Sonntag, 16. Februar 2020

Rezension: Das neunte Haus von Leigh Bardugo


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Das neunte Haus
Autorin: Leigh Bardugo
Übersetzerin: Michelle Gyo
Paperback: 528 Seiten
Erschienen am 3. Februar 2020
Verlag: Knaur HC

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Alex Stern fühlt sich auf dem Campus der Elite-Universität Yale wie ein Fremdkörper. Eine Ausreißerin wie sie schafft es eigentlich nicht an einen solchen Ort. Doch für das Haus Lethe ist sie von großem Wert, denn sie kann die Geister der Toten sehen. Mit dieser Fähigkeit soll sie dafür sorgen, dass diese bei den magischen Ritualen der Häuser des Schleiers - wie Portalmagie oder auch Eingeweidenschau - für keine unerwünschten Zwischenfälle sorgen. Als eine junge Frau ermordet auf dem Campus aufgefunden wird, hat Alex den Verdacht, dass eins der Häuser in den Fall verwickelt ist. Sie beginnt, auf eigene Faust zu ermitteln und stößt bald auf Ungereimtheiten. Doch jemand scheint mit aller Macht verhindern zu wollen, dass sie sich weiter mit dem Fall beschäftigt.

Ich bin großer Fan der Grishaverse-Bücher der Autorin und habe mich sehr gefreut, nun in eine von ihr geschaffene Urban Fantasy Welt eintauchen zu dürfen. Der Einstieg in die Geschichte ist mit jedoch nicht leicht gefallen. Nach einem Prolog im Vorfrühling springt die Geschichte zurück in den Winter, wo es Rückblenden in den Herbst gibt. Man erhält hier und da Informationsbrocken und ich brauchte einige Zeit, bis sich mit das ganze Szenario rund um die Häuser und Alex’ besondere Fähigkeiten erschloss.

Die Autorin hat eine komplexe Welt erschaffen, in welcher es ähnlich wie im Grishaverse unterschiedliche Formen der Magie gibt, die hier aber ganz andere Formen annimmt und auch anders funktioniert. Sie ist hauptsächlich an Rituale gebunden, die immer wieder beschrieben werden. Dabei wird häufig Blut vergossen, während Alex herumläuft, und Friedhofserde auf die Geister wirft, um sie zu vertreiben. Diese Schilderungen sind Geschmackssache und haben mich eher irritieren als faszinieren können.

Die Ermittlungen rund um den Tod der jungen Frau sowie Alex’ Suche nach einer verschwundenen Person sind die zentralen Elemente der Geschichte, die langsam in Schwung kommt. Hier stößt Alex auf ein scheinbar undurchdringliches Geflecht aus Geheimnissen, Vertuschung und Intrigen. Doch auch als es gefährlich wird gibt sie nicht auf und forscht mit ihrer trockenen und beharrlichen Art weiter. Dabei kommt sie auch der Welt der Geister, von der sie seit Jahren konsequent Abstand hält, immer näher. Zum Ende hin erlebt man als Leser noch mal einige Überraschungen und die Antworten auf die offenen Fragen sind vielschichtiger als gedacht.

„Das neunte Haus“ von Leigh Bardugo nimmt den Leser mit in eine gefährliche Welt voll blutiger Rituale, Geister und Geheimnisse, von der am Campus der Eliteuniversität Yale nur wenige etwas ahnen. Trotz der der angenehm unperfekten Protagonistin mit einer interessanten Hintergrundstory hat mich das Setting leider nicht gänzlich packen können. Wenn ihr Lust auf eine düstere Urban Fantasy habt, dann seid ihr der richtige Leser für dieses Buch!

Samstag, 15. Februar 2020

Rezension: Je tiefer das Wasser von Katya Apekina


Rezension von Ingrid Eßer

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Titel: Je tiefer das Wasser
Autorin: Katya Apekina
Übersetzerin aus dem amerikanischen Englisch: Brigitte Jakobeit
Erscheinungsdatum: 17.02.2020
Verlag: Suhrkamp (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag (Leseexemplar)
ISBN: 9783518429075
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Der Roman „Je tiefer das Wasser“ ist das Debüt von Katya Apekina, die heute in Kalifornien lebt. Die Worte auf dem Cover sind hingepinselt, unregelmäßig, wie in Eile geschrieben. Ein Augenpaar schaut mich schräg dazu zwischen den Buchstaben an, viele gesehenen Dinge verbergend und dadurch neugierig machend auf die Geschichte zwischen den Buchdeckeln.

Die 16-jährige Edith, kurz Edie genannt, wohnt mit ihrer zwei Jahre jüngeren Schwester Mae und ihrer Mutter Marianne in einem Vorort von New Orleans. Eines Tages findet sie ihre Mutter kaum noch bei Bewusstsein vor, weil sie versucht hat, sich umzubringen. Edies Eltern leben seit vielen Jahren getrennt, ihr Vater ist ein bekannter Schriftsteller und wohnt in New York. Nach der Einlieferung von Marianne in die psychiatrische Klinik haben die beiden Schwestern keine andere Möglichkeit als ihrem Vater Dennis in den Norden zu folgen. Während Edie bald schon ihre Freunde vermisst, lebt Mae auf, denn sie fühlt sich von Zwängen befreit.

