Sonntag, 31. Mai 2020

Rezension: Denn das Leben ist eine Reise von Hanna Miller



Rezension von Ingrid Eßer

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Titel: Denn das Leben ist eine Reise
Autorin: Hanna Miller
Erscheinungsdatum: 30.04.2020
rezensierte Buchausgabe: Klappenbroschur
ISBN: 9783785726846
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An der Seite der 36-jährigen Protagonistin Aimeé Thaler machte ich mich im Roman „Denn das Leben ist eine Reise“ im roten VW-Bus auf den Weg nach St. Ives in Cornwall/England. Nach einem einschneidenden Erlebnis bei dem ihr Vertrauen in ihren Ehemann Per endgültig zerstört wird, wagt Aimeé das Risiko, in ihrer Heimat in Deutschland alles aufzugeben, um mit ihrem Sohn in eine unbekannte Zukunft zu flüchten. Der Titel des Romans verdeutlicht, dass in jeder Phase unseres Lebens bestimmte Entwicklungen möglich sind, vor denen wir nicht zurückschrecken, sondern sie annehmen sollten.

So locker beschwingt wie die farbliche Gestaltung des Covers mit den Sporen des Löwenzahns auf mich wirkte, konnte ich die Stimmung nicht in der Geschichte wiederfinden, denn Aimeé hat mit einigen Schwierigkeiten zu kämpfen, die für eine melancholischen Hintergrund sorgten. Wie eine Spore der Willkür des Windes ausgesetzt ist, so fühlt sich Aimeé manchmal aufgrund emotionaler Bindungen als Spielball von diversen Familienmitgliedern, Freunden und Bekannten. Sie schafft es nicht, sich einfach davon zu befreien, dazu ist einiges an psychischer Stärke nötig, die sie häufig nicht aufbringen kann. Im Laufe der Erzählung zeigt sich, ob Aimeé die Kraft findet, ihr Leben nach ihren Vorstellungen zu leben.

Aimeé hat ihr Kindheit und Jugend im Wohnmobil mit ihrer Mutter in einer Trödlerkommune verbracht. Ihren Vater hat sie nie kennengelernt. Inzwischen ist sie Mitte Dreißig, hat mit ihrem Lebenspartner einen sechsjährigen Sohn und führt als Selbständige Möbelrestaurationen durch. Als es zum Bruch kommt, beschließt sie mit ihrem alten VW-Bus, der in einer Garage einige Jahre überdauert hat, nach St. Ives zu fahren, um an der Beerdigung einer alten Kommunenfreundin teilzunehmen, mit deren Sohn sie zeitweilig mehr als freundschaftliche Bande geteilt hat. In Cornwall möchte sie bleiben, doch der Anfang gestaltet sich schwierig, denn St. Ives ist eine touristische Hochburg, die bezahlbaren Unterkünfte sind knapp und Jobs gibt es fast nur im Sommer, wenn die Touristen vor Ort sind.

Vor jedem Kapitel, dass in der Jetztzeit spielt, erzählt Hanna Miller einen Gedanken Aimeés an jeweils eine Szene, die auf gewisse Weise einen Schatz für die Protagonisten beinhaltet, an den sie sich gerne erinnert. Während sich die Geschichte in der Gegenwart stringent über die Monate weiterentwickelt, blickt Aimeé immer wieder zu bestimmten wichtigen Punkten in ihrem Leben zurück. Dadurch erfuhr ich einiges mehr über das Verhältnis zu ihrer Mutter Marilou und ihre Beziehung zu ihrem Kindheitsfreund und Jugendliebe Daniel. Beides war angefüllt mit schönen Erinnerungen, aber auch überschattet von hässlichen Ereignissen.

Als sie ihren Partner Per kennenlernte bot dieser ihr ein Leben in einem schönen Haus ohne Sorgen ums Geld. Aber Aimeé musste erst durch viele Täler gehen, um zu erkennen, dass eine gesicherte Existenz nicht alles ist, was man für erstrebenswert halten kann. Ein wenig war ich darüber enttäuscht, dass ihre Suche nach einem geeigneten Platz für ein neues Zuhause schon nach kurzer Zeit in St. Ives endete. Dafür verfolgte ich umso gespannter, ob sie hier tatsächlich eine Möglichkeit finden wird, eine Zukunft zu gestalten.

