Mittwoch, 16. Oktober 2019

Rezension: Offline von Arno Strobel


Rezension von Ingrid Eßer
*Werbung*
Titel: Offline - Du wolltest nicht erreichbar sein. Jetzt sitzt du in der Falle.
Autor: Arno Strobel
Erscheinungsdatum: 25.09.2019
Verlag: S. Fischer (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Broschur mit gestalteten Klappen
ISBN: 9783596703944
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Es ist ein neues, verlockendes Angebot, dem die acht Reisegefährten im Psychothriller „Offline“ von Arno Strobel nachkommen. Fünf Tage möchten sie in einem abgelegenen Hotel in den Bergen in der Nähe des Watzmanns in Bayern ganz ohne Smartphones und Internet auskommen, um sich einfach mal ganz auf sich selbst zu konzentrieren und sich auf die Natur einzulassen. Das Hotel wird gerade renoviert und aufgrund einer Firmenpleite herrscht ein Baustopp, darum sind dort nur zwei Hausmeister vor Ort, aber kein weiteres Hotelpersonal oder Gäste. Drei Angestellte des Reiseveranstalters begleiten die Gruppe.

Der Untertitel des Thrillers „Du wolltest nicht erreichbar sein. Jetzt sitzt du in der Falle.“ ließ mich als Leserin bereits ahnen, dass der Trip kein erholsamer Urlaub für die Gruppe wird. Schon bei der Ankunft im Hotel stellt sich schnell heraus, dass auch das mitgenommene Funkgerät unbrauchbar ist und dann beginnt es auf unabsehbare Zeit zu schneien …

Arno Strobel schildert im Prolog eine verstörende Situation, in der eine Frau und ihr Freund im Mittelpunkt stehen. Unter den Reisenden findet sich dann ein Mann, der den gleichen Namen trägt wie der Geliebte in der Einleitung. Dadurch machte ich mir Gedanken darüber, ob es sich dabei um die gleiche Person handeln könnte, denn jetzt gehört sie zu einem vierköpfigen Team eines Telekommunikations-unternehmens, das die Reise für ihre Mitarbeiter gebucht hat. 

Zur Gruppe gehören des Weiteren einige Mitglieder, die mir von Anfang an allein aufgrund ihres Auftretens verdächtig vorkamen, weil ich ihnen unbegründet zutraute, dass sie zu irgendeiner Straftat fähig wären, noch bevor überhaupt eine geschehen war. Dazu zählte ein Vermögensdienstleister mit einem sehr hohen Selbstwertgefühl und ein Ehepaar in den Vierzigern, von dem die Ehefrau mit ihrer Fitness angibt. Zwei der drei Reiseleiter sind noch neu beim Unternehmen und so ist weniger über ihre Vergangenheit bekannt, beste Voraussetzung also wie ich fand, um hier von Seiten des Autors her, jemanden mit bösartigen Gedanken unterzubringen. Außerdem war mir einer der im Hotel lebenden Hausmeister sehr unsympathisch, also eigentlich auch eine gute Voraussetzung für einen Täter oder machte sich gerade der andere Hausmeister durch sein sympathischeres Verhalten verdächtig?

Arno Strobel versteht es bestens, die Spannung im Buch schnell zu einem ersten Höhepunkt zu führen, denn bald schon wird ein Teammitglied vermisst. Aufgrund der eingeschränkten Örtlichkeiten liegen bei der Gruppe zunehmend die Nerven blank, das Misstrauen zueinander wächst beständig und es fehlt an Mitteln sich gegen Gefahr zu schützen. Gekonnt spielt der Autor mit den Ängsten seiner Figuren und dadurch auch denen seiner Leser. 

Einige Kapitel enden mit einem kleinen Cliffhänger durch einen beiläufigen Satz. Um möglichst bald dem Täter auf die Spur zu kommen, habe ich das Buch sehr schnell gelesen, denn es hatte mich auf seine Art trotz einiger doch recht brutaler Szenen gepackt. Zwar blieben bei mir vor allem in Bezug auf die Hausmeister ein paar ungeklärte Hintergründe, aber grundsätzlich fand ich die Geschichte sehr gut konstruiert und gelungen. Das Thema ist wenig genutzt und spricht sicher viele an, da heute kaum noch jemand ohne Onlineverbindung ist. 

Gerne habe ich mitgerätselt, wer der oder die Täter ist beziehungsweise sind. Die Spannung baut sich früh auf und Arno Strobel schafft es, sie bis zum Ende zu halten. Sehr gerne empfehle ich das Buch an jeden Thrillerfan weiter.

Dienstag, 15. Oktober 2019

Rezension: Alte Sorten - Ewald Arenz


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Alte Sorten
Autor: Ewald Arenz
Hardcover: 256 Seiten
Erschienen am 26. Juni 2019
Verlag: DuMont Buchverlag

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Die siebzehnjährige Sally ist gerade ohne konkreten Plan aus einer Klinik abgehauen, als sie in einem Weinberg auf Liss trifft. Diese bittet Sally um Hilfe mit ihrem festgefahrenen Wagen und bietet ihr danach an, auf ihrem Hof zu übernachten. Liss stellt keine Fragen, und genau das unterscheidet sie in Sallys Augen von den anderen Erwachsenen. Sie beschließt, dass sie erst einmal dort bleiben kann. Bald beginnt sie, bei der Arbeit auf den Feldern mit anzufassen. Doch Liss dringt zwar nicht in sie ein, gibt im Gegenzug aber auch nichts von sich preis. Die beiden Frauen arrangieren sich vorwiegend still miteinander. Doch die Erlebnisse ihrer jeweiligen Vergangenheit prägen ihr Verhalten und holen sie immer wieder ein.