Katya Apekina kehrt für ihre Erzählung zurück in das Jahr 1997, das eine besondere Bedeutung für Edie und Mae hatte und einen Wendepunkt in ihrem Leben darstellte. Während Edie über die aktuellen Begebenheiten aus dieser Zeit heraus erzählt, berichtet Mae aus dem Jahr 2012 im Rückblick auf die Ereignisse. Die Autorin lässt ihre Figuren tiefe Emotionen zeigen, dazu nutzt sie zum weiteren Verständnis der Handlungen ihrer Protagonisten verschiedene Perspektiven, um nochmals einen anderen Blickwinkel einzunehmen und dabei vielleicht ein weiteres Hintergrunddetail zu entdecken. Die unterschiedlichen Sichtweisen waren auch wichtig dafür, entgegengesetzte Meinungen nachvollziehen zu können. Hinzu kommen einige originelle Ergänzungen wie Tagebucheinträge, Telefonate und Briefe, die dem Roman eine ganz eigene Form geben.

Obwohl die beiden Schwestern sich sehr nahestehen, sind sie doch recht gegensätzliche Charaktere. Sie lieben sich, aber in anderen Situationen hassen sie sich. Ihre Eltern haben sich getrennt, als Edie vier Jahre alt war. Edie hat noch rudimentäre Erinnerungen an die gemeinsame Zeit mit ihrem Vater. Sie ist selbstbewusst und hat sich in der Schule Anerkennung erarbeitet. Ich konnte ihre Unzufriedenheit gut verstehen. Ihre zynischen Kommentare lassen ihre Frustration erkennen und geben der Erzählung manchmal einen auflockernden Unterton. Während sie sich auf die Seite der Mutter stellt und an deren baldige Genesung und Heimkehr glaubt, freut Mae sich über die Chance, ihren Vater besser kennen zu lernen. Zusätzlich bietet er ihr eine interessante neue Umgebung. Bei ihrer Mutter fühlte sie sich eingeengt, denn sie ist nicht so unternehmenslustig wie ihre Schwester und bekam durch ihre häufige häusliche Anwesenheit oft Aufgaben von Marianne zugeteilt. Äußerlich ähnelt sie ihrer Mutter, die bereits in jungen Jahren maßgeblich den kreativen Schreibprozess des Vaters beeinflusst hat. Mae sieht sich in der gleichen Rolle. Während Edie sich auflehnt und ihre Wut gelegentlich überhandnimmt, wirkt Mai demgegenüber verträumt und zieht sich mitunter in sich selbst zurück.

Katya Apekina erzählt in ihrem Roman „Je tiefer das Wasser“ darüber, wie zwei Töchter die psychische Erkrankung der Mutter auf sehr unterschiedliche Weise verarbeiten. Dabei wird mit anhaltender Krankheit und der damit verbundenen neuen Eindrücke in einer fremden Umgebung die Geschichte immer schmerzhafter für die beiden. Die Autorin hält durch immer neue Wendungen die Erzählung durchgehend interessant und konnte mich mit der besonderen Gestaltung des Romans überzeugen. Er ist tiefgehend und ergreifend, nimmt sensible Themen in den Fokus und stimmt dadurch nachdenklich. Sehr gerne empfehle ich das Buch weiter.


Mittwoch, 12. Februar 2020

Rezension: Der Hund von Akiz


Rezension von Ingrid Eßer

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Titel: Der Hund
Autor: Akiz
Erscheinungsdatum: 27.01.2020
Verlag: hanserblau (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover
ISBN: 9783446265998
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Dieser Roman hat meine Geschmacksnerven alleine nur durch Lesen der Zeilen angesprochen, weil ich glaubte, die beschriebenen Aromen auf der Zunge und im Gaumen spüren zu können. Ich freue mich darüber, dass sich dadurch bei mir kein Begehren meldete, die beschriebenen -mal vorsichtig gesagt- „Köstlichkeiten“ zu probieren. Stattdessen empfand ich Mitleid mit mancher Spezies für die hier eine spezielle Zubereitung beschrieben wird und teilweise auch Ekel. Es sind Genießer mit außergewöhnlichem Geschmack die Akiz, dem Pseudonym von Achim Bornhak, in seinem Debütroman „Der Hund“ beschreibt. Sie fallen mit ihrer extremen Leidenschaft für ungewöhnliche Gerichte auf und fordern dadurch das ganze Können eines Kochs heraus.

Der Titel lässt vielleicht zunächst an ein Tier denken, über das der Roman handelt, doch es ist der Spitznamen eines Kochs, der zunächst an der Seite des Ich-Erzählers Mo in einem Imbiss arbeitet und ihm so anhänglich ist wie der gleichnamige treue Begleiter des Menschen. Schnell fällt er durch seine besonderen Kreationen auf und bald arbeiten die beiden im Sternerestaurant gegenüber. Keiner weiß, wo der Hund eigentlich herkommt, wie sein richtiger Name lautet und woher und wodurch er seine Qualifikationen erworben hat. Das ist eigentlich auch gar nicht wichtig, in der Branche zählen nur seine augenblicklichen Zubereitungen mit denen er alle verzückt. Seine Erfolge und der Zuspruch, den er erhält, treiben ihn zu immer neuen eigenartigen Leistungen an und er gewinnt zunehmend an Courage, um seine Ideen umzusetzen. Aber nach dem Erreichen des höchsten Genussgipfels bleibt nur noch der Weg zurück …