„Denn das Leben ist eine Reise“ von Hanna Miller ist ein gefühlvoll und bewegend geschriebener Roman mit einigen unvorhergesehenen Wendungen. Trotz der ständigen Sorgen um die von ihr geliebten Menschen, die die Protagonistin begleiten und für eine melancholische Hintergrundstimmung sorgen, wurde ich gut von der Geschichte unterhalten. Daher vergebe ich gerne eine Lesempfehlung.  


Donnerstag, 28. Mai 2020

Rezension: Children of Vitrute and Vengeance. Flammende Schatten von Tomi Adeyemi


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Children of Virtue and Vengeance - Flammende Schatten
Autorin: Tomi Adeyemi
Übersetzerin: Andrea Fischer
Hardcover: 496 Seiten
Erschienen am 27. Mai 2020
Verlag: FISCHER FJB

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Nach den Ereignissen im Tempel auf der Heiligen Insel kehren Zélie und Amari auf dem von Roën und seinen Söldnern gekaperten Kriegsschriff aufs Festland zurück. Während Zélie um ihren Vater trauert, überlegt Amari, wie sie auf den ihr nun rechtmäßig zustehenden Thron gelangt. Bei ihrer ersten großen Rede taucht jedoch eine mächtige Gegenspielerin auf, die deutlich macht, dass sie Amari den Thron nicht kampflos überlassen wird. Zwar können die Divînés nun Magie einsetzen, doch ungeplant sind auch magiebegabte Adelige, sogenannte Tîtánen, entstanden. Der Frieden schien zum Greifen nahe, doch nun geht der Kampf der Maji gegen die Adeligen weiter.

Der düstere, temporeiche Reihenauftakt von Tomi Adeyemi war im vorletzten Jahr ein echtes Fantasy-Highlight für mich. Entsprechend neugierig war ich auf diesen zweiten Teil der Trilogie, der die Geschichte relativ nahtlos weiterführt. Die Ereignisse im Tempel haben für Zélie und Amari alles geändert, doch in Ruhe trauern ist keine Option, denn der Krieg geht weiter und ein Frieden scheint erst möglich, wenn Amari Königin ist.

Das Tempo ist erneut rasant und eine Überraschung jagt die nächste. Gerade erst gefasste Pläne müssen dadurch verworfen werden und die Charaktere überlegen, welche Schritte sie stattdessen gehen können. Zélie und Amari haben mir im ersten Teil als willensstarke Frauen, die Dinge selbst in die Hand nehmen, sehr gefallen. Nun war ich jedoch enttäuscht von ihnen. Beide sind überzeugt davon, dass ihr Weg der einzig richtige ist. Von dieser Einstellung lassen sie sich bei ihren impulsiven Entscheidungen leiten und sind unempfänglich für Argumente der Gegenseite.

Es entsteht ein andauerndes hin und her: Kaum ist eine Seite endlich zur Annäherung bereit greift die andere Seite an und daraufhin muss ein Gegenschlag her. Dabei werden gute Ideen oft im allerletzten Moment zunichte gemacht. Mangelnde Kommunikation ist das Hauptproblem und bei mir machte sich zunehmend Ernüchterung breit. Man erfährt als Leser auch, was auf der Seite der Adeligen vor sich geht. Die einzige verhandlungsbereite Person hier verhält sich sehr naiv und muss immer wieder feststellen, dass sie eigentlich keine Ahnung von den Plänen ihrer Seite hat.

Es gab aber auch Lichtblicke, vor allem in Form der Divînés, die endlich wieder Magie einsetzten können und fleißig trainieren. Die Szenen in ihrem Lager fand ich schön und hier gibt es eine Menge interessanter Charaktere, die man langsam besser kennenlernt. Auch für die Liebe ist einige Momente und Szenen lang Zeit, bevor man sich wieder ins Gefecht stürzt. Der Söldner Roën war für mich in diesem Band der interessanteste Charakter. Eigentlich sollten er und seine Leute für denjenigen arbeiten, der am besten zahlt, doch das wird für ihn persönlich zunehmend zum Problem.

