Dienstag, 7. Juli 2020

Rezension: Time to Love - Tausche altes Leben gegen neue Liebe von Beth O'Leary



Rezension von Ingrid Eßer

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Titel: Time to Love - Tausche altes Leben gegen neue Liebe
Autorin: Beth O'Leary
Übersetzerinnen aus dem Englischen: Pauline Kurbasik und Babette Schröder
Erscheinungsdatum: 09.06.2020
rezensierte Buchausgabe: Taschenbuch mit Klappen
ISBN: 9783453360365
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Der Roman „Time to Love – Tausche altes Leben gegen neue Liebe“ der Engländerin Beth O’Leary basiert auf der Idee, dass eine auf dem Land lebende Großmutter mit ihrer Enkelin, die in London wohnt, für einige Wochen die Unterkunft tauscht. Damit verbunden ist auch die Übernahme der Aufgaben, die beide in ihrem Umfeld alltäglich erledigen.

Leena, eine Kurzform von Eileen, ist 29 Jahre alt und arbeitet als Senior Consultant in London. Seit dem Tod ihrer Schwester hat sie sich in ihre Arbeit vergraben. Dem Stress ist sie nicht gewachsen, ihre Erschöpfung tritt zutage, woraufhin ihr eine zweimonatige Auszeit vorgeschrieben wird. Ihre Großmutter Eileen sitzt derweil in einem kleinen Dorf mit nicht einmal zweihundert Einwohner und sehnt sich nach einem neuen Lebenspartner. Leena kommt auf die Idee, mit ihrer 79 Jahre alten Oma die Wohnungen zu tauschen, wodurch sie sich auf dem Land erholen kann, während Eileen in London mehr Möglichkeiten hat, einen Mann zu daten.

Beth O’Leary schaffte es in ihrem Roman, eine ganz besondere Erwartung bei mir zu schüren. Es ist ein ungewöhnlicher Tausch, den Leena und Eileen vornehmen und ich war gespannt, ob beide die vorgesehenen Wochen in ihrer neuen Rolle absolvieren werden. Der Beginn ist ungewohnt, doch mit viel Idealismus finden sie sich zurecht und entwickeln darüber hinaus neue Ideen, die sie nicht zögern mit viel Engagement in die Tat umzusetzen. Hilfe erhält Eileen dabei von Nachbarn und Freunden ihrer Oma, die für manche Ablenkung dankbar sind. Aber auch in London zeigt sich, dass Eileen durch ihre charmante Art bei den Mitbewohnern und Eileens Freunden einiges bewirken kann. Das ist herzerfrischend. Beide wachsen an ihren neuen Erfahrungen.

Immer wieder blitzt aber auch die Traurigkeit über den Tod ihrer Schwester bei Eileen durch, der auch zu Missverständnissen in der Familie geführt hat durch unterschiedliche Ansichten über ein würdiges Sterben. Die Autorin zeigt, dass es verschiedene Möglichkeiten gibt, zu trauern. Und natürlich kommt auch die Liebe nicht zu kurz, und zwar sowohl bei Leena wie auch bei Eileen mit damit verbundenen Irrungen und Wirrungen. Die Charaktere sind eigenwillig, manchmal kauzig, manchmal forsch und immer wieder überraschend.

Insgesamt ist „Time to Love“ von Beth O’Leary eine abwechslungsreiche, durchgehend unterhaltsame Geschichte mit vielen amüsanten Szenen in die immer wieder einige tiefsinnigere eingestreut sind. Gerne vergebe ich hierfür eine Leseempfehlung.


Montag, 29. Juni 2020

Rezension: City of Girls von Elizabeth Gilbert



Rezension von Ingrid Eßer

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Titel: City of Girls
Autorin: Elizabeth Gilbert
Übersetzerin aus dem amerikanischen Englisch: Britt Somann-Jung
Verlag: S. Fischer (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Softcover mit Klappen
ISBN: 9783100024763
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Die Geschichte in ihrem Roman „City of Girls“ lässt die US-Amerikanerin Elizabeth Gilbert von der 79-jährigen Protagonistin Vivian Morris erzählen. Im Frühjahr 2010 erhält diese einen Brief, der sie dazu bringt, auf ihr langes Leben zurückzublicken. Vor allem eine Zeit, die sie als junge Frau Anfang der 1940er Jahre im Theater Lily Playhouse in Manhattan verbringt, hat sie geprägt. Das Theater gehört ihrer Tante Peg, die dort für ein örtliches Publikum ein wenig gewinnbringendes Unterhaltungsprogramm mit Gesang, Schauspiel und Tanz anbietet. Die Produktion „City of Girls“, die dem Buch seinen Titel gibt, erlangt dabei besondere Aufmerksamkeit. Die Idee, die Geschichte als Antwort von Vivian an die Absenderin zu gestalten ist gut, aber die Ausgestaltung des Briefs mit über hunderte von Seiten ist eher unrealistisch.

