Sonntag, 12. August 2018

[Rezension Ingrid] Ein unvergänglicher Sommer von Isabel Allende


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Titel: Ein unvergänglicher Sommer
Autorin: Isabel Allende
Übersetzerin: Svenja Becker
Erscheinungsdatum: 13.08.2018
Verlag: Suhrkamp (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag (Leseexemplar)
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Im Roman „Ein unvergänglicher Sommer“ erzählt Isabel Allende die Geschichte von drei sehr unterschiedlichen Charakteren, die durch Zufall gemeinsam an einem verstörenden Ereignis beteiligt sind. Auf dem Cover ist eine junge Frau zu sehen die über die Silhouette der Gebäude von Brooklyn/New York blickt. Die gebürtig aus Guatemala stammende Evelyn, eine der drei Hauptfiguren, könnte diese Frau sein.

Der Titel ist einem Satz nach Albert Camus entnommen und bezieht sich auf ein Gefühl des Protagonisten Richard Bowmaster, denn mitten im tiefsten Winter spürt dieser Kraft und vor allem Liebe, die er in sich trägt und die ihm immerwährend erscheinen. Lucia Maraz, die dritte Hauptperson, ist geschieden und 62 Jahre alt. Sie hat eine sechsmonatige Gastprofessur an der New York University angenommen, um ihrem Alltag in Chile zu entkommen und wohnt im Souterrain eines Wohnhauses in Brooklyn, das ihrem Chef Richard gehört, der verwitwet und nur wenige Monate jünger ist als sie selbst.

Anfang Januar 2016 versinkt der Nordosten der USA in Schnee und Kälte. Nachdem Richard eine seiner Katzen zur Notfallambulanz gebracht hat, fährt er auf dem Rückweg dem vor ihm abbremsenden PKW an einer Kreuzung auf. Evelyn, die Fahrerin des beschädigten Wagens, hat das Auto von ihrem Arbeitgeber unerlaubt geliehen. Richard übergibt ihr seine Visitenkarte. Unerwartet besucht sie ihn wenig später in aufgelöstem Zustand, denn nicht nur der Unfallwagen ist ihr Problem, sondern auch der suspekte Inhalt des Kofferraums. Richard ist ratlos und bittet seine Mieterin Lucia zu sich. Gemeinsam beruhigen sie Evelyn und schmieden einen aberwitzigen Plan. Es beginnt eine abenteuerliche Fahrt.

Isabel Allende hat mit Lucia, Richard und Evelyn drei sehr unterschiedliche Charaktere geschaffen. Der Unfall und seine weitreichenden Folgen, der die Figuren zusammenführt, dient nur als Klammer, die ausführlich erzählten Hintergründe der Protagonisten zu umschließen. Jede Figur trägt einen reichen Satz von Erfahrungen mit sich, die leider nicht nur erfreulich sind, sondern oft im Gegenteil bitter und tragisch. Die Autorin schöpft bei ihren Schilderungen teilweise aus den Erfahrungen ihrer eigenen Vergangenheit, aber auch aus den Geschichten die sie von den Menschen erfährt, die von ihrer ins Leben gerufenen Stiftung unterstützt werden. Daher entspringt ihre Erzählung nicht nur ihrer überbordenden Fantasie, sondern wird eingeholt von der Realität. Evelyn, Anfang 20 und von ihrer Großmutter in Guatemala aufgezogen, ist vor wenigen Jahren die Flucht in die USA geglückt. Beispielhaft steht ihr Schicksal für viele Flüchtlinge, die sich überall auf der Welt derzeit auf dem Weg befinden.

Lucias Wurzeln führten mich als Leser nach Chile. Ihr Lebensweg ist verbunden mit der wechselhaften politischen Geschichte des Landes. Trotz der erlittenen Repressionen hat sie ihren Mut erhalten und beherrscht beherzt die ungewöhnliche Lage in der die drei Protagonisten sich befinden. Obwohl sie aufgrund ihres Alters neuerdings häufiger schwermütig wird, hat sie die Freude am Leben nicht verloren. Richard hat sich dagegen aus dem gesellschaftlichen Leben soweit zurückgezogen wie möglich. Von Beginn an streut Isabel Allende Hinweise die mich vermuten ließen, dass seine Ehe Auslöser dafür war. Er zeigt sich leicht exzentrisch, verunsichert und lässt sich nur ungern auf Risiken ein.

Die einzelnen Geschichten des Romans ergeben ein rundes Ganzes, mit ganz viel Fabulierkunst erfasst. Trotz der tragischen Vergangenheiten überzieht Isabel Allende die Gegenwart mit einer feinen Spur von Humor und lässt einen Hauch Mystik durchblitzen. Scheinbar nebenher entwickelt sie außerdem eine zarte Liebesgeschichte. „Ein unvergänglicher Sommer“ ist ein lesenswertes Buch, das mich als Leser zum Ende mit der Hoffnung zurücklässt, dass es immer Menschen geben wird, die uneigennützig hilfreich tätig werden.

