Sonntag, 30. September 2018

[Rezension Hanna] Bluthaus - Romy Fölck



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Bluthaus
Autor: Romy Fölck
Hardcover: 320 Seiten
Erscheinungsdatum: 28. September 2018
Verlag: Bastei Lübbe

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Die Polizistin Frida hat sich nach den traumatischen Erlebnissen vor einigen Monaten vom Dienst beurlauben lassen und ist von Hamburg in ihre Heimat in der Elbmarsch zurückgekehrt. Auf dem Obsthof ihrer Eltern nimmt sie sich Zeit, um sich darüber klar zu werden, ob sie nach wie vor in der Mordkommission arbeiten möchte. Dort erhält sie Besuch von ihrer Freundin Jo, die etwas zu beschäftigen scheint. Am Abend des selben Tages findet die Polizei Jo am Schauplatz eines Mordes. Sie ist sich sicher, dass ihr jemand etwas in die Schuhe schieben will. Während Bjarne Haverkorn den Fall offiziell übernimmt mischt sich auch Frida in die Ermittlungen ein, um Jo zu helfen. Doch einiges spricht dafür, dass Jo nicht zufällig am Tatort war.

Das Buch startet mit einem kurzen und schockierenden Prolog. Im Jahr 1997 an der Ostseeküste möchte Miriam mit einer Freundin abhauen und schleicht sich dazu mit gepacktem Rucksack aus dem Haus. Doch ihre Freundin taucht nicht am vereinbarten Treffpunkt auf. Als die Ausreißerin wütend zu ihren Eltern zurückkehrt, findet sie diese und ihren kleinen Bruder ermordet im Wohnzimmer. Ich war gespannt, wie die Protagonisten Frida und Bjarne in der Elbmarsch Verbindungen zu diesem Fall herstellen.

In der Gegenwart trifft man Frida auf dem Obsthof ihrer Eltern wieder, wo sie sich nach den Ereignissen des ersten Bandes für einige Monate zurückgezogen hat. Wann sie in den aktiven Polizeidienst zurückkehrt, ist für sie noch unklar. Doch dann entdeckt ihre Freundin Jo eine erstochene Frau und ist weit und breit die einzige Person am Tatort. Als sie Frida um Hilfe bittet, ist dieser klar, dass sie etwas tun muss. Bjarne Haverkorn nähert sich dem Fall als offizieller Ermittler rational und sachlich, während bei Frida von Anfang an eine starke emotionale Komponente mitschwingt.

Jo zu helfen stellt sich schnell als schwieriger heraus als gedacht. Mit ihrer geringen Gesprächsbereitschaft und Aussagen, die sich als Lüge herausstellen, macht sie sich verdächtig. Ein neuer Zwischenfall erhöht schließlich die Dringlichkeit, Licht ins Dunkel zu bringen, und stellt auch die Verknüpfung zur eingangs geschilderten Ostsee-Kulisse her. Trotz Auszeit ist Frida rasch wieder voll in ihrem Element und sucht nach dem entscheidenden Hinweis.

Frida und Haverkorn nähern sich dem Fall wie im ersten Band aus zwei verschiedenen Richtungen und kooperieren miteinander, um von den Erkenntnissen des anderen zu profitieren. Dabei erfährt man wieder ein wenig mehr über die beiden. Frida kämpft noch immer mit der Aufarbeitung ihres erlittenen Traumas. Haverkorn hingegen muss sich eingestehen, dass seine Ehe endgültig gescheitert ist.

Die Handlung nimmt langsam, aber konstant Tempo auf und lässt die Protagonisten erste Anhaltspunkte finden. Man erfährt mehr über die Tote und erlebt einige Überraschungen, als neue Verbindungen offenbar werden. Ein Hinweis führt zum nächsten, ohne dass es nennenswerte Alternativen gegeben hätte. Funklöcher spielen mehrfach eine entscheidende Rolle, was mich störte, insbesondere nachdem im ersten Band schon ein vergessenes Handy der Knackpunkt war. Zudem wird Spannung künstlich erzeugt, indem das Geschehen in die Länge gezogen wird und das Verhalten einer entscheidenden Personen fand ich schwer nachvollziehbar. Dadurch konnte ich mich auch beim Showdown nicht ganz auf die Geschichte einlassen.

„Bluthaus“ ist der zweite Fall für Frida Paulsen und Bjarne Haverkorn. Obwohl sie sich vom Dienst hat beurlauben lassen steckt Frida bald mitten in Ermittlungen in einem Mordfall, denn eine Freundin hat die Leiche gefunden und scheint die einzige am Tatort gewesen zu sein. Ich fand es interessant, dass das Geschehen erneut mit einem Altfall verknüpft wurde. Beim Handlungsverlauf stolperte ich über einige Dinge, durch die mich die Geschichte nicht so recht mitreißen konnte. Für mich ist „Bluthaus“ ein solider Kriminalroman, für den ich drei Sterne vergebe.

Freitag, 28. September 2018

[Rezension Ingrid] NSA von Andreas Eschbach


*Werbung wegen Verlinkung*
Titel: NSA - Nationales Sicherheits-Amt
Autor: Andreas Eschbach
Altersempfehlung: ab 16 Jahren
Erscheinungsdatum: 28.09.2018
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen
ISBN: 9783785726259

Buchtrailer zu NSA - Nationales Sicherheitsamt (einfach draufklicken und es geht los)
(Link mit freundlicher Genehmigung des Lübbeverlags)


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Das Buch „NSA – Nationales Sicherheits-Amt“ von Andreas Eschbach ist ein historischer Roman mit Elementen der Science-Fiction. Die Idee, die dem Roman zugrunde liegt ist die Vorstellung, dass es bereits im Zweiten Weltkrieg Computer und Mobiltelefone gegeben hat. Ich fand den Gedanken sehr interessant und war gespannt auf die Umsetzung. Passend zum Inhalt wurde die äußere Gestaltung des Buchs vorgenommen. Das Cover ist wie ein Plakat der 1940er gestaltet, der Zeit also, in der die Haupthandlung spielt. Ein stilisiertes Auge nimmt einen breiten Platz auf dem Umschlag ein und symbolisiert die Möglichkeit einer ständigen Überwachung allerorts.

