Donnerstag, 18. August 2022

Rezension: Wenn ich das kann, kannst du das auch! von Linda Zervakis und Elissavet Patrikiou

 

 


 


 


 


 


 Rezension von Ingrid Eßer

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Titel: Wenn ich das kann, kannst du das auch!
Autorinnen: Linda Zervakis und Elissavet Patrikiou
Erscheinungsdatum: 02.08.2022
Verlag: Gräfe und Unzer (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover
ISBN: 9783833882326
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Das Buch „Wenn ich das kann, kannst du das auch!“ aus dem Verlag Gräfe und Unzer beinhaltet eine persönliche Rezeptsammlung der bekannten Journalistin und Fernsehmoderatorin Linda Zervakis. Als Fotografin und Co-Autorin sowie Testeserin hat Elissavet Patrikiou sie bei der Erstellung des Buchs unterstützt.

Linda Zervakis beabsichtigt mit dem Buch nicht, dem Käufer eine Menge Rezepte zu liefern. Stattdessen hat sie eine Handvoll Rezepte ausgesucht, die sie von Bekannten erhalten hat und nach ihrem persönlichen Geschmack angepasst. Dazu holte sie den Rat einiger küchenerfahrener Freunde ein und kochte die Gerichte so lange nach, bis sie ihr schmeckten. Sie selbst hat sich vorher wenig als Köchin betätigt, weil sie von ihrem Mann bekocht wurde und früher von ihrer Mutter. Aus dieser Ausgangslage heraus ist der auffordernde Titel entstanden, denn die Autorin traut es jedem Lesenden zu, dass ihr oder ihm die Gerichte nach den Rezepten im Buch gelingen.

Außerdem finden sich Rezepte ihrer Freunde im Buch, die der Meinung waren, dass Linda Zervakis diese unbedingt einmal probieren sollte. Selbst wenn die Gerichte nicht alltägliche Zutaten enthalten, hat die Autorin dazu einen Kauftipp angeführt. Auch die Empfehlungen hat sie nachgekocht und sie sind ihr schmackhaft gelungen!

Die Rezepte hat die Journalistin in vier Kategorien eingeteilt. Das erste Kapitel ist „Greek Style meets HH“ benannt, denn hier bringt sie ihren südländischen Geschmack in die nordische Heimat ein. Im Kapitel „Griechenland trifft Orient“ finden sich hauptsächlich kleine Vorspeisen, wohingegen der Kochende unter „Rezepte für jeden Tag“ von Suppe über Salat bis hin zur Bolognese ein schöne Mischung findet. Das letzte Kapitel „Alles mit Teig“ enthält einige Backrezepte. Abschließend findet sich ein spezielles Rezept für Gebackenen Feta der Co-Autorin Elissavet Patrikiou, das sie ihrer Freundin Linda schenkt, weil diese es so gerne mag. Also unbedingt ausprobieren!

Neben den Fotos der Rezepte im Buch sind Bilder der Köche und Köchinnen bei der Zubereitung, beim Essen oder auch bei Treffen mit Linda Zervakis zu finden, die motivierend wirken. Ergänzt werden sie von der Autorin mit Hinweisen oder Wissenswertes zum Gericht und Geschichten rund um die abgebildeten Personen.

Mich haben die Aufmachung des Buchs und die Rezepte sehr angesprochen. Das Weißbrot habe ich nach den Angaben gebacken und das griechische Hähnchen aus dem Ofen mit Kartoffeln nachgekocht. Es hat nicht nur mir und meinem Mann prima geschmeckt, sondern das Back- bzw. Kochergebnis sah genauso aus wie das Brot und das Gericht auf den Fotos. Sicher werde ich weitere Rezepte ausprobieren. Gerne empfehle ich das Buch an diejenigen weiter, die sich griechische oder orientalische Einflüsse beim Kochen wünschen und sich dem Geschmack annähern wollen.


Montag, 15. August 2022

Rezension: Findelmädchen - Aufbruch ins Glück von Lilly Bernstein

 


Rezension von Ingrid Eßer

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Titel: Findelmädchen
Autorin: Lilly Bernstein
Erscheinungsdatum: 28.07.2022
Verlag: Ullstein (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Taschenbuch 
ISBN: 9783548065687
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Der historische Roman „Findelmädchen“ von Lilly Bernstein brachte mich zeitlich gesehen zurück in die 1950er Jahre. Das Cover zeigt im Hintergrund den Kölner Dom. In dieser Stadt am Rhein erwartet der leibliche Vater der 15 Jahre alten Helga nach der Rückkehr aus seiner Kriegsgefangenschaft seine Tochter und seinen Sohn Jürgen. Was zunächst für die beiden Kinder, wie es im Untertitel heißt, ein „Aufbruch ins Glück“ sein könnte, erweist sich vor allem für Helga als steiniger Weg.

Helga und Jürgen können sich kaum an die Zeit kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs erinnern: sie wussten nicht, wo ihre Eltern sind. Mit anderen elternlosen Kindern lebten sie in Köln in schlimmen Verhältnissen. Eines Tages findet ein französisches Paar dort ihren Sohn wieder, einen Freund der Geschwister. Das Paar nimmt Helga und Jürgen mit in die Heimat und behandelt sie wie eigene Kinder.

