Dienstag, 17. September 2019

Rezension: Wir, im Fenster von Lene Albrecht


Rezension von Ingrid Eßer

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Titel: Wir, im Fenster
Autorin: Lene Albrecht
Erscheinungsdatum: 13.09.2019
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Leseband
ISBN: 98733519050658
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Das Buch „Wir, im Fenster“ ist der Debütroman von Lene Albrecht. Er umfasst zwei Teile, einerseits „Wir“, damit sind die beiden Protagonistinnen Linn und Laila gemeint und andererseits „Im Fenster“, weil beide gerne dort sitzen. Später wird Linn klar, dass ein Fenster nicht nur Ausblicke gewährt, sondern auch Einblicke.

Linn und Laila sind von Kindheit an beste Freundinnen bis zu ihrem Zerwürfnis. Für Linn ist ihre Freundschaft zu Laila wie das Schwimmen in unbefestigten Gewässern immer mit Ungewissem verbunden und doch so neugierig machend, dass sie sich darauf einlässt. Erst ganz zum Ende der Geschichte offenbart sich in allen Einzelheiten, warum die Freundschaft zerbrochen ist.

Linn ist die Protagonistin des Romans. Sie ist Doktorandin, in einer festen Beziehung und schwanger. Bei einer Fahrt mit der Bahn beobachtet sie zwei Freundinnen, die sich vertrauensvoll miteinander unterhalten. Dadurch wird sie an ihre jahrelange besondere Beziehung zu Laila erinnert. Es ist mehr als zwanzig Jahre her, dass sie ihre Freizeit abwechselnd bei Linn Zuhause und bei Lailas Großmutter, bei der die Freundin wohnt, verbracht haben. Doch die Großmutter zieht zurück in die Türkei und Laila zieht zu Linn. Nach einem mehrwöchigen Aufenthalt mit ihrem Vater in der Türkei kehrt sie verändert zurück. Ein nahtloses Anknüpfen an die bisherige Freundschaft ist schwierig und wird immer schwieriger bis es schließlich zum Bruch kommt.

Laila und Linn wachsen in Berlin am Ende des vorigen Jahrhunderts auf. Mit den Nachbarskindern treffen sie sich in der Freizeit auf dem Spielplatz, auf dem auch für die Kinder undurchsichtige Geschäfte getrieben werden, dessen sie sich in ihrem Alter noch nicht bewusst sind.
Die beiden Freundinnen ergänzen sich charakterlich. Während Linn eher zurückhaltend ist, bewundert sie die Ideen von Laila und folgt gern ihren Aufforderungen. Sie teilen alles miteinander und entdecken gemeinsam die ersten Spuren von aufkeimender Sexualität.

Nicht nur die Frage danach, was die Freundschaft zerbrochen hat, sondern auch, warum Laila über Monate bei Linn und ihren Eltern gewohnt hat, begleitete mich beim Lesen. Die Suche nach den Puzzleteilen, die mir den gesamten Sachverhalt darstellen konnten, gestaltete sich teilweise mühsam. Immer wieder wird Linn durch kleine Details an die schöne Zeit und an den später immer schwierigeren Umgang mit Laila erinnert. Die Unruhe, die Linn verfolgt aufgrund des Nichtwissens von Lailas weiteren Lebensstationen, war in ihren Gedankensprüngen spürbar, die bei mir als Leser eine gewisse Aufmerksamkeit forderten.

„Wir, im Fenster“ ist ein Coming-of-Age-Roman, der die Geschichte einer besten Mädchenfreundschaft in der Nachwendezeit in einem Szeneviertel in Berlin erzählt. Von Beginn an war ich interessiert daran, zu erfahren, warum die Freundschaft zerbrochen ist. Die Gründe fügen sich Stück für Stück vor einem immer düsterer werdenden Hintergrund zusammen. Lene Albrecht gelingt eine atmosphärisch gestaltete, berührende Erzählung mit wenigen Schwächen. Gerne empfehle ich den Roman weiter.

