Dienstag, 19. Mai 2026

Rezension: Meeresdunkel von Till Raether

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Meeresdunkel
Autor: Till Raether
Erscheinungsdatum: 17.04.2026
Verlag: Rowohlt Polaris (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Klappenbroschur mit Farbschnitt
ISBN: 9783499017193
------------------------------------------------------------------------

Das Buch „Meeresdunkel“ ist der erste Thriller von Till Raether. Darin schickt er zwei Familien auf die Insel Mallorca in eine alte Finca. Zunächst entsteht der Eindruck, dass beide Familien unabhängig voneinander nur aufgrund einer Mail der Vermieterin das Haus gebucht haben. Im Verlauf zeigt sich jedoch, dass deutlich mehr Zusammenhänge zwischen den Protagonist*innen bestehen, die sie auch zu diesem Urlaub gebracht haben.

Henrike erhält eine Nachricht, dass die Finca am Ende einer Bucht kurz vor der Renovierung steht und daher besonders günstig zu mieten sei. Spontan bucht sie das Haus, um ihren Mann damit zu überraschen, in der Annahme, er werde zustimmen, da er etwas wiedergutzumachen habe. Begleitet wird sie von ihren beiden vierzehnjährigen Zwillingen sowie ihrem Bruder. Sie ahnt nicht, dass zur gleichen Zeit auch Marie die Finca gebucht hat, ebenfalls nach Erhalt derselben E-Mail. Marie reist mit ihrem Ehemann Samuel und dem achtjährigen Sohn Juri begleitet.

Beide Paare gehen davon aus, dass es nur bis zum nächsten Tag dauern wird, bis der Irrtum der Doppelbuchung sich aufklärt. Darum arrangieren sie sich in dem großen maroden Haus, in das bereits Feuchtigkeit eingedrungen ist. Als Lesende konnte ich nicht so recht nachvollziehen, warum man sich auf ein solch dubioses Buchungsangebot einlässt. In der ersten Hälfte baut sich trotz latenter Spannung nur langsam eine bedrohliche Atmosphäre auf, und es wirkt lange nicht so, als könnte es bald zu einem Mord kommen. Die handelnden Figuren fallen mit immer mehr Eigenheiten auf und es werden erste Details zu deren Hintergrund erzählt. Das Wetter wird zunehmend ungemütlich, ein Closed-Room-Setting beginnt sich abzuzeichnen, bis dann endlich die Täterin oder der Täter angreift.

Till Raether setzt mehr auf undurchsichtige Charaktere statt auf eine steigende Spannung. Nach dem Verbrechen baut der Autor die komplexen Verflechtungen rund um seine Protagonist*innen und zwielichtigen Nebenfiguren weiter aus. Für mich waren nicht immer die Gründe nachvollziehbar, wer seine Zuneigung wem entgegenbrachte. Die Handlung wirkt zunehmend konstruiert und wenig realistisch. Dennoch ist der Unterhaltungswert des Thrillers „Meeresdunkel“ aufgrund bedrückender Atmosphäre, unerwarteter Wendungen und einem überraschenden Ende gegeben. 

Sonntag, 17. Mai 2026

Rezension: Mirabellentage von Martina Bogdahn

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Mirabellentage
Autorin: Martina Bogdahn
Erscheinungsdatum: 16.04.2026
Verlag: KiWi (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Leseband
ISBN: 9783462013542
----------------------------------------------------------------------------------------

Im Roman „Mirabellentage“ von Martina Bogdahn erzählt die Pfarrhaushälterin Anna Nass, Anfang fünfzig, in der Ich-Perspektive von ihrem arbeitsreichen Leben im bayrischen Blumfeld. Der Pastor, für den sie tätig war und den sie seit ihrer Kindheit kannte, ist im Alter von nur siebenundfünfzig Jahren plötzlich verstorben. Genau wie sie ist er vor Ort in einer ländlichen Umgebung aufgewachsen, wobei er ein paar Jahre älter war. Beide haben die Natur geliebt, was sich auch in den schönen Schilderungen der Landschaft widerspiegelt. Zum Pfarrhaus gehört ein großer Garten in dessen Mitte ein Mirabellenbaum steht, der mit seinen Früchten dafür sorgt, dass jeder Besuchende des Hauses ein Glas Konfitüre erhält und dem Buch seinen Titel gibt.