Vivian ist in einer Unternehmerfamilie in einer Kleinstadt im Süden aufgewachsen. Unentschlossen darüber, welchen Beruf sie ergreifen soll, wird sie schließlich von ihren Eltern zu ihrer Tante geschickt. Mit im Gepäck ist ihre Nähmaschine, denn von ihrer Großmutter hat sie Schneidern gelernt. Ihr Hobby wird ihr später sehr nützlich sein. Doch zuerst genießt sie das unabhängige Leben in der Metropole und an der Seite ihrer neuen Freundin, der Revuetänzerin Celia, stürzt sie sich ins Nachtleben.

Es ist kurzweilig, die Entwicklung von Vivian zu verfolgen. Sie ist in gutsituierten Familienverhältnissen aufgewachsen. Ihre Eltern sind von ihr oft enttäuscht, denn sie nimmt die gebotenen Möglichkeiten, ihre Zukunft zu gestalten, nicht an. In New York genießt sie ihre Freiheit und lotet ihre Grenzen aus. Schritt für Schritt lässt sie sich immer tiefer in die Verführungen des Nachtlebens hineinziehen, bis es zu einem jähen Erwachen kommt, das aber letztlich wegweisend für sie ist. Bis in die Nebenfiguren hinein gestaltet die Autorin ihre Figuren abwechslungsreich und lebensnah.

Es glitzert und prickelt in diesem Roman und fasst könnte man dabei vergessen, dass der Zweite Weltkrieg gerade begonnen hat. Elizabeth Gilbert schildert Liebeständeleien voller Genuss und Sinnlichkeit, stellt dem aber auch eine dunkle Seite der Lustsuchenden gegenüber. Sie zeigt ebenfalls Liebe ohne Grenzen, die damals im Geheimen ausgeübt wurde.

Gespannt wartete ich darauf, dass Vivian das Geheimnis lüftet, das die Absenderin in der Anfangsszene zum Schreiben des Briefs veranlasste. Die sehr detaillierten Schilderungen der Inszenierungen des Theaters zu Beginn der 1940er Jahre führten zu einiger Länge im Mittelteil. Es fordert die Geduld des Lesers bis sich in Vivians Leben eine Richtungsänderung ergibt.

Der Roman „City of Girls“ von Elizabeth Gilbert ist trotz einiger Längen und bedrückender Szenenelemente eine amüsante und unterhaltsame Lektüre, die den Leser mitnimmt in das Theater- und Nachtleben New Yorks in den ersten Jahren der 1940er. 


Mittwoch, 24. Juni 2020

Rezension: Fräulein Gold - Schatten und Licht von Anne Stern



Rezension von Ingrid Eßer

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Titel: Fräulein Gold - Schatten und Licht 
Autorin: Anne Stern
Erscheinungsdatum: 16.06.2020
Verlag: Rowohlt Polaris (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Softcover mit Klappen (Leseexemplar)
ISBN: 9783499002378
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Der Roman „Fräulein Gold“ der Berlinerin Anne Stern ist der erste Teil einer Serie bei der die Hebamme Hulda Gold im Mittelpunkt steht. Die Geschichte ist ein Genremix: Sie spielt im historischen Berlin des Jahrs 1922, ein tragischer Unfall ist aufzuklären und neben der Beschreibung der Tätigkeiten rund um die Geburtshilfe schildert die Autorin auch eine beginnende Romanze ihrer Protagonistin.