Viele Jahre später erreicht die beiden eine positive Antwort auf eine Suchanfrage ihres Pflegevaters nach ihrem leiblichen Vater. Beide freuen sich auf die Heimkehr nach Köln. Helgas Vater meldet seine Tochter auf der Hauswirtschaftsschule an. Zur Ausbildung gehört auch ein Praktikum, das Helga im Waisenhaus absolviert. Es erschreckt sie, wie die Kinder dort behandelt werden. Besonders Bärbel, ein Kind mit etwas dunklerer Hautfarbe, wird häufig schikaniert. Helga versucht es zu schützen, und verzweifelt fast an ihrer eigenen Machtlosigkeit. Auch in Sachen Liebe fühlt sie sich zuweilen hilflos.

Lilly Bernstein thematisiert in ihrem Roman die Verhältnisse im Kinderheim in den 1950ern. Seit einer eigenen Reportage vor einigen Jahren beschäftigt sie sich immer wieder damit. Sie hat Gespräche mit Betroffenen geführt und erzählt darüber in bewegender Weise. Trotz der Gängelung erwähnt sie aber auch, dass Kinder manchmal das Leben im Waisenhaus gerne mochten, weil es für sie die beste Alternative war.

Im Roman werden die Ansichten der 1950er über Erziehung deutlich, sich von den heutigen unterscheiden und die auch erkennbar sind in der Entscheidung des Vaters, Helga den Besuch des Gymnasiums zu verweigern. Damals hielt man eine Ausbildung für Frauen oft für überflüssig, weil sie nach ihrer Heirat keiner Arbeit nachgehen, sondern sich ausschließlich um den Haushalt kümmern sollte. So sah es das Gesetz vor.

Berührend ist auch das Schicksal von Bärbel, einem sogenannten „Brown Baby“, also ein von einer deutschen Mutter geborenes Besatzungskind mit afroamerikanischem Vater, für die besondere Regelungen vom Staat getroffen wurden. Auf verschiedene Weise versteht es die Autorin, tagesaktuelle Nachrichten in das Geschehen einzubringen. Über eine Freundin der Familie, die eine Milchbar betreibt, bindet Lilly Bernstein dank einer Musikbox auch damals bekannte Songs in die Geschichte ein. Unwichtige Details in Handlungssträngen lässt sie bisweilen weg.

Helga ist hilfsbereit, anpassungsfähig, wissbegierig und arbeitet so wie ihr Vater und ihr Bruder viele Stunden am Tag. Für Freizeit bleibt kaum Spielraum, wenn, dann meist am Sonntag. In der Vergangenheit von Helgas Eltern gibt es ein Geheimnis, das der Vater lange zu verbergen weiß. Die Familienmitglieder untereinander schweigen sich häufig aus, dadurch unterbleibt ein offener Umgang miteinander, wie es früher häufiger vorkam. Dank eines dramaturgischen Kniffs konnte ich als Leserin fortlaufend bis zum Ende des Romans mehr über das Schicksal der Mutter von Helga und Jürgen erfahren.

Im Roman „Findelmädchen – Aufbruch ins Glück“ belebt Lilly Bernstein aka Lioba Werrelmann den Zeitgeist der 1950er Jahre. Für ihre 15-jährige Protagonistin bedeutet die Heimkehr aus Frankreich nach Köln, die Vorbereitung auf ein selbstbestimmtes Leben. Dafür riskiert sie einiges und setzt sich, trotz möglicher Konsequenzen für sie selbst, für andere ein. Mit der Zeit erwacht in ihr die Sehnsucht nach Liebe und Vertrauen. Es ist erschütternd darüber zu lesen, dass die Konventionen und Regeln nicht immer im Sinne der Hauptfigur zum Tragen kommen. Gerne empfehle ich das Buch weiter.


Rezension: Vega - Der Wind in meinen Händen von Marion Perko


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Vega - Der Wind in meinen Händen
Autorin: Marion Perko
Hardcover: 384 Seiten
Erschienen am 15. August 2022
Verlag: Insel Verlag

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 Vega und ihr Freund Esper arbeiten als Wettermacher und werden zum Beispiel gerufen, um für ihre Auftraggeber Regen auf bestimmte Flächen zu bringen. Was keiner ahnt: Vega ist nicht nur die Assistenin, die aufgrund ihrer siebzehn Jahre noch keine eigene Lizenz hat und Esper bei seiner Tätigkeit mit Chem-Patronen und Drohnen hilft. Ganz im Gegenteil: Esper ist die Ablenkung, während Vega Wind und Wolken ohne jegliche Hilfsmittel kontrollieren kann. Das darf außer Esper aber niemand wissen.

Bei dem Einsatz in einer Gartenanlage kommt es eines Tages zur Katastrophe: Vega ruft Regen herbei, doch dieser stellt sich als ätzend heraus. Verletzte Kinder müssen ins Krankenhaus und Vega gerät als Hauptverdächtige ins Visier der Prüfstelle für atmosphärische Optimierung, kurz PAO. Unverhofft komtm ihr Leo zur Hilfe und den beiden gelingt die Flucht. Doch wie soll es für sie weitergehen? Weitere Zwischenfälle machen Vega bewusst, dass nicht nur ihre eigene Zukunft auf dem Spiel steht.

Das Buch beginn mit dem Eintreffen von Vega und Esper in der Gartenanlage und schon nach wenigen Seiten ist Vega aufgrund des ätzenden Regens gezwungen, unterzutauchen. Der Start in diese mehrbändige Reihe ist rasant. Ich freute mich darauf, Vega und ihre Fähigkeiten besser kennenzulernen. Gleichzeitig werfen die ersten Szenen jede Menge Fragen auf, sowohl rund um das Thema, wie es zu dem Zwischenfall überhaupt kommen konnte als auch dazu, in welchem Zustand sich der Planet grundsätzlich befindet und wie die Gesellschaft sich organisiert hat.

