Sonntag, 4. Oktober 2026

Rezension: Ein ganz normales Wunder von Woody Brown

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Ein ganz normales Wunder
Autor: Woody Brown
Übersetzer: Stephan Kleiner
Verlag: KiWi (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN: 9783462016482
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Der Roman „Ein ganz normales Wunder“ handelt von den KlientInnen und MitarbeiterInnen der Tagesbetreuungsstätte „Upward Bound“ in Kalifornien, in der Menschen mit Behinderung betreut werden, darunter auch einige Autisten. Einer der Figuren des in elf Episoden geschriebenen Romans ist Walter, ein Alter Ego des Autors Woody Brown, der einen Masterabschluss in Fine Arts der Columbia University in New York City besitzt.

Hierzu beginnt nun leider eine rege Diskussion in den Medien, die die Autorenschaft des jungen Manns in Frage stellt. Seit einem Auftritt im US-amerikanischen Fernsehen, unmittelbar nach Erscheinen der Originalausgabe, wird in Erwägung gezogen, dass seine Mutter Mary, die ein Literaturstudium abgeschlossen hat, seine Äußerungen mittels einer Buchstabentafel frei interpretiert und daher einen wesentlichen Anteil an der Entstehung des Romans habe. Ausgerechnet diese Diskussion berührt jedoch einen zentralen Aspekt des Buches: die Schwierigkeiten eines nicht- (beziehungsweise nicht kontrolliert) sprechenden Autisten, sich seinen Mitmenschen verständlich zu machen.

Für mich ist es letztlich weniger entscheidend, wem die Urheberschaft des Romans zugesprochen werden kann, als die Inhalte, die er vermittelt. Die Episoden, die aus dramaturgischen Gründen nicht immer zeitlich geordnet sind, gewähren Einblicke in den Alltag einer Tagesstätte, die nur jemand erhalten kann, der diesen selbst erlebt hat. Auch ich hatte vor längerer Zeit die Möglichkeit, Einsicht in ein ähnliches Umfeld zu nehmen.

Beim Lesen hat mich bewegt, wie überzeugend Woody Brown die Gefühlswelt der im jeweiligen Kapitel im Fokus stehenden Figur vermittelt. Neben Walter sind dies unter anderem ein weiterer Klient mit Zerebralparese, eine neue Betreuerin, ein langjähriger Mitarbeiter sowie der gestresste Leiter der Betreuungsstätte. Außerdem beschreibt die Angestellte eines Warenhauses stellvertretend für Außenstehende, wie die Gruppe in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird. Der Autor beschreibt detailliert die Schwierigkeiten von Autisten mit anderen zu kommunizieren und vermittelt dadurch ein differenziertes Verständnis der Beeinträchtigung.

Deutlich wird auch, wie wenig ansprechend sich der Tagesablauf bei der Betreuung abspielt. Dabei nimmt Woody Brown, der aus eigener Erfahrung schöpft, nicht nur die Perspektive des Klienten Walter ein, der die wenigen angebotenen Förderangeboten nutzt und dabei, wie der Autor es selbst beschreibt, häufig infantilisiert wird. Ebenso betrachtet er aus Sicht eines Mitarbeitender die herausfordernde Aufgabe, eine Gruppe mit verschiedensten Behinderungen über viele Stunden hinweg zu beschäftigen. Jede Aktivität muss dabei auf ihre Auswirkungen auf den Einzelnen abgestimmt werden, denn was den einen anregt, kann bei einem anderen beispielsweise Überforderung und Frustration auslösen. Auch ein Hinweis auf fehlende finanzielle Mittel für die weitere Ausstattung der Betreuungseinrichtung fehlt nicht. Besonders bewegend ist es, wenn deutlich wird, wie schwierig es aufgrund des fehlenden sprachlichen Austausches sein kann, Liebe und Zuneigung für einen anderen Menschen auszudrücken. Hier und da hätte ich mir noch eine weitere Ausarbeitung eines Charakters gewünscht.

Mit seinem Roman gelingt es Woody Brown auf den Facettenreichtum und die Individualität der Menschen hinzuweisen, Vorurteile gegenüber Behinderten abzubauen und damit eines der Ziele zu erreichen, die er sich mit seinem Buch gesetzt hat. Zum Ende hin gibt es noch eine unerwartete, ergreifende Wendung in Bezug auf einen der Protagonisten. „Ein ganz normales Wunder“ regt dazu an, die eigenen Vorstellungen von Kommunikation, Selbstbestimmung und geistiger Teilhabe zu hinterfragen. Gerne empfehle ich das Buch weiter.