Entsprechend des Untertitels „Schatten und Licht“ erzählt die Autorin von der bewegenden Zeit kurz nach dem Ende des Ersten Weltkriegs. Die Berliner sind voller Hoffnung auf anhaltenden Frieden, doch politisch kommt Deutschland nicht zur Ruhe. Die Armenfürsorge in Berlin ist überfordert und in den Clubs der Stadt frönen die Besucher manchem Laster. Auch Hulda ist nicht abgeneigt, sich einige schöne unterhaltsame Stunden mitten im Getümmel zu erlauben. Allerdings ist sie als ambulante Hebamme in ständiger Rufbereitschaft. Sie versorgt Schwangere in ihrem Wohnbezirk in Schöneberg und Umgebung, egal ob arm oder reich. Manchen Hausbesuch macht sie sogar umsonst, weil ihr das Leben von Mutter und Kind am Herzen liegt. Es ist nicht immer leicht, ihrer Aufgabe gerecht zu werden, weil eine klare Abgrenzung zu den Tätigkeiten besteht, die ein Arzt vorzunehmen hat.

Eine von Hulda betreute Schwangere wohnt am Bülowbogen. Die Wohnung der Nachbarin Margarita Schönbrunn, kurz Rita genannt, ist polizeilich gesperrt und wenig später erfährt Hulda davon, dass sie tot im nahen Landwehrkanal aufgefunden wurde. Das Schicksal von Rita ist ihr präsenter als ihr zunächst recht ist, doch dann beginnt sie Fragen zu stellen. Bei der Suche nach Antworten begegnet ihr Kriminalkommissar Karl North, der für sie im Laufe der Zeit in mehrfacher Hinsicht immer attraktiver wird.

Hulda trägt ihr Herz auf dem rechten Fleck. Sie lebt als Untermieterin in der Mansarde eines Mehrfamilienhauses, ist kein Kind von Traurigkeit, sondern offen und ehrlich. Geheimnissen geht sie gern auf die Spur. Sowohl bei Rita wie auch bei Karl spürt sie, dass deren Vergangenheit schicksalsgebend war. In schwierigen Situationen spricht sie sich selbst Mut zu und geht unbeirrt ihren Weg.

Die Perspektiven in der Geschichte wechseln, so dass in den einzelnen Erzählabschnitten nicht immer nur Hulda im Mittelpunkt steht. Dadurch wurde der Roman vielgestaltiger und neben der Protagonistin entwickelten sich auch andere Figuren darin mit. Einige Tagebuchauszüge aus dem Notizheft von Rita verdeutlichten den damaligen Umgang mit psychisch erkrankten Personen und gaben auf diese Weise weitere Einblicke in medizinische Gegebenheiten der damaligen Zeit.

Der Auftakt der Romanreihe „Fräulein Gold“ ist Anne Stern mit ihrem Buch „Schatten und Licht“ gelungen. Dank der sehr guten Recherche des historischen Hintergrunds und der Ortskenntnisse der Autorin entsteht das bunte Porträt einer Berliner Gesellschaft der Gegensätze in einer Zeit des Aufbruchs mit einer sympathischen Hauptfigur. Gerne empfehle ich den Roman weiter und warte schon ungeduldig auf den nächsten Band.


Montag, 22. Juni 2020

Rezension: Die Spiegelreisende. Im Sturm der Echos - Christelle Dabos



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Die Spiegelreisende. Im Sturm der Echos
Autorin: Christelle Dabos  
Übersetzerin: Amelie Thoma
Hardcover: 613 Seiten
Erschienen am 22. Juni
Verlag: Insel Verlag

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Die Welt der Archen scheint dem Untergang nahe zu sein: Immer häufiger verschwinden Stücke und mit ihnen all ihre Bewohner. Ophelia und Thorn sind fest entschlossen, das Geheimnis von Eulalia Gort und dem Anderen endlich zu lüften und die Zerstörung aufzuhalten. Ihr Weg führt sie ins mysteriöse Beobachtungsinstitut der Arche Babel, über dessen Aktivitäten hinter den Mauern nur wenig nach außen dringt. Doch die Situation unter Kontrolle zu halten wird zur Herausforderung, denn die Beobachter im Institut haben ihre eigenen Pläne...

Endlich ist er da, der finale Band der Spiegelreisenden! Nach den Enthüllungen am Ende des vorherigen Bandes hoffte ich darauf, nun endlich zu erfahren, wie Eulalia zu dem wurde, was sie heute ist und was es nun mit dem Anderen auf sich hat. Die Situation auf Babel verschärft sich zunehmend, denn immer mehr Stücke verschwinden plötzlich. Die weltoffene Arche wirft im Nu ihre Prinzipien über Bord und beginnt mit drastischen Maßnahmen, die dem Schutz der Einheimischen dienen sollen.

