügt, sondern auch die Hintergründe öffnet. Sie lässt Keto nicht nur ihre eigenen Gefühle beschreiben, sondern sie lässt sie auch sich in die Gedankenwelt der Freundinnen versetzen. Aufgrund gemeinsamen Gespräche sucht Keto nach Gründen für deren Handlungen. Jedes der von Keto in Brüssel betrachteten Fotos bringt eigene Geschichten ans Licht: romantisch oder mit grausamen Folgen, voller Lebensfreude oder am Ende der Hoffnung, aber immer lesenswert gestaltet, so dass ich keinen Part missen wollte.

Die vier Freundinnen wachsen inmitten eines Umfelds auf, in dem die einen nach Macht trachten und die anderen sich diesen Bestrebungen beugen. Schon früh wird ihnen schmerzlich deutlich, dass sie nur durch eigenes Tun den um sie befindlichen Ring aus Gewalt und Verzweiflung durchbrechen können. Über die vielen Seiten des Romans hinweg liegt eine unterschwellige Spannung, ob das den jungen Frauen gelingen wird.

In ihrem Roman „Das mangelnde Licht“ erzählt Nino Haratischwili mit großem Einfühlungsvermögen von der Freundschaft vier junger georgischer Frauen, die während der Bewegung zur Unabhängigkeit des sozialistischen Landes aufwachsen. Ihre Verbundenheit wird vielfach auf die Probe gestellt durch Eifersucht und Gewalt im Umfeld bis hin zu Verrat, ist aber ebenso geprägt von gemeinsamen Momenten des Glücks und Hilfsbereitschaft. Sehr gerne empfehle ich das Buch uneingeschränkt weiter.

 



Mittwoch, 13. Dezember 2023

Rezension: Zimt - Für immer von Magie berührt von Dagmar Bach

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Zimt - Für immer von Magie berührt
3. Band von 3 der 2. Staffel
Autorin: Dagmar Bach
Erscheinungsdatum: 26.07.2023
Verlag: KJB
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Farbschnitt
ISBN: 9783737342773
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In „Zimt – Für immer von Magie berührt“ von Dagmar Bach gerät die Protagonistin, die fünfzehnjährige Vicky King, in äußerste Gefahr und auch ihre Familie. Das Buch ist der dritte und abschließende Band der zweiten Staffel der „Zimt-Reihe“.

Schuld für die desaströse Situation, in der Vicky sich befindet, ist der niederträchtige Vater eines Schuldfreunds, der es aus dem Multiversum in die hiesige Welt geschafft hat. Bereits im vorigen Teil der Serie glaubten Vicky und ihre Freunde, die Bedrohung durch ihn beseitigt zu haben. Um das Problem zu lösen, ist es nicht hilfreich, dass Vicky und ihr Freund Konstantin in Begleitung von Zimtgeruch unregelmäßig in Parallelwelten versetzt werden. Sie müssen handeln und eine Lösung dafür finden, die Universen gezielt zu wechseln. Als ob das noch nicht genug wäre, muss Vicky sich damit auseinandersetzen, dass ein Parallel-Ich in der Beziehung mit Konstantin in Liebesdingen schon deutlich weiter fortgeschritten ist als sie selbst. Sie fragt sich in diesem Zusammenhang, ob sie wohl für den Austausch von Liebesbekundungen bereit ist.

Vicky ist und bleibt eine sympathische Protagonistin, der Familie und Freunde wichtig sind. Sie versucht immer einen Ausgleich herzustellen, wenn es in ihrem Umfeld zu einem Konflikt kommt. Dabei ähnelt ihr normaler Alltag dem vieler Gleichaltriger, so dass man sich gut in die Figur einfinden kann und sich beim Lesen manchmal wünscht, an ihrer Seite zu sein.

Ihre Großeltern sorgen auch diesmal durch ihre Social Media Aktivitäten für zwischenzeitliche Auflockerung der manchmal heiklen Situationen, in die Vicky gerät. Die Autorin schafft es, die Spannung anzuziehen, dann leicht zu lockern, um sie erneut bis zum Ende hin zu steigern.

Der Band ist ein passender Abschluss der großartigen Jugendbuchserie, der wieder mystisch, romantisch und dramatisch zugleich ist. Ich empfehle die Serie sehr gerne weiter, auch an interessierte Erwachsene, denn sie hat mir viele vergnügliche Lesestunden bereitet.


Sonntag, 3. Dezember 2023

Rezension: Kleine Probleme von Nele Pollatschek


Kleine Probleme
Autorin: Nele Pollatschek
Hardcover: 208 Seiten
Erschienen am 7. September 2023
Verlag: Galiani-Berlin
Link zur Buchseite des Verlags

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Lars ist ein Autor, der seit dem Schritt in die Selbstständigkeit jedoch noch kein einziges Buch geschrieben hat. Etwas Großes soll es werden, ein Lebenswerk, das Ende des Jahres abgabebereit ist. Doch jetzt ist der 31. Dezember, kurz nach Mittag, und das Buch ist genauso wenig fertig wie all die anderen ToDos, die sich im Laufe des Jahres angesammelt haben. Als seine Frau ihm schreibt, dass ihr Flieger sich verspätet und er vor der Silvesterparty noch einige Dinge erledigen soll, stellt er eine Liste auf: 13 Punkte will er bis Mitternacht abarbeiten. Jetzt aber wirklich. Dass er bis 13 Uhr nur auf die Liste gestarrt hat ist allerdings kein guter Anfang...

Die allermeisten werden es kennen: Unangenehme Aufgaben schiebt man gerne mal vor sich her. Auch wenn ich selbst die meisten Dinge zügig erledige, steht ein Fahrrad mit plattem Reifen in meinem Keller, an dem ich auf dem Weg zur Waschmaschine jedes Mal mit schlechtem Gewissen vorbeihusche. Das Problem bei Lars ist jedoch deutlich ausgewachsener. Nicht nur arbeitet er seit Jahren an einem Roman, den er nicht mal richtig begonnen hat, bei ihm scheitert es an den grundlegendsten Aufgaben wie putzen und Nudelsalat machen. Doch an Silvester trifft ihn die Erkenntnis: Jetzt oder nie.

Der rund 200 Seiten umfassende Roman ließ mich Lars' Gedankenstrom folgen. Als ehemaliger Philosophiestudent macht er sich nicht plötzlich an die Arbeit, sondern reflektiert intensiv seine Situation und sinniert auch mal über Arbeit und Leben im Allgemeinen. Für mich grenzte es geradezu an ein Wunder, dass er bei all dem Denken überhaupt etwas geschafft bekommt. Er ist ein tragikomischer Charakter, der zum Scheitern geradezu verdammt zu sein scheint. Gleichzeitig hegte ich die Hoffnung, dass er doch noch irgendwie die Kurve kriegt. Ihm zuzuschauen ist amüsant, auf Dauer jedoch auch etwas ermüdend. Schließlich nimmt Lars' Kampf gegen den eigenen Schweinehund geradezu spektakuläre Züge an, die Schwung in die letzten Seiten bringen. 

"Kleine Probleme" berichtet überspitzt, unterhaltsam und mit einer guten Portion schwarzem Humor von den Anstrengungen des Abarbeitens gefühlt nie enden wollender ToDo-Listen. Vorsicht ist geboten, wenn ihr dieses Buch in den letzten Tagen des Jahres lest - die könnten danach weniger entspannt werden, als ihr dachtet!

Samstag, 2. Dezember 2023

Rezension: Die Bibliothek im Nebel von Kai Meyer


Die Bibliothek im Nebel
Autor: Kai Meyer
Hardcover: 560 Seiten
Erschienen am 2. November 2023

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Im Jahr 1917 flieht der Bibliothekar Artur aus Sankt Petersburg, nachdem die Geheimpolizei seinen Onkel, seine Tante und seine Cousine aus ihrem Haus verschleppt hat. Ein Bekannter verschafft ihm eine Schiffspassage nach Deutschland, wo er in Leipzig ein Manuskript abliefern soll. Artur hofft vor allem, dort Mara wiederzubegegnen, für die er noch immer Gefühle hat. Doch sie hat sich drei Jahre zuvor während eines Urlaubs an der Côte d'Azur gegen ihn und für ein Leben in Leipzig entscheiden. 

Die Koffer, welche die Familie dort am Urlaubsende für das nächste Mal zurückgelassen hatte, findet 1928 die elfjährige Liette auf dem Dachboden des Hotels. Darin mach sie eine Entdeckung, die ihre Neugier weckt. Im Jahr 1957 begibt sie sich als Hoteldirektorin gemeinsam mit dem ehemaligen Journalisten Thomas Jansen auf die Suche nach Mara - angeblich, weil diese die Alleinerbin der Villa auf dem Nachbargrundstück ist, dessen Bibliothek Liette seit ihrer Kindheit fasziniert. Doch eine gefährliche Person ist den beiden auf den Fersen.

