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Sonntag, 12. April 2026

Rezension: Die Rätsel meines Großvaters von Masateru Konishi

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Die Rätsel meines Großvaters
Autor: Masateru Konish
Übersetzerin aus dem Japanischen: Karina Hermes
Erscheinungsdatum: 12.03.2026
rezensierte Buchausgabe: Klappenbroschur mit Farbschnitt
ISBN: 9783462014563

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Im Roman „Die Rätsel meines Großvaters“ des japanischen Autors Masateru Konishi, in der gelungenen Übersetzung von Karina Hermes, löst die Protagonistin Kaede erneut einige knifflige Kriminalfälle. Dabei hilft ihr die geniale Logik ihres Opas, die verbunden ist mit einem festen Ritual, das teils von magischem Realismus umwoben ist. An Kaedes Seite steht ihre Freundin Misaki, die wie sie als Lehrerin arbeitet. Zu den handelnden Personen zählen Kaedes Kollege Iwata, zu dem sie sich hingezogen fühlt, sowie dessen Freund, der Schauspieler Shiki. Die Figur des Kriminalbeamten Agatsuma, der früher vom Großvater unterrichtet wurde, übernimmt eine tragende Rolle bei den aktuellen Ermittlungen.

Sicherlich muss man den ersten Band der Reihe nicht unbedingt gelesen haben, da der Autor wichtige Hintergründe erklärt. Allerdings gibt es immer wieder Anspielungen auf die Vergangenheit der Hauptfiguren. Da mir der erste Teil bekannt war, fand ich mich schneller in die Geschichte ein als beim letzten Mal. Besonders hervorzuheben ist erneut die sensible Darstellung der Demenzerkrankung des Großvaters, der Anfang siebzig ist. Ebenso ist wieder das typische japanische Flair zu spüren, das sich vor allem durch den Umgang der Personen miteinander zeigt, der geprägt ist von Respekt und Zurückhaltung. Die im Buch allgegenwärtige Kriminalliteratur hingegen, aus dem der Großvater sein Wissen bezieht, ist international geprägt.

Inhaltlich reicht das Spektrum der Fälle beispielsweise von der Frage, ob es den Weihnachtsmann tatsächlich gibt, da er im Traum einer der Figuren verschwunden ist bis hin zum schwierigen Versuch, drohende Selbstmorde zu verhindern. Auch der rätselhafte Tod eines Polizisten wirft eine Reihe von Fragen auf. Masateru Konishi sorgt ein ums andere Mal für unvorhergesehene Wendungen. Die einzelnen Fälle sind in sich abgeschlossen, bleiben aber immer mit der übergreifenden Erzählung um Kaede und ihren Großvater verknüpft.

Brisant wird es für Kaede, die gerade erst begonnen hatte, sich von alten Wunden zu befreien. Sie rühren von einem lange zurückliegenden Familiendrama her. Gerade erst öffnete sie sich etwas mehr, was sich auch an ihrer Kleidung widerspiegelte, als die Vergangenheit sie erneut einholt.

Der zweite Band der Reihe, in der der an Demenz erkrankte Großvater der jungen Lehrerin Kaede in sehr unterschiedlichen kriminellen Fällen ermittelt, ist mit einem wunderschönen Farbschnitt ausgestattet. Im Buch Masateru Konishi fordert in „Die Rätsel meines Großvaters“, auch durch seinen ganz eigenen Schreibstil, den Lesenden dazu auf mitzuraten. Die Spannung wird durch einige unerwartete Entwicklungen gesteigert und findet darin ihren Höhepunkt, als Kaede im Zentrum der Aufmerksamkeit steht. Gerne vergebe ich eine Leseempfehlung.

Donnerstag, 9. April 2026

Rezension: Little Hollywood von Inga Hanka

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Little Hollywood
Autorin: Inga Hanka
Erscheinungsdatum: 24.03.2026
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN: 9783753001296

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Im Roman „Little Hollywood“ von Inga Hanka begleitet man die Protagonistin Leonie, kurz Leo genannt, zurück in die 1990er Jahre. Leo hat gerade ihre letzte Abiturklausur geschrieben und steht ihr gefühlt die ganze Welt offen, obwohl ihr Weg alles andere als frei ist. Sie lebt gemeinsam mit ihrer Mutter und ihrem sieben Jahre jüngeren Bruder Ben in einer Zweizimmerwohnung in einer Kleinstadt. Der Vater entzieht sich seiner Verantwortung, auch beim Unterhalt für sie, weswegen die finanzielle Lage der Familie angespannt ist.

