Mittwoch, 16. Januar 2019

Rezension: Den Himmel stürmen von Paolo Giordano


Titel: Den Himmel stürmen
Autor: Paolo Giordano
Übersetzer: Barbara Kleiner
Erscheinungsdatum: 09.10.2018
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Leseband (signiert)
ISBN: 9783498025335
----------------------------------------------------------------------------------------------------------
Paolo Giordano schreibt in seinem Roman „Den Himmel stürmen“ über vier Jugendliche, die beim Heranwachsen einen Weg suchen, im Einklang mit Mensch, Tier und Pflanzenwelt zu leben. Mit teilweise hohem körperlichem Einsatz und dem Wissen über Zusammenhänge in der Natur streben sie nach einem unabhängigen Leben, dem entsprechend dem Titel kaum Grenzen gesetzt scheinen. Die Erzählung beginnt im Jahr 1993 als die 14-jährige Protagonistin und Ich-Erzählerin Teresa Gasparro aus Turin/Italien wie in jedem Sommer ihre Ferien auf dem Anwesen ihrer Großmutter in Apulien verbringt. Als Leser konnte ich die Geschichte der vier Freunde über die kommenden Jahre bis 2015 verfolgen.

In einer lauen Sommernacht lernt Teresa die wenig älteren Jungen Nicola, Bern und Tommaso kennen, die auf dem benachbarten Hof wohnen. Bald schon ist Teresa jeden Tag zu Gast bei den Nachbarn, hilft bei der Arbeit und verbringt dort ihre Freizeit. Sie findet hier ein Leben vor, das sich um vieles von dem Stadtleben zu Hause in Turin unterscheidet. Die vier Jugendlichen werden untereinander so vertraut, dass auch die Schamgrenze fällt und sie unbeschwerte Nähe genießen. Zu Bern fühlt sie sich ein paar Jahre später ganz besonders hingezogen. Beide entwickeln mehr als freundschaftliche Gefühle füreinander, was von den anderen Brüdern mit unterschiedlichen Empfindungen aufgenommen wird. Vorbereitungen auf einen schulischen Abschluss und einen zukünftigen Beruf bringen große Veränderungen mit sich. Eine Trennung und ein Erbe werden in den kommenden Jahren für Teresa zum Schicksal, das sie wieder nach Apulien und zu den Freunden führen wird.

Obwohl es im Roman vier Protagonisten gibt, verweilt die Handlung bei Theresa als Ich-Erzählerin und durch ihre Nähe zu Bern widmet der Autor auch ihm eine erhöhte Aufmerksamkeit. Erst aus der Retrospektive und einigen Gesprächen heraus ist es Teresa möglich von den Geheimnissen zu erfahren, die die Jungen untereinander geteilt oder auch für sich behalten haben. Ebenso haben ihre leiblichen beziehungsweise Pflegeeltern Heimlichkeiten vor ihren Söhnen gehabt. Vieles davon erfährt Teresa von Tommaso, dem jüngsten der Brüder im ersten von drei Teilen des Romans. In diesem ersten Teil beschreibt die Ich-Erzählerin die Sommer ihrer Kindheit in Apulien. Danach erfolgt ein Sprung an das Ende der Geschichte, was mir als Leser aber zunächst nicht bewusst war. Teresa hat Tommaso einen Gefallen erwiesen und erfährt im Gegenzuge einen Teil der Geschichte aus seiner Sicht. Erst hierdurch wird die tiefe Beziehung der Jungen untereinander nicht nur für Teresa sicht- und spürbar. Im zweiten und dritten Teil geschehen sehr viele unvorhersehbare Ereignisse und es treten Wendungen auf, die mich in ihren Bann zogen. Durch immer mehr Details werden zum Schluss des Buchs die aufgeworfenen Fragen beantwortet.

Vom Leben der Familie auf dem Nachbarhof war Teresa von Beginn an fasziniert, weil es in starkem Kontrast zu ihrem eigenen städtischen in Turin stand. Zu dem Verstandesmenschen Bern, der dazu aber tief in seinem Glauben verwurzelt ist, fühlt sie sich in besonderem Maße hingezogen. Er ist es, der damit beginnt, die Dinge zu hinterfragen, der seine Skepsis äußert und erwägt seine Grenzen auszuloten. Bern hat nie, wie die beiden anderen Jungen, einen Grund gehabt den Hof zu verlassen, für ihn öffnet sich durch die Literatur eine eigene Welt, die er sich vorgestellt hat und selbst erkunden möchte. Zunächst befriedigen ihn jedoch der Wissenserwerb und seine Liebe zu Teresa. Als es zu einem Bruch in der Beziehung kommt, nimmt er wie zum Trost und aus Trotz sein Ziel der Selbstverwirklichung wieder auf.

