Dienstag, 2. März 2021

Rezension: Glückskinder von Teresa Simon

 


Rezension von Ingrid Eßer

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Titel: Glückskinder
Autorin: Teresa Simon (aka Brigitte Riebe)
Erscheinungsdatum: 08.02.2021
rezensierte Buchausgabe: Taschenbuch
ISBN: 9783453424067

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Griet und Antonia, genannt Toni, sind die weiblichen Protagonistinnen im Roman „Glückskinder“ von Teresa Simon, einem offenen Pseudonym der Autorin und promovierten Historikerin Brigitte Riebe. Die beiden Hauptfiguren haben den Zweiten Weltkrieg überlebt und finden auch in der kargen Nachkriegszeit Arbeit und Liebe. Immer wieder blitzt bei ihnen der Gedanke auf, wie glücklich sie sich im Vergleich zu anderen schätzen können. Die Gestaltung des Covers suggerierte mir den Aufbruch in eine neue Zeit. Wie sich später herausstellt, ist diese zwar geprägt von Hunger, Entbehrung und Wohnungsnot, macht aber auch Hoffnung und gibt Chancen.

Zu Beginn der Geschichte erlebte ich die junge Niederländerin Griet van Mook auf einem Marsch vom KZ Giesing nach Wolfratshausen. Von den Widerständlerinnen weiß zu diesem Zeitpunkt noch keine, dass sie bald darauf von einem US-Trupp befreit werden. Griet hat ihre Angehörigen verloren und mit der Hilfe eines Captains der amerikanischen Besatzer gelingt es ihr, nicht nur eine Stellung in München zu erhalten, sondern auch eine Unterkunft. Sie wird in der Etagenwohnung von Antonia Brandls Großtante, in der neben Toni auch noch Tonis Mutter, ihre elfjährige Schwester sowie eine Tante und deren erwachsener Sohn leben, einquartiert. Tonis Arbeit als Angestellte bei einem Verlag ruht und so widmet sie sich der Aufgabe, das Lebensnotwendige für die Familie zu besorgen. Griet und Toni schätzen zu Beginn ihrer Bekanntschaft einander falsch ein, doch im Zeitablauf entsteht immer mehr Verständnis füreinander und eine besondere Freundschaft.

Die Geschichten laufen parallel zueinander, in den Kapiteln wechselt der Fokus ständig zwischen den beiden jungen Frauen. Ein Prolog zu Beginn des Romans scheint zunächst nicht im Zusammenhang mit den Protagonistinnen zu stehen und machte mich neugierig darauf, welche Verbindung es hierbei gibt. Dank der sehr guten Recherche der Autorin konnte ich viel über die allgemeinen Lebensumstände der Bevölkerung Münchens in den Jahren 1945 bis 1948 erfahren. Gekonnt und ganz natürlich setzt Teresa Simon ihre Figuren in das Umfeld ein, so dass deren Handeln authentisch erscheint.

Beide Frauen sind starke Charaktere und durchsetzungsfähig, aber ohne dabei ihre Mitmenschen zu vergessen. An ihre Seite stellt Teresa Simon Männer, die einen Teil der Bevölkerung symbolisieren. Dan vertritt dabei die Besatzer, durch ihn erhält man Einblick in deren Agieren. Tonis Bruder Max kehrt unter widrigen Umständen nach dem Krieg aus Frankreich nach Hause zurück. Der windige Louis dagegen, weiß die Situation zu nutzen und widmet sich dubiosen Geschäften.

Gerade in den Nachkriegsjahren herrscht Lebensmittelmangel und bittere Kälte, doch die Autorin gibt anhand ihrer Figuren auch die Hilfsbereitschaft der Bevölkerung untereinander wieder. Ins Augenmerk rückt Teresa Simon den aufgrund der Nöte wachsenden Schwarzmarkt in der Möhlstraße Münchens. Damit sich der Leser selbst ein Bild der Umstände machen kann, sind dem Buch im Anhang Rezepte mitgegeben, die zeigen, wie aus den wenig vorhandenen Lebensmitteln in der Nachkriegszeit Gerichte zubereitet wurden. Es war ebenfalls schwierig für die Bevölkerung, sich auf die neue politische Situation einzustellen. Das Schicksal der politischen Gefangenen, das die Autorin in die Geschichte einflechtet, ist bewegend. Griets Misstrauen gegenüber den Deutschen ist aus der Sicht verständlich.