Der Autor, der für die Recherche des Buchs selbst in einer Restaurantküche gearbeitet hat, zeigt in seiner Geschichte eine überspitzte Darstellung der Welt der Köche. Angetrieben von Genussmenschen, die über ausreichend monetäre Mittel verfügen, versuchen sie die ausgefallensten Gerichte mit den undenkbarsten Zutaten zu schaffen und die ausgezeichnetsten Getränke aus entlegensten Regionen zu besorgen. Dabei entwickelt sich eine Gruppe, die untereinander bestens kennt und sich gegenseitig nichts gönnt. Woran sich ihre Geschmäcker messen lassen, ist fraglich, bedeutsamer ist es, an seltene Ressourcen zu gelangen. Der Hund ist von der ihm präsentierten Gelegenheit fasziniert und wird zu ihrem Spielball, gewinnt ihre Sympathie, bis jeder ihn für sich vereinnahmen will.

Der Roman „Der Hund“ von Akiz ist gleichzeitig abstoßend und faszinierend aufgrund der Groteske mit der der Autor die Gesellschaft mit unserer Hingabe für Leidenschaften vorführt. Sicherlich kein Roman für jedermann, aber für diejenigen, die nach dem literarischen Besonderen suchen. 

Sonntag, 9. Februar 2020

Rezension: Eine fast perfekte Welt - Milena Agus


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Eine fast perfekte Welt
Autorin: Milena Agus
Übersetzerin: Monika Köpfer
Hardcover: 208 Seiten
Erschienen am 24. Januar 2020
Verlag: dtv Literatur

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Als Esters Verlobter Raffaele nach dem Zweiten Weltkrieg zurück in ihr Dorf auf Sardinien kommt, erkennt sie ihre einst große Liebe kaum wieder. Er bleibt nicht lange, sondern geht aufs Festland, um im Hafen von Genua zu arbeiten. Ester kann nicht verstehen, wie man an solch einem Ort leben kann. Trotzdem heiratet sie ihn nach einigen Jahren und zieht zu ihm. Ihre Tochter Felicita ist ein Lichtblick in ihrem Leben, doch sie sehnt sich zurück nach Sardinien. Doch auch dort wird ihre Sehnsucht nicht gestillt. Felicita gehört weder zur einen noch zur anderen Welt: Das Leben auf Sardinien finder sie langweilig und anstrengend, auf dem Festland wird sie als Hinterwäldlerin behandelt. Trotzdem versucht sie, aus jeder Situation das Beste zu machen und ihr Leben nach ihren Vorstellungen zu gestalten.

Die Geschichte beginnt einige Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, als Raffaele aus der Kriegsgefangenenschaft zurück nach Sardinien kommt. Er arbeitet hart und kann trotzdem kaum etwas ansparen, sodass die Hochzeit mit Ester noch warten muss. Ester kann mit ihm nicht mehr viel anfangen und hat an allem etwas auszusetzen, trotzdem heiraten die beiden. Das einfache Leben in der Stadt gefällt ihr wenig überraschend überhaupt nicht, nur ihre Tochter Felicita macht ihr Freude.

Ester und Felicita sind gänzlich unterschiedliche Charaktere mit einem völlig anderem Blick auf das Leben auf dem Festland und auf Sardinien. Ester sehnt sich nach einem Ort zum Ankommen, den sie jedoch nirgends findet. Die beengenden Verhältnisse in der Stadt findet sie besonders schlimm. Felicita hingegen geht es genau anders herum, auf Sardinien muss sie schuften und kann kaum glauben, dass ihre Großmutter noch nie das Meer gesehen hat, obwohl es nur eine Stunde entfernt ist. Ich fand es interessant, durch diese zwei verschiedenen Perspektiven aufs Geschehen zu blicken.

Der Fokus verlagert sich im Laufe der Geschichte immer mehr hin zu Felicita. Sie verliebt sich in einen Jungen, der zwar Intimitäten zulässt, ihre Gefühle aber nicht erwidert. Als Erwachsene muss sie wegweisende Entscheidungen treffen hinsichtlich der Frage, wo und wie sie leben will. Dabei macht sie einige neue Bekanntschaften, die für schöne und unterhaltsame Situationen sorgen. Sie bringen weitere Perspektiven ins Geschehen ein.

Die Autorin sagt selbst, dass sie mit diesem Buch ein Sardinien retten möchte, dass es eines Tages möglicherweise nur noch in Büchern gibt. Ihre Schilderungen sind dementsprechend sehr atmosphärisch und es werden Einblicke in das Leben auf der Insel gegeben. Ich hatte beim Lesen jedoch auch das Gefühl, dass die Geschichte sehr schnell vorüberzieht. Es gibt immer nur kurze Einblicke und häufige Zeitsprünge, sodass ich mir an vielen Stellen gewünscht habe, tiefer eintauchen zu dürfen.

