Die Mitternachtsreise
Hardcover: 336 Seiten
Wilbur ist 81 Jahre alt, als er an einem Herzinfarkt stirbt. Er findet sich als Geist an einem Bahnhof wieder, in der Hand ein Ticket für den Mitternachtszug. Dieser fährt kurz darauf ein, und ein weiterer Geist heißt ihn Willkommen. Es ist Agnes Bagdale, in deren Buchladen Wilbur als Kind stundenlang stöbern konnte und den er später übernommen und zu einer großen Kette ausgebaut hat. Sie nimmt ihn mit auf eine chronologische Reise durch sein Leben, beginnend bei seiner Kindheit. Bei den Momenten, die ihn am meisten geprägt haben, muss er aussteigen und sie als Geist beobachten. Wilbur durchlebt die Höhen und Tiefen seines Lebens und beginnt sich zu fragen, ob er etwas anders hätte machen sollen. Agnes beharrt darauf, dass die Vergangenheit unabänderlich ist und er sich an die Regeln halten müsse. Denn sonst… ja, was eigentlich?
Das Buch beginnt im Jahr 1974 in Venedig, wo sich Wilbur mit seiner Frau Maggie in den Flitterwochen befindet. Die beiden genießen die Zeit in vollen Zügen und überlegen, wie es wohl wäre, für immer in der Stadt zu bleiben. 52 Jahre später lebt Wilbur allein und ist verwundert, als Maggie ihn anruft, denn er hat seit Jahrzehnten nicht mit ihr gesprochen. Der Wunsch nach weiteren Gesprächen wird durch seinen Tod, der ihn kurz darauf ereilt, nicht erfüllt. Als Leserin war ich natürlich neugierig, was in all den Jahren dazwischen passiert ist.
Bevor man wieder im Jahr 1974 landet vergeht einige Zeit, denn erst einmal erhält man Einblicke in Wilburs schwierige Kindheit. Sein Vater ist im Krieg gestorben, seine Mutter ist mit zwei Kindern sichtlich überfordert und das Geld ist knapp. Wilburs älterer Bruder Dougie gerät schon früh auf die schiefe Bahn. Auch Maggie, die Wilbur schon seit der Kindheit kennt, hat bald ihren ersten Auftritt. Das Tempo ist hoch, da immer nur einzelne prägende Szenen aus Wilburs Leben herausgegriffen werden. Dazwischen gibt es Szenen im Zug, in denen Wilbur sein Leben vorbeiziehen sieht, Agnes über die Regeln ausfragt und reflektiert, wieso er welche Entscheidung getroffen hat.
Die sich langsam entwickelnde Liebesgeschichte zwischen Wilbur und Maggie hat mir sehr gut gefallen. Die beiden passen perfekt zusammen und als Leserin hoffte ich, dass Wilbur begreift, in welchen Momenten er Entscheidungen getroffen hat, die ihn von Maggie entfernt haben. Während Agnes darauf beharrt, dass Wilbur als Geist keinerlei Einfluss auf das Geschehene nehmen kann, gibt es immer wieder Momente, die daran zweifeln lassen. Daher blieb ich gespannt, ob nicht doch irgendetwas Unerwartetes passieren wird, bevor die Fahrt wie von Agnes angekündigt in der Ewigkeit endet.
„Die Mitternachtsreise“ ist eine wirklich gelungene Ergänzung zu „Die Mitternachtsbibliothek“. Über den Gastauftritt von Nora, der Protagonistin des ersten Buchs, habe ich mich sehr gefreut. Die Überlegungen, welche Leben man mit anderen Entscheidungen hätte leben können, werden hier durch eine rückblickende Perspektive ergänzt. Wer den ersten Band mochte, der sollte nicht zögern, in den Mitternachtszug einzusteigen!









