Dienstag, 20. August 2019

Rezension: Ein Leben und eine Nacht von Anne Griffin


Rezension von Ingrid Eßer

*Werbung*
Titel: Ein Leben und eine Nacht
Autorin: Anne Griffin
Übersetzer: Martin Ruben Becker
Erscheinungdatum: 20.08.2019
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Leseband
ISBN: 9783463407081
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In ihrem Roman „Ein Leben und eine Nacht“ erzählt die Irin Anne Griffin die Geschichte von Maurice Hannigan, 84 Jahre, ehemaliger Farmer, verwitwet seit zwei Jahren und Vater eines erwachsenen Sohns, der mit seiner Familie in den USA lebt. Maurice setzt sich an einem Samstagabend an die Bar des örtlichen Hotels in Rainsford, das in der irischen Grafschaft Meath liegt. Seine Koffer fürs Altenheim sind gepackt. Für die kommende Nacht ist für ihn allein die Hochzeitssuite reserviert, doch vorher will er noch fünf Mal anstoßen auf Personen, die in seinem Leben besonders wichtig waren.

Im Hotel geht es aufgrund einer Veranstaltung quirlig zu, doch Maurice möchte möglichst unauffällig bleiben. Seine Worte als Ich-Erzähler richtet er an seinen abwesenden Sohn. Dabei deutet er auf den ersten Seiten an, dass eine lange Nacht vor ihm liegt und das er vorher noch etwas zum Abschluss bringen möchte. Über ein kurzes Gespräch mit der Hotelmanagerin erfuhr ich, dass die beiden zu früheren Zeitpunkten Geheimnisse ausgetauscht haben. Selbstverständlich wollte ich jetzt zu allem mehr erfahren und es ist ein ganzes Leben, das Maurice vor mir ausbreitete.

Im Laufe der Stunden wird er sein Glas heben auf seinen fünf Jahre älteren, längst verstorbenen Bruder Tony und seine Tochter Molly, die nur wenige Augenblicke gelebt hat. Außerdem trinkt er auf seine behinderte Schwägerin, seinen Sohn und schließlich auf seine Frau. Eine besondere Rolle haben aber nicht nur die Menschen gespielt, denen er zuprostet. Zu mancherlei Verwicklungen gehört auch sein Besitz einer alten Goldmünze. Gleichzeitig bedeutet diese Habe leider auch einen großen Verlust auf Seiten des bisherigen Besitzers und dessen ganzer Familie.

Ich erfuhr von Maurice, dass er beim Lernen in der Schule Probleme hatte, aber körperliche Arbeit nicht scheute. Die Familienmitglieder waren füreinander da, vor allem sein Bruder war sein Vorbild. Er hat von seinen Eltern gelernt sparsam zu sein und sein Geld dafür zu verwenden, Eigentum zu erwerben, denn aufgrund einer Landreform konnte jeder Bauer Land kaufen. Maurice war mir von Beginn an sympathisch, obwohl er schon nach kurzer Zeit davon spricht, dass er schon früh auf Rache aus war. Auch davon erzählt er und jeder Leser kann sich selbst ein Urteil bilden, ob sein Ansinnen gerecht war oder Vergeltung vielleicht grundsätzlich falsch ist. In manchen Situationen zeigte Maurice sich sensibler als ich ihm zugetraut hätte.

Anne Griffin schafft rund um ihre Hauptfigur mitten im belebten Hotel eine ruhige Atmosphäre, die sich auf die Erzählung auswirkt. Dennoch ist das Leben von Maurice fesselnd, denn er hat Ecken und Kanten und geht mit seinen Lieben über Höhen und Tiefen. Am Ende seiner Erzählung wusste ich, was seine Absicht ist, aber ich wünschte mir, seine Geschichte würde nie enden.

„Ein Leben und eine Nacht“ von Anne Griffin ist ein Roman, der nachdenklich stimmt über die Konsequenzen unseres Verhaltens. Der 84-jährige Maurice wurde in seiner Kindheit und Jugend stark geprägt. Seine Erzählung ist ergreifend, seine Erinnerungen an die von ihm geliebten Menschen sind warmherzig, wenngleich er auch Gedanken an unliebsame Personen zulässt und ich seinen Zorn darin spüren konnte. Gerne empfehle ich das Buch weiter.

Montag, 19. August 2019

[Rezension] Miroloi - Karen Köhler


Miroloi
Autorin: Karen Köhler
Hardcover: 464 Seiten
Erschienen am 19. August 2019
Verlag: Hanser
Link zur Buchseite des Verlags


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Auf einer abgeschiedenen Insel lebt eine Dorfgemeinschaft nach ihren eigenen strengen Regeln, die der Ältestenrat basierend auf der heiligen Khorabel vorgibt. Frauen dürfen nicht lesen und schreiben lernen, Männer dürfen nicht kochen und singen. Moderne Geräte gibt es nur wenige, denn der Rat entscheidet, welche vom Händler gebrachten Waren auf der Insel bleiben dürfen. Auch dass die junge Frau, die einst vom Bethaus-Vater gefunden wurde, keinen Namen haben darf, wurde von ihn bestimmt. Die Dorfgemeinschaft grenzt sie aus und lässt sie ihre Verachtung spüren, denn sie soll Unglück bringen. Doch ihre Neugier ist groß und sie beginnt heimlich, die Regeln zu brechen.

Der Roman ist aus der Sicht namenlosen Frau geschrieben, die beim Bethaus-Vater aufgewachsen ist. Ihre Tage sind angefüllt mit harter Arbeit: Felder müssen bestellt, Gärten gepflegt, Holz gesammelt, Gerichte gekocht und Kleider genäht werden. Sie gibt dem Leser zahlreiche Einblicke in das Dorfleben, das an die Amish People erinnert, denn jeglicher Fortschritt wird abgelehnt. Zudem besteht der Ältestenrat nur aus Männern und die Gesetze unterdrücken die Frauen auf verschiedenste Weise.