Der Autor besitzt einen Schreibstil, der die Figuren und die Welt in der sie leben dem Leser sehr nahe bringt. Ich glaubte die Hitze zu spüren und den Schweiß der erhitzten Gemüter im Einsatz für eine gemeinsame Sache. Durch den fehlenden Schulbesuch war es nicht immer einfach für die Brüder sich im Alltag außerhalb der geschützten Umgebung zurechtzukommen. Schnell konnten sie für Sachen begeistert werden. Die gesetzten Ziele wurden jedoch immer größer und die Mittel zu ihrer Umsetzung immer radikaler, der Himmel erschien greifbar. Aus dem gemeinsamen Schaffen kristallisiert jeder sich mit seinen Stärken als Individualist. Es gelingt Paolo Giordiano diese Entwicklung nachvollziehbar darzustellen. Dabei schneidet der Autor viele Themen an, die er ohne zu werten darstellt. Der Roman führt zu einem Fiasko am Ende, doch mit einem geschickt gesetzten weiteren Ereignis ließ er mich als Leser mit einem kleinen Funken Freude zurück.


Im Buch „Den Himmel stürmen“ überzeugt Paolo Giordano mit gut ausformulierten, interessanten Charakteren und vielen ereignisreichen unerwarteten Wendungen in einer Geschichte über die Schattierungen von Freundschaft und Liebe, die vielschichtig dargestellt wird. Mich hat der Roman überzeugt und daher empfehle ich ihn gerne weiter.

Freitag, 11. Januar 2019

[Rezension] Stella - Takis Würger


[Werbung]
Stella
Autor: Takis Würger
Hardcover: 224 Seiten
Erscheinungsdatum: 11. Januar 2019
Verlag: Hanser

-----------------------------------------------------------------------

Friedrich ist Schweizer und für seine Mutter eine Enttäuschung, seit er als Kind durch eine Verletzung farbenblind geworden ist. Denn die große Karriere als Maler scheint ihm nun verwehrt zu bleiben. Im Jahr 1942 entschließt er sich, auf Kosten seiner reichen Eltern nach Berlin zu gehen, um sich vor Ort ein Bild zu machen. Als er die geheimnisvolle Kristin kennenlernt, ist er von ihr fasziniert und beginnt, ihr jeden Wunsch zu erfüllen. Doch er muss bald feststellen, dass sie etwas entscheidendes vor ihm verheimlicht.

Mir war die historische Person Stella Goldschlag vor der Lektüre nicht bekannt, weshalb ich ohne konkrete Erwartungen in die Geschichte einstieg. Zunächst lernt man als Leser den jungen Erwachsenen Friedrich kennen, der jahrelang von seiner Mutter misshandelt wurde. Denn seit er farbenblind wurde versucht diese, ihm das Handicap auszutreiben, als sei es nur eine Einbildung, damit er doch noch ein gefeierter Maler werden kann. Nun ist er endlich alt genug, um das Elternhaus zu verlassen. Während seine Mutter die Nazis unterstützt und sein Vater dagegen hält und die jüdische Köchin vor der Entlassung bewahrt, liest Friedrich Fontane und entscheidet sich schließlich ausgerechnet für Berlin als Reiseziel.

In der deutschen Hauptstadt angekommen besucht Friedrich eine Kunstschule und findet sich gleich beim Aktzeichnen wieder. Die Model sitzende Frau fasziniert ihn, und so folgt er ihrer Einladung, sie singen zu hören – ausgerechnet verbotene Jazzmusik. Sie scheint unbedarft und ein wenig naiv, lebt in den Tag hinein und lässt sich von Friedrich rundum versorgen. Dieser weiß gar nicht so recht, wie ihm geschieht und liest ihr eifrig jeden Wunsch von den Lippen ab, um ihn mit dem Geld seiner Eltern zu finanzieren.

Lange Zeit ist nicht klar, wo die Geschichte hinsteuert. Bald jedoch werden erste historische Zeugenaussagen abgedruckt, in dem es darum geht, dass eine Angeschuldigte für die Deportation von Juden gesorgt hat. Diese bedrückenden Einschübe passen anfangs nicht zum restlichen Geschehen, auch wenn man bald eine Ahnung entwickelt, was vor sich geht, wenn einem die Hintergründe nicht sowieso schon bekannt sind. Schließlich häufen sich die Hinweise auf ein weitreichendes Geheimnis, das auch Friedrich nicht länger ausblenden kann.

Dem Buch gelingt es, den Kontrast deutlich zu machen zwischen Zeugenaussagen, die eine eiskalte Gestapo-Kollaborateurin beschreiben und einer unbedarft agierenden Frau, die gern Männer um den Finger wickelt und sich um ihre Eltern sorgt. Liest man die Schilderungen des Protagonisten, dann stellt sich die Frage, wie sehr er von Beginn an die Augen verschließt oder gewisse Dinge nicht wahrhaben will, und inwiefern Stella selbst nicht realisiert, welche Konsequenzen ihr Handeln hat.