Das Buch spielt ingesamt auf drei Zeitebenen, sodass ich eine Weile brauchte, um in der Geschichte anzukommen. Ich erfuhr zunächst nur das Nötigste über die Charaktere und merkte schnell, dass es über diese einiges zu erfahren gibt. Was ist zwischen Artur und Mara vorgefallen? Was ist aus dem Fund geworden, den Liette auf dem Dachboden gemacht hat? Und wieso will sie Mara unbedingt ausfindig machen? Das sind nur einige Fragen, die ich mir bald stellte.

Mit jedem Kapitel erhielt ich neue Puzzlestücke. So erfuhr ich zum Beispiel, wie Artur und Mara sich kennenlernten und folgte den Spuren, die Mara in Frankreich hinterlassen hat. Bald wird klar, dass alle drei Zeitebenen eng miteinander verwoben sind und ich das große Ganze verstehen muss, um alle Antworten zu erhalten. Es gibt viele Zeitsprünge, dafür bleibt die Zahl der Charaktere übersichtlich, sodass ich den Überblick behalten konnte.

Auf allen Zeitebenen gibt es gefährliche Personen, welche die Wege der Charaktere kreuzen. Es kommt zu hochspannenden Szenen, in denen es um Leben und Tod geht, dazwischen jedoch auch längere ruhige Phasen, in denen der Fokus auf Rückblicken und der Suche nach Mara liegt. Diese bleibt als Figur am wenigsten greifbar. Gleichzeitig bilden die Fragen nach ihren Geheimnissen und der Motivation ihres Handelns den Kern des Romans. Die Neugier, hier endlich Antworten zu erhalten, ließ mich weiterlesen, bis meine Geduld in den letzten Kapiteln endlich belohnt wurde.

"Die Bibliothek im Nebel" bietet eine Handlung, die sich über mehrere Jahrzehnte und von Russland über Deutschland bis nach Frankreich erstreckt. Wer Lust hat, tief in einen Roman einzutauchen und zahlreiche Geheimnisse Stück für Stück zu lüften, der ist hier genau richtig. Ein intensives Leseerlebnis, das mir sehr gut gefallen hat.

Mittwoch, 29. November 2023

Rezension: Besser allein als in schlechter Gesellschaft von Adriana Altaras

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Besser allein als in schlechter Gesellschaft:
Meine eigensinnige Tante
Autorin: Adriana Altaras
Erscheinungsdatum: 09.03.2023
Verlag: Kiepenheuer & Witsch (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN: 9783462004243

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„Besser allein als in schlechter Gesellschaft“ ist nicht nur der Titel des Buchs von Adriana Altaras, sondern auch das Motto nach der ihre Teta Jela in ihren letzten Jahren lebt. Ihre Tante heißt mit vollem Namen Jelka Motta. Sie steht kurz vor ihrem hundertsten Geburtstag, als sie stürzt und aufgrund ihrer Verletzung Pflege benötigt. Sie wird in einem Seniorenheim im italienischen Mantua aufgenommen, in der Stadt, in der sie auch wohnt. Der Lockdown in der Corona-Krise verhindert es, dass ihre in Berlin lebende Nichte Adriana sie besucht. Es folgen lange Telefonate und irgendwann erklärt eine Pflegerin der Tante die Technik des Skypens.

Die Autorin erzählt die Geschichte ihrer Teta Jela, mit dem auch ein großer Teil ihres eigenen Lebens verbunden ist, aus zwei sich abwechselnden Sichtweisen. Einerseits offenbarte sie mir als Leserin ihre eigenen Gefühle bei den Kontakten zu ihrer Tante, andererseits wechselt Adriana Altaras die Perspektive, versetzt sich in Jelka Motta und lässt sie als Ich-Erzähler berichten. Durch die Erzählform erfuhr ich einiges über den Alltag der betagten Tante aus nächster Nähe. Deren Erinnerungen blicken zurück auf ein bewegtes Leben. Vor allem ist es berührend, dass sie als Jüdin ein Konzentrationslager im Zweiten Weltkrieg überlebt hat. Als ihr Schwager, der Vater der Autorin, in den 1960er Jahren aus Zagreb fliehen muss und ihre Schwester dort noch zurückgehalten wird, nimmt sie die vierjährige Adriana bei sich in Italien auf. Die beiden entwickeln ein inniges Verhältnis zueinander.

Aus der Ferne organisiert die Autorin, was immer sich ihre Tante wünscht. Gleichzeitig schenkt sie ihr uneingeschränkt Vertrauen und erzählt ihr die eigenen Probleme. Jelka Motta war eine Frau mit eigenen Ansichten, die sich bis ins hohe Alter hinein ein selbstbestimmtes Leben zu erhalten gesucht hat. Die Autorin teilt mit den Lesenden auch ihre Emotionen aufgrund der Trennung von ihrem Mann, aber sie lässt auch ihre Teta Jele darüber zu Wort kommen, wen diese geliebt und besonders gernhatte. Die Tante war der Ansicht, dass ihre selbstgemachte Pasta über viele Sorgen hinweghelfen konnte. Obwohl im Buch einige bewegende Ereignisse geschildert werden, versteht Adriana Altaras ihnen die Schwere zu nehmen, indem sie ihnen bewusst einige amüsante Situationen entgegensetzt.

Das Buch „Besser allein als schlechter Gesellschaft“ ist ein warmherziges, familiäres Portrait der in Italien lebenden, in Jugoslawien aufgewachsenen Jelka Motta, der Tante der Autorin Adriana Altaras. Die Geschichte zeigt den respektvollen, hilfsbereiten Umgang zwischen der fast Hundertjährigen und ihrer etwa vierzig Jahre jüngeren Nichte. Das Verständnis füreinander lässt sie gemeinsam lachen und wehmütig sein, aber niemals aufgeben. Gerne empfehle ich das Buch uneingeschränkt weiter.

Donnerstag, 23. November 2023

Rezension: Nightbitch von Rachel Yoder

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Nightbitch
Autorin: Rachel Yoder
Übersetzerin aus dem amerikanischen Englisch:
Eva Bonné
Erscheinungsdatum: 16.09.2023
Verlag: Klett-Cotta (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN: 9783608986877
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Die US-Amerikanerin Rachel Yoder schreibt in ihrem Debüt „Nightbitch“ über eine Künstlerin, die ihren Job in einer Galerie aufgegeben hat, um sich nur noch um den zweijährigen Sohn und den Haushalt zu kümmern. Ihr Spitzname ist titelgebend, aber es scheint, dass sie der doppelten Bedeutung der „Bitch“ immer gerechter wird. Einerseits nimmt sie die Bezeichnung als „Miststück“ selbstironisch, andererseits glaubt sie zunehmend, dass sie sich in eine Hündin verwandelt, denn sie spürt erste körperliche Veränderungen in dieser Richtung.

Die Autorin erzählt die Geschichte aus einer allwissenden Sicht mit Fokus auf die Protagonistin, der sie keinen Vor- oder Zunamen gibt, sondern sie gleich zu Beginn mit „Nightbitch“ oder „Mutter“ benennt. Das besondere Stilelement wird eventuell vielen Lesenden hilfreich dabei sein, sich in dieser Rolle wiederzuerkennen.

Nightbitch betont im Laufe der Geschichte mehrfach, dass sie einen guten Mann geheiratet hat, doch wochentags ist er auf mehrtägigen Dienstreisen unterwegs. Eigentlich wollte sie ihr Kind fremdbetreuen lassen, während sie weiter im Job bleibt, doch dann hatte sie Mitleid mit ihrem Sohn, der wenig Aufmerksamkeit durch die Erzieherinnen erhält. Weil das Gehalt ihres Ehemanns höher als ihr eigenes ist, hat sie ihre Tätigkeit aufgegeben. Seit Monaten lebt sie den Alltag einer Vollzeitmutter. Das Wohl ihres Kindes stellt sie über ihr eigenes und verzichtet zunehmend auf Körperpflege, regelmäßige Mahlzeiten und soziale Kontakte. In ihr erwachen Instinkte und Triebe, die sie neugierig ausleben möchte und dabei spielerisch ihren Sohn mit einbezieht. Doch allmählich entgleitet ihr die Kontrolle über das Spiel und sie agiert unbeherrscht, wild und bestialisch.

Rachel Yoder schreibt mit hohem Einfühlungsvermögen. Ihre überspitzte Darstellung lässt ein Augenzwinkern nicht vermissen. Als sensible Künstlerin hat ihre Protagonistin ein unruhiges Gefühlsleben und schwankt schnell zwischen Euphorie und Ermüdung. Die Arbeiten, die sie zu erfüllen hat, widmet sie sich mit Leidenschaft. Nachdem ihr die Chance auf eine berufliche Karriere scheinbar versagt ist, probiert sie ihre niedersten Begierden aus. Daraus erklärt sich auch das Titelbild, denn es gelüstet sie unter anderem nach rohem Fleisch.