Dennoch ist es Leos großer Traum in das weiter entfernte Köln zu ziehen und dort zu studieren. Gleichzeitig zweifelt sie daran, überhaupt einen Studienplatz zu bekommen. Für den Fall, dass sie die Möglichkeit eines Studium bekäme, fürchtet sie den Trennungsschmerz ihrer Mutter und damit verbundene Probleme.

Glücklicherweise gibt es nicht nur ihre beste Freundin, sondern auch Klassenkameraden, mit denen sie Schwimmen geht und zu Feten. Mit einem von ihnen kann sie sich sogar eine feste Beziehung vorstellen. Besonders gerne leiht sie sich Filme in der Videothek aus, die dem Buch den Titel gibt. Dort arbeitet auch ihr Mitschüler Jo, von dem sie zwar nicht mal seinen vollständigen Vornamen kennt, mit dem sie aber so vertraut ist, dass sie sich jedes Mal auf sein Wahrheit oder Pflicht-Spiel einlässt.

Die Handlung erstreckt sich über die Monate von Mai bis September, in denen Leo wichtige Entscheidungen zu treffen hat, die ihr zukünftiges Leben prägen werden. Belastet wird sie von der familiären Situation. Mit ihren inzwischen neunzehn Jahren hat sie sich bisher immer den Ansprüchen ihrer Mutter gebeugt. Ihr ist bewusst, dass es nicht einfach sein wird, die nächsten Schritte allein zu gehen. Da sie bereits einige Zeit volljährig ist, fand ich es überraschend, wie wenig Freiraum sie sich bisher genommen hat.

Für Leo ist die Welt des Films eine Möglichkeit, sich der Realität zu entziehen. Die vielen Filmtitel und -zitate steigern die 1990er Atmosphäre der Geschichte noch weiter, allein das Benutzen von öffentlichen Fernsprechern zum Kontakt nach Hause habe ich vermisst. In Jo findet Leo einen ebenbürtigen Videokenner*in wie sie selbst eine ist. Das Wachsen ihrer Beziehung ist feinsinnig beschrieben und nachvollziehbar. Leos Bemühungen, richtige Entscheidungen für ihre Zukunft zu treffen, werden immer wieder vom schwierigen Verhältnis zu ihrem Vater überschattet.

Inga Hanka hat mit ihrem Roman „Little Hollywood“ eine Coming-Of-Age-Geschichte geschrieben, die das Flair der 1990er Jahre stimmungsvoll einfängt. Zwischen Loslösen und Aufbruch der Protagonistin Leo werden die Unsicherheiten des Erwachsenenwerdens ebenso spürbar wie ihre damit verbundene familiäre Abhängigkeit. Ein für jede und jeden schwierige Zeit, die hier realistisch dargestellt wird. Gerne empfehle ich das Buch weiter.

Sonntag, 5. April 2026

Rezension: Toxibaby von Dana von Suffrin

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Toxibaby
Autorin: Dana von Suffrin
Erscheinungsdatum: 12.03.2026
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN: 9783462009798
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Kurz nachdem „Toxibaby“ in Dana von Suffrins gleichnamigem Roman zu der Autorin Herzchen Goldberg in deren Zweizimmerwohnung im Münchener Stadtteil Giesing gezogen ist, fahren beide ins Blaue hinein nach Italien. Sie landen in einem kleinen Ort am Taro. Toxi hat eigentlich einen ungenannten altdeutschen Vornamen, aber sein Spitzname, den Herzchen ihm gegeben hat, spiegelt den Kern ihrer Beziehung wider. Ihr wird in den ersten Tagen der Reise bewusst, dass sie zwischen zwei widerstreitenden Gefühlen steht: Einerseits möchte sie mit Toxi ihr ganzes Leben verbringen, andererseits fürchtet sie, dass genau dieses gemeinsames Leben zum Scheitern verurteilt ist.