Die Geschichte beginnt an einem 1. September und erzählt vom ersten Aufeinandertreffen von Sally und Liss. Die beiden sind sehr verschieden: Sally ist siebzehn, dünn, von Narben gezeichnet und gerade aus der Klinik abgehauen. Liss hingegen ist eine erwachsene, starke Frau, die einen Hof bewirtschaftet und von den anderen Dorfbewohnern gemieden wird. Für Sally ist das Angebot, bei Liss zu übernachten, eine gute Gelegenheit, nach ihrer Flucht durchzuschnaufen. Da sie nicht gebeten wird zu gehen und auch keinen Grund sieht, weiterzuziehen, wird aus der einen Übernachtung auf Liss’ Hof bald eine längere Zeit.

Der Autor hat mit Sally und Liss zwei Charaktere geschaffen, die schon einiges mitgemacht haben. Sally ist wütend auf ihr Umfeld, das ihr ständig Vorschriften machen will und ihr mit betontem Verstänis begegnet. Ihre Eltern bringen ihr wenig Liebe entgegen, sind vor allem abwesend und haben sie schon mehrfach wegen Selbstverletzung und Magersucht in eine Klinik gesteckt. Als sie bei Liss zum ersten Mal eine Birne ist, die zu den Alten Sorten zählt, hat sie das Gefühl, endlich wieder etwas zu schmecken.

Warum Liss eine Einzelgängerin ist und gemieden wird, bleibt lange ein Geheimnis. Sie selbst schiebt die entsprechenden Erinnerungen weg. Stattdessen denkt sie oft an ihre Jugend zurück, in der sie in einen Jungen namens Sonny verliebt war. Sally und sie werden bald zu einem Team und ich fand es schön, wie die beiden sich ohne große Worte gegenseitig Kraft geben. Dann gibt es jedoch auch Momente, in denen aufgestaute Gefühle durchbrechen. Ich war gespannt, was Sally und Liss voneinander lernen werden und welchen Weg die beiden Charaktere für sich finden.

„Alte Sorten“ ist eine vorwiegend stille, eindringliche Geschichte, in der sich der Teenager Sally und die erwachsene Liss durch einen Zufall begegnen und daraus eine ungewöhnliche Freundschaft entsteht. Beide haben ihr Päckchen zu tragen und erhalten durch die andere einen neuen Blick auf ihr Leben. Lasst Euch vom Autor mit aufs Land nehmen und lernt diese zwei Frauen kennen, die jeweils auf ihre eigene Weise Stärke zeigen!


Montag, 14. Oktober 2019

Rezension: Die Schuld jenes Sommers von Katherine Webb


Rezension von Ingrid Eßer

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Titel: Die Schuld jenes Sommers
Autorin: Katherine Webb
Übersetzerin: Babette Schröder
Erscheinungsdatum: 14.10.2019
rezensierte Buchausgabe: Leseexemplar
ISBN: 9783453292086
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Der Roman „Die Schuld jenes Sommers“ aus der Feder der Bestsellerautorin Katherine Webb führte mich als Leserin in das im Südwesten Englands gelegene Bath ins Jahr 1942. Damals wurde die Stadt am 25. und 26. April von der deutschen Luftflotte bombardiert. Die 32-jährige Protagonistin Frances Parry lebt nach der Trennung von ihrem Ehemann wieder bei den Eltern in Bath im Haus am Holloway. Neben ihrem Job als Gepäckträgerin am Bahnhof passt sie gerne auf den sechsjährigen Davy auf. Der Kleine ist der Neffe ihrer Freundin Wyn Hughes, an deren ungeklärtem Verschwinden im Jahr 1918 sie sich eine Mitschuld gibt.

Der Roman beginnt am Tag vor der Bombardierung. An diesem Tag hätte Wyn Geburtstag gehabt und wie immer denkt Frances daran. Den Nachmittag über hat sie mit Davy gespielt, doch sie möchte eine Weile allein sein, darum bringt sie den Jungen zu Bekannten, die in der folgenden Nacht beim Luftangriff getötet werden, aber von Davy fehlt jede Spur. Dadurch wird bei Frances die Erinnerung an die Begebenheiten in jenem Sommer vor über zwanzig Jahren in besonderem Maße geweckt.

Als bei den anschließenden Aufräumarbeiten in Bath die skelettierte Leiche eines Kindes gefunden wird und sich herausstellt, dass es sich dabei um Wyn handelt, ist Frances aufgewühlt. Zwar ist jetzt der Verbleib ihrer Freundin geklärt, aber sie fürchtet sehr, dass Davys Verschwinden ebenso fatal enden könnte. Nach Frances‘ Meinung ist der damals als Straftäter Verurteilte unschuldig gewesen und der tatsächliche Mörder ist immer noch frei und könnte wieder tätig geworden sein …

Die Erzählung spielt auf zwei Zeitebenen. Zum einen erlebte ich als Leserin den Tag vor und die folgenden Tage nach der Bombardierung von Bath im Jahr 1942, zum anderen konnte ich die Entwicklung der Freundschaft zwischen Frances und Wyn vom Jahr 1916 an durch Rückblicke auf die Kindheit der beiden verfolgen.