Samstag, 11. August 2018

[Rezension Hanna] Anna - Niccolò Ammaniti


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Anna
Autor: Niccolò Ammaniti
Übersetzer: Luis Ruby
Hardcover: 336 Seiten
Erscheinungsdatum: 10. August 2018
Verlag: Eisele Verlag
Link zur Buchseite des Verlags

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Vor vier Jahren sind alle Erwachsenen an einer unheilbaren Krankheit gestorben. Anna und ihr kleiner Bruder Astor leben in Sizilien und haben sich seither im Haus ihrer Mutter abgeschottet. Anna verlässt das Haus nur, um Lebensmittel und Medikamente zu beschaffen; Astor aus Angst vor Monstern, die Anna heraufbeschworen hat, gar nicht. Doch die Nahrung wird zunehmend knapper, Anna kommt dem Erkrankungsalter immer näher und die Gerüchte über eine mögliche Heilung in der Ferne häufen sich. Als eine umherstreifende Bande Astor mitnimmt, verlässt Anna ihre Heimat, um ihren Bruder wiederzufinden.

Bücher über eine Welt, in der alle Erwachsenen gestorben sind, gibt es zuhauf. Ich war deshalb gespannt, wie Niccolò Ammaniti dieses Thema umsetzt und mit welchem Elementen er dem Thema seinen eigenen Stempel aufdrückt. Nach einem kurzen Prolog aus der Zeit kurz nach dem Ausbruch der Krankheit trifft der Leser erstmals auf Anna. Diese muss immer weitere Wege auf sich nehmen, um Lebensmittel zu beschaffen. Vor allem das Übernachten unterwegs ist gefährlich, und auch tagsüber wird sie immer wieder von wilden Hunden verfolgt. Diesmal kann sie einem besonders aggressiven Exemplar nur knapp entkommen.

Nach einem ersten Eindruck davon, was seit der tödlichen Pandemie aus der Welt geworden ist, lernt man Anna und ihren Bruder besser kennen und erfährt einiges über die Hintergründe ihrer aktuellen Situation. Ihr Vater gehörte zu den ersten Toten, doch ihre Mutter hielt lange genug durch, um ein Notizbuch mit vielen Anweisungen zu füllen, wie sich die Geschwister verhalten sollen. Das ist auch vier Jahre später noch die Grundlage für ihr Tun. Dabei hat Anna die Rolle der Beschützerin inne, die ihrem Bruder bewusst unheimliche Geschichten über Monster außerhalb ihres Grundstücks erzählt hat, damit er nicht wegläuft.

Bewegung kommt in die Geschichte, als in Annas Abwesenheit eine Bande ihr Haus plündert und Astor mitnimmt. Nun muss auch sie den sicheren Hafen in Richtung Berge verlassen. Dorthin gehen immer mehr Kinder, denn eine „Kleine Riesin“ soll die Krankheit heilen können, die in ihnen allen schlummert und im Teenageralter ausbricht. Anna begegnet anderen Kindern, die mit ihrem Schicksal auf ganz verschiedene Weise umgehen, erlebt abergläubische Rituale und muss sich entscheiden, wem sie ihr Vertrauen schenkt.

Die Geschichte kommt nur langsam in Schwung und ich vermisste eine länger andauernde Spannung. Anna gerät immer wieder in brenzlige Situationen, die sich schnell auflösen. Ich konnte mich gut in ihre Lage hineindenken und nachvollziehen, warum sie ihren kleinen Bruder übermäßig beschützt und den Gerüchten über mögliche Heilungen mit gemischten Gefühlen lauscht. Der Fokus der Geschichte liegt auf dem Überleben in einer dystopischen Welt und was Kinder in Hoffnung auf eine Heilung für die in ihnen allen schlummernde Krankheit tun. Für mich ist „Anna“ eine schnell gelesene, gute Dystopie, die jedoch nicht genügend überraschende und neuartige Elemente bietet, um aus der Masse von Geschichten mit der gleichen Thematik herauszustechen.

Freitag, 10. August 2018

[Rezension Ingrid] Die Blütensammlerin von Petra Durst-Benning


Titel: Die Blütensammlerin
Autorin: Petra Durst-Benning
Erscheinungsdatum: 20.07.2018
Verlag: blanvalet
rezensierte Buchausgabe: Taschenbuch

weitere Bücher der "Maierhofen"-Reihe:
1. Band Kräuter der Provinz -> Rezension Ingrid
2. Band Das Weihnachtsdorf -> Rezension Ingrid
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„Die Blütensammlerin“ von Petra Durst-Benning ist der dritte Band ihrer Serie von Büchern, die in Maierhofen im Allgäu spielt, das sich inzwischen durch einige entsprechende Events zu einem über die Ortgrenzen hinweg bekannten Genießerdorf entwickelt hat. Maierhofen und seine Bewohner sind zwar nur fiktiv, aber sie nahmen mich als Leser doch schon nach wenigen Seiten wieder in ihrer Mitte auf. Die ersten Teile der Serie muss man für das Verständnis des Inhalts nicht gelesen haben, weil die Autorin an entsprechenden Stellen eine kurze Erklärung zu vergangenen Ereignissen gibt. Jedoch kann man in diesen ersten Büchern bereits die meisten Charaktere kennenlernen und ihre Entwicklung und die des Dorfes auf diese Weise besser verfolgen. Das Buchcover wirkt bereits durch seine Aufmachung frisch und aufheiternd, genauso wie sich die Natur im Frühling zeigt.