Inmitten dieses zunehmenden Chaos sind Ophelia und Thorn endlich wieder vereint und schmieden gemeinsam einen Plan, wie sie die Geheimnisse lüften und die Katastrophe aufhalten können. Ich fand es schön, die beiden zusammen zu erleben. Ihre Beziehung hat sich weiterentwickelt und ihre unterschiedlichen Ansätze bei der Suche nach der Wahrheit ergänzen sich gut. Nach außen hin müssen sie jedoch weiterhin ihre jeweilige Rolle spielen und niemand darf wissen, dass sie verheiratet sind.

Der vierte Band spielt wie sein Vorgänger hauptsächlich auf der Arche Babel, wobei mit dem Beobachtungsinstitut ein neuer Ort in den Fokus rückt. Ophelia hat nur eine rudimentäre Vorstellung, was sie dort erwartet. Ich fieberte mit, ob sie dort entscheidende Dinge herausfinden kann, ohne den Verstand oder gar ihr Leben zu verlieren. Denn das Beobachtungsinstitut erweist sich schnell als ein Ort, der noch gefährlicher ist als der Pol oder das Konservatorium - und das will schon etwas heißen!

Es werden in diesem Band nur wenige neue Charaktere eingeführt, dafür gibt es ein Wiedersehen mit vielen bereits bekannten Gesichtern. Diese haben noch einige Überraschungen in petto, welche vieles in neuem Licht erscheinen lassen. Das Tempo ist vergleichbar mit den Vorgängern - mal gibt es ruhigere Phasen, dann überschlagen sich die Ereignisse. Das Geheimnis rund um Gott, die Familiengeister, die Echos und den Anderen entpuppt sich als komplexe Angelegenheit, die zu verstehen Zeit benötigt und bei der mache Aspekte bewusst mysteriös und rätselhaft bleiben. Auch auf einige emotionale Momente sollte man sich einstellen. Spannend und dramatisch näherte sich das Buch seinem Ende, das die Reihe für mich gelungen abschließt.

Von mir gibt es eine große Leseempfehlung für die ganze Reihe rund um die Spiegelreisende Ophelia!

Samstag, 20. Juni 2020

Rezension: Bretonische Spezialitäten - Jean-Luc Bannalec


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Bretonische Spezialitäten
Autor: Jean-Luc Bannalec
Paperback: 352 Seiten
Erschienen am 16. Juni 2020
Verlag: Kiepenheuer & Witsch

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Ausgerechnet gemeinsam mit seinem Präfekten Locmariaquer wird Dupin die nächsten vier Tage auf einem Seminar an der Polizeischule in Saint-Malo verbringen. Dort sind die Präfekten der vier bretonischen Départmements mit jeweils einem ihrer Kommissare zusammengekommen, um über die Verbesserung der Zusammenarbeit zu sprechen. Die Mittagspause des ersten Tages nutzt Dupin, um den nahegelegenen Markt zu besuchen. In aller Öffentlichkeit wird dort vor seinen Augen eine Frau erstochen, der Täterin gelingt die Flucht. Die Präfekten entschließen sich kurzerhand, die theoretischen Besprechungen zugunsten der Praxis zu vertagen: Die drei anwesenden Kommissare sollen den Fall gemeinsam lösen.

Dupin muss in „Bretonische Spezialitäten“ erneut außerhalb des eigenen Départements ermitteln. Der Grund ist diesmal ein Seminar, dass er gemeinsam mit seinem Präfekten besucht und das ihn nach Saint-Malo führt. Schon der Titel macht deutlich, dass Speisen hier eine größere Rolle spielen und schon auf den ersten Seiten werden dem Kommissar und dadurch auch dem Leser die Vorzüge einiger Käsesorten angepriesen.

Nach wenigen Seiten kommt es zum eingangs erwähnten Mord und einer spektakulären Verfolgungsjagd, welche die Spannung ansteigen lässt. Die Täterin ist dennoch schnell identifiziert, sagt allerdings kein Wort. Dupin und seine beiden Kollegen aus dem Seminar werden mit der gemeinsamen Ermittlung beauftragt und machen sich an die Befragung des Umfelds von Opfer und Täterin. Beide haben sich in der Region mit ihren Restaurants einen Namen gemacht. Führen ihre Berufe zum Motiv, oder steckt eine ganz andere Geschichte dahinter?