Mit „Glückskinder“ hat Teresa Simon eine berührende und ansprechende Geschichte geschrieben, die den Leser mitnimmt nach München in die entbehrungsreichen Jahre zur Nachkriegszeit. Durch ein günstig gesetztes Figurenensemble gelingt es der Autor eine Erzählung zu weben, die viel vom historischen Hintergrund durchscheinen lässt und realistisch nachvollziehbar ist. Gerne vergebe ich eine uneingeschränkte Leseempfehlung.


Montag, 1. März 2021

Rezension: Mit Abstand verliebt von Juli Rothmund

 

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Mit Abstand verliebt
Autor: Juli Rothmund
Taschenbuch: 480 Seiten
Erschienen am 24. Februar 2021
Verlag: FISCHER Taschenbuch

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Als Jella im Februar 2020 die Party ihres Kumpels David besucht, ahnt sie noch nicht, dass es die letzte für eine lange Zeit sein wird. Doch einige Tage später trifft die Hiobsbotschaft via WhatsApp ein: Der Gastgeber wurde positiv auf Corona getestet und bittet alle, zu Hause zu bleiben und sich testen zu lassen. Vor dem Krankenhaus trifft Jella Lennard wieder, der mit ihr auf der Party war. Für Lennards Geschmack hat Jella zu viele Tattoos, und für Jellas Geschmack hat Lennard zu viele Versicherungen. Dennoch beginnen die beiden während des Lockdowns, sich Nachrichten zu schicken...

Ist die Zeit reif für eine Liebesgeschichte während der ersten Corona-Welle? Ich habe das Buch überraschend vom Verlag erhalten und war neugierig darauf, meine Antwort auf diese Frage zu finden Zu Beginn lernt man Jella und Lennard auf der letzten Party kennen, die sie für lange Zeit feiern werden. Jella arbeitet als Yoga-Lehrerin, ist begeisterte Surferin und liebt das Reisen. Mit ihrer Unbeschwertheit und Abenteuerlust ist sie ganz anders als Lennard, der in einer Agentur arbeitet und seit Jahren auf den Kauf einer Immobilie in Hamburg hin.

Die Kapitel sind abwechselnd aus den beiden unterschiedlichen Perspektiven geschrieben und geben dem Leser Einblicke, wie Jella und Lennard den Beginn der Pandemie erlebten. Zwischen den Kapiteln sind außerdem einige Nachrichten abgedruckt, welche die aktuelle Corona-Situation verdeutlichen. Durch Jellas und Lennards unterschiedliche Lebenssituationen werden verschiedenste Konsequenzen des Lockdowns deutlich. Jella kann von heute auf morgen nicht mehr als Yogalehrerin arbeiten, ihr nächster Urlaub ist in Gefahr und ihr Mitbewohner will sich nicht mehr im selben Raum aufhalten wie sie. Lennard verlegt die Arbeit ins HomeOffice und kann kein Verständnis für seine Eltern aufbringen, die aus seiner Sicht zu sorglos reagieren.

Ich wartete gespannt darauf, wie die Liebesgeschichte sich entwickeln wird. Nach 200 Seiten hatten Jella und Lennard erst ein paar mal miteinander geschrieben und gesprochen und ich hoffte, dass endlich mehr zwischen den beiden passiert. Die Geschichte wird in angenehm flotten Tempo erzählt und driftet trotz der ernsten Lage nicht ins dramatische ab. Lennard entdeckt beispielsweise das Backen für sich und heitert das Nachbarkind mit Corona-Comics auf. Da er sich auch nicht im Freien mit anderen Haushalten treffen will, beginnen er und Jella schließlich mit Videotelefonie.

In der zweiten Hälfte des Buches nehmen die Interaktionen zwischen den beiden zu und die Schilderungen der coronakonformen Dates haben mir gefallen. Nachdem ich mit beiden meine Startschwierigkeiten hatte, wurden sie mir zunehmend sympathischer. Die Botschaft, dass Liebe in allen Zeiten einen Weg findet und man das Beste aus jeder Situation machen sollte, fand ich schön.