Wie weit geht man, um die zu retten, die man liebt? Wie weit geht man, um die zu schützen, die man ins Verderben laufen sieht? Sind die Tränen und die Verzweiflung nur ein Schauspiel oder echt? Was ist der wirkliche Antrieb für die Handelnden? Auf Fragen wie diese gibt Takis Würger in seinem Text keine Antworten, sondern durch die Perspektive Friedrichs und die Zeugenaussagen genügend Material, um sich als Leser selbst ein Bild zu machen. Dabei würdigt er die historischen Fakten und reichert sie soweit mit Fiktion an, dass eine emotionale und lebendige Geschichte entsteht, die nachdenklich stimmt. Diese hat mich auch nach dem Lesen nicht losgelassen, sodass ich mich noch intensiver über Stella Goldschlag, ihre erschreckenden Handlungen und ihre Selbsteinschätzung als Opfer informiert habe. Mit „Stella“ hat der Autor ein gelungenes Buch für diese historische Person geschaffen, deren Motivation für ihr schreckliches Handeln nie ganz geklärt werden konnte.

Mittwoch, 9. Januar 2019

Rezension: Die Wahrheit über das Lügen von Benedict Wells


Rezension von Ingrid Eßer

*Werbung*
Titel: Die Wahrheit über das Lügen - Zehn Geschichten"
Autor: Benedict Wells
Erscheinungsdatum: 29.08.2018
Verlag: Diogenes (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN: 9783257070309
---------------------------------------------------------------------------

„Die Wahrheit über das Lügen“ ist ein Erzählband mit zehn Geschichten von Bendict Wells. Die Erzählungen sind im Zeitraum 2008 bis 2018 entstanden und sehr unterschiedlich. Hier findet sich beispielsweise ein Wanderer mit einer besonderen Ambition, ein rückblickender Internatsschüler, eine verliebte Schriftstellerin, zwei zum Duell verpflichtete Tischtennisspieler, sprechende Bücher und in der längsten Geschichte des Buchs ein zeitreisender Filmemacher. Wie man dem kurzen Überblick bereits entnehmen kann, bindet der Autor einige Male fantastische Elemente ein, die seine jeweilige Schilderung beleben und ihr eine ganz eigene Wendung geben.

Zwei der Erzählungen sind beim Schreiben des Bestsellers „Vom Ende der Einsamkeit“ entstanden. Wer das Buch gelesen hat, wird erfreut sein, denn die Geschichten erweitern den Roman, alle anderen können die Storys aber auch ohne Vorkenntnisse mit Vergnügen lesen. Im Buch ist eine titelgebende Erzählung enthalten, in der der Protagonist sein Leben auf einer Lüge aufgebaut hat und bei einem Interview die Gelegenheit erhält, die Wahrheit zu sagen.

Obwohl die Erzählungen sehr verschieden sind, mal nachdenklich stimmend, mal erheiternd, findet sich häufig die Freiheit zur Selbstbestimmung des Einzelnen als Element wieder. Entsprechend der Erfahrungen, die eine Person in ihrem Leben macht, trifft sie ihre Entscheidungen und trägt die Folgen daraus. Manche Unkenntnis von Fakten bringt es mit sich, dass sie sich für unerwünschte Auswirkungen verantwortlich fühlt. Die Schwierigkeit besteht in der Akzeptanz des Sachverhalts und der daraus resultierenden Gefühle. Mit diesem Umstand spielt Benedict Wells in seinen Geschichten. Es ist genau das, was seine einzigartigen Figuren ausmacht. In einigen Storys spiegeln sich auch seine eigenen Lebenserfahrungen, außerdem ist er ein sehr guter Beobachter und bringt seine Betrachtungen gekonnt in einen passenden Kontext.

Benedict Wells gestaltet Situationen auf eine ganz besondere Weise, die durch geschickt gesetzte Komponenten einen überraschenden Fortgang finden. Die Zusammenstellung der Erzählungen in „Die Wahrheit über das Lügen“ ruft eine breite Palette von Gefühlen beim Lesen ab, vom Bedauern über Spannung zu Freude. Jede der Geschichten ist so bemerkenswert, dass sie im Gedächtnis bleibt. Gerne empfehle ich das Buch weiter.

Dienstag, 8. Januar 2019

Rezension: Vergiss kein einziges Wort von Dörthe Binkert


Rezension von Ingrid Eßer

*Werbung*
Titel: Vergiss kein einziges Wort
Autorin: Dörthe Binkert
Erscheinungsdatum: 21.09.2018
Verlag: dtv (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Leseband
ISBN: 9783423289641
-------------------------------------------------------------------------------------------------------

„Vergiss kein einziges Wort“ von Dörthe Binkert ist eine Reise in die Vergangenheit Oberschlesiens in Romanform. Eingebunden in die Handlung sind die fiktiven Geschehnisse rund um die Familie von Carl Strebel und deren Nachbarn in der Gleiwitzer Paulstraße. Die Handlung beginnt im Jahr 1921 und reicht bis zum Jahr 1966. Ein kurzer Epilog spielt dagegen im Jahr 2004 und führt einen noch offenen Faden zum Ende. Zur weiteren Orientierung findet sich im Anhang eine Zeittafel mit historischen Ereignissen, die dem interessierten Leser weitere Fakten bietet, um die Erzählung in den weltgeschichtlichen Zusammenhang zu stellen.