Für Christine, die diesmal im Mittelpunkt der Geschichte steht, beginnt das neue Jahr mit schlechten Nachrichten. Ihr Mann, von dem sie getrennt lebt, möchte das gemeinsame Haus verkaufen, in dem sie immer noch wohnt. Um das Haus zu behalten und ihm seinen Anteil auszuzahlen, müsste sie eine lukrative Arbeitsstelle finden oder einen Darlehensgeber. Beides gestaltet sich als großes Problem. Eine bekannte Zeitschrift schreibt derweil seinen jährlichen Kochwettbewerb aus, diesmal in Maierhofen, zu dem viele Gäste erwartet. Christine kommt dadurch auf die Idee, ein Bed & Breakfast in ihrem Haus einzurichten. Ihre Überlegungen darüber, einen neuen Freund und Partner zu finden bringen sie außerdem zu dem Einfall, mit einem eigenen Team anzutreten. Vergleichbar mit einem Blumenstrauß aus bunten Blüten möchte sie ein Team aus ganz unterschiedlichen Charakteren zusammenstellen, die als einzige Voraussetzungen mitbringen sollen, dass sie Freude am Kochen haben und Single sind.

Petra Durst-Benning hat es wieder geschafft trotz aller Sorgen ihrer Charaktere einen Wohlfühlroman zu schreiben. Auch wenn die Einrichtung von Christines eigenem Gewerbe recht schnell erfolgt, zeigt sie hier eine reale Verdienstmöglichkeit auf. Die Themen im Buch sind weit gefächert. Neben der Ausgestaltung der Zimmer und der Zusammenstellung eines Kochmenüs schildert die Autorin Wege, einen Partner zu finden. Ihre Figuren sind abwechslungsreich gestaltet. Konflikte im Umgang der Teammitglieder finden sich ausreichend, zu denen sie immer eine geschickte Lösung anbietet und einen respektvollen Umgang miteinander aufzeigt. Sie legt dar, dass man an den Chancen wachsen kann, die einem geboten werden wenn man sie nutzt. Das gestaltet das Lesen so angenehm. Obwohl die Autorin einige Klischees bedient, ist es ihr wieder gelungen ohne Kitsch einen Roman zu gestalten, dessen Geschichte sich so zutragen haben könnte und den ich gerne weiterempfehle. Wie in jedem der vorigen Bände auch sind im Buch „Die Blütensammlerin“ im hinteren Teil Rezepte enthalten. Diesmal sind es solche, die besonders im Frühjahr und Sommer schmecken. Gerne war ich wieder in Maierhofen zu Gast und freue mich schon auf die Fortsetzung der Reihe.

Dienstag, 7. August 2018

[Rezension Ingrid] Die Tote von Charlottenburg von Susanne Goga



Titel: Die Tote von Charlottenburg - Ein Fall für Leo Wechsler (Band 3)
Autorin: Susanne Goga
Erscheinungsdatum: 01.07.2012
Verlag: dtv
rezensierte Buchausgabe: Taschenbuch

weitere Rezensionen zur Leo Wechsler Reihe:
Leo Berlin (Band 1) *Ingrid
Leo Berlin (Band 1) *Hanna
Tod in Blau (Band 2) *Ingrid
Mord in Babelsberg (Band 4) *Ingrid
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„Die Tote von Charlottenburg“ ist der dritte Band einer inzwischen sechs Teile umfassenden Serie von historischen Kriminalromanen der Mönchengladbacherin Susanne Goge. Die Fälle werden in den 1920ern vom Berliner Kommissar Leo Wechsler und seinem Team gelöst. Die Coverfotos der Bände sind einheitlich in Sepia gestaltet, ein Element wird dabei jedes Mal durch Einfärbung hervorgehoben sowie diesmal die blaue Strickjacke die zur Mode der damaligen Zeit gehört.

Im Berlin des Jahres 1923 stirbt die Gynäkologin Dr. Henriette Strauss. Auf dem Sterbebett kann sie ihrem Neffen noch das Wort „Paternoster“ ins Ohr flüstern. Sowohl der Neffe als auch der Hausarzt haben Zweifel an einem natürlichen Tod und bringen ihr Ableben zur Anzeige. Dr. Strauss hat neben ihrer Arbeit im Krankenhaus noch für eine Beratungsstelle gearbeitet. Mit ihrer rigorosen Einstellung zu bestimmten Themen war sie nicht überall beliebt. Die Ansatzpunkte für die Ermittlungen sind dürftig. Außerdem erfährt Leo Wechsler von beunruhigenden Vorkommnissen beim Arbeitgeber der Toten.

Susanne Goga gelingt es wieder die Ermittlungen in einen sehr gut recherchierten historischen Hintergrund einzubinden. Der zunehmende Verfall der Währung, die dadurch bedingte Knappheit von Gütern des täglichen Bedarfs und das Pogrom im Scheunenviertel spiegeln die damaligen Zeitumstände wieder. Der sympathische unerschrockene Leo Wechsler ist bei all diesen Ereignissen persönlich beteiligt und hilft auch schon mal auf unkonventionelle Weise wo er kann. Mit seiner Freundin Clara hat die Autorin neben der Verstorbenen eine weitere starke Frauenfigur geschaffen. Neben den Ermittlungen finde ich die Weiterentwicklungen in seinem Privatleben interessant. Die Charaktere handeln menschlich mit allem Für und Wider.

„Die Tote von Charlottenburg“ ist unabhängig von den anderen Teilen der Serie verständlich. Durch einige unerwartete Wendungen und geschickt ausgelegten falschen Spuren ist das Buch von Beginn an bis zum Ende spannend und unterhaltsam. Ich empfehle diesen solide gearbeiteten Ermittlungsroman gerne an Leser historischer Krimis weiter.

