Dienstag, 31. Dezember 2019

Rezension: Licht über dem Wedding von Nicola Karlsson


Rezension von Ingrid Eßer

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Titel: Licht über dem Wedding
Autorin: Nicola Karlsson
Erscheinungsdatum: 01.03.2019
rezensierte Buchausgabe: signiertes Hardcover mit Schutzumschlag und Leseband
ISBN: 9783492059411
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Nicola Karlsson hat mit „Licht über dem Wedding“ einen ausdrucksstarker Roman über die Bewohner des titelgebenden Stadtbezirks in Berlin geschrieben. Im Mittelpunkt der Geschichte stehen Hannah Hoch sowie Wolf Hermann und seine Tochter Agnes. Sie wohnen im selben Hochhaus, Wolf und Agnes im Erdgeschoss, Hannah mit einer Freundin im zehnten Stock.

Wolf ist ein Mittvierziger, hat sein Studium abgebrochen und sich als ungelernter Tischler mit allen möglichen Jobs über Wasser gehalten bis er immer mehr dem Alkohol verfallen ist. Agnes ist inzwischen 15 Jahre alt. Ihre Mutter hat die Familie vor zehn Jahren verlassen und sich nicht mehr gemeldet. Hannah ist Anfang 20, interessiert sich nicht mehr für ihr Studium, sondern bloggt über Mode. Meistens postet sie sich selbst in der ihr zugesandten Kleidung, die sie vor konträren Hintergründen inszeniert, um den besonderen Chic des Outfits herauszustellen. Erst nach und nach ergibt sich ein Gesamtbild, das die Drei in eine eigenwillige Verknüpfung bringt und sie in ihrer je eigenen Gedankenwelt zeigt, durch die ihre Handlungen geleitet sind.

Agnes wirkt so, wie in einer Welt zwischen Kind und Erwachsenem gefangen. Früh wird sie selbständig, sieht ihr Kinderzimmer als Rückzugsort, dessen Zutritt ihrem Vater stillschweigend verboten ist. Schon mit 13 Jahren hat sie einen festen Freund, der gemeinsam mit seinen Freunden, alle einiges älter als sie, ihre Peergroup bildet. Ich erlebte Agnes in ständiger Abwehrhandlung, immer zu schnellen Schlägen und Tritten bereit, wenn sie sich angegriffen fühlt, meist ausschließlich durch Worte. Sie ist auf der permanenten Suche nach Respekt, nach Freundschaft, nach Vertrauen und fragt sich letztlich, was ihr als Persönlichkeit fehlt, um als Tochter und Freundin mit Liebe angenommen zu werden.

Wolf fühlt sich als Versager. Der zunehmende Alkoholgenuss verursacht bei ihm gelegentliche Bewusstseinsaussetzer. Er weiß, dass er sich selbst damit schadet und sich aktiv Hilfe suchen muss. Seine von ihm gefühlte eigene Schwachheit führt ihn dazu, sich noch mehr dem Alkohol hinzuwenden, um seine Sorgen zu vergessen. Von Anfang an hoffte ich für ihn, dass er einen Weg finden wird, diese Abwärtsspirale zu durchbrechen.

Hannah hielt ich zunächst für durchaus clever, auch wegen der Art und Weise auf die sie Geld verdient. Doch schnell zeigte sich, dass sie ihr eigenen Sorgen hat. Schon als Kind hat sie bemerkt, dass kleine Lügen Bestrafungen verhindern können. Doch leider ist diese Angewohnheit nicht unbemerkt geblieben. Ihr Verhalten hat sie bisher nicht geändert und so begegnen ihren Aussagen nicht nur ihre Freunde, sondern auch ihre Familie mit einer gewissen Skepsis in Bezug auf deren Wahrheitsgehalt. Auch sich selbst gegenüber versucht sie eine Wirklichkeit zu schaffen, die zwar für eine augenblickliche Lösung sorgt, aber nicht für eine dauerhafte.

Alle drei Protagonisten suchen nach einem Anker, an dem sie sich festhalten können und der ihnen über die Wellen des Lebens hilft. „Licht über dem Wedding“ ist eine unangenehme Geschichte, die in einem Berliner Bezirk spielt, in dem Schwäche nicht sein darf. Sie ist eng verbunden mit Alkohol und Joints, mit unterschiedlichen Ansichten über Besitz, mit Machtspielen und Gewaltanwendung. Der Roman stimmt nachdenklich darüber, wie viel Vater, wie viel Mutter der Mensch braucht und ob eine Lücke im Elternsein ersatzweise zu füllen ist. Gerne empfehle ich den einfühlsam geschriebenen Roman, in den die Autorin auch eigene Erfahrungen hat einfließen lassen und der Raum für Hoffnung lässt, uneingeschränkt weiter.

Freitag, 27. Dezember 2019

Rezension: Irgendwann wird es gut von Joey Goebel


Rezension von Ingrid Eßer

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Titel: Irgendwann wird es gut
Autor: Joey Goebel
Übersetzer: Hans M. Herzog
Erscheinungsdatum: 27.02.2019
Verlag: Diogenes (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover Leinen mit Schutzumschlag
ISBN: 9783257070590
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Im Buch „Irgendwann wird es gut“ versammelt der US-Amerikanische Autor Joey Goebel zehn Kurzgeschichten. Alle Erzählungen spielen Mitte der 1990er in der Kleinstadt Moberly in Kentucky, durchaus vergleichbar mit vielen anderen Kleinstädten, nicht nur in den USA. Moberly liegt am Ohio River und dort sind an einigen Stellen fantastische Sonnenuntergänge zu beobachten. Dennoch sind viele Bewohner unzufrieden. Sie sind die Protagonisten in den Geschichten und sie sind alle auf ihre eigene Weise einsam.

Einige von ihnen sind einsam, weil sie niemanden haben mit dem sie sich austauschen können, andere haben sich bewusst zurückgezogen, weil sie glauben, Gründe zu haben, nicht mit anderen in Kontakt treten zu wollen. Wieder andere sind zweisam einsam, wobei sich ihre Einsamkeit im Kopf abspielt, weil sie ihre Sorgen und Probleme, ihr Vorstellungen und Wünsche nicht mit anderen teilen möchten. Es sind schmale Korridore auf denen sich die einzelnen Hauptfiguren bewegen und auf denen sie mit Gesten und Worten den Kontakt zur Welt um sie herum aufrechterhalten und teilweise auch versuchen, ihn auszubauen in dem Bemühen, es anderen gleichzutun. Nicht immer enden ihre Anstrengungen mit Erfolg, aber Joey Goebel hält immer eine Türe zur Hoffnung hin offen.

Die Geschichten spielen innerhalb eines Jahres und sind im zeitlichen Ablauf sortiert. Sie sind in sich abgeschlossen, aber in den folgenden Erzählungen treten einige Charaktere als Randfiguren wieder auf oder werden selbst zum Protagonisten. Eigentlich müsste man nach dem Lesen wieder von vorne beginnen, um alle Querverbindungen zu entdecken. Joey Goebel beschreibt Figuren, wie sie in jeder Stadt zu finden sind. Es stattet sie liebevoll mit besonderen Eigenschaften aus, nicht jede von ihnen ist unbedingt sympathisch zu nennen. Einige agieren argwöhnisch und reagieren empfindsam.

Der Autor erzählt mit großem Einfühlungsvermögen. Manche der Protagonisten sind Jugendliche, also in einem Alter in dem Joey Goebel selbst zu der Zeit war, in der seine Erzählungen spielen. Ihre Wünsche und ihre Träume von denen sie glauben, dass sie sie in Moberly nicht verwirklichen können, ihren Umgang mit Klassenkameraden, das Erwachen ihrer Interessen verbunden mit dem damaligen Zeitgeist stellt der Autor mit großer Empathie dar. Aber auch seine übrigen Figuren sind realistisch gestaltet. Als Leser konnte ich sie mir als Teil jeder Kleinstadt gut vorstellen. Ich mochte diese bewegenden, nachdenklich stimmenden Geschichten sehr und empfehle das Buch gerne weiter.

Montag, 23. Dezember 2019

Rezension: Sterbekammer - Romy Fölck



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Sterbekammer
Autorin: Romy Fölck
Hardcover: 430 Seiten
Erschienen am 30. September 2019
Verlag: Bastei Lübbe

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Die Polizistin Frida arbeitet seit kurzer Zeit bei der Mordkommission in Itzehoe, während ihr Kollege Bjarne Haverkorn sich noch von der Rauchvergiftung erholt, die er erlitten hat. Eines Nachts steht eine Nachbarin vor der Tür des Hofes, auf dem Frida mit ihren Eltern lebt, und bittet sie, nach Josef Hader zu sehen. Der Bewohner der nahegelegenen Deichmühle geht nicht an die Tür, während sein Hund frei herumläuft. Frida entdeckt den alten Mann tot am Fuß seiner Treppe, es scheint sich um einen tragischen Unfall zu handeln. Doch als Frida am nächsten Tag zur Mühle zurückkehrt, um die Katze zu füttern, entdeckt sie unter der Küche den Zugang zu einer geheimen Kammer. Alles deutet darauf hin, dass hier über längere Zeit eine Frau festgehalten wurde. Doch was ist mit ihr passiert?