In der Natur umherzustreichen war sowohl für Anna als auch für Josef befreiend von all den Erwartungen, die ihnen vom Elternhaus auferlegt wurden. Im Verlauf der Handlung erinnert sich die Haushälterin immer wieder an diese Zeit zurück, weswegen das aktuelle Geschehen stellenweise ins Stocken gerät. Selbst schwierigen Situationen gewinnt Anna eine humorvolle Seite ab. Der gesamte Text wird von einem feinen Augenzwinkern begleitet, die Beschreibungen sind oft überspitzt dargestellt. Die Dorfbewohnenden sind äußerst geübt darin, aufgrund von kleinsten Bemerkungen die sonderbarsten Mutmaßungen aufzustellen. Die Gerüchteküche kocht und die Fantasie lässt diese mit jeder Weitergabe der Vermutung übersprudeln. Martina Bogdahn bedient so manches Klischee des Landlebens, versteht es jedoch dabei auch, auf verschiedene Probleme hinzuweisen.

Der Tod des Pfarrers in der Gegenwart des Jahres 2010 und sein damit verbundener letzter Wille stellen Anna vor unerwartete Herausforderungen, aus denen sich weitere zahlreiche, amüsante Szenen ergeben. Doch sie steht zu ihrem Wort, auch wenn sie dabei über ihren Schatten springen muss. Auf dem Weg, die übernommene Aufgabe auszuführen, stellt sie fest, dass nur derjenige heimkommen kann, der zuvor weggegangen ist. 

Der neue Priester, der wenig später ins Pfarrhaus einzieht, stammt aus Norddeutschland und sorgt erwartungsgemäß im Ort für neue Spekulationen, da er auf direktem Wege aus Rom eintrifft. Bald schon erweist er sich als recht selbständig, so dass Anna um ihre Anstellung bangt. Hinter ihrem Frohsinn kann sie die Notwendigkeit, sich ernsthaft Gedanken über ihre Zukunftsgestaltung zu machen, nicht verbergen.

In ihrem Roman „Mirabellentage“ schildert Martina Bogdahn das Leben der Pfarrhaushälterin Anna Nass im ländlichen Blumfeld. Sie greift dabei auf vergnügliche Weise im überzeichneten Maß die Eigenheiten des Dorflebens auf, deutet gleichzeitig aber auch problematische Seiten im ländlichen Zusammenleben an. Gerne empfehle ich diese unterhaltsame, warmherzige Geschichte an Lesende mit einem Sinn für das Komische weiter.

Donnerstag, 14. Mai 2026

Rezension: Der Aschefeuerkönig von Chelsea Abdullah


Der Aschefeuerkönig
Autorin: Chelsea Abdullah
Hardcover: 640 Seiten
Erschienen am 11. April 2026
Verlag: Klett-Cotta
Link zur Buchseite des Verlags

----------------------------------------

Nach dem epischen Kampf gegen Omar und seine vierzig Räuber sind Loulie, Mazen und Rijah durch ein Loch in die Welt der Dschinn gestürzt. Dort finden sie sich auf einer Insel in einem Ozean aus Sand wieder. Ein Schiff bringt sie in die Stadt Dhahab, wo sie alles andere als freundlich empfangen werden. Die ehemalige Räuberin Aisha muss sich unterdessen damit abfinden, dass sie sich ihren Körper fortan mit der Dschinn der Auferstehung teilt. Als sie in der Wüste auf Hakim trifft, schmieden die beiden gemeinsam einen Plan, um Qadir aus den Fängen Omars zu befreien.

Den ersten Teil der Sandsea Chronicles, „Der Sternenstaubdieb“, habe ich vor über einem Jahr gelesen. Daher fand ich es klasse, dass zu Beginn dieser Fortsetzung auf ganzen acht Seiten zusammengefasst wird, was bisher geschah. Dadurch war ich schnell wieder mittendrin in der Geschichte und war neugierig, was Loulie in der versunkenen Welt der Dschinn erleben wird. Erst einmal müssen sie herausfinden, was in der Stadt Dhahab eigentlich vor sich geht, während an der Oberfläche Aisha und Hakim Pläne schmieden.

