Pages

Dienstag, 21. April 2026

Rezension: Stunden wie Tage von Shelly Kupferberg

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Stunden wie Tage
Autorin: Shelly Kupferberg
Erscheinungsdatum: 25.03.2026
Verlag: Diogenes (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN: 9783257073485
-----------------------------------------------------------------------

Shelly Kupferberg verbindet in ihrem Roman „Stunden wie Tage“ historische Fakten mit Fiktion. Auf die Protagonistin Martha in deren späteren Lebensjahren wurde die Autorin in ihrem persönlichen Umfeld aufmerksam. Recherchen zu ihrer Biografie führten sie zurück in die Mitte der 1920er Jahre und zu einem Wohnhaus im Berliner Stadtteil Schöneberg.

Martha ist als einzige Tochter eines Schneiders aufgewachsen. Ihre Eltern ermöglichten ihr eine Ausbildung zur Kontoristin. Als diese zunehmend gebrechlich werden, sucht sie nach einer Anstellung, um den Lebensunterhalt abzusichern. Sie überzeugt die beiden Brüder Harry und Ber Berkowitz davon, sie trotz ihres jungen Alters als Hausbesorgerin in deren Mietshaus in der Tauentziehstraße einzusetzen.

Die Handlung verläuft überwiegend chronologisch, wird jedoch immer wieder durch Rückblenden ergänzt, die den Leser tiefer in die Vergangenheit der Figuren führen. So erfährt man beispielsweise mehr über das Ehepaar Harry und Katharina Berkowitz, das Anfang der 1920er Jahre aus politischen Gründen nach Berlin zieht. Harry adoptiert Katharinas Tochter Liane, die in der Hauptstadt geboren wird. In späteren Jahren wird sie häufig bei Martha zu Gast sein, die sich ihr mit großer Zuneigung annimmt.

Bald bewährt sich Martha in ihrer Rolle als Hausbesorgerin. In den nächsten Jahren erlebt man, welche alltäglichen Freuden und Leiden sie in ihrem Beruf erfährt, aber auch, wie sie den Mann fürs Leben kennenlernt. Mit Harry Berkowitz bespricht sie alles rund ums Haus, kassiert die Mieten und leitet sie an ihn weiter. Zunehmend nimmt sie die wachsenden Repressionen gegenüber der jüdischen Bevölkerung wahr. Auch die Brüder Berkowitz sind Juden, doch während Ber sich rechtzeitig nach England absetzt, verweilt Harry zunächst bei seiner Familie. Liane findet Kontakt zu einer Widerstandgruppe, die vom NS-Regime verfolgt wird. Dadurch nimmt ihr Leben eine Wendung, die niemand je erwartet hätte.

Als Persönlichkeit ist Martha zielstrebig und dabei konsequent, fleißig, mit dem Herz auf der Zunge, sparsam und um Gerechtigkeit bemüht. Dank sehr guter Recherche entsteht ein umfassendes authentisches Bild ihres Lebens. Immer wieder lässt Shelly Kupferberg Historie und Histörchen einfließen. Es sind nicht immer die großen Ereignisse die dabei berühren, vielmehr sind es die kleinen Begebenheiten, die das Unbegreifliche greifbar machen. Gekonnt lässt die Autorin jedoch auch immer wieder vergnügliche Szenen einfließen und setzt so der der Schwere der Zeit einige entspannende Momente entgegen.   

Der auf wahren Geschehnissen beruhende Roman „Stunden wie Tage“ von Shelly Kupferberg erzählt das Leben der Hausbesorgerin Martha, die im letzten Jahrhundert in Schöneberg wohnte. Besonders eindringlich und verstörend wirkt die Darstellung der Zeit des Nationalsozialismus, deren beklemmende und unmenschliche Ereignisse lange nachhallen. Sehr gerne vergebe ich eine Leseempfehlung.

Sonntag, 19. April 2026

Rezension: Mirabellentage von Martina Bogdahn


Mirabellentage
Autorin: Martina Bogdahn
Hardcover: 352 Seiten
Erschienen am 16. April 2026
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Link zur Buchseite des Verlags

----------------------------------------

Anna ist Anfang 50 und hat die letzten Jahrzehnte als Haushaltshilfe des Dorfpfarrers Josef gearbeitet, mit dem sie seit ihrer gemeinsamen Kindheit befreundet ist. Als dieser unerwartet stirbt, gerät Annas bisher klar strukturierter Alltag ins Wanken. Sie muss die Beerdigung organisieren und den unerwartet schnell angetretenen neuen Pfarrer Willkommen heißen. Vor allem aber lässt ihr Josefs letzter Wunsch keine Ruhe: Er möchte, dass sie seine Asche ans Meer bringt. Doch wie soll das gehen? Seit ihrer Führerscheinprüfung ist sie nicht mehr Auto gefahren, sie war noch nie am Meer und die Mirabellen sind reif und warten darauf, zu Marmelade verarbeitet zu werden.

Als Leserin lernte ich Anna kurz nach dem Tod von Josef kennen. Sie ist damit beschäftigt, zu funktionieren und alle notwendigen Aufgaben abzuarbeiten. Auf diese Weise geht sie mit ihrer Trauer um. Dass schon vor der Beerdigung der neue Pfarrer anreist, den sie mit seinem norddeutschen Akzent als Bayerin kaum versteht, sorgt für zusätzlichen Wirbel. Und als sie ihren alten Fahrlehrer um eine Auffrischung ihrer Fahrpraxis bittet, muss sie feststellen, dass ihr Schwarm von damals immer noch ihr Interesse wecken kann.

Es gibt viele Rückblenden, denn zum einen erinnert sich Anna an ihre Erlebnisse mit Josef zurück und zum anderen erzählt sie dem neuen Pfarrer so manche Anekdote über das Leben im Dorf und in der Pfarrgemeinde. Martina Bogdahn erzählt liebevoll von dem Dorfleben mit all seinen Eigenheiten und skurrilen Begebenheiten und konnte mich damit sehr gut unterhalten. In der Gegenwartsebene trifft Anna Vorbereitungen für die Reise ans Meer, von der sie gar nicht weiß, ob sie diese wirklich antreten will. Ich fand es schön, sie dabei zu begleiten, das Geschehene zu verarbeiten und zu akzeptieren und sich dem zu stellen, was vor ihr liegt. Allerdings hätte ich mir auf dieser Zeitebene stellenweise noch mehr erzählerische Entwicklung gewünscht. 

Insgesamt hat mir „Mirabellentage“ sehr gut gefallen. Es ist ein ruhiger Roman vom Erinnern, Loslassen und Nachvornblicken, der von Atmosphäre, Figurenzeichnung und einem augenzwinkernden Blick auf den Dorfalltag lebt. Wer solche Geschichten mag, der wird sich hier gut aufgehoben fühlen!

Samstag, 18. April 2026

Rezension: Möwe Emma im Gewimmel: Am Meer von Florian und Lena Mühlemann

 


Möwe Emma im Gewimmel: Am Meer
Autor: Florian Mühlemann
Illustratorin: Lena Mühlemann
Pappbilderbuch: 22 Seiten
Erschienen am 25. März 2026
Verlag: FISCHER Sauerländer
Link zur Buchseite des Verlags

----------------------------------------

Heute sind 28 Grad! Möwe Emma ist zur Küste geflogen, um sich dort das Treiben anzusehen. Am Strand ist schon viel los, und wer lieber seine Ruhe haben will, der taucht unter Wasser ab. Im Schatten ist man vor der Hitze gut geschützt und wer eine Erfrischung braucht, der kauft am Büdchen ein Eis. An der Küste kann es aber auch ganz schön windig werden, und nach einem Sturm spülen die Wellen spannende Dinge an den Strand.

„Möwe Emma im Gewimmel“ ist eine neue Reihe von Florian und Lena Mühlemann, in der es für die Kleinsten viel zu Entdecken gibt. Der Band „Auf dem Markt“ hat uns so gut gefallen, dass auch „Am Meer“ bei uns einziehen durfte. Die Strand- und Meerszenen strahlen in kräftigen Gelb- und Blautönen. Auf den ersten Seiten gibt es wimmelige Sommerszenen, auf denen viel zu entdecken ist. In der zweiten Buchhälfte wird es windig und ein Sturm spült Schätze an Land. Hier sind weniger Menschen zu sehen, dafür gibt es Muscheln, Steine und Seetang zu entdecken. 

Meinem Sohn gefällt die Doppelseite am Besten, auf der zwei Paar Füße im Sand an der Wasserkante stehen. Hier landen immer seine Füße im Buch, die er dazustellen möchte. Die kurzen Texte sind in Reimform gehalten. Das jeweils letzte Wort fehlt und ist auf der nächsten Seite als großes Bild abgebildet. Mein Sohn blättert immer ganz neugierig um, damit ich schnell weiterlesen kann. Er findet Möwe Emma großartig und wir sind schon gespannt, ob es weitere Abenteuer mit ihr geben wird!


Freitag, 17. April 2026

Rezension: Einatmen. Ausatmen. von Maxim Leo

Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Einatmen. Ausatmen.
Autor: Maxim Leo
Erscheinungsdatum: 12.03.2026
Verlag: KiWi (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Leseband
ISBN: 9783462006513

-----------------------------------------------------------------------------------------

In seinem Roman „Einatmen. Ausatmen“ führt der Autor Maxim Leo die Lesenden an der Seite seiner Protagonistin Marlene Buchholz zu einem Achtsamkeitsseminar auf ein Brandenburger Schloss. Die dortige Academy wurde von dem Coach Alex Grow vor einigen Jahren gegründet. Er soll Marlene durch die beiden Kurswochen führen und ist eine weitere Hauptfigur der Geschichte.