Vor dem großen Finale dieses Bands gibt es noch mal eine neue Entdeckung, die Hoffnung gibt und gleichzeitig zu emotionalen, traurigen Momenten führt. Der Showdown danach war kürzer als ich erwartet habe und gibt der Geschichte eine Wendung, die mich mit vielen Fragezeichen zurücklässt. In diesem von Krieg geprägten zweiten Teil konnten mich die Protagonisten leider nicht überzeugen. Die von Tomi Adeyemi geschaffene magische Welt finde ich jedoch weiterhin faszinierend, weshalb ich hoffe, dass es sich hier um ein klassisches Mittelband-Syndrom handelt und die Reihe im Finale zu alter Stärke zurückfindet.

Mittwoch, 27. Mai 2020

Rezension: City of Girls von Elizabeth Gilbert


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City of Girls
Autorin: Elizabeth Gilbert
Übersetzerin: Britt Somann-Jung
Paperback: 496 Seiten
Erschienen am 27. Mai 2020
Verlag: S. FISCHER

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Vivian stammt aus einer wohlhabenden Familie, doch während ihres ersten Jahrs am renommierten Vassar College hat sie zur Enttäuschung ihrer Eltern keinerlei Ehrgeiz gezeigt und wurde freigestellt. Zu Hause wissen ihre Eltern nichts mit ihr anzufangen: Ihr Vater ist mit der Leitung einer Hämatit-Mine beschäftigt, ihre Mutter mit allem rund um Pferde und das Reitturniere. Deshalb wird sie zu ihrer Tante Peg nach New York City geschickt, der dort eine Theaterkompanie gehört. Das Leben in Pegs Wohnung ist ganz anders als ihr bisheriges Internatsleben. Begeistert taucht Vivian in die Theaterwelt ein und freundet sich mit dem Revuegirl Celia an, die ihr weitere Seiten der Stadt zeigt. Doch dann macht Vivian einen Fehler.

Das Buch beginnt im Jahr 2010 mit einem Brief, den Vivian erhalten hat. In diesem wird sie von einer Frau namens Angela gefragt, was Vivian für ihren Vater war. Um das zu beantworten möchte sie die ganze Geschichte erzählen und springt dazu ins Jahr 1940, in welchem sie nach New York City gezogen ist. Die Ankunft in der Stadt ist für sie ein höchst aufregendes Erlebnis. Nach Jahren im Internat und in feiner Gesellschaft staunt Vivian nicht schlecht über das Leben ihrer Tante Peg. Sie ist sorglos und lebenslustig, umgibt sich mit illustren Persönlichkeiten und ihr Theater bietet für kleines Geld leichte Unterhaltung für die Nachbarschaft.

Peg überlässt Vivian ein Zimmer in ihrer Wohnung über dem Theater, das sie sonst für ihren Mann Billy freihält, der aber nie da ist. Er arbeitet als bekannter Regisseur an der Westküste und die beiden sind nur noch auf dem Papier verheiratet. In der Wohnung ist nach der Abendvorstellung immer etwas los und Peg lässt einige aus ihrer Truppe bei sich wohnen, darunter auch das Revuegirl Celia. Niemand hat bestimmte Erwartungen daran, wie Vivian ihre Tage verbringt. Da sie von ihrer Großmutter das Nähen lernte, kümmert sie sich bald um die Kostüme und wird damit schnell als Teil der Kompanie angesehen.

Ich konnte Vivians Begeisterung rund um diese für sie neue Welt gut nachvollziehen und ließ mich von den Beschreibungen ihrer Tage und Nächte mitreißen. Peg und ihre Theaterfreunde sind faszinierende Persönlichkeiten, die engagiert bei der Sache sind, auch wenn ihre Stücke alles andere als hohe Qualität bieten. An Celias Seite entdeckt Vivian schließlich auch die Welt der Partys und sexuellen Abenteuer. Leidenschaft in all ihren Facetten spielt eine große Rolle und sie berichtet offen von ihren Erfahrungen.