Schon auf den ersten Seiten spürte ich deutlich, dass die Ereignisse rund um das Verschwinden der Freundin immer noch bei Frances nachhallen, weil sie das Geschehen nie aufarbeiten konnte, sondern erfolgreich verdrängt hat. Aufgrund ihrer damaligen Erfahrungen hat sie persönliche Entscheidungen getroffen. Katherine Webb gestaltet ihre Geschichte von Beginn an interessant, denn natürlich wollte ich wissen, wie es zum Mord an Wyn kommen konnte und auch, warum Frances glaubt, dabei schuldig geworden zu sein.

Frances wächst in bescheidenen, aber soliden Verhältnissen als Tochter eines Mechanikers auf. Die Hughes wohnen unweit der Familie, aber in deutlich ärmlicher Umgebung. Wyn hat schon als Kind einen ausgeprägten eigenen Willen mit dem sie sich gegen die älteren Geschwister und den trinksüchtigen Vater durchsetzt. Frances ist eher zurückhaltend und setzt gerne die burschikosen Ideen ihrer Freundin um. Um der Realität zu entfliehen, träumt sich Wyn in Gedanken oft ihre eigene Welt. Innerhalb kurzer Zeit bauen beide zueinander eine starke Bindung auf, das Vertrauen zueinander wächst. In diesem kindlichen Alter gestaltet sich ihre Freundschaft zunehmend fragiler in Bezug auf äußere Einflüsse.

Frances hat an der Seite ihres Ehemanns versucht die Schatten der Vergangenheit hinter sich zu lassen, doch jetzt ist wieder Krieg und wieder verschwindet ein Kind, dem sie zugeneigt ist. Katherine Webb versteht es, mir als Leserin die Verzweiflung, die Traurigkeit und die Wut ihrer Protagonistin auf der zweiten Zeitebene zu vermitteln, die dazu führt, dass Frances entschlossen ist, die neuen Ereignisse nicht auf sich beruhen zu lassen, sondern diesmal ihre ganze Energie für die Suche nach Davy einzusetzen, um die absehbare Entwicklung zu ändern. Einfühlsam schildert die Autorin, wie Frances an ihrer Aufgabe wächst.

Die Handlungsorte hat Kathrine Webb mit Liebe zum Detail und eigener Ortskenntnis so ins Bild gesetzt, dass ich sie mir sehr gut vorstellen konnte. In diesem Rahmen agieren ihre Figuren realitätsnah. Mit einigen Wendungen in der Geschichte sorgt die Autorin für manchen überraschenden Verlauf.

„Die Schuld jenes Sommers“ ist ein bewegender, gefühlvoll geschilderter historischer Roman mit Kriminalelementen und kleinen Geheimnissen, deren schrittweise Aufdeckung auf den Leser wartet. Gerne vergebe ich hierzu eine Leseempfehlung.


Samstag, 12. Oktober 2019

Rezension: Laufen - Isabel Bogdan


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Laufen
Autorin: Isabel Bogdan
Hardcover: 208 Seiten
Erschienen am 12. September 2019
Verlag: Kiepenheuer & Witsch

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Die Protagonistin ist schon seit einigen Jahren nicht mehr gelaufen, doch jetzt will sie endlich wieder damit anfangen. Ein Jahr ist vergangen, seit ihr Freund Suizid begangen hat und seine Eltern ihr alles von ihm weggenommen haben, weil die beiden nicht verheiratet waren. Jetzt ist die über 40, für Kinder ist es zu spät, sie ist traurig und wütend. Immer wieder rafft sie sich zum Laufen auf und reflektiert ihre Situation. Während sie allmählich fitter wird, gelingt es ihr zunehmend, nach vorn zu blicken.

Als Leser begleitet man die Protagonistin beim Laufen und lauscht ihrem inneren Monolog. Ein Jahr ist sie nun schon allein, und noch immer geistert die Frage nach dem Warum in ihrem Kopf herum, gepaart mit Wut, Unverständnis und Hilflosigkeit. Sie fühlt sich zurückgelassen und von vielen Menschen in ihrer Umgebung unverstanden.

Ich brauchte eine Weile, um in den Schreibstil hineinzufinden. Der Gedankenfluss beim Laufen wird ungefiltert wiedergegeben, was zu langen Sätzen führt, in denen die Erzählerin von einem Thema zum nächsten springt und sich zwischendurch immer weider auf ihre Atmung fokussiert. Da man ihr nur in der Situation des Laufens begegnet erfährt man dabei, was in den Tagen und Wochen zuvor passiert ist.

Auf diesem indirekten Weg erfährt man einiges über die Reaktionen ihres Umfelds. Durch das Laufen, die Liebe zur Musik und ihre besten Freundin Rike, die gut zuhören kann und mit der richtigen Mischung aus Mitgefühl und Humor reagiert, sammelt die Protagonistin neue Kraft. Ihre Eltern wissen hingegen nicht so recht, was sie sagen sollen, und auf die Eltern ihres Freundes ist sie einfach nur wütend, nachdem sie all seine Sachen eingesammelt und sogar die Hälfte der Möbel mitgenommen haben. Auch über die Gespräche mit ihrer Therapeutin und deren Ratschläge denkt sie nach.

Insgesamt begleitet man die Protagonistin ein Jahr lang. Das Buch ist einfühlsam geschrieben und man merkt, wie es der Protagonistin allmählich gelangt, neue Dinge anzupacken und nach vorn zu blicken. Dabei geht es auf und ab mit besseren und schlechteren Tagen. Auch wenn die Gedanken der Erzählerin oft von Traurigkeit und Wut dominiert werden, mischt sich immer wieder eine Prise Humor hinein. Insgesamt ein eindrücklicher Roman über einen Trauerprozess mit einer Protagonistin, die übers Laufen zurück ins Leben findet.