Das Tempo der Geschichte ist zunächst gemächlich. Es wird viel diskutiert und Pläne werden geschmiedet. Dabei musste ich erst mal verstehen, was genau nun das Problem ist. Die Welt der Dschinn ist nämlich versunken, und innerhalb der versunkenen Welt versinken nun die Städte im Sand. Nun wollen einige die von den Ifrit erschaffenen Bindungen gelöst werden, damit die ganze Welt wieder auftauchen kann, andere sind aber strikt dagegen. Das klingt kompliziert und ist es auch. Tagelang kam ich in der Geschichte nicht richtig vorwärts, bis endlich mehr Schwung in die Handlung kam.

In diesem Buch geht es viel um Bündnisse, die eingegangen und wieder gebrochen werden und geheime Pläne, welche das Schicksal der ganzen Welt beeinflussen können. Die magische Welt der Dschinn ist dafür eine tolle, atmosphärische Kulisse. Ich habe die Charaktere schnell wieder ins Herz geschlossen und bangte mit, ob ihre riskanten Wagnisse sich auszahlen werden. Mindestens hundert Seiten weniger hätten dem Buch gut getan, um mehr Schwung ins Geschehen zu bringen. 

Letztlich ist es ein typischer Mittelteil, in dem viele Weichen für das große Finale im dritten Band gestellt werden und man das Gefühl hat, dass dafür noch einiges aufgespart wird. Ein fieser Cliffhanger am Ende des Buches sorgte dafür, dass ich am liebsten sofort weiterlesen will, um zu erfahren, wie die Geschichte enden wird. Wer die magische Welt aus „Der Sternenstaubdieb“ mochte, der findet in diesem Buch neue Abenteuer für die liebgewonnenen Charaktere auf dem Weg zum Showdown. 


Mittwoch, 13. Mai 2026

Rezension: Zeit für meine Träume - Wie ich lernte, dem Leben wieder zu vertrauen von Tessa Randau

 

Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Zeit für meine Träume:
Wie ich lernte, dem Leben wieder zu vertrauen
Autorin: Tessa Randau
Erscheinungsdatum: 16.04.2026
Verlag: dtv (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Taschenbuch mit Klappen
ISBN: 9783423352772

------------------------------------------------------------------

In ihrem Buch „Zeit für meine Träume“ zeigt Tessa Randau auf, dass es möglich ist, wieder Vertrauen zum Leben zu gewinnen, wie es auch im Untertitel heißt. Die Autorin erzählt novellenartig von einer zukunftsweisenden Begegnung im Leben einer unbenannten 38-jährigen Frau, deren Ehemann sich erst vor Kurzem von ihr getrennt hat, weil er mit seiner neuen Freundin ein Kind erwartet. Besonders schwer lastet diese Situation auf ihr, da sie gemeinsam seit einiger Zeit einen bislang noch unerfüllten Kinderwunsch hegten. Von Enttäuschung geprägt, zieht sie sich weitestgehend aus ihrem sozialen Umfeld zurück, auch um ihrem Exmann nicht zu begegnen.

Als sie eines Tages die ältere Lotte trifft, die mit schweren Einkaufstaschen überfordert wirkt, bietet sie spontan ihre Hilfe an und trägt die Einkäufe zu ihr nach Hause. Dort lernt sie Lottes Mitbewohnende Anita und Jochen kennen. Die Seniorinnen und der Senior sind allesamt über siebzig Jahre alt, Jochen steht sogar kurz vor seinem 80. Geburtstag. Trotz persönlicher Schicksalsschläge und gesundheitlicher Beschwerden sind sie gutgelaunt und verströmen Lebensfreude. Sie unterstützen gegenseitig mit ihren unterschiedlichen Fähigkeiten und gönnen sich manche kulinarische Freude. Der jüngeren Frau zeigen sie, dass Familie nicht immer auf Blutsbande beruht, sondern auch auf Zusammenhalt und Vertrauen basieren kann.  

Tessa Randaus Protagonistin bleibt so wie in den vorigen Büchern der Autorin namenlos und erzählt ihre Geschichte aus der Ich-Perspektive. Dadurch fällt es leicht, sich in ihre Gedanken- und Gefühlswelt hineinzuversetzen. Die Handlung ist gut nachvollziehbar, emotional berührend und lebensnah. Der Autorin gelingt es zu zeigen, dass Freundschaft neue Kraft vermitteln kann, selbst nach schweren Enttäuschungen.

