Dienstag, 3. Oktober 2017

[Rezension Hanna] Das Haus der Granatäpfel - Lydia Conradi


Das Haus der Granatäpfel
Autorin: Lydia Conradi
Hardcover: 672 Seiten
Erschienen am 2. Oktober 2017
Verlag: Pendo

Inhalt
Smyrna, 1912: Neugierig reist Klara von Berlin zur florierenden Stadt an der Ägäisküste. Dort wird sie Peter Delacloche heiraten, dessen Vater ein einflussreicher Warenhausbesitzer ist. Doch der Erbe der Familie stellt sich als noch langweiliger heraus als gedacht und auch mit seinen Schwestern wird Klara nicht wirklich warm. Bald lässt sie sich auf etwas ein, das ihren Ruf gänzlich ruinieren könnte. Schließlich muss ausgerechnet Sevan, der armenische Arzt der Familie, über ihr Schicksal entscheiden. Als ein neuer Krieg ausbricht, ändert sich erneut vieles für Klara und die Delacloches…

Meinung
Das orientalisch anmutende Cover hat mich schnell neugierig gemacht, welche historische Geschichte sich zwischen den Buchdeckeln verbirgt. Zu Beginn des Buches lernt man den neunjährigen Sevan kennen, der mit seinem Onkel zum ersten Mal nach Smyrna reist und dort Klaras Vater trifft. Dieser merkt, dass Sevan eine Brille braucht, um scharf sehen zu können – für Sevan eine folgenreiche Erkenntnis. Dann springt das Buch einige Jahre weiter und man erlebt die erste Begegnung von Klara und Peter, bevor man im Jahr 1912 bei der Hochzeit der beiden tiefer in die Geschichte eintaucht.

Klara, die im Zentrum der Geschichte steht, ist sicherlich keine Sympathieträgerin. Fest entschlossen, die fremde Stadt Smyrna zu erobern, heiratet sie Peter. Sie trifft ihre Entscheidungen aus dem Bauch heraus und verdrängt die Konsequenzen. Damit bringt sie sich selbst immer wieder in eine verzwickte Lage. Oft macht es den Anschein, als schere sie sich wenig um die Meinung der anderen, doch hinter ihrer Fassade entdeckt man Verbitterung und den Wunsch, dazuzugehören. Auch wenn ich mit ihren Entscheidungen oft nicht einverstanden war fand ich es interessant, ihre charakterliche Entwicklung mitzuerleben.

Neben Klara wird auch das Glück und Unglück der Menschen in ihrer Umgebung beleuchtet. Auf dem Vorsatzblatt ist ein Stammbaum abgedruckt, damit der Leser den Überblick über die familiären Verbindungen behält. Das war zwar hilfreich, aber er verrät für mich zu viel. Da gibt es zum Beispiel Theri, die Verlobte von Peters Bruder, die allseits beliebt ist, deren Heirat aber nicht näher rückt. Außerdem Peters Schwestern Xenia, die ein trauriges Geheimnis hütet, und Kiki, die in ihren Musiklehrer verliebt ist. Und natürlich Sevan, der für alle nur das Beste will, von seiner geliebten Frau aber verachtet wird. Diese und einige weitere Personen begleitet man als Leser mehrere Jahre lang auf ihrem Weg.

Die persönlichen Schicksale werden immer wieder stark von den politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen bestimmt. Smyrna ist eine bunte Stadt, in der Menschen verschiedener Abstammung und Religion beisammen leben. Trotz dieser Vielfalt denken viele in starren Mustern und man erlebt Ausgrenzung, Diskriminierung und schließlich auch Schlimmeres. Gleichzeitig bestimmen Kriege das Geschehen – Männer ziehen in den Kampf und auch die Zurückgebliebenen spüren die Auswirkungen.

Das Granatapfelhaus, in welchem die Delacloches ihre Sommer verbringen, bietet über die Jahre immer wieder einen sicheren Rückzugsort, der manchmal geradezu magisch erscheint. Was dort geschieht, bleibt dort, und Klara ist nicht die einzige, die sich nach diesem Ort sehnt, sobald sie nicht dort ist. Doch kann der Ort trotz aller Entwicklungen eine Zuflucht bleiben?

Die politische und gesellschaftliche Lage wird immer wieder recht ausführlich beschrieben und diskutiert. Hier erkennt man die ausführliche Recherche der Autorin. Ich hätte mir die Geschichte trotzdem noch etwas schwungvoller gewünscht. Außerdem hätte ich nach dem Lesen der Buchbeschreibung nicht erwartet, dass das Unglück so deutlich das Glück überwiegt, sodass das Buch deutlich mehr Drama als Liebesgeschichte bietet. Zum Ende des Buches hin wird es noch einmal sehr spannend, aber auch düster mit einem bedrückenden Abschluss.

Fazit
„Das Haus der Granatäpfel“ nimmt den Leser mit nach Smyrna, wo Klara auf der Suche nach persönlicher Erfüllung ein großes Risiko eingeht. Die Geschichte beleuchtet ihr Schicksal ebenso wie das vieler Personen ihrer Umgebung und blickt auch ausführlich auf die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen der Zeit. Ein Buch, das im Verlauf zunehmend dramatisch wird und dem Leser einen authentischen Einblick ins Smyrna der 1910er Jahre gibt.

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