Die 40-jährige Martha Strebel, Ehefrau von Carl, hält 1921 mit ihrer Tochter Louise ihr siebtes Kind im Arm. Ihr Ältester, Konrad, ist bereits 21 Jahre alt und in einer festen Beziehung, einer ihrer Söhne ist schon als Säugling verstorben. Die Familie wohnt in einem Mietshaus, in dem nur staatlich Bedienstete wohnen. Gleitwitz ist zu dieser Zeit deutsches Staatsgebiet. Konrad wird schon bald eine Polin heiraten, Heinrich wird sich für die NSDAP begeistern, seine älteste Schwester Ida zieht es nach Breslau, wohin ihre Schwester Klara ihr folgen wird. Hedwig wird sich unglücklich verlieben und Louise wird nach einem Fehltritt schwanger.

Dörthe Binkert erzählt auch über Schwager und Schwägerinnen, Freunde und Bekannte der Familie, deren Lebensgeschichten häufig verknüpft sind mit der wechselvollen Geschichte des Landstrichs. Ihre Romanfiguren sind Deutsche, Polen und Russen je nach politischer Lage und doch sind sie alle stets Schlesier.

Louise wird in einer unruhigen Zeit geboren, in der polnische Bürger mit Aufständen um die Angliederung von Schlesien an ihre Republik kämpfen. Obwohl die Menge der handelnden Personen durch Verzweigungen im Roman ständig steigt, lassen sich die Erzählstränge problemlos nachhalten. Hilfreich dabei ist ein Personenverzeichnis zu Beginn des Buchs. Der Autorin gelingt es mühelos, Fiktion lebendig werden zu lassen. Dank ihrer sehr guten Recherche und einem hervorragend darstellenden Schreibstil wirken nicht nur ihre Charaktere real sondern auch deren Lebensweg. Schon zu Beginn verdeutlicht Dörthe Binkert Aspekte der politischen Situation in Oberschlesien anhand der unterschiedlichen Einstellungen ihrer Figuren. Sie stellt auch im Folgenden vorurteilsfrei die Lage anhand verschiedener Meinungen dar. Auf diese Weise konnte ich mich gut in die Charaktere und die Situationen einfühlen. Die Schicksale, die die Autorin schildert, sind bewegend und berühren. Sie wirken dank der gut ausformulierten Figuren authentisch. Glück, Leid, Erfolge und Enttäuschungen konnte ich an ihrer Seite erleben.

Die Geschichte von Schlesien war seit langem wechselhaft, doch gerade im Mittelteil, in der stürmischen Zeit des Zweiten Weltkriegs, zeigt Dörthe Binkert eine beeindruckende Stärke in der Erzählung und konnte mich hier besonders fesseln. Es wird deutlich wie der Einzelne zum Spielball der Politik werden kann. Es bestehen für ihn wenige Möglichkeiten, seine Heimat so zu definieren als Ort, an dem man sich wohlfühlt im Kreis seiner Lieben. Denn eine Staatsangehörigkeit ist für die Politiktreibenden wichtig und definiert damit gleichzeitig den Anspruch des Bürgers auf Wohnraum, Arbeit, Lebensmittel und Gebrauchsgütern. Die die Schlesier sind auch heute noch viele Menschen auf der Flucht aufgrund der politischen Lage in ihrem Staat. Wer den Roman gelesen hat, kann sich vielleicht besser in deren Situation hineindenken. Ich halte den Roman für sehr lesenswert und empfehle ihn gerne weiter.

Montag, 7. Januar 2019

Rezension: Das Haus der Malerin von Judith Lennox


Rezension von Ingrid Eßer

*Werbung*
Titel: Das Haus der Malerin
Autorin: Judith Lennox
Übersetzerin: Mechtild Ciletti
Erscheinungsdatum: 02.11.2018
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen
ISBN: 9783866124059
-------------------------------------------------------------------------------------------------------

„Das Haus der Malerin“ im gleichnamigen Roman von Judith Lennox ist ein Gebäude, das der Vater der Künstlerin Sadie Lawless Ende der 1920ern in den Wäldern südlich von London erbaut hat, nicht lange bevor er mit seiner Frau bei einem Unfall ums Leben kommt. Im Jahr 1970 wird Rose Martineau von ihrer verstorbenen Großmutter Edith Fuller mit dem Haus beerbt. Rose ist erstaunt, denn bisher wusste sie nicht, dass Edith eine jüngere Schwester hatte und sie fragt sich, ob ihre Großtante noch lebt. Während sie die Hinterlassenschaft nach Briefen, Fotos und Hinweisen durchsucht, wird sie durch ihren Ehemann in einen Presseskandal hineingezogen, der zur Bewährungsprobe für ihre Ehe wird.

Judith Lennox hat mit Sadie und Rose zwei Frauenfiguren geschaffen, die eine starke eigene Persönlichkeit haben und sich im Leben bewähren müssen, um zu sich selbst zu verwirklichen. Dabei haben sie mit Hindernissen zu kämpfen, die zunächst unüberbrückbar erscheinen. Während sich Sadie als alleinstehende Künstlerin einen Namen machen möchte, sucht Rose nach einer Möglichkeit Arbeit und Muttersein zu verbinden. Der Autorin gelingt es, zwei beeindruckende Lebenswege über einen kürzeren Zeitraum aufzuzeigen und geschickt miteinander zu verknüpfen. Dennoch empfand ich die Ursache für den Verbleib von Sadie als überspitzt und ich mochte nicht so recht daran glauben, dass es Rose so einfach möglich war, sich in ihrer neuen beruflichen Rolle zu behaupten.