Im Prolog des Buches wird der Leser Zeuge der Entführung einer Frau im Jahr 2010. Danach springt die Handlung in die Gegenwart, wo schon nach kurzer Zeit der tote Josef Hader und die leerstehende Kammer unter seiner Küche entdeckt wird. Die Spurensicherung wird schnell aktiv, während die Nachbarn des Verstorbenen nur wenig über ihn sagen können, da er die Leute gern von seinem Grund verscheucht hat. Frida muss sich im Team und vor allem gegenüber ihres neuen Chefs erst noch beweisen und stürzt sich in die Ermittlungen, während Bjarne Haverkorn fast genesen ist und die letzten freien Tage viel Zeit mit seiner Tochter Henni verbringt, die er erst seit kurzem kennt.

Bei den Ermitlungen hangelt sich das Team der Mordkommission von einem Indiz zum nächsten, denn insgesamt gibt es nur wenige Anhaltspunkte. Dazwischen erfährt man wie auch schon in den ersten beiden Bänden der Reihe viel über das Privatleben von Frida und Bjarne. Frida powert sich zusammen mit Jo beim Boxtraining aus und ihr Vater überlegt, ob er den Hof verkaufen muss. Bjarne hat seiner Frau unterdessen noch immer nichts von Henni erzählt. Neugierig las ich weiter, da ich unbedingt wissen wollte, was mit der Frau aus der Kammer geschehen ist. Mir hat dieser dritte Fall besser gefallen als seine Vorgänger. Der Spannungsbogen war gelungen und das Verhalten der Charaktere war für mich gut nachvollziehbar. Von mir gibt es daher eine klare Empfehlung für alle Krimi-Fans!

Samstag, 21. Dezember 2019

Rezension: Der Report der Magd - Margaret Atwood


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Der Report der Magd
Autorin: Margaret Atwood
Übersetzerin: Helga Pfetsch
Taschenbuch: 416 Seiten
Erschienen am 3. April 2017
Verlag: Piper

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Seit ihrer Zeit bei den Tanten im Roten Zentrum zieht die Erzählerin, deren aktueller Name Desfred lautet, jeden Tag aufs neue ihre rote Kleidung an, die sie als Magd ausweist. Oft denkt sie an die Zeit zurück, in der sie einen Mann, ein Kind und einen Job hatte, bei dem sie Geld verdient hat. Davon ist nichts geblieben, seit eine neue Regierung an der Macht ist. Diese hat sie zur Magd gemacht und einem Kommandanten zugewiesen, in dessen Haushalt sie lebt. Verstößt sie gegen die Gesetze oder erfüllt ihre Pflicht nicht, dann drohen ihr ein Leben als Unfrau in den Kolonien oder gar eine Errettung am Galgen.

Mich konnte das Buch von der ersten Seite an packen. Die Erzählerin fesselte mich mit ihren Worten und löste in mir den Wunsch aus, mehr über ihr Schicksal zu erfahren. Zu Beginn gibt es viele offene Fragen, denn sie nimmt den Leser ohne große Vorrede mit in ihr Leben. Warum ist sie eine Magd, und was heißt das überhaupt? Was ist aus ihrer Familie geworden? Hat sie eine Wahl? Stück für Stück erfährt man mehr über die Hintergründe und das ganze Ausmaß des totalitären Systems, in welchem die Erzählerin gefangen ist, offenbart sich. Ich bangte und hoffte mit ihr auf eine Verbesserung ihrer Lage und wurde mit Situationen konfrontiert, die mich ins Nachdenken brachten, welche Entscheidung ich wohl getroffen hätte. 

Desfred ist keine Heldin, sondern ein Opfer des Systems wie viele andere, und ihre Geschichte konnte mich berühren und entsetzen. „Der Report der Magd“ ist eine absolut gelungene Dystopie, die ein Bild der Zukunft zeichnet, das niemals Realität werden darf und das gleichzeitig gar nicht so unmöglich erscheint. Ganz große Leseempfehlung!

Donnerstag, 19. Dezember 2019

Rezension: Scythe - Das Vermächtnis der Ältesten von Neal Shusterman


Rezension von Ingrid Eßer

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Titel: Scythe - Das Vermächtnis der Ältesten (Band 3 von 3)
Autor: Neal Shusterman
Übersetzer: Kristian Lutze, Pauline Kurbasik und Andreas Helweg
Erscheinungsdatum: 27.11.2019
Verlag: Sauerländer (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Wendeumschlag
ISBN: 9783733650179
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Der Band „Scythe – Das Vermächtnis der Ältesten“ ist der dritte und abschließende Teil der dystopischen Trilogie von Neal Shusterman, die von den titelgebenden Scythe, den Tonisten und den Widerlingen erzählt. Die Vorgenannten sind alles Menschen mit besonderen Eigenschaften in einer nicht allzu fernen Zukunft in der es keinen natürlichen Tod mehr gibt und daher zur Vermeidung von Überbevölkerung bestimmte Regeln und eine Quote zum Töten durch die Scythe angewendet werden. Außerdem hat sich inzwischen das Softwaresystem „Thunderhead“ etabliert, das sich selbst ständig verbessert und optimiert.

Nach dem furiosen Finale des zweiten Teils sind wichtige Scythe in den Tiefen des Ozeans verloren und der Thunderhead hat alle Menschen bis auf einen zu Widerlingen ernannt mit denen er nicht in Kontakt tritt. Außerdem sind die Protagonisten des ersten Bands, Citra und Rowan, verschwunden. Wer die ersten beiden Teile nicht gelesen hat, wird eventuell Verständnisschwierigkeiten beim Lesen haben, denn obwohl der Autor auf einige vorausgehende Ereignisse an passenden Stellen kurz eingeht, ist deren Kenntnis von Vorteil.

Ich habe das Glück, ein Buch der ersten Auflage zu besitzen, dass einen Wechselumschlag hat. Auf diese Weise kann ich das Cover an die Aufmachung der vorigen Bände anpassen, die sich seit Erscheinen des ersten Teils geändert hat. Der Untertitel „Das Vermächtnis der Ältesten“ besagt passend zum Inhalt, dass das Hauptthema des abschließenden Buchs die Ergründung dess Geheimnisses der Gründer-Scythe ist. Neal Shusterman spielt dazu mit verschiedenen Erzählsträngen.

Ohne zu viel von der Handlung zu verraten, kann ich hier davon schreiben, dass die Menschheit in der vorliegenden Erzählung nach einer allgemeingültigen Ordnung sucht. Währenddessen herrschen Aufstand und Chaos an vielen Orten und sowohl im Kleinen wie im Großen versuchen sich ganz unterschiedliche Personen als Führer, ob gewollt oder unbeabsichtigt. Der Autor bedient sich dazu mit einigen Anspielungen an Vorbildern in unserer realen Welt und führte mir Augen, welches vielfältige Spektrum an Religionen und Regierungsformen wir besitzen. Einige Dinge überspitzt er so, dass sich dadurch manche Kehrseiten des Ruhms und der Macht besser erkennen lassen.

Die Charaktere der Fiktion entwickeln sich ständig weiter und so manch einer ändert seine Meinung, so dass es immer wieder zu unvorhersehbaren Wendungen kommt, was die Geschichte durchgehend spannend macht. Ich war darüber erfreut, dass sehr viele Figuren der bisherigen Erzählung wieder mitspielten. Die verschiedenen Handlungsstränge laufen zunächst parallel und führen letztlich auf einen gemeinsamen Abschluss hin, der das Geheimnis der Ältesten lüftet.

Bei der Beschreibung der Suche nach der bestmöglichen Art und Weise die Menschheit in eine lebensfähige Zukunft zu führen, zieht Neal Shusterman viele Register. Er überzeugte mich durch kleine Details, die er immer wieder einfließen lässt, genauso wie durch Ideen, für die er eine große Anzahl Personen benötigt, bis hin zu einem Finale, bei dem er in eine ferne Zukunft blickt. Die gesamte Trilogie ist ein Muss für Fans von dystopischer Fantasy.

Dienstag, 17. Dezember 2019

Rezension: Opfer 2117 - Jusst Adler-Olsen


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Opfer 2117. Der achte Fall für Carl Mørck, Sonderdezernat Q
Autor: Jussi Adler-Olsen
Übersetzer: Hannes Thiess
Hardcover: 592 Seiten
Erschienen am 20. Oktober 2019
Verlag: dtv

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Der Journalist Joan arbeitet als Freelancer für eine spanische Zeitung und sucht nach einer Story, die ihm endlich die Festanstellung bringt. Als er hört, dass auf Zypern wieder ertrunkene Flüchtlinge angeschwemmt wurden, reist er spontan dorthin und macht Nahaufnahmen von einer ertrunkenen alten Frau, dem 2117. Opfer, das das Mittelmeer in diesem Jahr gefordert hat. Zwei überlebende Frauen scheit ihr Tod besonders mitgenommen zu haben. Joans geht um die Welt, und Assad zieht es den Boden unter den Füßen weg. Denn er kannte die Tote und auch die beiden Frauen im Hintergrund - er sucht nach Jahren verzweifelt nach ihnen. Unterstützt von Carl Mørck versucht er, sie mit diesem neuen Hinweis zu finden, muss sich dabei aber seinem ärgsten und gefährlichsten Feind stellen. Gordon und Rose befassen sich in der Zwischenzeit mit einem jungen Erwachsenen, der eine Bluttat angekündigt hat, sobald er in seinem Spiel das Level 2117 erreicht hat.