Tessa Randaus Buch „Zeit für meine Träume – Wie ich lernte, dem Leben wieder zu vertrauen“ ist eine bewegende und ermutigende Erzählung über zweite Chancen im Leben. Sie vermittelt die Botschaft, dass es nie zu spät ist, an die Verwirklichung seiner Träume zu glauben. Sehr gerne empfehle ich die Novelle weiter.

Dienstag, 12. Mai 2026

Rezension: Ein Ort, der bleibt von Sandra Lüpkes

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Ein Ort, der bleibt
Autorin: Sandra Lüpkes
Erscheinungsdatum: 17.04.2026
Verlag: Rowohlt Kindler (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Leseband
ISBN: 9783463000671

------------------------------------------------------------------------------------------

In der türkischen Bezeichnung des Botanischen Gartens Istanbul ist der Name des Gründers Alfred Heilbronn erhalten geblieben. Neben einem Handlungszweig, der in der Gegenwart spielt, reist Sandra Lüpkes in ihrem Roman „Ein Ort, der bleibt“ in der Zeitgeschichte zurück in die 1930er und 1940er Jahre, als der Garten angelegt und zu Bedeutung gekommen ist.

Neben dem Botanischen Garten stehen drei Frauen im Mittelpunkt der Handlung. Eine von ihnen ist Magda Heilbronn, Jahrgang 1889 und Ehefrau des Gründers. Obwohl sie nach der Geburt ihrer Kinder promovierte und einen Doktortitel in Philosophie erwarb, wurde ihr der erhoffte Lehrauftrag an der Universität ihres Wohnortes Münster verwehrt. Sie drängt ihren Mann, der Einladung zu folgen, ein Botanisches Institut in Istanbul aufzubauen.

Etwa zur gleichen Zeit strebt auch die einige Jahre jüngere, in Istanbul lebende Mehpare Basarman eine Habilitation an. Später wird sie zur geschätzten Assistentin von Alfred Heilbronn. Mit großer Sachkenntnis beschreibt die Autorin das Sammeln, Züchten und Pflegen von Pflanzen. Dabei wird spürbar, mit wie viel Begeisterung die Botanik*innen sich ihrer Aufgabe widmen.

Während Magda und Mehpare historische Persönlichkeiten sind ist Imke, die dritte Protagonistin des Romans, eine fiktive Figur. Eine befristete Anstellung als Stadtplanerin führt sie in der heutigen Zeit von Münster nach Istanbul. Dort arbeitet sie an einem Gutachten mit, das über die Zukunft des Botanischen Gartens entscheiden soll. Durch Imkes Perspektive greift Sandra Lüpke zudem die Situation von Frauen in der Türkei auf.

Dank ihrer sorgfältigen Recherche lässt Sandra Lüpkes sowohl die Zeit als auch die Schauplätze lebendig werden. Sie verdeutlicht die zunehmenden Repressalien, die jüdische Wissenschaftler in Deutschland nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten hinzunehmen hatten und lenkt damit den Blick auf ein wenig bekanntes Kapitel der Geschichte. Es werden Magdas Sorgen angesichts des Aufbruchs in ein fremdes Land mit einer anderen Kultur deutlich. Gleichzeitig zeigt die Autorin, wie schwierig es für Mehpare ist, sich in einem von Männern dominierten Wissenschaftsbetrieb zu behaupten, obwohl in der noch jungen Republik offiziell eine Gleichstellung angestrebt wurde.

In ihrem Roman „Ein Ort, der bleibt“ erzählt Sandra Lüpkes von einer heute kaum bekannten Episode der Geschichte: der Emigration deutsch-jüdischer Wissenschaftler*innen in die Türkei während der Zeit des Nationalsozialismus. Gleichzeitig thematisiert sie auch die Fragen nach Zugehörigkeit sowie den Platz der Frau in der Gesellschaft. Geschickt verbindet die Autorin historische Fakten mit fiktionalen Elementen und verbindet Vergangenheit und Gegenwart auf überzeugende Weise. Gerne empfehle ich das Buch weiter.