Sonntag, 5. August 2018

[Rezension Hanna] Beim Ruf der Eule - Emma Claire Sweeney


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Beim Ruf der Eule
Autorin: Emma Claire Sweeney
Übersetzerin: Ulrike Werner-Richter
Taschenbuch: 416 Seiten
Erscheinungsdatum: 27. Juli 2018
Verlag: Bastei Lübbe
Link zur Buchseite des Verlags

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Maeve Maloney ist fast 80 und betreibt nach wie vor mit unerschütterlicher Kraft die kleine Pension Sea View Lodge an der Morecambe Bay in England. Sie hat sich darauf spezialisiert, Menschen mit Entwicklungsstörungen und geistigen Behinderungen eine Unterkunft zu bieten. Als sich ein alter Bekannter einmietet, wird Maeve von Erinnerungen eingeholt. Denn er ist einer der wenigen, die wissen, dass Maeve einst eine behinderte Schwester hatte und wegen ihres Schicksals bis heute von Schuldgefühlen geplagt wird. Gleichzeitig beschließen Steph und Len, die beide das Down-Syndrom haben und Maeve in der Pension helfen, dass sie eine Beziehung führen wollen. Doch das ist auch in der heutigen Zeit nicht ohne weiteres möglich.

Die Buchbeschreibung spricht von einer Begegnung zweier Menschen, die sich seit Jahrzehnten nicht gesehen haben. Ich war neugierig, was dahinter steckt, und musste nicht lang warten. Gleich auf den ersten Seiten steht Vincent vor der Pension von Maeve und will dort eine Woche bleiben, doch diese will am liebsten gar nicht mit ihm reden.

Die Idee hinter Maeves besonderer Pension ist wirklich schön. Hier sollen sich Menschen mit Behinderung wohl fühlen. Vor  allem Steph und Len, die beiden Aushilfen mit Down-Syndrom, wuchsen mir mit ihrer offenherzigen Art schnell ans Herz. Steph wohnt als Maeves Patenkind schon länger in der Pension, denn ihr Vater ist viel unterwegs. Nun soll auch Len einziehen, denn seine Mutter Dot ist schwer krank. Eine Sozialarbeiterin muss dem Umzug zustimmen. Doch die Tatsache, dass die beiden ein Paar sein wollen, weckt Bedenken, ob sie dafür die nötige geistige Reife besitzen.

Vincents Besuch ruft in Maeve viele alte Erinnerungen an ihre Jugend wach. Zu jener Zeit kümmerte sie sich liebevoll um ihre geistig behinderte Zwillingsschwester Edith. Bei der Entwicklung dieses Charakters hat sich die Autorin von ihrer Schwester inspirieren lassen, bei der eine Zerebralparese und Autismus diagnostiziert wurde. Edith äußert sich hauptsächlich in feststehenden Phrasen, hat mit Verzögerung laufen gelernt und singt am liebsten im Kirchenchor, der von Vincents Vater geleitet wird. Maeves Eltern weigern sich, Edie einweisen in eine Anstalt einweisen und zwangssterilisieren zu lassen, was damals das übliche Vorgehen war.

Doch irgendetwas ist geschehen, das Maeve bis heute quält. Gegenwart und Vergangenheit fließen ineinander, die Geschichte macht viele Sprünge in der Zeit und im Erzählstil und mir fiel es vor allem zu Beginn schwer, das Gelesene zu sortieren. Lange spricht Edith nicht aus, was vorgefallen ist, zu schmerzhaft scheinen die Erinnerungen an ihre Schwester zu sein und auch an ihren Verlobten, den sie offenbar nie geheiratet hat. Auch wie Vincent ins Bild passt ist ein Puzzlestück, das an seinen Platz gebracht werden will. Die meisten Antworten werden jedoch erst zum Ende hin gegeben, davor tappt man als Leser lange im Dunkeln.

Das Buch spricht viele emotionale Themen rund um Liebe, Schuld und Verlust an. Ich bewunderte es, wie Maeve immer wieder die Kraft zum Weitermachen gefunden hat. Es gibt traurig-schöne Momente, aber auch solche, die einfach nur bedrückend sind und ins Nachdenken über Behinderung, Krankheit und Tod bringen. Den Abschluss fand ich versöhnlich. Doch insgesamt war „Beim Ruf der Eule“ für mich eine schwermütige Geschichte.

Sonntag, 29. Juli 2018

[Rezension Hanna] Das weibliche Prinzip - Meg Wolitzer

 

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Das weibliche Prinzip
Autorin: Meg Wolitzer
Übersetzer: Henning Ahrens
Hardcover: 496 Seiten
Erscheinungsdatum: 16. Juli 2018
Verlag: DuMont Buchverlag
Link zur Buchseite des Verlags

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Greer Kadetsky hat große Ambitionen, bei denen ihre Eltern eher hinderlich sind. Denn wegen eines Fehlers von ihnen kann sie nicht in Yale studieren, sondern nur am Ryland College, während ihr Freund Cory nach Princeton geht. Als das College Besuch von der berühmten Feministin Faith Frank bekommt, geht sie auf Drängen ihrer Freundin Zee zum Vortrag und ist fasziniert von dieser starken Persönlichkeit. Einige Jahre später wird ihr Traum wahr, als sie die Chance erhält, für Faith zu arbeiten. Greer wächst an ihren Aufgaben, gleichzeitig läuft bei weitem nicht alles nach Plan – weder bei ihr, noch bei Cory und Zee.