„Eine fast perfekte Welt“ nimmt den Leser mit nach Italien, wo eine Mutter und ihre Tochter sowohl auf dem Festland als auch auf Sardinien leben und diese Lebensweisen völlig unterschiedlich wahrnehmen. Ich fand diese Einblicke interessant und habe vor allem mit Felicita gehofft, dass sie ihren Weg finden wird. Ein stimmungsvoller und berührender Einblick in die sardische Heimat der Autorin!

Freitag, 7. Februar 2020

Rezension: Das Glück ist zum Greifen da von Sylvia Deloy


Rezension von Ingrid Eßer

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Titel: Das Glück ist zum Greifen da
Autorin: Sylvia Deloy
Erscheinungsdatum: 31.01.2020
Verlag: Bastei Lübbe (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Ausgabe: Taschenbuch
ISBN: 9783404189213
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Im Roman „Das Glück ist zum Greifen da“ von Sylvia Deloy ist Ana die Protagonistin. Sie ist gebürtige Serbin, lebt aber schon seit 12 Jahren in Deutschland, hat hier gejobbt und Produktdesign studiert. Vor elf Jahren hat sie sich in Udo, einen Blasmusiker, verliebt und ist mit Zwillingen von ihm schwanger geworden. Die Beziehung nicht gehalten, weil Udo eine internationale Karriere angestrebt hat.

Jetzt soll Ana abgeschoben werden und nur eine Stelle in ihrem studierten Beruf, eine Heirat oder der Nachweis, dass der Vater ihrer Kinder Deutscher ist, könnte dies vielleicht verhindern. Jede der Möglichkeiten scheint für Ana momentan nicht realisierbar, obwohl Freunde und Bekannte ihre Abschiebung gerne verhindern möchten. Zu ihnen gehört auch Peter, der Klavierlehrer der musikalisch begabten Zwillinge, von dem Ana sich auf besondere Weise angezogen fühlt.

Das Cover vermittelte mir, dass die kommende Geschichte frisch und pfiffig ist. Ich wurde dabei nicht enttäuscht, ganz im Gegenteil erwartete mich ein amüsanter Roman mit ernsten Hintergrundthemen. Glücklicherweise endet jede romantische Liebeskomödie mit einem guten Ende, doch bis es soweit war, hatte Ana viele emotionale Täler zu durchqueren.

Die Figur der Ana hat mir sehr gut gefallen. Sie ist sympathisch, hilfsbereit und hat ihren Alltag unter Einbeziehung ihrer Freunde und Nachbarn gut organisiert. Natürlich hat sie in Bezug auf ihre Ausweisung große Sorgen, doch auch für diesen Fall hat sie einen Notfallplan entwickelt. In den wenigen Wochen bis zum festgesetzten Termin der Abschiebung durchlebt sie ein Wechselbad der Gefühle.

Die Autorin gestaltet ihre Erzählung realitätsnah dank guter Recherche und eigenen Erfahrungen. Durch das Schaffen von heiteren Situationen, die beispielsweise durch den Wortwitz und Tatendrang der Zwillinge hervorgerufen werden, lockert sie den Roman auf. Immer wieder geschieht etwas Unvorhergesehenes, das für eine Wendung sorgt, so dass es nie langweilig wird.

„Das Glück ist zum Greifen da“ von Sylvia Deloy ist ein heiterer Roman, der mit ernsten Themen verflochten ist. Er ist durchgehend lesenswert und ich konnte ihn kaum aus der Hand legen. Ich empfehle ihn gerne weiter, vor allem an Leser, die Fans von romantischen Liebeskomödien sind.

Mittwoch, 5. Februar 2020

Rezension: You are (not) safe here - Kyrie McCauley


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Your are (not) safe here
Autorin: Kyrie McCauley
Übersetzer: Uwe-Michael Gutzschhahn
Broschiert: 400 Seiten
Erschienen am 24. Januar 2020
Verlag: dtv Junior

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Das Cover des Buches sieht mit seinen schwarzen Federn bedrohlich aus. Doch von außen betrachtet ist das Leben in Auburn, einer kleinen Stadt in Pennsylvania, ganz normal. Nur wer hinter die Fassade blickt erkennt, in welcher Gefahr sich die 17jährige Leighton und ihre Schwestern befinden. Ihr Zuhause, dass doch eigentlich ein sicherer Zufluchtsort sein sollte, müssen sie mit ihrem zu schlimmen Wutausbrüchen neigenden Vater teilen. Regelmäßig verbringen die Schwestern angstvolle Nächte im Schrank, während sich ihre Mutter das Verhalten des Vaters gefallen lässt. Leightons Schulabschluss rückt näher und sie gibt alles, um an ein gutes College gehen zu dürfen. Doch was wird dann aus ihren Schwestern? Und wieso interessiert sich der beliebte Liam plötzlich ausgerechnet für sie?

Die Protagonistin Leighton lernt man kennen, als sie in einer Nacht wieder einmal angstvolle Stunden gemeinsam mit ihren Schwestern durchleben muss. Ihr Vater brüllt herum, wirft Sachen durch den Raum, tut seiner Frau physische und seinen Kinder psychische Gewalt an. Sie können niemanden um Hilfe rufen, denn das Telefonkabel zieht er vor seinen Ausbrüchen aus der Wand und den Besitz von Handys erlaubt er nicht. Außerdem ist da noch die Pistole, die er immer in Griffweite liegen hat. Immer wieder wird man in diesem Buch als Leser Zeuge von häuslicher Gewalt, die dem Leser schmerzlich klar macht, was es heißt, sich in seinem Zuhause nicht sicher fühlen zu können.