Die 39 Jahre alte Marlene ist beziehungsarm, aber fachlich kompetent und immer für das Unternehmen da, in dem sie arbeitet. Ihr Karriereziel hat sie endlich erreicht: sie soll von der Abteilungsleiterin zur Vorstandsvorsitzenden befördert werden. Aber ihre Eignung für die neue Rolle wird von einigen Mitarbeitenden angezweifelt, weswegen ein Coaching sie optimal vorbereiten soll. Marlene hält die Schulung für unnötig und reist mit einer ablehnenden Einstellung an.

Alex Grow, dessen Nachname nur ein Alias ist, aber sinnbildlich für die frühere Entwicklung seiner Academy stehen kann, ist die Leichtigkeit beim Erteilen seiner Kurse abhandengekommen. Wehmütig denkt er an die Anfangszeit als Coach. In den letzten Jahren fiel es ihm immer schwerer, die Maschinerie seines Unternehmens mit etlichen Beschäftigen der unterschiedlichsten Berufe am Laufen zu halten. Wenn er es schafft, Marlene für ihre anstehende Aufgabe rechtzeitig in Form zu bringen, könnten die von ihrem Arbeitgeber in Aussicht gestellten Folgeaufträge seine Academy vor dem drohenden Bankrott bewahren.

Maxim Leo greift mit „Lifecoaching“ in seinem Roman ein aktuelles Thema auf, das inzwischen von vielen Unternehmen für ihre Angestellten in Anspruch genommen wird. Aber auch Personen, die im Beruf gestresst sind, suchen Hilfe und finden sie in Kursen, in denen Entspannungstechniken gelehrt werden. Auf der anderen Seite ist die Konkurrenz der Seminaranbieter steigend und zunehmend unübersichtlich. Die Handlung nimmt zwar Marlene und Alex in den Fokus, besitzt jedoch mit dem Hausmeister des Schlosses und einer 13-jährigen Umweltaktivistin weitere interessant gestaltete Figuren, die für ein abwechslungsreiches Geschehen sorgen.

Der Autor schreibt durchgehend kurzweilig, auch durch manche überzogene Darstellung. Die ungefiltert offene Art von Marlene sorgt ebenfalls für heitere Momente, ohne ihren Charakter abzuwerten. Gleichzeitig rührt er an Wunden im System des Coachings, die zum Nachdenken anregen. Einerseits wirft er die Frage auf, inwieweit jede und jeder sich verändern lassen möchte, um beruflichen Erwartungen gerecht zu werden. Andererseits zeigt die Geschichte auch die persönliche Seite eines Coachs, der selbst dem Druck ausgesetzt ist, Vorbild zu sein. Das ständige Messen an Mitbewerbern erfordert auch von ihm eine permanente Anpassung seiner Kompetenzen, was auf Dauer zunehmend erschöpfend ist.

„Einatmen. Ausatmen“ von Maxim Leo ist ein vergnüglicher Zeitvertreib und dennoch tiefsinnig. Mit den Beschreibungen über Leistungsdruck in Unternehmen, Achtsamkeitskursen und Selbstverwirklichung regt er dazu an, sich damit auseinanderzusetzen, was man selbst für wichtig im Leben erachtet. Sehr gerne vergebe ich eine Leseempfehlung.

Sonntag, 12. April 2026

Rezension: Die Rätsel meines Großvaters von Masateru Konishi

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Die Rätsel meines Großvaters
Autor: Masateru Konish
Übersetzerin aus dem Japanischen: Karina Hermes
Erscheinungsdatum: 12.03.2026
rezensierte Buchausgabe: Klappenbroschur mit Farbschnitt
ISBN: 9783462014563

-------------------------------------------------------------------------

Im Roman „Die Rätsel meines Großvaters“ des japanischen Autors Masateru Konishi, in der gelungenen Übersetzung von Karina Hermes, löst die Protagonistin Kaede erneut einige knifflige Kriminalfälle. Dabei hilft ihr die geniale Logik ihres Opas, die verbunden ist mit einem festen Ritual, das teils von magischem Realismus umwoben ist. An Kaedes Seite steht ihre Freundin Misaki, die wie sie als Lehrerin arbeitet. Zu den handelnden Personen zählen Kaedes Kollege Iwata, zu dem sie sich hingezogen fühlt, sowie dessen Freund, der Schauspieler Shiki. Die Figur des Kriminalbeamten Agatsuma, der früher vom Großvater unterrichtet wurde, übernimmt eine tragende Rolle bei den aktuellen Ermittlungen.

Sicherlich muss man den ersten Band der Reihe nicht unbedingt gelesen haben, da der Autor wichtige Hintergründe erklärt. Allerdings gibt es immer wieder Anspielungen auf die Vergangenheit der Hauptfiguren. Da mir der erste Teil bekannt war, fand ich mich schneller in die Geschichte ein als beim letzten Mal. Besonders hervorzuheben ist erneut die sensible Darstellung der Demenzerkrankung des Großvaters, der Anfang siebzig ist. Ebenso ist wieder das typische japanische Flair zu spüren, das sich vor allem durch den Umgang der Personen miteinander zeigt, der geprägt ist von Respekt und Zurückhaltung. Die im Buch allgegenwärtige Kriminalliteratur hingegen, aus dem der Großvater sein Wissen bezieht, ist international geprägt.

Inhaltlich reicht das Spektrum der Fälle beispielsweise von der Frage, ob es den Weihnachtsmann tatsächlich gibt, da er im Traum einer der Figuren verschwunden ist bis hin zum schwierigen Versuch, drohende Selbstmorde zu verhindern. Auch der rätselhafte Tod eines Polizisten wirft eine Reihe von Fragen auf. Masateru Konishi sorgt ein ums andere Mal für unvorhergesehene Wendungen. Die einzelnen Fälle sind in sich abgeschlossen, bleiben aber immer mit der übergreifenden Erzählung um Kaede und ihren Großvater verknüpft.

Brisant wird es für Kaede, die gerade erst begonnen hatte, sich von alten Wunden zu befreien. Sie rühren von einem lange zurückliegenden Familiendrama her. Gerade erst öffnete sie sich etwas mehr, was sich auch an ihrer Kleidung widerspiegelte, als die Vergangenheit sie erneut einholt.

Der zweite Band der Reihe, in der der an Demenz erkrankte Großvater der jungen Lehrerin Kaede in sehr unterschiedlichen kriminellen Fällen ermittelt, ist mit einem wunderschönen Farbschnitt ausgestattet. Im Buch Masateru Konishi fordert in „Die Rätsel meines Großvaters“, auch durch seinen ganz eigenen Schreibstil, den Lesenden dazu auf mitzuraten. Die Spannung wird durch einige unerwartete Entwicklungen gesteigert und findet darin ihren Höhepunkt, als Kaede im Zentrum der Aufmerksamkeit steht. Gerne vergebe ich eine Leseempfehlung.

Donnerstag, 9. April 2026

Rezension: Little Hollywood von Inga Hanka

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Little Hollywood
Autorin: Inga Hanka
Erscheinungsdatum: 24.03.2026
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN: 9783753001296

-----------------------------------------------------------------------

Im Roman „Little Hollywood“ von Inga Hanka begleitet man die Protagonistin Leonie, kurz Leo genannt, zurück in die 1990er Jahre. Leo hat gerade ihre letzte Abiturklausur geschrieben und steht ihr gefühlt die ganze Welt offen, obwohl ihr Weg alles andere als frei ist. Sie lebt gemeinsam mit ihrer Mutter und ihrem sieben Jahre jüngeren Bruder Ben in einer Zweizimmerwohnung in einer Kleinstadt. Der Vater entzieht sich seiner Verantwortung, auch beim Unterhalt für sie, weswegen die finanzielle Lage der Familie angespannt ist.

Dennoch ist es Leos großer Traum in das weiter entfernte Köln zu ziehen und dort zu studieren. Gleichzeitig zweifelt sie daran, überhaupt einen Studienplatz zu bekommen. Für den Fall, dass sie die Möglichkeit eines Studium bekäme, fürchtet sie den Trennungsschmerz ihrer Mutter und damit verbundene Probleme.

Glücklicherweise gibt es nicht nur ihre beste Freundin, sondern auch Klassenkameraden, mit denen sie Schwimmen geht und zu Feten. Mit einem von ihnen kann sie sich sogar eine feste Beziehung vorstellen. Besonders gerne leiht sie sich Filme in der Videothek aus, die dem Buch den Titel gibt. Dort arbeitet auch ihr Mitschüler Jo, von dem sie zwar nicht mal seinen vollständigen Vornamen kennt, mit dem sie aber so vertraut ist, dass sie sich jedes Mal auf sein Wahrheit oder Pflicht-Spiel einlässt.

Die Handlung erstreckt sich über die Monate von Mai bis September, in denen Leo wichtige Entscheidungen zu treffen hat, die ihr zukünftiges Leben prägen werden. Belastet wird sie von der familiären Situation. Mit ihren inzwischen neunzehn Jahren hat sie sich bisher immer den Ansprüchen ihrer Mutter gebeugt. Ihr ist bewusst, dass es nicht einfach sein wird, die nächsten Schritte allein zu gehen. Da sie bereits einige Zeit volljährig ist, fand ich es überraschend, wie wenig Freiraum sie sich bisher genommen hat.

Für Leo ist die Welt des Films eine Möglichkeit, sich der Realität zu entziehen. Die vielen Filmtitel und -zitate steigern die 1990er Atmosphäre der Geschichte noch weiter, allein das Benutzen von öffentlichen Fernsprechern zum Kontakt nach Hause habe ich vermisst. In Jo findet Leo einen ebenbürtigen Videokenner*in wie sie selbst eine ist. Das Wachsen ihrer Beziehung ist feinsinnig beschrieben und nachvollziehbar. Leos Bemühungen, richtige Entscheidungen für ihre Zukunft zu treffen, werden immer wieder vom schwierigen Verhältnis zu ihrem Vater überschattet.