Nachdem man im siebten Band der Reihe rund um das Sonderdezernat Q viel über die Vergangenheit von Rose erfahren hat, steht nun Assad im Zentrum der Geschichte. In all den bisherigen Fällen hat man rein gar nichts Privates über ihn erfahren, was sich nun schlagartig ändert. Das Foto und sein Wunsch, die beiden Frauen auf dem Foto zu finden führen dazu, dass er sich seinem Team öffnet und seine Geschichte erzählt. Lange habe ich mir wenigstens einen kleinen Hinweis auf seinen Hintergrund gewünscht, und nun gibt es diese Informationen in so geballter Form, dass mich Assads plötzliche Gesprächigkeit erstaunte. Auch Rose will ihn unterstützen, deren Genesung ziemlich abrupt abläuft. So sind die Weichen jedoch schnell gestellt für einen temporeichen und hochspannenden Handlungsverlauf, der mich packen und berühren konnte. Carl und Assad folgen den Spuren nach Deutschland, wo sie mit der Polizei vor Ort kooperieren. Der kleinere Fall, den Gordon und Rose unterdessen in Dänemark bearbeiten, fügt sich gelungen in die Vorgänge ein. Das Buch konnte mich bis zum Schluss packen, sodass ich es kaum aus der Hand legen konnte. Für mich ist dieser achte Fall einer der Besten der Reihe!

Sonntag, 15. Dezember 2019

Rezension: Alles, was wir sind von Lara Prescott


Rezension von Ingrid Eßer

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Titel: Alles, was wir sind
Autorin: Lara Prescott
Übersetzer: Ulrike Seeberger
Erscheinungsdatum: 08.11.2019
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Leseband
ISBN: 9783352009358
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„Alles, was wir sind“ ist der Debütroman der US-Amerikanerin Lara Prescott. Die Idee zu diesem Buch hatte sie aufgrund ihres Vornamens, denn sie wurde nach Lara, der weiblichen Protagonistin des Romans „Doktor Schiwago“ von Boris Pasternak, benannt. Ihre Geschichte unterteilt sie in zwei Handlungsstränge, die sie zusammenführt und die beide in den 1950er Jahren spielen.

Einerseits hat Lara Prescott die Entstehungsgeschichte des Romans „Doktor Schiwago“ recherchiert und gibt sie in den Kapiteln wieder, die in der Sowjetunion spielen und mit „Osten“ übertitelt sind. Boris Pasternaks Buch durfte dort aufgrund der kritischen Darstellung der politischen Verhältnisse während der Oktoberrevolution nicht erscheinen. Dabei hebt die Autorin die große Bedeutung von Olga Iwinskaja hervor, die als Geliebte des verheirateten Autors und ihren Einsatz zur Entstehung und Veröffentlichung des Buchs im Gefängnis und in Lagerhaft war, weil sie ihren Liebhaber und sein Werk nicht verleumdet hat. Sie gilt als das Vorbild für die Frauenfigur Lara in Pasternaks Roman.

Andererseits schildert die Autorin die Bemühungen des CIA um an ein Buch zu gelangen, weil sie großes Interesse daran haben, eine russische Übersetzung in die Sowjetunion einzuschleusen. Dadurch verspricht sich der Auslandgeheimdienst eine Möglichkeit, den Widerstand der Sowjetbürger gegen das Regime zu wecken. Im Fokus der Kapitel, die in den USA und dem westlichen Europa spielen und anhand des Übertitels „Westen“ leicht einzuordnen sind, stehen die Stenotypistinnen der Agentur zu der auch Irina Drosdowa zählt. Ihre Eltern stammen aus der Sowjetunion. Bald schon werden ihre Vorgesetzten auf Irina aufmerksam und sie wird neben ihrer Tätigkeit als Schreibkraft dazu ausgebildet, Informationen zu transportieren, unter anderem auch zur Beschaffung des brisanten Romans. Einen Teil ihrer Ausbildung übernimmt die Agentin Sally zu der sie eine ungeahnt tiefe Freundschaft entwickelt.

Das Besondere an Lara Prescotts Erzählung ist die Fokussierung auf weibliche Charaktere in einer von Männern geleiteten Welt. Während sie die Lebensgeschichte von Olga und ihr Mitwirken an der Veröffentlichung des Schiwago-Buchs einfühlsam und bewegend schildert, spürt man ihre Begeisterung für die Stenotypistinnen des CIA und ihrer Arbeit. Zwar nehmen sie meist keine bedeutende Rolle im Ranggefüge des Geheimdienstes ein, doch die Autorin verweist auf deren sehr gute Ausbildung, oft haben sie sogar wie im Fall von Irina ein Studium abgeschlossen. Doch dem damaligen Frauenbild entsprechend beendeten sie ihre Tätigkeit meist nach ihrer Hochzeit.

Der Autorin macht es Freude die Stärke der Frauen zu zeigen und nutzt dazu die Beispiele von Irina und Olga. Dabei fragte ich mich, ob die Vorgesetzten und auch Boris sich im vollen Maß bewusst waren, welche tragenden Rollen die Frauen spielten. Die sich verändernden Überschriften der Kapitel zeigen an, wie wandlungsfähig die Protagonistinnen sind und wie sie sich weiterentwickeln.

Olgas Liebe ohne Wenn und Aber war für mich schwierig nachzuvollziehen, beruht aber auf der Realität. Interessant fand ich die Beschreibung des literarischen Umfelds in der Sowjetunion, das verbunden war mit Begünstigungen für die Schriftsteller, die regimekonform schrieben, genauso schnell aber bei falschen Worten denunziert werden konnten. Lara Prescott deutet nur an, warum Boris Pasternaks Werk für Empörung in seiner Heimat gesorgt hat, hierzu hätte ich gerne mehr erfahren.

Die Thematik des Romans „Alles, was wir sind“ fand ich interessant. Lara Prescott ist es gelungen, zwei Handlungsstränge auf einzigartige Weise zu verknüpfen und eine Geschichte zu erzählen, die von damals nicht absehbarer Bedeutung für Politik und Literatur wurde. Gerne empfehle ich das Buch weiter.


Samstag, 14. Dezember 2019

Rezension: Essen essen - Kat Menschik


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Essen essen
Autorin & Illustratorin: Kat Menschik
Hardcover: 112 Seiten
Erschienen am 14. Februar 2019
Verlag: Galiani

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In der Reihe „Lieblingsbücher“ hat Kat Menschik bislang vor allem Klassiker der Weltliteratur mit ihren gelungenen Illustrationen versehen. Der sechste Band ist jedoch etwas Besonderes, denn hier wird kein existierender Text illustriert, sondern es handelt sich um ein Kochbuch, das von Kat Menschik auch selbst verfasst wurde.

Schon das Intro zauberte mir ein Lächeln aufs Gesicht, denn dort erklärt Menschik, dass sie vor allem aus Notwendigkeit kocht und es so über die Jahre eben gelernt hat. Wer hier strukturierte Kochanleitungen sucht, ist falsch, denn wie beim Zeichnen ist auch ihr Kochen von Kreativität geprägt. Oft gibt es nur ungefähre Mengenangaben und Zeiten, sodass man einen gewissen Spielraum hat.

Was mir an dem Buch als Fan von Kat Menschiks Illustrationen sehr gut gefällt ist, dass sie sich hier auf jeder einzelnen Seite austoben konnte. Auch die Rezepte selbst per Hand geschrieben und mit einigen unterhaltsamen Zusatz-Anweisungen versehen. Hier wird schon mal heimlich genascht oder ein Probierschluck genommen. Dazwischen tobt munteres Obst und Gemüse, Königsberger Klopse veranstalten eine Polonaise und Skizzen der Zubereitung oder des fertigen Gerichs machen Appetit.

Das Buch enthält viele Suppen, aber auch Nudel-, Fisch- und Fleischgerichte sowie Süßspeisen. Einige Rezepte haben Freunde beigesteuert, sodass es zum Beispiel einige Seiten zur georgischen Küche gibt. Zwischen den Rezepten finden sich Anekdoten und auch mal ein klarer Appell zum Kauf von Biofleisch.