Der Kontakt von Nightbitch zu anderen Müttern schildert die Autorin zwar ebenfalls überzogen, aber dadurch macht sie deutlich, welche Erwartungen die Gesellschaft an eine Mutterrolle knüpft. Erst als es der Hauptfigur gelingt, über den Tellerrand ihrer selbst gestalteten Zurückgezogenheit zu schauen und sie Mitgefühl für eine andere Mutter entwickelt, erwacht in Nightbitch die verloren geglaubte Kreativität. Es gelingt ihr, nach neuen Lösungen für die eingefahrene Situation in ihrem Leben zu suchen.

Der Debütroman „Nightbitch“ von Rachel Yoder ist eine ungewöhnliche Lektüre, die in die tiefsten Sphären unserer ureigenen Instinkte führt. Der Autorin gelingt es durch eine übertriebene Darstellung, die teils auch amüsant ist, auf die besonderen Herausforderungen des Mutterseins hinzuweisen, hinter der Frauen ihre eigenen Bedürfnisse viel zu häufig herabsetzen. Ein unvergleichbarer, eindringlich erzählter Roman mit speziellem Identifikationspotential, den ich gerne weiterempfehle

Sonntag, 19. November 2023

Rezension: Die Inkommensurablen von Raphaela Edelbauer


Die Inkommensurablen
Autorin: Raphaela Edelbauer
Hardcover: 352 Seiten
Erschienen am 14. Januar 2023
Verlag: Klett-Cotta

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Der Bauernknecht Hans Ranftler trifft am Morgen des 30. Juli 1914 in Wien ein. Er ist gekommen, um die Psychoanalytikerin Helene Cheresch um einen Termin zu bitten. Sie ist spezialisiert auf Fälle wie den seinen, denn er ist seit einigen Jahren davon überzeugt, Gedanken anderer Menschen zu hören, bevor diese sie aussprechen. Die Stadt ist in Aufruhr, denn am nächsten Tag soll die Mobilmachung losgehen. Vor dem Haus von Helene Cheresch trifft Hans auf Adam und Klara, deren Fähigkeiten von der Psychologin untersucht werden. Adam stammt aus reichen Hause und soll General werden, Klara aus ärmlichen Verhältnissen. Die Sufragettenbewegung hat ihr ein Mathematikstudium ermöglicht, das sie am folgenden Tag mit einem Doktortitel krönen soll. Die beiden nehmen Hans unter ihre Fittiche und erkunden einen Tag und eine Nacht lang die Stadt.

Zu Beginn des Buches war ich als Leserin an Hans' Seite, als er in Wien eintrifft. Die Großstadt prasselt mit all ihren Eindrücken auf Hans ein, der jahrelang auf einem Hof gearbeitet hat. Trotz Reizüberflutung schafft er es zur Praxis von Helene Cheresch, schnappt jedoch schon auf dem Weg die angespannte Stimmung auf, die in Anbetracht des anstehenden Kriegsbeginns auf der Stadt liegt. Es ist überall das Gesprächsthema Nummer Eins und beinahe alle gehen automatisch davon aus, dass Hans in die Stadt gekommen ist, um sich für den Kriegsdienst zu melden.

Nach dem ersten Gespräch mit Helene, die Hans einen Termin für den folgenen Tag gibt, lernt dieser Klara und Adam kennen. Klara beschäftigt sich für ihren Doktortitel mit den titelgebenden Inkommensurablen, denn sie ist fasziniert von der Philosophie der Mathematik. Über das Verhältnis der beiden zu Helene und ihre vermeintlichen Fähigkeiten erfährt man im Laufe des Romans mehr. Ich fand die Einblicke in die Parapsychologie, die sich um fremde Gedanken und Erinnerungen sowie Traumcluster drehen, interessant. Auch die Geschichte der Sufragetten und die queere Geschichte Wiens spielen in diesem Roman eine Rolle.

Es wird eine große Bandbreite an Themen bedient, über die ich gerne mehr erfahren wollte. Diesen auf 350 Seiten gerecht zu werden ist jedoch eine gewaltige Aufgabe, welche der Autorin mal besser und mal schlechter gelingt. Sie wählt eine anspruchsvolle Sprache, die ich bereits aus ihren vorherigen Romanen kannte. Dennoch muss ich sagen, dass ich mich trotz Mathe-Abitur und abgeschlossenem Psychologiestudium schwer damit tat, den intellektuell herausfordernden Ausführungen nahtlos zu folgen. Nach einem starken Start habe ich mich im Mittelteil schwer getan. Den Abschluss mit der Verkündigung der Mobilmachung und den Entscheidungen, welche die Charaktere basierend auf dieser Nachricht treffen, fand ich gelungen. Ein Roman für alle, die Lust auf einen komplexen und vielschichtigen Roman mit historisch bedeutsamem Setting haben.

Mittwoch, 15. November 2023

Rezension: Das Gemälde von Geraldine Brooks

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Das Gemälde
Autorin: Geraldine Brooks
Übersetzerin aus dem Amerikanischen: Judith Schwaab
Erscheinungsdatum: 15.11.2023
Verlag: btb (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN: 9783442759972
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Es geht um ein erfolgreiches Rennpferd, es geht um ein Bildnis dieses Pferdes, aber vor allem geht es im Roman „Das Gemälde“ der US-Amerikaner Geraldine Brooks um Diskriminierung unter verschiedenen Aspekten. Die Handlung spielt auf drei Zeitebenen und basiert auf der wahren Geschichte des Pferds „Lexington“, das im Jahr 1850 in Kentucky geboren wurde. Von diesem Zeitpunkt an, über die nächsten Jahre hinweg, erzählt die Autorin von den Erfolgen des Tiers. Die Kapitel werden unterbrochen von Ereignissen im Jahr 2019, als ein Gemälde des Rennpferds auf dem Sperrmüll gefunden wird. Dieser Teil des Romans ist ebenso fiktional wie die Begebenheiten im Jahr 1954, als eine Galeristin ebenfalls ein in Öl gemaltes Bild eines Pferds entdeckt.

Wie es damals in Kentucky üblich war, wurde dem Rennpferd Lexington, der zunächst Darley hieß, ein versklavter Junge zur Seite gestellt, der sich um dessen Wohl zu kümmern hatte. Geraldine Brooks gibt ihm den Vornamen Jarret. Weil die Kapitel mit den Namen der Protagonist(inn)en überschrieben sind, lässt sich beim Durchblättern bereits erkennen, dass sich der Nachnamen von Jarret, in Abhängigkeit von seinem Besitzer, mehrfach ändern wird. In jugendlichem Alter avanciert er zum Trainer des erfolgreichen Pferds, doch er bleibt stets von seinem Eigentümer abhängig und davon, ob dieser es ihm erlaubt, an der Seite von Lexington zu verweilen.

Als Ich-Erzähler berichtet in einigen Kapiteln ein Künstler von der Schwierigkeit, ein Pferd realistisch abzubilden. Der Maler kämpft später im Sezessionskrieg der Nord- gegen die Südstaaten um die Abschaffung der Sklaverei, wodurch Geraldine Brooks auch diesen Teil der US-amerikanischen Geschichte dem Lesenden näherbringt. Mit gut recherchierten Fakten unterbaut, arbeitet sie die Ungerechtigkeit der Sklaverei deutlich heraus und thematisiert dabei auch den Verkauf von Menschenleben. Gleichzeitig beschreibt sie gekonnt, die faszinierende Welt des Pferderennens und lässt manchen Wettkampf auf der Rennbahn lebendig werden.

Die Begebenheiten in den Jahren von 1954 bis 1956 schließen die Verbindung zum Jahr 2019, in welchem Theo, ein nigerianisch-amerikanische Doktorand der Kunstgeschichte, das von seiner Nachbarin entsorgte Gemälde eines braunen Hengstfohlens findet. Währenddessen wird die australische Wissenschaftlerin Jess, die am Smithsonian Museum in Washington D.C. beschäftigt ist, gebeten, einer Forscherin das Skelett eines Pferds zugänglich zu machen. Jess begegnet Theo an ihrer Arbeitsstätte, nachdem dieser das Bild zu einem Konservator gebracht hat. Die beiden entwickeln im Laufe der Zeit Gefühle füreinander.

Die Autorin gewährte mir Einblicke in die Tätigkeiten des Smithsonian genauso wie in die Welt der Kunst. Anhand der Geschichte von Jess, Theo und deren Umfeld zeigt sie, dass der Rassismus bis heute nicht überwunden ist. Gleichzeitig verdeutlicht sie beispielhaft die Diskriminierung von Frauen, der nationalen Herkunft und der sozialen Klasse.