Der Leser trifft erstmals im Jahr 2006 auf Greer, die er bis ins Jahr 2019 begleiten wird. Sie studiert seit kurzem am Ryland College und trauert noch immer vertanen Chance hinterher, in Yale zu studieren. Aber auch hier bieten sich Chancen: In der politisch aktiven Zee findet sie eine erste Freundin, und animiert von ihr geht sie zum Vortrag von Faith Frank, der ihre Zukunft maßgeblich beeinflussen wird. Denn Faith wird ausgerechnet auf Greer aufmerksam und gibt ihr ihre Visitenkarte.

Greer, Cory und Zee scheinen als zielstrebigen Studenten alle Wege offen zu stehen. Gleichzeitig machen sie die ersten Erfahrungen, dass nicht immer alles nach Plan verläuft und sich nicht jeder an die Spielregeln hält. So erhält beispielsweise ein Student, der mehrere Kommilitoninnen belästigt, trotz großen Aufruhrs eine milde Strafe. Für die sonst eher zurückhaltende Greer ein Anlass, gemeinsam mit er politisch aktiven Zee laut zu werden und auf diese Fehlentscheidung hinzuweisen.

Als Greer sich nach ihrem Studium bei Faith meldet und tatsächlich einen Job erhält, scheint sie den Jackpot geknackt zu haben: Sie darf für ihr großes Vorbild arbeiten. Motiviert startet sie auf der untersten Stufe der Karriereleiter, während auch Cory und Zee ihre ersten Jobs antreten. Die Geschichte wechselt mehrfach die Perspektive und schildert den Weg der drei ins Berufsleben. Man erhält Einblicke, was sie antreibt und begleitet Cory und Zee durch schwierige Zeiten, in denen sie wegweisende Entscheidungen treffen müssen.

Greer hingegen befindet sich auf einem Höhenflug: Ihr Job bietet ihr die Gelegenheit, einen wirklichen Mehrwert für die Gesellschaft zu stiften. Doch etwas verändert sich über die Zeit. Schließlich muss sie feststellen, dass auch leuchtende Vorbilder nicht völlig frei agieren können und Entscheidungen treffen, die man selbst nicht gutheißt. Erneute Perspektivenwechsel geben tiefere Einblicke in die Hintergründe. Doch was leitet man daraus für sich selbst ab? Und wie geht man wiederrum mit eigenen Fehlern um? Welchen Weg können die Charaktere einschlagen, um sich selbst treu zu bleiben?

Das Buch greift durch Greers Erlebnisse als Mitarbeiterin von Faith sowie die alltäglichen Erfahrungen der drei jungen Erwachsenen viele Themen des Feminismus auf. Insgesamt ist die Geschichte für mich aber vor allem ein Buch übers Erwachsenwerden und der Suche nach einem Platz im Leben, der Selbstverwirklichung erlaubt. Greer, Cory und Zee sind drei authentische Stimmen der jungen Generation, deren Erlebnisse auch mir oftmals nicht unbekannt waren. Mich konnte dieses klug erzählte Buch sehr gut unterhalten.

Freitag, 27. Juli 2018

[Rezension Hanna] Undying. Das Vermächtnis - Meagan Spooner & Amie Kaufman

 

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Undying. Das Vermächtnis
Autorinnen: Meagan Spooner & Amie Kaufman
Übersetzerin: Karin Will
Hardcover: 496 Seiten
Erscheinungsdatum: 25. Juli 2018
Verlag: FISCHER Sauerländer
Link zur Buchseite des Verlags

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Amelia und Jules könnten nicht unterschiedlicher sein: Sie ist eine Highschool-Abbrecherin, die als Plünderin im halb zerstörten Chicago nach Dingen sucht, die sie zu Geld machen kann. Er ist wohlbehütet in Oxford aufgewachsen und ein wissenschaftliches Genie, das in die Fußstapfen seines Vaters treten will. Auf dem fremden Planeten Gaia treffen sie zufällig aufeinander und gehen eine Kooperation ein, um ihr Ziel zu erreichen. Amelia muss auch hier irgendetwas Wertvolles finden, während Jules ein uraltes Rätsel lösen will. Doch bald kommt alles anders als gedacht.

Die beiden Protagonisten trifft man zum ersten Mal kurze Zeit, nachdem diese auf dem fremden Planeten Gaia gelandet sind. Hier hat einmal eine Spezies gelebt, die sogenannten Unsterblichen, die mysteriöse Tempel und unglaubliche Technologie hinterlassen haben. Nach einem Zwischenfall ist das Geheimnis, wie man durch ein Portal im Nu zum Planeten gelangt, gelüftet. Deshalb rücken nun die ersten Plünderer an, während Wissenschaftler erst einmal mehr über die Hintergründe erfahren wollen und Bedenken haben, wie sicher der Planet ist.

Amelia, genannt Mia, gehört zu der Fraktion der Plünderer. Sie wurde allein abgesetzt und hat nur ein Ziel: Sie muss etwas finden, mit dem sie sich nicht nur den Rückflug, sondern auch die Freiheit ihrer Schwester erkaufen kann. Jules hingegen ist Wissenschaftler durch und durch. Er wird von der Motivation angetrieben, mehr über die Geheimnisse der Unsterblichen zu erfahren, und das nicht nur um des Wissens willen. Die beiden treffen in einer brenzligen Situation gleich zu Beginn aufeinander, in der ihnen wenig anderes überbleibt, als einander zu vertrauen. Zu zweit machen sie sich auf den Weg in die Richtung, von der Jules felsenfest behauptet, sie sei die richtige. Doch wirklich offen sind sie zueinander vorerst nicht, insbesondere Jules verheimlicht etwas Entscheidendes.