Ich habe als erstes eine scharfe Paprikasuppe ausprobiert, da der Text versprach, dass die Suppenfarbe fröhlich stimmen wird. Mit den Mengenangaben kam ich zurecht, auch wenn die Angabe, 1/3 Bund Suppengrün und zusätzlich eine Karotte zu nutzen, Raum für Interpretation lässt. Den einfachen Anweisungen konnte ich gut folgen und das Resultat schmeckte köstlich!

In „Essen essen“ treffen ansprechende Illustrationen auf interessante Kochanregungen. Ich habe selten so ein unterhaltsames Kochbuch in den Händen gehalten und großen Spaß beim Entdecken der Kochvorschläge gehabt. Wer gern flexibel und kreativ kocht, der findet hier bestimmt neue Inspiration. Alle anderen werden auch beim Lesen und Anschauen glücklich.

Donnerstag, 12. Dezember 2019

Rezension: Die Weihnachtsgeschwister von Alexa Hennig von Lange


Rezension von Ingrid Eßer

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Titel: Die Weihnachtsgeschwister
Autorin: Alexa Hennig von Lange
Erscheinungsdatum: 01.10.2019
Verlag: Dumont Buchverlag (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Leseband
ISBN: 9783832197759
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Tamara, Elisabeth und Ingmar sind inzwischen um die 40 Jahre alt. Jedes Jahr besuchen sie zu Weihnachten mit ihren Familien ihre Eltern in der Heimat. Sie sind „die Weihnachtsgeschwister“ im gleichnamigen Roman von Alexa Hennig von Lange. So beschaulich wie auf dem Cover ist die Stimmung in der Geschichte allerdings nicht.

Die Geschwisterfamilien übernachten in einem nahegelegenen Hotel, aber am Tag vor Heiligabend trudeln sie traditionell bei den Eltern ein. Alles scheint den ewig gleichen Abläufen zu folgen, doch dann stellt sich heraus, dass die Mutter die aufgetischte Suppe nicht selbst gekocht hat. Dieser Umstand ist nicht der einzige, der unter den Anwesenden für heftige Diskussionen sorgt. Nach einem Hotelfrühstück am nächsten Tag sollte dann eigentlich die Routine wieder greifen und die Vorbereitungen im elterlichen Haushalt den alten Gewohnheiten folgen. Doch beim Eintreffen der drei Geschwister öffnet ihnen keiner die Tür. Ängste machen sich breit, Gedanken beginnen zu Kreisen.

Alexa Hennig von Lange nahm mich als Leserin im Roman gleich zu Beginn mit vor die Haustür der Eltern, die sich bald darauf öffnet, um die Familie von Tamara einzulassen. Tamara ist die Älteste des Dreiergespanns der Geschwister. Die Autorin richtet die Aufmerksamkeit abwechselnd auf eine der Schwestern beziehungsweise auf Ingmar. Den Dreien ist aufgrund der Erfahrungen in den letzten Jahren von Anfang an bewusst, dass das Fest nicht nur harmonisch sein wird, sondern Streitereien zu erwarten sind. Die Figuren der gesamten Familie sind abwechslungsreich gestaltet und einige davon, zur Herausstellung der gegensätzlichen Meinungen, ein wenig überzeichnet. Im Verlaufe der Gespräche geht es um Anerkennung, Positionsgerangel im Familiengefüge, aber auch um Erziehungsfragen und Lebenseinstellungen, so wie im richtigen Leben eben. Trotz der eigentlich angespannten Situation versteht es Alexa Hennig von Lange der Erzählung durch eine Spur Sarkasmus einen leicht heiteren Unterton zu geben.

Es kommt zum Ausdruck, dass es nicht immer einfach ist, als erwachsenes Kind die Rolle zu wechseln, jenseits der bequemen bekannten Riten sich auf Neues einzulassen und unterschiedliche Meinungen mit Respekt zu begegnen. Die Gestaltung unserer Kommunikation ist dabei wichtig, denn Worte können tief verletzen. Sicher trägt auch ein Teil Erfahrung der Autorin aus ihrer eigenen großen Familie dazu bei, dass ihre Erzählung realistisch wirkt. Zum Schluss weist der Roman „Die Weihnachtsgeschwister“ noch eine überraschende Wendung auf, die nicht nur die Geschwister zum Nachdenken bringt und in Erinnerung bleibt. Gerne vergebe ich eine Leseempfehlung.

Dienstag, 10. Dezember 2019

Rezension: Das Ritual des Wassers von Eva Garcia Saenz


Rezension von Ingrid Eßer

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Titel: Das Ritual des Wassers
Autorin: Eva García Sáenz
Übersetzerin: Alice Jakubeit
Erscheinungsdatum: 23.10.2019
Verlag: Scherz/Imprint von S.Fischer (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Klappenbroschur
ISBN:9783651025844
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Der Thriller „Das Ritual des Wassers“ von Eva García Sáenz ist der zweite Teil der Serie „Trilogie der Weißen Stadt“. Diese Bezeichnung weist auf den Haupthandlungsort Vitoria im Baskenland hin, in der die spanische Autorin beheimatet ist. Wie im ersten Teil steht Inspector Unai López de Ayala, wegen seiner von Freunden für lang befundenen Arme seit Jugendtagen „Kraken“ gerufen“, im Mittelpunkt. Jedoch ist er von den letzten Fallermittlungen noch in Mitleidenschaft gezogen, so dass er zwar zur Klärung des aktuellen Falls hinzugezogen wird, seiner Kollegin Inspectora Estíbaliz Ruiz de Gauna und weiteren Mitarbeitern im Team aber die Hauptaufgaben zufallen.

Die Entwicklungen im Kriminalfall schildert Kraken aus seiner Sicht, abgesehen von einem kryptischen ersten Kapitel. Ein weiterer Handlungsstrang unterbricht immer wieder den Handlungsablauf. Darin werden die Geschehnisse in einem dreiwöchigen Ferienlager in Kantabrien geschildert, an dem Ayala und seine drei besten Freunde als Oberstufenschüler im Juli des Jahres 1992 teilgenommen haben. Es war eine Zeit in der die Peer Group großen Einfluss auf die Jugendlichen ausübte, die Heranwachsenden versuchten ihre vermeintliche Überlegenheit auszuspielen und harmlose Scherze aus dem Ruder laufen konnten.

Ayala ist sehr betroffen als er im November 2016 die Nachricht erhält, das Annabel Lee, eine weitere Teilnehmerin des früheren Ferienlagers, zu der er eine besondere Beziehung hatte, ermordet aufgefunden wird. Die Art ihres Todes lässt vermuten, dass an ihr ein Ritual vollzogen wurde. Bald wird ein Zusammenhang mit einem früheren ähnlichen Mord vermutet. Es besteht die Befürchtung, dass es sich um einen Serienmörder handelt. Doch das Motiv des Täters ist ungewiss und lässt mehrere Vermutungen zu.

Eva García Sáenz gelingt es auch in ihrem zweiten Buch der Serie rund um Inspector Ayala, von Beginn an Spannung aufzubauen. Im Prolog erfuhr ich, dass seine Chefin, Subcomisaria Alba Díaz de Salvatierra schwanger ist und er eventuell der Vater sein könnte. Das machte Ayala auf eine ganz neue Weise angreifbar für alle, die ihm nicht wohlgesinnt sind. Auch Annabel Lee war zu ihrem Todeszeitpunkt schwanger. Es ist eine der möglichen Querverbindungen die die Autorin bewusst setzt, um die Dramatik zu steigern. Das gelingt ihr hervorragend. Durch immer neue Ereignisse gestaltet sie den Thriller abwechslungsreich und vielschichtig. Ich rätselte gerne mit. Zunächst erschwerte noch die Beeinträchtigung von Ayala ein wenig den Lesefluss, doch durch immer mehr Details, die ermittelt wurden, wuchs die Anzahl möglicher Täter und damit die Spannung. Zu jeder nennenswerten Einzelheit gibt es eine kurze interessante geschichtliche oder kulturelle Erklärung. Ihre Liebe zur Heimat spiegelt die Autorin in der Einbindung des Geschehens in aktuelle Feierlichkeiten und der Auswahl von Tatorten von besonderer Bedeutung für die Basken und Kantabrier wider.

Die Anzahl der Figuren ist gross, was der Komplexität des Thrillers geschuldet ist. Ein Personenverzeichnis am Ende des Buchs hilft bei der Einordnung in das entsprechende Umfeld. Ebenso findet sich dort ein Glossar mit Erläuterungen von Orten, Erklärungen zu Begriffen und weiteren im Buch genannten besonderen Bezeichnungen. Ich schätze es, wenn von Mitgliedern des ermittelnden Teams in Thrillern das Privatleben geschildert wird. Dadurch rundet sich für mich das Bild der Charaktere ab. Ayala, Gauna und Salvatierra entwickeln sich weiter, auch aufgrund des bisher Erlebten und ihrer Zusammenarbeit. Von einigen schon bekannten Figuren konnte ich eine neue Seite kennen lernen. Sehr schön arbeitet die Autorin die manchmal widerstreitenden Gefühle einer Person heraus. Hintergrundthema der gesamten Geschichte sind die unterschiedlichen Rollen, die Väter und Mütter in der Familie einnehmen können.