Es ist eine erstaunlich große Vielzahl sehr unterschiedlicher Themen wie Rennpferde, Kunst, Rassismus und Klimawandel, die Geraldine Brooks in ihrem Roman „Das Gemälde“ auf einzigartige Weise miteinander verknüpft. Dank bester Konstruktion fesselt er von Beginn an und wirkt aufgrund der guten Recherche überaus realistisch. Ich war fasziniert von den Fakten, die die Autorin nahtlos mit der Fiktion verwebt und empfehle sehr gerne den Roman uneingeschränkt weiter.  


Dienstag, 14. November 2023

Rezension: Frankenstein von Mary Shelley in der Biblioteca Obscura

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Frankenstein
Autorin: Mary Shelley
Neubearbeitung: Sandra Mieling
Illustrationen: Marcin Minor
Erscheinungsdatum: 23.10.2023
Verlag: arsEdition (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Farbschnitt
ISBN: 9783845854397
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Mary Shelleys Buch „Frankenstein“ ist ein Schauerroman mit Elementen aus dem Sciene Fiction. Die Geschichte ist verschachtelt geschrieben und zum ersten Mal l1818 veröffentlicht. Darin schreibt  der Abenteurer Robert Walton während einer Fahrt in den Norden, bei der er sich die Entdeckung neuer Länder erhofft und die Lüftung des Geheimnisses des Magnetismus, an seine Schwester in England von einer Begegnung besonderer Art. Während das Schiff, auf dem er als Kapitän unterwegs ist, von Eisschollen eingeschlossen ist, nehmen sie den aus Genf stammenden Naturwissenschaftler Frankenstein an Bord, dem es ein dringendes Bedürfnis zu sein scheint, sein Leben zu erzählen.

Robert Walton hört ihm zu und macht weitreichende Aufzeichnungen, die er an seine Schwester schickt. Dennoch wird die Haupthandlung des Romans in der Ich-Form von Frankenstein erzählt. Aufgrund seines regen Interesses hat er sich sämtliches bekanntes Wissen über Chemie und Physik angeeignet und damit aus unbelebten Teilen ein Monster geschaffen, vor dem er selbst Angst bekommt, als es erwacht. Mehrere Jahre später stellt Frankenstein fest, dass ein geliebtes Familienmitglied von dem Unwesen ermordet wurde. Das Monster sucht ihn auf und fordert, dass er für ihn eine Gefährtin konstruiert. Sollte er ihm nicht Folge leisten, werden seine Freunde nach und nach getötet werden.

Mary Shelley nennt keine Details über die Erschaffung des Monsters. Sie schrieb das Buch in einer Zeit, in der Galvinismus und Elektrizität neu entdeckt und eifrig diskutiert wurden. Die Überlegungen sind hochaktuell, denn so wie damals über die Belebung des menschlichen Körpers spekuliert wurde, so wird heute darüber nachgedenkt, inwieweit Künstliche Intelligenz den menschlichen Intellekt ersetzen kann. Die Autorin schafft in ihrem Werk Kontraste zwischen bezaubernden Naturlandschaften und der meist vorherrschenden düsteren Stimmung von Frankenstein. Sowohl Schöpfer wie Geschaffener sehnen sich nach Liebe, um der Einsamkeit zu entkommen. Die Geschichte zeigt, welche Ausmaße möglich sind, wenn körperliche Überlegenheit gegen Intellekt eingesetzt wird, wobei keiner der Kontrahenten dazu bereit ist, seine Macht aufzugeben.

Die Schmuckausgabe aus der Serie Biblioteca Obscura der arsEdition stattet den Roman „Frankenstein“ von Mary Shelley opulent aus, sowohl optisch wie auch haptisch. Der polnische Gegenwartskünstler Marcin Minor hat das Buch passend zum Inhalt mit finsteren Illustrationen in grauen und blutroten Farbtönen ausgestattet. Ein wahrlich gruseliges Leseereignis!


Montag, 13. November 2023

Rezension: Der Geruch von Ruß und Rosen von Julya Rabinowich

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Der Geruch von Ruß und Rosen
Autorin: Julya Rabinowich
Erscheinungsdatum: 21.08.2023
Verlag: Hanser (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Klappenbroschur
ISBN: 9783446277137
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Madina ist in Österreich „angekommen“, dem Krieg Daheim, in einem unbenannten Land, ist sie mit ihrer Familie vor fast drei entflohen. Julya Rabinowich hat über die fiktiven Ereignisse, die Madina in den vergangenen Jahre erlebt hat, zwei Bücher geschrieben hat. Im Roman „Der Geruch von Ruß und Rosen“ lässt die Autorin ihre Protagonistin zunächst von ihrem jetzigen Alltag erzählen, aber die furchtbaren Erinnerungen an die Kriegstage, kann sie nicht vergessen. Der Geruch von Ruß hängt in ihrer Nase ebenso fest wie der Blumenduft der Rosen im Garten der Großmutter. Vor allem vermisst Madina ihren Vater, der sich als Arzt um jede und jeden gekümmert hat, der sich an ihn wendete. Irgendwann hat er seine Familie zurückgelassen und ist wieder in die Heimat zurückgereist.

Doch dann erhält die Protagonistin endlich die Nachricht, dass der Krieg beendet ist. Bestimmt wird sich nun ihr Leben zum Besten hin ändern, wenn erst der Vater heimgekehrt. Zeit vergeht, aber es kommt keine Nachricht von ihm. Sie nimmt die Gelegenheit wahr, ihre Tante zurück ins Heimatland zu begleiten. Dort macht sie sich auf die Suche nach ihrem Vater, damit sie zu dritt die Rückfahrt antreten können. Ihre Reise endet in einer Tragödie.

Die Geschichte wird tagebuchartig von Madina in der Ich-Form erzählt. Dadurch kam ich den Gefühlen der Protagonistin sehr nah. Aus ihren Beschreibungen konnte ich ihre Stimmung erfassen, ihre Trauer und Wut, ebenso wie ihre Dankbarkeit und Zuneigung. Manchmal spürte ich ihre innere Erregung und hatte Verständnis dafür, dass es ihr vermutlich schwerfiel, sich in Worten auszudrücken, denn dann blieben die Einträge relativ kurz. Julya Rabinowich wählt eine einfache und coole Sprache, so dass auch Jugendliche sich gut in die Erzählung einfinden können. Immer wieder las ich starke Sätze, die augenöffnend sind.

Madina hat sich inzwischen gesellschaftlich angepasst. Eine neue Bekannte führt ihr vor Augen, dass sie zunehmend auf das herabschaut, was ihre Kultur früher ausmachte und sich nun dafür schämt. Die Protagonistin lernt, selbst zu entscheiden, was sie für ihre Zukunft als wichtig empfindet. Als Madina in ihre Heimat zurückkehrt, werden ihre schlimmsten Vorstellungen übertroffen. Ich war tief berührt von dem, was sie dort erlebt. Die Protagonistin war mir auch deswegen sympathisch, weil sie über andere Meinungen nachdenkt und ihnen Respekt zollt, auch wenn sie nicht immer Verständnis dafür hat.

Die Handlung ist rein fiktiv, steht aber für viele Schicksale, von denen die Autorin erfahren hat. Daher weist sie dem Krieg auch kein Land zu, denn er könnte überall spielen. Wer vor dem Krieg aus seiner Heimat flüchtet, hat in der Regel Schreckliches erlebt. Das Wo spielt keine Rolle.

Anhand der Geschichte der erdachten Figur Madina zeigt Julya Rabinowich in ihrem Roman „Der Geruch von Ruß und Rosen“ das, was Krieg ausmacht. Sie führt den Blick auf die Gefühle der Menschen, die als Flüchtlinge ein neues Daheim gefunden haben, allerdings oft, ohne mit dem Schrecken abschließen zu können. Gerne empfehle ich das Buch uneingeschränkt weiter.

Sonntag, 12. November 2023

Rezension: Threads of Power - Die feinen Fäden der Magie von V.E. Schwab


Threads of Power. Die feinen Fäden der Magie
Autorin: V.E. Schwab
Übersetzerinnen: Sara Riffel, Petra Huber und Alexandra Jordan
Hardcover: 736 Seiten
Erschienen am 25. Oktober 2023
Verlag: FISCHER Tor

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Sieben Jahre sind seit der Schwarzen Nacht vergangen, in denen es den drei Antari Lila, Kell und Holland gelungen ist, den mächtigen Osaron, Zerstörer des Scharzen Londons, zu besiegen. Dabei hat Holland sein Leben gelassen, und für Kell ist jeder Zugriff auf seine Magie mit schrecklichen Schmerzen verbunden. Er umsegelt gemeinsam mit Lila und ihrer Crew die Welt, während sein Bruder Rhy auf dem Thron des Roten London sitzt. Doch eine geheime Organisation, die "Hand", hat es sich zum Ziel gesetzt, Rhy zu töten. Sie macht ihn für das Schwinden der Magie verantwortlich. Als die "Hand" ein mächtiges Artefakt stieht, treibt eine alte Schuld Lila dazu, sich auf die Suche nach diesem zu begeben. 