Samstag, 3. Oktober 2026

Rezension: Stolz, Vorurteil und Hexerei von Melinda Taub


Stolz, Vorurteil und Hexerei
Autorin: Melinda Taub
Übersetzerin: Birgit Maria Pfaffinger
Hardcover: 496 Seiten
Erschienen am 12. September 2026
Verlag: Klett-Cotta

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Lydia ist die jüngste der fünf Bennet-Schwestern. Wobei das eigentlich nicht ganz stimmt. Die vierte Schwester, Kitty, ist nämlich gar kein Mädchen, sondern die Hauskatze, welche Lydia in ihrer Sehnsucht nach einer Spielkameradin verzaubert hat. Das war Lydias erster mächtiger Zauber: Sie ist eine Hexe und mit einem überdurchschnittlichen Talent ausgestattet. Unterricht erhält sie von ihrer Tante Philips, die als einzige in der Familie ebenfalls eine Hexe ist. Doch Lydias Macht zieht bald die Aufmerksamkeit des Dämons Wormenheart auf sich. Um Kittys Leben zu retten, muss sie ein mysteriöses Juwel ausfindig machen. Unterstützung erhält sie vom Sohn des Dämons, der Besitz von George Wickhams Körper ergriffen hat. Doch die Dinge laufen anders als geplant, denn alle verfolgen ihre eigenen Ziele.

Mir hat die Idee sehr gut gefallen, eine magische Geschichte im Jane Austen-Kosmos anzusiedeln. Zu Beginn des Buches wurde ich als Leserin von Lydia angesprochen, die in ärmlichen Verhältnissen mit Wickham zusammenlebt und niederschreibt, wie sie in diese Situation gekommen ist. Dazu springt sie einige Jahre zurück und erzählt zunächst, wie sie ihre Kräfte entdeckt hat. Von dort aus wird die Geschichte chronologisch weitererzählt, immer wieder unterbrochen von kurzen Passagen aus der Gegenwart der schreibenden Lydia, die einen Weg aus ihrer elendigen Situation sucht und Bekanntschaft mit Mr. Darcys Schwester Georgiana macht.

Die aus den Romanen von Jane Austen bekannten Ereignisse werden am Rande erwähnt, sind abgesehen von Lydias Heirat mit George Wickham aber nebensächlich. Schon früh wird deutlich gemacht, dass alles etwas anders abgelaufen ist, als der Rest der Familie denkt. Ich war schnell mittendrin in einem unterhaltsamen magischen Abenteuer, in dem so manch einer auf den eigenen Vorteil bedacht ist und Lydia immer wieder in brenzlige Situationen gerät. 

Warum man in den Büchern von Jane Austen nichts von alldem mitbekommt wird hinreichend erklärt. Mein Lieblingscharakter war Wickham, den ich als Scheusal kennenlernte, der im Laufe der Geschichte aber immer wieder für eine Überraschung gut war. Einige Stationen auf Lydias Weg werden sehr ausführlich erzählt, hier verliert die Geschichte deutlich an Schwung. Am Ende ging es mir hingegen zu schnell. Ich hätte mir ein ausgewogeneres Tempo gewünscht. Insgesamt habe ich mit dem Buch unterhaltsame magische Lesestunden verbracht und empfehle es gern an alle Austen-Fans weiter, die Lust auf eine originelle Adaption voller Hexerei haben.

Donnerstag, 1. Oktober 2026

Rezension: Dreimeterdreissig von Jaqueline Scheiber

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Dreimeterdreißig
Autorin: Jaqueline Scheiber
Erscheinungsdatum: 14.08.2026
Verlag: rororo
rezensierte Buchausgabe: Taschenbuch
ISBN: 9783499018794

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Der Roman „Dreimeterdreissig“ von Jaqueline Scheiber ist das erste Buch, das ich im Rahmen einer Buchclublektüre gelesen habe. Er bietet ausreichend Spielraum für Interpretationen und damit eine gute Grundlage für einen bereichernden Austausch. Die Geschichte wirft den Lesenden unmittelbar in eine Realität, die die Protagonistin Klara zunächst auf ihre eigene Weise auszublenden versucht: Balázs, ihr Freund, lehnt am Kopfende des gemeinsam Betts und regt sich nicht mehr. Der Autorin gelingt es mit wohl formulierten Sätzen, diese unbegreifliche Situation denkbar zu machen.