Tagsüber versucht Leighton, ihr Abschlussjahr mit guten Noten zu meistern, um auf ein College ihrer Wahl gehen zu können. Sie bleibt lieber am Rand des Geschehens, arbeitet für die Schulzeitung und hat mit Sofia eine gute Freundin. Als der Liam, der Star der Footballmannschaft, beginnt, mit Leighton zu flirten, weist sie ihn zurück. Doch er bleibt auf angenehme Weise hartnäckig und bringt sie ins Grübeln, ob sie sich nicht doch ein bisschen Spaß gönnen darf. Die sich langsam entwickelnde Liebesgeschichte fand ich süß, und sie steht in starken Kontrast zu den Momenten der Angst, die sie immer wieder durchlebt. Schließlich muss sie sich entscheiden, ob sie sich Liam gegenüber öffnet. Es fällt ihr schwer, denn sie hat lernen müssen, dass die Bewohner von Auburn gut im Wegschauen sind.

Die Geschichte hat auch eine magische Komponente: Zum einen durch das Auftauchen der Krähen, deren Bestand kontinuierlich ansteigt. Zum anderen durch das Haus, in dem Leighton wohnt und das die Spuren der Gewalt Tag für Tag aufs Neue beseitigt. Die Autorin schreibt, dass die dadurch die Surrealität häuslicher Gewalt ausdrücken wollte. Aus der Story rund um die Krähen hätte man meiner Meinung aber noch mehr machen können.

„You are (not) safe here“ ist ein beklemmendes Jugendbuch rund um häusliche Gewalt. Die Highschool-Szenen bieten Gelegenheit zum Durchatmen, ich fand sie genauso wie die Charaktere dort jedoch zu klischeehaft. Ein Buch, das zum Nachdenken anregt und ein Plädoyer gegen das Wegschauen ist.

Sonntag, 2. Februar 2020

Rezension: Der Trip von Fiona Barton


Rezension von Ingrid Eßer

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Titel: Der Trip (Band 3/3, Serie: Detective Bob Sparks/Journalistin Kate Waters)
Autorin: Fiona Barton
Übersetzerin (aus dem Englischen): Sabine Längsfeld
Erscheinungsdatum: 28.01.2020
Verlag: Wunderlich (Link zur Buchseite des Verlags)
ISBN: 9783805200090

Weitere Rezensionen zur Serie:
Band 1/3 Die Witwe: KLICK!
Band 2/3 The Child KLICK!
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Der Thriller „Der Trip“ der Engländerin Fiona Barton ist der dritte Band einer Buchserie bei der die Journalistin Kate Waters von der Daily Post ihre eigenen Wege geht, um zu den Ermittlungen des Teams der Kriminalpolizei, das von Detective Bob Sparks geleitet wird, beizutragen. Der vorliegende Fall handelt von zwei jungen Frauen aus Winchester, die direkt nach ihrem Schulabschluss auf einen Backpacking-Trip nach Thailand reisen.

Für Alex, die die Reise geplant hat, ist es die Verwirklichung eines großen Traums. Sie möchte die schönsten Orte des Lands sehen und erleben, sich aber auch an den weitläufigen Sandstränden in schönen Buchten erholen. Kurz vor der Reise zieht Alex‘ beste Freundin ihre Teilnahme zurück, stattdessen findet Alex in ihrer Mitschülerin Rosie eine neue Reisegefährtin. Obwohl Rosie sich von Alex‘ Plänen begeistert zeigt, möchte sie vor Ort eigene Wege gehen. Währenddessen postet Alex in den Sozialen Medien ihre Erlebnisse, bis diese eines Tages ausbleiben. Ihre Eltern wenden sich an die Polizei. Detective Bob Sparkes wird mit dem Fall beauftragt und benachrichtigt Kate Waters von der er weiß, dass ihr ältester Sohn sich vor zwei Jahren auf einen Selbstfindungstrip nach Thailand begeben hat. Die Informationen fließen nur spärlich, so dass Kate beschließt, selbst vor Ort in Asien zu recherchieren. Dass die Reise zu einer sehr persönlichen Angelegenheit werden wird, erlebt sie erst in Bangkok.

Die Erzählung beginnt im Juli 2014, nicht ganz eineinhalb Jahre nach dem Epilog des vorigen Teils „The Child“. Es wird an einigen Stellen während der aktuellen Fallermittlungen zwar auf die bisherige Zusammenarbeit von Bob Sparkes und Kate Waters hingewiesen und ein paar Details erwähnt, aber Vorkenntnisse der ersten beiden Bände sind nicht erforderlich, um den Geschehnissen mühelos folgen zu können. Wie bisher versucht Kate als Journalistin wieder, die Erste zu sein, die mit den Betroffenen der Opfer spricht und daraufhin ihre Story schreibt.