Mit dem Thriller „Das Ritual des Wassers“ konnte Eva García Sáenz mich erneut begeistern, er ist von Beginn an fesselnd, steigert die Spannungskurve im weiteren Verlauf und hält sie bis zum Schluss. Dazu tragen die abwechslungsreich gestalteten Charaktere und eine sehr gute Konstruktion der Handlung bei. Ich freue mich schon auf den abschließenden dritten Fall „Die Herren der Zeit“. Gerne vergebe ich eine klare Leseempfehlung für das Buch an Thrillerfans. 

Sonntag, 8. Dezember 2019

Rezension: Die Morde von Mapleton - Brian Flynn


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Die Morde von Mapleton
Autor: Brian Flynn
Übersetzerin: Barbara Först
Hardcover: 318 Seiten
Erschienen am 16. September 2019
Verlag: DuMont Buchverlag

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Sir Eustace Vernon hat einige Freunde und Bekannte am Weihnachtstag in sein Herrenhaus bei Mapleton eingeladen. Doch während des Dinners erklärt er seinen Gästen, dass er eine böse Nachricht erhalten habe und sie für einige Zeit allein lassen müsse. Die Gäste vertreiben sich die Zeit, bis ein Schrei ertönt. Die Küchenmagd Hammond wurde von einer Unbekannten, die aus der Bibliothek Vernons kam, mit einem Messer bedroht und ist in Ohnmacht gefallen. In der Bibliothek steht der Safe offen. Kurz darauf wird in einem anderen Teil des Hauses die Leiche des Butlers gefunden. Und das ist nicht der letzte Tote in jener Nacht. Die Polizei nimmt mit Unterstützung von Anthony Bathurst die Ermittlungen auf.

Bei diesem Buch handelt es sich um einen Kriminalfall, der im Original bereits im Jahr 1929 erschienen ist. Das macht sich am Verhalten der Personen schnell bemerktbar. Als eine ohnmächtige Küchenmagd und kurz darauf ein ermordeter Butler gefunden wird preschen die männlichen Gäste bei der Sicherung der Beweise vor, während die Damen im Nebenraum warten sollen, damit ihre Nerven nicht über Gebühr belastet werden.

Bald werden erste überraschende Entdeckungen gemacht und der herbeigerufene Inspektor Craig beginnt mit klassischen Vernehmungen vor allem der Herren. Die Frauen sieht er als grundsätzlich nicht verdächtig an, auch wenn die Küchenmagd eine Frau erkannt haben will. Vermutlich eine häufiger vorkommende Haltung dieser Zeit? Die zahlreichen Entschuldigungen, wenn er doch mal Fragen an einen der weiblichen Gäste richten muss, lesen sich aus heutiger Perspektive reichlich seltsam.

Kurz darauf wird auch Anthony Bathurst in die Handlung eingeführt. Dieser Fall ist eigentlich der vierte aus einer ganzen Reihe mit ihm, in der er als eine Art Berater von Scotland Yard fungiert. Es gibt einige kurze Verweise auf die vorherigen Fälle, die jedoch nicht auf Deutsch erschienen sind. Er findet zusammen mit dem Polizeipräsidenten Sir Austin die zweite Leiche und die beiden beginnen ihrerseits mit Ermittlungen, bevor sie sich mit Inspektor Craig austauschen.

Das Tempo des Buches ist ruhig und die Handlung zieht sich über mehrere Tage und fast alle Schlüsse werden aus Gesprächen gezogen. Dabei verhalten sich alle Beteiligten äußerst gesittet und zeigen nur wenig Emotionen. Während Bathurst immer wieder erklärt, dass ihm allmählich alles klar wird, tappte ich als Leserin lange im Dunkeln. Erst am Ende wird die Auflösung als Ganzes präsentiert und danach erläutert, welche Hinweise bei den Ermittlern zu welchen Schlüssen geführt haben.

In „Die Morde von Mapleton“ werden nach einem Weihnachtsdinner zwei Tote gefunden, deren Mord es aufzuklären gilt. Merkt man dem Buch deutlich an, dass es vor 90 Jahren verfasst wurde. Dadurch kommt ein zur Weihnachtszeit passendes Nostalgie-Gefühl auf. Allerdings ist die Darstellung der Frauenfiguren hier wirklich altmodisch (dabei durfte zu dieser Zeit doch auch schon Miss Maple ermitteln) und ich vermisste Spannung und Emotionen. Insgesamt ein beschaulicher Krimi, den man gemütlich im Dezember lesen kann.

Samstag, 7. Dezember 2019

Rezension: Die Puppe im Grase. Norwegische Märchen - Asbjørnsen & Mo, illustriert von Kat Menschik



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Die Puppe im Grase
Autoren: Christian Peter Asbjørnsen und Jørgen Moe
Übersetzer: Friedrich Bresemann
Illustriert von Kat Menschik
Hardcover: 80 Seiten
Erschienen am 12. September 2019
Verlag: Galiani

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In diesem Jahr war Norwegen das Gastland auf der Frankfurter Buchmesse. Deshalb war ich sehr neugierig, im siebten Band der Illustrierten Lieblingsbücher von Kat Menschik in das Märchengut des Landes einzutauchen. Für das Buch wurden Märchen ausgewählt, die im 19. Jahrhundert von Christian Peter Asbjørnsen und Jørgen Moe zusammengetragen und von Friedrich Bresemann übersetzt wurden.

Zwölf Märchen gibt es in diesem Buch zu entdecken, wobei die meisten nur zwei Seiten lang und damit schnell gelesen sind. Mir waren diese Märchen bislang allesamt nicht bekannt, auch wenn es natürlich viele wiederkehrende Motive und Elemente gibt, die man auch in deutschen Märchen findet. Ich fand es interessant zu sehen, wie viele Ähnlichkeiten, aber auch Unterschiede es gibt.

Wie für die Zeit üblich weisen viele der Texte grausame Elemente auf und enden oftmals auch nicht gut. Oftmals erschloss sich mir auch die Moral nicht. Beispielsweise heiratet der kleine Däumerling die Prinzessin und ertrinkt dann in der Butter. Besser gefallen hat mir da schon „Die zwölf wilden Enten“ mit einer Prinzessin namens Schneeweiß und Rosenrot, die übrigens rein gar nichts mit den Schwestern aus dem Grimms’schen Märchen gemein hat. Hier darf mal eine Frau selbst aktiv werden, statt nur der Hauptgewinn für den tapferen Helden zu sein, der vom König verschenkt wird.

Jedes Märchen wird von mindestens einer Illustration von Kat Menschik begleitet. Für dieses Buch wurden zwei Blautöne und Blutrot ausgewählt. Das Rot setzt bei den Illustrationen kraftvolle Akzente, zum Beispiel als Lippen oder Feuer. Jede einzelne ist für mich ein kleines Highlight, die dafür sorgt, dass ich das Buch immer wieder gern zur Hand nehme.

Montag, 2. Dezember 2019

Rezension: Die Sonnenschwester - Lucinda Riley


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Die Sonnenschwester
Autorin: Lucinda Riley
Übersetzer: Sonja Hauser, Sibylle Schmidt und Ursula Wulfekamp
Hardcover: 832 Seiten
Erschienen am 25. November 2019
Verlag: Goldmann

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Elektra führt als Supermodel ein stressiges Leben und hat den Brief, den Pa Salt ihr nach seinem Tod geschrieben hat, nicht gelesen. Sie leidet noch immer unter der Trennung vom Musiker Mitch und versucht, ihre Gefühle mit Wodka und Kokain zu betäuben. Als sie einen Brief von einer Frau erhält, die behauptet, ihre Großmutter zu sein, ist sie zunächst skeptisch. Als ihr schließlich bestätigt wird, dass es die Wahrheit ist, willigt sie in ein Treffen ein. Stella Jackson möchte ihr die Geschichte ihrer Herkunft erzählen, die in Kenia beginnt. Doch bevor sie mehr hören kann, gerät ihr Leben völlig aus der Bahn...

Elektra ist mir als Charakter in den bisherigen Banden der Reihe nicht sonderlich sympathisch geworden, denn sie glänzte vor allem durch Abwesenheit und ihr schwieriges Temperament. Dementsprechend überraschte es mich wenig, dass auf den ersten Seiten dieses Bandes ihre derzeitige Assistentin kündigt und dies nicht die Erste war. Auf Anraten ihrer Agentin stellt Elektra die zurückhaltende Mariam ein, die Ruhe und Struktur in ihr Leben bringt. Doch auch sie kann Elektra nicht davon abhalten, ständig Wodka zu trinken und Drogen zu konsumieren.

Als Leser emerkt man schnell, wie stark Elektras Alkohol- und Drogensucht ihr Leben bestimmt. Während die anderen meisten anderen Schwestern sich verhältnismäßig schnell auf die Reise begaben, auf die ihr Pa Salt sie mit seinen Briefen geschickt hat, ist Elektra für eine Veränderung nicht bereit. Eine erneute Begegnung mit ihrem Ex und das erste Treffen mit ihrer Großmutter sind schließlich zu viel für sie und stellen sie vor eine wegweisende Entscheidung.

