Mittwoch, 4. August 2021

Rezension: Gegenlicht - ein Bronski-Krimi von Bernhard Aichner

 


Rezension von Ingrid Eßer

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Titel: Gegenlicht - Ein Bronski-Krimi (2. Band der Serie)
Autor: Bernhard Aichner
Erscheinungsdatum: 26.07.2021
rezensierte Buchausgabe: Klappenbroschur
ISBN: 9783442759170

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Der Thriller „Gegenlicht“ von Bernhard Aichner ist der zweite Band einer Kriminalserie, in der die fiktive Figur des Pressefotografen David Bronski ermittelt. Die Kenntnis des ersten Teils ist nicht unbedingt notwendig, um die vorliegende Handlung zu verstehen. Bronski, wie der Protagonist von allen kurz genannt wird, ist Mitte Vierzig und liiert, aufgewachsen in Tirol, wohnt in Berlin und hat eine erwachsene Tochter. Wie bereits beim ersten Teil ist der Titel ein Begriff aus der Fotografie, der in Bezug zum Inhalt steht.

Im Prolog kann ein Mann fortgeschrittenen Alters, der es sich mit seiner bezahlten Begleitung Nadia in seinem Garten gemütlich gemacht hat, im Gegenlicht nicht sofort erkennen, was ihm da vom Himmel her direkt vor die Füße fällt. Das Geschoss entpuppt sich als ein toter Mann, vermutlich ein afrikanischer Flüchtling, der eine wertvolle Fracht in seinen Taschen verbirgt und dem ungleichen Paar noch große Schwierigkeiten bereiten wird.

Svenja Spielmann ist Bronskis Freundin und inzwischen zur Leiterin der Polizeiredaktion ernannt worden. Gemeinsam mit Bronski soll sie eine Reportage über den Migranten schreiben. Bei Bronski lebt seine Tochter Judith, die ihr Medizinstudium abgebrochen hat und sich sehr für Journalismus und Fotografie interessiert. Die drei fahren gemeinsam zum Tatort. Als sich aus den ersten Erkenntnissen weitere Entwicklungen ergeben, lässt Judith sich nicht einfach durch Anweisungen ihres Vaters von der ersten Linie der Gefahrenzone fernhalten.

Bronski wird durch Svenja und Judith aus seiner Komfortzone geholt, in die er sich aus persönlichen Gründen jahrelang zurückgezogen hat. Er fühlt sich als Vater gefordert und gerne befriedigt er die Neugier seiner Tochter in Bezug auf die Fotografie mit seinem Fachwissen. Langsam beginnt sich Vertrauen zwischen den beiden aufzubauen, doch Judith nimmt nicht jeden Rat an. Sie ist selbstbewusst und handelt gerne nach ihrer eigenen Meinung, so wie sie es lange Zeit gewöhnt ist.

Auch im zweiten Band der Serien spielt Bronskis Schwester Anna, die ihr eigenes Sicherheitsunternehmen leitet, eine große Rolle. Der größte Angriffspunkt von Bronski ist seine Sorge um seine Liebsten, das wissen auch seine Gegenspieler und gehen dementsprechend gezielt vor.

Bernhard Aichner hat einen ganz eigenen Spachstil, der auf weitläufige Beschreibungen seiner Szenen verzichtet. Oft sind es nur Dialoge zwischen den Figuren, die er aufführt, was aber ausreicht um ein Bild von der Situation zu erhalten. Andere Kapitel schildert Bronski aus der Ich-Perspektive und legt dem Leser und der Leserin dadurch seine Gefühle offen. In wieder anderen Kapiteln erzählt der Autor mit einem Blick auf die jeweils relevanten Personen.

Durch die Anfangsszene und der mit ihr verbundenen Fragen im Thriller „Gegenlicht“ von Bernhard Aichner entsteht Spannung, die durch einige unerwartete Wendungen bis zum Ende anhält. Die Aufstellung der Figuren am Schluss lässt hoffen, dass sie bei weiteren Fällen wieder gemeinsam tätigen werden. Darauf freue ich mich und empfehle das Buch gerne an Thrillerfans weiter.