Vega verschlägt es bei ihrer Flucht in die verschiedensten Ecken ihrer Stadt und der Umgebung. Daduch erfuhr ich allmählich mehr über die Welt, in der sie lebt. Auch ihre eigene Geschichte lernte ich durch immer wieder eingestreute kurze Erinnerungen kennen. Wie genau ihre Fähigkeit funktioniert wird hingegen nur vage ausprobiert. Da das Buch aus der Ich-Perspektive Vegas geschrieben ist fühlte ich mich ihr schnell nahe, während ich mich genau wie sie selbst fragte, mit welcher Motivation ihr Begleiter Leo ihr hilft.

Nach dem vielversprechenden Start zog sich das Buch im Mittelteil für meinen Geschmack sehr in die Länge. Zwar bleibt das Tempo hoch, da Vega kreuz und quer durch die Stadt hetzt. Mir fehlten dabei aber neue Erkenntisse und echte Fortschritte. Außerdem wurde mir für ein als Auftrakt der Klima-Saga angekündigtes Buch das Thema Klima zu oberflächlich behandelt. Irgendwann gehen Vega die Ideen aus, was sie noch tun könnte, und ich fühlte mich ebenso orientierungslos. Zum Ende hin wird es durch einen neuen Schauplatz wieder interessanter, doch dann endet das Buch auch schon mit einem fiesen Cliffhanger. Der Fokus dieses Auftakts lag sehr auf Worldbuilding und Charaktervorstellung und ich hatte das Gefühl, dass viele Antworten für weitere Teile zurückgehalten wurden, sodass mich das Buch für sich stehend nur mäßig überzeugen konnte. Nun ist aber alles vorbereitet, damit Vega in kommenden Bänden so richtig durchstarten kann!

Mittwoch, 10. August 2022

Rezension: Triskele von Miku Sophie Kühmel

 


Rezension von Ingrid Eßer

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Titel: Triskele
Autorin: Miku Sophie Kühmel
Erscheinungsdatum: 10.08.2022
Verlag: S. Fischer (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN: 9783103971118
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In ihrem Roman „Triskele“ stellt Miku Sophie Kühmel die familiäre Beziehung dreier Schwestern vor dem Hintergrund von fünf Jahrzehnten deutscher Geschichte in den Fokus. Die Geschwister haben dieselbe Mutter, die aber Ende Februar 2020 freiwillig aus dem Leben geschieden ist. Ihre verschiedenen Väter sind ihnen unbekannt. Blickt man auf die verschiedenen Lebenswege der drei Schwestern Mercedes, Mira und Matea kann man diese in Bezug auf die Form einer Triskele sehen. Denn auch sie bewegen sich vom gemeinsamen Mittelpunkt in unterschiedliche Richtungen weg. Die Geschichte erzählt von ihren Gemeinsamkeiten, betrachtet aber auch ihre Unterschiede.

Die Geburtstage der Geschwister liegen jeweils etwa 16 Jahre auseinander. Dadurch erlebten die beiden ältesten die Geburt der nächstjüngeren Schwester in ihrer Teenagerzeit. Während sie auf der Suche nach Identität waren, kam ihr eingenommener Platz in der Familie ins Wanken.

Mercedes als ältestes Kind wurde 1972 in der Altmark geboren. Jetzt wohnt sie genauso wie die 32-jährige Mira in Berlin. Kurze Zeit nach Miras Geburt wurde Deutschland wiedervereinigt und der Zeitgeist änderte sich. Zielstrebig hatte Mercedes einen aus vernunftgründen gewählten Beruf im Blick. Mira probierte als junge Frau beruflich einiges aus. Beide mögen den Kontakt zu Menschen, aber Matea flüchtet sich mit ihren jetzt 15 Jahren in eine Online-Fantasywelt. Als sie mit Mercedes kurz nach dem Tod der Mutter zusammenzieht bleibt sie ihr gefühlsmäßig fern und verschlossen.

Miku Sophie Kühmel schaut nicht nur auf die Empfindungen der drei Geschwister füreinander, sondern zeigt ebenfalls den Einfluss des Wandels der gesellschaftspolitischen Situation auf den Lebensweg der Schwestern. Der Tod der Mutter fordert von den Geschwistern eine Verarbeitung des Geschehens. Kurze Zeit nach dem Begräbnis schränkt das Coronavirus die Handlungsmöglichkeiten der Protagonistinnen im Alltag und beruflich ein, so dass sie sich nochmals auf neue Gegebenheiten einstellen müssen. Die Schwestern passen sich den jeweiligen Umständen an. Auch in der Sprache weiß die Autorin auf einem bildungssprachlichen Niveau die Veränderungen über die Jahrzehnte darzustellen.

Untereinander bewundern sich die Geschwister für bestimmte Fähigkeiten und Wissen, die sie selbst nicht besitzen. Sie reflektieren kritisch ihr eigenes Leben und respektieren sich. Und dennoch gibt es immer wieder Situationen, in denen sie im Umgang miteinander an ihre Grenzen stoßen. Jede von ihnen hat sich längst abgeseilt von der Mutter, deren Tod ihre bewusste Entscheidung aufgrund einer Krankheit war. Doch genau durch den verbleibenden Faden, zwar unsichtbar, aber deutlich zu spüren, sind sie immer verbunden. Wie in einer Spirale der Triskele entfernen sie sich voneinander und nähern sich wieder an.