Bei der Erzählung zu Elektras Herkunft beginnt ihre Großmutter im Jahr 1938 in Kenia bei der jungen Cecily, die für einige Wochen aus New York ins Happy Valley zu ihrer Patentante Kiki gereist ist. Sie stammt aus einer wohlhabenden Familie, doch nach der Trennung von ihrem Verlobten will sie der Großstadt für eine Weile entfliehen. In Kenia ist einiges anders als gedacht, gleichzeitig wirkt das Land eine gewisse Faszination auf sie aus. Der Kriegsausbruch und weitere Entwicklungen sorgen schließlich dafür, dass sie länger bleibt als geplant.

Cecilys Erlebnisse in Kenia fand ich interessant und ihr Schicksal konnte mich berühren. Da es um Elektras Herkunft geht fragte ich mich früh, wie die Geschichte dieser weißen aus New York stammenden Frau wohl mit der von Elektra und ihrer Großmutter Stella verbunden ist, die beide schwarz sind. Bis dieses Geheimnis gelüftet wird muss man sich jedoch eine Weile gedulden.

Geduld ist hier überhaupt das Stichwort, denn mit über 800 Seiten ist es das bislang dickste Buch der Reihe. Die Autorin nahm sich Zeit, um mir Elektras Innenleben verständlich zu machen, was durch Selbstbezogenheit und Selbstmitleid geprägt ist, und mich eine Wandlung erleben zu lassen, die nur langsam geschehen kann und sich trotzdem noch zu schnell anfühlte. Ich habe mich zu keiner Zeit gelangweilt, hatte aber oft das Gefühl, dass die Geschichte weiter als nötig ausholt. Wer hofft, endlich mehr über die siebte Schwester zu erfahren, wartet leider erneut vergeblich auf Hinweise.

Insgesamt ist „Die Sonnenschwester“ eine nachdenklich stimmende Geschichte im New York der Gegenwart und Kenia der Vergangenheit mit einer schwierigen Protagonistin, die im Laufe der Zeit eine Wandlung durchmacht. Für mich nicht das Beste, aber auch nicht das schlechteste Buch der Reihe.

Sonntag, 1. Dezember 2019

Rezension: Hayley Barker: Die Arena - Letzte Entscheidung


Rezension von Ingrid Eßer

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Titel: Die Arena - Letzte Entscheidung (Band 2 von 2)
Autorin: Hayley Barker
Erscheinungsdatum: 19.11.2019
Verlag: Wunderlich Jugendbuch (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Leseband
ISBN: 9783805200493
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Das Buch „Die Arena -Letzte Entscheidung“ ist der zweite und abschließende Teil einer dystopischen Dilogie der Engländerin Hayley Barker. Wie der Titel schon sagt, spielt die Geschichte, zumindest teilweise, in einer Zirkusarena in London in einer nicht allzu fernen Zukunft. Die Leser des ersten Bands werden sich fragen, wie das möglich ist, weil der titelgebende Handlungsort am Ende des Buchs in Flammen stnd. Doch er wurde an anderer Stelle wiederaufgebaut und ganz neugestaltet, ergänzt um viele weitere Attraktionen. Im neuen Gewand ist er noch größer, gefährlicher und grausamer.

Auch ein Jahr nach den Geschehnissen, die im ersten Teil der Dilogie geschildert wurden, besteht der Hass in England zwischen den Dregs, den Migranten, und den Pures, den Personen mit rein englischem Blut, weiter. Während die Dregs nicht nur wörtlich ein Leben am Rand der Gesellschaft führen, bilden die Pures den gut situierten Teil der Bevölkerung. Die Dreg Hoshiko, die frühere Hochseiltänzerin und der Pure Ben, der Sohn der aktuellen Präsidentschaftskandidatin des Landes sind mit Freunden immer noch auf der Flucht. Auf großflächigen Plakaten wird im ganzen Land nach ihnen gesucht.

Plötzlich gibt es dann an einem Aufenthaltsort kein Entkommen, als bewaffnete Polizistin sie umstellen. Ben bietet an, sich selbst kampflos zu stellen, wenn seine Freunde gehen dürfen. Dabei glaubt er, dass seine Rückkehr zur Familie das wichtigste Anliegen seiner Mutter ist. Aber er ist nicht bereit, sie für seine Taten um Verzeihung zu bitten und seine Einstellungen zu den Dregs zu ändern. Seine Mutter ist gnadenlos böse auf ihn, weil er damit ein schlechtes Bild auf sie wirft und ihre Wahl zur Präsidentin gefährdet. Zur Erlangung der Macht über das Land ist sie bereit Undenkbares zu tun. Währenddessen suchen Hoshiko und ihre Freunde Unterschlupf in den Slums. Der Aufenthalt hier ist nicht ungefährlich, weil ein Kopfgeld auf sie ausgesetzt ist.

Noch stärker als im ersten Band betont Hayley Barker die Auswirkungen von Rassismus. Obwohl die Autorin ihre Geschichte in der Zukunft in einem einzelnen europäischen Land spielen lässt und die Darstellung überzeichnet ist, zeigt sie auf, wie tief der Spalt in einer Zweiklassengesellschaft aufreißen kann. Technische Mittel ermöglichen zunehmend eine manipulierte Darstellung der Realität und gezielt eingesetzte Lügen sorgen als Fakenews für rasend schnelle Verbreitung unter der Bevölkerung. Hayley Barker spielt sehr gekonnt mit diesen Themen, wodurch sich immer wieder neue unerwartete Wendungen im Roman ergeben. Würde es nicht großherzige und selbstlose Menschen geben, könnte man nur noch sich selbst trauen. Die Autorin zeigt, dass man bereits durch kleine hilfreiche Gesten große Veränderungen bewirken kann, denn sie dienen als Vorbild für andere. Auch die starke Zusammengehörigkeit durch Liebe führte mir Hayley Barker vor Augen, genauso wie die Ängste, Sorgen und Zweifel, die damit verbunden sind.

Auch diesmal sind die Kapitel wieder meist kurz gehalten und werden im Wechsel von Hoshiko und Ben aus ihrer jeweiligen Sicht erzählt, so dass ich teilhaben konnte an ihren Eindrücken und Gefühlen. Fast jedes Mal gibt es einen kleinen Cliffhanger der mich dazu brachte, schnell weiterzulesen, damit ich erfahren konnte, wie die Situation sich fortsetzt bis zum nächsten Cliffhanger … Szenische Überschneidungen gibt es kaum, so dass die Spannungskurve bis zum Ende hin sehr hoch gehalten werden kann. Im Sinne der Dramatik werden die namentlich genannten Kinder und Jugendlichen als Hauptattraktionen eingesetzt.

Wieder ist es Hayley Barker gelungen mit dem zweiten Band der Arena-Dilogie einen aufregenden und fesselnden Roman zu schreiben. Er stimmt aber auch nachdenklich aufgrund seiner Darstellung des Gesellschaftssystems und beschreibt die Anwendung von Gewalt auf grausame Weise, so dass der Roman nicht für empfindsame Leser geeignet ist. Aufgrund dessen empfehle ich ihn an ältere Jugendliche und erwachsene Fantasyleser.


Donnerstag, 28. November 2019

Rezension: Kein Teil der Welt von Stefanie de Velasco


Rezension von Ingrid Eßer

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Titel: Kein Teil der Welt
Autorin: Stefanie de Velasco
Erscheinungsdatum: 10.10.2019
Verlag: Kiepenheuer & Witsch (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Leseband
ISBN: 9783462317312
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Das Buch „Kein Teil der Welt“ von Stefanie de Velasco ist ein Coming-of-Age-Roman vor einem besonderen Hintergrund, denn die 16-jährige Protagonistin Esther gehört ebenso wie ihre Eltern der Glaubensgemeinschaft der Zeugen Jehovas an. Das Glaubenssystem der Gruppe lässt sie innerhalb unserer Welt in einem eigenen Kosmos leben.

Esther und ihre Eltern sind kurz nach der Wende in den Osten Deutschlands gezogen, wo die Mitglieder der Glaubensgemeinschaft jetzt nicht mehr mit Verfolgung rechnen müssen. Ihre Gedanken kreisen um ihre Freundschaft mit Sulamith und die Ereignisse der letzten Wochen während sie noch in ihrer Heimat in einem fiktiven Ort im Rheinland wohnte. Esther erzählt als Ich-Erzählerin von dem engen Raum, der ihr als Jugendliche unter Gleichaltrigen gegeben wird. Stattdessen ist sie eingebunden in die Gewinnung neuer Mitglieder und der regelmäßigen Stärkung des Glaubens.

