Sonntag, 18. Oktober 2026

Rezension: Wolkenberührpunkt von Christoph Kramer

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Wolkenberührpunkt
Autor: Christoph Kramer
Erscheinungsdatum: 01.10.2026
Verlag: Kiepenheuer & Witsch (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN: 9783462055177

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Auch in seinem zweiten Roman „Wolkenberührpunkt“ schaut Christoph Kramer auf die Zeit des Erwachsenenwerdens, in der sein Protagonist Roman auf der Suche nach einem eigenen Platz im Leben ist. Die fiktive Geschichte beruht auf einer Erzählung, von der der Autor angibt, sie von einem vermeintlichen Käufer seines ersten Buchs gehört zu haben. Auf einer zweiten Handlungsebene berichtet Christoph Kramer von eigenen Erfahrungen aus der Zeit, als er ungefähr so alt war wie sein Protagonist.

Die Handlung beginnt am Neujahrstag der Jahrhundertwende, an dem Roman zwölf Jahre alt ist. Dieser Tag verändert sein Leben grundlegend. Kurz nach Mitternacht eröffnet ihm der Mann, den er bisher für seinen Vater gehalten hat, auf wenig sensible Weise, dass er adoptiert wurde. Wenig später erhält Roman von ihm ein in Leder gebundenes Buch. Darin findet er ein Foto seiner leiblichen Eltern und eine Erklärung dafür, warum sie ihn zurückließen, als sie damals in ihre Heimat Jugoslawien zurückkehrten. Es ist nicht leicht für ihn, sich mit dieser Tatsache abzufinden. Besonders beschäftigt ihn jedoch die Handschrift in dem Buch, von der ihm vor allem ein geschwungener Buchstabe merkwürdig vertraut vorkommt und dessen Geheimnis er lüften will.

Christoph Kramer beschäftigt sich in den Einschüben zwischen den Kapiteln mit dem Glück, dass er in seiner Jugend erfahren durfte und davon, dass dieses keineswegs jedem in gleichem Maße zuteilwird. Dabei gewährt er Einblicke in seine Gefühle in dieser Zeit und zeigt sowohl Gemeinsamkeiten zwischen ihm und seiner Romanfigur als auch Unterschiede. Seine Erinnerungen kreisen um Liebe und Liebeskummer, aber auch um die plötzliche Aufmerksamkeit, die er mit seiner stetig wachsenden Bekanntheit erhielt.

Zum Glück für Roman hat er einen besten Freund an seiner Seite. Stevie wächst im örtlichen Waisenhaus auf und zeigt Roman einen stillgelegten Telefonmast, der ihn den Wolken und seinen Wünschen näherbringen kann: den Wolkenberührpunkt, der dem Buch den Titel gibt. Roman glaubt, in seiner Adoptivfamilie mehr Wärme und Aufmerksamkeit erhalten zu haben als Stevie. Im Laufe der Zeit zeigt sich jedoch, dass nicht allein die Herkunft, sondern auch ein förderndes Umfeld sowie eigene Ambitionen dazu beitragen, seine Zukunft so zu gestalten, dass sich persönliche Wünsche und Lebensziele verwirklichen lassen.

Darüber hinaus lässt der Autor eine einfühlsam erzählte Liebesgeschichte in seinen Roman einfließen. Mira lebt gegenüber von Roman und ist ein Jahr jünger als er. Feinfühlig schildert Christoph Kramer die ersten Annäherungsversuche, die Eifersucht seines Protagonisten und zugleich dessen Scheu, einen weiteren Schritt zu wagen. Im weiteren Verlauf nimmt die Beziehung einige unerwartete Wendungen, die Roman vor neue Herausforderungen stellen. Im Hinblick auf seine Adoption hätte ich mir für ihn gewünscht, dass er Wege findet bereits früher, mehr über seine Herkunft zu erfahren.

„Wolkenberührpunkt“ von Christoph Kramer ist ein Coming-Of-Age-Roman, die erste Liebe und die Suche nach den eigenen Wurzeln. Ausgehend von seinen eigenen Erinnerungen regt er dazu an, darüber nachzudenken, welche Menschen uns prägen und welche Möglichkeiten sich uns öffnen, unser Leben zu gestalten. Gerne empfehle ich das Buch weiter.