In ihrem Roman „Triskele“ schreibt Miku Sophie Kühmel über das Jahr dreier Schwestern nach dem Tod der Mutter. Im monatlichen Wechsel steht jeweils eine von ihnen als Ich-Erzählerin im Fokus und vergleicht, wägt ab, blickt zurück auf ihr eigenes Leben und das der Geschwister. Dabei werden sehr unterschiedliche Themen angeschnitten, wobei aus den Gedanken und dem Handeln der Drei immer ein Zuneigung füreinander spürbar ist trotz psychologischer Distanz. Gerne empfehle ich den Roman uneingeschränkt weiter.


Dienstag, 9. August 2022

Rezension: Im Feuer - ein Fall für Lilly Hed von Pernilla Ericson

 


Rezension von Ingrid Eßer

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Titel: Im Feuer - Ein Fall für Lilly Hed
Autorin: Pernilla Ericson
Übersetzerin: Friederike Buchinger
Erscheinungsdatum: 27.07.2022
Verlag: Scherz (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Klappenbroschur
ISBN: 9783651001091
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Im Kriminalroman „Im Feuer“ schildert die Schwedin Pernilla Ericson den ersten Fall für die erfolgreiche Ermittlerin Lilly Vendela Hed aus Stockholm in ihrem neuen Job, die sich auf eigenen Wunsch in die Provinz weiter südlich von der schwedischen Hauptstadt hat versetzen lassen.

Es ist ein heißer Sommer und die Brandgefahr ist hoch. Die Regierung hat vorsorglich das Grillen und private Bewässern unter Androhung von Strafen verboten, aber viele Schweden halten sich nicht daran. Schon kurz nach Lillys Antritt der neuen Stelle brennt es. Die Feuerwehr hat an mehreren Orten zugleich zu sein und bei weitem nicht genug Möglichkeiten, die Feuer zu bekämpfen.

Ein Mann stirbt in seinem Haus. Bei der Spurensuche findet sich eine Merkwürdigkeit. Einmal darauf aufmerksam gemacht, lässt Lilly der Gedanke nicht mehr los, dass das Feuer bewusst gelegt wurde. Doch das ist er der Anfang, denn kurze Zeit später gibt es ein weiteres Brandopfer an einem neuen Brandherd. Für die Ermittlerin stellt sich die Frage, ob jemand Feuer als Tatwaffe benutzt oder doch ausschließlich die Brände als Folgen des Klimawandels zu sehen sind.

Der vorliegende Fall ist ein clever ausgearbeiteter Kriminalfall. Als Leserin gibt mir die Autorin einen Vorsprung gegenüber Lilly. Dabei ist lange noch kein Täter in Sicht. Für die Rolle des Verbrechers bringt Pernilla Ericson im Laufe der Geschichte mehrere Figuren ins Spiel, die mich miträtseln ließen. Für Lilly ist ihre Kollegin Katja sehr hilfreich, die vor Ort aufgewachsen ist und zahlreiche Bewohner persönlich kennt. Die beiden verstehen sich vom ersten Tag an sehr gut.

Außerdem fügt die Autorin zur Steigerung der Spannung immer wieder Kapitel ein, deren Handlung zwanzig Jahre in die Vergangenheit reichen. Eine ältere Person wird darin von Jugendlichen gemobbt. Mir war bewusst, dass der vorliegende Fall mit den Rückblicken in Zusammenhang stehen musste, aber sehr lange konnte ich beides nicht miteinander verbinden.

Lilly Hed war in den letzten Jahren als Ermittlerin zwar erfolgreich, aber in ihrem Privatleben musste sie schmerzliche Erfahrungen machen. Davon möchte sie Abstand gewinnen. Doch dadurch, dass sie sich nicht über die Ereignisse äußern möchte, die hinter ihr liegen, wird ihre Verschlossenheit auf der Dienststelle als ein psychisches Problem ausgelegt. Sie erkennt, dass sie sich den Schatten ihrer Vergangenheit stellen muss, um sich auch in Sachen Liebe wieder für Jemanden öffnen zu können.

Scheinbar nebenher thematisiert die Autorin die Erwärmung des Klimas mit den Folgen von Hitze und Feuer. An einigen Stellen gibt sie in leicht verständlichem Ton Hintergründe und Erläuterungen dazu.

„Im Feuer“ ist der erste Kriminalfall für die junge schwedische Ermittlerin Lilly Hed, die aufgrund privater Schwierigkeiten einen Neuanfang in einer Provinzstadt Schwedens sucht. Die Brände, die dort aufgrund der Hitze in Folge der Klimaveränderung ausgebrochen sind, könnten ein perfektes Werkzeug sein, um Verbrechen ohne Spuren zu begehen. Kurz nach Beginn der Geschichte bringen die Zweifel an offensichtlichen Szenarien Spannung auf, die sich bis zum Ende hin fortsetzt. Ich bin sehr gespannt auf den Folgeband und vergebe gerne eine Leseempfehlung an Krimifans.