Stefanie de Velasco war bis im jugendlichen Alter selbst Teil der Gemeinschaft und erzählt daher mit Hintergrundwissen, was der Geschichte Authentizität verleiht. Esther erlebt die neue Stadt und die neue Schule und ließ mich als Leserin dabei an ihren widerstreitenden Gefühlen teilnehmen. Ein Zufall lässt sie erkennen, dass ihre Eltern sie in einer Familienangelegenheit belügen, was dazu beiträgt, dass sie zunehmend beginnt, die Sinnhaftigkeit ihres eigenen Glaubens, aber auch anderer zu hinterfragen. Neben ihrer permanenten Angst vor dem Weltuntergang sind ihr auch die negativen Konsequenzen bewusst, die ein möglicher Gemeindeaustritt für sie mit sich bringen würde.

Oft gleiten ihre Gedanken wieder zu ihrer Freundin Sulamith, die in den vergangenen Monaten im Rheinland eine ähnliche Auseinandersetzung mit sich geführt hat und sich dadurch nicht nur glaubens- sondern auch gefühlsmäßig immer mehr von Esther entfernt hat. Deutlich ist zu spüren, dass Esther schwer an dem Ende dieser Freundschaft trägt. Die dahinterstehende Tragik gibt die Autorin erst mit und mit preis.

In einem Alter, in dem durch eigene Erfahrungen die Umwelt sich für Jugendliche immer mehr verständlich öffnet und sie nach dem Sinn im Leben zu suchen beginnen, versucht Esther dem um sie gestrickten Kokon zu entkommen. Der Roman wirft dabei die Frage auf, was wir brauchen, um uns geborgen und beschützt zu fühlen und dennoch uns selbst verwirklichen zu können. Zwischen den Kapiteln erzählt Stefanie de Velasco eine Sage über die Bedeutung von Salz, die im übertragenen Sinne des Werts einer angemessenen Lebensführung der Glaubensmitglieder zu verstehen ist.

Mit dem Roman „Kein Teil der Welt“ hat Stefanie de Velasco mir interessante Einblicke in eine mir weitgehend unbekannte Glaubensgemeinschaft gegeben. Einfühlsam und eindringlich schildert sie den Prozess der frühen Ablösung der 16-jährigen Esther vom Elternhaus, weil sie im Vergleich mit ihren Eltern konträre Vorstellungen vom Leben hat, die verbunden sind mit Esthers Suche nach ihrem eigenen Weg. Dabei versucht sie sich ihrer Wünsche bewusst zu werden und träumt davon, sie sich zu erfüllen. Mich hat die Erzählung sehr angesprochen und daher empfehle ich sie gerne weiter.

Rezension: 10 Blind Dates für die große Liebe von Ashley Elston


Rezension von Ingrid Eßer

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Titel: 10 Blind Dates für die große Liebe
Autorin: Ashley Elston
Übersetzerin: Cherokee Moon Agnew
Verlag: Bastei Lübbe One (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Klappenbroschur
ISBN: 9783846600917
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10 Blind Dates für die große Liebe bekommt die 17-jährige Protagonistin Sophie im gleichnamigen Buch der US-Amerikanerin Ashley Elston von ihrer Verwandtschaft arrangiert als Reaktion auf ihren Liebeskummer, der kurz vor Weihnachten beginnt als sie sich in Folge einer Auseinandersetzung von ihrem Freund Griffin trennt.

Während Sophies Eltern über die Feiertage zu ihrer hochschwangeren Schwester fahren, die drei Stunden entfernt wohnt, verbringt Sophie ihre Ferien bei den Großeltern zu denen sie keine Stunde mit dem Auto hin benötigt. Als die Familie hört, dass Sophie über das Ende ihrer Beziehung traurig ist, beschließen sie ein Spiel, zu dem Sophie ihre Zustimmung gibt. Innerhalb von zehn Tagen wird sie zehn Jungen in einem Blind Date treffen, um sich auf diese Weise neu zu verlieben.

Vor ihrer festen Freundschaft war sie bei ihren Aufenthalten bei den Großeltern ein Herz und eine Seele mit ihrer Cousine, ihrem Cousin und dem Nachbarsjungen, die gleichaltrig mit ihr sind. Doch die Liebe hat ihr Verhalten verändert und damit auch die Beziehung zu den Dreien. Während sie sich nun wie früher auf gemeinsame Aktivitäten einlässt und ihre Dates absolviert, steht Griffin vor der Tür, um sie zurück zu erobern.

Der Roman ist witzig und liebevoll geschrieben. Sophie ist ein Charakter, den man einfach sympathisch finden muss. Neben ihrem Liebeskummer sorgt sie sich um ihre Schwester und deren Baby und hilft im Geschäft der Großeltern, ohne zu murren. Schon bald ahnte ich, wem Sophies Herz tatsächlich gehört und hoffte für die beiden auf ein Happy End. Weil die Protagonistin in der Ich-Form erzählt konnte ich an ihren Gedanken teilhaben und ihr Gefühlschaos nachvollziehen. Sophie gerät ins Grübeln darüber, was eine feste Partnerschaft bedeutet. Ihre Familie ist aufregend und wuselig. Man ärgert sich zwar untereinander gern, ist aber in schwierigen Situationen immer füreinander da.

Die zehn Dates verlaufen ganz unterschiedlich und die Autorin glänzt mit immer neuen überraschenden Einfällen. Der Roman ist abwechslungsreich und amüsant gestaltet. „10 Blind Dates für die große Liebe“ von Ashley Elston ist eine turbulente Liebeskomödie, herzerwärmend und darum bestens dazu geeignet, es sich mit dem Buch an kalten, dunklen Tagen gemütlich zu machen. Gerne empfehle ich den Roman an Jugendliche und Erwachsene weiter.

Mittwoch, 27. November 2019

Rezension: Vicious. Das Böse in uns - V.E. Schwab


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Vicious. Das Böse in uns
Autorin: V.E. Schwab
Übersetzer: Petra Huber und Sara Riffl
Broschiert: 400 Seiten
Erschienen am 27. November 2019
Verlag: FISCHER Tor

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Victor Vale und Eli Cardale sind zwei ehrgeizige Medizinstudenten, deren Studienende nicht mehr weit entfernt ist. Während Victor seine Abschlussarbeit über Adrenalinauslöser schreiben will, meldet Eli Forschungen zur Existenz ExtraOrdinärer Menschen an. Als Eli herausfindet, dass alle dokumentierten Fälle gestorben sind und wiederbelebt wrden konnten, schreitet Victor kurzentschlossen zur Tat. Zehn Jahre später ist Victor gerade aus dem Gefängnis geflohen und gräbt eine Leiche aus, um Eli eine Nachricht zu hinterlassen. Er will ihm endlich wieder gegenüberstehen und die Möglichkeit zur Rache erhalten, auf die er all die Jahre gewartet hat.

Nachdem mich die Weltenwanderer-Trilgoie der Autorin begeistert hat, war dieser Auftakt einer neuen Reihe ein Must Read für mich. Cover und Titel versprechen eine düstere Geschichte, die nicht jeder Charakter überleben wird. Der Klappentext redet vom Sterben und Auferstehen, weshalb ich neugierig war, wie das Untoten-Thema hier umgesetzt wird.

Das Buch spielt in Merit in den USA, und passend zum Thema findet man sich als Leser gleich auf einem Friedhof wieder, wo eine Leiche ausgegraben wird. Was hat Victor mit dieser vor, und warum ist Eli sein Erzfeind? Diese Fragen werden dem Leser nach und nach durch Rückblenden beantwortet. Die Geschichte springt zehn Jahre zurück in eine Zeit, in der die beiden beste Freunde waren und sich mit der Existenz ExtraÖrdinärer beschäftigten. Auch die Leerstellen dazwischen werden mit der Zeit geschlossen, während Victor in der Gegenwart nach Eli sucht.

Die Geschichte beschäftigt sich nicht mit Untoten in dem Sinne, dass hier hungrige Zombies durch die Stadt laufen. Vielmehr erlangt man besondere Kräfte, indem man tot war und erfolgreich wiederbelebt wurde. Was dabei heraus kommt scheint nicht zu steuern zu sein, doch abgesehen von den neuen Kräften scheint man danach noch der Alte zu sein. Lediglich die Skrupellosigkeit scheint zugenommen und das Mitgefühl abgenommen zu haben. Das führt dazu, dass es in diesem Buch keine „gute Seite“ gibt, sondern ein böser Mörder gegen einen noch böseren Massenmörder kämpft.

Durch die vielen Sprünge vor und zurück in der Zeit bleibt die Geschichte dynamisch und man erhält ständig neue Informationen. Dadurch kommt immer mehr Licht ins Dunkel, was die Charaktere antreibt und wie sie zu dem geworden sind, was sie in der Gegenwart sind. Sowohl Victor als auch Eli kämpfen nicht allein, sondern haben Verbündete mit nützlichen Fähigkeiten an ihrer Seite, über deren Geschichte man im Laufe der Zeit ebenfalls mehr erfährt.