Dienstag, 3. August 2021

Rezension: Der Nachtwächter von Louise Erdrich

 


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Der Nachtwächter
Autorin: Louise Erdrich
Übersetzerin: Gesine Schröder
Hardcover: 496 Seiten
Erschienen am 12. Juli 2021
Verlag: Aufbau

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Der Geschichte vorangestellt sind einige Informationen zur historischen Einordnung: In den USA wurde am 1. August 1953 die House Concurrent Resolution 108 verabschiedet, welche die auf unbegrenzte Dauer gültigen Verträge mit den amerikanischen Ureinwohnern für nichtig erklärt. Diese sollten in der Konsequenz wie alle anderen Einwohnern der USA behandelt werden, also: Keine Reservate mehr, keine Sonderrechte und -zahlungen. Als Vorsitzender des Stammesrats wehrte sich der Großvater der Autorin zu jener Zeit gegen das als Terminationspolitik bezeichnete Vorgehen. Auf ihm basiert die Romanfigur Thomas Wazhashk.

Im September 1953 arbeitet Thomas Wazhashk als Nachtwächter in einer Lagersteinfabrik in der Nähe des Reservats des Turtle Mountain Band of Chippewa. Er nutzt jede Sekunde des Tages, für Schlaf bleibt ihm kaum Zeit. Während der nächtlichen Stunden schreibt er Brief und Brief an politische Vertreter und Verbündete, um die Zukunft des Reservats zu sichern. Tagsüber nimmt er weitere Pflichten seines Amts als Vorsitzender des Stammesrat wahr, für die er sich aufgrund leerer Kassen noch nie die vorgesehene Vergütung ausgezahlt hat.

In der Lagersteinfabrik arbeiten auch viele Frauen der Chippewa, die in Sachen Fingerfertigkeit den Männern überlegen sind. Eine von ihnen ist Patrice Paranteau, die trotz Protest von ihrer Seite meist Pixie genannt wird. Ihre Schwester hat vor einiger Zeit mit ihrem Mann das Reservat in Richtung Minneapolis verlassen, doch seit einiger Zeit hat niemand mehr etwas von ihr gehört. Patrice ist fest entschlossen, mehr über den Verbleib ihrer Schwester herauszufinden.

Über die Terminationspolitik der USA und den damit verbundenen Kampf der Ureinwohner wusste ich vor der Lektüre nur wenig. Als Leserin erhielt ich vielfältige Einblicke in das Geschehen. Es war schön zu sehen, wie sich Menschen wie Thomas Wazhashk im Angesicht des Unrechts, das ihnen widerfahren soll, zur Wehr setzen und mit geringen Mitteln, dafür aber umso größerer Beharrlichkeit etwas bewirken können.

Neben allerlei wissenswerten Informationen erhielt ich viele interessante und emotionale Einblicke in das Leben im Reservat. Die Ureinwohner führen ein einfaches, naturverbundenes Leben, sie betreiben Landwirtschaft und Familie spielt eine große Rolle. Nur wenige haben eine Arbeitsstelle außerhalb des Reservats, viele in der Lagersteinfabrik, von dem Gehalt profitiert die ganze Familie. Besonders faszinierend fand ich die Einblicke in die Bräuche und Riten der Chippewa. Auch Träume und Visionen spielen eine wichtige Rolle. Um mehr über den Verbleib von Patrice’ Schwester Vera zu erfahren wird gar ein Jiisikid engagiert, der sich in Trance versetzen und bestätigen kann, dass sie am Leben ist.

Der Roman wird in ruhigen, eindringlichen Tönen erzählt, die mich fesseln konnten. Ich bangte mit, ob Thomas sich mit seinen Einwänden Gehör verschaffen kann und Patrice eine Spur ihrer Schwester findet. Auch viele Nebencharaktere sind sorgfältig ausgearbeitet, zum Beispiel der weiße Boxtrainer Lloyd Barnes, der die Jungen des Reservats trainiert und in Patrice verliebt ist, sowie sein bester Schüler Wood Mountain, der von einem Sieg gegen den weißen Joe Wobleszynski träumt. Eine lesenswerte Lektüre, die mir eindrucksvolle Einblicke in den Kampf gegen die Terminationspolitik gab und die ich gerne weiterempfehle!