Sonntag, 15. September 2019

[Rezension] Das außergewöhnliche Leben eines Dienstmädchens namens PETITE besser bekannt als Madame Tussaud - Edward Carey



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Das außergewöhnliche Leben eines Dienstmädchens namens PETITE besser bekannt als Madame Tussaud
Autor: Edward Carey
Übersetzer: Cornelius Hartz
Hardcover: 492 Seiten
Erschienen am 28. August 2019
Verlag: C.H. Beck

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1761 wird in einem kleinen Dorf im Elsass Marie Grosholtz geboren, die später eine als Madame Tussaud berühmt werden soll. Bald zieht sie gemeinsam mit ihrer Mutter nach Bern und ins Haus von Doktor Curtius. Während ihre Mutter dort als Haushälterin arbeitet, ist Marie fasziniert von den wächsernen Abbildungen verschiedenster Organe, die Curtius für das Berner Spital anfertigt. Als er auf die Idee kommt, von interessierten Kunden Wachsköpfe anzufertigen, wird das vom Spital nicht gern gesehen. So gelangt er mit Marie, die mit der Zeit zu seiner Assistentin geworden ist, nach Paris. Die Stadt hält ganz neue Herausforderungen und Abenteuer für sie bereit.

Der Roman wird aus der Ich-Perspektive von Marie erzählt, die als alte Frau auf ihr Leben zurückblickt und ihre Geschichte mit dem Leser teilt. Sie beginnt bei ihrer Geburt in ärmlichen Verhältnissen und dem anschließenden Umzug mit ihrer Mutter nach Bern. Dort begegnet sie Doktor Curtius, von dem sie lernt, Köpfe aus Wachs herzustellen.

Ich konnte mich schnell in Marie hineinfühlen, die mit klarer Stimme von ihren Erlebnissen berichtet und mich an ihren Emotionen teilhaben ließ. Der Verlust ihrer Eltern und der Umzug nach Paris sind einschneidende Erlebnisse für sie. Sie kann bei Curtius bleiben, wird aber von einer neuen Frau in seinem Leben zum Dienstmädchen degradiert. Doch Marie hat einen starken Willen und will sich mit dieser Position nicht zufrieden geben. Sie ist aufmerksam und lernt schnell.

Maries Jahre in Frankreich nehmen in diesem Roman den größten Platz ein. Als Dienstmädchen in Curtius’ Haushalt erlebt sie mit, wie die Nachfrage nach Wachsköpfen immer mehr steigt. Durch eine zufällige Begegnung wird sie schließlich nach Versailles beordert wird, wo sie einige Jahre an der Seite von Princesse Èlisabeth verbringen soll und eine Menge über gesellschaftliche Strukturen lernt. Die Französische Revolution mischt schließlich alle Karten neu und lässt Marie Schreckliches sehen und erleben.

Der Autor hat seiner Fantasie in dieser fiktiven Biographie von Madame Tussauds freien Lauf gelassen. Er hält sich an die wichtigsten historischen Fakten, hat aus dramaturgischen Gründen aber auch so manches verändert und die Lücken mit Fabulierkunst gefüllt. Daraus entstanden ist ein abenteuerlicher Bericht über das Leben von Marie Grosholtz bis hin zu ihrer Übersiedlung von Frankreich nach London, wo sie Jahre später ihr berühmtes Museum eröffnen soll.

Es gibt zahlreiche amüsante und skurrile Szenen, aber auch viele nachdenklich stimmende. Lange führt Marie ein fremdbestimmtes Leben, sie muss für andere arbeiten und erhält dafür nicht einmal einen Lohn. Doch ihr fehlt die Perspektive für ein anderes Leben. Das Buch enthält zahlreiche gelungene Zeichnungen, die das Erzählte, vor allem die Faszination für Organe, Köpfe und ganze Körper aus Wachs, noch greifbarer machen. In der zweiten Hälfte des Buches, in dem die Französische Revolution eine große Rolle spielt, verlor das Buch für mich zunehmend an Schwung. Ich hätte mir an dieser Stelle eine straffere Erzählung und dafür ein paar Worte mehr über das anschließende Leben in England gewünscht, das am Ende auf nur fünf Seiten zusammengefasst wird.

"Das außergewöhnliche Leben eines Dienstmädchens namens PETITE besser bekannt als Madame Tussaud“ ist ein Titel, der meine Neugier wecken konnte und auch in der Umsetzung überzeugen kann. Abwechslungsreich wird hier das (fiktive) Leben der Marie Grosholtz aus der Ich-Perspektive erzählt. Ich habe ihr gern gelauscht und konnte ihre Faszination für Wachs zunehmen nachvollziehen. Ein unterhaltsamer Roman mit schaurig-schönen Zeichnungen, den ich gerne weiterempfehle!