Ich habe vor fünf Jahren die Weltenwanderer-Trilogie mit großer Begeisterung gelesen und war daher Feuer und Flamme, als verkündet wurde, dass die Geschichte nun eine Fortsetzung erhält. In einem Prolog, der zeitlich unmittelbar an die bisherigen Ereignisse anschließt, lernte ich Kosika kennen, eine junge Diebin, die im weißen London lebt. Auf der Flucht vor ihrer Mutter, die sie verkaufen will, läuft sie in den unheimlichen Silberwald und findet dort einen toten Mann an einen Baum gelehnt sitzen.

Über Kosika sollte ich als Leserin erst später mehr erfahren. Zunächst springt die Geschichte sieben Jahre in die Zukunft und auch hier lerne ich eine neue Figur kennen. Tes hat die einzigartige Gabe, die Fäden der Magie nicht nur sehen, sondern sie auch neu verweben zu können. In ihrem Geschäft, das offiziell dem stets beschäftigten Meister Haskin gehört, repariert sie magische Gegenstände aller Art. 

Die Autorin bringt mit Tes ebenso wie mit Kosika und der Königin spannende neue Charaktere ins Spiel, die mit ihren Fähigkeiten das Geschehen maßgeblich beeinflussen werden. Für Fans der Reihe gibt es aber auch ein Wiedersehen mit altbekannten und liebgewonnenen Charakteren wie Rhy, Alucard, Lila und Kell. Durch die Aktivitäten der "Hand" ist das Leben der Königsfamilie bedroht und die Suche nach dem gestohlenen Artefakt und den Drahtziehern gestaltet sich als spannend und actionreich. 

In der zweiten Buchhälfte erhielt ich einige Einlblicke ins Weiße London. Diese beeinflussen die Haupthandlung nicht, ich fand es aber dennoch interessant, zu erfahren, wie sich die Situation dort nach der Schwarzen Nacht entwickelt hat. Hier wird bereits einiges vorbereitet, was im nächsten Band vermutlich eine Rolle spielen wird.

Aufgrund des zeitlichen Abstands zu den Ereignissen der Weltenwanderer-Trilogie lässt sich der Roman auch ohne Vorkenntnisse lesen. Mit ihnen ist es aber noch schöner, denn ich fand die Entwicklungen, welche V.E. Schwab die Charaktere hat durchlaufen lassen, gelungen. Für mich war "Threads of Power" ein Nachhausekommen in eine liebgewonnene Welt, in welcher neue Ereignisse sowie Charaktere mit neuen Fähigkeiten für Schwung sorgen. Ich gebe eine klare Leseempfehlung an alle Fanatsy-Fans!

Rezension: Love Will Tear Us Apart von C.K. McDonnell


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Love Will Tear Us Apart
Autor: C.K. McDonnell
Übersetzer: André Mumot
Erscheinungsdatum: 29.09.2023
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Leseband und Farbschnitt
ISBN: 9783847901495
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Die Stimmung in der Redaktion der Stranger Times in Manchester ist an einem Tiefpunkt angekommen, denn die bisherige stellvertretende Chefredakteurin Hannah hat gekündigt. Außerdem hat ihr Vorgesetzter Vincent Banecroft, eine undefinierbare Laune. „Love Will Tear Us Apart“, der Titel des dritten Bands der Serie rund um die Zeitung Stranger Times, der fiktiven Zeitung für Unerklärtes und Unerklärliches, klärt den Grund für seinen Gemütszustand. Der irische Autor CK McDonnell treibt auch hierin wieder die Ereignisse unaufhaltsam auf einen Höhepunkt der besonderen Art zu.

Die Frau des Chefredakteurs ist vor längerer Zeit verstorben. Banecroft verleugnet bisher diese Tatsache, vor allem, seit sie ihm durch einen Geist Botschaften zukommen lässt mit der Bitte, ihr zu helfen. Als Leserin erfuhr ich, anders als die Redakteure, dass Hannah im Auftrag der Besitzerin der Stranger Times in einem New-Age-Zentrum eincheckt, in dem sich kurze Zeit vorher ihr baldiger Ex-Mann hat behandeln lassen. Überdies wendet sich die Schwester eines früheren Mitarbeiters an die Stranger Times, weil ihr Bruder plötzlich verschwunden ist, was gar nicht zu ihm passt. Schnell stellt sich heraus, dass nicht er, sondern jemand anders die ihm zugeordneten Artikel geschrieben hat.

CK McDonnell hat sich erneut eine Storyline ausgedacht, die zunächst mit kaum zugehörig erscheinenden Ereignissen. Der dritte Teil der Serie kann zwar unabhängig von dem vorliegenden gelesen werden, aber mir hat es gefallen, wieder von den bereits vertrauten Figuren zu lesen und ihre Weiterentwicklung zu verfolgen. Der Autor konfrontiert die Mitarbeitenden der Zeitung solange mit neuen Begebenheiten, bis jeder und jede von ihnen in irgendeine Ermittlung einbezogen ist, sowohl die Sekretärin Grace wie auch die Zeitungsschreiber(innen) Stella, Ox und Reggie. Zu ihnen gesellt sich Betty, die neu eingestellte Vertreterin des Chefredakteurs, und auch Detective Inspector Surgess darf nicht fehlen.

Immer wieder springt die Handlung auch zu Hannah, die im Luxusressort leider keine Auszeit genießen kann, sondern im wahrsten Sinne des Wortes immer tiefer ins Dunkle gezogen wird. Auch der Wahrheitssprecher und sein Mitbewohner, ein sprechender Hund spielen erneut in der Geschichte mit. Zwischen den Kapiteln konnte ich wieder einige Kostproben der Artikel lesen, die gewöhnlich in der Stranger Times erscheinen.

Im dritten Band zündet CK McDonnell erneut ein Feuerwerk der schrägen Ideen ab. Sein trockner Humor sorgt durchgehend für ein amüsantes Lesevergnügen, an dem auch André Mumot, dank seiner sehr guten Übersetzung Anteil hat. Gerne empfehle ich das Buch an Lesende mit Sinn für übertriebene übernatürliche Begebnissen weiter.


Dienstag, 7. November 2023

Rezension: Sylter Welle von Max Richard Leßmann

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Sylter Welle
Autor: Max Richard Leßmann
Erscheinungsdatum: 17.08.2023
Verlag: KiWi (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN: 9783462004045
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In seinem Roman „Sylter Welle“ erinnert sich Max Richard Leßmann, der nicht nur Autor des Buchs, sondern auch Sänger und Podcaster ist, an die gemeinsamen Urlaube mit seinen Großeltern auf der größten nordfriesischen Insel zurück. Es ist eine Geschichte, in die Max Leßmann eigene Erlebnisse hat einfließen lassen. Das Cover verspricht womöglich auf den ersten Blick schöne idyllische Tage am Meer, doch auf den zweiten erkennt man den in Flammen stehenden Strandkorb. Beim Betrachten stellte ich mir die Frage, ob der Brand eine Metapher zu den Ferientagen von Max darstellt und war daher gespannt auf seine Erzählung.

Viele Jahre lang hat der Protagonist Max die Eltern seines Vaters auf Sylt auf dem Campingplatz besucht. Inzwischen haben diese aber ihren Wohnwagen verkauft, beabsichtigen jedoch, noch ein letztes Mal auf die Insel zu fahren. Max besucht sie dort für drei Tage in ihrer Ferienwohnung, die zu dem Wohnkomplex „Sylter Welle“ gehört und neben dem gleichnamigen Freizeitbad in Westerland liegt. Bereits bei seiner Ankunft macht Max sich einige Gedanken zu dem gesundheitlichen Zustand seiner Großeltern, denn ihm wird bewusst, dass er irgendwann für immer von ihnen Abschied nehmen muss.

Mit seinem ihm eigenen Humor nimmt Max Leßmann manches Detail am Rande seines Urlaubs in den Blick, wie beispielsweise Ess- und Schwimmgewohnheiten. Seine Gedanken sind amüsierend, mit einer kurzen Bemerkung erhalten sie Würze und manchmal auch Tiefsinn. Gerne schwelgt er in seinen Erinnerungen an vergangene Ferien. Dabei stellt er die Eigenheiten seiner Großeltern heraus und verdeutlicht die Punkte, an denen es typischerweise zu Generationenkonflikten kommt.