Vivian ist keine besonders politisch interessierte Person, doch die Auswirkungen des Kriegs in Europa sind zunehmend spürbar. Peg lässt eine alte Freundin im Theater wohnen, deren Haus in England zerstört wurde. Ihre Schauspielkünste könnten dem Theater zu neuem Glanz verhelfen und Vivian findet in ihr ein neues Vorbild. Schließlich kommt es zum in der Buchbeschreibung angekündigtem Fehler, der vieles unwiderruflich verändert. Danach nimmt das Tempo deutlich zu. Das letzte Buchdrittel umfasst mehrere Jahre bis hinein in die 70er und beantwortet die eingangs von Angela gestellte Frage.

In „City of Girls“ taucht man an der Seite von Vivian ein in das pulsierende New York City des Jahres 1940. Die Theaterwelt kann sie begeistern, und ein Revuegirl zeigt ihr schließlich auch die wilden Seiten der nächtlichen Stadt. Eine schillernde literarische Reise, die ich von der ersten bis zur letzten Seite genossen habe!

Dienstag, 26. Mai 2020

Rezension: Im Bauch der Königin von Karosch Taha



Rezension von Ingrid Eßer

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Titel: Im Bauch der Königin
Autorin: Karosh Taha
Erscheinungsdatum: 29.04.2020
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Leseband
ISBN: 9783832183943
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Beim Roman „Im Bauch der Königin“ von Karosh Taha fällt beim Betrachten des Buchs sofort ins Auge, dass der Umschlag vorne wie hinten gleich gestaltet ist. Wendet und dreht man es, ist nicht direkt ersichtlich, welche Seite man für den Beginn aufschlagen soll. Einen kleinen Hinweis darauf gibt nur das Leseband. So ungewöhnlich wie die Aufmachung sind auch die beiden beinhalteten Geschichten, bei denen die Protagonisten gleich sind. Sie sind aus der Sicht von Heranwachsenden erzählt, bei denen einerseits die Schilderung der Geschehnisse die junge Amal übernimmt, andererseits ihr Klassenkamerad Raffiq, dessen Eltern genauso wie Amals aus dem irakischen Kurdistan stammen. Ähnlichkeiten der Geschichten sind gewollt und dennoch fließen sie in ihre je eigene Richtung.

Der Titel nimmt Bezug auf die Beziehung einer Mutter zu ihrem Kind, bei der sie ihren Nachwuchs mit ihrem Körper und Geist behütet und beschützt. Erst wenn der Adoleszente nicht nur körperlich, sondern auch sozial gereift ist, wird er bereit für seinen Weg in der Welt sein. In dieser Phase befinden sich die Hauptfiguren. Younes, ein Freund von Amal und Raffiq hat eine angespannte Beziehung zu seiner Mutter Shahira Shafiq, die ebenfalls Kurdin ist. Sie ist alleinerziehend, kleidet sich aufreizend und ist um einen Flirt nicht verlegen, aus dem gelegentlich mehr wird. Kurz gesagt, entspricht sie nicht dem allgemeinen Bild der Frau in einer kurdischen Gemeinschaft in der sie, wie die oben genannten auch, in einer deutschen Stadt lebt.

Durch die Wahl der Ich-Perspektive ließ mich die Autorin an den Gedanken ihrer Erzähler teilnehmen, einmal aus einer weiblichen, das andere Mal aus einer männlichen Sicht, jedoch mit unterschiedlichem Inhalt mit mehreren Überkreuzungen. Insgesamt wirken beide Geschichten als je eigene Auseinandersetzung über die Kultur in der die Jugendlichen leben und der Probleme ihrer Eltern, die die Migration nach Deutschland mit sich gebracht hat. Sowohl für Amal wie auch für Raffiq bedeutet es aber auch, dass sie sich mit den eigenen Möglichkeiten beschäftigen müssen, welche Vor- und Nachteile ein Lebensmittelpunkt in dem einen wie dem anderen Land bieten würde.