Spürbar liegt etwas in der Luft, das niemand erwartet hat, dessen Tragweite Klaras Verstand bereits erfasst, während ihr Herz noch nicht in der Lage ist, das Geschehene zu zuzulassen. Nicht nur die Sanduhr auf dem Cover, sondern auch die in unterschiedlichen Kombinationen von „Tick“ und „Tack“ überschriebenen Kapitel greifen das Motiv der Zeit auf, die nur langsam zu verrinnen scheint. In dieser Zwischenzeit aus Verdrängung und Fassungslosigkeit wirkt es so, als suche sie nach einem Weg, das Vorgefallene ungeschehen zu machen. Sie stellt fest, dass sie selbst körperlich unversehrt ist, aber psychisch tief getroffen wurde. Das Bizarre der Situation lässt sie verharren. Gerne würde sie die Zeit anhalten oder zurückdrehen. Ihre Gedanken eilen zurück zu ihrer Kindheit und transportieren Szenen, die für den Moment nur wenig zur Bewältigung des Unfassbaren beitragen.

Immer wieder wird das Geschehen in der Wohnung, deren Wände 3,30 m hoch sind, durch Kapitel unterbrochen, in denen neben Klara auch Balàzs im Mittelpunkt steht. Die Überschriften dieser Abschnitte ergeben ein Gedicht von Lydia Daher, das am Ende des Buchs vollständig zu lesen ist. Balázs ist Mitte Dreißig und in Ungarn aufgewachsen. Seit etwa zehn Jahren lebt er in Deutschland und arbeitet als Bühnentechniker eines Stadtteiltheaters in Wien. Die Autorin schildert den Beginn seiner Beziehung zu Klara, wobei zunächst vor allem der Hintergrund von Balázs beleuchtet wird. Mit der Zeit wird jedoch deutlich, dass Klara in einem Umfeld in Wien aufgewachsen ist, das sich sehr grundlegend von seinem unterscheidet.

Neben Balàzs spielt auch Klaras Freundin Jasmin eine wichtige Rolle im Leben der Protagonistin. In den Schilderungen ihrer gemeinsamen Erlebnisse wird eine gewisse Härte von Klaras Wesen sichtbar. Sie ist sich diese bewusst, aber es gestaltet sich schwierig für sie, diese zu überwinden. Aufgrund dessen fiel es mir als Leserin nicht leicht, Sympathien für Klara zu entwickeln. Während sie versucht, das Unbegreifbare zu fassen, flüchtet sich ihr Denken in den magischen Realismus. Es war für mich irritierend, dass Klara lange untätig bleibt, fremde Hilfe herbeizuholen und sei es auch nur für sich selbst.

Jaqueline Scheiber findet in ihrem Roman „Dreimeterdreißig“ eine ruhige, einfühlsame Sprache, die sich auf poetisch schöne Weise mit dem berührenden Thema des Verlusts einer nahestehenden Menschen beschäftigt, vor allem mit der Zeit zwischen dem Unfassbaren und der Akzeptanz der Realität. Gerne empfehle ich den Roman weiter.

Sonntag, 27. September 2026

Rezension: Weihnachten im Winterwimmelwald von Anna & Anabel Galitskaya

Weihnachten im Winterwimmelwald
Autorin: Anabel Galitskaya
Illustratorin: Anna Galitskaya
Pappbilderbuch: 16 Seiten
Erschienen am 23. September 2026
Verlag: FISCHER Sauerländer
Link zur Buchseite des Verlags

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In Wichtelhausen ist der erste Schnee gefallen. Jetzt kann die Einstimmung auf Weihnachten so richtig losgehen. Die Häuser werden geschmückt, die Tiere spielen auf dem zugefrorenen See, basteln, backen und besuchen den Weihnachtsmarkt. Endlich ist Nikolaus und schließlich auch Weihnachten. Auch das kleine rote Geschenk, das der Wichtel auf der ersten Seite verloren hat, hat über viele Umwege noch seine neue Besitzerin gefunden.