Aus der Gegenwart heraus schildert die inzwischen 37-jährige Herzchen, die als Ich-Erzählerin auftritt, von ihrer Beziehung zu Toxi, die sich inzwischen zu einer On-Off-Romanze entwickelt hat. Dreizehn Trennungen in drei Jahren sind es nach ihrer Zählung, wie man bereits auf den ersten Seiten erfährt. Seit dem letzten Beziehungsende hat sich jedoch das sonst übliche Ritual bis zur Versöhnung geändert, denn erstaunt stellt sie fest, dass Toxi sie nun wie ein vernünftiger Erwachsener ignoriert. Jede ihrer bisherigen Trennungen hat sich für Herzchen wie ein Kleinkrieg angefühlt, den sie am Ende verlor. Nun steht ein mehrwöchiger beruflicher Aufenthalt in der Schweiz bevor und mit ihm die Angst, dort allein zu sein.

Die besondere Stärke des Romans liegt in seiner differenzierten Figurengestaltung, in der sich exemplarisch die prägenden Erfahrungen und Eigenschaften der sogenannten Millennials widerspiegeln. Herzchen ist einige Jahre jünger als Toxi. Sie beschreibt sich selbst als impulsiv und als jemand, deren Gefühle sich schnell zuspitzen, die sie im Streit auch bewusst einsetzt. Toxi zu provozieren ist kein Zufall, denn es reizt sie, sich ihrer eigenen Freiheit ihm gegenüber zu versichern. Als Tochter eines bereits verstorbenen Chirurgen mit jüdischen Wurzen in Polen ist sie in München aufgewachsen. Ihre Mutter ist gebürtige Italienerin. Sie kennt von ihr eine gewisse Neigung, die sie auch bei Toxi feststellt.  Gemeinsam ist den beiden auch, dass sie mit ihren Handlungen kleinsten Widerstand leisten.

Toxis Attraktivität und seine Intelligenz findet sie anziehend, jedoch benötigt er viel Aufmerksamkeit, ist eher humorlos und wenig zur Selbstreflexion bereit. In einem Punkt unterscheidet sie sich deutlich von ihm: Toxi schreibt das Scheitern seiner Lebenspläne der Gesellschaft zu, wohingegen Herzchen glaubt, dass der Mensch selbst daran Schuld hat, weil er es sein Können und Wissen stets dazu einsetzt, sich mit anderen zu messen. Sie neidet es ihm, dass er in einer unaufgeregten, konventionellen Familie aufgewachsen ist. Die Werte, die beiden durch ihre Herkunft vermittelt wurden, haben sich bei ihnen tief eingeprägt.

Herzchen fehlt das Verständnis für die Lage ihres Freunds, dem sie ihrer Meinung nach jedwede Unterstützung gewährt und der doch nie zufrieden ist, was sich in Wutausbrüchen äußert. Ihre langjährige Freundin Daria, die eher nüchtern auf die Verbindung mit Toxi schaut, erdet sie, schafft es aber nicht, die festgefahrenen Muster der Vorwürfe aufzubrechen. Trotz der gewollten und ungewollten Konflikte hält Herzchen an der Beziehung mit Toxi fest, weil sie es für schwierig hält, ihn zu ersetzen. In diesem Punkt möchte man ihr Mut zusprechen, sich von ihm zu lösen. Ihr Wunsch nach Romantik und einer intakten Familie mit Vater, Mutter und Kind bleiben unangetastet. 

Vordergründig ist der Roman „Toxibaby“ die Geschichte einer ständig scheiternden Liebesbeziehung. Dana von Suffrin erzählt mit einem feinen Gespür für das Beziehungsgeflecht ihrer Figuren in einem durchgehend lockeren Tonfall mit Spuren von Ironie. Zunehmend gewährt die Protagonistin Herzchen einen Blick auf ihre Herkunft und ihre Ansichten, die ein tieferes Verständnis dafür geben, warum sie trotz ständiger Trennungen ihren Traum von einer Zukunft an Toxis Seite nicht aufgibt. Gerne empfehle ich das Buch weiter.