Rezension von Ingrid Eßer
Titel: Territorium
Autorin: Sabrina Janesch
Erscheinungsdatum: 04.09.2026
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Leseband
ISBN: 9783737102544
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In ihrem Roman „Territorium“ widmet sich Sabrina Janes dem
kaum dargestellten Thema des Staatsstreichs gegen die hawaiische Königin Lili’uokalani
im Januar 1893. In einer Welt, die hauptsächlich von Männern regiert wurde, war
es im polynesischen Inselstaat nicht ungewöhnlich, dass eine Frau das Land
regierte. Bevor es zum Putsch kam, hatte die Königin Reformen geplant, die den Einfluss
der amerikanischer und europäischer Geschäftsleute beschränken sollten. Immer
mehr Hawaiier waren von ihren angestammten Gebieten verdrängt worden und
mussten sich als Tagelöhner bei den von Ausländern betriebenen, vor allem im
Zuckerrohranbau erfolgreichen Unternehmen verdingen. Zudem wollte sie als erste
weltweit das Frauenwahlrecht einführen. Angeführt wurde der Staatsstreich vom
Rechtsanwalt Lorrin Thurston, der zwar auf Hawaii geboren wurde und dort
aufwuchs, seine wirtschaftlichen Interessen jedoch über seine Verbundenheit mit
den Inselbewohnern setzte.
Bereits zu Beginn der Geschichte gelingt es der Autorin die von
Veränderung geprägt Atmosphäre am Jahresanfang 1893 einzufangen. Dazu rückt sie
zunächst Gertrude Wolf, die deutsche Beraterin und Gesellschaftsdame der Königin,
bei einer Rast auf der Veranda ihres Hauses in den Mittelpunkt. Man glaubt, den
Wind und die Wärme zu spüren und den Rausch zu erahnen, der Gertrude umfängt. Neben
Lili’uokalani und der Journalistin Emma Nawahi, die ebenfalls der Königin zur
Seite steht, ist sie eine der wenigen Frauen des Romans, die von größerer Bedeutung
sind. Bereits die der Erzählung vorangestellte Auflistung der handelnden
Personen umfasst ansonsten nur Männer.
Allein durch die lebendige Gestaltung ergibt sich ein
Unterschied zu einem Sachbuch, denn Sabrina Janesch hat eine umfangreiche und akribische
Recherche durchgeführt. Diese findet sich darin wieder, dass in den beiden
Jahre nach dem Putsch nicht nur die Handlungsorte anschaulich und detailreich beschrieben
sind, sondern auch die häufig auf historischen Vorbildern beruhenden Figuren glaubwürdig
und facettenreich gestaltet werden. Dabei ist jederzeit deutlich, wer zu den
Verfechtern der Unabhängigkeit Hawai’is gehört, die sich aus Traditionalisten,
Opportunisten und Heldenhaften zusammensetzen, und wer Befürworter der Annexion
durch die USA ist.
Die damalige Größe der deutschen Gemeinschaft auf Hawai’i hat
mich überrascht. Sie spielt eine wichtige Rolle im Machtkampf, ebenso wie die Amerikaner.
Auch chinesische Einwanderer suchen nach einem Platz im staatlichen Gefüge. Sabrina
Janesch beleuchtet die Motive der handelnden Personen und beschreibt nicht nur
die finanziellen Mittel der jeweiligen Gruppierungen, sondern auch die
strategischen Überlegungen zu deren Einsatz. Eine besondere Rolle nehmen die
Kapitel aus der Sicht der Königin ein, der die Autorin in der Wir-Form einen imaginären
Raum zusteht. Beeindruckt hat mich beim Lesen die Vorstellung, dass es selbst mitten
in dieser revolutionären Zeit möglich war, sich stets mithilfe eines Bretts in
die Wellen zu stürzen.
In dem sprachlich ausdrucksstarken und atmosphärisch dicht
erzählten Roman „Territorium“ verbindet Sabrina Janesch historische Fakten mit
einer lebendigen Handlung. „Territorium“ erzählt dabei nicht nur vom Machtkampf
um Hawaii, sondern stellt grundlegende Fragen nach Integrität und Loyalität,
nach Recht und Unrecht sowie nach dem Mut, für die eigenen Überzeugungen
einzustehen. Gerne empfehle ich das Buch weiter.