Die Zahl der Menschen, die bei der Suche nach dem Mordmotiv helfen könnten, ist übersichtlich. Doch so recht kommen die Ermittler nicht voran, denn für alle möglichen Ansatzpunkte gibt es eine gute Erklärung, warum das eigentlich kein Motiv sein kann. Ein weiterer Mord im selben Umfeld wirft neue Fragen auf und setzt die Kommissare unter zeitlichen Druck: Wenn die Täterin des ersten Mordes bereits hinter Gittern sitzt, wer ist dann jetzt aktiv geworden?

Dupins Team aus Concarneau kann diesmal nur begrenzt mit einigen Online-Recherchen unterstützen. Die beiden neuen Kolleginnen Le Menn und Nevou, deren Auftauchen ich im letzten Band begrüßt habe, spielen diesmal leider gar keine Rolle. Kommissarin Huppert und Kommissar Nedellec, mit denen Dupin vor Ort ermittelt, lernt man nur oberflächlich kennen.

Die Bücher nehmen sich schon immer viel Zeit für die Beschreibung der Landschaften, Sehenswürdigkeiten und Restaurants. Wer das mag, kommt hier voll auf seine Kosten, denn dem wird hier bisweilen mehr Platz eingeräumt als den Ermittlungen. Ein Buch vor allem für Leser, die sich für die Region und seine Spezialitäten interessieren!

Freitag, 19. Juni 2020

Rezension: Zwei in einem Herzen von Josie Silver



Rezension von Ingrid Eßer

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Titel: Zwei in einem Herzen
Autorin: Josie Silver
Übersetzerin aus dem Englischen: Babette Schröder
Erscheinungsdatum: 11.05.2020
rezensierte Buchausgabe: Klappenbroschur
ISBN: 9783453423558
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Lydia und Freddie sind verlobt und möchten im nächsten Jahr heiraten, die Planungen dazu sind bereits angelaufen. Doch am späten Nachmittag ihres Geburtstags im März 2018 steht die Zeit für Lydia still als sie vom Verkehrsunfall ihres Freunds erfährt, der an den Folgen seiner Verletzungen verstirbt. Seine letzten Worte an sie, so unwichtig und nebensächlich sie auch sind, bleiben ihr im Gedächtnis, sie sehnt sich nach seiner Nähe und will über Wochen und Monate nicht das Unabänderliche akzeptieren.

Im Roman „Zwei in einem Herzen“ schildert die britische Autorin Josie Silver wie Lydia sich ihre eigene Traumwelt schafft, in der Freddie lebendig ist und sie gemeinsam in die geplante Zukunft gehen. Fortan lebt Lydia im Schlaf in ihrer Fantasiewelt, in der sich die Handlungen unabhängig von der Realität, aber kontinuierlich weiterentwickeln. Allerdings stellt Lydia bald fest, dass sie die geträumte Welt nicht mit ihren Gedanken leiten kann und diese auch nicht frei ist von Kummer und Sorgen.

Die Autorin schreibt über eine besondere Form der Trauerbewältigung. Es verdeutlicht, dass jeder seinen eigenen Weg dazu finden muss, den erlittenen Verlust zu verarbeiten. Lydia klammert sich fest an ihrem bisherigen Leben an der Seite von Freddie. Gerade weil sie glaubt, alle Facetten von ihm zu kennen ist es umso schwieriger für sie, sich auf neue Freundschaften und Bekannte einzulassen und Vertrauen aufzubauen. Jonah, der gemeinsame Freund des Paars, der bei dem Unfall auf dem Beifahrersitz saß, verarbeitet den Verlust des Freunds auf eine andere Weise und streckt Lydia sinnbildlich eine hilfreiche Hand entgegen. Doch um bereit zu sein, Hilfe anzunehmen, muss sie gleichzeitig wieder bereit sein, sich auf die Realität einzulassen und zu lernen, dass es ohne Freddie Möglichkeiten für sie gibt, die sie an seiner Seite vermutlich nicht gehabt hätte.

Josie Silver räumt der Trauerphase in ihrem Roman einen breiten Raum ein, währenddessen die Romantik zurücksteht. Leider führte dieses Vorgehen zu leichten Längen. Die Autorin schreibt mit viel Gefühl, berührend und trotz der anhaltenden Melancholie der Protagonistin ist stellenweise ein heiterer Unterton vorhanden. Den Rückzug in eine Traumwelt fand ich eine freundliche Idee, doch ich halte es für mystisch, dass beim Träumen mit Unterbrechungen und der Wiederaufnahme an weiteren Tagen eine so wie beschrieben durchgehende Handlung möglich ist.