Donnerstag, 7. Mai 2026

Rezension: Mit anderen Augen von Jane Tara

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Mit anderen Augen
Autorin: Jane Tara
Übersetzerin aus dem australischen Englisch: Tanja Handels
Erscheinungsdatum: 22.04.2026
Verlag: Diogenes (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Leseexemplar als Taschenbuch
ISBN der Hardcoverausgabe: 978325616156

----------------------------------------------------------------------------------

Die Australierin Jane Tara greift in ihrem Roman „Mit anderen Augen“ auf metaphorische Weise das Thema der gesellschaftlichen Sichtbarkeit von Frauen auf. Die 52-jährige Protagonistin Tilda bemerkt zunehmend verzweifelt, dass ein Körperteil nach dem anderen verschwindet, wobei sie zwar noch die Teile spüren, aber nicht mehr sehen kann.

Tilda lebt allein in einem Haus mit Sicht auf das Meer. Vor fünf Jahren hat sie sich von ihrem Ehemann getrennt mit dem sie zwei erwachsene Töchter hat, zu denen sie enge Kontakte pflegt. Sie ist Fotografin und hat gemeinsam mit einer ihrer Freundinnen ein Unternehmen für Artikel mit Motivationssprüchen gegründet. Es ist nicht alles so, wie sie es sich in ihrem Leben erträumt hat, aber sie kommt gut zurecht.

Als sie an einem Morgen feststellt, dass ihr rechter kleiner Finger verschwunden ist, beginnt sie nach den Ursachen zu suchen. Nach und nach werden weitere Körperteile unsichtbar und zunehmend wird es schwierig, das vor anderen zu verbergen. Ein Arztbesuch liefert ihr eine Diagnose, aber keine Hoffnung. Doch Tilda weigert sich, ihr Schicksal einfach hinzunehmen.

Ich finde es eine gelungene Idee, wie die Autorin das Thema der Wahrnehmung von Frauen in der Öffentlichkeit umsetzt. Sie schildert nicht nur das Schicksal einer Einzelperson, sondern zeigt zunächst, dass weit mehr Personen betroffen sind, als anzunehmen war. Tilda schließt sich einer Selbsthilfegruppe an, in der sie sich jedoch unwohl fühlt, weil sie dort keinen Lichtblick in Bezug auf ihre Krankheit erhält.

Die Begegnung mit einem Mann in einem Café, zu dem sich bald eine Nähe entwickelt, sowie ihre Töchter, ihre Freundinnen und ihr Beruf geben ihr den Rückhalt nach Möglichkeiten zu suchen, ob sich die Unsichtbarkeit überwinden lässt. Dazu muss sie aber auch die Ursachen für ihre Erkrankung erkennen. Eine Therapeutin begleitet sie auf einem gefühlsmäßig schmerzhaften Weg in die Vergangenheit: In welchen Situationen ist sie gerne unauffällig geblieben? Welche Wünsche hat sie zum vermeintlichen Wohl anderer zurückgestellt? Und welche Erwartungen hat sie eigentlich noch an ihre Zukunft? Ein Langzeit-Automatismus der Gedanken begleitet Tilda dabei, wie jeden von uns, auf ihrer Suche nach Selbsterkenntnis.

Jedes Kapitel ist mit einem motivierenden Spruch, meist von einer bekannten Persönlichkeit, überschrieben. Obwohl Jane Tara dem Thema auch eine amüsante Seite abgewinnt und sie vor allem in Dialogen ausspielt, verliert sie nie die Ernsthaftigkeit. Auf dem Weg der Selbstfindung kommt der Meditation eine besondere Rolle zu, aber auch gegenseitige Unterstützung im weiteren eigenen Umfeld.

Ein Hauch magischer Realismus fließt in Jane Taras Roman „Mit anderen Augen“ ein, um das Problem vieler Frauen hervorzuheben, mit zunehmendem Alter gesellschaftlich immer weniger wahrgenommen zu werden. Die Entwicklung der Protagonistin Tilda kann anderen dabei helfen, ähnliche Probleme zu reflektieren und über ein zufriedenes Selbstbild zu mehr Präsenz zu finden. Sehr gerne empfehle ich dieses bewegende und nachhallende Buch weiter.