Die Dorfbewohner kennen kein anderes Leben, denn es ist nicht gestattet, die Insel zu verlassen. Die Erzählerin ist gefangen in einem Leben als Außenseiterin. Sie wird beschimpft, beschuldigt und immer wieder abgewiesen. Und es bleibt nicht immer bei Worten, das musste sie schon vor Jahren schmerzlich erfahren. In ihre Welt einzutauchen und sie zu begleiten tut weh und brachte mich als Leser ins Nachdenken über Recht und Ungerechtigkeit.

Die Frau gibt jedoch nicht auf, denn sie ist klug und neugierig und hat zum Glück einige wenige Menschen, die sie nicht abweisen. Der Bethaus-Vater als ihr Finder lässt sie bei sich wohnen, versucht sie zu schützen und teilt heimlich verbotenes Wissen mit ihr. Das gleiche gilt für Mariah, die für den Bethaus-Vater kocht. Offene Gespräche mit ihnen sind immer wieder kleine Hoffnungs-Inseln im Alltag der Protagonistin.

Das Dorfleben wird ausführlich beschrieben. Für mich hätten einige Parts straffer erzählt sein können, da ich mir das Leben in solch einer Gemeinschaft bald gut vorstellen konnte. Was sich hingegen schleichend ändert ist das Leben der Erzählerin. Neues Wissen und eine überraschende Begegnung lassen sie immer stärker die Regeln hinterfragen. Sie lehnt sich still und immer umfassender auf, während Ereignisse im Dorf die Situation weiter verschärfen. Wie lange kann das noch gut gehen?

„Mein Miroloi muss ich mir selber singen“, das sind die Worte der Protagonistin. Denn sie will nicht auf ihren Tod warten, nach dem die Hinterbliebenen üblicherweise das Leben des Verstorbenen besingen. Und wer sollte das dann schon für eine Namenlose tun? Deshalb legt sie in Form dieses Romans ein Miroloi für sich selbst vor. Ihre Sprache ist einfach und gleichzeitig sehr poetisch und berührend. Das steht in Kontrast zu den beklemmenden Ereignissen im Dorf. Ich bangte mit der Erzählerin und meine Wut wuchs immer weiter, denn was passiert ist nicht fair und lässt sich trotzdem nicht aufhalten. Ein wichtiger Roman über Ausgrenzung, Feindseligkeiten und Unterdrückung ebenso wie Mitgefühl, Zusammenhalt und Auflehnung.

Sonntag, 18. August 2019

Rezension: Es wird Zeit von Ildikó von Kürthy



Rezension von Ingrid Eßer

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Titel: Es wird Zeit
Autorin: Ildikó von Kürthy
Erscheinungsdatum: 20.08.2019
Verlag: Wunderlich (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Leseband
ISBN: 9783805200431
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In ihrem Roman „Es wird Zeit“ schreibt Ildikó von Kürthy darüber, dass es immer wieder Herausforderungen gibt, die das Leben mit sich bringt. Das bedeutet oft, dass man Bekanntes, vielleicht sogar Gewünschtes oder aber bequem Eingespieltes hinter sich gelassen werden will und die Entscheidung für einen Neuanfänge zu treffen ist. Die Rosen auf dem Buchumschlag stehen mit ihrer stolzen Pracht für glückliche Zeiten, zeigen aber auch durch ihre Dornen die Schattenseiten und Gefahren.

Für Judith Rogge, die Protagonistin des Romans, hat das Leben sich schon in vielen Höhen und Tiefen gezeigt. Sie ist fast fünfzig Jahre alt, wohnt seit fast zwanzig Jahren in Wedel bei Hamburg, wo sie seit genauso langer Zeit mit einem Zahnarzt verheiratet ist und mit ihm drei Kinder hat. Als ihre Mutter unerwartet stirbt, fährt sie zur Abklärung der Formalitäten und der anschließenden Beerdigung in ihre Heimat nach Jülich. Wider Erwarten trifft sie dort auf ihre frühere beste Freundin Anne. Erinnerungen an die alten Zeiten werden wach, aber das Erschrecken ist groß, als Anne von ihrer lebensbedrohlichen Krankheit erzählt. Dabei war sie es doch, die im Gegensatz zu Judith den perfekten Beruf und den besten Ehemann gefunden hatte. Judith stellen sich im Vergleich zu ihr viele Fragen, die dazu führen, dass sie überlegt, ob ein Neubeginn für sie nützlich und möglich ist, so wie sie ihn damals schon mal für angebracht gehalten hat ...

Bereits auf den ersten Seiten konfrontiert Ildikó von Kürthy mich mit dem Glück und Leid ihrer Hauptfigur, die ihre Geschichte in der Ich-Form erzählt. Der Umstand, dass ihre Ehe keine Liebesheirat war und ihre Freundschaft zu Anne zerbrochen ist, machte mich neugierig darauf, was vor vielen Jahren geschehen sein mag, bevor Judith ihr Leben in Wedel begonnen hat. Doch erst nach und nach setzte sich das Bild zusammen.

Judith ist ein Mensch, der sich immer geliebt fühlte und auch gerne geliebt hat. Doch jetzt sind ihre Kinder flügge geworden und mit dem Tod ihrer Mutter ist sie Vollwaise und verliert dadurch ihren Halt für seelische Tiefpunkte. Nicht nur Judith erlebt auf den Seiten des Romans ein Wechselbad an Gefühlen, sondern auch ich als Leser. Die Autorin lässt Judith häufiger innehalten, um die Gedanken schweifen zu lassen und eine innere Diskussion über alltägliche Dinge des Lebens zu führen, die ich sehr gut nachvollziehen konnte.