Bald schon wurde mir bewusst, dass es dem Autor in seinem Roman um mehr geht als einer Schilderung von Urlaubserlebnissen. Aus den Erzählungen seiner Verwandtschaft weiß er um die niederschlesische Herkunft seines Großvaters, der nach der Flucht aus der Heimat mit seiner Familie im westfälischen Dorf der Großmutter ankam. Max erinnert sich an die Schilderungen von dessen Kindheit mit einem strengen Vater. Sein Opa hat ihm aber auch von den Freiheiten erzählt, die er seinen eigenen Kindern gewährt hat. Die Großmutter von Max erscheint reserviert und stellt für die Familie ihre eigenen, manches Mal befremdenden Regeln auf. Sie ist immer um das leibliche Wohl ihrer Liebsten besorgt.

Es wird nicht deutlich, inwieweit der Roman reale Begebenheiten widergibt. Max Leßmann sagt dazu, dass er die Geschichte verfremdet hat, aber einige Verwandte sich gegenseitig wieder erkennen. Nichtsdestotrotz beschreibt der Autor die Familienmitglieder eigenwillig liebevoll mit Ecken und Macken und schont sich nicht, einige sonderliche Eigenarten seines Alter-Ego darzulegen.

Max Richard Leßmann widmet seinen Roman „Sylter Welle“ seiner Großmutter. Doch nicht nur mit ihrem Leben und ihren Ansichten setzt er sich darin auseinander, sondern auch mit denen seines Großvaters. Er schaut aber genauso auf deren Verständnis für seine Meinungen, seinen Beruf und seine Lebensgestaltung. Die Geschichte hat den Aufforderungscharakter, sich mit seinen Familienangehörigen auseinanderzusetzen und andere Sichtweisen zu respektieren. Sehr gerne empfehle ich das Buch weiter.


Sonntag, 5. November 2023

Rezension: No Regrets von Dietlind Falk


No Regrets
Autorin: Dietlind Falk
Hardcover: 224 Seiten
Erschienen am 25. September 2023
Verlag: hanserblau

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Der No Regrets Tattoo Shop hat schon einmal bessere Zeiten gesehen, das wird gleich zu Beginn des Romans deutlich:

"Mehr als die Hälfte der Kunden, die das No Regrets derzeit betraten, verließen den Laden ohne neues Tattoo und ohne Termin und ohne Anzahlung. Muddy hatte ihnen nicht genügend Zähne im Maul, Hänk war nicht freundlich genug, sie fühlten sich nicht verstanden. Früher, vor dem Internet, hatte diese charmante Grobheit ihr Studio berühmt-berüchtigt gemacht und vermutlich eher für mehr als für weniger Kundschaft gesorgt" (S.12)

Es muss sich daher etwas ändern, wenn Inhaber Muddy weiterhin in der Lage sein will, die Miete zu zahlen. Widerstrebend stellt er eine neue Tätowiererin ein. Luz, die von ihren Kollegen gleich in Lutz umgetauft wird, sorgt nicht nur für neue Kundschaft, sondern hinterfragt auch die Situation im Studio. Muddys treuem Mitarbeiter Hänk passt das so gar nicht, während der zurückhaltende Rudi von Luz' tougher Art begeistert ist. Alte Gewohnheiten treffen auf frische Ideen, wodurch der Alltag im No Regrets auf den Kopf gestellt wird.

Zu Beginn des Romans wurden mir die vier Hauptcharaktere vorgestellt: Muddy und Hänk arbeiten seit vielen Jahren im Studio zusammen und haben sich im Knast kennengelernt. Für die beiden gibt es Traditionen wie den müffelnden ausgestopften Alligator und die ewig gleichen Frotzeleien, an denen nicht zu rütteln ist. Rudi hat eine Ausbildung im Studio gemacht, während er seinen Eltern ein Studium vorgaukelt, tätowiert ausschließlich Letterings und versucht vor allem, nicht aufzufallen. Ganz im Gegenteil zu Luz, die mit ihrer Meinung nicht hinterm Berg hält und auch die Konfrontation nicht scheut.

Die Autorin stellt auf Aufeinanderprallen der unterschiedlichen Generationen und der damit verbundenen Philosophien auf amüsante Weise dar. Durch ihre Interaktionen werfen die Figuren sich gegenseitig aus der Komfortzone und ich war gespannt, was daraus entstehen wird. Der Alltag im Tattoo-Studio mit speziellen Kunden, besonderen Tattoo-Wünschen und kleinen wie großen Fails fand ich unterhaltsam und kurzweilig. Dazu passt der rotzige Tonfall wunderbar, der mich mitten hinein ins Ruhrgebiet katapultierte.

Für mich ist das Buch in erster Linie ein Freundschaftsroman. Während die Tage ins Land ziehen, raufen sich die Charaktere allmählich zusammen, entwickeln sich persönlich weiter und bauen Vertrauen zueinander auf. Zwischendurch fehlte mir allerdings ein Ziel, auf das sich die Handlung hinbewegt. Die letzten Szenen bringen überraschend viel Spannung und Schwung in die Geschichte und finden einen Abschluss, der mir gut gefallen hat. Ein toller Roman über vier Außenseiter, welche die Liebe zum Tätowieren zusammenbringt, den ich gerne weiterempfehle.

Samstag, 4. November 2023

Rezension: Mario und der Zauberer von Thomas Mann

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Mario und der Zauberer
Autor: Thomas Mann
Erscheinungsdatum der Leinenausgabe: 25.10.2023
Verlag: S. Fischer (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Leineneinband
ISBN: 9783103975529
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Die Novelle „Mario und der Zauberer“ von Thomas Mann ist Ende Oktober 2023 zum ersten Mal in einer attraktiven Leinenausgabe aufgelegt worden, wurde aber 1930 erstmals publiziert. Der Schriftsteller lässt darin einen Protagonisten „ein tragisches Reiseerlebnis“, wie es auch im Untertitel heißt, schildern.

Der unbenannte Ich-Erzähler ist gemeinsam mit seiner Frau, der acht Jahre alten Tochter und dem etwas jüngeren Sohn an die italienische Mittelmeerküste gereist. Bereits im ersten Satz fasst er mit der Bezeichnung „atmosphärisch unangenehm“ zusammen, wie er im Rückblick gesehen, den Urlaub empfunden hat.

Bei den Touristen und dem Personal des Grand Hotels, in dem die Familie zunächst gastiert, nimmt er einen Hang dazu wahr, jede Handlung der Mitmenschen zu bewerten und sich schnell über vermeintlich von den Normen abweichenden Verhaltens zu empören. Familie Mann macht damit selbst eine unangenehme Erfahrung. Dennoch beschließen sie, nicht abzureisen. Für die Kinder steht bald eine besondere Attraktion in dem Besuch einer Zauberdarbietung bevor. Jedoch erweist sich die Veranstaltung unerwartet als Vorführung einiger willenlosen Publikumskandidaten, zu denen Mario gehört, ein Kellner, den auch die Manns kennengelernt haben. Die Novelle endet unerwartet dramatisch.

Gerade heutzutage ist die Geschichte wieder auf der Höhe der Zeit. Die Schilderungen lassen auf eine Reise der Familie Mann im Jahr 1926 schließen und auch der Schriftsteller bestätigt, dass die Begebenheiten auf wahren Ereignissen basieren. Zur damaligen Zeit wurde Italien von einem faschistischen Regime regiert. Das Niedergeschriebene ist voller Gefühl, die Abneigung der neuen Stimmungslage durch den Autor ist deutlich zu spüren und wird von ihm durch Beispiele untermauert.

Die Darbietung des Zauberers macht deutlich, wie leicht es ist, andere zu manipulieren und zum Mitmachen zu veranlassen. Sie zeigt aber auch einen Vorführer beziehungsweise Verführer, der sich an der Aufmerksamkeit seiner Zuschauer labt und dadurch zur Höchstform aufläuft. Die Ereignisse stimmten mich beim Lesen nachdenklich.

Thomas Mann beschreibt in seiner Novelle „Mario und der Zauberer“ ein persönliches Urlaubserlebnis in einer am Mittelmeer gelegenen Kleinstadt in Italien am Ende der 1920er Jahre, reichert es mit seiner Fantasie an und schafft dadurch ein Abbild der Gesellschaft im beginnenden Faschismus des südlichen Lands. Ich hoffe, dass das Werk noch viele Lesende finden wird, vor allem weil es bestechend aktuell ist.