Es entsteht ein außergewöhnliches Kräftemessen, das temporeich, spannend und brutal ist. Gewaltszenen werden nicht bis ins letzte Detail geschildert, es gibt aber zahlreiche Tote, sodass man keinen Charakter in Sicherheit wägen kann. Schon früh zeichnet sich ab, dass alles auf einen großen Showdown hinausläuft, doch auch in der Zwischenzeit gibt es so manche Überraschung. Mich konnte das Buch packen und durchweg fesseln, sodass ich mich schon jetzt riesig auf die Fortsetzung freue, die im nächsten Frühjahr erscheint!

In „Vicious. Das Böse in uns“ stehen sich zwei Bösewichte mit außergewöhnlichen Fähigkeiten gegenüber, die einander am liebsten auslöschen würden. Victor und Eli liefern sich gemeinsam mit ihren Verbündeten ein spannendes Kräftemessen, bei dem über Leichen gegangen wird und das ich allen Fans von Action-Fantasy ans Herz lege!

Dienstag, 26. November 2019

Rezension: Der Kinderzug von Michaela Küpper


Rezension von Ingrid Eßer

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Titel: Der Kinderzug
Autorin: Michaela Küpper
Erscheinungsdatum: 01.10.2019
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN: 9783426282182
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Michaela Küpper macht das Ende ihres Romans „Der Kinderzug“ im ersten Kapitel zum Anfang. Die junge Lehrerin Barbara Salzmann hat im September 1945 nach vielen Irrungen und Wirrungen endlich die Zusage erhalten, dass sie und die von ihr beaufsichtigten 14-jährigen Schülerinnen einer Essener Oberschule nach sagenhaften 819 Tagen Kinderlandverschickung, kurz KLV, mit Aufenthalten an unterschiedlichen Orten endgültig nach Hause zurückkehren dürfen.

Die Autorin nutzt vier Erzählperspektiven. Neben Barbara nimmt sie Karl, der zu einer Gruppe von Berliner Kindern, die wie Barbaras Schülerinnen zur KLV nach Usedom geschickt wurden, in den Focus. Außerdem richtet sie ihr Augenmerk auf Gisela, eine Schülerin von Barbara. Gisela schildert ihre Erfahrungen ihrem Tagebuch und wird dadurch zur Ich-Erzählerin. Außerdem steht in einigen Kapiteln Giselas jüngere Schwester Edith, noch Volksschülerin, im Mittelpunkt.

Der Beginn der Geschichte ist eher ruhig. Michaela Küpper beschreibt den Aufenthalt auf Usedom sowohl der Essener Mädchengruppe wie auch der Berliner Jungen. Im Sinne der damaligen Ideologie hatten beide Gruppen sich ihrer jeweiligen Leitung zu fügen und den geplanten Tagesablauf einzuhalten. Von Beginn an war die Sorge um die Liebsten in der Heimat zu spüren, die sich später in einigen Fällen als berechtigt herausstellte. Der Krieg verschonte keine Gegend Deutschlands und rückte immer näher, so dass der Aufenthalt auf der Insel nicht mehr sicher war. Die Gruppen mussten weiterziehen, eine Rückkehr in die Heimat wurde ihnen verwehrt. Zunehmend wurde das Gesicht des Krieges immer hässlicher. Die Autorin verdeutlicht, dass viele Führungspersonen, egal auf welcher Ebene, noch sehr lange an ihrer Rolle festhielten und ihre aussichtslose Lage durch Machtspiele überspielen wollten. Auch auf die Furcht vor der Einweisung und Behandlung in ein Heim von Personen, deren Gesundheit nicht der damals erwarteten und teils festgelegten Norm entsprach, verweist sie.

Michaela Küpper hat für ihren Roman sehr gut recherchiert. Die Ereignisse könnten so wie geschildert durchaus geschehen sein. Dennoch konnte mich der an den Fakten orientierte Schreibstil und der Aufbau der Geschichte zunächst nicht richtig packen, erst später verfolgte ich gespannt, welchen Fort- und Ausgang die abenteuerliche Reise der Hauptfiguren nehmen würde. Es ist eine der Pflichterfüllung zugewendete Zeit. Die Suche nach genügend Lebensmitteln wurde existentiell. Nicht jeder war seinen Mitmenschen zugetan. Die Charaktere sind typische Vertreter ihrer Altersgruppe, ihres Geschlechts oder ihrer Berufsgruppe, wodurch sie realistisch wirken.

Mit dem Roman „Der Kinderzug“ widmet sich Michaela Küpper einem unverbrauchten Thema, das gleichzeitig bewegend wie auch erschreckend ist. Aus der ursprünglich gedachten Erholung und Ertüchtigung für die Jugendlichen wird bald ein nicht enden wollendes Grauen. Gerne empfehle ich den Roman vor allem an geschichtlich interessierte Leser weiter.

Montag, 25. November 2019

Rezension: Die Spiegelreisende. Das Gedächtnis von Babel - Christelle Dabos

 
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Die Spiegelreisende. Das Gedächtnis von Babel
Autorin: Christelle Dabos
Übersetzerin: Amelie Thoma
Hardcover: 520 Seiten
Erschienen am 17. November 2019
Verlag: Insel Verlag

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Fast drei Jahre sind vergangen, seit Ophelia gemeinsam mit ihrer Familie vom Pol auf ihre Heimatarche Anima zurückgekehrt ist. Von ihrem Ehemann Thorn hat sie seither nichts gehört und ihr einst geliebtes Museum hat sie nur einmal betreten, um festzustellen, dass dort aufgrund der neuen Zensur rund um den Krieg fast alle Exponate entfernt wurden. Von ihrer verhängnisvollen Begegnung mit Gott hat nie niemandem erzählt. Eine alte Postkarte, die ihr Großonkel ihr zuspielt, erhärtet ihren Verdacht, dass sie auf der Arche Babel Antworten auf ihre Fragen finden könnte. Als plötzlich Archibald auftaucht und ihr anbietet, sie von Anima wegzubringen, zögert sie nicht lang: Sie lässt sich allein in Babel absetzen, um dort zu recherchieren. Doch die Arche hat ihre ganz eigenen Regeln und Gesetze.

Der zweite Band der Reihe rund um die Spiegelreisende endete mit erstaunlichen Enthüllungen rund um Gott und die Familiengeister und dem anschließenden Verschwinden Thorns. Die Ereignisse haben viele Fragen für Ophelia und den Leser aufgeworfen. Fast drei Jahre später ist sie den Antworten noch kein Stück näher gekommen, denn sie sitzt auf Anima fest, wo die Doyennen ein Auge auf sie haben. Ich konnte gut nachvollziehen, warum sie die erste sich bietende Gelgenheit in Form von Archibald nutzt, um die Arche zu verlassen.

Der Zeitsprung hat den Charakteren die Gelegenheit gegeben, zu reifen. Archibald hat nach seiner Trennung vom Gespinst eine neue Familienkraft entwickelt, die Orphelia bei ihrer heimlichen Abreise hilft. Das Wiedersehen mit ihm, Gwenael und Reineke ist jedoch nur von kurzer Dauer. Die drei sind auf der Suche nach der Arche Erdenbogen, während Ophelia nach Babel möchte.

Nachdem die Gebräuchen und Sitten der Arche Pol den Leser schon im ersten Band ins Staunen und Kopfschütteln versetzten war es wenig verwunderlich, dass auch das Leben auf Babel seinen ganz eigenen Regeln folgt. Ophelia macht kurz nach ihrer Ankunft so einiges falsch, bis sie auf Ambrosius trifft, der ihr einige wichtige Dinge über das Leben auf der Arche erklärt. Als sie kurz darauf erfährt, dass es im berühmten Memorial von Babel Informationen gibt, auf die nur ausgewählte Personen zugreifen dürfen, beschließt sie, beim Konservatorium in die Lehre zu gehen, um in diesen Kreis aufzusteigen.

Der Großteil des Buches spielt am Konservatorium und erinnerte mich an Ophelias Zeit am Pol. Erneut beginnt sie als Niemand und muss Freunde und Verbündete finden, die ihr bei der Suche nach Antworten helfen, während manch einer ihr Böses will und ein unberechenbarer Familiengeist das letzte Wort hat. Durch die zahlreichen Versuche, sie auszubooten, erlebt Ophelia ein Auf und Ab der Gefühle, während es nur spärlich neue Erkenntnisse gibt, auf die ich ungeduldig wartete. Aus den Dialogen hätte die Autorin für meinen Geschmack mehr machen können. Zwischendurch gibt es kurze Sequenzen, in denen man aus der Perspektive von Viktoria, Berenildes kleiner Tochter, erfährt, was zur gleichen Zeit am Pol passiert.

Im letzten Viertel des Buches gibt es endlich die ersehnten Enthüllungen, verhängnisvolle Konfrontationen, wichtige Aussprachen und dramatische Zwischenfälle. Die Ereignisse konnten mich mitreißen und überraschen. Nun brenne ich darauf, im vierten und letzten Band zu erfahren, wie alles enden wird. „Das Gedächtnis von Babel“ ist ein Must Read für alle Fans der Spiegelreisenden!
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