Während die Liebesgeschichte erzählt wird möchten die Autoren gleichzeitig der Darstellung der Pandemie gerecht zu werden. Diese ist im Buch omnipräsent, so wie sie es für alle in dieser Zeit eben war. Ich lese Liebesgeschichten, um abschalten zu können und habe während der Lektüre gemerkt, dass das nicht gut klappt, wenn man dabei über die Pandemie liest, die seit Monaten sowieso überall Gesprächsthema Nummer Eins ist. Als Lennard beispielsweise überlegte, ob David als Gastgeber der Party wohl ursprünglich aus Heinsberg kommt, wollte ich am liebsten entgegnen „Ich kann dir gern erzählen, welche Reaktionen ich bekommen habe, als meine Kollegen sich daran erinnerten, dass ich tatsächlich aus Heinsberg komme.“ Ob man ein Buch lesen will, dessen Protagonisten sich mit Herausforderungen konfrontiert sehen, die man selbst allzu gut kennt, muss jeder für sich entscheiden.

Sonntag, 28. Februar 2021

Rezension: Abhängigkeit von Tove Ditlevsen

 

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Abhängigkeit
Autorin: Tove Ditlevsen
Übersetzerin: Ursel Allenstein
Hardcover: 176 Seiten
Erschienen am 15. Februar 2021
Verlag: Aufbau Verlag

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"Abhängigkeit“ ist der dritte und letzte Teil der Kopenhagen-Trilogie. Nachdem ich Tove durch ihre Kindheit und Jugend gefolgt bin, ist sie nun eine verheiratete Frau. Doch der deutlich ältere Viggo F., der ihr die Türen in die Welt der Schriftsteller geöffnet hat, ist als Ehemann eine Enttäuschung. Tove gründet den „Club der jungen Künstler“, über den sie neue Freunde findet und sich neu verliebt. Das Buch berichtet von ihren drei ersten Ehen und Scheidungen, dem Ringen mit der Kinderfrage und der zerstörerischen Medikamentensucht, mit der sie immer stärker zu kämpfen hat.

Der erste Band der Reihe war von philosophischen Gedanken und der Sehnsucht nach Freiheit geprägt, im zweiten Band schwankt Tove zwischen Hoffnung und Sorge und versucht, als Schriftstellerin Fuß zu fassen. Nun ist sie eine anerkannte Schriftstellerin, deren labiler Zustand immer deutlicher wird. Dieser dritte Band ist eine erschütternde und bedrückende Lektüre.

Im Original wurde dieses Buch unter dem Namen „Gift“ herausgebracht, was im Dänischen sowohl „verheiratet“ bedeutet als auch wie im Deutschen für Toxin steht. Die Jahre rauschen nur so an Tove vorbei, Liebhaber und Ehemänner kommen und gehen. Tove bekommt ein Kind, die zweite Schwangerschaft will sie jedoch beenden, was zu jener Zeit verboten war. Ihre Versuche, eine Abtreibung zu erwirken, sind ebenso starker Tobak wie die Beschreibungen ihres Wegs in die Medikamentensucht.  

Der Erzählton ist nüchtern. Während die Sätze in „Kindheit“ noch dazu einluden, bei ihnen zu verweilen, hatte ich nun vor allem das Bedürfnis, schnell weiterzulesen, um Toves düstere Stunden hinter mir zu lassen und wieder zu hoffnungsvolleren Momenten zu kommen. Doch es bleibt bis zum Schluss ein Auf und Ab. Wer ihre Biographie kennt weiß, dass das auch nach der im Buch beschriebenen Zeit bis zu ihrem Tod mit nur 58 Jahren durch eine Überdosis Schlaftabletten so bleiben wird. Die Kopenhagen-Trilogie ist insgesamt ein eindringliches Leseerlebnis, wobei „Kindheit“ mit seiner poetischen Sprache besonders heraussticht.