Sonntag, 7. August 2022

Rezension: A Psalm of Storms and Silence von Roseanne A. Brown


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A Psalm of Storms and Silence
Autorin: Roseanne A. Brown
Hardcover: 384 Seiten
Erschienen am 15. August 2022
Verlag: Insel Verlag

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Nach dem erschütternden Ende der Solastia-Feierlichkeiten ist Karina gemeinsam mit Dedele und Afua auf der Flucht. Unterdessen kämpft Malik gegen den Gesichtslosen König an, den er in seinem Geist gefangen genommen hat. Er lebt mit seinen Schwestern im Palast, denn er hat zugestimmt, der Schüler von Farid zu werden. Doch seine Lektionen gestalten sich anders als gedacht. Als eine neue Plage über das Land zieht und eine düstere Prophezeihung die Zukunft in Frage stellt, müssen Karina und Malik sich entscheiden, wofür sie kämpfen wollen und was sie bereit sind zu opfern.

Dieser zweite Teil der Dilogie beginnt mit einem kurzen Rückblick auf die Geburt Karinas und führt die Geschichte dann dort fort, wo der erste Teil endete. Auch wenn ich den Vorgänger erst vor vier Monaten gelesen habe, brauchte ich ein wenig, um wieder in der Geschichte anzukommen, da sich die Ereignisse zuletzt überschlagen hatten. Nun wird den Charakteren erst einmal die Gelegenheit gegeben, die neue Lage zu sondieren und zu überlegen, wie es weitergehen kann. Doch dann wird ihnen die Entscheidung bezüglich des nächsten Schrittes in gewisser Weise abgenommen, da sie sich mit Situationen konfrontiert sehen, die sie zur Reaktion zwingen.

Eine neue Prophezeihung gab mir schließlich eine ungefähre Vorstellung davon, in welche Richtung sich das Buch entwickeln wird. Erneut beginnt die Suche nach lang verlorenen Gegenständen. Die Kapitel sind wieder abwechselnd aus der Sicht von Karina und Malik geschrieben. Hier enden aber auch die Parallelen zum ersten Band. Die Geschichte ist düster und spannend, ich bangte um die liebgewonnenen Charaktere und begleitete sie durch zahlreiche Gefahren. Es gibt einige überraschende Entwicklungen, wobei ich hier immer wieder das Gefühl hatte, dass es sich die Autorin einfach macht, indem scheinbar Unmögliches doch geschieht und dies jedes Mal mit der Magie Solastias begründet wird, deren Regeln niemand gänzlich greifen kann.

In "A Psalm of Stoms and Silence" geht es um die Zukunft von Solstasia und die persönlichen Schicksale von Karina und Malik. Mich konnte die Geschichte erneut fesseln, auch wenn mir der erste Teil noch etwas besser gefallen hat. Gerne empfehle ich die Dilogie an alle High Fantasy-Fans weiter, die Lust auf rätselhafte Magie, Geister und düstere Prophezeihungen haben!

Freitag, 5. August 2022

Rezension: Die karierten Mädchen von Alexa Hennig von Lange

 


Rezension von Ingrid Eßer

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Titel: Die karierten Mädchen (Band 1 von 3)
Autorin: Alexa Hennig von Lange
Erscheinungsdatum: 02.08.2022
Verlag: Dumont (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Leseband
ISBN: 9783832181680
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Der Roman „Die karierten Mädchen“ ist der erste Band einer Trilogie, die inspiriert ist von der Lebensgeschichte der Großmutter der Autorin Alexa Hennig von Lange. Ende der 1920er Jahre ist die Protagonistin Klara stolz über eine Stelle als Hauswirtschaftslehrerin in einem Kinderheim in Oranienbaum. Einige Jahre später erhält sie die Leitung eines Frauenbildungsheims. Die Auszubildenden sollen einheitliche Arbeitskleidung tragen. In Anlehnung daran werden sie bald als „karierte Mädchen“ bezeichnet.

Die Geschichte spielt auf zwei Zeitebenen. Einerseits erzählt die Autorin von Klara, die etwa um die Jahrhundertwende 91 Jahre alt und blind ist. Dennoch lebt sie weitgehend unabhängig im eigenen Haus. Ihr Mann ist vor vielen Jahren verstorben, aber ihre Kinder besuchen sie noch regelmäßig. Die Schwangerschaft ihrer Enkelin löst bei Klara verschüttete Erinnerung wach. Ihr kommt die Idee, auf Kassetten aufzunehmen, was sie in der Vergangenheit erlebt hat. Auf der zweiten Zeitebene konnte ich von Klara als junge Frau bei Antritt ihrer ersten Stelle lesen. Chronologisch setzt Alexa Hennig von Lange beide Handlungsebenen fort.

Die Autorin schreibt als allwissende Erzählerin. Dadurch erreicht sie eine gewisse Distanz zum Geschehen, die notwendig ist, um der Geschichte ihrer Großmutter einen breiteren fiktionalen Raum zu geben. Es ist für uns heute schwierig, Gründe für die Handlungen der damals Lebenden nachzuvollziehen. Unsere heutige Meinung über die vergangene Epoche beruht auf der Kenntnis vieler Fakten.

Klara trat ihre erste Stelle in der Zeit der Weltwirtschaftskrise 1929 an. Sie war froh darüber, überhaupt eine Arbeit zu finden in ihrem erlernten Beruf. Aber bald schon geraten die Finanzen des Kinderheims in eine Schieflage und es kommt zu Entlassungen von Personal. Die Protagonistin hat die Idee dazu, sich auf die aufstrebende Partei der Nationalsozialisten zu stützen, die das Heim erhalten will, wenn die neuen Ideologien dort vermittelt werden.