Fiona Barton erzählt aus unterschiedlichen Perspektiven in denen sie verschiedene Protagonisten in den Mittelpunkt rückt. Die Titel der Kapitel geben an, welche Person jeweils im Fokus steht. Zum ersten Mal in der Serie übernimmt dabei Kate die Ich-Perspektive. Bob als „Der Polizist“ und Lesley O’Connor, deren Tochter Alex sich den Thailandtrip gewünscht hat, als „Die Mutter“ sind weitere Hauptfiguren. Parallel dazu schiebt die Autorin Kapitel ein, die in Bangkok spielen und in denen sie die Geschichte der beiden jungen Frauen erzählt ab ihrer Ankunft in der Thailändischen Hauptstadt. Auf diese Weise erfuhr ich zunehmend mehr über die Freundschaft von Alex und Rosie zueinander, ihren Vorstellungen über ihren Aufenthalt und ihren neuen Freunden vor Ort. Der Erzählstrang gibt Hintergrundinformationen, die das Bild des Verbrechens später abrunden werden.

Die Ermittlungen von England aus, die versuchen den Fall im fernen Thailand aufzuklären, gestalten sich mühevoll, denn Bangkok zeigt seine quirlige und undurchschaubare Seite. Daneben baut Fiona Barton einige parallele Nebenschauplätze ein, deren Handlungen aber nicht zur Aufklärung des Falls beitragen und dadurch leider zu ein paar Längen führen. Nach einem ruhigen Beginn des Thrillers steigert sich die Spannung zwar zunehmend, wird aber immer wieder leicht ausgebremst durch die Einschübe der täglichen Ereignisse rund um die beiden Freundinnen. Zwar konnte ich die Sorge der beiden Elternpaare nachvollziehen, jedoch wurden mir die Figuren nicht wirklich sympathisch. Ich fand den Thriller nicht ganz so mitreißend wie die beiden vorigen Teile der Serie.

Die Autorin thematisiert die Rolle der Eltern bei der Erziehung, bei der mit zunehmendem Alter der Kinder das Vertrauen zueinander immer wichtiger wird. Auch die Rolle der Sozialen Medien und die Wirkung von öffentlichen Postings wird gezeigt, wobei sie eine wichtige Funktion im Rahmen einer Fallermittlung einnehmen können. In jedem der Fälle der vorliegenden Serie habe ich einiges über investigativen Journalismus erfahren, so auch hier. Aber diesmal konnte mir Kate als Ich-Erzählerin auch ihre Gefühle vermitteln, die sie als Journalistin an vorderster Front des Falls empfindet. Ich konnte ihren Zwiespalt spüren zwischen Mutterrolle und ihrer der Wahrheit verpflichteten Arbeit.

„Der Trip“ von Fiona Barton ist mehr als ein Thriller, der nur eine Tatermittlung beschreibt. Die Autorin versteht es, aktuelle Themen in die Ereignisse einzubinden. Auch deshalb ist das Buch lesenswert. Eltern werden ihre Ängste um ihre heranwachsenden Kinder wiedererkennen. Die Frage, ob man anders unterstützend hätte tätig werden müssen, steht im Raum und stimmt nachdenklich. Gerne empfehle ich ihn an Fans von Thrillern und Krimis weiter.


Freitag, 31. Januar 2020

Rezension: Das Glück ist zum Greifen da von Sylvia Deloy


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Das Glück ist zum Greifen da
Autorin: Sylvia Deloy
Taschenbuch: 352 Seiten
Erschienen am 31. Januar 2020
Verlag: Bastei Lübbe

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Ana hat serbische Wurzeln und lebt gemeinsam mit ihren zwölfjährigen, musikalisch hochbegabten Zwillingen in Köln. Der Vater der beiden, ein erfolgreicher Hornist, hat sich schon vor der Geburt aus dem Staub gemacht und als einziges Lebenszeichen zum sechsten Geburtstag der Kinder einen riesigen Flügel mit einem Umschlag voller Geld geschickt. Das ist jedoch so gut wie aufgebraucht und Ana sucht schon seit Monaten erfolglos nach einem Job als Produktdesignerin. Als ihr Job bei einem Start-Up im letzten Moment platzt und dann auch noch ein Brief vom Ausländeramt eintrudelt mit der Bitte, in den nächsten 28 Tagen das Land zu verlassen, braucht sie dringend einen Plan, um in Köln bleiben zu dürfen.

Als Leser lernt man die Protagonistin Ana kennen, als sie gerade an einem persönlichen Tiefpunkt angekommen ist. Fast hatte es mit einem Job geklappt, und nun schwebt die Abschiebung nach Serbien wie ein Damoklesschwert über ihr. Sie fühlt sich in Köln heimisch, hat dort viele Freunde, spricht perfekt Deutsch und ihre Zwillinge sind dort aufgewachsen. In das serbische Dorf ihrer Schwester zu ziehen würde für sie erneute Entwurzelung und persönliches Scheitern zugleich bedeuten.

Die Geschichte ist eine romantische Komödie, die durch das Thema der drohenden Abschiebung auch ernste Momente hat. Im Vordergrund steht jedoch die Unterhaltung, sodass man selbst während Anas Besuch beim Ausländeramt immer wieder schmunzeln muss. Denn während sie mit ihrem Sachbearbeiter über eine Fristverlängerung sprechen will zocken die Zwillinge munter Fruit Ninja, plaudern Geheimnisse aus und entdecken die Auf- und Abfahrfunktion von Drehstühlen.