Schon das Cover zeigt eine wimmlige Weihnachtsszene und gibt einen guten Vorgeschmack auf den Stil des Buches. Jede Doppelseite hat ein weihnachtliches Thema und zeigt, wie die Tiere im Wald sich auf Weihnachten vorbereiten. Kurze Texte auf jeder Doppelseite beschreiben einige Szenen, die ich dann gemeinsam mit meinem Sohn suche. Besonders knifflig ist das rote Geschenk, das der Wichtel gleich zu Beginn verliert und das auf jeder Seite gesucht werden soll. Auch darüber hinaus gibt es auf den liebevoll illustrierten Seiten viel zu entdecken.

Etwas unpraktisch finde ich es, dass die dritte Doppelseite (Weihnachtwerkstatt) gedreht werden muss. Die Szene hätte man auch im Querformat abbilden können. Außerdem könnte das Thema Geschenke zu Fragen führen: Auf der ersten Seite ist ein Wichtel mit Geschenken unterwegs, in der Werkstatt basteln dann aber alle Tiere gemeinsam die Geschenke. Auf der Nikolaus-Seite sammeln die Wichtel die Wunschzettel ein und auf der letzten Seite heißt es, dass sich alle Tiere gegenseitig beschenken. Ich ändere den Text beim Vorlesen lieber etwas um. Trotz dieser Kritikpunkte freuen wir uns, das Buch bis Weihnachten noch viele Male zu lesen und immer Neues zu entdecken.

Samstag, 26. September 2026

Rezension: Weck den Weihnachtswichtel von Nico Sternbaum


Weck den Weihnachtswichtel
Autor & Illustrator: Nico Sternbaum
Hardcover: 48 Seiten
Erschienen am 23. September 2026
Verlag: Bassermann
Link zur Buchseite des Verlags

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Die Bücher von Nico Sternbaum kommen bei meinem Sohn zuverlässig gut an, weshalb „Weck den Weihnachtswichtel“ bei uns sofort einziehen musste. Zu Beginn des Buches lernen wir Nils, den kleinen Wichtel, kennen. Leider hat er verschlafen, weshalb er erst einmal geweckt werden muss. Anschließend können die kleinen Helfer pusten, schütteln, klatschen, tippen und viele weitere Aufgaben erfüllen, um Nils zu unterstützen.

In bekannter Manier sind die 48 Seiten so gestaltet, dass es auf einer Doppelseite eine Situation mit einer Aufgabe gibt und auf der nächsten Doppelseite sieht man das Ergebnis. Die Illustrationen sind farbenfroh und passend zum Cover und zum Thema überwiegen die Farben grün und rot. Die Vorher-Nachher Gesichtsausdrücke von Nils sind wirklich süß und die Szenen stimmen gelungen auf Weihnachten ein. Bei uns wurde das Buch genauso begeistert aufgenommen wie die vorherigen Bände. Ich empfehle es gerne weiter!

Rezension: Geteiltes Haus von Alice Horáčková

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Geteiltes Haus
Autorin: Alice Horáčková 
Übersetzerin: Sophia Marzolff
Erscheinungsdatum: 19.08.2026
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Leseband
ISBN: 9783257074000
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In ihrem Roman „Geteiltes Haus“ erzählt Alice Horáčková ein Stück Geschichte des Sudetenlandes, mit dem ihre eigene Familie eng verbunden ist. Die Handlung erstreckt sich vom Beginn des vorigen Jahrhundert an bis 1948 und spielt hauptsächlich in der kleinen Gemeinde Benetzko im westlichen Riesengebirge, am Westabhang des Heidelbergs. Während die politischen Zugehörigkeiten wechselten, lebten Tschechen und Deutsche Seite an Seite, lachten und weinten miteinander, heirateten untereinander und und gerieten ebenso häufig über vermeintliche oder tatsächliche Vorrechte aneinander.

Benetzko ist die Heimat des Vaters der in Prag geborenen Autorin. Da er nur wenig über seine Kindheit und Jugend erzählte, machte Alice Horáčková auf die Suche nach weiteren lebenden Verwandten, um mehr über ihre familiären Wurzeln zu erfahren. Im Rahmen einer umfangreichen Recherche sichtete sie Dokumente in Archive, bereiste die Gegend und sprach mit den Menschen vor Ort. Die Figuren ihres Romans sind fiktiv, tragen jedoch Eigenschaften und Wesenszüge, die von denen ihrer Familienmitglieder inspiriert sind.