Sonntag, 1. August 2021

Rezension: Das Nest von Katrine Engberg

 

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Das Nest
Autorin: Katrine Engberg
Übersetzer: Ulrich Sonnenberg
Hardcover: 416 Seiten
Erschienen am 28. Juli 2021
Verlag: Diogenes

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An einem Samstag im April erhalten Annette Werner und ihr Kollege Jeppe Kørner Anrufe von ihrer Polizeikommissarin. Der fünfzehnjährige Oscar Dreyer-Hoff, dessen Eltern ein Online-Auktionshaus für Kunst und Antiquitäten betreiben, wird seit dem vorherigen Nachmittag vermisst. Er wollte bei einer Klassenkameradin übernachten, ist dort aber nie angekommen. Ein mysteriöser Brief an die Eltern lässt sie eine Entführung vermuten, schon früher wurde die Familie bedroht. Während die erste Suche erfolglos verläuft, wirft das kühle und kontrollierte Verhalten der Eltern Rätsel auf. Schließlich wird eine Leiche gefunden. Bei der Identifizierung gibt es jedoch eine Überraschung.

Der vierte und damit vorletzte Band von Katrine Engbergs Kopenhagen-Serie beginnt mit einer Szene in der Müllverbrennungsanlage. Ein Kranführer und ein Prozessingenieur beobachten durch ein Fenster das Geschehen im Abfallsilo und müssen feststellen, dass der Greifer eine Ladung Müll gepackt hat, aus der ein Arm herausragt. Bevor ich mehr über diesen Fund erfuhr, springt die Geschichte zwei Tage in der Zeit zurück und berichtet davon, wie das Ermittlerduo einen neuen Vermisstenfall erhält.

Ich erhielt zunächst einige Informationen über das Umfeld des verschwundenen Oscar Meyer-Droff. Es wird verschiedensten Spuren nachgegangen und Fragen werden aufgeworfen, doch für Theorien war es zu diesem Zeitpunkt noch zu früh. Richtig Schwung kommt in die Handlung erst, als die Identität der Leiche aus der Müllverbrennungsanlage geklärt ist. Allmählich werden überraschende Verbindungen und Zusammenhänge aufgedeckt. Doch welche davon hängen wirklich mit dem Fall zusammen?

Wie schon in den letzten Fällen erhielt ich interessante Einblicke in das Privatleben der Polizisten, wodurch ich noch besser nachvollziehen konnte, wie es ihnen selbst geht, während sie die verschiedenen Spuren verfolgen. Jeppe Kørner hadert mit seinem Verhältnis zu den Töchtern von Sara Saidani, mit der er seit kurzem eine Beziehung führt. Annette Werner hinterfragt ihre Gefühle für ihren Mann Svend, der sich aktuell zu Hause um Töchterchen Gudrun kümmert. Auch ein erneutes Wiedersehen mit Esther de Laurenti darf nicht fehlen, die zufällig über für die Ermittlungen relevante Erkenntnisse stolpert und deren WG-Leben mit Gregers auf eine harte Probe gestellt wird.

Das Geschehen bleibt lange unvorhersehbar und zum Ende hin gibt es eine thematische Entwicklung, die ich lange überhaupt nicht habe kommen sehen. Die Bedeutung von Titel und Cover blieb für mich jedoch auf nach der Auflösung im Dunkeln und verlangt nach Interpretation. Der Kriminalroman wird in ruhigen Tönen erzählt und lud mich zum Miträtseln ein. Den Spannungsbogen in den vorherigen Bänden fand ich jedoch noch etwas stärker. Für Fans der Reihe ist auch dieser Band Pflicht. Ich freue mich nun schon auf den fünften und letzten Band!