Im Oktober 1942 kämpft das Nationale Sicherheits-Amt in Weimar um seine Daseinsberechtigung, denn auch das Reichssicherheits-Hauptamt in Berlin kommt einer ähnlichen Aufgabe nach. Als sich der Besuch eines Reichsführers ankündigt, möchten die Mitarbeiter mit einer neuen Möglichkeit der Datenauswertung überzeugen. Zum Team des NSA gehören die beiden Protagonisten des Romans Helene Bodenkamp und Eugen Lettke. Helene ist 21 Jahre alt, Programmiererin und ebenso wie der einige Jahre ältere Datenanalyst Eugen in keiner festen Partnerschaft. Ein Erlebnis in der Vergangenheit bringt Eugen dazu, Rache an den damals daran beteiligten Personen zu üben, wobei ihm die Zugriffsmöglichkeiten seines Jobs zugutekommen.

Bei Helene steht eines Tages ein Freund, mit dem sie einen bezaubernden Abend verbracht hat, vor der Tür des Elternhauses indem sie immer noch wohnt. Arthur ist von der Front geflohen und erfreut darüber, dass Helene ihm hilft, ein Versteck zu finden. Fortan sieht die junge Frau ihre Arbeit mit anderen Augen, denn zu den Aufgaben des NSA gehört die Auswertung von Daten rund um Haushalt und der in ihm lebenden Personen, um daraus auf untergetauchte Personen zu schließen.

Dem Autor ist es gelungen, die realen historischen Personen mit den ihnen zugeschriebenen Eigenschaften treffend darzustellen und ihnen ergänzend seine eigenen Charaktere wirklichkeitsnah zur Seite zu stellen. Die Protagonisten Helene und Eugen sind gekonnt gezeichnete mehrschichtige Figuren, die von ihrer Art her perfekt ins Bild passen.

Es ist ungewohnt, sich vorzustellen, dass es bereits vor hundert Jahren die Technik von heute gegeben haben soll. Andreas Eschbach schafft es, das Thema sachlich umzusetzen und passend in die historische Umgebung einzubinden. Dazu hat er beispielsweise die Bezeichnungen so verändert, dass ich sie nach der heutigen Auffassung als antiquiert bezeichnen würde. Auch die Hardware entspricht von der Größe her dem Ambiente der 1940er und beinhaltet doch Software auf dem neuesten Stand. Etliche historische Daten und Figuren hat der Autoren beibehalten, jedoch an einigen Stellen der Zeitgeschichte eine Änderung gegeben, was der Erzählung eine Überraschungskomponente gegeben hat.

Was mir durch den Roman nochmal bewusst wurde und vom Autor in leicht überspitzem Maße aufgezeigt wird, ist die Rolle der Frau in der Gesellschaft der nationalsozialistischen Zeit. Deutlich wird die Trennung der Geschlechter in der Schilderung vor allem in der Zuweisung von Aufgaben in Alltag und Beruf. Helene übt beispielsweise als Programmiererin einen Job aus, der in Deutschland ausschließlich für Frauen vorgesehen ist. Die daraus folgende Aufgabe der korrekten Auswertung der so gewonnenen Daten wird ihnen nicht zugetraut, dazu wird die Analysefähigkeit der Männer genutzt, denen im Gegenzug die Auseinandersetzung mit einfachen Tätigkeiten wie das Schreiben eines Programms nicht zugemutet wird.

Es wirft sich die große Frage danach auf, ob unsere heutige Technik Fluch oder Segen in den heute herrschenden Kriegen ist und ob mit ihr ein weiterer Weltkrieg verhindert werden kann oder erst möglich gemacht wird. Beunruhigend sind gestern wie heute nicht nur die Möglichkeiten der Gewinnung von Daten und deren Auswertung, sondern auch die Macht, die die analysierten Daten denjenigen geben, in deren Besitz sie sind. „NSA“ ist ein Buch, das beängstigende Szenarien aufzeigt und mich darüber ins Grübeln brachten, wie durchschaubar wir heute inzwischen tatsächlich sind. Mir erscheint das Szenario realistisch, undenkbar der Gedanke selber weiterzuspinnen und sich das Hier und Jetzt auszumalen, wenn es sich so wie von Andreas Eschbach geschildert dargestellt hätte. Der Roman ruft förmlich schon nach einer Fortsetzung …

Mittwoch, 26. September 2018

[Buchbox] Schmökerbox September: Scheinfarben



[Werbung - Die Schmökerbox wurde mir kostenfrei zur Verfügung gestellt.]

Wer bekommt nicht gern Überraschungen - noch dazu in buchiger Form? Deshalb möchte ich Euch heute von meiner ersten Erfahrung mit der Schmökerbox berichten, die mich vor wenigen Tagen erreicht hat!

Die Box richtet sich an erwachsene Leser und enthält jeden Monat ein aktuelles deutschsprachiges Hardcover oder eine Klappenbroschur sowie drei bis fünf zum Thema des Buches passende Goodies. Das Thema der Septemberbox lautet „Scheinfarben“, und so erwartete mich beim Öffnen eine schicke blau-grüne Karte, die mich neugierig darauf machte, die Geheimnisse der Box zu lüften.


** Achtung Spoiler – Im Folgenden wird der Inhalt der Box gezeigt **


Voller Vorfreude legte ich die Karte erst einmal auf Seite, öffnete die erste Lage Papier und erhaschte einen ersten Blick auf die Gegenstände, die sich zwischen dem Füllmaterial verbargen. Die Box sah gut gefüllt aus.