Dienstag, 5. Mai 2026

Rezension: Heimatsommer von Petra Durst-Benning

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Heimatsommer
Autorin: Petra Durst-Benning
Erscheinungsdatum: 29.04.2026
Verlag: Blanvalet (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Softcover mit Klappen
ISBN: 9783764508920
____________________________________________

Acht Jahre nach dem letzten Band der Maierhofen-Reihe hat Petra Durst-Benning mit „Heimatliebe“ erneut einen Roman geschrieben, der in der Gegenwart spielt. Die Handlung ist in der etwa dreizehnhundert Einwohner umfassenden, fiktiven Kleinstadt Goldberg angesiedelt. Der Ort liegt im Baden-Württembergischen Remstal und ist von Weinbergen umgeben, die oft innerhalb der Familie über Generationen hinweg bewirtschaftet werden.

Die im Elsass geborene Agnes ist inzwischen 67 Jahre alt. Als junge Frau kam sie als Beiköchin ins Schwabenland, verliebte sich dort in einen angehenden Arzt und gründete mit ihm eine Familie. Noch immer kümmert sie sich um den Weinberg, den ihr Schwiegervater sehr geliebt hat. Ihr Sohn Jean-Claude lernte zunächst Winzer, entschied sich dann jedoch für den Beruf des Kochs. Er liebt seine Freiheit und zieht seitdem von einem Job zum nächsten um die Welt.

Bei einem seiner seltenen Heimatbesuche erfährt Jean-Claude, dass viele Winzer im Ort wegen der zunehmend schwierigen wirtschaftlichen Lage aufgeben. Als die Stelle des Kellermeisters frei wird, setzen die Goldberger ihre Hoffnung darauf, dass Jean-Claude diese Aufgabe übernimmt. Aber ist er bereit, seine Ungebundenheit für den wenig lukrativ erscheinenden Job aufzugeben?

Petra Durst-Benning versteht es, die gut recherchierten Sorgen der Weinbranche glaubwürdig in die Handlung einzuflechten. Dabei erfährt man nicht nur von steigenden Kosten und Personalmangel, sondern erhält auch Kenntnisse über Weinanbau und -erzeugung. Besonders gelungen ist die Darstellung des Gemeinschaftsgefühls in Goldberg. Die Autorin bringt die Gefühle der handelnden Personen zum Ausdruck, die zwar zusammen nach Lösungen suchen, sich aber auch bewusst sind, dass ihr Anliegen scheitern kann. Einige erfolgversprechende, zeitgemäße Ideen werden in Goldberg umgesetzt, die sich durchaus auch auf andere Regionen übertragen lassen, um den heimischen Tourismus zu stärken. Es sind eine Vielzahl von Personen an den Events und Aktionen beteiligt, die jedoch aufgrund der guten Struktur der Handlung übersichtlich bleiben.

Die Geschichte spielt überwiegend in der Gegenwart, führt aber gelegentlich auch zu den Erinnerungen von Agnes in die 1980er Jahre zurück. Zu dieser Zeit lernt sie nicht nur ihren späteren Ehemann kennen, sondern auch ihre beste Freundin Helene. Deren Tochter Fleur ist bereits vor drei Jahren wieder nach Goldberg gezogen und versucht, vor den Einheimischen ein Geheimnis zu verbergen. Die Tochter von Agnes wiederum ist seit Kindertagen ihre Freundin und inzwischen Landrätin, wodurch man ebenfalls einiges von den Anforderungen dieses Berufs erfährt. Natürlich kommt auch die Liebe nicht zu kurz und das nicht nur bei den jüngeren Figuren.

Mit „Heimatsommer“ ist Petra Durst-Benning ein warmherziger Roman gelungen, der trotz aller Sorgen und Herausforderungen ein Gefühl von Zuversicht vermittelt. Der respektvolle Umgang der Figuren miteinander und ihr gemeinsames Engagement für neue Ideen sorgen für eine angenehme Atmosphäre. Gleichzeitig regt die Geschichte zum Nachdenken über die Probleme touristisch geprägter Regionen an. Ich fühlte mich bestens unterhalten und vergebe sehr gerne eine Leseempfehlung.

-->