Dienstag, 10. September 2019

[Rezension] Ein Hummerleben - Erik Fosnes Hansen


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Ein Hummerleben
Autor: Erik Fosnes Hansen
Übersetzer: Hinrich Schmidt-Henkel
Hardcover: 384 Seiten
Erschienen am 22. August 2019
Verlag: Kiepenheuer & Witsch

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In den 1980er Jahren wächst Sedd bei seinen Großeltern auf, die in den Bergen Norwegens ein Hotel betreiben. Das gehobene Hotel will keine Wünsche offen lassen, deshalb gibt es unter anderem ein Hummerbecken, ein Schwimmbad und eine Minigolfbahn. Doch die Geschäfte laufen zunehmend schlecht, da immer mehr Norweger nicht im eigenen Land, sondern im „verteufelten Süden“, wie Sedds Großmutter zu sagen pflegt, Urlaub machen. Sedd hilft regelmäßig im Hotel aus und lernt dabei Karoline kennen. Sie ist etwas jünger als er und bleibt mir ihren Eltern länger im Hotel. Mit ihrer Hartnäckigkeit überredet sie Sedd, Zeit mit ihr zu verbringen. Dabei würde der in dieser Zeit lieber das Geheimnis um seine Eltern küften und Fotografieren lernen. Doch die Gäste stehen an oberster Stelle, das gilt auch für Sedd, der das Hotel eines Tages übernehmen soll.

Norwegen ist in diesem Jahr das Gastland auf der Frankfurter Buchmesse, deshalb war ich sehr neugierig auf dieses Buch eines norwegischen Autors, das den Leser mit in die Berge des Landes nimmt, wo ein Hotel im Familienbetrieb seine besten Jahre hinter sich hat.

Der Titel des Romans erklärt sich auf den ersten Seiten, auf denen der Ich-Erzähler Sedd seine Beobachtungen rund um das Hummerbecken des Restaurants mit dem Leser teilt. Seine Schilderungen zeugen von einer großen Aufmerksamkeit, mit der er sein Umfeld im Blick hält. Er berichtet von kleinen und großen Ereignissen den Alltags und seine Überlegungen gehen immer wieder auf in eine philosophische Richtung.

Gleich zu Beginn gibt es einen aufsehenerregenden Zwischenfall, denn der Bankdirektor stirbt währen eines Essens im Hotel trotz Sedds Wiederbelebungs-Maßnahmen. Im Nachhinein ist es ihm unangenehm, darüber zu reden, denn alle loben ihn, obwohl sein Eingreifen keinen Unterschied gemacht hat.

Das Tempo des Buches ist ruhig und Sedd erzählt viel vom Hotelalltag. Sein Großvater hat das Hotel einst von seinem Vater übernommen, es ist sein ganzer Stolz und immer wieder schwelgt er in Erinnerungen. Seine Großmutter ist ursprünglich aus Wien, sie hat ihren Mann in Linz auf der Hotelfachschule kennengelernt und sehnt sich immer wieder in die Heimat. Der Koch Jim, ein ehemaliger Seefahrer, gehört quasi zur Familie und steht dieser in jeder Situation zur Seite. Diese drei Charaktere spielen in Sedds Berichten neben Karoline, die als Gast im Hotel ist und unbedingt Zeit mit ihm verbringen will, die größte Rolle.

Nach den Ereignissen gleich zu Beginn war ich gespannt, was im Hotel als nächstes passieren wird. Findet Sedd etwas über seine Eltern heraus? Tut sein Großvater etwas, um wieder mehr Gäste anzulocken? Nichts dergleichen passiert jedoch. Doch nichts dergleichen passiert. Zwar gibt es immer wieder kleine Hinweise auf drängende Fragen, doch die Schilderungen widmen sich kleinen Ereignissen im Hotel und verlieren sich in Details. Auch auf eine größere Charakterentwicklung bei Sedd wartete ich vergebens.

Vieles wird totgeschwiegen in Sedds Familie, weshalb auch auf Entdeckungen, dessen Bedeutung sich dem Leser mühelos erschließt, keine Aussprache erfolgt. Die Handlung steuert in gefühlter Zeitlupe auf ein Fiasko hin. Auf dieses muss man jedoch sehr lange warten, erst auf den allerletzten Seiten erhält man als Leser Antworten. Das wirft jedoch große neue Fragen auf, die leider nicht mehr beantwortet werden. Die Geschichte ist insgesamt tragisch, skurrile Zwischenfälle und kluge Beobachtungen sorgen aber immer wieder für unterhaltsame Momente. Für mich war es ein interessanter Ausflug in die Berge Norwegens, bei dem ich jedoch einen Spannungsbogen vermisst habe.