Als erstes entdeckte ich eine Karte von FOX&POET aus dicken Karton mit einem Sinnspruch und direkt darunter ein Zitat-Lesezeichen im gleichen Design wie die Scheinfarben-Karte. Das blau-grüne Muster finde ich optisch sehr ansprechend und werde das Lesezeichen sicher nutzen. 

Der nächste Fund war ein großer Magnet von Pickmotion mit einem Haus, das an Ballons hängt. Das Motiv erinnert mich an den Film "Oben". Gleich daneben entdeckte ich einen Faber Castell PITT artist pen in der exotisch klingenden Farbe Phthalo Green, das die Farbe der Karten gut trifft.

Nun konnte ich endlich größte und schwerste Objekt herausheben: Eine Keramikschale von Madame Stoltz, die mir auf Anhieb gefiel. 

Zwei Dinge waren noch einmal zusätzlich verpackt: Das Buch und ein zugehöriges Goodie, was erst auf Seite 67 geöffnet werden soll. Darunter zog ich schließlich die letzten zwei Überrschungen hervor: Artprints mit Zitaten von Karl Valentin und Albert Einstein.


Nach dem ersten Stöbern in der Box wurde es Zeit für mich, mir die einzelnen Goodies genauer anzuschauen. Das verpackte Buch stellte sich als "Die Gesichter" von Tom Rachman heraus, auf welches ich schon vor einigen Wochen aufmerksam wurde und es auf meine Wunschliste gesetzt hatte. Die Freude war also groß, dass es ich es nun bald lesen kann.

Die Rückseite der "Scheinfarben"-Karte beschreibt, worum sich das Buch dreht und macht noch mehr Lust auf die Lektüre. Außerdem erläutert es, welche Verbindung die einzelnen Goodies zum Buch haben - sie stehen nämlich für unterschliedliche Charaktere im Buch. Zusätzlich wird der Hinweis gegeben, dass beim noch verpackten Gegenstand mein neuer Stift zum Einsatz kommen kann. Damit ist meine Neugier so weit befriedigt, dass ich mit dem Verpacken nun auch wirklich bis Seite 67 warten kann. ;-)


Meine erste Schmökerbox gefällt mir richtig gut und bot ein schönes Auspack-Erlebnis. Man merkt, dass sich das Team wirklich Gedanken gemacht hat, was zum Buch passt. Die Goodies wurden liebevoll ausgewählt mit den Karten hat das Team hochwertiges Material herstellen lassen, das die Farben von Schale und Stift sowie das Thema des Buches aufgreift.

Meinen Geschmack haben die Goodies getroffen. Der Magnet hat seinen Platz am Kühlschrank schon gefunden und auch die Schale wird regelmäßig zum Einsatz kommen. Die Sachen sind überhaupt nicht kitschig oder billig, sondern von guter Qualität und alltagstauglich. Damit eignet sich die Box sowohl als Überraschung für sich selbst als auch zum Verschenken.

Die Schmökerbox kann jeden Monat separat bestellt werden, außerdem gibt es Abos über 3 oder 6 Monate mit etwas Rabatt. Ich finde es gut, dass man sich jeden Monat neu entscheiden kann. Im Vorfeld wird der Name der Box veröffentlicht mit einigen Tipps, sodass man das Buch thematisch einschätzen kann. Außerdem sind die Bücher in der Regel recht frisch auf dem Markt, sodass die Gefahr nicht so groß ist, etwas zu erhalten oder zu verschenken, das schon bekannt ist.

Die Schmökerbox September ist leider schon ausverkauft. Wenn ich Eure Neugier geweckt habe, dann könnt aktuell die Schmökerbox Oktober vorbestellen. Das Thema im nächsten Monat lautet „Das Leben ist eine Wundertüte“. Das klingt wieder nach einer tollen Überraschung!

Dienstag, 25. September 2018

[Rezension Ingrid] Bruder und Schwester Lenobel von Michael Köhlmeier


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Titel: Bruder und Schwester Lenobel
Autor: Michael Köhlmeier
Erscheinungsdatum: 20.08.2018
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Leseband (Leseexemplar)
ISBN: 9783446259928
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Das Cover des Romans „Bruder und Schwester Lenobel“ zeigt eine Ansicht der Stadt Wien. Michael Köhlmeier hat seine Geschichte hier angesiedelt. Über der Stadt spannt sich der Himmel weit auf, so wie die Erzählkunst des Autors sich im Buch entfaltet. Doktor Robert Lenobel, der Bruder in diesem Buch, ist Psychiater in Wien. Seine Schwester Henriette, Jetti genannt, lebt aber inzwischen in Dublin. Das überraschende Verschwinden von Robert und die Suche nach ihm ziehen sich als roter Faden durch den Roman.

Jetti folgt der Aufforderung ihrer Schwägerin Hanna, die sie per E-Mail erhält. Hanna wünscht sich, dass sie zu ihr nach Wien kommen soll, denn ihr Mann würde verrückt. Als sie zwei Tage später in der Stadt eintrifft ist er verschwunden, gemeinsam geben sie eine Vermisstenanzeige auf. Beide glauben nicht, dass Robert den Freitod gewählt hat, aber Gründe für eine planlose Reise können sie sich auch nicht vorstellen.

Der 55 Jahre alte Robert und die sechs Jahre jüngere Jetti sind sich von Kindheit an in besonderer Weise verbunden. Der Bruder ersetzte der Schwester in einigen Dingen den Vater, der noch eine zweite Familie hatte und irgendwann ganz fern blieb. Jetti unterstützte Robert während seines Studiums als sich bei der Mutter die Symptome einer psychischen Erkrankung verstärkten. Nachdem Robert mit Hanna liiert war, haben die beiden ihre Fürsorge auf diese ausgedehnt und auch bereits zu dritt manche Krise miteinander.