Freitag, 11. Oktober 2019

Rezension: Der größte Spaß, den wir je hatten von Claire Lombardo


Rezension von Ingrid Eßer

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Titel: Der größte Spaß, den wir je hatten
Autorin: Claire Lombardo
Übersetzerin: Sylvia Spatz
Erscheinungsdatum: 20.09.2019
Verlag: dtv (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Leseband (Leseexemplar)
ISBN: 9783423281980
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In ihrem Debütroman „Der größte Spaß, den wir je hatten“ schreibt die US-Amerikanerin Claire Lombardo über das fiktive ältere Ehepaar David und Marilyn Sorenson und ihre vier Kinder. Bei David und Marilyn wird der Buchtitel zum Motto, denn Ehepartner und Eltern sein ist für sie das Wichtigste in ihrem Leben. Ihre Familie ist vergleichbar mit den Gingkobäumen, von denen Blätter auf dem Cover zu sehen sind und die im Garten des Eigenheims der Familie stehen: sie sind tief verwurzelt und langlebig, besitzen eine feine Struktur und trotzen der Natur auch in schwierigen Zeiten. Doch wie sich im Roman zeigen wird, können weder Familie noch Gingkos sich vor allen Einflüssen schützen und bleiben dadurch angreifbar.

Der Roman spielt in der Gegenwart und beginnt im Frühjahr des Jahrs 2016. Ab diesem Zeitpunkt entwickelt sich die Geschichte weiter über ein ganzes Jahr und mehr hinweg. Immer wieder wird die Erzählung durch längere Rückblicke unterbrochen, einen ersten Blick auf die Vergangenheit gibt es bereits im Prolog. Obwohl die Autorin die Familienkonstellationen bereits auf den ersten Seiten beschreibt, bringen erst die Retrospektiven ein tieferes Verständnis für die Figuren und ihre Handlungen.

David und Marilyn sind beide über 60 Jahre alt, seit 39 Jahren verheiratet und wohnen in Chicago. Ihre vier Töchter sind inzwischen erwachsen und ausgezogen. Wendy ist die Älteste und wurde noch im gleichen Jahr geboren, in dem ihre Eltern geheiratet habe. Ihre Schwester Violet ist kein ganzes Jahr jünger als sie. Beide wohnen noch in der Stadt genauso wie Liza, die mit einem zeitlichen Abstand von sechs Jahren zu ihrer ältesten Schwester geboren wurde. Erst etwa zehn Jahre nach ihr kam dann Grace zur Welt, die inzwischen in Portland wohnt.

Neben Wendy, die schon einige Verluste in ihrem Leben hinnehmen musste, haben auch die übrigen Geschwister ihre Last zu tragen und jede genießt glückliche Zeiten. Die große Liebe ihrer Eltern ist ihnen immer ein Vorbild, doch es ist schwierig, sie im gleichen Maß zu erreichen. Jonah ist das große Geheimnis von Violet, sie hat ihn nach der Geburt vor 15 Jahren zur Adoption freigegeben. Der Roman erzählt im Folgenden, wie es dazu kam, warum er jetzt wieder Kontakt zur Familie hat und wie die einzelnen Familienmitglieder mit seinem Erscheinen umgehen.

In ihrem Roman schreibt Claire Lombardo über alltägliche Situationen, in denen jeder ihrer Leser sich bestimmt irgendwo wiederfindet. Ihre Geschichte fokussiert auf den einzelnen Charakteren. Die Geschwister beschreibt sie mit sehr unterschiedlichen Eigenschaften, was den Roman abwechslungsreich gestaltet. Vor allem im Austausch zwischen Wendy und Violet stehen sich immer wieder sehr verschieden Ansichten gegenüber.

Die Szenerie wechselt innerhalb der Kapitel mehrfach zwischen den Personen. Die Autorin beschreibt mit großer Empathie auch die Gefühle ihrer Figuren. Zwar ist die Autorin erst 30 Jahre, dennoch schreibt sie mit einer hohen Lebenserfahrung, die sich sicher auch daraus ergibt, dass sie die Jüngste von fünf Geschwistern ist und eine gute Beobachtungsgabe sowie ein großes Interesse an ihrer Umgebung besitzt.

David und Marilyn haben einander immer respektvoll behandelt und sind fast immer offen mit ihren Meinungen umgegangen. Dennoch sind sie gemeinsam über viele Höhen und durch viele Tiefen gegangen. Sicher wurde ihr Leben dadurch erleichtert, dass es zwar Zeiten gab, in denen ihr Budget gering war, dennoch haben sie immer auf die Unterstützung ihrer Eltern setzen können und später hat David als Arzt sehr gut verdient. Für ihre Kinder sind die beiden der Fels in der Brandung, sie bieten ihnen jederzeit eine Schulter zum Anlehnen. Was sich zunächst nach einer beneidenswerten Basis und Vertrauen anhört, stellt sich wie in der Realität als schwierig dar, weil jede Person unterschiedliche Vorstellungen davon hat, wie viel Privatheit er benötigt und wie viel Nähe er zulassen will. So ist es auch für David und Marilyn eine Gradwanderung, herauszufinden, in welchem Maße jede ihrer Töchter Zuwendung benötigt und zwar nicht nur als Kind, sondern auch im erwachsenen Alter.