Ildikó von Kürthy schreibt mit einem Augenzwinkern über manche Ereignisse. Hier und da überspitzt sie Situationen, die auf diese Weise die darin enthaltene Aussage nur noch mehr vor Augen führen. Gleichzeitig schafft die Autorin es, mir die tiefe Traurigkeit von Judith über den Tod der Mutter und die Krankheit ihrer Freundin zu vermitteln. Die Autorin ist etwa im gleichen Alter wie ihre Hauptfigur und weiß genau worüber sie schreibt, denn vieles hat sie so oder ähnlich selbst. Die Widmung auf den ersten Seiten des Buchs richtet sie an einen lieben Menschen in ihrem Leben, die Zuneigung zu ihr glaubte ich in den Zwischenzeilen der Erzählung zu spüren.

„Es wird Zeit“ ist ein Roman über Freundschaft, Heimat, Wohlbefinden, Glück, Lebensträume, aber auch Traurigkeit über verpasste Chancen und Verlust geliebter Menschen. Jeder Leser wird sich in der ein oder anderen Situation wiederfinden, so wie ich. Dadurch stimmt die Erzählung stellenweise nachdenklich, obwohl der Grundton heiter ist. Der Prolog setzte von Anfang an eine gewisse Spannung, ob der zu klärenden offenen Fragen in der Vergangenheit der Hauptfigur. Zur Klärung flogen die Seiten dahin und unterhielten mich aufs Beste. Gerne empfehle ich den Roman weiter.

Freitag, 16. August 2019

Rezension: Die Tage mit Bumerang von Nina Sahm


Rezension von Ingrid Eßer

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Titel: Die Tage mit Bumerang
Autorin: Nina Sahm
Erscheinungsdatum: 22.07.2019
Verlag: hanserblau (Link zur Buchseite des Verlags)
ISBN: 9783446265141
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Im Roman „Die Tage mit Bumerang“ beschreibt Nina Sahm auf einfühlsame Weise wie ein Schaf namens Bumerang das Leben von Annu, der Protagonistin der Geschichte, zunächst stört und ihr dann neuen Mut verleiht. Denkt man beim Cover noch an einen Wohlfühlroman, so verbirgt sich dahinter eine Geschichte mit Tiefgang, die manchmal auch traurig stimmt.

Annu wohnt seit Jahr und Tag in einem kleinen Dorf mit weniger als hundert Einwohner. Sie arbeitet als Übersetzerin von zu Hause aus. Seit dem frühen Tod ihrer Eltern wohnt sie ganz allein. Lars ist von Kindertagen an ihr bester Freund. Er lebt mit Ehefrau und Kind im gleichen Ort. Nach einem feuchtfröhlichen Abend bei Lars geschieht ein Unfall, den Annu verschuldet hat und der alles verändert. Von den Einwohnern wird Annu fortan gemieden und Lars zieht in die nächste Stadt, der Kontakt bricht ab. Annu fühlt sich einsam, obwohl sie immer gut allein leben konnte. Doch dann steht eines Morgens ein Schaf in ihrem Garten und lässt sich nicht vertreiben. Es krempelt das Leben von Annu noch einmal um …

Aus der jahrelangen Freundschaft mit Lars ist ein fester Zusammenhalt entstanden, eine gewisse Routine und bestimmte Rituale. Nach dem Unfall befindet Annu sich in einer Situation, die sie vollkommen überfordert. Mit einer Unachtsamkeit zerstört sie die Anerkennung und das Wohlwollen, dass die Dorfbewohner ihr entgegenbringen. Es ist erschreckend, wie wenig bei ihnen ihr Verhalten vor dem Unglück zählt, doch leider entspricht das meines Erachtens nach leider der Realität.

Obwohl Annu sich manchmal auch über Lars geärgert hat, fällt sie jetzt in einen Abgrund, als kein Kontakt mehr besteht. Ihre leidende Psyche raubt auch dem Körper scheinbar jede Kraft. Sie ist mit der Situation vollkommen überfordert. Das konnte ich als Leser sehr gut nachvollziehen und ich habe mit ihr mitgelitten. Vorwürfe im Nachhinein helfen nicht, das „hätte“ bringt keine Veränderung der Vergangenheit.

Eigentlich bringt das Auftreten des erstmal namenlosen Schafs zunächst nur die Zerstörung des Gartens mit sich, doch für Annu bedeutet das eine Abwechslung in ihrer tristen Einsamkeit und vor allem eine Ablenkung ihrer Gedanken. Sie ist gefordert, nach dessen Herkunft zu forschen und sich mit der Haltung des Tiers auseinander zu setzen. Überraschenderweise bringt das Schaf in der Folge weitere Zeitgenossen ins Haus.

Nina Sahm stattet ihre Charaktere mit liebenswerten Eigenheiten aus und auch das Schaf ist eigenartig, denn es ist besonders stur und findet entsprechend des ihm von Annu gegebenen Namens immer wieder zu ihr zurück.

„Die Tage mit Bumerang“ ist ein Roman über eine Krisensituation in der die betroffene Hauptfigur Annu auf ungewöhnliche Weise wieder neuen Optimismus findet. Nina Sahm gelingt es, eine Geschichte zwischen Lachen und Weinen zu gestalten. Gerne vergebe ich hierzu eine Leseempfehlung


Mittwoch, 14. August 2019

Rezension: Die Leben der Elena Silber von Alexander Osang


Rezension von Ingrid Eßer

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Titel: Die Leben der Elena Silber
Autor: Alexander Osang
Erscheinungsdatum: 14.08.2019
Verlag: S. Fischer (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Leseband
ISBN: 9783103974232
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Mit dem Roman „Die Leben der Elena Silber“ von Alexander Osang näherte ich mich beim Lesen der möglichen Wahrheit über den Lebensweg der im russischen Gorbatow geborenen Jelena Viktorowna Krasnowa. Bereits der Umschlag deutet an, dass so ein erzähltes Leben sich aus vielen Bildern, die da im Kopf hängen bleiben, zusammensetzt. Jelena, Elena, Lena, je mehr Buchstaben ihr Vornamen verliert, desto mehr Menschen verliert sie, die ihr bisher Halt gegeben haben, denen sie vertraut hat und von denen sie hilfreich unterstützt wurde. Den Blick immer auf die Zukunft gerichtet, umschifft sie viele Hindernisse. Die Sorge um ihre Familie begleitet sie ständig, durch die politischen Wirrungen des letzten Jahrhunderts muss sie sich immer wieder anpassen. Dennoch ist sie nicht die einzige Protagonistin des Romans, ihr Enkel Konstantin ist eine weitere Hauptfigur.