Dienstag, 13. Oktober 2026

Rezension: Alte Pfade von Alexa Hennig von Lange

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Alte Pfade
Autorin: Alexa Hennig von Lange
Erscheinungsdatum: 15.09.2026
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Leseband
ISBN: 9783755800651

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Im Roman „Alte Pfade“ begibt sich Alexa Hennig von Lange auf die Spuren einer Wanderung, die ihr Vater als Architekturstudent den schottischen Highlands unternommen hat. Die Autorin ist diesen Weg selbst gegangen und hat ihre eigenen Eindrücke und diverse Fakten aus der Familiengeschichte in die Erzählung einfließen lassen, die ihre Protagonistin Liliane und deren Vater erleben. Dadurch wirken die Beschreibungen besonders authentisch und anschaulich.

Liliane ist achtundvierzig Jahre alt. Als sie zwölf war, hat ihre Mutter aus bisher unerklärlichen Gründen beschlossen, ihrem Leben ein Ende zu setzen. Eines Tages erhält sie einen Anruf aus dem Krankenhaus in Iverness (Schottland). Ihr neunundachtzigjähriger Vater hat einen Herzinfarkt erlitten und musste infolgedessen sich einer Operation unterziehen. Nach ihrem Urlaub hat sie gerade erst besorgt festgestellt, dass er nicht zu Hause ist. Sofort versucht sie ihre beiden Geschwister zu erreichen, bevor sie sich mit ihrem Auto auf die Reise in den Norden macht. Dort erfährt sie von der Wanderung, auf der ihr Vater sich befand.

Es gelingt ihr nicht, ihn davon zu überzeugen, mit ihr nach Hause zurückzukehren. Beunruhigt beschließt sie daher, ihn auf dem weiteren, bereits geplanten Weg zu begleiten. Das Vorhaben ist nicht nur im Sinne der Gesundheit ihres Vaters unvernünftig, sondern auch deshalb eine Herausforderung, weil sie selbst keine Kleidung für eine Wanderung dabeihat.

Sowohl Liliane als auch ihr Vater sind Charaktere, die durch ihre menschlichen Ecken und Kanten, ihre Widersprüche und Verletzlichkeiten lebendig und nahbar wirken. Die beiden versuchen in den langen Stunden der ruhigen gemeinsamen Wegstrecke, einen Zugang zueinander zu finden, der seit dem Tod der Mutter gestört ist. Liliane lässt Erinnerungen in ihren Gedanken aufleben, in denen sie nach Versäumnissen ihres Vaters bei der Erziehung seiner Kinder sucht. In gewissen Dingen war er unnachgiebig, forderte sie auf, sich zusammenzureißen und nie zurückzublieben. Gleichzeitig hat er ihnen Mut gemacht und Kraft gegeben.

Im Rückblick beginnt Liliane zu erkennen, wie sehr diese scheinbar gegensätzlichen Seiten ihres Vaters sie geprägt haben und welche Bedeutung sie für ihr eigenes Leben besitzen. Dabei gelangt sie zu der Erkenntnis, dass sie inzwischen genügend eigene Erfahrung besitzt, ihre Wünsche nicht nur zu äußern, sondern auch durchzusetzen. Durch vorsichtige Fragen erfährt sie mehr über die Nachkriegserlebnisse ihres damals achtjährigen Vaters und dessen Familie, die aus Potsdam nach Hamburg floh. Mit dem hinzugewonnenen Wissen und einem veränderten Blick auf die Vergangenheit bewertet sie auch ihre Ehe, ihre selbst gewollte Scheidung und das gestörte Verhältnis zu ihrem Sohn neu. Die Auseinandersetzung mit ihrem Vater wird so zugleich zu einer Reise zu sich selbst, auf der Liliane alte Sichtweisen hinterfragt und neue Erkenntnisse über sich und ihre Beziehungen gewinnt.

Liliane ahnt bereits bei ihrem gemeinsamen Aufbruch in Iverness, dass die kommenden Stunden und Tage auch ein Abschiednehmen sein könnten. Ihre Sorgen sind gut nachvollziehbar und regen dazu an, darüber nachzudenken, wie man selbst in einer vergleichbaren Situation handeln würde. Es ist tief berührend, mit welcher Willenskraft und Beharrlichkeit der Vater an seinem Vorhaben festhält.