Sonntag, 8. September 2019

Rezension: Der Sprung von Simone Lappert


Rezension von Ingrid Eßer

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Titel: Der Sprung
Autorin: Simone Lappert
Erscheinungsdatum: 28.08.2019
Verlag: Diogenes (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Leseexemplar
ISBN: 9783257070743
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In ihrem Roman „Der Sprung“ beschreibt Simone Lappert zu Beginn eine prekäre Situation, denn eine junge Frau steht auf dem Dach eines Hauses in Thalbach in der Nähe von Freiburg. Sie bleibt nicht ungesehen und Polizei und Feuerwehr sichern schon bald die Umgebung ab. Der polizeilichen Aufforderung, vom Dach zu steigen, kommt sie nicht nach. Immer mehr Menschen werden auf die junge Frau namens Manuela aufmerksam, denn nicht nur sie, sondern auch ich als Leser erwarteten ihren Sprung, der auch eintreten wird, wie der Prolog mich wissen ließ.

Der Titel des Buchs bezieht sich nicht nur auf diese Szene. Im weiteren Verlauf der Erzählung nimmt die Autorin auch Bezug auf eine Redewendung, die mehr oder doch weniger liebevoll für jemanden benutzt wird, der ein wenig verrückt ist. Diese Aussage nimmt auch Bezug zu Manuela.

Während die Zeit langsam verstreicht, stellte die Autorin mir in weiteren Handlungen Personen vor, die einen Grund haben, sich am Ort der Aufregung einzufinden. Ihre Geschichten sind unabhängig voneinander und fließen doch aufeinander zu und ineinander ein. Die kurzen Kapitel nehmen jeweils eine der Personen in den Fokus und ich wartete immer wieder ungeduldig darauf, dass der gerade zurückgelassene Erzählfaden wieder aufgenommen wird. Jede dieser Charaktere wird durch die unfreiwillige Vorstellung der jungen Frau in seiner Alltagsroutine gestört und zum Handeln aufgefordert. Dazu gehören nicht nur der Freund der Frau und ihre Schwester, sondern auch Anwohner, ein Polizist, Obdachloser, ein Arbeiter einer Fleischverarbeitung, eine korpulente 14-Jährige und ein italienischer Modemacher. Schon diese Aufzählung zeigt die Vielfalt der Figuren und genauso abwechslungsreich ist der ganze Roman gestaltet.

Die Autorin fabuliert auf hohem Niveau. Ihre Charaktere sind gut ausformuliert und reagieren nicht immer so, wie man es erwarten würde, was den Ablauf überraschend gestaltet. Dennoch bleibt sie realistisch und die Szenerie ist durchaus vorstellbar. Mit viel Feingefühl lässt sie ihre Figuren agieren und begründet deren Empfindungen.

Simone Lappert zeigt, dass auf vielfältige Weise anhand von Details Entwicklungen voneinander abhängen, unsere Wunschvorstellungen durchkreuzen und unabsehbar sind. Eine solche Geschichte macht buchsüchtig, denn sie ist so ansprechend gestaltet, dass man immer mehr davon lesen möchte und das Ende des Romans nur allzu schnell erreicht ist. Der Inhalt selbst stimmt nachdenklich und bleibt in Erinnerung. Gerne empfehle ich den Roman an alle weiter.

Samstag, 7. September 2019

[Rezension] Kastanienjahre - Anja Baumheier


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Aber Töchter sind wir für immer
Autorin: Christiane Wünsche
Hardcover: 464 Seiten
Erschienen am 24. Juli 2019
Verlag: FISCHER Krüger

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Elise betreibt eine Boutique in Paris und freut sich auf den Besuch ihrer Freundin Marina aus Deutschland. Doch diese hat schlechte Nachrichten dabei: Ihr gemeinsames Heimatdorf Peleroich in der Nähe der Ostsee soll in Kürze komplett abgerissen werden. Dieser Nachricht folgt ein anonymer Brief: Der Absender bittet Elise, schnellstmöglich nach Peleroich zu kommen, denn er trage die Schuld am Tod ihres Vaters und dem Verschwinden ihres Freundes Jakob und möchte endlich reinen Tisch machen. Elise und Marina brechen sofort auf. In Rückblicken auf die Zeit von 1950 bis 1995 erfährt man unterdessen mehr über die Vergangenheit des Dorfes, in dem nicht nur Elise, sondern auch schon ihre Eltern Karl und Christa groß geworden sind und das die DDR kommen und gehen sah.