Dadurch, dass Karosch Tahas Familien von Amal und Raffiq einigen Klischees entsprechen, werden die kulturellen Unterschiede über die Erwartungen an Männer und Frauen in den beiden Ländern umso deutlicher. Die Figur von Shahira zeigt, welche Folgen es für den Ruf haben kann, sich in einer Gesellschaft gegen die Erwartungen zu verhalten. Ebenso spiegelt Karosh Taha die Rolle der Väter wider durch ihre beruflichen Möglichkeiten hier wie dort und die Bedeutung von Sprache, um sich in einer Gemeinschaft zurechtzufinden. Für Younes und seine Freunde ist es ein schwieriger Prozess, daraus für sich die nötigen Rückschlüsse zu ziehen. Entscheidungen für die Zukunft zu treffen sind schwerwiegend für das ganze Leben.

„Im Bauch der Königin“ von Karosch Taha ist ein Coming-of-Age Roman dreier Jugendlicher, die neben üblichen altersbedingten Rangeleien um ihr Ansehen unter Gleichaltrigen sich mit den kulturellen Bedingungen zweier Staaten und der Suche nach geeigneten Vorbildern auseinandersetzen müssen. Verbunden mit der Findung der eigenen Identität sind Freundschaft, Liebe, Hass und Kummer. Das Buch ist ein bewegender Roman mit dynamischen Figuren, der auch nach dem Lesen noch nachhallt. Gerne vergebe ich eine Leseempfehlung.


Freitag, 22. Mai 2020

Rezension: Der Wald, vier Fragen, das Leben und ich von Tessa Randau


Rezension von Ingrid Eßer

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Titel: Der Wald, vier Fragen, das Leben und ich: Von einer Begegnung, die alles veränderte
Autorin: Tessa Randau
Illustrationen: Ruth Botzenhardt
Erscheinungsdatum: 22.05.2020
Verlag: dtv (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Klappenbroschur
ISBN: 978342334975

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„Der Wald, vier Fragen, das Leben und ich“ – Von einer Begegnung, die alles veränderte“ ist ein in Romanform geschriebener Ratgeber von Tessa Randau, in dem die Autorin ihre eigenen Erfahrungen eingebracht hat. Es enthält Anregungen dazu, über die eigene Position im Leben nachzudenken. Auch Personen mit wenig Zeit zum Lesen sind dazu eingeladen, denn das Buch ist in kompakter Form geschrieben. Bereits der Titel weist darauf hin, dass es vier Fragen sein werden, die der Hauptfigur durch eine Zufallsbekanntschaft gestellt werden und deren Anwendung bei verschiedenen Situationen in ihrem Alltag sie dazu bringen, ihr Leben zu überdenken und es auf verschiedene Weise zu ändern.

Die unbenannte Protagonistin ist verheiratet, hat zwei jüngere Kinder und ist erfolgreich im Beruf, ein weiterer Karriereschritt scheint unmittelbar bevor zu stehen. Jedoch wird sie immer leichter und schneller in stressigen Situationen wütend, was auch ihrem Umkreis nicht verborgen bleibt. Bei einem Spaziergang im Wald begegnet die sie einer älteren Frau, die ihr in einem Gespräch anbietet, ihr vier wichtige Fragen verraten, die ihr Leben zum Positiven hin verändern könnten. Als Regel gilt dabei, dass sie bei jeder Begegnung immer nur eine Frage gestellt bekommt.

Schon allein die Vorgabe, bei jedem Aufeinandertreffen nur eine einzige Frage mit auf den Weg zu nehmen, veranlasste mich, das Buch in einem Stück zu lesen, weil ich neugierig auf alle vier war. Selbstverständlich war ich auch begierig zu erfahren, ob die jüngere Frau einen Nutzen aus den Fragen ziehen konnte. Dabei habe ich mich in vielen geschilderten Situationen wiedergefunden. Nach einem sehr traurigen Erlebnis in meinem Leben vor ein paar Jahren habe ich begonnen, viele Dinge zu hinterfragen und den Weg zu gehen, den Tessa Randau vorschlägt.

Ich möchte euch allen empfehlen, diese gefühlvoll geschriebene Geschichte zu lesen, in der in einigen Beispielen verdeutlicht wird, was bedeutsam ist im Leben. Auch für mögliche Schwierigkeiten bietet sie Lösungsansätze an. Sie ist Wellness für die Seele und eine Aufforderung innezuhalten und sich neu zu fokussieren. Schöne Illustrationen von Ruth Botzenhardt machen das Buch auch optisch zu einem Genuss.