Während Rose schnell meine Sympathie gewinnen konnte, blieb Sadie mir als Figur wenig greifbar. Es gelang mir kaum, mich in ihre Welt hineinzudenken und ihr Tun nachzuvollziehen. Die abwechslungsreich gestalteten Charaktere durchleben Liebe, Trauer, Hass und Missgunst. Die Autorin schreibt in einem leicht lesbaren Schreibstil. Sie versteht es, durch unerwartete Wendungen ihre Geschichte ansprechend zu gestalten und das Leserinteresse aufrecht zu erhalten. Ich habe den Roman aufgrund seines Unterhaltungswerts gerne gelesen.

Donnerstag, 3. Januar 2019

[Rezension] Vom Ende der Einsamkeit von Benedict Wells


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Vom Ende der Einsamkeit
Autor: Benedict Wells
Erscheinungsdatum: 24.02.2016
Verlag: Diogenes
rezensierte Buchausgabe: Taschenbuch
ISBN: 9783257069587
--------------------------------------------------------------

Im Roman „Vom Ende der Einsamkeit“ erzählt Benedict Wells die Geschichte von Jules und Alva. Ich begegnete dem Ich-Erzähler Jules bereits auf der ersten Seite und erfuhr von ihm, dass er einen Motorradunfall überlebt hat. Schon auf den wenigen Seiten des Prologs stellte Jules die immer wieder aufgeworfene Frage im Roman nach dem, wodurch wir und unser Leben geprägt werden. Wieviel Anteil daran hat die Umwelt, wieviel davon ist uns als Anlage mitgegeben?

Die Gedanken von Jules wandern zurück zu seinen Eltern die er durch ein Unglück verloren hat als er zehn Jahre alt war. Seine beiden älteren Geschwister und er besuchen danach ein Internat. Dort begegnet Jules der gleichaltrigen Alva, die allerdings vor Ort bei ihrer Familie wohnt und für ihn zu einer wichtigen Bezugsperson wird. Es war für mich bewegend mitzuerleben, wie das Vertrauen der beiden zueinander sich entwickelt. Um selbst im Leben zurechtzukommen erinnert Jules sich häufiger an das Verhalten seiner Eltern in bestimmten Situationen. Er sucht nach Rechtfertigungen dafür, denn er möchte die Handlungsweisen nicht unreflektiert als Basis für sein eigenes Tun übernehmen.

Jules, sein Bruder Marty und seine Schwester Liz haben ihre eigenen Vorlieben, Eigenschaften, Fähigkeiten und Vorstellungen von einer beruflichen Zukunft. Mehrfach zeigt der Autor auf unterschiedliche Art wie wichtig es ist, füreinander da zu sein. Benedict Wells macht deutlich, dass die Suche nach dem „Ende der Einsamkeit“ des Protagonisten entsprechend des Titels, keine Frage nach der Quantität, sondern eine nach der Qualität des Zusammenseins ist.

Der Autor schafft es, seinem Roman von Beginn an eine Faszination unter anderem dadurch beizugeben, dass er viele Dinge nur andeutet. Der Ich-Erzähler ließ mich als Leser hier und da einen Blick auf tiefgründigere Schichten werfen. Ich wünschte mir, baldmöglichst die entstandenen Lücken beim Lesen auszufüllen und wurde immer mehr in die Geschichte hineingesogen.

Der Roman ist ein Plädoyer dafür, den Augenblick bewusst zu leben und die guten Momente zu genießen. Benedict Wells versteht es, die Hoffnung darauf, den schlechten Seiten des Lebens aus eigener Kraft und eigenem Willen ausweichen zu können, immer wieder zu wecken. Doch das Erkennen der Unmöglichkeit dieses Tuns ist genauso erschreckend wie der Verlauf der Geschichte, die noch lange im Gedächtnis bleibt.

Dienstag, 1. Januar 2019

[Rezension] Die Prophezeiung der Giraffe von Judith Pinnow


Rezension von Ingrid Eßer

*Werbung*
Titel: Die Prophezeiung der Giraffe
Autorin: Judith Pinnow
Erscheinungsdatum: 26.09.2018
rezensierter Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag)
ISBN: 9783810530608
---------------------------------------------------------------------------------------

Im Roman „Die Prophezeiung der Giraffe“ von Judith Pinnow ist das Erscheinen der Titelfigur im Vorgarten der Protagonistin Hanna der Beginn einer langen Reihe sehr seltsamer Vorfälle. Nachdem Hanna einen bestimmten Brief erhalten hat stellt sich heraus, dass das Wildtier vielleicht als Prophet für eine wichtige Angelegenheit im Leben der Singlefrau gelten kann. Die Lackfolie in der Umschlaggestaltung glitzert beim Drehen des Buchs und vermittelt so auch den Touch eines ganz besonderen Zaubers, der über der ganzen Geschichte liegt.