Es geht angenehm turbulent zu, sodass ich schnell mitten in der Geschichte war. Die Musikschule möchte bald ein Musical veranstalten, und Ana hilft Peter, ihrem Nachbarn und Klavierlehrer ihrer Kinder, bei der Organisation. Helikoptermütter müssen beruhigt, Kinder motiviert und Kostüme genäht werden. Dabei scheint Peter zunehmend mit ihr zu flirten. Gleichzeitig sucht Ana mit zunehmender Verzweiflung nach einem Job und probiert Tinder aus, um auf andere Gedanken zu kommen. Bei all dem emotionalen Auf und Ab steht ihr zum Glück ihre beste Freundin Ella mit Rat und Tat zur Seite.

Mir hat der Schreibstil von Sylvia Deloy sehr gefallen. Das Buch bietet eine gelungene Mischungaus lustigen, schönen und romantischen Momenten, ohne in Klischees und Kitsch abzudriften. Es geht um Freundschaft, Hilfsbereitschaft, Mutterschaft und Liebe. Dabei lernt man neben Ana viele sorgfältig ausgearbeitete Charaktere kennen, über deren Schicksal ich gerne mehr erfahren habe. Immer wieder konnte die Geschichte mich durch unerwartete Wendungen überraschen.

Auch wenn die Autorin natürlich ihren ganz eigenen Stil hat ist dieses Buch für mich ein Stück weit die kölsche Antwort auf die in Hamburg spielenden Bücher von Petra Hülsmann. Fans der Autorin rate ich, unbedingt dieses Debüt von Sylvia Deloy zu entdecken. Für mich ist „Das Glück ist zum Greifen da“ eine rundum gelungene Geschichte. Ein Must Read für alle Leserinnen romantischer Komödien!

Donnerstag, 30. Januar 2020

Rezension: Robin und Lark von Alix Ohlin


Rezension von Ingrid Eßer

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Titel: Robin und Lark
Autorin: Alix Ohlin
Übersetzerin: Judith Schwaab (aus dem Englischen)
Erscheinungsdatum: 27.01.2020
Verlag: C.H. Beck (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag (Leseexemplar)
ISBN: 9783406747755
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Der Roman „Robin und Lark“ der gebürtigen Kanadierin Alix Ohlin erzählt die Geschichte der beiden titelgebenden Schwestern. Das Cover vermittelte mir den Eindruck, dass die Schwestern sich gegenseitigen Halt bieten und dennoch ein Vertrauen zueinander besteht, das es ermöglicht sich ohne vorherige Erklärung voneinander lösen zu können, ohne dabei im übertragenen Sinne tief zu fallen.
Die Geschichte spielt zwischen zwei Staaten, einerseits im Süden Kanadas und andererseits im Westen der USA. Das Buch gliedert sich in vier Kapitel, wobei das erste den Titel „Davor“ trägt. Nicht nur die Betitelung warf die Frage danach auf, vor welcher Begebenheit sich das Geschehen ereignen wird, sondern auch der erste Satz weckte meine Neugier, denn darin erwähnt Lark als Ich-Erzählerin des gesamten Romans, dass Robin und sie in die Lebensgeschichte von Scottie verbandelt sind. Wer Scottie ist, erfuhr ich erst am Ende des Buchs.

Lark ist vier Jahre älter als Robin, die beiden haben verschiedene Väter. Weil ihre Mutter Marianne nach dem frühen Tod von Robins Vater alleinerziehend ist und dabei berufstätig bleibt, sind die beiden Mädchen schon als Kinder stundenweise allein zu Hause. Lark schlüpft als Ältere dabei in eine beschützende Rolle. Ihre Bindung zueinander wächst, doch mit zunehmendem Alter gehen die Interessen der Mädchen immer weiter auseinander. Während Lark sehr gute Noten in der Schule erhält und einem Studium in den USA entgegenstrebt, entdeckt Robin die Musik für sich. Ihre Begabung im Klavierspiel wird entdeckt. Noch einmal finden die beiden Halt beim anderen, bis ihre Wege sich scheinbar endgültig trennen.

Alix Ohlin hat den Charakter ihrer beiden Protagonistinnen sehr gut ausformuliert. Sie lässt Lark die Geschehnisse als Erwachsene im Rückblick erzählen und schaut dabei auf die Zusammenhänge, warum ihre Lebensgeschichten sich so unterschiedlich entwickelt haben. Eine entscheidende Rolle, die die beiden Frauen geprägt hat, ist ihre Mutter, die die ihr in den 1970ern Jahren gesellschaftlich üblichen zugedachten Mutterrolle nicht akzeptiert und sich in verschiedenen Berufen ausprobiert. Aufgrund einer Reisetätigkeit ist sie später immer weniger Zuhause. Ihre mütterliche Liebe äußert sich eher ungewöhnlich mit sarkastischen und groben Antworten auf Fragen ihrer Kinder. Mit wechselnden Partnern ihrer Mutter lernen Robin und Lark umzugehen. Bindungsfähigkeit entwickeln beide auf ganz verschiedene Weise.