Jelena wird Anfang des vorigen Jahrhunderts geboren. Im Alter von zwei Jahren wird ihr erzählt, dass ihr Vater, Seiler von Beruf und Vertreter der Meinung der Landbevölkerung, von Beamten der Stadt hingerichtet wurde, weil er auf der Seite derjenigen stand, die über Anweisungen des Zaren gelästert hatten. Um weiteren Übergriffen zu entgehen, flieht die Mutter mit Jelena und ihrem Sohn nach Nischni Nowgorod.

Im Sommer des Jahres 2017 kehrt der Filmemacher Konstantin Silber von einer Reise in die Ukraine zurück. Von seiner Mutter Maria erfährt er, dass sein Vater aufgrund seiner Krankheit ins Heim ziehen wird, was für ihn eine wenig vorstellbare Situation ist, denn damit verbindet er die Endlichkeit des Lebens. Mit seiner beruflichen Karriere ist er unzufrieden und auf der Suche nach einem das Publikum ansprechenden Thema.

Ausgehend von den beiden obigen Anfängen des Romans ergänzen sich die Geschichten nun einerseits in der Gegenwart auf der Suche nach dem Wahrheitsgehalt, andererseits in kontinuierlich fortschreitenden Szenen aus der Vergangenheit. Eine Übersicht der wichtigsten Familienmitglieder auf den ersten Seites des Buchs half mir dabei, die Charaktere namentlich und zeitlich besser einzuordnen, auf den Innenseiten ist eine Landkarte mit den Handlungsorten gedruckt, die die Reisen der Familie nachvollziehen lassen.

Jelena ist beim Pogrom an ihrem Vater selbst nicht anwesend, aber sie spürt die Angst ihrer Mutter vor den Schergen, die größer ist als die vor einem Neuanfang. Für Jelena ist dieser Tag ein strenger Einschnitt in ihr Leben, dessen Bedeutung sie in ihrem kindlichen Alter noch nicht erfassen kann. Sie entwickelt sich zu einer starken Frau. Die häusliche Umgebung ändert sich örtlich für sie in den nächsten Jahren mehrfach. Durch ihren Beruf erlangt sie Unabhängigkeit vom Elternhaus. Schließlich heiratet sie einen deutschen Ingenieur, dem sie Mitte der 1930er Jahre nach Berlin folgt, als der Krieg bereits seine langen Schatten voraus wirft.

Dem Autor gelingt es, ein fiktives Frauenschicksal über Jahrzehnte hinweg ergreifend aufzuzeigen. Dabei ist seine Erzählung inspiriert von seiner eignen Familiengeschichte. Seine Schilderung ist bewegend, aber durch das Einflechten einiger heiterer Begebenheiten gelingt es ihm, seine Erzählung stellenweise aufzulockern. Seinen Fokus richtet er auf die Menschen, die das Schicksal tragen, dass ihnen durch die aktuelle politische Lage vorgegeben scheint. Seine Protagonistin Jelena bekennt sich nie bewusst für eine Richtung in der Politik, sie handelt, um sich selbst und ihre Liebsten zu schützen. An der Seite ihres Mannes führt sie ein wohlsituiertes Leben, doch auch hier stellt sie fest, dass sie durch Konventionen gebunden ist. Nichtwissen wird für sie zuweilen zur Überlebensfrage. Schon früh stellt sie fest, dass es häufig besser ist, Geheimnisse für sich zu behalten. In der Kommunikation mit ihren Töchtern verlässt sie ihr Mut, denn die Erinnerungen an bestimmte Dinge in ihrem Leben sind nahezu unbeschreiblich. Unzureichende Sprachkenntnisse und dadurch fehlende Übersetzungsmöglichkeiten ergänzen die mangelnde Kontinuität in Jelenas Erzählungen. Ganz im Innersten führt sie aber ständig eine Liebe mit sich, aktuell oder vergangen, die ihr keiner nehmen kann.

Für Konstantin wird die Vergangenheit seiner Familie zu einer Suche nach Details. Der Weg zurück zu seinen Wurzeln führt Konstantin in die Seele des russischen Reichs. Dabei wird ihm zunehmend deutlich was ihm selber wichtig ist.

Alexander Osang hat mit dem Buch „Die Leben der Elena Silber“ einen bewegenden Familienroman geschrieben, der nicht nur das gesamte Leben der Titelfigur umfasst, sondern auch noch das der nachfolgenden Generation. Der Autor erzählt episodenhaft. Die Suche nach den fehlenden Erzählteilen ist berührend und führt Jelenas Enkel Konstantin und mich als Leser nicht nur zu den Verwicklungen in der Familiengeschichte, sondern auch zu einem tieferen Verständnis für die Gefühle der Beteiligten, die mit der Ohnmacht verbunden sind, das Gesehene und Erlebte in Worte zu kleiden. Gerne empfehle ich diesen beeindruckenden Roman weiter.