Inga Hanka hat mit ihrem Roman „Little Hollywood“ eine Coming-Of-Age-Geschichte geschrieben, die das Flair der 1990er Jahre stimmungsvoll einfängt. Zwischen Loslösen und Aufbruch der Protagonistin Leo werden die Unsicherheiten des Erwachsenenwerdens ebenso spürbar wie ihre damit verbundene familiäre Abhängigkeit. Ein für jede und jeden schwierige Zeit, die hier realistisch dargestellt wird. Gerne empfehle ich das Buch weiter.

Sonntag, 5. April 2026

Rezension: Toxibaby von Dana von Suffrin

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Toxibaby
Autorin: Dana von Suffrin
Erscheinungsdatum: 12.03.2026
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN: 9783462009798
---------------------------------------------------------------------

Kurz nachdem „Toxibaby“ in Dana von Suffrins gleichnamigem Roman zu der Autorin Herzchen Goldberg in deren Zweizimmerwohnung im Münchener Stadtteil Giesing gezogen ist, fahren beide ins Blaue hinein nach Italien. Sie landen in einem kleinen Ort am Taro. Toxi hat eigentlich einen ungenannten altdeutschen Vornamen, aber sein Spitzname, den Herzchen ihm gegeben hat, spiegelt den Kern ihrer Beziehung wider. Ihr wird in den ersten Tagen der Reise bewusst, dass sie zwischen zwei widerstreitenden Gefühlen steht: Einerseits möchte sie mit Toxi ihr ganzes Leben verbringen, andererseits fürchtet sie, dass genau dieses gemeinsames Leben zum Scheitern verurteilt ist.

Aus der Gegenwart heraus schildert die inzwischen 37-jährige Herzchen, die als Ich-Erzählerin auftritt, von ihrer Beziehung zu Toxi, die sich inzwischen zu einer On-Off-Romanze entwickelt hat. Dreizehn Trennungen in drei Jahren sind es nach ihrer Zählung, wie man bereits auf den ersten Seiten erfährt. Seit dem letzten Beziehungsende hat sich jedoch das sonst übliche Ritual bis zur Versöhnung geändert, denn erstaunt stellt sie fest, dass Toxi sie nun wie ein vernünftiger Erwachsener ignoriert. Jede ihrer bisherigen Trennungen hat sich für Herzchen wie ein Kleinkrieg angefühlt, den sie am Ende verlor. Nun steht ein mehrwöchiger beruflicher Aufenthalt in der Schweiz bevor und mit ihm die Angst, dort allein zu sein.

Die besondere Stärke des Romans liegt in seiner differenzierten Figurengestaltung, in der sich exemplarisch die prägenden Erfahrungen und Eigenschaften der sogenannten Millennials widerspiegeln. Herzchen ist einige Jahre jünger als Toxi. Sie beschreibt sich selbst als impulsiv und als jemand, deren Gefühle sich schnell zuspitzen, die sie im Streit auch bewusst einsetzt. Toxi zu provozieren ist kein Zufall, denn es reizt sie, sich ihrer eigenen Freiheit ihm gegenüber zu versichern. Als Tochter eines bereits verstorbenen Chirurgen mit jüdischen Wurzen in Polen ist sie in München aufgewachsen. Ihre Mutter ist gebürtige Italienerin. Sie kennt von ihr eine gewisse Neigung, die sie auch bei Toxi feststellt.  Gemeinsam ist den beiden auch, dass sie mit ihren Handlungen kleinsten Widerstand leisten.

Toxis Attraktivität und seine Intelligenz findet sie anziehend, jedoch benötigt er viel Aufmerksamkeit, ist eher humorlos und wenig zur Selbstreflexion bereit. In einem Punkt unterscheidet sie sich deutlich von ihm: Toxi schreibt das Scheitern seiner Lebenspläne der Gesellschaft zu, wohingegen Herzchen glaubt, dass der Mensch selbst daran Schuld hat, weil er es sein Können und Wissen stets dazu einsetzt, sich mit anderen zu messen. Sie neidet es ihm, dass er in einer unaufgeregten, konventionellen Familie aufgewachsen ist. Die Werte, die beiden durch ihre Herkunft vermittelt wurden, haben sich bei ihnen tief eingeprägt.

Herzchen fehlt das Verständnis für die Lage ihres Freunds, dem sie ihrer Meinung nach jedwede Unterstützung gewährt und der doch nie zufrieden ist, was sich in Wutausbrüchen äußert. Ihre langjährige Freundin Daria, die eher nüchtern auf die Verbindung mit Toxi schaut, erdet sie, schafft es aber nicht, die festgefahrenen Muster der Vorwürfe aufzubrechen. Trotz der gewollten und ungewollten Konflikte hält Herzchen an der Beziehung mit Toxi fest, weil sie es für schwierig hält, ihn zu ersetzen. In diesem Punkt möchte man ihr Mut zusprechen, sich von ihm zu lösen. Ihr Wunsch nach Romantik und einer intakten Familie mit Vater, Mutter und Kind bleiben unangetastet. 

Vordergründig ist der Roman „Toxibaby“ die Geschichte einer ständig scheiternden Liebesbeziehung. Dana von Suffrin erzählt mit einem feinen Gespür für das Beziehungsgeflecht ihrer Figuren in einem durchgehend lockeren Tonfall mit Spuren von Ironie. Zunehmend gewährt die Protagonistin Herzchen einen Blick auf ihre Herkunft und ihre Ansichten, die ein tieferes Verständnis dafür geben, warum sie trotz ständiger Trennungen ihren Traum von einer Zukunft an Toxis Seite nicht aufgibt. Gerne empfehle ich das Buch weiter.

Dienstag, 31. März 2026

Rezension: Moosland von Katrin Zipse

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Moosland
Autorin: Katrin Zipse
Erscheinungsdatum: 10.03.2026
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Leseband
ISBN: 9783755800712
--------------------------------------------------------------

In ihrem Roman „Moosland“ beleuchtet Katrin Zipse ein wenig bekanntes Kapitel der Zeitgeschichte aus dem Jahr 1949. Damals warb Island in Deutschland per Annonce Frauen an, die auf dem Inselstaat bei der Landarbeit mithelfen sollten. Man bezeichnete sie später als „Esja-Frauen“, weil sie mit dem gleichnamigen Schiff Island erreichten. Die Maßnahme wurde nicht nur zur Hilfe für die Bauern initiiert. Hintergründig sollten damit heiratsfähige Frauen ins Land geholt werden, denn viele Isländerinnen waren abgewandert, wenn sie die Gelegenheit dazu hatten. Nicht allen gefiel die Anwerbung der Frauen, denn auch vier Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg waren negative Erfahrungen mit dem deutschen Volk verbunden. Die Autorin verdeutlicht das Thema in ihrem Buch.

Die lange unbenannte Protagonistin Elsa wird der Familie, für die sie tätig werden soll, an einem windigen und kühlen Tag zugeführt. Die Familie lebt in einem Haus, mitten in der grenzenlos erscheinenden Weite ihres bewirtschafteten Landes. Die Frau des Hauses stellt sich ihr vor und anschließend ihre Angehörigen. Elsa distanziert sich von ihr, indem sie nie mit ihrem Namen an sie denkt. Das Ehepaar hat zwei Söhne in etwa ihrem Alter. Später stellt sie fest, dass beide ihre eigenen Vorstellungen von einer Zukunft haben und dafür kämpfen.

Obwohl es insgesamt mehr als in der Heimat zu essen gibt, ist die Versorgung eintönig und reicht gerade, um über den Winter zu kommen, auch für die Tiere. Elsas Arbeitgeber lebt vor allem von der Schafzucht. Sie wird nicht nur im Haushalt beschäftigt, sondern auch nach Bedarf in der Landwirtschaft, beispielsweise beim Heuen und dem Viehtrieb. Bei der körperlichen Tätigkeit behauptet sie sich. Schmerzen lässt sie rasch hinter sich, was mich mitunter verwundert hat. Ob sie früher bereits an ähnliche Arbeiten gewöhnt war, bleibt unklar, denn man erfährt wenig über ihre Herkunft.

Die Geschichte bleibt stets bei der Hauptfigur, die lange nicht spricht und sich in der ersten Zeit der isländischen Sprache verwehrt, was sich eventuell als Ausdruck einer posttraumatischen Belastungsstörung deuten lässt. Einer der Söhne bemerkt später, dass sie Englisch spricht, ohne dass ihre Kenntnisse näher erklärt werden. Gelegentlich wirkt ihr Verhalten verstörend, wenn bestimmte Erinnerungen zurückkehren, etwa an ihre Freundin Sola, deren Mantel sie an sich genommen hat. Elsas Alter bleibt unbestimmt, aber vermutlich ist sie volljährig.

Katrin Zipse hat mit „Moosland“ einen berührenden Roman geschaffen, der eine Protagonistin zeigt, die mit dem Nachhall vergangener Ereignisse ringt und sich dennoch auf einen Neubeginn in einem fremden Land, fern ihrer Heimat, eingelassen hat. Er spiegelt ein Stück weniger bekannte Zeitgeschichte wieder und ist eingebunden in die raue Schönheit der isländischen Landschaft. Gerne empfehle ich das Buch weiter.