Als die Tschechin Zdenka Honců und die Deutsche Anežka Braun sich als Kinder anfreunden, ahnen sie noch nicht, dass sie später beide in die Familie Hollmann aus Benetzko einheiraten werden. Obwohl ihre Ehemänner Brüder sind, unterscheiden sie sich in ihren Lebenszielen und ihrer Weltanschauung. Gemeinsam ist ihnen jedoch, dass sie ihre Haltung gegenüber gesellschaftlichen Veränderungen im Rahmen ihrer Möglichkeiten immer wieder daran ausrichten, welchen persönlichen Vorteil sie daraus ziehen können. Allerdings trägt auch ein Portion Glück zum Gelingen ihrer Anliegen bei.

Eine wichtige Rolle im Roman nimmt auch der Lehrer der tschechischen Schule im Ort ein. An seiner Anstellung und seines Ansehens lassen sich die Veränderungen im politischen Geschehen nachvollziehen. Zu ersten größeren Spannungen zwischen den Bevölkerungsgruppen Nordböhmens kommt es zu Beginn der ersten Tschechoslowakischen Republik im Herbst 1918. Das Münchner Abkommen, das eine Angliederung an das Deutsche Reich vorsah, führte zu Ressentiments gegenüber den Tschechen. Am Ende des Zweiten Weltkriegs wurde hingegen die vorige Ordnung wieder hergestellt und die deutschsprachigen Bewohner vertrieben.

Alice Horáčková gestaltet ein lebendiges Miteinander der Einwohner im Randgebiet Böhmens, statt auf historische Daten zu schauen. Es finden sich wenige Geschichtszahlen im Text, die Handlung spricht für sich. Der Erzählstil der Autorin umfasst üppig ausgestaltete Szenen im Wandel der Zeiten, die Bilder im Kopf entstehen lassen, sodass man sich beinahe mitten im Geschehen wähnt. Sie schildert den Alltag, die beruflichen Verrichtungen, gleichwohl auch Gedanken der Hauptfiguren über ihre Mitmenschen und aktuellen Entwicklungen. Dabei eröffnet sie immer wieder neue Perspektiven auf die Personen und ihre Lebensumstände, sodass die Geschichte facettenreich und abwechslungsreich bleibt.  Eine Vielzahl der auftretenden Personen ist unumgänglich, wobei die wichtigsten Figuren am Ende des Buches in einem Überblick zusammengestellt sind. Es hat mir gefallen, dass manches Kapitel mit einer kleinen Ausblick auf die Zukunft einer Person endet, von der diese noch nichts ahnt.

„Geteiltes Haus“ von Alice Horáčková ist nicht nur ein Roman, der auf wahren Familienereignissen der Autorin beruht, sondern zugleich auch eine Dokumentation des Geschehens im Sudetenland in der ersten Hälfe des 20. Jahrhunderts. Die Autorin zeigt, wie eng persönliche Lebenswege mit den politischen Umbrüchen ihrer Zeit verbunden sind und wie schwierig es für die Menschen sein konnte, zwischen nationaler Zugehörigkeit, persönlichen Überzeugungen und eigenen Interessen ihren Weg zu finden Sehr gerne empfehle ich das Buch weiter.


Samstag, 19. September 2026

Rezension: Ella, die schlaue Kuh von Marc-Uwe Kling und Astrid Henn


Ella, die schlaue Kuh
Autor: Marc-Uwe Kling
Illustratorin: Astrid Henn
Hardcover: 32 Seiten
Erschienen am 25. September 2026
Verlag: Carlsen
Link zur Buchseite des Verlags

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Ella ist eine Kuh, die wie alle anderen Tiere zur Schule geht und dort von einem Erklärbar unterrichtet wird. Sie ist sehr schlau, auch wenn sie nicht sonderlich auffällt, da immer jemand anderes noch besser ist. Doch sie hat einen Traum: Eines Tages will sie selbst unterrichten! Die Tatsache, dass nur Bären Lehrer werden, schreckt sie nicht ab. Und so steht sie eines Tages vor der Tür der Fachhochschule für schlaue Bären und bittet um Einlass.