Alexa Hennig von Lange beeindruckt in ihrem Roman „Alte Pfade“ nicht nur mit der Beschreibung der Landschaft der schottischen Highlands, sondern auch mit der Darstellung der gefühlsbetonten Tochter-Vaterbeziehung ihrer Hauptfiguren, die viele so oder ähnlich vielleicht selbst erfahren. Sehr gerne empfehle ich dieses tief bewegende Buch weiter.

Sonntag, 11. Oktober 2026

Rezension: Und mittendrin der Birnbaum von Ute Mank

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Und mittendrin der Birnbaum
Autorin: Ute Mank
Erscheinungsdatum: 17.09.2026
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN: 9783423284929
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Dora ist die Protagonistin des Romans „Und mittendrin der Birnbaum“ von Ute Mank. Sie ist Mitte achtzig, seit einiger Zeit verwitwet, nachdem sie sechzig Jahre an der Seite ihres Mannes gelebt hat. Eines Tages beschließt sie, von ihrer jetzigen Heimat Bielefeld nach Hausen, dem Ort ihrer Kindheit und Jugend in Hessen, zu ziehen und dort in einem Seniorenheim zu leben. Ihr Bruder und seine Frau wohnen zeitlebens im Ort.

Dora hat sich stets darangehalten, immer nur nach vorne zu schauen und die Vergangenheit ruhen zu lassen. Doch in Hausen wird sie von ihren Erinnerungen eingeholt, vor allem an das letzte Jahr des Zweiten Weltkriegs. Damals war sie mit Fanny befreundet, einem jüdischen Mädchen. Doras Spaziergänge führen sie zum Haus der Familie von Fanny, vor dem erst vor Kurzem Stolpersteine verlegt wurden, erschrickt sie darüber, dass einer für ihre Freundin fehlt. Die Enkelin früherer Nachbarn zeigt großes Interesse an den Geschichten aus der Vergangenheit. Dora stellt sich der Herausforderung und beginnt mit der Aufarbeitung der vielen Fragen, die in ihrer Freundschaft mit Fanny offen blieben.

Ute Mank erzählt eine realistische Geschichte, die weder etwas beschönigt noch übertrieben dramatisiert. Während die Handlung in der Gegenwart in 2011 spielt, schildert sie durch Doras Erinnerungen und die einiger anderer Dorfbewohner das Leben zur Zeit des Nationalsozialismus und geht der Frage nach, wie es dazu kommen konnte, dass sich so viele Menschen der Ideologie der Partei anschlossen, sie mittrugen oder zumindest stillschweigend hinnahmen. Dora gehörte zu jenen, die von den Veränderungen profitierten, während ihre Freundin zunehmend ausgegrenzt wurde.

Die Autorin lässt Dora sich in ihren Gedanken mit ihrem damaligen Handeln auseinandersetzen. Lange bleibt offen, ob sie sich dafür entscheiden wird, den Verbleib von Fanny aufzuklären oder weiterhin ihren Blick ausschließlich auf die Zukunft richtet. Es ist schön, dass Ute Mank einiges an Lokalkolorit einbindet wie beispielsweise die Namen, die die Dorfbewohner den Häusern nach ihren Erstbesitzern geben.

„Und mittendrin der Birnbaum“ von Ute Mank ist ein ruhig erzählter, berührender Roman über Erinnerung, Schuld und die Verantwortung des Einzelnen. Eine nachdenklich stimmende Geschichte, die dazu anregt, die aktuellen Entwicklungen mit wachem Blick zu betrachten. Gerne empfehle ich das Buch weiter.


Samstag, 10. Oktober 2026

Rezension: Das kleine Monsterchen von Sam Rassy


Das kleine Monsterchen
Autor & Illustrator: Sam Rassy
Pappbilderbuch: 12 Seiten
Erschienen am 7. Oktober 2026
Verlag: FISCHER Sauerländer
Link zur Buchseite des Verlags

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Das kleine Monsterchen Kuschelbert und sein Freund Krabbel leben zusammen auf einem gemütlichen Dachboden. Hier kann man sich verstecken, lustige Kostüme basteln, verrückte Dinge kochen und einfach eine tolle Zeit haben. Auf jeder Doppelseite gibt es ein Schiebeelement, das für zusätzlichen Spaß beim Lesen sorgt.