Mittwoch, 1. November 2023

Rezension: Der späte Ruhm der Mrs. Quinn von Olivia Ford


Der späte Ruhm der Mrs. Quinn
Autorin: Olivia Ford
Übersetzerin: Sonja Rebernik-Heidegger
Hardcover: 400 Seiten
Erschienen am 25. Oktober 2023
Verlag: dtv

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Jennifer Quinn ist siebenundsiebzig Jahre alt und feiert in Kürze mit ihrem Mann Bernard diamantene Hochzeit. Während Bernard abends die Zeitung liest, schaut sie am liebsten "Das Backduell" im Fernsehen an. Schließlich nimmt sie ihren Mut zusammen und reicht ihre Bewerbung für die Show ein. Zu ihrer Überraschung wird sie zum Casting eingeladen. Sie hält die Neuigkeiten vor Bernard geheim, um ihn nicht zu beunruhigen. Doch das ruft bei ihr auch Erinnerungen an das eine große Geheimnis wach, das sie in den fast sechzig Jahren ihrer Ehe nie mit ihrem Mann geteilt hat.

Schon die Torte auf dem Cover macht Appetit auf etwas Süßes und entsprechend ist es wenig verwunderlich, dass sich in diesem Roman wirklich alles um die Leidenschaft fürs Backen dreht. Auch die einzelnen Kapitel tragen den Namen der jeweiligen Backware, die dort eine Rolle spielt. Nach einem Prolog, in welchem die junge Jennifer Quinn ein Rezeptbuch schreibt, beginnt das erste Kapitel mit dem Hinweis, dass sie nicht gedacht hätte, mit siebenundsiebzig Jahren zu einer Berühmtheit zu werden. 

Dieser erste Satz nahm für meinen Geschmack fast schon zu viel vorweg, denn im folgenden begleitete ich Jenny von Beginn an bei ihrer Reise in die Welt des Fernsehens. Zunächst hadert sie mit sich, ob sie es in ihrem Alter wirklich wagen soll, sich für die Show zu bewerben, bis sie zu dem Schluss kommt, dass sie dies gerade wegen ihres Alters und ihrer Erfahrung tun sollte. Danach ging es weiter ins Casting und schließlich in die Show. Die Autorin hat lange selbst im Unterhaltungsfernsehen gearbeitet und ich erlebte die Schilderungen als authentisch. Jenny ist eine absolut liebenswerte Person und ich fieberte schnell mit, wie weit sie in der Shwo kommen wird.

Die meisten Kapitel beginnen mit einem kurzen Rückblick zu der jungen Jennifer Quinn, die große Träume hatte, bis ein Ereignis all diese Pläne zunichte macht und ihr Leben für immer verändert. Ich konnte schnell schließen, was passiert ist, fand die Aufteilung in kleine Erinnerungssequenzen aber gut. So bleibt der Fokus auf den Ereignissen in der Gegenwart, während Jenny es sich selbst nur peu a peu gestattet, an das zurückzudenken, was sie als junge Frau erlebt hat.

Neben Jennys Erlebnissen rund um das Backduell räumt der Roman auch ihrer Beziehung zu Bernard viel Raum ein. Die beiden sind nach all den Jahren unzertrennlich, doch Jenny hat Angst, dass ihre Erwartungen an die verbleibende Zeit andere sind als die von Bernard und ihnen nicht mehr so viele gemeinsame Jahre bleiben. Die beiden haben zusammen keine Kinder bekommen, lieben es jedoch, Zeit mit ihrer Familie in Form von Bernards Nichte, ihrem Mann und deren zwei Kindern zu verbringen. Es gibt liebevolle Szenen im Familienkreis, die einfach Spaß machen.

Der Roman feiert nicht nur das Backen, sondern bietet auch eine schöne Familiengeschichte voll mit herzlichen, aber auch ernsteren Momenten. Für mich ist dieses Buch eine Backshow in Romanform, die bestens unterhält, aber auch etwas Tiefgang bietet. Wer Backen und Lesen liebt, für den führt kein Weg um dieses Buch herum!

Samstag, 28. Oktober 2023

Rezension: Sylter Welle von Max Richard Leßmann


Sylter Welle
Autor: Max Richard Leßmann
Hardcover: 224 Seiten
Erschienen am 17. August 2023
Verlag: Kiepenheuer & Witsch

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Max hat im Laufe der Jahre viele Sommer mit seinen Großeltern auf Sylt verbracht. In diesem Jahr haben sie angekündigt, ein letztes Mal auf die Insel zu fahren. Der erwachsene Max besucht sie für drei Tage. Dabei reflektiert er die Beziehung zu seiner Oma Lore und seinem Opa Ludwig. In welcher Hinsicht hat sich seine Rolle als Enkel verändert, und was ist heute noch immer genau so wie er es in Erinnerung hat?

"Sylter Welle" ist der erste Roman von Max Richard Leßmann und eine Autofiktion, zu welcher er inspiriert wurde, als er tatsächlich seine Großeltern auf Sylt besucht hat. Das Buch beginnt mit Max' Eintreffen auf der Insel, wo ihn seine Oma Lore zu Fuß abholt. Er erinnert sich daran, dass sie ihn früher immer mit einem Opel Vectra abgeholt hat, in dem es nach Apfelringen roch. 

Die drei Tage auf Sylt sind der Rahmen für eine gedankliche Zeitreise, auf die Max sich begibt. Immer wieder taucht er in neue Szenen und unterschiedlich alte Erinnerungen ein. Dabei lernte ich Max' Großeltern als Charaktere kennen, die in ihrem Leben viel durchgemacht haben, ihre Gefühle dabei aber nie sonderlich stark nach außen getragen haben. Ihre Liebe zu Max und den anderen Familienmitgliedern drückt sich eher in Taten aus. 

Mich haben die Schilderungen dazu gebracht, die Beziehung zu meinen eigenen Großeltern zu reflektieren und nach Ähnlichkeiten und Unterschieden zu suchen. Viele Beoabchtungen zeigen das grundsätzliche Spannungsfeld zwischen den Generationen auf, in denen ich mich oftmals wiederfinden konnte. Der Wandel der Rolle des Enkelkinds wird gelungen dargestellt. In mancherlei Hinsicht hören die Großeltern nicht auf, sich zu kümmern, doch es kommt vermehrt zu Situationen, in denen sich dies umkehrt.

Die Erinnerungen beschränken sich nicht nur auf Max und seine Großeltern, sondern beziehen auch seinen Vater und dessen Geschwiester sowie seine Mutter mit ein. Verschiedene Anekdoten über Vorfälle in Max' Familie oder die Reaktionen auf seine eigenen Verfehlungen ließen mich mal schmunzeln, mal stimmten sie nachdenklich. Das Beziehungsgeflecht der Familie mit seinen Allianzen und Konflikten wird im Laufe des Romans herausgearbeitet, denn was wäre eine Familie ohne sie? 

Mit diesem ruhigen Roman, in dem Gegenwart und Vergangenheit so eng miteinander verwoben sind, dass die Grenzen beinahe verschwimmen, hat der Autor seinen Großeltern ein Denkmal gesetzt. Für mich hätten die Erlebnisse in der Gegenwart und Sylt als Handlungsort mehr Platz einnehmen dürfen. Ingesamt ist "Sylter Welle" für mich ein lesenswerter Roman über die Beziehung zwischen Großeltern und Enkelkindern und deren Entwicklung im Laufe der Jahre.

Freitag, 27. Oktober 2023

Rezension: Be Your Own F*cking Hero von Tijen Onaran

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Be Your Own F*cking Hero
Autorin: Tijen Onaran
Erscheinungsdatum: 11.10.2023
rezensierte Buchausgabe: Klappenbroschur
ISBN: 9783442317271
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Das Buch „Be your own f*ucking Hero” der Unternehmerin und Investorin Tijen Onaran ist ein durchgängiges Plädoyer dafür, in der Öffentlichkeit den Mut aufzubringen, mehr Selbstbewusstsein zu zeigen. Beim Schreiben wurde sie von der Journalistin Dagmar Zimmermann unterstützt. Die Aufforderung von Tijen Onaran richtet sich vor allem an Frauen, aber nicht nur. In fünfzehn Kapiteln schreibt sie zu verschiedenen Themen wie beispielsweise Herkunft, Kleidung, finanzielle Unabhängigkeit und die Wahl der richtigen Wegbegleiter(innen). Der Schreibstil ist frisch, unterhaltsam und aktivierend.

Tijen Onaran greift immer wieder auf ihre eigenen Erfahrungen zurück, um dem Lesenden zu verdeutlichen, wie es gelingen kann, sich selbst zu verwirklichen, ohne sich für andere anpassen zu müssen. Damit meint sie sowohl das Stylen des eigenen Erscheinungsbilds als auch das Äußern seiner Meinung.

Über die Kapitel hinweg konnte ich über den beeindruckenden Karriereweg der Autorin lesen, aus dem sie gerne Beispiele anführt, um ihre Statements zu unterstreichen. Sie wuchs als Kind türkischer Eltern in Karlsruhe auf und begann nach dem Abitur ein Studium in Heidelberg. Als Zwanzigjährige kandidierte sie für ein Mandat bei der Landtagswahl, leitete später ein Wahlkreisbüro und arbeitete weiter in verschiedenen Jobs im politischen und unternehmerischen Umfeld, bis sie sich 2018 mit Global Digital Women Community selbständig machte.