„Ella, die schlaue Kuh“ ist unser erstes Buch von Marc-Uwe Kling und Astrid Henn, da mein Sohn allmählich ins passende Alter kommt. Die unterhaltsamen Reime und die ansprechenden Illustrationen haben uns gleich abgeholt. Insbesondere die Gesichtsausdrücke der verschiedenen Tiere haben großen Unterhaltungswert. Ella mit ihren wachen Augen sticht klar hervor. Man fiebert gleich mit, ob sie ihren Traum verwirklichen kann. 

Für die Auflösung dieser Frage macht das Buch zwei große Zeitsprünge und gibt eine ermutigende Botschaft mit: Wer fest an seinen Traum glaubt und beharrlich bleibt, der kann ihn auch erreichen. Die Art und Weise, wie Ella ihr Ziel erreicht, hat mir gut gefallen. Es wird ihr nicht leicht gemacht, aber sie argumentiert so überzeugend, dass ihr die Erklärbären am Ende nichts mehr entgegensetzen können. Eine tolle Geschichte mit einer starken Botschaft, die bei uns sicherlich noch viele Male vorgelesen wird.


Rezension: Territorium von Sabrina Janesch

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Territorium
Autorin: Sabrina Janesch
Erscheinungsdatum: 04.09.2026
Verlag: Rowohlt Berlin (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Leseband
ISBN: 9783737102544
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In ihrem Roman „Territorium“ widmet sich Sabrina Janes dem kaum dargestellten Thema des Staatsstreichs gegen die hawaiische Königin Lili’uokalani im Januar 1893. In einer Welt, die hauptsächlich von Männern regiert wurde, war es im polynesischen Inselstaat nicht ungewöhnlich, dass eine Frau das Land regierte. Bevor es zum Putsch kam, hatte die Königin Reformen geplant, die den Einfluss der amerikanischer und europäischer Geschäftsleute beschränken sollten. Immer mehr Hawaiier waren von ihren angestammten Gebieten verdrängt worden und mussten sich als Tagelöhner bei den von Ausländern betriebenen, vor allem im Zuckerrohranbau erfolgreichen Unternehmen verdingen. Zudem wollte sie als erste weltweit das Frauenwahlrecht einführen. Angeführt wurde der Staatsstreich vom Rechtsanwalt Lorrin Thurston, der zwar auf Hawaii geboren wurde und dort aufwuchs, seine wirtschaftlichen Interessen jedoch über seine Verbundenheit mit den Inselbewohnern setzte.

Bereits zu Beginn der Geschichte gelingt es der Autorin die von Veränderung geprägt Atmosphäre am Jahresanfang 1893 einzufangen. Dazu rückt sie zunächst Gertrude Wolf, die deutsche Beraterin und Gesellschaftsdame der Königin, bei einer Rast auf der Veranda ihres Hauses in den Mittelpunkt. Man glaubt, den Wind und die Wärme zu spüren und den Rausch zu erahnen, der Gertrude umfängt. Neben Lili’uokalani und der Journalistin Emma Nawahi, die ebenfalls der Königin zur Seite steht, ist sie eine der wenigen Frauen des Romans, die von größerer Bedeutung sind. Bereits die der Erzählung vorangestellte Auflistung der handelnden Personen umfasst ansonsten nur Männer.

Allein durch die lebendige Gestaltung ergibt sich ein Unterschied zu einem Sachbuch, denn Sabrina Janesch hat eine umfangreiche und akribische Recherche durchgeführt. Diese findet sich darin wieder, dass in den beiden Jahre nach dem Putsch nicht nur die Handlungsorte anschaulich und detailreich beschrieben sind, sondern auch die häufig auf historischen Vorbildern beruhenden Figuren glaubwürdig und facettenreich gestaltet werden. Dabei ist jederzeit deutlich, wer zu den Verfechtern der Unabhängigkeit Hawai’is gehört, die sich aus Traditionalisten, Opportunisten und Heldenhaften zusammensetzen, und wer Befürworter der Annexion durch die USA ist.