Das Ehepaar hat zwei Kinder, doch Hannas erste Wahl, ein Familienmitglied über das Verschwinden ihres Manns zu informieren, fiel auf Jetti. So stark die Bande zu ihren Kindern auch sein mögen, umso stärker ist Hannas Vertrauen in Jetti von der sie sich Hilfe erhofft, die Gründe für Roberts Handeln zu verstehen. Doch die beiden kennen sich gut, zu gut erschien es mir manchmal, denn sie agieren ohne große Worte, beobachten einander und deuten jedes kleinste Tun auf der Basis vergangener Erfahrungen miteinander. Dabei erinnern beide sich nicht nur an positive Ereignisse, was zu deutlichen Spannungen führt. Schließlich sucht Jetti den Kontakt zu Roberts Freund Sebastian Lukasser, einem Wiener Schriftsteller, der schon in früheren Romanen Köhlmeiers eine tragende Rolle spielte. Es stellt sich heraus, dass er nicht nur für Robert ein Anlaufpunkt ist, sondern auch zu den beiden Frauen eine einzigartige Beziehung pflegt. Stückchenweise erfuhr ich als Leser schließlich auch die Beweggründe Roberts die dazu führten, dass er Abstand von einer Familie suchte.

Michael Köhlmeiers Erzählkunst ist detailreich. Er verfolgt jede Handlung möglichst aus der Sicht aller beteiligter Personen. Die Gedankengänge seiner Figuren zeigt er mit den Abwägungen über das Für oder Wider auf. Obwohl der Roman in der Gegenwart zeitlich nur wenige Wochen beinhaltet, schildert er die Vergangenheit aller Familienmitglieder und fächert die Erlebnisse des Einzelnen breit auf. 13 Kapiteln in vier Teilen stellt er zu Beginn jeweils ein Märchen voraus, welches man in der Nachbetrachtung durchaus in Bezug auf die folgende Handlung interpretieren kann.

„Bruder und Schwester Lenobel“ ist eine überbordende Geschichte, die wirklichkeitsnahe Gefühle des gelebten Lebens beinhaltet. Hass, tiefe Liebe, Vertrauen, Neid, Zweifel, Eifersucht, Missgunst sind zu finden, das Verzeihen ist von besonderer Dringlichkeit. Ein Roman, in dessen Verzweigungen man sich gerne verliert.

Montag, 24. September 2018

[Rezension Ingrid] Junger Mann von Wolf Haas


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Titel: Junger Mann
Autor: Wolf Haas
Erscheinungsdatum: 15.09.2018
Verlag: Hoffmann und Campe (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag (Leseexemplar)
ISBN: 9783455003888
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Im Roman „Junger Mann“ lässt Wolf Haas den Ich-Erzähler, einen 13-jährigen Österreicher, über den Sommer 1973 erzählen. Sein Protagonist ist so alt wie der Autor zur damaligen Zeit auch gewesen ist. Neben dem unbenannten Erzähler spielt auch das junge Ehepaar Elsa und Tscho eine große Rolle. Das Cover ist als Waage mit orangefarbenen Bezug gestaltet, denn eine solche besitzt die Familie des Jugendlichen zur Gewichtskontrolle.

Der junge Mann lebt in Maria Alm am Steinernen Meer in Österreich unweit der Grenze zu Deutschland. Hier besitzt unter anderem der amtierende Bundespräsident Walter Scheel ein Ferienhaus und hier wurde auch der Autor des Romans geboren. Mehrfach hat der junge Mann als Kind sich die Beine gebrochen und bekam sie daher eingegipst, wie damals üblich. Als Seelentrost für die relative Unbeweglichkeit erhielt er Schokolade, dessen Verzehr sich schon früh in Übergewicht bei ihm zeigt. Der Ich-Erzähler kennt Tscho bereits von Kindheit an, denn er ist der große Bruder eines älteren Freunds von ihm. Zusammen mit seiner Frau Elsa ist er Housesitter reicher Amerikaner und fährt außerdem noch LKW. Der junge Mann nimmt einen Job an der örtlichen Tankstelle an, sieht eines Tages die Frau vom Tscho in dessen Pkw und verliebt sich in sie. Ihm wird bewusst, dass er einige Kilogramm zu viel wiegt, um ihr zu gefallen und beschließt deshalb, in den Sommerferien abzunehmen. Während es zu einer schrittweisen Annäherung mit Elsa kommt, hat plötzlich Tscho eine ganz spezielle Aufgabe für den jungen Mann.

Wolf Haas schreibt mit viel Witz und Sarkasmus gerade so, wie ein 13 1/2-Jähriger sich seine Welt, mit der er trotz Pubertätsproblemen klar kommen muss, schön redet. Ich weiß natürlich nicht, wieviel eigene Erlebnisse in den Schilderungen des Autors stecken, aber dadurch, dass er im Setting beheimatet ist und im gleichen Alter wie sein Protagonist, wirkt seine Erzählung authentisch. Ich kann mich selbst auch noch an die staatlich verordneten autofreien Tage erinnern die im Roman thematisiert werden, auch wenn sie in Österreich anders geregelt wurden als in Deutschland. Es ist für mich immer wieder schön, gedanklich in die Vergangenheit, in diesem Fall in die 1970er Jahre zu reisen.

Während ich es zunächst für unmöglich ansah, dass Elsa Interesse an dem noch jungen Ich-Erzähler finden könnte, so fand er doch in kleinen Schritten das Vertrauen von ihr. Kaum zeigte sich die Möglichkeit einer beginnenden Romanze dreht der Autor unerwartet die bis dahin nur in eine Richtung weisende Erzählung in eine ganz andere. Was bis dahin eine überwiegend amüsante Geschichte war, wird zum Roadmovie mit reichlich bewegenden Momenten, wenn auch weiterhin mit heiterem Unterton. Die Dialoge mit durchweg kurzen Sätzen enthalten eine gehörige Portion Schmäh.