Sonntag, 29. März 2026

Rezension: Eine Maus namens Merlin von Simon Van Booy

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Eine Maus namens Merlin
Autor: Simon Van Booy
Übersetzerin aus dem Amerikanischen: Dorothee Merkel
Erscheinungsdatum: 14.03.2026
Verlag: Klett-Cotta (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN: 9783608966787
-------------------------------------------------------------------------------

Die 83-jährige Helen Cartwright lebt seit drei Jahren wieder in dem Dorf ihrer Heimat in der Nähe von Oxford. Sechs Jahrzehnten lang hat sie in Australien verbracht und als Kardiologin in einem Krankenhaus in Sydney gearbeitet. Ihr Ehemann und ihr Sohn sind inzwischen verstorben. Um den schmerzhaften Erinnerungen zu entfliehen, hat sie alles zurückgelassen. In England pflegt sie kaum soziale Kontakte, denn jedes Gespräch ist damit verbunden, dass eventuell Fragen gestellt werden, die alte Wunden aufreißen könnten. Ihr Lebenswillen beginnt allmählich zu schwinden. Regelmäßige Mahlzeiten, für die sie Einkaufen geht, und häufige Nickerchen bestimmen ihren eintönigen Alltag.

Weil sie jemand ist, der Brauchbares nicht einfach wegwirft, und vermutlich auch aus Langeweile, hat sie in den letzten Monaten ein Faible für den Müll ihrer Nachbarn entwickelt. In einer ihrer schlaflosen Nächte entdeckt sie auf der gegenüberliegenden Straßenseite ein Aquarium, auf dem Pappkartons liegen sowie ein ihr bekanntes Kinderspielzeug, das Erinnerungen an glücklichere Zeiten bei ihr weckt. Obwohl der Glaskasten schwer ist, holt sie ihn samt Inhalt zu sich ins Haus. Damit beginnt für sie eine Woche, in der sie nicht nur einer Maus, sondern auch einigen liebenswerten Menschen begegnet, die ihrem Leben einen neuen Sinn geben.

Nach einem kurzen Prolog folgen Kapitel, die nach den Tagen einer Woche benannt sind. Die Handlung setzt in einer regnerischen Freitagnacht ein. Keine vierundzwanzig Stunden später glaubt Helen, ein zartes Klopfen im Erdgeschoss zu hören. Als Leserin wartete ich ungeduldig darauf, dass sie die Maus entdeckt, die sie später Merlin nennen wird. Zunächst ist sie von ihrem neuen Mitbewohner wenig begeistert und sucht nach Möglichkeiten, das Tier auf freundliche Weise wieder loszuwerden. Dazu muss sie über ihren eigenen Schatten springen und sich Rat und Wissen von anderen holen.

Die Erinnerungen an ihren Sohn, der sich immer eine Maus gewünscht hat, öffnen ihr Herz zunehmend für Merlin. Ihre anfängliche Abneigung wandelt sich bald in wachsende Gewogenheit und Zuneigung. Während ihrer Suche nach einer passenden Lösung zum weiteren Verbleib des Tieres gleiten ihre Gedanken immer wieder zu schönen, aber auch tragischen Momenten ihres Lebens ab, so dass nach und nach eine Vorstellung von Helens früherem Leben entstand. Gleichzeitig beginnt sie, sich mit der Vergangenheit auszusöhnen, ihr eigenes Verhalten zu reflektieren und eine Zukunft zuzulassen, in der es wieder mehr Begegnungen geben wird.

Das Buch „Eine Maus namens Merlin“ von Siman Van Booy ist eine zauberhafte Geschichte mit zwei reizenden, gegensätzlichen Hauptfiguren die zeigt, dass auch kleine Lebewesen tiefgreifende Veränderungen bewirken können. Einige überraschende Wendungen sorgen für Abwechslung und die ruhige, warme Erzählweise verleiht der liebevoll gestalteten Handlung emotionale Tiefe. Sehr gerne empfehle ich diesen berührenden Roman weiter.

Mittwoch, 25. März 2026

Rezension: Möwe Emma im Gewimmel: Auf dem Markt von Florian und Lena Mühlemann


Möwe Emma im Gewimmel: Auf dem Markt
Autor: Florian Mühlemann
Illustratorin: Lena Mühlemann
Pappbilderbuch: 22 Seiten
Erschienen am 25. März 2026
Verlag: FISCHER Sauerländer
Link zur Buchseite des Verlags

----------------------------------------

Heute ist Markttag! Möwe Emma schaut sich die verschiedenen Stände genau an. Es werden Brötchen, Blumen, Käse, Obst und noch viel mehr verkauft. Doch was ist das? Der Trolley der alten Dame ist kaputt gegangen und sie hat ihre Einkäufe verloren. Zum Glück sind viele Marktbesucher und Emma schnell zur Stelle, um die verlorenen Sachen aufzusammeln.

„Möwe Emma im Gewimmel“ ist eine neue Reihe von Florian und Lena Mühlemann, in der es für die Kleinsten viel zu Entdecken gibt. Zum Start erscheinen die Bände „Auf dem Markt“ und „Am Meer“. Das Buch zum Markt überzeugt mit kräftigen Konturen und bunten Farben. Mir macht es Spaß, die verschiedenen Marktstände gemeinsam mit meinem Sohn zu erkunden. Es gibt viel zu entdecken: Lebensmittel, Menschen und Tiere. Das Buch ist wimmelig, ohne zu überladen zu wirken, sodass die Kleinen die Szenen auch aufnehmen können.

Die kurzen Texte auf jeder Seite sind in Reimform gehalten, wobei das letzte Wort zunächst fehlt. Das regt die Kleinen zum Mitdenken an – welches Wort wird gesucht? Die nächste Seite gibt jeweils die Auflösung. Die Situation mit der alten Dame, deren Einkäufe eingesammelt werden müssten, wobei alle fleißig mithelfen, fand ich sehr süß. Darauf baut die letzte Seite auf, auf welcher die aufgesammelten Lebensmittel noch mal groß zu sehen sind und benannt werden sollen. Zufrieden kann Emma schließlich weiterfliegen. Ein gelungenes Buch zum Thema Marktbesuch, das ich immer wieder gerne vorlese!


Dienstag, 24. März 2026

Rezension: Freunde von Eva Kranenburg (Antikriegsroman ab etwa 14 Jahren)

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Freunde
Autorin: Eva Kranenburg
Erscheinungsdatum: 11.03.2026
Verlag: Fischer Sauerländer (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover
ISBN: 9783737374996
----------------------------------------------------

In einem unbenannten Land, zu einer unbenannten Zeit, begegnen sich nach dem Ende eines Krieges vier Jugendliche. Dies ist die Prämisse des Romans „Freunde“ von Eva Kranenburg. Die Autorin hat zuvor mit Kindern von Geflüchteten aus unterschiedlichen Ländern gearbeitet. Die Jugendlichen im Buch stehen stellvertretend für alle jene, die nach einem Krieg mit dem Sieg des Gegners, der die Regierungsmacht vor Ort übernommen hat, zurechtfinden müssen. Viele haben ihre Eltern oder sogar alle nahen Verwandten verloren. Hatten sie bereits während Kriegszeiten Entbehrungen erlebt, so sind sie nun auf die Gunst der Sieger angewiesen, die über Nahrung und Schutz bestimmen. Obwohl Frieden herrscht, der eigentlich nur bedeutet, dass nun eine Zeit zwischen zwei Kriegen begonnen hat, bleiben ihre Ängste groß.

Die Geschichte wird von dem 15-jährigen Ren aus der Ich-Perspektive erzählt. Seine Freunde lernt er kennen, als er sich für ein letztes Aufgebot zum Kriegsdienst melden musste. Nata, die in seinem Alter ist, und Tuk, der kindlich Kind wirkt, sind die letzten, die sich am Versammlungsplatz einfinden. In dem kaum älteren Tarek findet die kleine Gruppe einen Kommandanten, der sie wenig später auf eigenen Befehl hin desertieren lässt und ihnen dabei aus dem Herzen spricht. Dadurch widersetzen sie sich aktiv und scheuen nicht die Bestrafung, die ihnen droht, wenn sie entdeckt werden. In einem Unterschlupf unterstützen sie einander beim Überleben.

Zu Beginn verbergen alle ein Geheimnis. Ren trägt eine schreckliche Erinnerung mit sich. Nata hat bisher in den Bergen gelebt, trägt eine tief gezogene Kapuze und versucht, ihr Hinken zu verbergen. Tareks auffälligstes Merkmal ist eine lange Narbe im Gesicht, die ihn an furchtbare Erlebnisse erinnert. Auch Tuk trägt Wunden am Körper, weswegen er seine Kleidung nicht ablegt, um seinen Rücken nicht zu zeigen. Sowohl die sichtbaren körperlichen als auch die psychischen Verletzungen der Jugendlichen zeugen von einer kaum fassbaren, leidvollen Zeit. Erst allmählich beginnen die Freunde einander zu vertrauen. Für den Lesenden entfaltet sich dadurch erst, welche Schrecken der Krieg verursacht. Und dennoch lässt dies nur erahnen, welches Leid kriegerische Konflikte mit sich bringen können.

Eva Kranenburg hat mit großem Feingefühl ihre Erfahrungen mit Geflüchteten in die Geschichte einfließen lassen und zeigt, welche Möglichkeiten helfen können, den Kummer der Kinder zu lindern. Die Methode des Kreiserzählens wirkt unterstützend dabei, erfahrene Unmenschlichkeiten zu verarbeiten. Ren, Nata, Tuk und Tarek spielen Schule, nicht nur, um Wissensrückstände aufzuholen, sondern ebenfalls, um ihre individuellen Stärken zu entdecken und zu erfahren, wie einzigartig und wertvoll sie sind. Die Autorin macht zudem deutlich, dass manchmal auch Ironie helfen kann, schwierige Situationen leichter zu nehmen, jedoch ohne einen gewissen Respekt für andere Ansichten nicht abzulegen.