Donnerstag, 29. Juli 2021

Rezension: Wir für uns von Barbara Kunrath

 


Rezension von Ingrid Eßer

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Titel: Wir für uns
Autorin: Barbara Kunrath
Erscheinungsdatum: 28.07.2021
rezensierte Buchausgabe: Klappenbroschur
ISBN: 9783810500540

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In ihrem Roman „Wir für uns“ erzählt Barbara Kunrath über zwei Frauen von ganz unterschiedlichem Charakter. Gemeinsam ist ihnen, dass sie in dem kleinen hessischen Dorf Solbach wohnen. Der Titel bringt eine Entwicklung der beiden Frauen zum Ausdruck, die ich als Leserin im Roman nachvollziehen konnte. Das Cover spiegelte mir eine heile Welt in der Geschichte vor, doch zwischen den Seiten haben Josie und Kathie, die beiden Protagonistinnen, mit einigen Sorgen und Problemen zu kämpfen.

Josie ist 41 Jahre alt, wohnt seit zwei Jahren in Solbach und arbeitet als Sozialarbeiterin beim Jugendamt. Ihr Freund Bengt ist verheiratet, seine Frau weiß nichts von seiner Affäre. Er ist seit neun Jahren mit Josie liiert und besucht sie einmal in der Woche am immer gleichen Tag. Für Josie ist das Arrangement akzeptabel, weil es ihr genügend persönliche Freiheiten lässt. Aber jetzt ist sie aufgrund einer Intoleranz unverhofft schwanger geworden, Bengt möchte das Kind nicht. Josie muss sich zwischen ihrem Kind und Bengt entscheiden.

Kathi ist 70 Jahre alt und ein Solbacher Urgestein. Früher hatte sie einen Lebensmittelladen im Ort, in dem sie von Kindesbeinen an gearbeitet und schließlich von ihrem Großvater übernommen hat. Sie hat einen verheirateten Sohn, dessen Ehe sich in einer Krise befindet. Jetzt ist ihr Mann plötzlich verstorben und sie muss mit ihrem Alleinsein zurechtkommen.

Eigentlich haben die beiden Protagonistinnen schon genug mit sich und ihren aktuellen Problemen zu kämpfen, doch hintergründig blitzt im Roman auf, dass es noch weitere Geheimnisse in der jeweiligen Familie gibt über die der Mantel des Schweigens von den Betroffenen gelegt wurde. Das Verhältnis von Josie zu ihrer Mutter ist schwierig, ihr Vater ist tot, die Eltern waren geschieden, ihr älterer Bruder ist ihr Anker. Sie hadert mit ihrer Rolle in der Familie, denn sie hat sich immer mehr Nähe und Zuwendung gewünscht. Die Erfahrungen fließen in ihren anstehenden Entschluss ein. Durch Zufall lernt sie Kathi kennen, deren Leben als selbständige Kauffrau sie viel Zeit und Kraft gekostet hat. Kathie hinterfragt ihr Handeln in Bezug auf ihr Verhältnis zu Sohn und Ehemann.

Josie erzählt aus der Ich-Perspektive, das gab mir die Möglichkeiten ihren inneren Auseinandersetzungen folgen zu können. Auf Kathie blickt Barbara Kunrath als allwissende Erzählerin, wobei sie auch deren Gedanken immer wieder aufgreift. Beide Protagonistinnen durchlaufen im Roman eine Entwicklung, die hin führt zu lebensverändernden Entscheidungen, der viele Überlegungen vorhergehen und für die eine gewisse Unsicherheit für die Zukunft bleibt. Doch beide haben eine positive Grundeinstellung zum Leben und die Stärke dazu, auch Tiefpunkte zu überwinden. Die Autorin fügt die authentisch wirkende Erzählung der beiden Lebensgeschichten in ein realistisch vorstellbares Umfeld ein, mit ebenfalls interessanten Nebenfiguren.

Der Roman „Wir für uns“ von Barbara Kunrath führt zwei unterschiedliche Frauen mit ganz verschiedenen Problemen in einem kleinen Ort in Hessen durch Zufall zusammen. Es ist eine Geschichte vom Loslassen, Neubewerten und Ändern, die zum Nachdenken anregt über sich selbst und dem eigenen Ziel im Leben. Sie regt dazu an, die vielen, oft unbeachteten kleinen Momente im Alltag zu genießen. Gerne empfehle ich das Buch weiter.