Bewusst lässt Wolf Haas seine Figur unbenannt, denn viele Leser werden deren Handlung gut nachvollziehen können und sich an deren Stelle fühlen, weil sie einiges so oder so ähnlich in ihrer eignen Pubertät empfunden haben. „Junger Mann“ ist ein Coming-of-Age-Roman, der zeigt, dass ein einziger Sommer die Gefühle eines Jugendlichen auf mannigfache Weise stark bewegen kann. Aufgrund der Situationskomik ergibt sich eine Heiterkeit, die auch bei ernsteren Themen nicht weicht. Gerne empfehle ich das Buch weiter.

Sonntag, 23. September 2018

[Rezension Hanna] Als der Zufall sich verliebte - Yoav Blum


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Als der Zufall sich verliebte
Autor: Yoav Blum
Übersetzerin: Helene Seidler
Hardcover: 336 Seiten
Erscheinungsdatum: 4. September 2018
Verlag: Pendo

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Guy arbeitet als Zufallsstifter, eine Tätigkeit, die in erster Linie geheim ist und bei der man dazu gewissermaßen als Agent arbeitet. Seit seinem Ausbildungsbeginn vor drei Jahren hat er rund 250 Aufträge ausgeführt: Er hat zum Beispiel Paare zusammengebracht und Künstler inspiriert, wobei auch manchmal Schritte wie ein Jobverlust nötig sind. Eric und Emily, die gemeinsam mit ihm ausgebildet wurden, sind seine einzigen Freunde, mit denen er sich regelmäßig austauscht. Emily wäre gern mehr als eine Freundin für ihn. Doch Guy kann seine verlorene Liebe nicht vergessen. Sein neuer, mysteriöser Auftrag stellt ihn schließlich vor eine folgenschwere Entscheidung.

Das Cover ist mit seinen herbstlichen Farben ein echter Hingucker und zeigt einige Schmetterlinge. Der Schmetterlingseffekt beschreibt ein Phänomen, bei dem nicht vorhersehbar ist, wie sich kleine Aktionen langfristig auf das große Ganze auswirken. Außerdem ist es eine Anspielung auf die Abschlussprüfung des Protagonisten, über die der Leser später mehr erfährt. Damit passt der Schmetterling gut zur Grundidee des Buches, die beim Lesen der Buchbeschreibung meine Neugier sofort wecken könnte. Überall sind ganz im Geheimen sogenannte Zufallsstifter aktiv, die entscheidende Wendungen minutiös planen und durch viele kleine Manipulationen so geschickt umsetzen, dass niemand auf die Idee kommt, jemand hätte hier seine Finger im Spiel gehabt.

Im ersten Kapitel erhält der Leser gleich eine Kostprobe dieser Tätigkeit. Nach intensiver Vorbereitung sorgt der Zufallsstifter Guy dafür, dass eine Kellnerin und ein Student, der regelmäßig das Café besucht, den Abend am Strand gemeinsam verbringen und es dort endlich zwischen ihnen funkt. Der Plan funktioniert jedoch nur, nachdem Guy der Kellnerin vorher einen schrecklichen Tag beschert hat. Der Leser merkt dabei schnell, dass die Zufallsstiftung auch seine Schattenseiten hat. Auch Rückschläge oder Enttäuschungen auszulösen, die auf einen größeren Plan einzahlen, gehört dazu.

Guys Freunde Emily und Eric sind ebenfalls Zufallsstifter. Sie haben vor drei Jahren gemeinsam die Ausbildung beim General durchlaufen. An diese Zeit erinnert sich Guy oft zurück und lässt den Leser an den Lektionen teilhaben. Diese zu Lesen ist oft amüsant, bringt aber auch ins nachdenken. Da geht es um Vorhersagen beim Billard spielen und Wetten, bei denen alle Bewohner eines Hauses gleichzeitig ihre Wäsche aufhängen sollen, aber auch um die Frage, wie Glück berechnet wird und welche Fehler beim Treffen einer Wahl gemacht werden.

Die Geschichte wird in ruhigem Tempo erzählt, der Autor baut vieles auf, dessen Verbindungen erst später überraschend offenbar werden. Mir haben die vielen kreativen Ideen rund um die Tätigkeit als Zufallsstifter sehr gut gefallen. In dieser Hinsicht ist auch der Buchtitel etwas irreführend, denn im Zentrum steht die Frage, was Guy aus seinem Leben als Zufallsstifter machen möchte. Liebe spielt zwar eine Rolle, insbesondere die verlorene Liebe von Guy, doch ich würde das Buch nicht als Liebesgeschichte im engeren Sinne bezeichnen.

Guy gewinnt als Zufallsstifter zunehmend an Routine, erinnert sich aber immer wieder an seine Vergangenheit als eingebildeter Freund. Zwar bietet sein neues Dasein einige Vorteile, doch er hat dabei Kassandra verloren, der seine Liebe nach wie vor gilt. Lange erfährt der Leser nicht mehr über sie, zu schmerzhaft scheint die Erinnerung für Guy zu sein. Dieser will sich deshalb nicht auf etwas neues einlassen, ganz zum Leidwesen von Emily. Auch in seinem neuesten Auftrag wird er mit seiner Vergangenheit konfrontiert. Zum Ende hin wird es spannend, denn die Charaktere müssen wichtige Entscheidungen treffen und nach dramatischen und ungewissen Momenten findet das Buch zu einem Abschluss, der mir richtig gut gefallen hat.

In „Als der Zufall sich verliebte“ begleitet der Leser Guy, der im Geheimen komplexe Pläne umsetzt und damit Zufälle stiftet. Doch seine Vergangenheit und vor allem seine verlorene Liebe kann er nicht ganz loslassen. Seine Tätigkeit bietet viele unterhaltsame Momente. Gleichzeitig wird auch thematisiert, inwiefern man in den Verlauf der Ereignisse eingreifen darf, wenn es einem höheren Zweck dient und die grundsätzliche Frage gestellt, was eigentlich Glück bedeutet. Der Autor hat seine kreative Grundidee gelungen umgesetzt und lässt nach und nach alle Puzzlestücke an ihren Platz fallen. Ich spreche eine klare Leseempfehlung aus!