Die damalige Größe der deutschen Gemeinschaft auf Hawai’i hat mich überrascht. Sie spielt eine wichtige Rolle im Machtkampf, ebenso wie die Amerikaner. Auch chinesische Einwanderer suchen nach einem Platz im staatlichen Gefüge. Sabrina Janesch beleuchtet die Motive der handelnden Personen und beschreibt nicht nur die finanziellen Mittel der jeweiligen Gruppierungen, sondern auch die strategischen Überlegungen zu deren Einsatz. Eine besondere Rolle nehmen die Kapitel aus der Sicht der Königin ein, der die Autorin in der Wir-Form einen imaginären Raum zusteht. Beeindruckt hat mich beim Lesen die Vorstellung, dass es selbst mitten in dieser revolutionären Zeit möglich war, sich stets mithilfe eines Bretts in die Wellen zu stürzen.

In dem sprachlich ausdrucksstarken und atmosphärisch dicht erzählten Roman „Territorium“ verbindet Sabrina Janesch historische Fakten mit einer lebendigen Handlung. „Territorium“ erzählt dabei nicht nur vom Machtkampf um Hawaii, sondern stellt grundlegende Fragen nach Integrität und Loyalität, nach Recht und Unrecht sowie nach dem Mut, für die eigenen Überzeugungen einzustehen. Gerne empfehle ich das Buch weiter.

Dienstag, 15. September 2026

Rezension: (Un-)sichtbare Musen - Frauen, die unsere Welt veränderten von Elisa von Hof

Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Unsichtbare Musen – Frauen, die die Welt veränderten
Autorin: Elisa von Hof
Erscheinungsdatum: 12.09.2026
Verlag: Klett-Cotta (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN: 9783608967050
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In ihrem Buch „Unsichtbare Musen – Frauen, die die Welt veränderten“ unternimmt Elisa von Hof eine Typisierung derjenigen Personen, die einen Künstler kreativ beeinflussen. Dabei handelt es sich überwiegend um Frauen, denn männliche Musen sind nur wenig bekannt. Von der ursprünglichen Bedeutung her, waren Musen Schutzgöttinnen der Künste in der griechischen Mythologie.

Auf den ersten Seiten gibt die Autorin eine Einführung in die Geschichte der Muse, die untrennbar mit dem Künstler als Genie verbunden ist. Der Muse werden dabei immer wieder ähnliche Funktionen zugeschrieben: Sie soll inspirieren, trösten, unterstützen, sich kümmern und bewundern. Elisa von Hof unterscheidet zwischen „guten“ Musen und den „egoistischen“ Musen, die im Vergleich zu den erstgenannten stärker für ihre eigenen Interessen eintreten. Demgegenüber wird das Schaffen der „emanzipierten“ Muse zunehmend geschätzt. Kritisch blickt die Autorin Außerdem auch auf die rechtlichen und finanziellen Aspekte dieser häufig ungleichen Partnerschaften.

Ein jeweils eigenes Kapiteln widmet sie den Musen als Managerinnen, Ko-Produzentinnen, Supermodels, Therapeutinnen und als Benutzte. Dazu greift sie beispielhaft einige bekannte Konstellationen aus der Literatur, der Musik, der Kunst und der Mode auf. Beleuchtet werden unter anderem die Beziehungen von Christiane und Johann Wolfgang von Goethe, Sofja Tolstaja und Lew Tolstoi, Gala und Salvador Dali, Véra und Vladimir Nabokov sowie Lee Krasner und Jackson Pollock. Auch die wechselnden Musen von Pablo Picasso, Alfred Hitchcock, Ye West und Karl Lagerfeld finden Erwähnung.

Über diese Beziehungen zu berichten, erforderte eine umfangreiche Recherche, die sich auch in einem fast fünfzigseitigen Anmerkungsverzeichnis am Ende des Buches widerspiegelt. Entsprechend dem Titel des Werks zeigt die Autorin das Können und Wissen der Musen und verhilft ihr dadurch zu mehr Sichtbarkeit. Damit eine Frau oder einer der wenigen Männer jedoch zur Muse werden kann, braucht es traditionell einen Künstler, auf den sich ihre Rolle bezieht. So erzählt das Buch zwar zahlreiche Biografien bemerkenswerter Frauen, verknüpft diese jedoch stets mit dem Leben und Schaffen einer männlichen Person.