Der Roman „Freunde“ von Eva Kranenburg ist begeisternder und sehr berührender Roman für Jugendliche ab etwa vierzehn Jahren über die Schrecken eines Krieges und die starke Kraft der Freundschaft und des Zusammenhalts, bietet facettenreiche Figuren und eine fordernde sowie zugleich fesselnde Handlung. Sehr gerne empfehle ich das Buch uneingeschränkt weiter.

Sonntag, 22. März 2026

Rezension: Einatmen. Ausatmen. von Maxim Leo


Einatmen. Ausatmen.
Autor: Maxim Leo
Hardcover: 256 Seiten
Erschienen am 12. März 2026
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Link zur Buchseite des Verlags

----------------------------------------

Marlene Buchholz hat ihr großes Karriereziel beinahe erreicht: Der aktuelle CEO ihres Konzerns, Dr. Finckenstein, geht bald in den Ruhestand und will, dass sie seine Nachfolgerin wird. Dazu muss aber auch der Aufsichtsrat zustimmen, in dem es aufgrund ihrer wenig empathischen Art Bedenken gibt. Finckenstein schickt sie daher für zwei Wochen auf ein Achtsamkeits-Seminar bei dem bekannten Business-Coach Alex Grow in einem kleinen Schloss in Brandenburg. Widerwillig macht sich Marlene auf den Weg und steht sich bei ihrem Plan, möglichst wenig aufzufallen und einfach mitzumachen, selbst im Weg. Alex ist dennoch wild entschlossen, sie auf den richtigen Pfad zu führen, denn im Erfolgsfall winken weitere Aufträge. Dass er gerade selbst mit Panikattacken zu kämpfen hat, ist dabei nicht gerade hilfreich.

Ich habe selbst mal in der Führungskräfteentwicklung gearbeitet und bin inzwischen Führungskraft, weshalb ich die Ausgangssituation des Romans interessant fand. Wie wird Marlene, die ihr Leben ganz der Arbeit gewidmet hat und weder sich selbst noch anderen erlaubt, Schwäche zu zeigen, auf ein Intensiv-Achtsamkeitstraining reagieren? Dafür nach Brandenburg auf ein Schloss geschickt zu werden ist ein realistisches Setting (in meinem Konzern finden solche Kurse auf einer Burg im Siebengebirge statt). Dass sich allerdings hundertsiebzig Angestellte mit Yoga, Thalasso-Bädern und Energiearbeit um das Wohlergehen von zehn Teilnehmern kümmern sollen, fand ich amüsant überzeichnet.

Diese Ambivalenz zieht sich durch den Roman. Auf der einen Seite erhält man einen bodenständigen Roman über eine Protagonistin, die mit neuen Impulsen in einer ungewohnten Umgebung ihre bisherigen Denkmuster zu hinterfragen beginnt und den Zugang zu ihren eigenen Gefühlen sucht. Auf der anderen Seite gibt es immer wieder bewusste Übertreibungen, welche die Handlung augenzwinkernd ins Absurde führen. Ich war mir nicht ganz sicher, ob der Autor das Thema Coaching nun auf die Schippe nehmen will oder nicht.

Den Schlagabtausch zwischen Marlene und Alex fand ich unterhaltsam und ich war neugierig, wie sich Alex eigener Gemütszustand auf die Ereignisse auswirkt. Lange habe ich erwartet, dass die Dinge gänzlich aus dem Ruder laufen. Doch das Gegenteil ist der Fall, im Laufe der Zeit wird die Geschichte immer wärmer und harmonischer. Es gibt viele schöne Momente des Zusammenhalts und der Besinnung. Das war für meinen Geschmack aber zu sehr heile Welt. Ich habe „Einatmen. Ausatmen“ gerne gelesen, doch aus der vielversprechenden Ausgangssituation hätte man noch mehr machen können.


Freitag, 20. März 2026

Rezension: Tiere & Pflanzen lebensgroß

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Tiere & Pflanzen lebensgroß
Texte: Daniela Strauß, Hannes Petrischak, Holger Haag, 
Felix Weiß und Katrin Hecker
Erscheinungsdatum: 16.02.2026
rezensierte Buchausgabe: Hardcover
ISBN: 9783440184486

-----------------------------------------------------------------------

Das Buch „Tiere & Pflanzen lebensgross“ ist in der Reihe „Familie erlebt Natur“ beim Kosmos Verlag erschienen. Es ist dafür gemacht, dass große und kleine Leute die Natur gemeinsam entdecken. Dazu enthält es Fotos, oft in Lebensgröße, von mehr als einhundert Tier- und Pflanzenarten. Die Texte verfassten die Grundschullehrerin Daniela Strauß, die Biologen Dr. Hannes Petrischak, Holger Haag und Katrin Hecker sowie der inzwischen verstorbene Biologe Felix Weiß. Dabei sind sie so verfasst, dass sie auf Besonderheiten der vorgestellten Art hinweisen. Jede Seite ist aufforderungsstark etwas anders gestaltet, aber es findet sich immer eine kurze Information zu vier Schlagwörtern.

Das „Life-Size-Konzept“ des Buchs bringt Flora und Fauna ganz nah, so dass jeder Betrachtende ein wirklichkeitstreues Bild erhält. Die von Kosmos entwickelte App kann kostenlos heruntergeladen und ergänzend genutzt werden. Insgesamt siebenunddreißig Tierstimmen sind nach Auswahl des Covers und Eingabe des Codeworts von Seite 5 in längeren Sequenzen zu hören. Auf diese Weise bestens ausgerüstet, macht es Freude durch die Natur zu streifen und die im Buch abgebildeten Pflanzen und Tiere zu finden.

Als Einteilung dienen die Jahreszeiten mit Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Zu jeder Kategorie gibt es zunächst Vogelarten, dann eine Mischung aus Insekten, Amphibien, Schnecken und Säugern, gefolgt von krautigen Pflanzen. Den Abschluss bilden jedes Mal Bäume und Sträucher. Über die Aneignung von Wissen und Entdecken hinaus, finden sich zahlreiche Aktivitätsvorschläge zum Basteln und Rezepte zum Herstellen von Tiernahrung oder zum eigenen Verzehr. Eine übersichtliche Auflistung der Anregungen zum Selbstgestalten findet sich hinten im Buch.

Eine Vorstellung der Flora und Fauna kann in der gewählten Buchform nicht abschließend sein, bietet jedoch in einer gut strukturierten Form zahlreiches Wissen, um mit der ganzen Familie in der Natur herumzuschweifen und dabei tierische und pflanzliche Bewohnende zu finden, zu bestaunen sowie hier und da diese zu unterstützen oder sich zunutze zu machen. Gerne empfehle ich das Buch „Tiere und Pflanzen lebensgroß“ weiter.

Donnerstag, 19. März 2026

Rezension: Qwert von Walter Moers


Qwert
Autor: Walter Moers
Hardcover: 592 Seiten
Erschienen am 5. November 2025
Verlag: Penguin
Link zur Buchseite des Verlags

----------------------------------------


Der Gallertprinz Qwert Zuiopü ist schon mehrfach in ein Dimensionsloch gefallen. Erfreulicherweise sieht die neue Dimension, in der er diesmal gelandet ist, auf den ersten Blick ziemlich harmlos aus. Zu seiner Verwunderung ist er allerdings plötzlich ein Ritter – und zwar nicht irgendeiner, sondern Prinz Kalbluth aus den Abenteuerbüchern, die er in Zamonien so gern gelesen hat. Die Jungfrau in Not, die er kurz darauf retten kann, stellt sich allerdings schnell als Janusmeduse heraus, die den ganzen Kontinent versteinern will. Schon bald stolpert Qwert von einer brenzligen Situation in die nächste. Ganz ohne zu essen und zu schlafen, dafür aber mit seinem tapferen Knappen Oyo Pagenherz und seinem geschickten Reitwürmchen Schneesturm.

Endlich wieder ein neues Buch aus der Feder von Walter Moers! Im vorherigen Roman „Die Insel der tausend Leuchttürme“ ging es zurück nach Zamonien, für meinen Geschmack hatte die Geschichten aber einige Längen. Diesmal befinden wir uns nicht direkt in Zamonien, sondern in einer anderen Dimension dieses Universums. Und Längen sucht man hier vergeblich. Prinz Kalbluth-Romane sind Schundromane aus Zamonien, und Qwert steckt als Protagonist wieder Willen nun mittendrin. Insgesamt erlebt er 43 kurzweilige Abenteuer, zwischen denen absolut keine Zeit zum Verschnaufen bleibt.

Mich konnte das Buch hervorragend unterhalten. Unwahrscheinliche Zufälle sind genauso an der Tagesordnung wie plötzliche Szenenwechsel, und das voller Absicht. Die Geschichte feiert die Fabulierkunst und die Freude an seichter Unterhaltungsliteratur auf gelungene Weise. Fans der Moers-Romane erwartet außerdem ein Wiedersehen mit weiteren, bereits bekannten Charakteren, die es ebenfalls in diese Dimension verschlagen hat. Beim Lesen merkt man, wie viel Freude der Autor selbst daran hatte, diese Geschichte zu Papier zu bringen. Qwert alias Prinz Kalbluth bleibt wirklich überhaupt nichts erspart und ich habe ihn gern durch seine verrückten Abenteuer begleitet, die in bekannter Moers-Manier illustriert sind. Ein Buch für alle, die nach einem fantastischen Roman suchen, der einfach nur Spaß macht!