Donnerstag, 20. September 2018

[Rezension Hanna] Das Gold der Krähen - Leigh Bardugo


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Das Gold der Krähen
Autorin: Leigh Bardugo
Übersetzerin: Michelle Gyo
Klappenbroschur: 592 Seiten
Erscheinungsdatum: 3. September 2018
Verlag: Knaur

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Kaz Brekker und seine Mannschaft, die eine geradezu unglaubliche Mission erfüllen konnten, sind zurück in Ketterdam. Doch ihre Belohnung blieb aus. Stattdessen wurde die Person entführt, die Kaz am meisten am Herzen liegt. Nun schmieden die Gefährten einen Plan für eine erfolgreiche Befreiung. Kaz ist sich zudem sicher, dass es doch noch eine Chance auf ihre Belohnung gibt, wenn sie alle ihre besonderen Fähigkeiten nutzen und einige Steine ins Rollen bringen. Ketterdam ist jedoch gefährlicher als je zuvor, denn neben den bekannten Feinden streifen unheimliche Wesen durch die Stadt, die Jagd auf alle Grischa machen…

Endlich ist mit „Das Gold der Krähen“ der heiß ersehnte Abschluss der Dilogie erschienen. Der erste Band, „Das Lied der Krähen“, konnte mich vor einem Jahr absolut begeistern. Nach einem offenen Ende war die Neugier groß, wie es für Kaz und seine Mannschaft weitergeht. Den ersten Band sollte man unbedingt gelesen haben, denn die Geschichte geht nahtlos weiter. Sie wirft den Leser mitten hinein ins Geschehen und die Vorbereitungen auf die Befreiung der gefangenen Inej. Hierzu hat Kaz einen neuen, komplexen Plan erarbeitet, bei dem die besonderen Talente der Mitstreiter wieder gefragt sind.

Schon nach wenigen Seiten war ich wieder ganz drin in der spannenden, temporeichen Handlung. Waghalsige Aktionen und überraschende Wendungen sind an der Tagesordnung und es machte Spaß, die sechs Krähen in Aktion zu erleben. Mit dem verschlagenen Krämer Van Eck, dem Betrüger Pekka Rollins und den Grischa jagenden Wesen gibt es gleich drei mächtige Gegner, die es zu bekämpfen und überlisten gilt. Dabei läuft bei weitem nicht alles nach Plan, denn auch die Gegenseite versucht, die nächsten Schritte vorauszusehen und diese zu vereiteln.

Die Kapitel sind wieder abwechselnd aus den Perspektiven von Kaz, Inej, Nina, Matthias, Jesper und Wylan geschrieben. Die sechs Charaktere sind mir inzwischen richtig ans Herz gewachsen. Man erfährt noch mehr über ihre Hintergrundgeschichten und erlebt mit, wie sie an den neuen Herausforderungen wachsen. Beispielsweise wird Wylan durch seine erfolgreichen Einsätze immer selbstbewusster und kann sein Handicap dadurch besser akzeptieren. Und bei Nina funktionieren ihre Kräfte nicht mehr so wie einst. Dafür entdeckt sie eine neue, erstaunliche Macht.

Die Geschichte lässt dem Leser nur wenig Zeit zu verschnaufen, bevor die nächste Herausforderung wartet. Die Autorin hat einen Spannungsbogen geschaffen, der hervorragend funktioniert. Rückschläge und Erfolge wechseln sich ab und neben spannenden Kämpfen und hitzigen Wortgefechten gibt es auch emotionale und nachdenkliche Momente. Ich habe jede einzelne Seite des Buches genossen bis hin zu seinem bittersüßen Ende, das ein würdiger Abschluss der Geschichte ist. Für mich ist die Krähen-Dilogie ein absolutes Fantasy-Highlight, das man gelesen haben muss!

Mittwoch, 19. September 2018

[Rezension Ingrid] Die vergessene Burg von Susanne Goga


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Titel: Die vergessene Burg
Autorin: Susanne Goga
Erscheinungsdatum: 10.09.2018
rezensierte Buchausgabe: Klappenbroschur
ISBN: 9783453359727
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Ein breiter Fluss, ein Schloss an seinem Ufer … zunächst dachte ich bei dem Cover des Romans „Die vergessene Burg“ an eine englische Landschaft, doch die Mönchengladbacherin Susanne Goga entführte mich mit ihrer Geschichte an den wunderschönen Rhein nach Bonn. Ich begleitete die Protagonistin Paula Cooper im Jahr 1868 bei der Suche nach ihrem Vater, der seit Jahren verschwunden ist. Ihre Nachforschungen führen sie bis zur Ruine der Burg Ehrenfels unweit von Rüdesheim am Rhein. Die Innenklappen des Buchs sind liebevoll gestaltet und zeigen einige Fotos von Bonn und der Landschaft um den Drachenfels am Rhein, die die Autorin selbst aufgenommen hat.

Die 32jährige Paula lebte in den vergangenen Jahren als Gesellschafterin bei einer älteren, kränklichen Cousine ihrer Mutter in einer kleinen Ortschaft unweit Londons. Eines Tages erreicht sie ein Brief von einem ihr bisher unbekannten Onkel aus Bonn. Darin steht, dass er schwer erkrankt sei und sie bitte, ihn noch vor seinem Tod zu besuchen. Als sie das Grab ihres Vaters wieder einmal aufsucht, erfährt sie durch Zufall, dass das Grab leer ist. Paula ist nicht nur in ihrer Stellung unzufrieden, sondern durch die Ereignisse verständlicherweise auch über ihre Mutter und deren Lügen sehr verärgert, so dass sie beschließt nach Bonn zu reisen.