Donnerstag, 21. Mai 2020

Rezension: Das wirkliche Leben von Adeline Dieudonné



Rezension von Ingrid Eßer

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Titel: Das wirkliche Leben
Autorin: Adeline Dieudonné
Übersetzerin: Sina de Malafosse
Erscheinungsdatum: 25.04.2020
Verlag: dtv (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Leseband
ISBN: 9783423282130
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Der Roman „Das wirkliche Leben“ ist das Debüt der Belgierin Adeline Dieudonné. Sie lässt ihre unbenannte Protagonistin als Ich-Erzählerin auftreten, die davon erzählt, wie sie von Kind an darum bemüht ist, ihr wirkliches Leben zu führen. Doch bis dahin ist es ein weiter Weg, der über Jahre hinweg von ihr fordert, dass sie die Gegebenheiten in ihrer Jugend akzeptiert.

Die namenlose Erzählerin schildert ihre Erlebnisse im Rückblick. Als sie zehn Jahre alt ist und ihr Bruder sechs ereignet sich ein verstörender Unfall bei dem die Geschwister miterleben, wie jemand auf außergewöhnliche Weise ums Leben kommt. Die Protagonistin nimmt ab diesem Zeitpunkt eine Wesensänderung bei ihrem Bruder wahr und für sie selbst ist es der Auslöser für die Idee, die Vergangenheit zu ändern, damit das dann kommende Leben eine Wirklichkeit wird, die nicht nur sie, sondern auch ihren Bruder glücklich macht.

Die Familie lebt in einer Reihenhaussiedlung. Hinter der immer gleichen Fassade wohnen ganz unterschiedliche Menschen. Doch das Haus der Familie am Ende der Hausreihe unterscheidet sich ein wenig von den anderen und fällt dadurch ins Auge. Was wie bei den anderen Häusern nicht auffällt, ist das, was sich hinter den Türen ereignet.

Der Vater der Familie ist begeisterter Jäger und geht gern auf Großwildjagd. Ein Zimmer im Haus ist ausschließlich mit seiner Trophäensammlung ausgestattet. Trotz Verbots schleichen die Geschwister sich immer wieder ins Zimmer, voller widerstreitender Gefühle in Anbetracht der ausgestellten Tiere.

Die Mutter ist Hausfrau und züchtet wenige Ziegen. Sie bleibt unscheinbar, immer bereit, der Wut des Ehemanns zu entgehen und stattdessen seine Belehrungen und Weisungen entgegen zu nehmen. An der Protagonistin geht das Verhalten ihrer Eltern nicht unbemerkt vorbei, sondern sie fühlt sich und ihren Bruder immer tiefer hineingezogen in die eingeschliffenen Verhaltensweisen ihrer Eltern und deren Erwartungen entsprechende Rollen nach eigenem Vorbild einzunehmen. Um nicht so farblos zu werden wie ihre Mutter bemüht sie sich in der Schule um beste Noten und erhält auf diese Weise eine Anerkennung, die sie in der Familie nicht findet. Außerdem erhofft sie sich durch ihre Wissbegier, eine Lösung für die Umsetzung ihrer Idee zu finden.

Die Sprache ist einfach, dem Alter der Protagonistin während der Ereignisse angepasst. Es sind gerade die kurzen Sätze, die eine besondere Brisanz in die Erzählung bringen und mit ihrer Aussage das Gewicht verdeutlichen, dass ein junges Mädchen beim Heranwachsen zu tragen hatte. Zwar ist die Geschichte nur fiktiv und dennoch beschreibt sie eine mögliche Realität mit großem Ausdruck, der mich als Leser beeindruckte.

„Das wirkliche Leben“ von Adeline Dieudonné erzählt die Coming-of-Age Geschichte bizarrer Art einer ungenannten Jugendlichen, die nachdenklich stimmt und in Erinnerung bleibt. Gerne empfehle ich den Roman weiter, möchte aber auf die teils aufschreckenden Beschreibungen hinweisen.  