Montag, 16. März 2026

Rezension: Hörst du "Die vier Jahreszeiten" von Marion Billet


Hörst du "Die vier Jahrezeiten"
Illustratorin: Marion Billet
Pappbilderbuch: 14 Seiten
Erschienen am 11. März 2026
Verlag: FISCHER Sauerländer
Link zur Buchseite des Verlags

----------------------------------------

Beim Soundbuch „Hörst du - Die vier Jahreszeiten“ laden sechs Doppelseiten dazu ein, Vivaldis Musik kennenzulernen. Diese sind farbenfroh gestaltet – mit bunten Blumen, fröhlichen Tieren und Naturszenen. Ein Knopf spielt jeweils einen Sound ab, wobei natürlich die bekanntesten Stellen der Vier Jahreszeiten herausgesucht wurden, die fast jeder kennt – zweimal Frühling, dann Sommer, Herbst und Winter. Auf der letzten Seite gibt es ein Suchspiel, hier werden abwechselnd fünf kurze Sounds gespielt, die ein Tiergeräusch enthalten, und das Kind soll auf das richtige abgebildete Tier zeigen.

Mein vierzehn Monate alter Sohn ist aktuell ein großer Fan von Soundbüchern, wobei wir bislang nur Bücher mit Tier- und Fahrzeuggeräuschen hatten. Da er aktuell gerne klassische Musik hört, war dieses Buch genau das richtige für ihn. Absolut positiv überrascht war ich von der ausgedehnten Länge der Sounds. Die Texte sind sehr kurz gehalten und geben eine knappe Beschreibung im Hinblick auf die Stimmung des Liedes, was völlig okay ist, da der Fokus hier auf der Musik liegt. Die Illustrationen gefallen mir sehr gut. Es gibt einige Dinge zu entdecken, ohne dass sie zu detailliert sind und die Unterschiede zwischen den Jahreszeiten werden deutlich. Mein Sohn kann von dem Buch aktuell gar nicht genug bekommen, er sitzt wie ein kleiner Dirigent davor und spielt die Sounds wieder und wieder ab. Wenn eure Kleinen Soundbücher und klassische Musik mögen, dann kann ich euch dieses Buch wärmstens empfehlen

Donnerstag, 12. März 2026

Rezension: Du, hier von Julia Wolff

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Du, hier
Autorin: Julia Wolf
Erscheinungsdatum: 19.02.2026
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN: 9783423285179
-----------------------------------------------------------------------------

Im Buch „Du, hier“ von Julia Wolf versammeln sich elf voneinander unabhängige Stories, die sich lose um das Thema der Selbstbestimmung drehen, was im heutigen Sprachgebrauch auch als Empowerment bezeichnet wird. Im Fokus steht jeweils eine Protagonistin in mittleren Jahren, also im Alter der Autorin. Dadurch erreicht Julia Wolf eine Nähe zu ihren Figuren, die ihnen Glaubwürdigkeit verleiht. Sie wirken lebensnah und ihre Handlungen sind nachvollziehbar. Allen gemeinsam ist eine Unzufriedenheit mit bestimmten Aspekten in ihrem Leben. Manchmal ist es nur ein Wort, um die Figuren dazu zu bringen, ihre Gewohnheiten zu hinterfragen und ihr Verhalten zu ändern. Die meisten von ihnen haben bis dahin in der selbst gewählten oder einer auferlegten Rolle verharrt.

Die Geschichten spielen sämtlich in der Gegenwart und handeln beispielsweise von Selbstverteidigung, das Infragestellen von Konventionen, familiären Beziehungen und Paardifferenzen. In der titelgebenden Erzählung begegnen sich zufällig zwei Jugendfreundinnen wieder, überrascht vom bisherigen Lebensweg der anderen, mit einer unerwarteten Wendung am Ende. Männer im Umfeld der Frauen treten entweder in den Hintergrund oder fungieren als Reibungspunkte. Jede Story ist einzigartig, im ganz eigenen Schreibstil, zum Beispiel besteht eine von ihnen rein aus einem inneren Monolog der Protagonistin.

Julia Wolf schreibt faszinierend, in leicht lesbarer, ruhiger Sprache, mit feiner Ironie durchzogen. Die Geschichten umfassen zwischen vierzehn bis neunundzwanzig Seiten und entfalten einen unwiderstehlichen Sog, der die Lesenden in die Gedanken- und Gefühlswelt der Hauptfiguren zieht, um mitzuverfolgen, was sie als störend empfinden, welche Richtungsänderung sie einschlagen werden und wodurch sie diese erreichen wollen. Ich habe die Stories mit großem Vergnügen gelesen und empfehle sie gerne weiter, auch als kurze Lektüre für zwischendurch.


Dienstag, 10. März 2026

Rezension: Fünf Fremde von Romy Fölck

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Fünf Fremde
Autorin: Romy Fölck
Erscheinungsdatum: 02.03.2026
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Farbschnitt
ISBN: 9783757701833
----------------------------------------------------------

An einem windigen Oktobermorgen befinden sich neben anderen Passagieren auch vier Frauen und ein Mann im Salon einer Fähre, deren Ziel die nur etwa drei Quadratmeter große Insel Neuwerk ist. Sie sind die Protagonist*innen des nach ihnen benannten Thrillers „Fünf Fremde“ von Romy Fölck. Der Untertitel „Nur einer kennt das tödliche Geheimnis, das sie alle verbindet“ weckt die Neugier darauf, hinter die Fassade der Figuren zu blicken.

Eine der Fremden ist Annika, 43 Jahre alt und Kriminalkommissarin in Hamburg. Sie hat um Freistellung gebeten, um sich auf Neuwerk um ihre demente Mutter zu kümmern. Aber nur sie selbst kennt den wahren Grund für ihre Auszeit. Erst spät erkennt sie, wer die Nonne ist, die sich ebenfalls an Bord befindet und die angeblich von ihrer Mutter eingeladen wurde, obwohl Annika stark daran zweifelt, dass diese dazu überhaupt in der Lage ist.

Sinje hingegen lebt in Rom und schreibt an einem True-Crime-Krimi. Sie wird von der Nachricht nach Neuwerk gelockt, dass sich dort das Verschwinden eines Jugendlichen zum dreißigsten Male jährt. Es bleibt zunächst rätselhaft, wer ihr diese Information zugespielt hat. Auch der Meteorologe Mats hat eine Mitteilung erhalten, die ihn auf die Insel führt. Sein beruflicher Werdegang wird ebenfalls von einem Geheimnis überschattet. Die fünfte Hauptfigur ist Michelle, eine junge Frau, die sich darum beworben hat, demnächst auf einer unbewohnten Nachbarinsel von Neuwerk als Vogelwartin zu arbeiten. Der Grund für ihren Jobwechsel bleibt zunächst im Dunkeln.

Mit der Insel Neuwerk hat Romy Fölck ein wunderschönes Setting für ihren Thriller gefunden. Sie lässt viel Lokalkolorit einfließen, so dass man sich am Ende beinahe wünscht, diesen abgelegenen Ort selbst zu besuchen. Gleich zu Beginn werden zahlreiche Fragen aufgeworfen. Bereits während der stürmischen Überfahrt ereignet sich ein Unfall, in den auch die Protagonist*innen verwickelt sind.

Während sich in der Gegenwart die Spannung langsam steigert, unterbrechen Kapitel mit Rückblicken auf Geschehnisse im Sommer 1995 die Handlung. Dem Lesenden wird bald deutlich, dass die damaligen Ereignisse eng mit den aktuellen Begebenheiten verknüpft sind. Nach und nach erschießt sich, was die Hauptfiguren nach Neuwerk führt.

Die Wetterkapriolen sorgen dafür, dass die Spannung im letzten Drittel zeitweise ins Stocken gerät. Obwohl sich am Anfang schnell ein Lesesog bei mir einstellte, vor allem weil ich die Geheimnisse und Hintergründe der Protagonist*innen ergründen wollte, fiel mir auf, dass die Führung der Figuren nicht immer geschickt war. Um so viele Rätsel wie im Thriller aufzuwerfen, bedarf es einer komplexen Konstruktion. Diese ist zwar gegeben, wirkt gelegentlich aber gestellt, wozu auch das Ende gehört, welches jedoch für eine überraschende Wendung mit Auflösung sorgt.

Der Thriller „Fünf Fremde“ von Romy Fölck kombiniert ein Closed-In Szenario mit einem atmosphärischen Handlungsort. Die interessante Ausgangsidee, eine psychologisch tiefgründige  Figurengestaltung, mysteriöse Rätsel und miteinander verwobene Lebensgeschichten überdecken kleine Schwächen der Geschichte und sorgen für unterhaltsame Lesestunden.


Samstag, 7. März 2026

Rezension: Deine Hand ist eine Sonne von Christina Naumann-Villemin und Géraldine Cosneau


Deine Hand ist eine Sonne
Autorin: Christine Naumann-Villemin
Illustratorin: Géraldine Cosneau
Übersetzerin: Saskia Heintz
Pappbilderbuch: 18 Seiten
Erschienen am 27. Januar 2026
Verlag: Hanser
Link zur Buchseite des Verlags

----------------------------------------

Schon das fröhlich gelb-blaue Cover von „Deine Hand ist eine Sonne“ lädt Kinder zum Mitmachen ein. Auf insgesamt acht Doppelseiten verwandeln sich die Hände der Kinder in ganz verschiedene Dinge, zum Beispiel einen Baum, ein Huhn oder einen Schmetterling. Mit einem kurzen Text, der immer ähnlich aufgebaut ist, wird das Kind aufgefordert, die Hand auf den farbenfrohen Handabdruck zu legen und sich vorzustellen, dass sie gleichzeitig etwas anderes ist. Der Vorlesende macht dazu ein passendes Geräusch und gibt einen kurzen Impuls.

Das Buch regt Kinder zum Mitmachen ein und fördert auf gelungene Weise die Feinmotorik und die Vorstellungskraft. Mal muss die linke, mal die rechte Hand und mal beide Hände passend platziert werden, um sich zu verwandeln. Die kurzen Texte fungieren hier vor allem als Anleitung und Inspiration, der Fokus liegt auf der Interaktion mit den Bildern. Die kräftigen Farben gefallen mir sehr gut und es macht Spaß, sich die Bilder immer wieder anzuschauen. Mein Highlight ist die letzte Seite, auf der die Hände ein Herz formen und der Vorlesende eine kleine Liebeserklärung ans Kind abgeben darf. So eine schöne Idee für ein gelungenes Bilderbuch!