Am allerbesten am ganzen Buch gefällt meinem Sohn (20 Monate) das Cover, denn dort ist schon der erste Schieber, mit dem man die Augen von Kuschelbert bewegen kann. Wir haben das Buch seit ein paar Tagen und jedes Mal wenn er es sieht ruft er „Wackelaugen! Wackelaugen!“ und schiebt diese begeistert hin und her. Auch die weiteren Schieber mag er gerne. Er kichert, wenn Kuschelbert und Krabbel in Gespenster-Kostümen abwechselnd hinter dem Vorhang hervorschauen und deckt die beiden am Ende der Geschichte mit einem Schnarch-Geräusch zu. 

Die Geschichte selbst gibt nicht allzu viel her, es werden lediglich die Szenen werden in 2-3 Sätzen beschrieben. Der Fokus liegt auf der Interaktion und den großen Illustrationen, in denen passend zum Gruselspaß-Thema die Farben blau, lila und grün dominieren. Mein Sohn hat das knuffige Monsterchen auf jeden Fall ins Herz geschlossen!


Sonntag, 4. Oktober 2026

Rezension: Ein ganz normales Wunder von Woody Brown

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Ein ganz normales Wunder
Autor: Woody Brown
Übersetzer: Stephan Kleiner
Verlag: KiWi (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN: 9783462016482
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Der Roman „Ein ganz normales Wunder“ handelt von den KlientInnen und MitarbeiterInnen der Tagesbetreuungsstätte „Upward Bound“ in Kalifornien, in der Menschen mit Behinderung betreut werden, darunter auch einige Autisten. Einer der Figuren des in elf Episoden geschriebenen Romans ist Walter, ein Alter Ego des Autors Woody Brown, der einen Masterabschluss in Fine Arts der Columbia University in New York City besitzt.

Hierzu beginnt nun leider eine rege Diskussion in den Medien, die die Autorenschaft des jungen Manns in Frage stellt. Seit einem Auftritt im US-amerikanischen Fernsehen, unmittelbar nach Erscheinen der Originalausgabe, wird in Erwägung gezogen, dass seine Mutter Mary, die ein Literaturstudium abgeschlossen hat, seine Äußerungen mittels einer Buchstabentafel frei interpretiert und daher einen wesentlichen Anteil an der Entstehung des Romans habe. Ausgerechnet diese Diskussion berührt jedoch einen zentralen Aspekt des Buches: die Schwierigkeiten eines nicht- (beziehungsweise nicht kontrolliert) sprechenden Autisten, sich seinen Mitmenschen verständlich zu machen.

Für mich ist es letztlich weniger entscheidend, wem die Urheberschaft des Romans zugesprochen werden kann, als die Inhalte, die er vermittelt. Die Episoden, die aus dramaturgischen Gründen nicht immer zeitlich geordnet sind, gewähren Einblicke in den Alltag einer Tagesstätte, die nur jemand erhalten kann, der diesen selbst erlebt hat. Auch ich hatte vor längerer Zeit die Möglichkeit, Einsicht in ein ähnliches Umfeld zu nehmen.

Beim Lesen hat mich bewegt, wie überzeugend Woody Brown die Gefühlswelt der im jeweiligen Kapitel im Fokus stehenden Figur vermittelt. Neben Walter sind dies unter anderem ein weiterer Klient mit Zerebralparese, eine neue Betreuerin, ein langjähriger Mitarbeiter sowie der gestresste Leiter der Betreuungsstätte. Außerdem beschreibt die Angestellte eines Warenhauses stellvertretend für Außenstehende, wie die Gruppe in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird. Der Autor beschreibt detailliert die Schwierigkeiten von Autisten mit anderen zu kommunizieren und vermittelt dadurch ein differenziertes Verständnis der Beeinträchtigung.

Deutlich wird auch, wie wenig ansprechend sich der Tagesablauf bei der Betreuung abspielt. Dabei nimmt Woody Brown, der aus eigener Erfahrung schöpft, nicht nur die Perspektive des Klienten Walter ein, der die wenigen angebotenen Förderangeboten nutzt und dabei, wie der Autor es selbst beschreibt, häufig infantilisiert wird. Ebenso betrachtet er aus Sicht eines Mitarbeitender die herausfordernde Aufgabe, eine Gruppe mit verschiedensten Behinderungen über viele Stunden hinweg zu beschäftigen. Jede Aktivität muss dabei auf ihre Auswirkungen auf den Einzelnen abgestimmt werden, denn was den einen anregt, kann bei einem anderen beispielsweise Überforderung und Frustration auslösen. Auch ein Hinweis auf fehlende finanzielle Mittel für die weitere Ausstattung der Betreuungseinrichtung fehlt nicht. Besonders bewegend ist es, wenn deutlich wird, wie schwierig es aufgrund des fehlenden sprachlichen Austausches sein kann, Liebe und Zuneigung für einen anderen Menschen auszudrücken. Hier und da hätte ich mir noch eine weitere Ausarbeitung eines Charakters gewünscht.

