Dienstag, 21. April 2026

Rezension: Stunden wie Tage von Shelly Kupferberg

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Stunden wie Tage
Autorin: Shelly Kupferberg
Erscheinungsdatum: 25.03.2026
Verlag: Diogenes (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN: 9783257073485
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Shelly Kupferberg verbindet in ihrem Roman „Stunden wie Tage“ historische Fakten mit Fiktion. Auf die Protagonistin Martha in deren späteren Lebensjahren wurde die Autorin in ihrem persönlichen Umfeld aufmerksam. Recherchen zu ihrer Biografie führten sie zurück in die Mitte der 1920er Jahre und zu einem Wohnhaus im Berliner Stadtteil Schöneberg.

Martha ist als einzige Tochter eines Schneiders aufgewachsen. Ihre Eltern ermöglichten ihr eine Ausbildung zur Kontoristin. Als diese zunehmend gebrechlich werden, sucht sie nach einer Anstellung, um den Lebensunterhalt abzusichern. Sie überzeugt die beiden Brüder Harry und Ber Berkowitz davon, sie trotz ihres jungen Alters als Hausbesorgerin in deren Mietshaus in der Tauentziehstraße einzusetzen.

Die Handlung verläuft überwiegend chronologisch, wird jedoch immer wieder durch Rückblenden ergänzt, die den Leser tiefer in die Vergangenheit der Figuren führen. So erfährt man beispielsweise mehr über das Ehepaar Harry und Katharina Berkowitz, das Anfang der 1920er Jahre aus politischen Gründen nach Berlin zieht. Harry adoptiert Katharinas Tochter Liane, die in der Hauptstadt geboren wird. In späteren Jahren wird sie häufig bei Martha zu Gast sein, die sich ihr mit großer Zuneigung annimmt.

Bald bewährt sich Martha in ihrer Rolle als Hausbesorgerin. In den nächsten Jahren erlebt man, welche alltäglichen Freuden und Leiden sie in ihrem Beruf erfährt, aber auch, wie sie den Mann fürs Leben kennenlernt. Mit Harry Berkowitz bespricht sie alles rund ums Haus, kassiert die Mieten und leitet sie an ihn weiter. Zunehmend nimmt sie die wachsenden Repressionen gegenüber der jüdischen Bevölkerung wahr. Auch die Brüder Berkowitz sind Juden, doch während Ber sich rechtzeitig nach England absetzt, verweilt Harry zunächst bei seiner Familie. Liane findet Kontakt zu einer Widerstandgruppe, die vom NS-Regime verfolgt wird. Dadurch nimmt ihr Leben eine Wendung, die niemand je erwartet hätte.

Als Persönlichkeit ist Martha zielstrebig und dabei konsequent, fleißig, mit dem Herz auf der Zunge, sparsam und um Gerechtigkeit bemüht. Dank sehr guter Recherche entsteht ein umfassendes authentisches Bild ihres Lebens. Immer wieder lässt Shelly Kupferberg Historie und Histörchen einfließen. Es sind nicht immer die großen Ereignisse die dabei berühren, vielmehr sind es die kleinen Begebenheiten, die das Unbegreifliche greifbar machen. Gekonnt lässt die Autorin jedoch auch immer wieder vergnügliche Szenen einfließen und setzt so der der Schwere der Zeit einige entspannende Momente entgegen.   

Der auf wahren Geschehnissen beruhende Roman „Stunden wie Tage“ von Shelly Kupferberg erzählt das Leben der Hausbesorgerin Martha, die im letzten Jahrhundert in Schöneberg wohnte. Besonders eindringlich und verstörend wirkt die Darstellung der Zeit des Nationalsozialismus, deren beklemmende und unmenschliche Ereignisse lange nachhallen. Sehr gerne vergebe ich eine Leseempfehlung.

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