Dienstag, 3. März 2026

Rezension: Hilf den Fahrzeugen von Nico Sternberg


Hilf den Fahrzeugen
Autor & Illustrator: Nico Sternberg
Pappbilderbuch: 22 Seiten
Erschienen am 18. Februar 2026
Verlag: Pengion Junior
Link zur Buchseite des Verlags

----------------------------------------

 „Hilf den Fahrzeugen“ ist ein Mini-Mitmachbuch von Nico Sternbaum in handlichem 15x15 cm Format, das Kleinkinder ab 18 Monaten zum Helfen einlädt. Insgesamt muss fünf verschiedenen Fahrzeugen geholfen werden. Eine Doppelseite zeigt jeweils die Problemsituation und die Aufgabe. Auf der Folgeseite wird dann die Auflösung gezeigt. Man muss schütteln, pusten, tippen und rufen. Die Illustrationen sind einfach gehalten mit Fokus auf die Fahrzeuge, die in ansprechend kräftigen Farben daherkommen. Die Aufgabe ist jeweils besonders hervorgehoben. Auch am Mienenspiel der Fahrer:innen ist klar abzulesen, wann sie Hilfe benötigen und wann ihnen geholfen wurde.

Während mein 13 Monate alter Sohn mit vielen Büchern ab 2 Jahre bereits problemlos zurechtkommt, ist dies ein Buch, in das er noch hineinwachsen kann. Er schaut mir fasziniert zu, wenn ich den Fahrzeugen helfe und schüttelt fleißig beim Hubschrauber, macht aber noch nicht bei jeder Aufgabe mit. Ich habe mich bewusst für dieses Buch entschieden, um zum Beispiel pusten zu üben und freue mich schon darauf, wenn es bei ihm „Klick“ macht und er auch hier mithilft. Ich empfehle das Buch gerne an alle weiter, die Lust auf ein spaßiges Interaktionsbuch haben!


Freitag, 27. Februar 2026

Rezension: Real Americans von Rachel Khong


Real Americans
Autorin: Rachel Khong
Übersetzer: Tobias Schnettler
Hardcover: 528 Seiten
Erschienen am 12. Februar 2026
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Link zur Buchseite des Verlags

----------------------------------------


Im Jahr 1999 lebt Lily Chen in New York und arbeitet dort als unbezahlte Praktikantin in einer Grafikabteilung. Auf der Weihnachtsfeier lernt sie den Neffen ihres Chefs kennen, der ihr überraschend seinen auf der Feier gewonnenen Fernseher überlässt. Die beiden tauschen Nummern aus, kurz darauf lädt er sie in ein teures Restaurant ein und fliegt mit ihr nach Paris. Doch Lily ist überzeugt davon, das sie nicht in seine Welt passt und geht auf Distanz. Jahre später wächst Nick auf einer abgelegenen Insel auf. Über seinen Vater weiß er nur, dass er keinen Kontakt wünscht. Doch kurz vor seinem Abschluss findet er eine Spur, die ihn den Geheimnissen seiner Familie näher bringt.

Der Roman beginnt mit dem Kennenlernen von Lily und Matthew, die aus ganz unterschiedlichen Welten stammen. Lilys Eltern sind Chinesen und als Naturwissenschaftler vor ihrer Geburt über Hongkong in die USA eingewandert. Matthews Familie ist sehr reich und einflussreich, wobei er zunächst versucht, Lily über die Ausmaße dessen im Dunkeln zu lassen. Trotz ihrer Unterschiedlichkeit fühlen sich die beiden zueinander hingezogen. Die Geschichte entwickelt schnell einen Lesesog und ich war gespannt, ob es für die beiden wirklich eine gemeinsame Zukunft gibt.

Zunächst wirkt der Roman wie eine klassische Boy meets Girl-Geschichte. Dann jedoch endet die Erzählung aus Lilys Perspektive und der Roman springt fast zwanzig Jahre in die Zukunft und wird aus der Perspektive von ihrem Sohn Nick weitererzählt. Ein dritter Teil lässt schließlich Lilys Mutter zu Wort kommen. Im Laufe der Zeit ergibt sich so ein immer detaillierteres Bild der Familiendynamiken. Es wird klar, dass viele wegweisende Entscheidungen im Hinblick auf die Lebenswege der drei aus der Motivation heraus getroffen wurden, dass die nachfolgende Generation es besser hat als man selbst. Doch dabei werden Grenzen überschritten, die zu Zerwürfnissen führen und der Frage, ob man dennoch wieder zueinander finden kann. Die Antwort darauf fällt unterschiedlich aus.

Ich habe die drei Protagonist:innen gerne auf ihrem Weg begleitet. Alle drei haben gemein, dass für sie manchmal die Zeit stehen bleibt und sie sie in diesem eingefrorenen Moment weiterleben. Dieses dezente Element des magischen Realismus fügt sich gelungen in die Handlung ein. Zusätzlich spielt Epigenetik später im Buch eine wichtige Rolle, was ich interessant fand. Etwas gestört hat mich die Ganz-oder-gar-nicht Haltung aller Protagonist:innen, die wenig Verhandlungsspielraum lässt, um Positionen auszuloten. Insgesamt ist „Real Americans“ ein fesselnder Roman über Familie, Herkunft, Klasse und der Suche nach einem passenden Platz im Leben, den ich sehr gerne weiterempfehle.


Mittwoch, 25. Februar 2026

Rezension: Real Americans von Rachel Khong

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Real Americans
Übersetzer aus dem amerikanischen Englisch: Tobias Schnettler
Erscheinungsdatum: 12.02.2026
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Leseband
ISBN: 9783462902016
---------------------------------------------------------

Die in Kalifornien lebende Rachel Khong erzählt in ihrem Roman „Real Americans“ eine vielschichtige Familiengeschichte, die sich über drei Generationen erstreckt und bemerkenswerterweise bis ins Jahr 2030 reicht. Jeder der drei Teile nimmt dabei eine andere Familienepoche in den Mittelpunkt. Der Prolog des Buchs spielt im Jahr 1966 in Peking. Eine unbenannte Frau zerschlägt mit einem Hammer das Glas einer Vitrine, um Relikte vor der Zerstörung durch die Rote Garde zu bewahren. Diese Szene wirft die Frage auf, wer den Mut besitzt, sich dem Regime entgegenzustellen. Erst viele Seiten später fügt sich der Vorfall in den Gesamtzusammenhang ein.

Die 22-jährige Lily Chen steht 1999 kurz vor dem Abschluss ihres Studiums in Kunstgeschichte. Sie arbeitet als unbezahlte Praktikantin in der Grafikabteilung eines angesagten New Yorker Medienunternehmens. Auf der Weihnachtsfeier lernt sie Matthew kennen, den fünf Jahre älteren Neffen ihres Chefs. Zwischen den beiden funkt es. Beide haben Eltern, von deren Einstellung zum Leben sie sich distanzieren, ohne weiter darüber zu sprechen. Lily wird bald bewusst, dass Matthew über deutlich mehr finanzielle Mittel verfügt als sie, was ihr äußerst unangenehm ist. Schließlich siegt ihre Liebe über ihre Bedenken, sich ganz auf eine Person einzulassen, bevor sie selbst eine genaue Vorstellung von ihrer Zukunft hat.

Der zweite Teil des Romans setzt im Jahr 2021 ein und richtet den Fokus auf den fünfzehnjährigen Nick, der mit seiner Mutter Lily auf einer kleinen, nur dünn besiedelten Insel im Nordwesten der USA lebt. Als Leserin begleitete ich ihn auf der Suche nach seinem Vater, der ihm unbekannt ist, weil sich seine Mutter über ihn ausschweigt. Gleichzeitig erzählt Lily ihrem Sohn ebenfalls wenig aus ihrem früheren Leben, obwohl sie selbst es stets bedauert hat, nicht mehr von der Kindheit und Jugend ihrer Eltern in China erfahren zu haben.

Immer wieder streut die Autorin kleine Hinweise auf die Vergangenheit von Lilys Mutter Mai ein, die für eine hintergründige Spannung sorgen. Der dritte Abschnitt, der im Jahr 2030 spielt, ist Mai gewidmet. Wie Lily und Nick berichtet auch sie aus der Ich-Perspektive. Besonders wirkungsvoll ist, dass Rachel Khong im letzten Buchteil einzelne Kapitel in eine auktoriale Erzählhaltung wechselt, um Nicks Geschichte weiterzuführen. Dabei wird spürbar, wie eng die Schicksale der Familienangehörigen miteinander sind.

Immer wieder flechtet die Autorin Überlegungen ihrer Figuren dazu ein, wie amerikanisch sie sein wollen und als wie zugehörig sie sich zu ihrer Abstammung empfinden. Lily etwa stört es, aufgrund ihres asiatischen Aussehen kategorisiert zu werden. Sie hadert jedoch auch damit, dass sie die Erwartungen ihrer Eltern an höher gesetzte Lebensziele nicht erfüllt. Rachel Khong wirft die Fragen auf, in welchem Maße uns genetische Anlagen prägen und wie stark unser Umfeld uns und unsere Entscheidungen beeinflussen kann. Gleichzeitig regt sie auf subtile Weise dazu an, darüber nachzudenken, ob den Eingriffen in das menschliche Genom Grenzen gesetzt werden sollten.