Das Buch startet schwungvoll und schon bald haben die beiden ihr erstes Ziel erreicht. Um weiter voranzukommen gilt es dann, Rätsel zu lösen. Hier wird immer grob beschrieben, um welche Art von Rätseln es sich handelt. Schnell wird klar, dass diese Rätsel ziemlich kompliziert sind – Jules kann sie mit seiner Genialität lösen, während Mia sich um die praktischen Fragen des Überlebens kümmert. Doch ein Miträtseln ist nicht mal im Ansatz möglich, weshalb mich die Rätsel-Episoden trotz eines hohen Tempos nicht fesseln konnten.

Mia und Jules müssen viel Zeit miteinander verbringen, in denen sie dem jeweils anderen von ihrem bisherigen Leben erzählen und hier stückweise mehr von sich preisgeben. Erwartungsgemäß kommen sich die beiden dabei näher. Für Romantik ist bei diesem Wettlauf gegen die Zeit allerdings nicht viel Platz und für mich wurde nicht ganz klar, was die beiden aneinander finden abgesehen davon, dass sie ganz allein sind und bald sterben könnten. Der Funke wollte nicht so recht überspringen.

Für Spannung sorgt die Tatsache, dass den beiden gefährliche Menschen auf den Fersen sind. Werden sie schnell genug sein? Und was wollen diese überhaupt? Die Handlung bietet einige dramatische Szenen und sorgt immer wieder für überraschende Erkenntnisse. Es ist nie ganz klar, in welche Richtung sich die Geschichte überhaupt entwickeln wird. Die allergrößte Überraschung haben sich die Autorinnen bis zum Schluss aufbewahrt, der alles in neuem Licht erscheinen lässt und neugierig auf den zweiten Teil dieser Dilogie macht.

In „Undying. Das Vermächtnis“ macht sich das ungleiche Duo Amelia und Jules auf den Weg, die Geheimnisse eines fremden Planeten und der Spezies, die dort gelebt hat, zu ergründen. Zahlreiche Fallen und Rätsel erwarten sie, während das ganze bald zu einem Wettlauf gegen die Zeit wird. Doch mich konnte die Story trotz hohem Tempo nicht so recht packen und auch die Liebesgeschichte bleibt ausbaufähig. So bleibt dieses Abenteuer auf einem fremden Planeten für mich nur guter Durchschnitt.

Mittwoch, 25. Juli 2018

[Rezension Hanna] Uns gehört die Nacht - Jardine Libaire


 

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Uns gehört die Nacht
Autorin: Jardine Labaire
Übersetzerin: Sophie Zeitz
Taschenbuch: 464 Seiten
Erscheinungsdatum: 25. Juli 2018

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 Elise Perez und Jamey Hyde sind Nachbarn in New Haven, stammen jedoch aus zwei ganz unterschiedlichen Welten. Elise hat keinen Highschool-Abschluss und ist mit zwanzig von zu Hause weggegangen, ohne sich zu verabschieden. Jetzt hält sie sich jetzt mit einem Job in einem Fischgeschäft über Wasser. Jamey studiert in Yale, er stammt aus einer wohlhabenden und einflussreichen Familie. An einem Tag im Januar 1986, Elise wohnt schon drei Monate neben der WG von Jamey und Matt, wird sie von den beiden hereingebeten. Von da an treffen sie und Jamey sich regelmäßig. Während Elise sich Hoffnungen auf mehr macht ist Jamey sich sicher, dass sie für ihn nur jemand ist, mit dem er eine Weile Sex haben kann. Doch die beiden kommen nicht mehr voneinander los. Das missfällt bald nicht nur Matt, sondern auch Jameys Familie.

Das Buch beginnt mit einer Szene im Juni 1987. Elise und Jamey befinden sich in einem Motel in Wyoming und sie drückt seit über zwei Stunden ein Gewehr gegen seine Brust. Was sind die Hintergründe dieser Szene? Um diese Frage zu beantworten springt die Geschichte zurück in den Januar 1986 und nimmt den Leser ab dort mit von Monat zu Monat.

Elise lebt in der heruntergekommenen Wohnung des schwulen Robbie, seit der sie schlafend im Auto seines Lovers aufgelesen hat. Sie hat ohne Plan ihre Familie hinter sich gelassen, wollte nur weg. Das weiße Townhouse nebenan hat sie immer im Blick, bis sie beschließt, mit einem kleinen Trick von den beiden Yale-Studenten hineingebeten zu werden. Das erste Aufeinandertreffen ist kurz und hinterlässt trotzdem Eindruck. Elise nimmt kein Blatt vor dem Mund und beleidigt Matt, der ihr das übel nimmt. Robbie kann nicht verstehen, was sie bei den reichen Jungs will. Doch Jamey hat keine Lust mehr, mit dem Strom zu schwimmen und das zu tun, was von ihm verlangt wird. Er ist fasziniert von der unvornehmen Elise, der auch er nicht mehr aus dem Kopf geht.