Im Roman „Zwei in einem Herzen“ beschreibt Josie Silver die besondere Form einer Trauerverarbeitung ihrer Protagonistin Lydia, die mit dem plötzlichen Tod ihres Verlobten konfrontiert ist. Wer nach einer emotional erzählten Geschichte über Liebe, Verlust und den Weg, sich auf neue Beziehungen einzulassen sucht, dem empfehle ich gerne das Buch.


Donnerstag, 18. Juni 2020

Rezension: Die Lilienbraut von Teresa Simon



Rezension von Ingrid Eßer

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Titel: Die Lilienbraut
Autorin: Teresa Simon
Erscheinungsdatum: 11.05.2020
rezensierte Buchausgabe: Taschenbuch mit Klappen
ISBN: 9783453422445
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Die 23-jährige Kölnerin Nelly Voss ist „Die Lilienbraut“ für den von ihr geliebten Mann, denn nach dessen Meinung bringt sie einen Raum zum Leuchten sowie die entsprechenden Blumen. Ihr Problem im gleichnamigen Roman von Teresa Simon, der in der Zeit des Zweiten Weltkriegs spielt, ist die Aussichtslosigkeit, die ihre Liebe begleitet, denn es darf nicht sein, dass sie mit ihrem Geliebten zusammenlebt und ihre Liebe darf nicht öffentlich bekannt werden.

Das Cover ist entsprechend der Geschichte romantisch gestaltet, aber Nelly lebt nicht, wie die Aufmachung vermuten lässt, in herrschaftlichen Verhältnissen, sondern ihre Mutter ist Kneipenwirtin, ihr Vater längst verstorben. Sie selbst arbeitet im Büro der Parfümerie-Fabrik Mülhens. Aber auf der Handelsschule hat sie Greta Farina kennengelernt, die Tochter des berühmten Unternehmers, der das Eau de Cologne erfunden hat. Gegenseitig geben die beiden sich Halt in den schweren Zeiten des Zweiten Weltkriegs.

Auf einer zweiten Zeitebene erzählt Teresa Simon die Geschichte der jungen Biologin Liv van Geeren, die in der Gegenwart spielt. Liv hat einen kleinen Sohn und ist frisch getrennt. Eine Erbschaft führt sie aus Maastricht nach Köln, wo sie in Ehrenfeld ein Geschäft für Düfte eröffnet. Durch Zufall trifft sie eine ältere Frau von der sie als „Nellie“ angesprochen und beschimpft wird. Hier ergab sich für mich schon ein Bezug zu der Geschichte der Nellie Voss. Doch bevor ich erfuhr, wie beide Erzählebenen ineinandergreifen musste ich noch viele Seiten lesen.

Eigenständig laufen beide Geschichten nebeneinander her und konnten mich auf ihre je eigene Art begeistern. Sie sind nicht nur über die besondere Nase ihrer jeweiligen Protagonistin für Düfte verbunden. Die Autorin fasst in ihre Erzählungen historische Fakten ein und umkleidet sie gekonnt mit Fiktion, die sich so liest, als ob die Ereignisse tatsächlich geschehen wären. Sie lässt Nellie in weiten Teilen die Begebenheiten in Tagebuchform erzählen und ich konnte mich auf diese Weise die tiefen Gefühle ihrer Protagonistin zu ihrem Liebsten nachvollziehen.

Es ist aufwühlend, vom Leben der Bevölkerung und den gegebenen Umständen im kriegszerstörten Köln zu lesen. In einem Nachwort greift die Autorin bestimmte Begriffe auf und erklärt sie im historischen Kontext. Zur weiteren Einbettung in das Kölner Umfeld gehört auch das zeitweilige Kölsche Platt bei Gesprächen beispielsweise in der Kneipe und der Verzehr typischer Speisen und Getränke. Eine treffende Auswahl dazu, die mir, als im Rheinland geborene, bekannt und empfehlenswert sind, findet sich im Anhang in Form von Rezepten zum Zubereiten wieder

Sowohl Nellie wie auch Sophie sind junge Frauen mit starkem Charakter, die ihre Ideale verfolgen, auch wenn sie gegen allgemein übliche Konventionen handeln und damit rechnen müssen, kritisiert zu werden. Auf beiden Erzählebenen hat Teresa Simon einige überraschende Wendungen eingefügt, die dem Roman eine hintergründige Spannung verleihen.