Claire Lombardo ist mit „Der größte Spaß, den wir je hatten“ ein wunderbarer, mich begeisternder  Roman gelungen, der einfühlsam beschreibt, wie ein Ehepaar über viele gemeinsame Jahre hinweg Sorgen um und Probleme mit ihren vier sehr unterschiedlichen Töchtern meistert, die inzwischen als Erwachsene ihren eigenen Weg gehen und dabei auf ihre Weise mehr oder weniger eigene Lösungen für ihre Schwierigkeiten finden. Die Autorin gewährte mir als Leserin tiefe Einblicke in die jeweiligen Liebesbeziehungen und ließ mich an den kleinen Scharmützeln unter den Familienmitgliedern teilhaben. Unerwartete Wendungen und einige Geheimnisse gestalten den Roman abwechslungsreich. Sehr gerne vergebe ich hierzu eine uneingeschränkte Leseempfehlung.

Rezension: Einige aber doch von Sabine Friedrich


Rezension von Ingrid Eßer

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Titel: Einige aber doch
Autorin: Sabine Friedrich
Erscheinungsdatum: 20.09.2019
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Leseband (Leseexemplar)
ISBN: 9783423282017
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Der Roman „Einige aber doch“ ist der erste von drei Bänden in denen Sabine Friedrich über den deutschen Widerstand gegen den Nationalsozialismus schreibt. Thematisch fokussiert sie im ersten Teil auf Widerstandgruppen, die später als „Rote Kapelle“ bezeichnet wurden. Der Name ergibt sich ursprünglich aus der dem Geheimdienstjargon entlehnten Bezeichnung für eine Gruppe von Funkern als „Kapelle“. Ein von einem Kommunisten zur Unterstützung der Résistance gegründetes Spionagenetzwerk in Brüssel funkte seine Sprüche ins „rote“ Moskau. Die Autorin nimmt die unabhängig von diesem Netzwerk agierenden deutschen linken und liberalen Gruppen in den Fokus und beschreibt die Geschehnisse rund um Arvid und Mildred Harnack, Harro und Libertas Schulze-Boysen, Hilde und Hans Coppi, Kurt und Elisabeth Schumacher sowie Adam und Greta Kuckhoff.

Sabine Friedrichs Roman basiert auf den historischen Fakten, die die Autorin bestens recherchiert hat. Auf der Basis des gesichteten geschichtlichen Materials versetzt sie sich in ihre Figuren und beschreibt ihre Eindrücke darüber, wie sie vielleicht gefühlt und gehandelt haben. Ihre Erzählung beginnt damit, dass Mildred und Arvid sich in Wisconsin/USA kennenlernen. Schon einige Jahre später, Anfang der 1930er Jahre, reden sie mit ihren Freunden und Bekannten über die rechtsradikalen Tendenzen im Staat. Bereits hier lässt sich erkennen, dass die jungen Leute die Entwicklungen kritisch und beunruhigend sehen. Die Autorin gestaltet private Dialoge, die sie glaubhaft in Szene setzt, als ob sie tatsächlich so stattgefunden hätten. Sie ließ mich als Leserin an den Gedankengängen der handelnden Personen teilnehmen und vermittelte mir ihre möglichen Empfindungen auch im Umgang mit der Angst vor Entdeckung, vor Gericht und in Anbetracht der Vollstreckung der Urteile.

Immer schon habe ich diejenigen bewundert, die sich dem Terrorregime mutig entgegenstellten. Obwohl ich wusste, wie die Geschichte zwangsläufig enden wird, verfolgte ich bewegt die einzelnen Begebenheiten, die zur Auflösung des Widerstands und dem Tod vieler ihrer Kämpfer führten. Gleichzeitig erlebte ich eben jene Personen in ihrem Alltag, den die Autorin mit vielen Details ausgeschmückt hat und vielleicht kamen mir ihre persönlichen Schicksale daher besonders nahe. Sabine Friedrich zeigt, wie der Widerstand im Kleinen und Verborgenen entsteht und selbst zunächst unbedeutende Handlungen Großes bewirken können.

In den Roman eingebunden sind viele Personen. Der Handlungsort wechselt oft nach kurzen Abschnitten und bedingt dadurch ist auch der ständige Wechsel zwischen den Charakteren. Das Personenregister am Ende des Buchs ist daher sehr nützlich.

In ihrem Roman „Einige aber doch“ vermittelt Sabine Friedrich Geschichte auf eine besondere Art. Die Entscheidung für das aktive Handeln der historisch verbürgten Personen im Widerstand wird auf diese Weise verständlich. Gerne empfehle ich das Buch an geschichtlich interessierte Leser weiter.

Donnerstag, 10. Oktober 2019

Rezension: Schicksal und Gerechtigkeit - Jeffrey Archer


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Schicksal und Gerechtigkeit. Die Warwick-Saga 1
Autor: Jeffrey Archer
Taschenbuch: 448 Seiten
Erschienen am 9. September 2019
Verlag: Heyne

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Für William Warwick war schon im Alter von acht Jahren klar, dass er Detective werden möchte. Sein Vater, ein einflussreicher Kronanwalt, möchte ihn jedoch lieber in einem Beruf sehen, für den man studieren muss. Die beiden treffen eine Vereinbarung: William macht einen Universitätsabschluss seiner Wahl, und wenn er danach immer noch in die Metropolitan Police Force eintreten will, darf er das tun. Nach einem Abschluss in Kunstgeschichte beginnt William 1982, in London auf Streife zu gehen und wird aufgrund seiner Kenntnisse zwei Jahre später bei Scotland Yard in der Abteilung für Kunst und Antiquitäten eingesetzt. Neben ersten kleineren Fällen, die er allein bearbeiten soll, beschäftigt ein seit sieben Jahren verschwundener Rembrandt die Abteilung. Bei Nachforschungen zum Fall lernt William Beth kennen, die jedoch ein Geheimnis hat. Bald sieht er sich einer ganzen Reihe an Herausforderungen gegenüber, de er zu bewältigen hat.