Die Autorin zeichnet mit ihren Worten Bilder von den dreckigen Seiten der Stadt und des Lebens. In kurzen Szenen werden oft Dinge wie dampfende Taubenkacke beschrieben genauso wie Sex-Einladungen von Fremden im Waschsalon per Griff an den Schwanz. Vor dieser trostlosen Kulisse kommen sich Jamey und Elise näher. Jamey handelt aus einer Mischung von Perspektivlosigkeit und Rebellion heraus, während Elise weiß, dass er nicht in ihrer Liga spielt und sich trotzdem wünscht, dass da mehr ist. Deswegen und vielleicht auch, weil das ihre Vorstellung einer Liebschaft ist, erniedrigt sie sich beim Sex, den die beiden ständig haben und der vor allem zu Beginn auch immer wieder geschildert wird. Mir persönlich waren das zu viele zu vulgäre Szenen, ohne dass die Handlung vorankam.

Die beiden sind nicht gut füreinander, das merkt der Leser und das spiegelt das Umfeld den beiden auch wieder. Doch während vor allem Jamey noch glaubt, dass er das Ganze jederzeit beenden kann ist klar, dass das nicht so einfach funktionieren wird. Dafür ist die emotionale Abhängigkeit zu schnell zu groß geworden. Und warum sollten die beiden auch nicht zusammen sein, wenn das ist, was sie wollen? Sie sperren sich gegen gut gemeinte und zunehmend energische Ratschläge, getrennte Wege zu gehen. Das wiederholt sich in ähnlicher Art und Weise mit zunehmend scharfen Konsequenzen. Zum Schluss hin gibt es eine besonders dramatische Entwicklung, auf die schon die Anfangsszene hindeutete. Auf mich machte das den Eindruck, als hätte die Autorin irgendwie noch etwas Spannung in die sonst dahinplätschernde Handlung bringen wollen.

Unterschicht trifft Oberschicht: In „Uns gehört die Nacht“ finden Elise und Jamey trotz gänzlich verschiedener Hintergründe zueinander und kommen nicht mehr voneinander los trotz aller Konsequenzen, die das hat. Eine Beziehung gegen alle Widerstände wird geschildert, für mich jedoch mit zu viel Sex und zu wenig Tempo.

Dienstag, 24. Juli 2018

[Rezension Hanna] Lempi, das heißt Liebe - Minna Rytisalo


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Lempi, das heißt Liebe
Autorin:Minna Rytisalo
Übersetzerin: Elina Kritzokat
Hardcover: 224 Seiten
Erscheinungsdatum: 23. Juli 2018

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Viljami lebt und arbeitet als Bauer in Lappland zur Zeit des 2. Weltkriegs. Als er in der kleinen Stadt Rovaniemi Lempi erblickt, die Tochter eines Ladenbesitzers, verliebt er sich sofort in sie. Kurz darauf heiraten die beiden und Lempi zieht zu Viljami auf den Hof. Als Unterstützung für Lempi holt er die Magd Elli ins Haus. Doch nach nur einem Sommer wird Viljami zum Kriegsdienst eingezogen. Dass Lempi schwanger ist erfährt er erst, als er schon an der Front kämpft. Als der psychisch versehrte Viljami schließlich gen Heimat aufbricht, weiß er aus Briefen, dass Lempi verschwunden ist. Was bleibt ihm ohne sie?

Das Cover zeigt hinter dem Titel eine Frau mit rotem Oberteil und grünem Rock. Sie tritt vor dem weißen Hintergrund deutlich heraus, ist aber nur verschwommen zu erkennen. Das könnte ein Sinnbild für die Abwesenheit Lempis sein, die in diesem Buch die zentrale Rolle spielt, ohne selbst zu Wort zu kommen.

Die ersten Seiten des Romans liefern Bruchstücke, die in Kombination mit späteren Informationen ein Bild ergeben. Der Prolog schildert das Eintreffen einer Frau, drei danach abgedruckte Briefe von Elli an Viljami berichten von Lempis Verschwinden – erst soll sie mit einem Deutschen mitgefahren sein, dann heißt es, sie sei tot. Als Viljami schließlich das Wort ergreift, begegnet der Leser einem von Verlust und Krieg gebrochenen Mann. Er befindet sich auf dem Weg in die Heimat, dabei lässt er sich viel Zeit und flüchtet sich in Erinnerungen aus besseren Tagen, vor die sich immer wieder das schmerzliche Erkennen schiebt, dass all das verloren ist.

Beim Lesen von Viljamis Worten spürte ich seinen Schmerz und wie bittersüß jede einzelne Erinnerung an Lempi für ihn ist in jeder Zeile. Das Buch besitzt eine emotionale Dichte, die mich seine Verzweiflung und innere Leere spüren ließ. Er berichtet von der ersten Begegnung, der Hochzeit und vielen glücklichen Momenten, aber auch von seinem Abschied, den sehnsuchtsvollen Briefen aneinander und der Zeit im Lazarett. Seine Gedanken springen hin und her, wollen schöne Momente festhalten und landen wieder in seinem trostlosen Jetzt.

Nach Viljami kommen zwei Frauen zu Wort, die das Bild von Lempi ergänzen. Die Magd Elli ist mit Lempis zwei Söhnen – der eine leiblich, der andere aufgenommen – schon wieder zurück auf dem Hof. Sie wartet auf die Rückkehr Viljamis, der endlich erkennen soll, dass eigentlich sie die richtige Frau für ihn ist. Ihre brennende Eifersucht auf Lempi ist mehr als offensichtlich. Was weiß sie über ihren Verbleib? Lempis Schwester Sisko erinnert sich insbesondere an die Zeit vor ihrer Hochzeit, als die beiden noch im selben Zimmer schliefen und sich die Zukunft ausmalten. Ihr Schicksal ist exemplarisch für das vieler Frauen aus Lappland, die sich in einen Deutschen verliebten. Trotzdem bleibt ihr Weg eng mit Lempis Geschichte verknüpft.