Mit der Figur der Kindergärtnerin Susanne schafft die Autorin eine Person, mit der Klara ihren Standpunkt diskutiert. Susanne kommt aus einer betuchten Familie in Berlin und bringt einen anders gelagerten Blick auf die Machtverhältnisse mit. Durch Einflechten einer Erzählung rund um das jüdische Waisenkind Tolla, dessen Klara sich annimmt, bindet die Autorin zusätzlich die Geschichte der Judenverfolgung mit ein. Obwohl Klara sich und die unter ihrer Obhut stehenden vor weiteren Nöten bewahren möchte, sind ihre Entscheidungen aus moralischer Sicht im Nachhinein kontrovers zu sehen.

Alexa Hennig von Lange schreibt in ihrem Roman „Die karierten Mädchen“ behutsam und einfühlend. Gerne blickt sie hinter die Fassade ihrer Figuren, die sich ändern und weiterentwickeln, aus Sicht des Lesenden nicht immer zu deren Bestem, aber mit Konsequenzen. Auch aufgrund der einfließenden Lebenserinnerungen ihrer Großmutter gelingt es ihr, ein authentisches Bild der damaligen Zeit zu zeichnen. Das Buch ist der erste Teil einer Trilogie, deren Handlungszeit bis in die 1960er Jahre reicht. Schon jetzt freue ich mich auf die Fortsetzung und vergebe gerne eine Leseempfehlung für den vorliegenden Band. 

Sonntag, 31. Juli 2022

Rezension: Wir sehen uns zu Hause von Christiane Wünsche

 


Rezension von Ingrid Eßer

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Titel: Wir sehen uns zu Hause
Autorin: Christiane Wünsche
Erscheinungsdatum: 
Verlag: Fischer Krüger (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Klappenbroschur
ISBN: 9783810530868

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Nach einem persönlichen Drama beschließt die 53-jährige Anne, eine der Hauptfiguren im Roman „Wir sehen uns zu Hause“ von Christiane Wünsche, die lange geplante Auszeit im alten Camper, ohne ihren Ehemann Peter zu starten. Es ist Juni 2019. Die in Kaarst wohnende Anne ist Lehrerin und hat ein Sabbatical gewählt. Peter ist einige Jahre älter und bereits Rentner. Gemeinsam haben sie sich auf eine achtmonatige Tour durch Nordeuropa gefreut. Von vielen gemeinsamen Urlauben mit dem Wohnmobil ist ihnen die dänische Insel Bornholm schon gut bekannt. Ihre 24-jährige Tochter Alina, die als Kind mit ihren Eltern auf Tour war, bleibt mit ihrem Freund in der Studentenwohnung in Düsseldorf. Beide ahnen beim Abschied nicht, dass das Leben für jede von ihnen eine besondere Herausforderung bereithält.

Anne hat in ihrem Gepäck einen Karton, in dem der plötzlich verstorbene Peter Erinnerungen an seine Familie aus Thüringen aufbewahrt hat. Dazu gehören unter anderem Fotos. Ihr selbst waren die Bilder bis vor kurzem fast alle unbekannt, aber einige der abgelichteten Personen kann sie aufgrund der Beschreibungen ihres Manns benennen. Persönlich begegnet ist sie Peters Familienmitgliedern und früheren Freunden nie. Die beiden haben sich am Tag des Mauerfalls in Berlin kennengelernt, seitdem ist der Kontakt zu Peters Familie abgebrochen.

Der Umgang mit der Trauer fällt sowohl Alina wie auch Anne schwer. Die Stille im Haus ist für Anne erdrückend und obwohl Peter in der Regel das Wohnmobil gelenkt und vor allem gewartet hat, traut sie sich, die Reise allein zu. Alina hat ihr Studium zu absolvieren und neben dem Kummer über den Tod des Vaters kommt nun noch die Sorge um das Wohlergehen ihrer Mutter auf der Fahrt. Während neue Situationen auf der Fahrt für Anne immer wieder Herausforderungen darstellen, wird auch Alina mit einem unerwarteten Problem konfrontiert. Hinzu kommt ein Brief an die beiden, der sowohl Mutter wie auch Tochter eine unerwartete Seite des liebevollen Ehemanns und Vaters zeigt.

Die Fahrt wird für Anne zu einer Reise in die Vergangenheit ihres Ehemanns. Manche Aussage von ihm zu Orten und Personen konnte sie nie zuordnen, hat aber niemals nachgehakt und stattdessen akzeptiert, dass ihr Mann nicht über sein Leben in der DDR reden wollte. Es ist einer dieser Punkte an denen Christiane Wünsche mit viel Feinsinn die Befindlichkeiten ihrer Figuren austariert. Überhaupt gestaltet sich die Geschichte auf der gefühlsmäßigen Ebene als authentisches Bild. Dank guter Recherche und eigener Erfahrungen wirken die beschriebene Umgebung und die handelnden Personen ebenso realistisch, das Geschehen vorstellbar.

Indem die Autorin mit schriftstellerischem Kniff hin und wieder den Fokus auf Figuren wirft, die bestimmte Begebenheiten erklären, klärt sie alle Geheimnisse aus der Vergangenheit Peters bis zum Ende hin für den Lesenden auf.

In ihrem Roman „Wir sehen uns zu Hause“ nahm Christiane Wünsche mich als Leserin mit auf einen Roadtrip im eigenen Land, den eine ihrer Protagonistinnen nach dem plötzlichen Tod des Ehemanns unternimmt. Sie zeigte mir wunderbare Orte und brachte mir die Vergangenheit im geteilten Deutschland näher. In ihrem Roman wechseln sich Freude wie auch Leid gleichmäßig ab und vermitteln eine lebensechte Geschichte. Gerne empfehle ich das Buch weiter.