Im Roman „Real Americans“ wirft Rachel Khong die großen Fragen des Lebens auf. Statt expliziter Debatten ihrer Figuren baut sie ein faszinierendes, denkbares Familienbild auf voller überraschender Wendungen, mit feinfühlig ausgeführten Details und unter Einbindung historischer Hintergründe. Es ist eine bewegende Geschichte über Herkunft, Selbstbestimmung und Bindungen zwischen Generationen einer Familie. Sehr gerne empfehle ich das Buch weiter.

Samstag, 21. Februar 2026

Rezension: Weißt du eigentlich, wie lieb ich dich hab? Wir entdecken die Natur von Anita Jeram



Weißt du eigentlich, wie lieb ich dich hab? Wir entdecken die Natur
Illustratorin: Anita Jeram
Pappbilderbuch: 18 Seiten
Erschienen am 12. Februar 2026
Verlag: FISCHER Sauerländer
Link zur Buchseite des Verlags

----------------------------------------

Der kleine und der große Hase sind in der Natur unterwegs. Am Fluss, auf dem Bauernhof, am Meer und einigen weiteren Orten gibt es viel zu entdecken. Auf jeder Doppelseite sind die beiden Hasen in einer neuen Umgebung anzutreffen. Dabei sind jeweils zwölf oder dreizehn Begriffe benannt, vor allem Tiere und Pflanzen.

Mein Sohn und ich sind große Fans der „Weißt du eigentlich, wie lieb ich dich hab“-Bücher, neben der klassischen Geschichte haben wir schon die Winter-Geschichte und „Kleiner Hase, das bist Du“ mit der Spiegelfolie auf der letzten Seite. Dieses Bildwörterbuch ist die perfekte Ergänzung für unsere kleine Sammlung. Auf jeder Doppelseite sind die beiden Hasen an einem anderen Ort und erkunden die Natur. Dabei gibt es wenig Text und keine Geschichte – der Autor Sam McBratne ist leider 2020 verstorben – aber die Illustratorin der Bücher, Anita Jeram, hat hier liebevolle neue Szenen geschaffen. Ein wunderschönes Bildwörterbuch für alle Fans des kleinen und großen Hasen!


Dienstag, 17. Februar 2026

Rezension: Hazel sagt Nein von Jessica Berger Gross

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Hazel sagt Nein
Autorin: Jessica Berger Gross
Übersetzerin aus dem amerikanischen Englisch: Angela Koonen
Erscheinungsdatum: 02.02.2026
Verlag: Lübbe (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Leseexemplar als Softcover
ISBN: 9783757701963
---------------------------------------------------------------------------------------

Der Titel des Romans „Hazel sagt Nein“ nimmt die entscheidende Antwort der 18-jährigen Protagonistin auf die Aufforderung ihres Direktors vorweg, mit ihm eine sexuelle Beziehung einzugehen. Die US-amerikanische Autorin Jessica Berger Gross entfaltet ihre Geschichte rund um diesen verstörenden und lebensverändernden Moment von Hazel Blum im Büro des Schulleiters.

Hazel ist mit ihren Eltern und ihrem elfjährigen Bruder Wolf im Sommer von Brooklyn in die Kleinstadt Riverburg in Maine gezogen, nachdem ihr Vater dort eine Professur für Amerikanistik angenommen hat. Zunächst ahnen weder Hazel noch ihre Familie, welche weiten Kreise der Vorfall im Büro der Schule ziehen wird, denn die Protagonistin schweigt nicht über das unmoralische Angebot. Ihre Eltern wenden sich an die Präsidentin des Colleges, um Rat zu suchen.

Von Hazel wird es zunächst nicht gewollt, dass das Thema in die Öffentlichkeit gerät. Jedoch greifen Journalisten den Fall auf, wodurch das mediale Interesse wächst. Jessica Berger Gross beleuchtet dabei sowohl Schattenseiten als auch die möglichen Vorteile durch das Rampenlicht, in das Hazel gerät. Besonders eindringlich schildert sie die Auswirkungen auf die einzelnen Familienangehörigen, allen voran für den feinfühligen Wolf, der ausgerechnet mit der gleichaltrigen Tochter des Direktors endlich eine Schulfreundin gefunden hat.

Die Bewohner von Riverburg sind gespalten, wem sie glauben sollen, denn es steht Aussage gegen Aussage. Wie zu erwarten war, stellt der Schulleiter die Situation so dar, als habe seine Schülerin ihn verführen wollte. Er ist ein angesehener Mann, der für die Schule bereits einiges erreicht hat. Es ist erstaunlich, dass er bisher noch von keiner Schülerin angezeigt wurde, denn er hat frühere unmoralischen Beziehungen Hazel gegenüber erwähnt. Auch für ihn und seine Familie hat Hazels „Nein“ Konsequenzen.

Die Autorin versteht es, den Ernst der Lage immer wieder mit feinem Humor aufzuheitern. Sie ist stark darin, die Gefühle und inneren Konflikte der einzelnen Familienmitglieder im Umgang mit Hazels Erlebnis und den weitreichenden Folgen darzustellen. Allerdings ist mir die Darstellung des Konsum von Joints als Mittel zur Entspannung zu sorglos beschrieben.

Zwischenzeitlich verliert sich der Schwerpunkt des Romans in etlichen Nebenhandlungen, während er sich im mittleren Teil zum Hauptthema aufschaukelt, bis ins unglaubwürdige. Dennoch regen gerade die verschiedenen Reaktionen und Auswirkungen zum Nachdenken an. Es ist schwierig zu beurteilen, ob Hazel in jeder Situation die für sie beste Entscheidung getroffen hat.

In ihrem Roman „Hazel sagt Nein“ macht Jessica Berger Gross deutlich, wie komplex und weitreichend die Folgen eines einzigen „Neins“ sein können – für die Betroffene selbst, für ihre Familie und für eine ganze Gemeinschaft. Es braucht Mut, Grenzen zu setzen, und noch mehr Mut, zu ihnen zu stehen. Trotz einiger erzählerischer Schwächen konnte mich der Roman überzeugen und wird noch lange nachhallen. Gerne empfehle ich ihn weiter. 

Freitag, 13. Februar 2026

Rezension: Trag das Feuer weiter von Leïla Slimani

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Trag das Feuer weiter
Autorin: Leïla Slimani
Übersetzerin aus dem marokkanischen Französisch: Amelie Thoma
Erscheinungsdatum: 14.01.2026
Verlag: Luchterhand (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN: 9783630876481

----------------------------------------------------------------------------------

Mit ihrem Roman „Trag das Feuer weiter“ beendet Leila Slimani ihre Familientrilogie, die auf wahren Begebenheiten aus dem Leben ihrer Familien beruht. Die Wurzeln der Autorin liegen sowohl in Frankreich wie auch in Marokko. Die überwiegende Handlung des dritten Bands spielt im Nordwesten Afrikas. Die ersten beiden Teile habe ich nicht gelesen. Dank einer kurzen Beschreibung der wichtigsten Figuren habe ich mich gut in die Erzählung eingefunden.

Anfang der 1970er Jahre heiratet die Gynäkologin Aisha, deren Mutter aus dem Elsass stammt, den Finanzökonomen Mehdi. Ihre Tochter Mia wird 1974 geboren. In kurzen Zwischensequenzen erzählt diese aus der Ich-Perspektive in der Gegenwart, in der sie als Schriftstellerin in Paris wohnt. Aufgrund einer Erkrankung empfiehlt ihr ein Arzt, sich auf die Spuren ihrer Vergangenheit zu begeben. Daraufhin reist sie nach Marokko zur noch existierenden Farm ihrer Großeltern Mathilde und Amine, auf der ein Verwalter sich um das Anwesen kümmert.

Die Geschichte von Mias Familie wird in auktorialer Erzählweise geschildert und setzt Mitte der 1970er Jahre ein. In dieser Zeit gelingt es Aisha, Beruf und Mutterschaft miteinander zu vereinbaren. Während ihrer Abwesenheit kümmert sich ein Hausmädchen um Haushalt und die Kinder. Mia lehnt ihre sechs Jahre jüngere Schwester Ines ab, die scheinbar von allen geliebt wird. Sie selbst begehrt gerne mal auf. Bücher eröffnen ihr den Blick auf die Welt. Sie sehnt sich nach Freiheit jenseits ihres privilegierten Elternhauses.

Leïla Slimani vermittelt dem Lesenden eindrucksvoll politische und kulturelle Einblicke in Marokko. Sie stellt die Gegensätze der Denkweisen und gesellschaftlichen Konventionen heraus, ohne diese zu werten. Über die Jahre hinweg wird sichtbar, wie sich das Land verändert und mit ihm auch Mias Familie.

Anfang der 1990er Jahre erleben Mehdi und Mia sowie ihr Großvater Amine einen Culture Clash auf ihre je eigene Weise. Amine ist verstört vom trubeligen New York, das er nur seines Sohns zuliebe besucht. Es wird deutlich, wie schwierig es für ihn ist, sich in dieser fremden Kultur zurechtzufinden, auch weil ihm die Sprachkenntnisse fehlen.

Mehdis berufliche Tätigkeit zwingt ihn dazu, Verhandlungen im Ausland zu führen. Für ihn wird es zum Problem, Marokko als ein Land mit großer Zukunft vorzustellen, um es für Investoren attraktiv zu machen. Derweil beginnt Mia ein Wirtschaftsstudium in Paris und droht am Fehlen der familiären Zuwendung zu scheitern.

In ihrem Roman „Trag das Feuer weiter“ zeigt Leïla Slimani die Suche nach Identität über mehrere Generationen, Religionen und Kontinente hinweg. Sie bindet bedeutende historische Ereignisse ein und verwebt sie mit den persönlichen Schicksalen der Protagonist*innen. Der Roman regt dazu an, über Familie, Herkunft und Selbstverwirklichung nachzudenken. Sehr gerne empfehle ich ihn weiter.