Mittwoch, 20. Mai 2020

Rezension: Das kleine Hotel auf Island von Julie Caplin


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Das kleine Hotel auf Island
Autorin: Julie Caplin
Übersetzerin: Christiane Steen
Taschenbuch: 432 Seiten
Erschienen am 19. Mai 2020
Verlag: FISCHER Taschenbuch

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Lucy sucht verzweifelt nach einem neuen Job, denn seit sie gefeuert wurde will niemand die Hotelmanagerin mit der Lücke im Lebenslauf einstellen. Zumindest niemand in England - ein kleines Hotel auf Island gibt ihr eine Chance. Der Job ist zwar eigentlich weit unter ihrem Niveau und die Zahl verschlissener Manager in den Monaten zuvor bedenklich hoch, doch Lucy nimmt an und stürzt sich ins Abenteuer. Das Hotel hat viel Potenzial, muss aber in Sachen Gemütlichkeit und Struktur zulegen. Außerdem kommt es immer wieder zu ärgerlichen Zwischenfällen, die eigentlich kein Zufall sein können. Lucy fällt es zunächst schwer, Fuß zu fassen. Mit dem Barmann Alex, der ursprünglich aus Schottland kommt, erkundet sie die Insel, um auf andere Gedanken zu kommen. Sie findet ihn bald mehr als nur sympathisch, doch sollte sie die Gefühle als seine Chefin zulassen? Alex selbst hat zudem ein Geheimnis, von dem Lucy nichts ahnt...

Zu Beginn des Buches lernt der Leser die Protagonistin Lucy kennen, die ihr Leben dringend ändern möchte. Im letzten Jahr war sie noch stellvertretende Direktorin eines Vorzeige-Hotels in Manchester, jetzt lebt sie in der winzigen Wohnung ihrer Freundin Daisy und findet keinen Job. Was vorgefallen ist erfährt man zunächst nicht, stattdessen ist eine letzte Idee der Jobvermittlerin erfolgreich und Lucy findet sich kurz darauf in Island wieder.

Lucys Start im Hotel ist reichlich chaotisch und der mysteriöse Anruf, der ihre richtige Ankunftszeit verändert hat, scheint wie weitere kleine Sabotageakte laut Personal auf das Konto des Huldufólks zu gehen. An Lucys Seite erkundet man das Hotel und lernt die vorwiegend sympathischen Angestellten kennen, die ihren Job mit Leidenschaft machen und Lucy die isländische Lebensart näher bringen. Ich hätte mir allerdings eine differenziertere Ausarbeitung der Nebencharaktere gewünscht, denn bis auf Hekla konnte ich diese bis zum Schluss ehrlich gesagt nicht auseinander halten.

Dass Alex ein Geheimnis hat erfährt man als Leser gleich zu Beginn, weshalb man sich beständig fragt, wann es wohl ans Licht kommen wird und was die Konsequenzen sein werden. Weil einige Kapitel aus seiner Sicht erzählt werden weiß man aber ebenso, dass seine Gefühle für Lucy echt sind. Durch die touristischen Ausflüge der beiden erhält man Einblicke, was das Land alles zu bieten hat. Das machte mir Lust darauf, Island eines Tages selbst zu erkunden.

Als Hotelmanagerin muss sich Lucy allerhand großer und kleiner Herausforderungen stellen. Ich fand die Beschreibungen sehr kurzweilig. Daneben gibt es viele amüsante, schöne und romantische Momente, die mich unterhalten konnten. Zum Ende hin schöpft die Geschichte ihr Potenzial aus meiner Sicht allerdings nicht voll aus und die Auflösung konnte mich nicht ganz zufriedenstellen.

„Das kleine Hotel auf Island“ bietet eine romantische Wohlfühl-Geschichte, bei der die Protagonistin Lucy sich als Hotelmanagerin beweisen muss und gleichzeitig dem Barmann Alex näher kommt. Trotz kleinerer Kritikpunkte bekam ich hier einen unterhaltsamen Liebesroman, der Lust auf die nächste Reise macht. Ein Buch für gemütliche, leichte Lesestunden!
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