Wer die Clifton-Saga gelesen hat, der wird sich über die Nachricht gefreut haben, dass es die Abenteuer rund um William Warwick, dem Protagonisten der Bücher von Harry Clifton, nun tatsächlich zum Leben erweckt werden. Ein Start in diese neue Reihe ist aber auch ganz ohne Vorkenntnisse möglich.

Dem Protagonisten William Warwick begegnet man als Leser zum ersten Mal, als dieser mit seinem Vater die Vereinbarung trifft, erst zu studieren, bevor er zur Polizei geht. Nach einem Zeitsprung werden einige Erlebnisse aus Williams Streifendienst erzählt, bevor er zu Scotland Yard wechselt. Hier taucht man tiefer ein und begleitet William durch seine ersten Wochen und Monate als Detective.

Die Handlung konnte mich schnell packen und ich war neugierig, ob William den Tätern seiner ersten Fälle auf die Spur kommen wird. Es laufen stets eine Handvoll Ermittlungen gleichzeitig, wodurch man den Überblick behalten muss, was ich aber auch interessanter fand als den Fokus auf einen einzigen Fall. William kann Erfolge verzeichnen, muss aber auch Rückschläge hinnehmen und macht wertvolle Erfahrungen für seinen weiteren Weg. Ständig passiert etwas Unerwartetes und das Tempo blieb hoch, sodass ich gespannt am Ball blieb.

Mit Beth taucht schnell eine Frau auf der Bildfläche auf, zu der William sich hingezogen fühlt. Auch sie kommt aus der Welt der Kunst und hat ein großes Interesse daran, dass der verschwundene Rembrandt gefunden wird. Gleichzeitig hat sie selbst ein brisantes Geheimnis. Kann es für die beiden eine Zukunft geben?

Das Buch hat mehrere Höhepunkte, die mich mitfiebern lassen. Mehrmals springt die Handlung dabei zwischen zwei Schauplätzen hin und her, was die Spannung zusätzlich erhöhte. Zum Ende hin gibt es einen großen Showdown vor Gericht, der ein absolut gelungenes Finale für diesen ersten Band der Saga ist.

„Schicksal und Gerechtigkeit“ ist der Auftakt einer neuen Saga von Jeffrey Archer, in welcher der Polizist William Warwick im Mittelpunkt steht und in den 1980er Jahren in London in der Kunstszene ermittelt. Das Buch hat ein angenehm zügiges Tempo und konnte mich mit spannenden Entwicklungen sehr gut unterhalten!

Mittwoch, 9. Oktober 2019

Rezension: Der Ursprung der Welt von Ulrich Tukur


Rezension von Ingrid Eßer

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Titel: Der Ursprung der Welt
Autor: Ulrich Tukur
Erscheinungsdatum: 09.10.2019
Verlag: S.Fischer (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Leseband
ISBN: 9783103972733
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„Der Ursprung der Welt“ lautet der Titel des ersten Romans von Ulrich Tukur. Die Geschichte ist eine historische Dystopie, die auf zwei Zeitebenen spielt. Optisch wie haptisch ist die Aufmachung des Hardcovers ein Schmuckstück. Ranken umgeben fühlbar den runden Ausschnitt auf dem Schutzumschlag oberhalb der Mitte, der einen Blick auf eine alte Fotografie freigibt, die einen Herrn mit Hut in einer schicken Kombination zeigt. Entfernt man den Umschlag ist die schwarz-weiße Fotografie vollständig zu sehen, unterhalb davon finden sich die Initialen P.G. in Gold geprägt. Das Bild entstammt dem Privatbesitz des Autors. Durch seinen zufälligen Fund, gemeinsam mit weiteren Fotos, in einem Fotoalbum kam dem Autor die Idee zu diesem Buch. Der Titel nimmt auf ein gleichnamiges Gemälde Bezug, das den Protagonisten des Romans bereits früh geprägt hat.

Der Deutsche Paul Goullet ist die Hauptfigur des Romans. Er ist Mitte Dreißig und besucht im Jahr 2033 Paris, um die Stadt kennenzulernen Beim Vorbeischlendern am Ufer der Seine entdeckt er an einem der Stände ein altes Fotoalbum mit Bildern, auf denen er sich selbst zu erkennen glaubt. Die Fotos rufen bei ihm Erinnerungen an seine Kindheit wach und an ein Zimmer in der Heimat, in dem sein Großvater gelebt hat. Er macht sich auf die Suche nach der Person auf den Fotos. Seine Reise führt ihn aufgrund gefundener Hinweise auf den Bildern nach Südfrankreich. Je intensiver er sucht, desto mehr fühlt er sich mit seinem Ebenbild verbunden. Visionen suchen ihn heim, führen ihn in die Zeit des Zweiten Weltkriegs. Er sieht sich selbst in der Rolle des ihm Unbekannten mit ähnlichem Aussehen und fühlt sich zunächst als Wohltäter in einer Widerstandgruppe bis er einem schrecklichen Geheimnis auf die Spur kommt.