Elisa von Hof hinterfragt mit „Unsichtbare Musen“ das überlieferte Bild der Muse und rückt Frauen ins Licht, deren eigener Anteil am künstlerischen Erfolg häufig in den Hintergrund trat. Die zahlreichen Beispiele aus unterschiedlichen Epochen und Kunstbereichen machen deutlich, wie vielfältig die Beziehungen zwischen Muse und Künstler sein können und wie schwierig es oft ist, Inspiration, persönliche Nähe und eigene schöpferische Leistung voneinander zu trennen.

Sonntag, 13. September 2026

Rezension: Der geheime Apfelgarten - Getrennte Welten von Rebeka Eder

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Der geheime Apfelgarten - Getrennte Welten
Autorin: Rebekka Eder
Erscheinungsdatum: 14.08.2026
Verlag: Rowohlt
rezensierte Buchausgabe: Taschenbuch mit Klappen
ISBN. 9783499017049
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Rebekka Eder alias Rebekka Frank hat die Roman-Dilogie „Der geheime Apfelgarten“ als Hommage an das Buch „Der geheime Garten“ von Frances Hodgson Burnett geschrieben, welches sie als Kind gelesen und geliebt hat. Zwar greift sie die Idee der verborgenen Obstanlage dieser Geschichte auf, aber ansonsten ist selbstverständlich vieles anders: andere Figurenkonstellationen, ein anderer Handlungsort und andere Handlungszeit.

Angesiedelt hat die Autorin ihre Erzählung auf der ehemaligen Elbinsel Finkenwerder, die zu Beginn der Handlung im Jahr 1887 im Norden zu Hamburg und im Südteil zu Preußen gehörte. Diese besondere politische Situation fand ich sehr interessant. Die Landesgrenze spielte für die Inselbewohner im Alltag kaum eine Rolle. Jedoch sind die Besitzer der größten Ländereien miteinander zerstritten und die Hamburger Familie Rentfeld und die preußische Familie Loop achten streng darauf, dass ihr Besitz nicht von der jeweils anderen Seite überschritten wird.

Kea Loop ist fünfzehn Jahre alt und kümmert sich seit geraumer Zeit heimlich um den Apfelgarten ihrer verstorbenen Mutter. Warum diese gestorben ist und weshalb Keas Vater den Garten danach sich selbst überlassen hat, bleibt zunächst ein Geheimnis und verleiht der Geschichte eine hintergründige Spannung. Endlich ist es Kea gelungen, einen Apfel zu züchten, der sie an die Lieblingssorte ihrer Mutter erinnert. Durch Zufall hat sich der Baum jedoch im Garten der Rentfelds entwickelt. Kea scheut sich nicht, die Grenze zu übersteigen, wird dabei aber von Kristen Focke beobachtet, einem Knecht des Hofes auf der Hamburger Inselseite. Zunächst befürchtet sie Schwierigkeiten, stattdessen springt mehr als ein Funke der Begeisterung für den Garten und den Apfel auf Kristen über.

Aus der ersten Begegnung entwickelt sich eine zunächst etwas sentimental geschilderte, wohl dem jungen Alter der beiden geschuldete Liebegeschichte, die nicht nur die verschiedenen Landeszugehörigkeiten überwindet, sondern auch die Standesunterschiede zwischen ihnen. Doch das Schicksal hat in den folgenden fünf Jahre andere Pläne mit Kea und Kristen. Erst 1892 begegnen sich die beiden wieder, gerade als auf Finkenwerder die Cholera ausbricht. Beide haben in gewissem Maße Verantwortung für ihnen nahestehende Menschen übernommen und hadern mit dem aktuellen Erlass, dass der Grenzübertritt bei Todesstrafe verboten ist.

Neben der im Vordergrund stehenden Romanze mit Höhen und Tiefen vermittelt Rebekka Eder in „Der geheime Apfelgarten – Getrennte Welten“ einen anschaulichen Eindruck von den gesellschaftlichen Konventionen der damaligen Zeit, lässt historische Fakten einfließen und gibt Einblicke in den Apfelanbau. Die Hommage an Frances Hodgson Burnetts „Der geheime Garten“ ist dabei erkennbar, auch wenn die Geschichte für mich noch nicht ganz an das große Vorbild heranreicht. Die zahlreichen offenen Fragen am Ende machen jedoch neugierig auf die Fortsetzung. Vielleicht rückt die Geschichte im zweiten Band noch näher an die bezaubernde Atmosphäre des Vorbilds heran. Gerne empfehle ich das Buch weiter.

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