Dienstag, 6. August 2019

[Rezension] Der Gesang der Flusskrebse - Delia Owens


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Der Gesang der Flusskrebse
Autorin: Delia Owens
Übersetzer: Ulrike Wasel & Klaus Timmermann
Hardcover: 464 Seiten
Erschienen am 22. Juli 2019
Verlag: Hanserblau
Link zur Buchseite des Verlags

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North Carolina, 1969: Im Marschland lebt Kya Clark allein in einem abseits gebauten Haus. Als sie sechs war, hat ihre Mutter ihren gewalttätigen Ehemann und die Kinder ohne ein Wort verlassen, kurz darauf folgten alle vier Geschwister. Zurück blieb nur Kya, die von ihrem Vater gerade genug Geld für die allernötigsten Lebensmittel erhielt, während er den Rest in Alkohol investierte. Inzwischen ist die Mittzwanzigerin seit vielen Jahren auf sich selbst gestellt. Die Flora und Fauna des Marschlandes kennt sie besser als jeder andere. Als Chase Andrews, der beste Quarterback der Stadt, tot am Fuß des Feuerwachturm gefunden wird, tappt die Polizei zunächst im Dunkeln. Ist er allein vom Turm gefallen oder wurde er gestoßen? Bald bringt jemand das Marschmädchen ins Spiel, das häufiger mit Chase gesehen wurde. Ist nicht gerade die Abwesenheit jeglicher Spuren ein Beweis dafür, dass sie den Mord verübt hat?!

Das Cover zeigt ein Mädchen im einem Boot, das durch eine weitläufige Landschaft fährt und der dabei nur die Vögel Gesellschaft leisten. So sieht das Leben von Kya Clark aus, auf die man als Leser zum ersten Mal trifft, als ihre Mutter gerade die Familie verlässt. Einfühlsam wird beschrieben, wie Kya sich durch ihren Weggang fühlt. Auch ihre älteren Geschwister halten es nicht länger zu Hause aus, sie alle suchen anderswo ihr Glück, wo sie nicht vom Vater geschlagen werden.

Zurück bleibt eine Siebenjährige, die sich und ihren Vater mit einem verschwindend geringen Geldbetrag versorgen soll. Schließlich steht ihr nicht einmal der mehr zur Verfügung. Doch vor der Vorstellung, irgendwo anders untergebracht zu werden, graut es ihr. Sie ist entschlossen, um ihre Unabhängigkeit zu kämpfen. Hilfe erhält sie nur von wenigen Menschen. Zum einen von Jumper, einem Schwarzen, der ihr Muscheln gegen Benzin und Lebensmittel abkauft. Zum anderen von Tate, einem ehemaligen Freund ihres Bruders, der selbst oft im Marschland unterwegs ist und der von Kyas Wesen fasziniert ist.

Ich wurde mitgenommen in die 1950er und 1960er Jahre, in denen ich Kya aufwachsen sah. Es war interessant, ihre Entwicklung zu verfolgen. Sie ist eine soziale Außenseiterin, die nie irgendwo dazugehört hat und stark davon geprägt wurde, immer wieder verlassen zu werden. Ich konnte gut verstehen, dass sie hin- und hergerissen ist, ob sie Tate wirklich vertrauen kann. Hat er dabei Hintergedanken oder ist er wirklich nur freundlich? Gleichzeitig zeichnet sie ihre Klugheit und Naturverbundenheit aus. Sie lässt sich in ihren Entscheidungen von ihrem Instinkt und dem leiten, was die Natur ihr zeigt, denn gesellschaftliche Normen sind ihr fremd. Ihre Beobachtungen sind dabei überaus treffend, denn sie ist alles andere als auf den Kopf gefallen. Die Beschreibungen von Kyas Streunen durch das Marschland werden intensiv und sehr atmosphärisch beschrieben, sodass ich tief in die Geschichte eintauchen konnte.

Die Kapitel rund um Kyas Erwachsenwerden wechseln sich ab mit solchen aus dem Jahr 1969, in denen es um den Tod von Chase Andrews geht. Zwei Polizisten nehmen hier die Ermittlungen auf, wobei nichts eindeutig darauf hindeutet, dass es sich wirklich um Mord handelt. Bald werden Stimmen laut, die Kya für verdächtig halten. Das es das Marschmädchen war, an dessen Tür zu klopfen früher als Mutprobe galt und mit der Chase eine Zeit lang etwas hatte, erscheint vielen plausibel.

Während mir der Coming of Age-Part des Romans sehr gut gefallen hat, zogen sich die Ereignisse rund um den Tod von Chase Andrews für mich zunehmend in die Länge. Sie dominieren vor allem das letzte Drittel des Buches mit einem ausführlichen Ausflug ins amerikanische Rechtssystem. Das Ende konnte mich überraschen, lässt mich aber mit einigen Fragezeichen zurück.

Insgesamt überzeugt „Der Gesang der Flusskrebse“ mit einer besonderen Protagonistin, die als Außenseiterin um Unabhängigkeit, Sicherheit und Erfüllung kämpft. Kya ist eins mit der Natur des Marschlandes, das durch die gelungenen Beschreibungen der Autorin greifbar wird. Ein gelungener Entwicklungsroman, den ich gerne weiterempfehle!

Montag, 5. August 2019

Rezension: Something in the water von Catherine Steadman


Rezension von Ingrid Eßer

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Titel: Something in the water
Autorin: Catherine Steadman
Übersetzer: Stephan Lux
Erscheinungsdatum: 02.07.2019
rezensierte Buchausgabe: Klappenbroschur
ISBN: 9783492235297
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„Something in the water“ ist ein Thriller der Engländerin Catherine Steadman, der eine subtile Spannung aufbaut, die sich vor allem aus dem Umstand ergibt, dass die Protagonisten Erin und Mark in ihren Flitterwochen bei einem Ausflug eine Tasche aus dem Wasser fischen mit einem brisanten Inhalt. Schon der Untertitel des Buchs „Im Sog des Verbrechens“ deutet an, dass eine verwerfliche Tat weitreichende Konsequenzen haben wird.