Ulrich Tukur zeichnet ein düsteres Bild unserer Zukunft, das sich aber realistisch aus den derzeitigen Umständen ergeben könnte. Sein Protagonist hat das große Glück niemandem Rechenschaft über sein Tun und Lassen abgeben zu müssen. Er ist geprägt von einer Kindheitserinnerung, die seine Suche nach der großen Liebe überschattet. Seine Gefühle schätzt er manchmal falsch ein, was damit zusammenhängen könnte, dass er selbst bei seiner Erziehung eine vertrauensvolle, ihn liebende Person vermisst hat. Er wirkte auf mich kühl und rational, wodurch mir der Charakter, wie auch einige andere im Roman, nicht sympathisch wurde. Einzig an seiner zögerlichen, aber bedingungslosen Hilfsbereitschaft in bestimmten Momenten fand ich Gefallen.

Das Spiel auf zwei Zeitebenen ist manchmal anstrengend, aber nachvollziehbar. Die Übergänge sind fließend und können durch die jeweils agierenden Personen auseinandergehalten werden. In Deutschland gibt es Ausschreitungen, die Paul Goullet durch seine Reise für eine Weile hinter sich lassen möchte. Allerdings hat es auch in Frankreich einige politisch bedingte Veränderungen gegeben und auch hier ist die Situation durch polizeiliche und militärische Kontrollen mit Übergriffen auf die Zivilbevölkerung beängstigend. Die Stimmungslage konnte der Autor sehr gut von den handelnden Personen auf mich als Leser übertragen. Bei der Aufdeckung des Geheimnisses überzeugt Ulrich Tukur mich nicht mit allen Details beim Ineinandergreifen der Ereignisse.

Die Ängste seines traumatisierten Protagonisten im Roman „Der Ursprung der Welt“ stehen für unsere eigenen Erwartungen an eine bessere Zukunft. In einer zunehmend digitalisierten Welt vermögen uns auf rationalen Analysen beruhende Empfehlungen, keinen bleibenden Frieden zu geben, weil unser eigener Antrieb durch Gefühle gesteuert ist und uns Ziele antreiben, die nicht immer mit denen von anderen übereinstimmen. So bleibt unsere Zukunft unvorhersehbar.

„Der Ursprung der Welt“ von Ulrich Tukur ist ein interessanter ungewöhnlicher Genremix, der solide konstruiert ist. Gerne vergebe ich hierzu eine Leseempfehlung.

Dienstag, 8. Oktober 2019

Rezension: Die Schwestern vom Ku'damm. Wunderbare Zeiten - Brigitte Riebe


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Die Schwestern vom Ku'damm: Wunderbare Zeiten
Autorin: Brigitte Riebe
Hardcover: 480 Seiten
Erschienen am 17. September 2019
Verlag: Wunderlich

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 Silvie Thalheim ist im Berlin des Jahres 1952 eine beliebte Radiomoderatorin beim RIAS, während ihre Schwester Rike und ihr Zwillingsbruder Oskar im Familienunternehmen, dem Modekaufhaus Thalheim am Ku’damm, arbeiten. Während Rike heiratet und ihr erstes Kind erwartet, ist Silvie weiterhin auf der Suche nach dem Richtigen. Sie lernt Wanja kennen, einen emotionalen Schauspieler, der am Anfang seiner Karriere im Filmgeschäft steht. Soll sie sich auf ihn einlassen? Oskar hingegen ist nicht nur körperlich, sondern auch emotional gezeichnet von den Jahren im Krieg und in Kriegsgefangenschaft. Rike ärgert sich, dass er das Unternehmen leiten soll, obwohl er zu viel feiert und im Modekaufhaus fragwürdige Entscheidungen trifft. Silvie nimmt ihren Zwillingsbruder in Schutz, dringt aber zunehmend weniger zu ihm durch. Sein Verhalten droht, zur Zerreißprobe für den Familienzusammenhalt zu werden.

Nachdem mich der erste Teil der Trilogie rund um die Schwestern am Ku’damm begeistern konnte, habe ich mich sehr gefreut, in diesem zweiten Teil mehr über Silvie zu erfahren. Beruflich läuft es gut für sie: Als Radiomoderatorin ist sie beliebt und sie feilt gerade an einem neuen Format, mit dem sie ihre Bekanntheit weiter steigern könnte. Vor allem ihr Vater erinnert sie aber immer wieder daran, dass es da auch noch ein Familienunternehmen gibt, das sie zumindest einige Stunden in der Woche unterstützen könnte.

Immer wieder spuken jedoch die Sätze „Kein Mann. Kein Haus. Kein Kind.“ in ihrem Kopf herum. Sie möchte gerne eine neue, ernsthafte Beziehung eingehen, doch dazu muss sie erst den Richtigen finden. Auf der Hochzeit ihrer Schwester lernt sie Wanja kennen, einen leidenschaftlichen Schauspieler, der erst vierundzwanzig ist. Er entspricht nicht ihrer Vorstellung des grundsoliden Mannes, nach dem sie Ausschau hält, geht ihr aber nicht mehr aus dem Kopf. In Sachen Liebe begleitet der Leser Silvie ebenso wie ihre Geschwister durch Höhen und Tiefen, die mich mitfiebern ließen.

Silvies Zwillingsbruder Oskar ist nach seiner Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft verändert: Er trinkt und feiert viel, fährt schnelle Autos und trifft fragwürdige Entscheidungen. Diese sorgen für unerfreuliche Entwicklungen und ich war neugierig, wie sich das auf die Dynamik innerhalb der Familie auswirken wird. Die Geschichte wird wie sein Vorgänger in zügigem Tempo erzählt und macht immer wieder Zeitsprünge von mehreren Monaten, taucht dann aber auch tiefer in einzelne emotionale Momente ein. Dadurch erhielt ich authentische und atmosphärische Einblicke ins Berlin der 1950er Jahre.