Mit seinem Roman gelingt es Woody Brown auf den Facettenreichtum und die Individualität der Menschen hinzuweisen, Vorurteile gegenüber Behinderten abzubauen und damit eines der Ziele zu erreichen, die er sich mit seinem Buch gesetzt hat. Zum Ende hin gibt es noch eine unerwartete, ergreifende Wendung in Bezug auf einen der Protagonisten. „Ein ganz normales Wunder“ regt dazu an, die eigenen Vorstellungen von Kommunikation, Selbstbestimmung und geistiger Teilhabe zu hinterfragen. Gerne empfehle ich das Buch weiter.

Samstag, 3. Oktober 2026

Rezension: Stolz, Vorurteil und Hexerei von Melinda Taub


Stolz, Vorurteil und Hexerei
Autorin: Melinda Taub
Übersetzerin: Birgit Maria Pfaffinger
Hardcover: 496 Seiten
Erschienen am 12. September 2026
Verlag: Klett-Cotta

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Lydia ist die jüngste der fünf Bennet-Schwestern. Wobei das eigentlich nicht ganz stimmt. Die vierte Schwester, Kitty, ist nämlich gar kein Mädchen, sondern die Hauskatze, welche Lydia in ihrer Sehnsucht nach einer Spielkameradin verzaubert hat. Das war Lydias erster mächtiger Zauber: Sie ist eine Hexe und mit einem überdurchschnittlichen Talent ausgestattet. Unterricht erhält sie von ihrer Tante Philips, die als einzige in der Familie ebenfalls eine Hexe ist. Doch Lydias Macht zieht bald die Aufmerksamkeit des Dämons Wormenheart auf sich. Um Kittys Leben zu retten, muss sie ein mysteriöses Juwel ausfindig machen. Unterstützung erhält sie vom Sohn des Dämons, der Besitz von George Wickhams Körper ergriffen hat. Doch die Dinge laufen anders als geplant, denn alle verfolgen ihre eigenen Ziele.

Mir hat die Idee sehr gut gefallen, eine magische Geschichte im Jane Austen-Kosmos anzusiedeln. Zu Beginn des Buches wurde ich als Leserin von Lydia angesprochen, die in ärmlichen Verhältnissen mit Wickham zusammenlebt und niederschreibt, wie sie in diese Situation gekommen ist. Dazu springt sie einige Jahre zurück und erzählt zunächst, wie sie ihre Kräfte entdeckt hat. Von dort aus wird die Geschichte chronologisch weitererzählt, immer wieder unterbrochen von kurzen Passagen aus der Gegenwart der schreibenden Lydia, die einen Weg aus ihrer elendigen Situation sucht und Bekanntschaft mit Mr. Darcys Schwester Georgiana macht.

Die aus den Romanen von Jane Austen bekannten Ereignisse werden am Rande erwähnt, sind abgesehen von Lydias Heirat mit George Wickham aber nebensächlich. Schon früh wird deutlich gemacht, dass alles etwas anders abgelaufen ist, als der Rest der Familie denkt. Ich war schnell mittendrin in einem unterhaltsamen magischen Abenteuer, in dem so manch einer auf den eigenen Vorteil bedacht ist und Lydia immer wieder in brenzlige Situationen gerät. 

Warum man in den Büchern von Jane Austen nichts von alldem mitbekommt wird hinreichend erklärt. Mein Lieblingscharakter war Wickham, den ich als Scheusal kennenlernte, der im Laufe der Geschichte aber immer wieder für eine Überraschung gut war. Einige Stationen auf Lydias Weg werden sehr ausführlich erzählt, hier verliert die Geschichte deutlich an Schwung. Am Ende ging es mir hingegen zu schnell. Ich hätte mir ein ausgewogeneres Tempo gewünscht. Insgesamt habe ich mit dem Buch unterhaltsame magische Lesestunden verbracht und empfehle es gern an alle Austen-Fans weiter, die Lust auf eine originelle Adaption voller Hexerei haben.