Hanna ist 40 Jahre alt, Grundschullehrerin und wohnt im Haus ihrer vor zehn Jahren verstorbenen Mutter. Ihr Vater ist schon ausgezogen, als sie noch ein Kind war. Sie ist mollig, liebt schaukeln im Garten und fährt mit dem Fahrrad zur Arbeit. An einem Dienstag kurz vor den Sommerferien bemerkt Hanna, dass vor dem alten, im Garten abgestellten Wohnwagen eine häkelnde Frau Platz genommen hat und offenbar dort wohnt. Wenig später wird sie von ihrer Nachbarin informiert, dass eine Giraffe in ihrem Vorgarten steht. Es geschehen noch eine Reihe sehr merkwürdiger Dinge in den folgenden Tagen. Hanna stellt sich gemeinsam mit ihrer Freundin die Frage nach der Bedeutung der Ereignisse. Nachdem sie mit ihrem Bruder gesprochen hat, hat sie eine Vermutung, die in unmittelbarem Zusammenhang mit ihrer Zukunft steht.

Schon in den ersten Sätzen des Romans findet Hannas Mutter Erwähnung und mit der Zeit begriff ich als Leser, dass Hanna ihr Leben auch so lange Zeit nach deren Tod immer noch in deren Sinne ausrichtet. Sie hat ihre Arbeit, eine beste Freundin, ein Haus mit Garten und bestimmte Vorlieben und Rituale die ihr genügend Halt geben. Konfrontationen vermeidet sie gern. Schon viel zu lange ist sie in keiner Beziehung mehr, doch sie räumt sich wenige Gelegenheiten ein, ihren Status zu ändern. Erst die ungewöhnlichen Ereignisse, der Brief und das Erscheinen ihres Vaters bringen Hanna dazu, an längst vergessenes Verhalten ihrer Mutter in der Vergangenheit zu denken. Dadurch wird es ihr endlich möglich, gewisse Dinge aus einer anderen Sicht zu sehen, sich für Neues zu öffnen und zu mehr Selbstvertrauen zu finden. Die Autorin ließ mich als Leser an dieser Veränderung teilnehmen. Leider zieht sich die Geschichte im mittleren Teil während der Suche nach einem Freund.

Hanna ist ein Charakter mit Ecken und Kanten, die unverhofft mit ungewöhnlichen Begebenheiten konfrontiert wird. Durch die kreativen Einfälle von Judith Pinnow erhalten die Probleme von Hanna eine gewisse Leichtigkeit, sehr zum Amüsement des Lesers. „Die Prophezeiung der Giraffe“ ist ein unterhaltsamer Roman für Leser, die sich ihren Sinn für märchenhafte Fantasie behalten haben, gerne empfehle ich ihnen das Buch weiter.

Sonntag, 23. Dezember 2018

[Rezension] Das Leben des Vernon Subutex 3 von Virginie Despentes


Rezension von Ingrid Eßer

*Werbung*
Titel: Das Lebend es Vernon Subutex 3
Autorin: Virginie Despentes
Übersetzerin: Claudia Steinitz
Erscheinungdatum: 07.09.2018
Verlag: Kiepenheuer & Witsch (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Leseband
ISBN: 9793462051537
------------------------------------------------------------------------------------------------


„Das Leben des Vernon Subutex 3“ ist der dritte und abschließende Band einer Romanserie der Französin Virginie Despentes rund um den gleichnamigen Titelheld. Zum besseren Einstieg findet sich vor Beginn der Handlung ein Index der Personen, die in den ersten beiden Bänden eine führende Rolle gespielt haben. Der dritte Band der Reihe ist selbständig lesbar, die Gesamtzusammenhänge erschließen sich jedoch besser bei Kenntnis der ersten beiden Teile.

In der Gruppe rund um Vernon Subutex ist der Alltag eingekehrt. In unregelmäßigen Abständen finden die sogenannten Convergences statt, bei denen Vernon Platten auflegt. Die Gruppenmitglieder ziehen von Ort zu Ort und organisieren alles rund um den erfolgreichen Event. Bei einem Aufenthalt zu Hause in Paris verstirbt das Gruppenmitglied Charles. Weder seine Lebensgefährtin noch die Convergence-Gruppe haben etwas von der Million geahnt, die er hinterlässt und die sich die beiden Parteien nach seinem Willen teilen sollen. Ist es in der Gruppe rund um Vernon inzwischen schon zu Streitereien aufgrund unterschiedlicher Ansichten gekommen, so werden diese durch die Diskussion der Verwendung des in Aussicht gestellten Vermögens weiter angefacht. Das Attentat im November 2015 in Paris erschreckt fast jeden Franzosen, ändert deren Einstellungen und betrifft auch die Figuren von Virginie Despentes. Derweil hat der Filmproduzent Laurent Dopalet die Demütigung durch Aicha und Céleste nicht verwunden, die im zweiten Band ausführlich beschrieben wurde. Er gibt nicht auf, die untergetauchten Frauen zu finden und seine Rache auszuüben.