Mittwoch, 28. Juli 2021

Rezension: Wie viel von diesen Hügeln ist Gold von C Pam Zhang

 


Rezension von Ingrid Eßer

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Autorin: C Pam Zhang
Titel: Wie viel von diesen Hügeln ist Gold
Übersetzerin aus dem amerikanischen Englisch: Eva Regul
Erscheinungsdatum: 28.07.2021
Verlag: S. Fischer (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN: 9783103973921
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Der Roman „Wie viel von diesen Hügeln ist Gold“ von C Pam Zhang spielt zur Zeit des Goldrauschs in Kalifornien. Die Familie der zu Beginn des Buchs zwölfjährigen Lucinda, genannt Lucy, und ihres elfjährigen Geschwisters Sam steht im Mittelpunkt der Erzählung, die in vier Kapiteln eingeteilt ist und mehrere Handlungszeiten umfasst. Lucy und Sam sind ebenso wie ihr Vater, den sie Ba nennen, in Kalifornien geboren, aber sowohl Ba wie auch die schon seit drei Jahren von ihnen vermisste Ma sind chinesischer Abstammung. Der Titel verweist nicht nur auf die Goldsuche, sondern auch auf die Unsicherheit darüber, ob und wie viel das Land tatsächlich an jemandem Schätze gibt, wobei damit auch immaterielle Werte gemeint sind.

Die Familie der Geschwister lebt in einem umgebauten Hühnerstall, der am Rand einer Goldgräberkolonie steht. Als Ba in der Nacht stirbt, benötigen Lucy und Sam zwei Silberdollars, um ihn nach altem Brauch beerdigen zu können. Sie packen den Leichnam in eine Kiste, die sie von einem gestohlenen Pferd ziehen lassen und begeben sich auf die Suche nach den Münzen und einem geeigneten Platz für die Beerdigung.

Die beiden Kinder sind vom Charakter her gegensätzlich. Sam ist burschikos und aufbrausend. Lucy findet, dass ihr Ba Sam bevorzugt hat. Sie selbst liest Bücher und geht gern zur Schule, ganz im Gegenteil zu Sam. Ihr ständiges Hinterfragen von Dingen und Geschehnissen reizt Ba dazu, sie zu schlagen. Sie erinnert ihn mit ihrem Verhalten an Ma. Ihre Kindheit ist für die Geschwister mit dem Tod des Vaters zu Ende. Während sie aufwuchsen sind sie als Familie oft auf dem Treck gewesen, meist um Gerüchten nachzugehen, wo Gold zu finden ist. Die verschiedenen Stationen ihres jungen Lebens geben den Geschwistern genügend Erfahrung an die Hand, um in der unwirtlichen Umgebung bei ihrer Suche zu überleben.

Auf Wunsch von Ma sind sie sesshaft geworden, doch allein durch ihr Äußeres sieht man ihnen ihre chinesischen Vorfahren an, wodurch die Eltern bereits einigen Hass und Ausgrenzung erlebt haben. Auch die amerikanischen Vornamen schützen Lucy und Sam nicht vor rassistischen Diskriminierungen. Sie haben erlebt, dass ihnen Versprechen gegeben, aber nicht gehalten wurden, was Lucy skeptischer und Sam wütender werden ließ.

C Pam Zhang nutzt eine poetisch anmutende, kraftvolle Sprache um all die Schwierigkeiten im Umfeld zu schildern, die Lucy und Sam zu meistern haben. Beide finden keine eindeutige Antwort darauf, was ein Zuhause ausmacht. Sie müssen sich miteinander arrangieren, da sie von verschiedenen Vorstellungen über einen Platz für die Beerdigung, aber auch über eine Heimat, angetrieben werden, wodurch sich weitere Konflikte ergeben. Trotz ihrer Armut hat Ma immer viel Wert auf eine ordentliche Erziehung gelegt, zu der auch die Vermittlung von Mystik gehörte. Die Schilderungen der Autorin sind voller Symbolik wie zum Beispiel die immer wieder ins Spiel gebrachten Tiger, die in chinesischen Sagen als Schutztier stehen.