Die ansprechenden Geschichten, unterstützt durch den ständigen Perspektivenwechsel, sorgen für ein schnelles Lesen um zu erfahren, wie beide Erzählstränge zusammenfließen und verbunden sind. Der Roman „Die Lilienbraut“ von Teresa Simon hat mich bestens unterhalten und daher empfehle ich ihn gerne weiter.


Dienstag, 16. Juni 2020

Rezension: Wie uns die Liebe fand von Claire Stihlé



Rezension von Ingrid Eßer

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Titel: Wie uns die Liebe fand
Autorin: Claire Stihlé
Erscheinungsdatum: 04.05.2020
rezensierte Buchausgabe: Klappenbroschur
ISBN: 9783426307403
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Im Roman „Wie uns die Liebe fand“ erzählt Marie-Anne Nanon, von allen Madame Nan gerufen und inzwischen 92 Jahre alt, aus ihrem bewegten Leben, vor allem von einer Zeit von vor etwa vierzig Jahren. Die Autorin des Romans, Claire Stihlé, ist im Elsass geboren, wo auch ihre Erzählung spielt, wohnt heute aber in Deutschland. Obwohl sie ihre Geschichte in deutscher Sprache verfasst hat, erinnerte mich der Schreibstil an Romane, die auf dem französischen Buchmarkt zu finden sind.

Madame Nan ist früh verwitwet und hat vier Töchter. Bis zur Geburt der ältesten Tochter Marie war sie als Pharmazeutisch-Technische Assistentin tätig, nach dem Tod ihres Ehemanns sind ihre Mittel knapp. Im Jahr 1979 kommt ihr der Zufall zu Hilfe in Form ihres Nachbarn Monsieur Boberschram, der ihr den seit langem in Familienhand befindlichen Lebensmittelladen schenkt, den er nach dem Tod seiner Frau nur nachlässig geführt hat. Marie erfindet gemeinsam mit ihrem Freund Manou Liebesbomben, die im Dorf für reichlich Verwirrung in Liebesbeziehungen sorgen.  Der Verkauf der Kugeln im inzwischen aufblühenden Geschäft der Nanons ist ein Erfolg und sichert die Familie finanziell ab. Zu gerne hätten Madame Nans Töchter, dass auch ihre Mutter einen neuen Partner findet, aber sie weigert sich die Kugeln für sich selbst einzusetzen.

Lange erscheint es unrealistisch, dass Monsieur Boberschram sein Geschäft einfach so verschenkt hat, obwohl die Autorin hierzu Erklärungen gibt. Um den wahren Grund zu erfahren dauert es jedoch bis fast zum Ende des Romans. Die Geschichte nimmt eine unerwartete Wendung und führt viele Jahre zurück in die Vergangenheit des Elsasses, einer Gegend die zeitweilig von Frankreich und Deutschland umkämpft war.

Die Töchter der Madame Nan haben je einen ganz eigenen Charakter, der zu einigen Auseinandersetzungen der jungen Frauen über verschiedene Themen führt. Die Drittgeborene Chloé beschäftigt sich mit ihren fünfzehn Jahren mit der Gleichberechtigung von Frauen und Männern, was Ende der 1980er Jahre nicht alltäglich war. Ich habe mich in dieser Zeit wiedergefunden und konnte mir die Umstände gut vorstellen, weil ich in etwa zu dieser Zeit im Elsass zu Besuch war. Die Autorin flechtet immer wieder Informationen über Land und Leute in ihren Roman ein. Etwas befremdlich fand ich allerdings die Wirkungsweise der Liebeskugeln, die wohl eher mit Humor zu sehen sind und der Geschichte einen mystischen Touch verleihen.

Der Roman „Wie uns die Liebe fand“ von Claire Stihlé ist eine Geschichte, die die Protagonistin als Ich-Erzählerin im leichten Plauderstil schildert. Mit wenigen Längen im mittleren Teil führt die Erzählung zu einer berührenden Vergangenheit der Hauptfigur, die eng verbunden ist mit der Geschichte des Elsasses. Im Schlussteil des Buchs finden sich viele Seiten mit Rezepten aus dieser Gegend, die zum Nachkochen auffordern. Gerne vergebe ich eine Leseempfehlung für diesen bewegenden Roman mit heiterem Unterton.


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