Auch wenn Silvie diesmal im Mittelpunkt steht und man einen tieferen Einblick in ihr Innenleben erhält erfährt man ebenso, wie es für ihre Geschwister und Freunde weitergeht. Außerdem werden einige Familiengeheimnisse gelüftet. Hier muss ich leider sagen, dass ich die Entwicklungen rund um das Thema Wer-hat-mit-wem zu dick aufgetragen fand. Am Ende überstürzen sich die Ereignisse und mir ging alles zu schnell. Doch natürlich weckt genau das auch die Neugier auf den dritten und letzten Teil, in dem Flori in den Mittelpunkt rückt.

Insgesamt ist „Die Schwestern vom Ku’damm: Wunderbare Zeiten“ eine gelungene Fortsetzung der Familiengeschichte im Berlin der 50er Jahre. Wer den ersten Teil mochte, der sollte unbedingt weiterlesen!

Sonntag, 6. Oktober 2019

Rezension: Wie ein Leuchten in tiefer Nacht - Jojo Moyes


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Wie ein Leuchten in tiefer Nacht
Autorin: Jojo Moyes
Übersetzerin: Karolina Fell
Hardcover: 544 Seiten
Erschienen am 1. Oktober 2019
Verlag: Wunderlich

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Im Jahr 1937 nutzt die Engländerin Alice die Begegnung mit dem auf Europareise befindlichen Amerikaner Bennett, um aus ihrem beengenden Zuhause auszubrechen und ihm als seine Frau über den Ozean zu folgen. Doch schnell fühlt es sich für sie an, als hätte sie ein Gefängnis gegen das andere getauscht, denn nun lebt sie mit Bennett und seinem einschüchternden Vater in einer kleinen Mienenstadt in den Bergen Kentuckys. Als Frauen aufgerufen werden, dem Team der neuen Satteltaschen-Bücherei beizutreten, welche Bücher per Pferd ausliefern, meldet sie sich kurzentschlossen an. Für Alice ist es die perfekte Gelegenheit, aus dem Haus zu kommen und erste Freundschaften zu schließen. Doch nicht jeder sieht gern, dass sich die Lesefähigkeit abgelegen wohnenden einfachen Leute dank der Bücherei zunehmend verbessert.

Alice lernt der Leser kurz nach ihrer Ankunft in Kentucky kennen. Das Ankommen in ihrer neuen Heimat hat bei ihr Ernüchterung ausgelöst, denn es ist dort bei weitem nicht so aufregend, wie sie gehofft hat. Ihr Mann Bennett, der ihr auf seiner Europareise weltgewandt vorkam, erweist sich als gefühlskalter Mensch, der unter der Fuchtel seines Vaters steht. Dass sie mit ihm unter dem Dach wohnen und er im Zimmer neben dem ihren schläft trägt ebenfalls nicht zu einer Annäherung der Frischvermählten bei. Gut konnte ich Alice’ Entschluss verstehen, sich dem Bücherei-Team anzuschließen und sich damit ein Stück Freiheit zu sichern.

Um die Routen kennenzulernen, die sie mit Pferd und Büchern in Zukunft allein bewältigen muss, arbeitet Alice eng mit Margery O’Hare zusammen. Diese führt ein unabhängiges Leben und hat sich noch nie darum gekümmert, was andere über sie denken. Von ihrem Schwiegervater wird Alice darauf hingewiesen, dass Margery keine adäquate Gesellschaft sei, doch sie ist von ihr fasziniert und findet in ihr bald eine erste Freundin. Ich war gespannt, was die beiden gemeinsam erleben werden.

Zusammenhalt und Freundschaft spielen im Buch eine große Rolle. Die Autorin hat mit Alice, Margery und den anderen Bücherei-Mitarbeiterinnen starke Frauenfiguren geschaffen, die sich zu behaupten lernen und anderen helfen, es ihnen gleich zu tun. Ihre Begegnungen mit den Familien, die ihrem Service mehr oder weniger skeptisch gegenüberstellen, werden ebenso beschrieben wie die Auseinandersetzungen mit denen, die ihrer Tätigkeit ein Ende setzen wollen.

Ich fand das Verhalten der Charaktere leider an vielen Stellen vorhersehbar, wodurch es für mich wenige Überraschungen gab. Der Fokus liegt auf den weiblichen Charakteren, doch in der Konsequenz werden vor allem bei den Männerfiguren die Hintergründe ihres Handels kaum erklärt. Da gibt es die verständnisvollen Männer Sven und Fred, auf der anderen Seite den gefühlskalten Bennett, dessen Sinneswandel unerklärt bleibt, und seinen rücksichtlosen Vater, der jedes Klischee eines Bösewichts erfüllt.

Auf den letzten hundert Seiten wird es noch einmal besonders dramatisch, denn eine im Prolog beschriebene fatale Begegnung wird wieder aufgegriffen und die Charaktere müssen mit den weitreichenden Konsequenzen umgehen. Das Ende fühlte sich nach all den Herausforderungen, mit denen die Frauen zu kämpfen hatten, für mich zu sehr nach Heiler Welt an.

Insgesamt ist „Wie ein Leuchten in tiefer Nacht“ ein Roman über ganz verschiedene Frauen, die sich gegenseitig helfen und sich dabei zunehmend emanzipieren. Für meinen Geschmack war die Handlung aber zu vorhersehbar. Wer die bisherigen historischen Romane der Autorin mochte, der wird an diesem Buch sicherlich nicht vorbeikommen!
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