Die Autorin greift in ihrer Geschichte das Thema der chinesischen Einwanderer auf. Nicht nur vom Goldrausch hofften sie im Land der unbegrenzten Möglichkeiten zu profitieren, sondern auch vom Bau der Eisenbahn bis an die Westküste wurden sie angezogen. Die Ressentiments und die Behandlung als billige Arbeitskräfte brachten ihre Träume oft zum Platzen. Im dritten Kapitel lässt C Pam Zhang Ba stellvertretend als Schicksal vieler Migranten Ba ergreifend von seiner und Mas Vergangenheit erzählen.

In ihrem Roman „Wie viel von diesen Hügeln ist Gold“ spricht C Pam Zhang verschiedenste Themen an. Neben der Suche nach Heimat, Identitätsfindung und Rassismus ist es auch der Verweis auf den Rohstoffabbau in Verbindung mit der Schädigung der Umwelt. Intensiv, manchmal hart lesen sich die Entscheidungen ihrer Figuren, denn sie spiegeln die Freiheit der Gedanken wider, die den Konventionen und Gesetzen trotzen. Die Geschichte bewegt, hallt nach und lässt Raum für eigenes Nachdenken. Sehr gerne empfehle ich den Roman uneingeschränkt weiter.

Dienstag, 27. Juli 2021

Rezension: The Nothing Man: Zwei Geschichten. Ein Mörder. Keine Gnade. von Catherine Ryan Howard

 


Rezension von Ingrid Eßer

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Titel: The Nothing Man: Zwei Geschichten. Ein Mörder. Keine Gnade.
Autorin: Catherine Ryan Howard
Übersetzer aus dem Englischen: Jan Möller
Erscheinungsdatum: 20.07.2021
rezensierte Buchausgabe: Taschenbuch
ISBN: 9783499005367

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Im Thriller „The Nothing Man“ von Catherine Ryan Howard begegnete ich auf den ersten Seiten dem Wachmann Jim Doyle bei einem seiner täglichen Rundgänge zur Sicherheitsüberwachung in einem Kaufhaus in einer irischen Stadt. In der Abteilung für Zeitschriften und Bücher beobachtet er das Verhalten einer Frau, der ein Buch hinfällt. Als Jim den Titel des am Boden liegenden Buchs liest, geraten seine Gefühle in Aufruf, denn er fühlt sich davon unmittelbar angesprochen und ist entsetzt. Das Buch heißt „The Nothing Man“ und ihm ist diese Rolle vor etwa zwanzig Jahren eigen gewesen bis er sie aus einem Grund aufgegeben hat, die mir als Leserin noch nicht bekannt gegeben wurde.

Nach dieser ersten Szene, nach der ich unbedingt mehr über Jim Doyle als Nothing Man erfahren wollte, greift die Autorin zu einem besonderen Clou und bindet ein weiteres Buch, natürlich ebenfalls fiktiv, in ihre Erzählung ein. Noch einmal blätterte ich über ein Vorsatzblatt, den bibliographischen Angaben und einer Widmung hin zu der titelgebenden Geschichte, die die erdachte Eve Black geschrieben hat. Sie ist das letzte überlebende Opfer des Nothing Man. „Zwei Geschichten. Ein Mörder. Keine Gnade.“ lautet dementsprechend der Untertitel des Thrillers. Ab jetzt wechseln sich die beiden Erzählperspektiven ab, einerseits der Blick von Catherine Ryan Howard auf das aktuelle Geschehen, bei dem die Sicherheitskraft Jim Doyle im Vordergrund steht und andererseits die Schilderung der früheren Taten des Verbrechers Jim als Nothing Man von Eve.