Freitag, 29. Juli 2022

Rezension: Das Tor zur Welt - Träume von Miriam Georg

 


Rezension von Ingrid Eßer

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Titel: Das Tor zur Welt - Träume
(Die Hamburger Auswandererstadt Band 1 von 2)
Autorin: Miriam George
Erscheinungsdatum: 19.07.2022
Verlag: rororo (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Taschenbuch mit gestalteten Klappen
ISBN: 9783499009211
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In der Auswandererstadt in Hamburg-Veddel, auch BallinStadt genannt, herrschte vor über 100 Jahren emsiges Treiben, das Miriam Georg in ihrem zweiteiligen Roman „Das Tor zur Welt“ einfängt. Im ersten Band mit dem Untertitel „Träume“ erzählt sie von zwei Frauen, die aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten kommen. Ebenso verschieden sind ihre Vorstellungen von ihrer Zukunft. Sie lernen sich im Jahr 1911 während ihrer Arbeit in der Auswandererstadt kennen.

Zunächst führte die Autorin mich als Leserin in das Alte Land im Jahr 1892. Hier lebt die 14-jährige Ava de Buur, eine der beiden Protagonistinnen, auf dem Moorhof mit denjenigen zusammen, die sie als ihre Familie ansieht. Ihre Eltern haben sie zurückgelassen, als sie nach Amerika ausgewandert sind. Die Arbeit ist hart, die Erträge gering. Dann kommt ein Unglück zum anderen und plötzlich findet Ava sich allein in Hamburg wieder. Sie beschließt zum Moorhof zurückzukehren.

Nach einem Zeitsprung in das Jahr 1911 lernte ich auch Claire Conrad kennen, eine Frau Ende Zwanzig und die zweite Hauptfigur. Ihre Eltern sind vor Jahren aus Amerika nach Hamburg zurückgekehrt. Sie kommt aus gutbetuchtem Haus, aber inzwischen ist ihr Vater verstorben und ihre Mutter leidet darunter, dass Claire keinen standesgemäßen Ehemann findet. Claire und Ava, die jetzt in Hamburg lebt, begegnen sich, trotz ihrer sehr unterschiedlichen Lebenswege, in der Auswandererstadt. Mit der Zeit wissen sie sich gegenseitig zu schätzen.

Die beiden Protagonistinnen des Romans kommen aus verschiedenen Gesellschaftsschichten. Beide werden auf unterschiedliche Weise daran gehindert, ihre Träume zu verwirklichen. Während Ava sich wünscht, ihre Eltern in Amerika zu suchen, möchte Claire an der Seite des von ihr geliebten Mannes die Welt bereisen. Ava fehlt zur Verwirklichung ihres Traums eindeutig das Geld, bei Claire ist der Verhinderungsgrund nicht ganz so einfach. Sie ist an die Konventionen der angesehenen Gesellschaft von Hamburg gebunden, auf deren Einhaltung ihre Mutter Wert legt und sich dazu sogar Unterstützung holt. Claire ist eine Rebellin, die sich wieder und wieder gegen die an sie gerichteten Ansprüche auflehnt. Dennoch wünscht sie sich manchmal, dass sie über ihren Schatten springen könnte, um dann liebevoller behandelt zu werden. Für eine von beiden rückt der Traum zum Greifen nah, bis er von der anderen zerstört wird.

Während die sanftmütige Ava von Beginn an meine Sympathie hat, ist es mir deutlich schwerer gefallen eine ebensolche für die leicht aufbrausende, verwegene Claire zu entwickeln. Sie ist störrisch, manchmal unbelehrbar und doch erweckte sie mein Mitleid aufgrund des starren Konzepts, dem sie zu folgen hat. Daraus ist ersichtlich, dass sich nicht alles Glück durch genügend Geld erkaufen lässt.

Miriam Georg erweckt im weiteren Verlauf des Romans die quirlige Auswandererstadt zum Leben, was ich als Thema sehr interessant fand. Sowohl Ava als auch Claire finden hier ein Betätigungsfeld. Dazu reihen sich als Figuren noch ein Manager der BallinStadt und ein Fotograf ein, deren Berufe jeweils nochmal einen anderen Gesichtspunkt einbringen. Ich fand es ansprechend, darüber zu lesen, wie viele Menschen vor ihrer Abreise in die Neue Welt Unterkunft finden und verköstigt werden mussten. Auch eine in ihren Einzelheiten sehr berührende Reise nach Amerika wird von der Autorin geschildert.

„Das Tor zur Welt – Träume“ ist der erste Teil einer Dilogie von Miriam George mit ergreifenden Porträts zweier fiktiver Protagonistinnen aus verschiedenen Gesellschaftsschichten, die sich in der Auswandererstadt Hamburg bei ihrer Arbeit kennenlernen. Unterschiedliche Wege haben sie hierhin geführt und ein großer Cliffhänger zum Ende ließ mich als Leserin ungeduldig auf die Fortsetzung wartend zurück mit der Frage, ob es eine glückliche Zukunft für beide geben kann, vielleicht sogar gemeinsam. Sehr gerne empfehle ich den Roman weiter.