Die Autorin schreibt auch im dritten Band wieder spitzüngig, offen und auf den Punkt gebracht. Sie erzählt die Gedanken ihrer Figuren und lässt sie ihre Meinungen und Gefühle unverblümt kundtun. Dazu nutzt sie eine bunte Mischung Charaktere. Da sind die am Leben Gescheiterten, die Trost im Alkohol oder mit Drogen suchen und diejenigen, bei denen sich Gewalt durch ihr Leben zieht, aber auch die mehr oder weniger erfolgreiche Sternchen in der Unterhaltungsindustrie. Ihre Spitzen richtet sie gegen die Gesellschaft. Politik, egal welcher Couleur und Religionen sind ihr Ziel. Und dennoch sind die Handlungen der Figuren nicht vorhersehbar, denn Mitgefühl und Verstand tragen zu spontanen Entscheidungen bei. Vieles scheint der Autorin, die sich schon früh mit Randexistenzen beschäftigt hat und selbst Opfer einer Vergewaltigung war, von Herzen zu kommen. Dadurch entsteht Authentizität. Die Attentate in Frankreich lässt auch ihre Figuren zögerlicher werden, den öffentlichen Raum zu betreten. Die Rolle der sozialen Medien zur jederzeitigen Information, aber auch als Mittel zur Verbreitung sowohl der Schrecken wie auch der Hilfsmöglichkeiten wird thematisiert. Sie führt ihren Roman auf ein Ende voller Schrecken zu und weit über die Gegenwart hinaus.

Das Bild der französischen Gesellschaft, das Virginie Despentes hier zeichnet, ist in Teilen auch auf Deutschland übertragbar. Zurück bleibt ein beängstigendes, verstörendes, nachdenklich stimmendes Gefühl. Wer die ersten beiden Bände gelesen hat, für den ist der abschließende Teil ein Muss, aber auch für alle anderen Leser, die gerne gesellschaftskritische Romane lesen.

Samstag, 22. Dezember 2018

[Rezension] Raum ohne Fenster - Nather Henafe Alali




[Werbung]
Raum ohne Fenster
Autor: Nather Henafe Alali
Übersetzer: Rafael Sánchez Nitzl
Hardcover: 224 Seiten
Erscheinungsdatum: 4. Oktober 2018
Verlag: S. FISCHER

-----------------------------------------------------------------------

Aziz lebt in einer Kriegsregion und ist gerade so mit dem Leben davon gekommen, nachdem er zum Militärdienst gezwungen wurde und sich auf einem Einsatz Befehlen widersetzt hat. Jetzt lebt er bei Salim und seiner Frau Hayat, die mit dem zweiten Kind schwanger ist, in einem belagerten Gebiet. Als Salim schwer verletzt wird, werden die drei getrennt. Schließlich scheint die Flucht der einzige Weg zu sein. Doch dieser ist lebensgefährlich und es bleibt ungewiss, ob man irgendwo ankommen kann und wie man dort empfangen wird.

Das Cover zeigt einen kräftigen Baum und lässt den Betrachter an die zahlreichen Wurzeln denken, mit denen er fest im Boden verankert ist. Solch eine Verankerung verlieren die Protagonisten dieses Buches, dessen Autor selbst aus Syrien geflohen ist und seit vier Jahren in Deutschland wohnt. Er nimmt den Leser in den ersten Kapiteln mit in ein erbarmungsloses Kriegsgeschehen.

Schon nach wenigen Seiten wird Salim, Mann von Hayat und Freund von Aziz, durch einen Granatsplitter schwer verletzt. Hayat und Aziz berichten abwechselnd von ihren Erlebnissen ab diesem einschneidenden Moment. Während Hayat mit ihren beiden Kindern versucht, im belagerten Gebiet die Angriffe der Regierungstruppen zu überleben und nicht zu verhungern, macht sich Aziz mit einem neuen Bekannten auf den Weg aus dem Land heraus.

In Rückblicken erfährt man insbesondere mehr über Aziz‘ Vergangenheit: Seinem alten Leben vor dem Bürgerkrieg, der Zwangsverpflichtung zum Militärdienst und der Verweigerung von Befehlen, von Willkür, Gefängnis und Folter. Die Schilderungen machen betroffen und machen seinen Entschluss, alles hinter sich zu lassen und ins Unbekannte aufzubrechen, verständlich.

Schließlich wechselt der Schauplatz und nimmt den Leser mit auf den weiten Weg hinaus aus einer zerstörten Heimat. Dabei wird sowohl von lebensgefährlichen Momenten berichtet als auch von zermürbendem Ausharren in Zeltstädten. Dabei hat das Buch oft philosophische Züge, wenn der Autor seine Charaktere innehalten und über ihre Situation nachdenken lässt. Es werden keine Städtenamen genannt, vermutlich damit die Geschichte allgemeingültiger ist. Die einzelnen Stationen werden dann aber so explizit beschrieben, dass man  aus meiner Sicht auch das hätte weglassen oder die Namen auch hätte nennen können.