Die Medien haben Jim damals den „Nothing Man“ genannt, weil er sehr sorgfältig seine Spuren verwischt hat und die Nationalpolizei der Republik Irlands keine Beweismittel beibringen konnte. Daher ist es nun umso spannender zu verfolgen, ob Eve es schafft, nach all diesen Jahren neue Erkenntnisse zu den bisherigen Ermittlungen beizutragen. Es ist bemerkenswert, wie Eve trotz ihrer tiefen seelischen Verletzung die Kraft aufbringt, alle Taten von Jim zu durchleuchten und sich damit auseinanderzusetzen. Als Leserin erhielt ich von Beginn an den Vorteil zu wissen, wer der Täter ist. Nun erfuhr ich davon, dass etwas in Jim erwacht, dass ihn dazu treibt, Eves Buch selbst zu lesen. Das Geschriebene macht ihn zum Gejagten, es verändert ihn und lenkt seine Aufmerksamkeit auf Eve. Die Autorin ließ mich an den Gefühlen der Protagonisten teilhaben und beschreibt glaubhaft deren Handlungen.

Catherine Ryan Howard überrascht in ihrem Thriller „The Nothing Man“ mit einer rein fiktiven Geschichte, die sich aber wie True Crime liest. Die von Beginn an aufgebaute Spannung bleibt aufgrund erzählter erfundener Fakten auf einem Niveau zeitweise ruhen, nur um dann bis zum Ende hin stets weiter aufgebaut zu werden. Die Beklemmung wächst konstant zur Spannung an mit der Auflösung der Frage, ob es gelingen wird, nach so vielen Jahren den „Nothing Man“ zu überführen. Sehr gerne vergebe ich eine Leseempfehlung an Thrillerfans.

Rezension: Die Nachricht von Doris Knecht

 


Rezension von Ingrid Eßer

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Titel: Die Nachricht
Autorin: Doris Knecht
Erscheinungsdatum: 26.07.2021
Verlag: Hanser Berlin (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN: 9783446271036

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Im Roman „Die Nachricht“ stellt Doris Knecht das Thema des digitalen Stalkings in den Vordergrund. Ihre Protagonistin ist die Journalistin Ruth, die schon viele Hürden in ihrem Leben gemeistert hat. Drei Jahre sind seit dem Unfalltod von Ruths Ehemanns Ludwig vergangen. Manchmal lebt sie in Wien, meist aber in einem Haus auf dem Land, hält sich vom gesellschaftlichen Leben fern und kümmert sich neben dem Schreiben um ihre Familie.

Ruths Stieftochter erwartet gerade ein Kind, ohne den Namen des Vaters preiszugeben. Ihr 15 Jahre alter Sohn lebt noch bei ihr, der ältere ist bereits zum Studium ausgezogen. Meine erste Begegnung mit ihr im Roman findet in einer beschaulichen Szenerie statt. Sie lässt mit einem guten Freund bei einem Glas Wein und einer Zigarette, den Laptop auf den Knien, den Tag auf einer Bank hinter dem Landhaus ausklingen. In dieser friedlichen Atmosphäre erscheint eine Nachricht auf ihrem offiziellen facebook-Account. Die Mitteilung besteht nur aus einer Frage mit Bezug auf die Affäre ihres verstorbenen Manns, sie wird ihr Leben verändern, aber das ahnt sie zu dem Zeitpunkt noch nicht.

Die Nachricht bereitet Ruth zunächst wenige Gedanken, denn die Affäre ist ihr bekannt. Der Account des Absenders wurde gelöscht, für Ruth ist das Vorgehen von Internettrollen nicht neu. Sie weiß, dass sie nach außen hin selbständig und belastbar wirkt. Ihr ist bewusst, dass es Personen gibt, die ihr das neiden und durch solche Mitteilungen Risse in ihr Ansehen reißen wollen. Doch dann kommen weitere beleidigende Nachrichten, die auch ein paar Freunde von ihr erhalten. Ihr ist es nicht mehr möglich, die Gedanken daran wegzuschieben, denn durch den Einbezug weiterer Empfänger wird ihr Problem öffentlich.

Die Autorin entwickelt charakterlich eine Protagonistin, deren Stärke unwillentlich unterlaufen wird. Sie schildert detailliert die gedankliche Auseinandersetzung von Ruth, die ich sehr gut nachvollziehen konnte. Ruth versucht zu ergründen, warum die Nachricht es letztlich schafft, sie auf eine ihr unbekannte Art zu erreichen und von ihr auf diese Weise Verhaltensänderungen verlangt. Dabei spielt vor allem ein Aspekt in ihren Überlegungen eine Rolle, über den sie sich schon lange ärgert und der mit ihrem Status als alleinstehende Frau zusammenhängt.

