Autorin: Shelly Kupferberg
Erscheinungsdatum: 25.03.2026
Verlag: Diogenes (Link zur Buchseite des Verlags)
Shelly Kupferberg verbindet in ihrem Roman „Stunden wie
Tage“ historische Fakten mit Fiktion. Auf die Protagonistin Martha in deren
späteren Lebensjahren wurde die Autorin in ihrem persönlichen Umfeld
aufmerksam. Recherchen zu ihrer Biografie führten sie zurück in die Mitte der
1920er Jahre und zu einem Wohnhaus im Berliner Stadtteil Schöneberg.
Martha ist als einzige Tochter eines Schneiders aufgewachsen.
Ihre Eltern ermöglichten ihr eine Ausbildung zur Kontoristin. Als diese zunehmend
gebrechlich werden, sucht sie nach einer Anstellung, um den Lebensunterhalt
abzusichern. Sie überzeugt die beiden Brüder Harry und Ber Berkowitz davon, sie
trotz ihres jungen Alters als Hausbesorgerin in deren Mietshaus in der
Tauentziehstraße einzusetzen.
Die Handlung verläuft überwiegend chronologisch, wird jedoch
immer wieder durch Rückblenden ergänzt, die den Leser tiefer in die
Vergangenheit der Figuren führen. So erfährt man beispielsweise mehr über das
Ehepaar Harry und Katharina Berkowitz, das Anfang der 1920er Jahre aus
politischen Gründen nach Berlin zieht. Harry adoptiert Katharinas Tochter Liane,
die in der Hauptstadt geboren wird. In späteren Jahren wird sie häufig bei
Martha zu Gast sein, die sich ihr mit großer Zuneigung annimmt.
Bald bewährt sich Martha in ihrer Rolle als Hausbesorgerin. In
den nächsten Jahren erlebt man, welche alltäglichen Freuden und Leiden sie in
ihrem Beruf erfährt, aber auch, wie sie den Mann fürs Leben kennenlernt. Mit
Harry Berkowitz bespricht sie alles rund ums Haus, kassiert die Mieten und
leitet sie an ihn weiter. Zunehmend nimmt sie die wachsenden Repressionen
gegenüber der jüdischen Bevölkerung wahr. Auch die Brüder Berkowitz sind Juden,
doch während Ber sich rechtzeitig nach England absetzt, verweilt Harry zunächst
bei seiner Familie. Liane findet Kontakt zu einer Widerstandgruppe, die vom
NS-Regime verfolgt wird. Dadurch nimmt ihr Leben eine Wendung, die niemand je
erwartet hätte.
Als Persönlichkeit ist Martha zielstrebig und dabei
konsequent, fleißig, mit dem Herz auf der Zunge, sparsam und um Gerechtigkeit
bemüht. Dank sehr guter Recherche entsteht ein umfassendes authentisches Bild
ihres Lebens. Immer wieder lässt Shelly Kupferberg Historie und Histörchen
einfließen. Es sind nicht immer die großen Ereignisse die dabei berühren, vielmehr
sind es die kleinen Begebenheiten, die das Unbegreifliche greifbar machen.
Gekonnt lässt die Autorin jedoch auch immer wieder vergnügliche Szenen einfließen
und setzt so der der Schwere der Zeit einige entspannende Momente entgegen.
Der auf wahren Geschehnissen beruhende Roman „Stunden wie Tage“ von Shelly Kupferberg erzählt das Leben der Hausbesorgerin Martha, die im letzten Jahrhundert in Schöneberg wohnte. Besonders eindringlich und verstörend wirkt die Darstellung der Zeit des Nationalsozialismus, deren beklemmende und unmenschliche Ereignisse lange nachhallen. Sehr gerne vergebe ich eine Leseempfehlung.