Erin ist Dokumentarfilmerin, Mark ist Bankkaufmann. Sie sind schon seit einigen Jahren in einer festen Partnerschaft. Wenige Wochen vor der lang ersehnten, pompös geplanten Hochzeit wird Mark arbeitslos. Aus Furcht davor, dass die Kosten unbezahlbar werden, kürzt er sowohl das Budget für die Feierlichkeiten wie auch die Tage der Flitterwochen im Luxushotel auf Bora Bora. Erste Drehtage zu einem Film über drei Strafgefangenen, die vor ihrer Entlassung stehen, verlaufen für Erin nach Plan. Schließlich heiraten beide und begeben sich auf Hochzeitsreise. Der Fund der Tasche, verbunden mit einer grausamen Entdeckung im Wasser, bringt beide in eine emotional angespannte Ausnahmesituation.

Aus dem Prolog wusste ich, dass Erin ein Grab für ihren verstorbenen Ehemann schaufelt. Meine Neugier war dadurch natürlich geweckt, um zu erfahren, was in der Zeit zwischen dem Fund und dem Schaufeln mit dem verliebten Paar geschehen ist. Erin erzählt die Geschichte als Ich-Erzählerin, so war ich als Leserin immer an ihrer Seite. Sie liebt ihren Beruf, obwohl der Verdienst eher bescheiden ausfällt. Dank der Einkünfte von Mark kann sich das Paar einen gewissen Wohlstand leisten. Erin reagiert zunächst recht naiv auf die Bedenken von Mark in Bezug auf zukünftige Ausgabenbeschränkungen.

Bei einigen ihrer Gedankengänge, wie beispielsweise zur weiteren Verwendung des Inhalts der gefundenen Tasche, wendet die Protagonisten sich direkt an den Leser, besorgt um dessen Verständnis. Oft konnte ich ihre Handlungen gut nachvollziehen, aber manchmal erschienen mir die Entscheidungen dieser intelligenten Frau unlogisch. Allerdings muss man berücksichtigen, dass Erin in kurzer Zeit viele, mehr oder weniger schnelle Entscheidungen zu treffen hat, die sie gefühlsmäßig stark mitnehmen. Auf die große Freude über ihre Heirat folgt die Enttäuschung durch die Entlassung ihres Manns, bald darauf ist sie Stolz über den Fortschritt ihrer Arbeit verbunden mit Nervosität vor den ersten Interviews mit den Straftätern. In den Flitterwochen versucht sie ihre Tiefenangst zu überwinden und genießt in vollen Zügen die bevorzugte Behandlung im Hotel und die Idylle. Ihre Gefühle fahren also Achterbahn.

Die Autorin verliert sich bei ihren Schilderungen in vielen Einzelheiten, die gelegentlich die Handlung ausbremsen, manchmal aber, wie im Fall des Aufenthalts auf Bora Bora, zum Träumen einladen oder, wie bei den Schilderungen der Dreharbeiten, inhaltlich interessant waren. Die Geschichte verläuft weitestgehend unblutig. Dem Ende fehlte ein wenig die Würze, weil es vorhersehbar ist.

Catherine Steadman ist ein gut konstruierter Thriller mit unterschwelliger Spannung über ein Beziehungs-Drama gelungen. Das Buch ist unterhaltsam und lesenswert trotz kleinerer Schwächen, darum spreche ich gerne eine Leseempfehlung aus. 

Sonntag, 4. August 2019

Rezension: Radio Activity von Karin Kalisa


Rezension von Ingrid Eßer

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Titel: Radio Activity
Autorin: Karin Kalisa
Erscheinungsdatum: 18.07.2019
Verlag: C.H. Beck (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag (Leseexemplar)
ISBN: 9783406740930
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„On“ heißt das erste der drei Kapitel des Romans „Radio Activity“ von Karin Kalisa. „On Air“ trifft es noch besser, denn bereits auf der ersten Seite konnte ich verfolgen, wie Holly Gomighty alias Nora Tewes ihre erste Radiosendung beim neuen Sender „Tee und Teer“ moderiert. In Rückblicken erfuhr ich in diesem ersten Teil des Buchs, wie Nora gemeinsam mit zwei Jugendfreunden den Sender gründet. Vorher war Nora, 25 Jahre alt, Teil eines Ballettensembles in New York. Als ihre Mutter im Sterben liegt, kündigt sie ihre Arbeit und kehrt in ihre Heimat im Norden Deutschlands zurück, um ihre Mutter zu pflegen. Die Geschichte rund um die Gründung schreitet zügig voran. Das Team des neuen Senders hat einige kreative Ideen zur Programmgestaltung, unter anderem ein Quiz, welches wie beim Geocachen zu bestimmten Orten hinführt. Doch dann nutzt Nora ihre Sendung dazu, die Zuhörer auf ein längst verjährtes Verbrechen aufmerksam zu machen und sie zum Täter zu führen. Wie Radioaktivität soll ihre Nachricht unsichtbar sein, aber mit durchdringenden, bleibenden Folgen.

Im Kapitel „Stay“ steht für eine Weile die Zeit scheinbar still, denn als Leser verharrte ich an der Seite von Nora am Sterbebett ihrer Mutter, die Nora ein für schwer fassbares Geständnis macht. Auf diese Weise konnte ich alles über die Hintergründe von Noras Aktion und ihr waghalsiges Vorgehen erfahren. Im letzten Kapitel, „Off“ betitelt, konnte ich dann erfahren, wie die von Nora initiierte Aktion weiter verläuft.

Karin Kalisa erzählt detailgenau und intensiv. Ihren Figuren gibt sie einen interessanten Hintergrund, so versammeln sich einige Lebenswege mit Hochs und Tiefs in diesem Buch. Obwohl Nora sich ihre Karriere beim Ballett vorgestellt hat, bleibt sie doch der Heimat verbunden. Immer deutlicher spürt sie einen Sinn nach Veränderung und kann sich ihre zunehmenden Fehler beim Tanz doch zunächst nicht erklären. Der kurzfristig gewählte Weg nach Hause ist eine logische Folge für sie aus den aktuellen Ereignissen.