Die Geschichte ist fesselnd, denn Ruth versucht den Schreiber der Nachrichten zu finden. Bald hat sie einen Verdacht und als Leserin wurde ich in einen Sog gezogen, denn ich wollte unbedingt wissen, ob er sich bestätigt. Doris Knecht beschreibt ein realistisch mögliches Vorgehen im Umgang mit dem Erhalt von anonymen Mitteilungen, die voller Hass sind, und zeigt wie diese unser Leben verändern können, wenn unser Vertrauen Brüche bekommt.

In ihrem Roman „Die Nachricht“ schafft Doris Knecht ein mitreißendes Szenario um ihre Hauptfigur Ruth, die von beleidigenden Nachrichten in den Sozialen Medien einer ihr unbekannten Person angegriffen und in ihren Gefühlen zunehmend verletzt wird. Gerne empfehle ich dieses berührende und bewegende Buch, das zum Nachdenken anregt, weiter.


Montag, 26. Juli 2021

Rezension: Auszeit von Hannah Lühmann

 

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Auszeit
Autorin: Hannah Lühmann
Hardcover: 176 Seiten
Erschienen am 26. Juli 2021
Verlag: hanserblau

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Es ist Ende Oktober, als die Freundinnen Henriette und Paula sich auf den Weg nach Bayern machen. Der Vorschlag, eine Weile in einer einsamen Hütte im Wald zu verbringen, kam von Paula. Ruhe und Bewegung sollen Henriette dabei helfen, die Abtreibung zu verarbeiten, die sie im Frühjahr vorgenommen hat. Diese will die Zeit vor allem nutzen, um an ihrer Promotion zum Werwolf und seiner Kulturgeschichte zu arbeiten, bei der sie seit langem keine nennenswerten Fortschritte gemacht hat. Als Tom, mit dem Paula seit drei Jahren eine On-Off-Beziehung führt, seinen Besuch ankündigt, verändert sich die Dynamik in der Hütte.

Die Ich-Erzählerin Henriette lernt man kennen, als sie gerade zu ihrem Abtreibungstermin aufbricht. Die Entscheidung zu diesem Schritt fühlt sich für sie an, als würde er ihr wieder neue Möglichkeiten eröffnen. Was sie in diesem Moment noch nicht erahnen kann ist die Trauer, die sie einige Monate später fest im Griff hat. Monate sind vergangen, ohne dass sie etwas erreicht hat und wüsste, wie es für sie weitergehen soll. Ich war gespannt, ob die Zeit in der Hütte ihr neue Klarheit bringen kann.

Der Roman wird in ruhigem Tempo erzählt und konzentriert sich vor allem darauf, ein Psychogramm von Henriette zu erstellen. Ich erhielt Einblick in ihre Überlegungen, wie sie an den aktuellen Punkt gelangt ist. Sie bereut die Abtreibung und weiß nicht, in welche Richtung sie ihr Leben treiben soll. Henriettes Gedanken kreisen vor allem um sie selbst. Paulas Bemühungen, sie auf dem Prozess zu unterstützen, nimmt sie dankbar an, ohne sich zu fragen, wie es dieser ergebt. Für mich wurde immer deutlicher, wie unempfänglich Henriette für die Probleme anderer ist und dass sie ein Charakter ist, der mehr gibt als nimmt.

Dass hier ein Wendepunkt vorbereitet wird spürte ich im Laufe der Lektüre immer deutlicher. Bei Henriettes Arbeit an ihrer Promotion zu Werwölfen geht es unter anderem um das Thema der schmerzhaften Transformation. Hier werden auf der emotionalen Ebene Parallelen zu ihrer eigenen Situation deutlich. Der entscheidende Veränderungsmoment konnte mich schließlich überraschen und wird für Diskussionen sorgen. Was danach passiert, wird in aller Kürze angedeutet, sodass ich als Leserin den Raum hatte, meine eigenen Überlegungen mit einfließen zu lassen.

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