Jeder der drei Erzählenden hat ein ganz anderes Bild von Lempi und es bleibt dem Leser überlassen, aus den subjektiven Beschreibungen ein möglichst objektives Bild von dieser abwesenden Figur zu extrahieren. Was für ein Mensch ist das, dem so starke Liebe und gleichzeitig so enormer Hass gilt? Die Autorin lässt den Leser tief ins Innenleben der drei Lempi umkreisenden Akteure blicken und gibt ihnen jeweils eine ganz eigene, starke Stimme. Mich überzeugte der Roman vor allem mit seiner emotionalen Wucht, die mich beim Lesen dieser stillen Handlung traf. Ich gebe eine klare Leseempfehlung.

Montag, 23. Juli 2018

[Rezension Hanna] Die Hochhausspringerin von Julia von Lucadou


 

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Die Hochhausspringerin
Autorin: Julia von Lucadou
Hardcover: 288 Seiten
Erscheinungsdatum: 23. Juli 2018
Verlag: Hanser Berlin
Link zur Buchseite des Verlags

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In der Zukunft ist Hochhausspringen eine der beliebtesten Leistungssportarten. Die Massen schauen fasziniert zu, wenn eine Sportlerin auf die Absprungplattform tritt. Welche Kunststücke wird sie im Fallen zeigen, und wird sie rechtzeitig vor dem Boden wieder in die Luft abheben? Riva zählte zu den Erfolgreichsten ihrer Sportart, doch eines Tages will sie nicht mehr Springen, sondern sitzt schweigend in ihrer Wohnung. Hitomi ist Psychologin und wird damit beauftragt, Riva wieder auf Spur zu bringen. Sie beobachtet diese über Kameras und instruiert Rivas Freund Aston in Bezug auf Gesprächstaktiken. Als keine Wirkung eintritt, werden ihre Versuche immer drastischer, und ihr eigenes Leben beginnt, ihr aus der Hand zu gleiten.

Wer kennt sie nicht: Videos von wagemutigen Menschen, die sich in Wingsuits Klippen hinunterstürzen oder damit zwischen Hochhäusern entlanggleiten? Diese gefährlichen Aktionen faszinieren schon heute Millionen Zuschauer. Der Schritt, den die Autorin Julia von Lucadou in der von ihr geschilderten Zukunft macht, ist vor diesem Hintergrund gar kein allzu großer. Hier stürzt man sich im freien Fall ein Hochhaus hinunter und macht dabei Kunststücke, um im möglichst letzten Moment dank des Springanzugs wieder in die Luft abzuheben. Das geht nicht immer gut, und dieser Nervenkitzel reizt die Zuschauer im Buch nur noch mehr, zuzuschauen.

Warum die erfolgreiche Riva plötzlich nicht mehr springen will, versteht keiner. Doch der Druck der Investoren, das zu ändern, ist groß, schließlich steckt hinter ihren Aktivitäten ein riesiges Geschäft. Fast alles wird irgendwie gesponsort und vermarktet, das sieht man auch an den ständigen TM-Kennzeichnungen hinter Shows, Apps, Drinks und sogar Motivationssprüchen. Nun überwacht die Psychologin Hitomi Riva aus der Ferne, so wie alles überwacht wird. Kinder wachsen nicht in ihrer Bio-Familie, sondern in Heimen in den Peripherien auf, trostlosen Vororten. Wer einen guten Job will, muss Castings bestehen und wird fortlaufend in Bezug auf seine Gesundheit und Aktivitäten überwacht.

Die Idee einer Welt, in der alles fast nahtlos kontrolliert wird, ist nicht neu. Doch was passiert, wenn jemand nicht mehr funktionieren will? Und was macht das mit einem Menschen, dessen eigenes Schicksal davon abhängt, genau das wieder zu verändern? Die Autorin greift bekannte Ideen auf, verleiht ihnen ihre eigene Note und platziert dieses interessante Szenario hinein. Mit zunehmender Dringlichkeit setzt Hitomi alles daran, bei Riva den Schalter umzulegen, doch kein Plan will funktionieren.

Riva bleibt das passive Objekt öffentlichen Interesses, während der Leser Hitomis Reaktionen verfolgt. Es gibt in dieser perfekten Welt keinen Platz für jemanden, der nicht mehr funktioniert. Und so entwickelt Hitomi eine wachsende Verzweiflung und mit ihr eine Obsession für Riva, die Frau, die sie nur von den Kamerabildschirmen kennt und die mit ihrer stillen Rebellion Hitomi unwissend mit hinunter zieht. Rückblicke in Hitomis Kindheit zeigen parallel, was schon früh passiert, wenn sich jemand nicht an die Regeln hält. So wird immer klarer, wie strikt das System nicht nur Entwicklung und Aufstieg kontrolliert, sondern auch den Umgang mit allen, die nicht mehr hinein passen. Für mich ist „Die Hochhausspringerin“ ein gelungenes dystopisches Debüt, das auf ein hochaktuelles Thema setzt und ein schleichendes, unausweichlich wirkendes Zerbrechen schildert, das der Leser hautnah miterlebt.
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