Ihr Onkel, der Andenkenhändler Rudy Cooper, weiß leider auch nichts Genaues über den Verbleib ihres Vaters, doch sie gewinnt sehr schnell sein Vertrauen. Daher unterstützt Rudy die Idee, ihren Vater zu suchen. Begleitet wird sie von dem englischen Fotografen Benjamin Trevor, den sie in Bonn kennen gelernt hat. Nicht nur das Verschwinden ihres Vaters ist Paula rätselhaft, sondern ihr fallen auch ein seltsames Verhalten ihres Onkels und das des Fotografen auf, die sie nicht einordnen kann. Durch ihre Hartnäckigkeit gelingt es ihr mit und mit den Geheimnissen auf die Spur zu kommen.

Die Figur der Paula und ihre Entwicklung hat mir sehr gut gefallen. Lange Zeit hat sie dem Wunsch der Mutter entsprochen, sich um deren Cousine zu kümmern und dadurch ein versorgtes Leben zu führen. Sie hat sich dabei einen gewissen gesellschaftlichen Stand erhalten, ohne von einem Ehemann abhängig zu sein. Allerdings traten ihre eigenen Interessen in den Hintergrund und sie hat verlernt, Entscheidungen für sich selbst zu treffen. Der Brief ihres Onkels bringt sie zum Nachdenken über ihre Zukunft, sie beginnt sich selbst und ihre Gefühle zu hinterfragen. Während sie bisher noch nie außerhalb von England war, so fasst sie jetzt den Mut zu einer Reise bei der sie auf sich allein gestellt sein wird. Das Gelingen stärkt ihr Selbstwertgefühl. Bei ihrem Onkel wartet bereits eine neue Herausforderung. Sie ist stolz, als sie diese ebenfalls ohne große Probleme meistert. Doch auch die weiteren Charaktere zeichnet Susanne Goga abwechslungsreich und interessant durch die kleinen Geheimnisse die jeder verbirgt wie beispielsweise Paulas Onkel Rudy, dessen besten Freund, Paulas Mutter und Benjamin Trevor.

Es hat mich gefreut, dass der Roman in einer Gegend spielt, die ich auch schon mehrfach besucht habe. Die Autorin versteht es die zauberhafte Landschaft trefflich zu beschreiben. In ihren Schilderungen ist ihre eigene Liebe für die Umgebung zu spüren. Ein Gedicht von Heinrich Heine erinnerte mich an dessen Vertonung. Rund um die Berufe der handelnden Personen Rudy und Benjamin erfuhr ich mehr über Andenken und den Stand der Fotografie im Jahr 1868. Dank ihrer sehr guten Recherche und entsprechend genauer Beschreibung befand ich mich auf den Spuren der damaligen Touristen am Rhein, zu denen auch Mitglieder der Englisch Community in Bonn gehörten.

Susanne Goga schreibt leicht lesbar und unterhaltsam. Mehrere Familiengeheimnisse hat sie geschickt in die Handlung eingebunden und deckt diese in kleinen Teilen auf, so dass bis zum Schluss eine unterschwellige Spannung vorhanden ist. Das Setting hat mich angesprochen ebenso wie die Einbindung von zeitlich passenden kulturellen Elementen. Der Roman hat mir sehr gut gefallen und daher empfehle ich ihn gerne weiter an alle Leser historischer Romane.

Montag, 17. September 2018

[Rezension Ingrid] Loyalitäten von Delphine de Vigan


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Titel: Loyalitäten
Autorin: Delphine de Vigan
Übersetzerin: Doris Heinemann
Erscheinungsdatum: 17.09.2018
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen
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Entsprechend des Titels ihres Romans „Loyalitäten“ zeigt die Französin Delphine de Vigan die innere Verbundenheit des zwölfjährigen Theo mit seinen geschiedenen Eltern. Auch das Cover zeigt Verbindungen. Die Farbstreifen, jeder in einer anderen Farbe und vor den Überschneidungspunkten eine Weile für sich laufend, bringen die Persönlichkeit des Individuums zum Ausdruck.

Théos Eltern sind schon einige Jahre geschieden und haben das gemeinsame Sorgerecht. Eine Woche lebt Theo bei seinem Vater, in der folgenden Woche bei seiner Mutter, die in unterschiedlichen Stadtteile von Paris ihre Wohnungen haben. Seine Mutter möchte längst nichts mehr über ihren früheren Mann erfahren, während sich Théos Vater aufgrund seiner Arbeitslosigkeit zunehmend der Gesellschaft entfremdet. Théo möchte helfen, aber die Vorgaben seiner Eltern, welche Informationen über sie nach außen gegeben werden dürfen, sind streng. Er versucht sich dem Dilemma zu entziehen, in dem er seinen Kummer im Alkohol ertränkt. Sein gleichaltriger Freund Mathis hält zu ihm und beginnt für ihn zu lügen. Die Biologielehrerin von beiden hat einen Verdacht, doch ihr wird nicht geglaubt.

Delphine de Vigan erzählt aus vier unterschiedlichen Perspektiven. Während die Lehrerin Hélène und Cécile, die Mutter von Mathis, in der Ich-Form berichten schaut die Autorin auf die Minderjährigen Théo und Mathis als allwissende Erzählerin. Beide erwachsenen Protagonistinnen haben in ihrer Jugend Demütigendes erlebt, die Erinnerung daran bleibt. Delphine de Vigan dringt ganz tief ein in das Beziehungsgeflecht der Gesellschaft, das nicht nur von Gesetzen sondern auch von Werten und Normen bestimmt wird. Dabei nehmen die sozialen Netzwerke einen immer höheren Stellenwert ein.

Théo fühlt sich zwar seinen Eltern gegenüber verpflichtet, aber durch ihre Unfähigkeit zum Vorbild sucht er einen Ausweg. Die Situation macht Théo sprachlos, er traut keinem mehr. Durch Alkohol betäubt er sein Bewusstsein, erhofft sich aber vielleicht unterschwellig, dass sein verändertes Verhalten auffällt. Hélène weiß durch eigene Erfahrung, dass vieles aus der Familie nicht nach außen dringt. Ihr Wunsch, hinter die Fassade von Théo zu schauen, stößt auf Unverständnis mit dem Hinweis auf gesellschaftlich konformes Verhalten.