Nach dem Bekenntnis ihrer Mutter reift in Nora ein Plan, dessen Umsetzung die Autorin auf glaubhafte Art und Weise schildert. Immer wieder wird die Wut in Nora aufgrund des für sie Unglaublichen spürbar. Sie fühlt die tiefe Verletzung ihrer Mutter, die diese über Jahre in sich getragen hat. Aus der dadurch resultieren Hilfslosigkeit von Nora werden bald Rachegedanken. Durch das Ziel, dass sie sich gesetzt hat, versucht sie ihre Gefühle zu kanalisieren. Ihr Vorgehen wird zu einer gesellschaftspolitischen Angelegenheit, in die der Rechtsreferendar Simon eine tragende Rolle spielt und für Nora in mehrfacher Hinsicht zunehmend an Bedeutung gewinnt.

Davon ausgehend, dass die Autorin genau recherchiert hat, eröffnete sie mir in diesem Roman ein Stück aktueller Rechtsgeschichte, das empörend ist und der allgemeinen Wahrnehmung nach wohl von den meisten als ungerecht empfunden wird. Ich war fasziniert darüber, wie die Autorin die Handlung fortführt.

„Radio Actity“ berührt ein wichtiges Thema, das in unserer Gesellschaft oft tabuisiert wird. Die Kraft der Protagonistin, ihre Handlungen ganz auf Gerechtigkeit auszurichten, die von Freundschaft und Beherztheit getragen wird, ist bewundernswert und berührend. Karin Kalisa erzählt mit viel Esprit und guten Ideen. Beim Lesen war ich tief betroffen und werde die Geschichte in Erinnerung behalten. Gerne empfehle ich den Roman weiter.

Dienstag, 30. Juli 2019

Rezension: Kein Sturm, nur Wetter von Judith Kuckart


Rezension von Ingrid Eßer

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Titel: Kein Sturm, nur Wetter
Autorin: Judith Kuckart
Erscheinungsdatum: 12.07.2019
Verlag: Dumont (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Leseband
ISBN. 9783832183868
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Der Roman „Kein Sturm, nur Wetter“ von Judith Kuckart beginnt handlungsmäßig am Flughafen Tegel und endet dort auch. Auf den dazwischenliegenden Seiten wurde meine Aufmerksamkeit gefordert, die zu einigen Déjà-Vues führte, denn im Lesefluss fielen mir immer wieder Handlungsschnipsel auf, die mir bekannt vorkamen, die so oder so ähnlich vorher schon eiinmal eine Situation beschrieben. Die namenlose Protagonistin misst den wiederkehrenden Szenen einiges an Bedeutung bei und glaubt auch eine Kontinuität im Zeitabstand zu sehen, in dem sie zu einer festen Beziehung findet. Sie war 18 Jahre, dann 36 Jahre alt, als sie mit Viktor beziehungsweise Johann zusammenkam. Jetzt ist sie 54 Jahre alt, Zeit also, dass sie wieder dem passenden Partner begegnet?

Die Langeweile der Mietwohnung ihrer Kinder- und Jugendjahre verlässt sie kurz nach dem Abitur und hofft mit dem Abschluss eines Studiums der Medizin in der Hauptstadt auf eine abgesicherte Zukunft. Schon bald begegnet sie hier dem doppelt so alten Viktor. Er gibt ihr die Zärtlichkeiten, nach denen sie sich als junge Frau sehnt. Beide gewähren sich gewisse Freiheiten bis zum Rand der Akzeptanz. Mit 36 Jahren lernt sie als Single den gleichaltrigen Johann kennen. Seine Karriere scheint, wie ihre eigene, nicht in Schwung zu kommen. Sie folgt ihm auf seinen beruflichen Stationen in verschiedenen Städten und verliert sich dabei ein Stück selbst. Zu Beginn des Romans wohnt sie seit mehreren Jahren wieder in der Hauptstadt und genießt ihren Sonntag in der Abflughalle. Hier lernt sie bei einem kurzen Gespräch Robert Sturm kennen, der für eine Woche nach Moskau fliegt. Als Leser begleitete ich die Protagonistin in dieser Zeit, in Ihrer Erwartung, ihn dort wieder zu treffen.

Als promovierte Neurologin, die hauptsächlich verwaltend an einem zum Fach gehörenden Institut arbeitet, fühlt sie sich nicht gefordert. Dennoch gibt ihr die Stelle genügend Kontinuität und ein gesichertes Einkommen. Mit Gefühlen hat sie sich wissenschaftlich beschäftigt und fragt sich, ob deren Auftreten sich allein nur durch neurophysiologische Vorgänge erklären lassen. Sie grübelt über die Worte ihrer Vorgesetzten, die Ereignisse in der Gegenwart stets im Geschehen der Vergangenheit begründet sieht.

In der Woche, in der die Protagonistin auf Robert wartet, gleiten ihre Gedanken immer wieder in die Vergangenheit, zum Beginn ihrer Beziehungen und zu deren Ende. Ihr Wunsch danach, dass es auch jetzt nochmal geschehen wird, ist spürbar. Für mich als Leser ergab sich aus den einzelnen Versatzstücken ihrer Gedanken mit und mit, das Leben einer wenig beachteten, bewusst im Schatten anderer stehenden intelligenten Frau, die immer noch auf der Suche nach ihrem Platz im Leben ist, den sie gemeinsam mit einem Partner einnehmen möchte. Sie beansprucht für sich, in ihrer Unsichtbarkeit, in ihrem Innersten ganz tief jemand anderen zu lieben und idealerweise Erwiderung darauf zu finden. Dabei wünscht sie sich auch Vertrauen und ein sicherer Rückhalt in allen Lebenslagen.