Diversität, Netzwerken und die Verbesserung der Sichtbarkeit von Frauen in der Wirtschaft liegen Tijen Onaran besonders am Herzen, was man auch im vorliegenden Buch spürt. Bereits der Titel und die auffallend rote Einbandgestaltung sind im Vergleich zu vielen anderen Büchern auffallend, was das Anliegen der Autorin zusätzlich verdeutlicht. Sie setzt sich dafür ein, dass man sich traut, schwer erreichbar scheinende Ziele anzustreben, auch wenn man dabei Rückschläge einstecken muss. Ihrer Meinung nach kann man sich Wissen aneignen, mit Niederlagen sollte man umzugehen lernen. Auch dazu gibt sie ihre Erfahrungen weiter und verweist darauf, dass es wichtig ist, Kontakte aufzubauen und zu pflegen.

Tijen Onaran plädiert in ihrem Buch „Be Your Own F*cking Hero” dafür, dass man sich gegenüber anderen so geben soll, wie man sein will. Dabei richtet sie sich insbesondere an Frauen. Mit Beispielen aus ihrer eigenen Karriere wird sie zur Mutmacherin für viele Lebenslagen, in denen Frau/Mann für sich einstehen soll. Daher empfehle ich das Buch zum Ansporn des Selbstvertrauens gerne weiter.

Mittwoch, 25. Oktober 2023

Rezension: Der überschätzte Mensch von Lisz Hirn

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Der überschätzte Mensch
Autorin: Lisz Hirn
Erscheinungsdatum: 25.09.2023
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN:9783552073432
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In ihrem Buch „Der überschätzte Mensch“ widmet sich Lisz Hirn der Frage, wo sich der Mensch in unserer heutigen Kultur verortet sieht. Der Mensch hat sich zunehmend durch seine Vernunftbegabung in eine Abhängigkeit von den von ihm geschaffenen technologischen Gerätschaften und künstlichen Intelligenz begeben. Die Autorin schaut auf den ihn in seiner komplexen und konkreten Wirklichkeit, die ihn in den vergangenen Jahren durch Klimakrise und Pandemie verletzlicher gemacht hat.

Im Sinne unseres Überlebenswillens verzichten wir zunehmend auf tierische Produkte. Ansatzpunkt für die Autorin ist daher im ersten Kapitel das Essen. Doch inzwischen wirft sich die Frage auf, ob ein genussvolles Leben noch erstrebenswert ist, wenn sich dessen Akzeptanz verringert. Im Kapitel „Sterben“ fragt die Autorin danach, wem wir heute noch Rechenschaft abzulegen haben über unser Handeln. In dieser Frage ist auch die beinhaltet, wer über den Endpunkt unseres Lebens bestimmen sollte. Aufgrund der Digitalisierung stehen viele Daten von uns öffentlich zur Verfügung, auch nach unserem Tod. Des Weiteren schaut Lisz Hirn im Kapitel „Werden“ auf unser Verhältnis zur Technik und hinterfragt die der Technologie von uns zugewiesene Neutralität. Im letzten Kapitel „Handeln“ geht sie auf den Wert unserer Stimm- und Sprechbildung gegenüber anderen Lebewesen und der Software ein.

Das vorgenannte ist nur eine beispielhafte Aufführung des Inhalts der vier beinhalteten Kapitel im Buch. Die Autorin reiht weit mehr Gedanken verschiedener Philosophen auf und setzt sie zueinander in Verbindung. Zwischenzeitlich schaut sie auf Aspekte der angenommenen Ursachen unserer Vulnerabilität und kommt dadurch wieder zu ihrer ursprünglichen aufgeworfenen Frage zurück.

Lisz Hirn zeigt in ihrem Buch „Der überschätzte Mensch“ einen Menschen, dessen ursprüngliches Konzept, sich im Rang über andere Lebewesen zu erheben, durch die von ihm geschaffene Technologie erschüttert und seine Verletzlichkeit sichtbarer wird. Für mich als Laien in Sachen Philosophie war es nicht immer einfach, den Ausführungen von Lisz Hirn zu folgen. Jedoch konnte ich mir mit dem arbeitspsychologischen Wissen aus meinem Studium viele der Ansichten erschließen.


Dienstag, 24. Oktober 2023

Rezension: Das Vogelmädchen von London von Mat Osman

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Das Vogelmädchen von London
Autor: Mat Osman
Übersetzerin aus dem Englischen: Ulrike Seeberger
Erscheinungsdatum: 10.10.2023
Verlag: Rütten & Loening (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN: 9783352009938
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Die Vögel verehrenden Aviscultarier werden auch Flapper genannt, was gleichbedeutend mit Wahrsager ist. Die Zukunft lesen sie aus deren Zug bei der regelmäßig stattfindenden Murmuration, aber auch aus Karten. Shay, die titelgebende Figur des Romans „Das Vogelmädchen von London“ von Mat Osman, ist eine von ihnen. Mit ihren gerade mal 16 Jahren obliegt ihr nach dem Tod der Mutter die Aufgabe, ein Vorbild für den Nachwuchs zu sein. Außerdem sorgt sie für ihren inzwischen blinden Vater, der sie gelehrt hat, Falken auszubilden. Sie leben in einem eigenen Viertel außerhalb Londons, aber Shay verrichtet in der Stadt Botengänge. Als sie eines Tages über die Dächer Londons vor jemandem flieht, begegnet sie dem etwa gleichaltrigen Nonesuch, der ihr beisteht.

Nonesuch ist ein weiterer Protagonist und gehört zu einer Gruppe von Jungen, die dazu genötigt werden, für das Blackfriars-Theater zu spielen. Ihre Zuschauer sind gutsituierte Bürger Londons, aber bei speziellen Gelegenheiten haben sie besondere Rollen in Spielen einzunehmen, die Adlige veranstalten. Shay hilft bei ihnen als Souffleuse aus und ist tief beeindruckt von den Leistungen der Darbietenden und dem Umfeld. Als ihr für ihre Tätigkeiten ein finanzieller Anreiz geboten wird, bleibt sie und bald wird aus der Freundschaft zu Nonesuch eine tiefe Zuneigung. Shays Fähigkeiten verbreiten sich in der Stadt, bis hin zur Königin, die sie nicht mehr unbeobachtet lässt.

Die Geschichte spielt zu Beginn des 17. Jahrhunderts. In den Armutsvierteln Londons halten sich die auf engem Raum lebenden Menschen gerade so mit Gelegenheitsjobs am Leben und Krankheiten verbreiten sich in Windeseile. In den Hinterzimmern wird auf dubiose Wettkämpfe von Tieren gewettet und die Darbietung von Kleinkunst bietet angenehmen Abwechslung vom Alltag. Dem Autor gelingt es, ein opulentes Bild der damaligen Hauptstadt Londons zu schaffen. Die Jugendlichen sind ganz dem Diktat der wohlhabenden Bevölkerung ausgesetzt. Lange gelingt es Shay, sich einen gewissen Freiraum zu erhalten, bis auch sie zum Spielball im Kampf ums Überleben und um gesellschaftliches Ansehen wird.

Die adoleszenten Figuren haben inmitten einer Welt, die ihnen nur wenig Freude bietet, den Wunsch nach Selbstbestimmung. Während aber Shay dazu ihre Fähigkeiten einsetzt und ehrlich ihre Hilfe anbietet, bleibt Nonesuch wenig durchschaubar. Sein Schauspiel zeigt Bestleistungen, aber sein Wille, Unabhängigkeit zu erlangen, lässt ihn tief in die Trickkiste greifen, auch wenn er dabei förmlich über Leichen gehen muss.

Die Geschichte beinhaltet fantastische Elemente, mit denen der Autor die Vielfalt seines Schreibens zeigt. Dennoch kommt es im mittleren Teil zu einer gewissen Länge durch die detaillierte Beschreibung von Nebenhandlungen. Die Atmosphäre ist meist düster gehalten und Mat Osman scheut sich nicht, seine jugendlichen Figuren schweren Prüfungen auszusetzen. Er zeigt die Täuschungsmöglichkeiten durch das Schauspiel und setzt dem die Faszination der Natur durch die Unbedarftheit der Tiere entgegen.

Mat Osman erschafft in seinem Roman „Das Vogelmädchen von London“ eine vorstellbare bildhafte Version der englischen Hauptstadt zum Ende der Regierungszeit Elisabeths I., über die er einen Hauch von Magie zieht. Gaukeleien und Intrigen, Liebe und Hass, Pflicht und Freiheitsliebe bilden das Gerüst der Geschichte, die mit einer überraschenden Wendung zum Ende hin aufwartet. Gerne empfehle ich das Buch an Lesende weiter, die historische Romane mit Elementen der Fantasy mögen.