Während Lark durch ihren Schulfleiß auffällt und gern die stille Beobachterin bleibt, ist Robin eigenwillig, ohne scheu und findet daher schnell Freundschaften. Jedoch ist es schwierig, ihr uneingeschränktes Vertrauen zu erhalten. Einfühlsam lässt die Autorin Lark als Erzählerin ihre Gefühle beschreiben: bei der Loslösung von ihrer Familie, beim ersten Date, beim Auszug zum Studium, bei der Entdeckung ihrer Berufung und dem Eintauchen in eine neue künstlerische Welt bis hin zu einem geheimen Wunsch. Ihre Empfindungen über Entscheidungen, die Robin für sich selbst trifft, prägen Lark. Jeder Schritt war für mich durch die geschilderten Begründungen nachvollziehbar. Immer wieder überraschte mich Alix Ohlin mit neuen unvorhergesehenen Wendungen.

„Robin und Lark“ ist ein bewegender und nachhallender Roman über zwei Schwestern, die auf ihre je eigene Weise einen Weg zur Selbstverwirklichung finden. Es ist aber auch ein Roman über die Mutterrolle, dem Suchen nach wahrer Liebe und dem Wunsch nach Anerkennung für die eigene Fähigkeiten. Gerne empfehle ich das Buch weiter.

Mittwoch, 29. Januar 2020

Rezension: Die Reisenden von Regina Porter


Rezension von Ingrid Eßer

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Titel: Die Reisenden 
Autorin: Regina Porter
Übersetzerin: Tanja Handels
Erscheinungsdatum: 29.01.2020
Verlag: S. Fischer (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag als Leseexemplar
ISBN: 9783103973952
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In ihrem Debütroman „Die Reisenden“ schreibt die US-Amerikanerin Regina Porter über zwei Familien, die auf ihre Weise das Lebensgefühl des Landes von den 1950ern bis 2010 wiederspiegeln. Protagonisten der Geschichte sind Rufus und Claudia und ihre Eltern, aber auch viele weitere Bekannte, Freunde, Familienangehörige und Geliebte.

Der Roman beginnt im Jahr 2009. Rufus und Claudia führen eine gemischtrassige Ehe und haben zwei Kinder im Kindergartenalter. James Samuel Vincent ist der Vater von Rufus, geschieden und wieder neu verheiratet. Claudia Mutter Agnes hat in den 1960ern ein traumatisierendes Ereignis gehabt, aufgrund dessen sie sich von ihrem damaligen Freund trennte, wenig später Eddie traf und heiratete. Beverly ist Claudias Schwester, hat vier Kinder und übernimmt in einigen Kapiteln die Erzählerrolle. Der inzwischen verstorbene Vater der beiden verpflichtete sich nach seiner Hochzeit zur Navy und wurde im Vietnamkrieg auf einem Flugzeugträger eingesetzt.

Eddie litt unter den Rassenspannungen auf dem Schiff sowie den Kampfangriffen und deren Auswirkungen und lenkte seine Gedanken und Gefühle mit Lesen ab. Der Text des komödiantischen Schauspiels „Rosenkrantz und Güldenstern“ von Tom Stoppard begleitet ihn schließlich überall hin. Mit seinen Kindern spielte er den Inhalt später häufig nach. Wie Rosenkrantz und Güldenstern sind die Figuren in diesem Roman Reisende, die arglos sind im Spiel der politischen Gegebenheiten. Das Foto auf dem Cover ist nicht das Einzige, das die Erzählung unterstützt, sondern es finden sich zu Beginn jeden Kapitels wie auch im Text von der Autorin ausgesuchte illustrierende Bilder in schwarz-weiß.

Regina Porter nimmt sich Zeit für jede ihrer Charaktere. In den Kapiteln fokussiert sie auf jeweils eine Figur. Sie beschreibt einen Lebensabschnitt der im Mittelpunkt stehenden Person, der als solcher mit einer Kurzgeschichte vergleichbar ist. Die erzählten Situationen stattet sie mit etlichen weiteren Personen aus, von denen viele in anderen Szenerien wieder eine kleine Rolle übernehmen. Das ist nicht immer einfach nachzuvollziehen, hilfreich dabei ist eine Übersicht im Buch, die die Querverbindungen der Charaktere untereinander visualisiert.

Über den Kapiteln findet sich ein Zeitrahmen, in den man das Geschehen einordnen kann, denn die Autorin blickt zurück, sieht nach vorn und schildert aktuelle Ereignisse des Jahrs 2010, wobei sie die Szenarien immer umrahmt mit geschichtlich bedeutenden und kulturellen Begebenheiten, gleich in welcher Zeit. Sie erzählt abwechslungsreich und ändert dabei auch die Erzählform. Ihre Figuren sind vielschichtig, lernen aus ihrem Verhalten und entwickeln sich dadurch weiter. Sie sind weiß, farbig, gemischtrassig, alt, jung und verschieden sexuell orientiert. Sie haben ihre Ängste und Sorgen, doch viele sind neugierig auf das Leben und getrieben, das beste für sich daraus zu schöpfen.

Regina Porter zeigt in ihrem bunt gestalteten Roman „Die Reisenden“, dass wir einfach alle Menschen sind, nicht perfekt, sondern mit Fehlern und gleich welcher Hautfarbe, welchen Alters oder Orientierung und das wir sehr unterschiedliche Gefühle, Erwartungen und Wünsche haben, die nach Respekt und Anerkennung verlangen. Ein großartiges, vielgestaltiges Buch, das ich gerne empfehle.

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