Die Geschichte schildert, welche Strapazen Menschen auf der Flucht auf sich nehmen und wie es ihnen ergehen kann, wenn sie in einem völlig fremden Land ankommen, wo ein bürokratischer Prozess mit ungewissen Ausgang auf sie wartet. Dabei wurde mir der Ton an manchem Stellen zu belehrend. Insgesamt gibt das Buch einen gelungenen Einblick in das Leben in einer Kriegsregion und die Konsequenzen der schwierigen Entscheidung, die Heimat zu verlassen. Ein wichtiges Buch in der aktuellen Zeit, das emotionale Einblicke gibt, nachdenklich stimmt und betroffen macht.

Mittwoch, 19. Dezember 2018

[Rezension] Die Stimmlosen von Melanie Metzenthin


Rezension von Ingrid Eßer

*Werbung*
Titel: Die Stimmlosen
Autorin: Melanie Metzenthin
Erscheinungsdatum: 17.07.2018
Verlag: Tinte & Feder
rezensierte Buchausgabe: Taschenbuch
ISBN: 9782919801343

Rezension zum 1.Band "Die Lautlosen" --> KLICK!
---------------------------------------------------------------------

Der historische Roman „Die Stimmlosen“ der Hamburgerin Melanie Metzenthin ist die Fortsetzung des Buchs „Im Lautlosen“ und kann problemlos ohne Kenntnisse des ersten Band gelesen werden. Das Cover lässt anhand der Kleidung auf dem Foto bereits ahnen, dass die Geschichte in den 1940ern oder 1950ern spielt. Sie beginnt Weihnachten 1945, also ein halbes Jahr nach dem Zweiten Weltkrieg. Der Titel bezieht sich auf die Tatsache, dass fast jeder Deutsche nach dem Krieg nur eine eingeschränkte Handlungsfreiheit hat. Die meisten Bürger Hamburgs sind, so wie im Roman dargestellt, damit beschäftigt, eine Bleibe zu finden und ihren Hunger zu stillen. Der lange Schatten der Macht der Nationalsozialisten ist auch immer noch in den Nachkriegsjahren sichtbar.

Nach dem Krieg lebt das Arztehepaar Richard und Paula Hellmer in einer Sechszimmerwohnung, nicht nur mit ihren Zwillingen sondern auch mit Paulas Vater, Richards Eltern, einer Haushaltshilfe sowie Fritz Ellerweg, dem besten Freund Richards, und seinem Sohn Harri. Tagsüber dienen die Räumlichkeiten auch als Warte- und Sprechzimmer. Melanie Metzenthin beschreibt in ihrem Buch auf eine Weise, in die ich mich sehr gut in die Geschichte einfühlen konnte, den Alltag der Wohngemeinschaft. Es ist ein täglicher Kampf um die einfachsten Dinge. Fritz hat gute Beziehungen zu einem Schieber und kommt mit seinen Freunden überein, ein lukratives illegales Tauschgeschäft einzugehen. Außerdem kommt ihnen die Freundschaft zu dem britischen Besatzungsoffizier Arthur Grifford immer wieder zu Gute.

Erst durch die Schilderungen der Autorin wurde mir bewusst, wie lange es tatsächlich gedauert hat, bis in Deutschland wieder eine ausreichende Versorgung der Bevölkerung mit allen Dingen des täglichen Bedarfs erreicht wurde. Melanie Metzenthin hat hervorragend recherchiert. Die geschilderten Ereignisse wirken überaus glaubhaft und die Handlung lief wie ein Film in meinem Kopf ab. Sie flechtet viele historische Ereignisse in ihren Roman ein, sei es die Entwicklung auf dem Gebiet der Medien oder auch die Einführung der Deutschen Mark. Ein besonderes Augenmerk richtet sie als Psychotherapeutin nach ihrem eigenen Interesse auf die Geschichte der Medizin.

Überraschende Wendungen gibt es in der Familie von Fritz Ellerweg, aber auch bei Arthur Grifford. Hierin spiegelt die Autorin das Verhältnis der Bevölkerung von zwei Staaten wider, die Kriegsgegner waren. Sie lässt ihre Figuren das Für und Wider aktueller Themen der Nachkriegszeit diskutieren, was mich mehrfach nachdenklich stimmte. Es war mir ein Vergnügen, die Weiterentwicklung der Charaktere zu verfolgen, welche Chancen sie ergriffen haben, welche Berufe sie verfolgten und welche Liebesbande sich aufbauten. Wieder habe ich mit ihnen gebangt und gehofft, Aufgeben war nie eine Option, Träumen dagegen schon.

Melanie Metzenthin hat mit „Die Stimmlosen“ einen überzeugenden Roman über die Nachkriegsjahre geschrieben. Die Schicksale ihrer fiktiven Figuren berühren und rufen manche vergessenen Ereignisse, schöne wie auch traurige, wieder ins Gedächtnis. Mir hat das Buch sehr gut gefallen und ich empfehle es uneingeschränkt weiter. 

-->