Donnerstag, 1. Oktober 2026

Rezension: Dreimeterdreissig von Jaqueline Scheiber

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Dreimeterdreißig
Autorin: Jaqueline Scheiber
Erscheinungsdatum: 14.08.2026
Verlag: rororo
rezensierte Buchausgabe: Taschenbuch
ISBN: 9783499018794

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Der Roman „Dreimeterdreissig“ von Jaqueline Scheiber ist das erste Buch, das ich im Rahmen einer Buchclublektüre gelesen habe. Er bietet ausreichend Spielraum für Interpretationen und damit eine gute Grundlage für einen bereichernden Austausch. Die Geschichte wirft den Lesenden unmittelbar in eine Realität, die die Protagonistin Klara zunächst auf ihre eigene Weise auszublenden versucht: Balázs, ihr Freund, lehnt am Kopfende des gemeinsam Betts und regt sich nicht mehr. Der Autorin gelingt es mit wohl formulierten Sätzen, diese unbegreifliche Situation denkbar zu machen.

Spürbar liegt etwas in der Luft, das niemand erwartet hat, dessen Tragweite Klaras Verstand bereits erfasst, während ihr Herz noch nicht in der Lage ist, das Geschehene zu zuzulassen. Nicht nur die Sanduhr auf dem Cover, sondern auch die in unterschiedlichen Kombinationen von „Tick“ und „Tack“ überschriebenen Kapitel greifen das Motiv der Zeit auf, die nur langsam zu verrinnen scheint. In dieser Zwischenzeit aus Verdrängung und Fassungslosigkeit wirkt es so, als suche sie nach einem Weg, das Vorgefallene ungeschehen zu machen. Sie stellt fest, dass sie selbst körperlich unversehrt ist, aber psychisch tief getroffen wurde. Das Bizarre der Situation lässt sie verharren. Gerne würde sie die Zeit anhalten oder zurückdrehen. Ihre Gedanken eilen zurück zu ihrer Kindheit und transportieren Szenen, die für den Moment nur wenig zur Bewältigung des Unfassbaren beitragen.

Immer wieder wird das Geschehen in der Wohnung, deren Wände 3,30 m hoch sind, durch Kapitel unterbrochen, in denen neben Klara auch Balàzs im Mittelpunkt steht. Die Überschriften dieser Abschnitte ergeben ein Gedicht von Lydia Daher, das am Ende des Buchs vollständig zu lesen ist. Balázs ist Mitte Dreißig und in Ungarn aufgewachsen. Seit etwa zehn Jahren lebt er in Deutschland und arbeitet als Bühnentechniker eines Stadtteiltheaters in Wien. Die Autorin schildert den Beginn seiner Beziehung zu Klara, wobei zunächst vor allem der Hintergrund von Balázs beleuchtet wird. Mit der Zeit wird jedoch deutlich, dass Klara in einem Umfeld in Wien aufgewachsen ist, das sich sehr grundlegend von seinem unterscheidet.

Neben Balàzs spielt auch Klaras Freundin Jasmin eine wichtige Rolle im Leben der Protagonistin. In den Schilderungen ihrer gemeinsamen Erlebnisse wird eine gewisse Härte von Klaras Wesen sichtbar. Sie ist sich diese bewusst, aber es gestaltet sich schwierig für sie, diese zu überwinden. Aufgrund dessen fiel es mir als Leserin nicht leicht, Sympathien für Klara zu entwickeln. Während sie versucht, das Unbegreifbare zu fassen, flüchtet sich ihr Denken in den magischen Realismus. Es war für mich irritierend, dass Klara lange untätig bleibt, fremde Hilfe herbeizuholen und sei es auch nur für sich selbst.

Jaqueline Scheiber findet in ihrem Roman „Dreimeterdreißig“ eine ruhige, einfühlsame Sprache, die sich auf poetisch schöne Weise mit dem berührenden Thema des Verlusts einer nahestehenden Menschen beschäftigt, vor allem mit der Zeit zwischen dem Unfassbaren und der Akzeptanz der Realität. Gerne empfehle ich den Roman weiter.

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