Samstag, 27. Februar 2021

Rezension: Die vier Gezeiten von Anne Prettin

 

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Die vier Gezeiten
Autorin: Anne Prettin
Hardcover: 480 Seiten
Erschienen am 26. Februar 2021
Verlag: Bastei Lübbe

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Adda und Eduard Kießling leben seit Jahrzehnten auf Juist. Nach dem Krieg hat Addas Mutter Joanne dort das Hotel de Tiden wieder aufgebaut, das inzwischen von Eduard geleitet wird. Dieser war außerdem lange der Bürgermeister von Juist und soll in wenigen Tagen für seine Verdienste rund um den Schutz des Wattenmeers mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet werden. An diesem Ereignis nehmen natürlich auch die auf der Insel lebenden Töchter Theda und Frauke teil, und sogar Marijke, die Jüngste, ist aus Amerika angereist.

Mitten in die Proben platzt Helen herein, die Adda wie aus dem Gesicht geschnitten ist. Sie ist den Hinweisen ihrer Adoptivmutter von Neuseeland nach Juist gefolgt, um mehr über ihre leibliche Mutter herauszufinden. Doch die Kießlings geben sich verschlossen. Kann eine von Addas Töchtern die Mutter sein, oder gibt es über andere Verwandtschaftsstränge eine Erklärung für die Ähnlichkeit? Als einzige sucht Adda das Gespräch mit Helen und stößt bei ihren Recherchen auf eine Vielzahl an Geheimnissen.

Das Buch beginnt mit einer Szene aus dem Jahr 1978, in dem eine Frau einen Abschiedsbrief verfasst und ins Watt geht, um zu ertrinken. Wer dies ist und warum wird erst einmal nicht erklärt. Stattdessen springt das Buch ins Jahr 2008, wo Helen bei den Proben zur Verleihung des Bundesverdienstkreuzes an Dr. Eduard Kießling auf die versammelte Familie trifft und Verwirrung auslöst. Die ablehnende Reaktion der Familie sorgte bei mir für Unverständnis. Warum interessiert sich niemand dafür, auf welchem Weg Helen mit Adda verwandt ist, deren Ähnlichkeit frappierend ist?

Schon bald wird deutlich, dass die Familie voller Geheimnisse steckt. Ein Ausruf ihrer dementen Mutter Joanne beim Anblick Helens bringt Adda dazu, nachzubohren. In klaren Momenten schildert Joanne ihr die Situation auf Juist im Jahr 1934, als sie die Tochter des Hausmeisters der vornehmen „Schule am Meer“ war. Adda erinnert sich selbst zudem an ihre Zeit in Dresden in den letzten Tagen des Krieges und der Rückkehr nach Juist in den 1950er Jahren.

Die Geschichte springt zwischen dem Jahr 2008 und den Rückblicken hin und her. Dabei enthüllen sich allmählich überraschende Aspekte der Familiengeschichte, über die viele Jahrzehnte lang geschwiegen wurde. Bei der Vielzahl der auftretenden Personen mit teils ähnlichen Namen (wie Onno und Okke) fiel es mir bisweilen schwer, den Überblick zu behalten.

Das Buch behandelt eine große Bandbreite unterschiedlicher Themen wie den Zweiten Weltkrieg und die Judenverfolgung, Enteignung in der DDR, den damaligen Umgang mit Homosexualität, die Situation in Westberlin nach dem Bau der Mauer, die Verschmutzung der Nordsee und vieles mehr. Hinzu kommen zahlreiche unglückliche Lieben, aus denen sich die meisten der Geheimnisse ergeben. Die zahlreichen Einblicke sind zwar interessant, aber für meinen Geschmack wäre weniger mehr gewesen.

Was dafür zu kurz kommt ist ein genaueres Kennenlernen von Addas Töchtern und Helen. Die Geschichte fokussiert sich hauptsächlich auf Joannes und Addas Lebensgeschichte, während man über die Töchter weniger erfährt, als ich es mir erhofft hätte. Auch Helens Suche macht lange keine Fortschritte. Die Auflösung kommt schließlich sehr schnell und das Ende fand ich zu abrupt.

„Die vier Gezeiten“ ist ein Familienroman über vier Generationen. Die Lebensgeschichten der Frauen werden stückweise enthüllt und eine Vielzahl an Geheimnissen wartet darauf, gelüftet zu werden. Ein Roman für alle, die komplexe Familiengeschichten auf mehreren Zeitebenen mögen!

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