Mittwoch, 27. Juli 2022

Rezension: Der Anfang von morgen von Jens Liljestrand

 


Titel: Der Anfang von morgen
Autor: Jens Liljestrand
ÜbersetzerInnen: Thorsten Alms (Didrik), Karoline Hippe (Vilja)
Franziska Hüther (Melissa) und Stefanie Werner (André)
Erscheinungsdatum: 27.07.2022
Verlag: S. Fischer (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Leseband
ISBN: 9783104916378

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Im Roman „Der Anfang von morgen“ zeigt der Schwede Jens Liljestrand ein erschreckendes Szenario, das im Zuge des Klimawandels irgendwann in der baldigen Zukunft sich entwickeln könnte, auf den auch der Titel anspielt. Ebenso die farbliche Gestaltung des Umschlags nimmt Bezug darauf und scheint den Interessierten zu warnen. Während des Lesens saß ich auf meiner Terrasse, es waren 34 Grad und im Radio hörte ich davon, dass in Brandenburg ein Wald brennt. Wie schnell doch die Realität die Fiktion einholen kann!

Der PR-Berater Didrik von der Esch urlaubt mit seiner Frau und seinen drei Kindern im Sommerhaus seiner Schwiegermutter, das etwa 300 km nordwestlich von Stockholm am Siljan-See steht. Die anhaltende Hitze hat zu Waldbränden geführt, die dem Aufenthaltsort immer näherkommen. Die Familie muss fliehen und Didrik versucht die Kontrolle zu behalten. Er inszeniert sich gegenüber seiner Familie und in den Sozialen Medien als Held, indem er aus der Masse der Flüchtenden durch das Brechen geltender Regeln und Gesetze auffällt. Er führt die Sicherheit der Familie und die Freiheit als Grund dafür an. Neben seinen Argumenten vermutete ich aber auch, dass Didrik erwartete, an Ansehen zu verlieren, wenn er keine Lösung für die anstehenden Probleme findet. Dennoch hat er kurze Momente der Reflexion über seine Fehler im Leben. In seiner Ehe gibt es schon länger Probleme. Er ist immer noch in Melissa verliebt, mit der er eine außereheliche Beziehung hatte. Mir wurde er nicht sympathisch, genauso wenig wie die anderen drei Hauptfiguren.

Währenddessen spielt Melissa in der schwedischen Hauptstadt Housesitter für eine Wohnung eines ehemaligen Tennisprofis. Ihr ist es einerlei von welchem Ort aus sie ihre Influencer-Postings absetzt, ihr Interesse zielt darauf, möglichst viele Likes dafür zu erhalten. Mit ihren Fotos versucht sie, das Schöne auf der Welt festzuhalten, ungeachtet des Klimawandels. Sie empfindet es als radikal, voller Freude und Glück zu leben und lässt sich gerne dafür bezahlen, ihren Followern die erfreulichsten Seiten ihres Lebens zu zeigen. Für sie sind die Einschränkungen der Bevölkerung durch das Chaos, das durch die Waldbrände und der dadurch erfolgten Evakuierungen von Orten ausgelöst wurde, lästig. Ihr eigenes Wohlbefinden stellt sie vor dem des Allgemeinwohls. Ihre Perspektive ist genauso beeindruckend wie die von Didrik und setzt die zeitliche Schilderung der Ereignisse rund um das Desaster fort.

Als Sohn des früheren Tennisstars, auf dessen Wohnung Melissa aufpasst, hat der 19-jährige André mit den Anforderungen seines Vaters zu kämpfen, der nicht versteht, dass er sich beruflich mit dem Thema Leid auseinandersetzen möchte. Obwohl er das Geschehen in Frage stellt, kooperiert er mit einer Gruppe, die ihre Message verbreiten möchte, mit der er selbst sich aber nicht näher auseinandersetzt. Mit André und Vilja, der 14-jährigen Tochter von Didrik, zeigt der Autor zwei jüngere Sichtweisen auf das Chaos.

Zeitlich umspannt der vierte Teil, der von Vilja erzählt wird, die Geschehnisse vom Beginn bis zum Ende der Woche, in denen die Geschichte spielt. Vilja entdeckt dabei ihre soziale Ader. Ihre Hilfsbereitschaft basiert aber auf Unwahrheiten. Es klären sich dabei einige lose Handlungsfäden auf. Aber der Esprit, die beeindruckende Art, die mich in die Geschichte hineingezogen hat, der Schrecken über das, was aus der anhaltenden Hitze entstehen kann, hat mir gefehlt, leider auch schon in der Erzählung von André, in der sich das Geschehen zu sehr der Zerstörung von Eigentum zuneigte.

Jens Liljestrand erreicht es mit seinem Roman, auf die Folgen der Klimakrise aufmerksam zu machen. Strategien für eine Bewältigung bietet er nicht an. Er zeigt auf, wozu Menschen in Notsituationen fähig sind, noch dazu, wenn sie sich in einer Menge Verzweifelter bewegen und der Verstand durch das Beobachten des Verhaltens anderer ausgehebelt wird. Teilweise schweift er vom roten Faden ab, was sich aber durch die Gedankengänge der einzelnen Hauptfiguren erklärt.

Am Ende des Romans bleibe ich zurück mit einer gewissen Furcht vor den kommenden Auswirkungen, die sich aufgrund des Klimawandels ergeben könnten. Dennoch bleibt auch die Hoffnung, dass solche fiktiven Geschichten über die Folgen der Klimakrise wie der hier vorliegende Roman „Der Anfang von morgen“ dazu beitragen, aufzurütteln und allen vor Augen zu führen, dass wir jetzt handeln müssen.


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