Bewusst lässt Judith Kuckart ihre Hauptfigur ohne Namen, so kann sie in vielen Menschen wiedergefunden werden oder sich selbst darin finden. Unwillkürlich begann ich darüber nachzudenken, ob sich auch in meinem Leben Parallelen finden, wie sie die Protagonistin für sich entdeckt. Die Frage wirft sich auf, ob sich gewisse Situationen durch eigenes Einwirken erzwingen lassen. Der Charakter der Neurologin passt sehr gut zum Schreibstil der Autorin, der weniger leidenschaftlich, aber dennoch einfühlsam und bewegend ist. In den Handlungen, die in der Vergangenheit spielen sind die Figuren abwechslungsreich gestaltet und sorgen für einige unerwartete Wendungen. Für die promovierte, an bestimmten Erfahrungen reiche Namenlose bleibt die Hoffnung, dass Krisen sie nicht gleich vom Weg abbringen werden und sie die Erfüllung ihrer Wünsche finden wird. Den Roman empfehle ich an gerne an anspruchsvollere Leser weiter.

Samstag, 27. Juli 2019

[Rezension] Die Spiegelreisende: Die Verschwundenen vom Mondscheinpalast - Christelle Dabos


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Die Verschwundenen vom Mondscheinpalast
Autorin: Christelle Dabos
Übersetzerin: Amelie Thoma
Hardcover: 613 Seiten
Erschienen am 27. Juli 2019
Verlag: Insel Verlag
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Orphelias Identität als Thorns Verlobte ist am Hof von Faruk enthüllt. Jetzt muss sie den Familiengeist dazu bewegen, sie unter seinen Schutz zu stellen, damit sie bis zur Hochzeit überlebt. Denn am Hof gibt es zahlreiche Personen, die ihr nach dem Leben trachten und von denen eine gerade erst Thorns gesamte Familie bis auf seine Tante Berenilde ausgelöscht hat. Auf ihren Vorschlag, sich mit der Eröffnung eines Museums nützlich zu machen, ernennt Faruk sie jedoch zur Vize-Erzählerin des Hofes - eine Position, die der leisen Orphelia abwegig erscheint. Doch sie hat keine Wahl und muss Faruk und dem Hof etwas bieten, um in Sicherheit zu sein. Der Hochzeitstermin rückt unterdessen näher und Thorn lässt sich kaum blicken, während ihre Familie sich angekündigt hat. Die Lage spitzt sich weiter zu, als Orphelia Drohbriefe erhält und andere Personen am Hof, die ähnliche Schreiben erhalten haben, spurlos verschwinden.

Die Handlung dieses zweiten Bandes führt die Ereignisse des Vorgängers nahtlos weiter. Orphelia befindet sich gemeinsam mit ihrer Tante Roseline und Thorns Tante Berenilde, die ein Kind von Faruk erwartet, auf dem Weg zu einer Audienz beim Familiengeist. Sie benötigen den Schutz von Faruk dringend, um nicht aus Neid oder strategischen Überlegungen hinterrücks ermordet zu werden.

Im ersten Band habe ich den Familiengeist Faruk zwar schon kennengelernt, doch erst jetzt erfährt man mehr über ihn. Er ist extrem vergesslich, weshalb er stets von einem Gedächtnishelfer begleitet wird und die Dinge entscheidend sind, die er sich in sein Merkheft notiert. In dieses schreibt er auch den Preis, den er Orphelia für den gewährten Schutz nennt: Sie soll als Vize-Erzählerin in Aktion treten. Eine echte Herausforderung für die zurückhaltende Persönlichkeit, die ihre Stimme nicht gern erhebt.

Orphelias Bewegungsfreiheit ist nun nicht mehr so stark eingeschränkt, sodass ich an ihrer Seite den wundersamen Mondscheinpalast ausführlicher erkunden konnte. Die Autorin beschreibt diesen mit großer Kreativiät, an jeder Ecke wartet eine neue Überraschung. Bald wird es jedoch wieder ernst für die Spiegelreisende, denn ihr Auftritt im Theater steht an und Botschafter Archibald kontaktiert sie, weil einer seiner Gäste spurlos verschwunden ist.

Die Frage nach dem Verbleib der Verschwundenen ist ein spannender Handlungsstrang, welcher der Geschichte einen guten Rahmen gibt. In der Zwischenzeit dreht sich die Handlung um zahlreiche Fragen, auf die man stückweise Antworten erhält und durch die ein gutes Tempo erhalten bleibt: Können Orphelia und Berenilde ihre Plätze am Hof verteidigen? Warum ist Faruk so besessen von seinem Buch? Welche geheime Agenda verfolgt Thorn? Und wie wird Orphelias Familie auf das Leben am Pol reagieren? Es gab viele unterhaltsame und schöne Momente, aber auch Rückschläge, die mich um die liebgewonnenen Charakteren bangen ließen. Diese Sorge stellt sich als berechtigt heraus, denn die Autorin ist nicht zimperlich und auch diesmal müssen einige ihr Leben lassen.

Im zweiten Teil des Buches gibt es einen vorübergehenden Wechsel des Schauplatzes, der durch das Cover schon angedeutet wird. Dieser Tapetenwechsel hat der Geschichte gut getan und ich habe die Zeit außerhalb des Mondscheinpalastes genossen. Was zuerst wie eine Verschnaufpause wirkt führt bald ganz neuen Herausforderungen, und schließlich holt das bisher Erlebte die Charaktere schnell wieder ein. Zum Ende hin wird es richtig brenzlig und ich konnte das Buch kaum mehr aus der Hand legen. Es gibt so manchen Aha-Moment und zahlreiche Antworten werden geliefert, die zum Teil aber auch neue Fragen aufwerfen. Im Gegensatz zum ersten Band ist das Ende recht abgeschlossen, doch die offenen Fragen wecken schon jetzt meine Vorfreude auf den nächsten Band. Mir hat dieser zweite Band deutlich besser gefallen als sein Vorgänger.

Insgesamt ist „Die Verschwundenen vom Mondscheinpalast“ ein lebhaft erzähltes Fantasy-Abenteuer mit einem intriganten Hof, schillernden und gefährlichen Illusionen, mysteriösen Charakteren und einer sympathischen Protagonistin.
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