Mathis ist ein typischer Jugendlicher zu Beginn der Pubertät. Er beginnt die Rolle seiner Eltern zunehmend in Frage zu stellen, sich mit Gleichaltrigen und älteren Jugendlichen zu vergleichen und sich deren Handlungsweisen zu eigen zu machen. Seine Freundschaft zu Théo hält länger an als zu jedem anderen und dadurch fühlt er sich ihm, zum großen Glück für seinen Freund, durch ein starkes Band verbunden.

Die Autorin hält den Schluss bewusst offen und ließ mich mit Hoffnung für alle Beteiligten aus dem Roman zurück. „Loyalitäten“ ist ein starkes Buch zu den Unwägbarkeiten unserer Gesellschaft. Es stimmt äußerst nachdenklich und hallt noch lange nach.

Freitag, 14. September 2018

[Rezension Ingrid] Guten Morgen, Genosse Elefant von Christopher Wilson


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Titel: Guten Morgeen, Genosse Elefant
Autor: Christopher Wilson
Übersetzer: Bernhard Robben
Erscheinungsdatum: 16.08.2018
Verlag: Kiepenheuer & Witsch (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen
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Der Engländer Christopher Wilson nimmt den Leser in seinem Roman „Guten Morgen, Genosse Elefant“ mit in die Sowjetunion ins Jahr 1953. Es ist das Ende der Stalinzeit und der Protagonist Juri erlebt diesen Zeitraum aus einer ganz besonderen persönlichen Sicht. So schmückt denn auch ein fünfzackiger roter Stern das Cover des Buchs, hier als Symbol für eine kommunistische beziehungsweise sozialistische Weltanschauung. Unterbrochen wird der Stern durch einen Löffel. Er steht für den Job des Vorkosters, den Juri einnehmen wird. Die Elefanten im oberen Bereich sowie der Titel beziehen sich auf den Tarnnamen, den der damalige Diktator der Sowjetunion von einem Mitarbeiter erhält und damit dessen Gewichtigkeit betont.

Juri Romanowitsch Zipit ist Halbwaise. Mit seinem Vater, dem Hauptveterinär des Zoos, wohnt er in einer Dienstwohnung neben den Tiergehegen. Er ist zwölf Jahre alt als er durch Zufall zum Vorkoster des „Stählernen“, der sich gerne Wodsch nennen ließ, wird. Eine gewisse geistige Beschränkheit, hervorgerufen durch einen Unfall als Kind, kombiniert sich bei Juri mit Intelligenz und Gerissenheit. Sein Gesicht wirkt auf Betrachter vertrauenserweckend und auch der Wodsch ist von ihm stark eingenommen. Welche Vorzüge und Nachteile die ihm übertragene Aufgabe hat, kann er sich bei Arbeitsaufnahme noch nicht vorstellen.

Juri erzählt seine Geschichte mit Blick auf die ein Jahr zurückliegenden Ereignisse. Auf diese Weise konnte ich mich als Leser im Laufe der Schilderung, die zunehmend bedrückender wird und ihm Vieles abverlangt, immer wieder seines Überlebens der Ereignisse versichern.

Christopher Wilson gelang es mit seinem Roman mich gleichzeitig zu erheitern und tieftraurig zu stimmen. Juri hat eine unvoreingenommene gar naive Art seine Umwelt wahrzunehmen. Er weiß, dass er oft zu viel redet und Menschen dazu bringt, ihm ihre Geheimnisse anzuvertrauen. Schon zu Beginn gibt er einen kurzen Einblick in die Möglichkeit der Instrumentalisierung seiner Altersklasse im sozialistischen Staat durch die Lehrer. Der Autor wählt seinen Protagonisten bewusst jung um uns als Leser aufzuzeigen, dass uns niemand, auch nicht die Eltern, schützen können, wenn man in das Blickfeld der Mächtigen gerät, so unschuldig und unerfahren auch unser Geist noch sein mag. Den einzigen Schutz bieten Machtträger mit konträren Ansichten, die sich gegenseitig ausspielen. Gesprochene oder geschriebene Worte können große Freude oder verheerenden Schaden anrichten. Ohne zu hinterfragen oder weitere Einblicke zu gewinnen schildert Juri das feine Ränkespiel um die, im übertragenen Sinne, Plätze in der ersten Reihe beim nahenden Abgang des Generalsekretärs des Zentralkomitees. Hass, Neid und Rache sind dabei die Triebfedern. Den Leser beschwört Juri zu seinem Mitwisser, was der Erzählung von Anfang an etwas Geheimnisvolles gibt.

Der Autor vermag es mit der Kunst der Übertreibung seinem Roman einen humorvollen Anstrich zu geben, doch als ich mit Juri tiefer in die Schmiede der Macht eindrang wurde mit Angst und Bange. Hier ist nur noch widerspruchslose Pflichterfüllung angesagt, nach Belieben besteht die Möglichkeit Unerwünschte auszusortieren. An dieser Stelle möchte ich dem Übersetzer Bernhard Robben ein Lob aussprechen, der es geschafft hat, den speziellen Humor und die Feinsinnigkeiten des Romans ins Deutsche zu transportieren. Bei näherem Hinsehen verschmelzen Fiktion und gelebte Vergangenheit der Erzählung. Dieser Umstand brachte mich ins Grübeln darüber, dass es auch heute noch vergleichbare Regierungssysteme wie das geschilderte gibt. Juris unbedarfte Art zeigte mir die Hilflosigkeit des gewöhnlichen Einzelnen in einem solchen Staat. „Guten Morgen, Genosse Elefant“ stimmt nachdenklich, bleibt noch lange in Erinnerung und daher empfehle ich es gerne weiter.

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