Mir hat „Kranichland“, der erste Roman von Anja Baumheier, sehr gut gefallen, weshalb ich auf dieses zweite Buch sehr gespannt war, im dem erneut die DDR eine zentrale Rolle spielt. In der Gegenwart begegnet der Leser Elise, die sich von Paris aus auf dem Weg in ihre Heimat in Ostdeutschland macht. Deutlich mehr Raum nehmen jedoch die Rückblicke ein, die in Peleroich spielen und im Jahr 1950 beginnen.

In den 1950er Jahren ist die DDR noch jung und erste neue Maßnahmen wie die Bildung von Genossenschaften wurden beschlossen. Das findet jedoch nicht jeder gut, zum Beispiel Karls Mutter, die lieber weiterhin selbst über ihren Betrieb entscheiden möchte. Der Bürgermeister möchte Peleroich jedoch zu einem sozialistischen Vorzeigedorf machen und überredet auch den letzten Zweifler, zum 1. Mai die Fahne herauszuhängen.

Mit jedem Kapitel springt das Buch ein oder mehrere Jahre weiter und nimmt den Leser mit auf eine Zeitreise. Die Autorin fängt das Alltagsleben in dem kleinen DDR-Dorf gelungen ein. Sie lässt den vom Sozialismus überzeugten Bürgermeister ebenso zu Wort kommen wie Zweifler und solche, die mit Politik eigentlich nichts am Hut haben wollen. Doch auch letztere kommen unfreiwillig mit ihr in Berührung, zum Beispiel Karl, der seinen geliebten Hochstand in der Nähe der Grenze abbauen muss. Während die Dorfbewohner durch Höhen und Tiefen gehen scheint es einige zu geben, die ein Geheimnis haben.

Die Geschichte gibt interessante Einblicke ins Leben in der DDR, indem sie die fiktiven Schicksale mehrerer Familien erzählt. Zur besseren Übersicht findet sich ganz vorn im Buch ein Personenverzeichnis. Durch die vielen Zeitsprünge kann man auf den gut 400 Seiten die DDR kommen und gehen sehen. Mir ging vieles dadurch aber zu schnell, emotionale Momente entstehen und liegen wenige Seiten später schon mehrere Jahre zurück. Mein Verhältnis zu den Charakteren blieb dadurch eher distanziert.

In der Gegenwart konnte ich Elises völlig überstürztes Aufbrechen nicht ganz nachvollziehen. Im Nu ist sie in Peleroich und sieht, wie stark sich das Dorf verändert hat. Dieser Handlungsstrang bildet eine Grundlage, zu der die Geschichte immer wieder kurz zurückkehrt, bevor man wieder in die Vergangenheit abtaucht. Das Schicksal dieses fiktiven Dorfes steht exemplarisch für das vieler ehemaliger DDR-Dörfer, die es tatsächlich gibt und gegeben hat. Etwas Spannung kam durch die Frage auf, wer denn nun hinter dem anonymen Brief steckt und was damals wirklich geschehen ist. Der Schwerpunkt liegt aber auf atmosphärischen Einblicken ins Dorfleben zur DDR-Zeit und kurz nach der Wiedervereinigung.

„Kastanienjahre“ nimmt den Leser mit auf eine Reise durch die Jahrzehnte und die Geschichte der DDR am Beispiel eines kleinen Dorfes, dessen Bewohner man auf ihrem Weg begleitet. Diese lernt man immer besser kennen, durch das hohe Tempo ziehen wichtige Momente in ihren Leben aber sehr schnell vorbei. Ein Buch für alle, die sich für Einblicke in diese Zeit interessieren, die Deutschland nachhaltig geprägt hat.

Freitag, 6. September 2019

[Rezension] Aber Töchter sind wir für immer - Christiane Wünsche


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Aber Töchter sind wir für immer
Autorin: Christiane Wünsche
Broschiert: 464 Seiten
Erschienen am 24. Juli 2019
Verlag: FISCHER Krüger

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Johanna, Heike und Britta verbringen aufgrund des 80. Geburtstags ihres Vaters einige Tage gemeinsam in ihrem Elternhaus in Büttgen am Niederrhein. Britta ist das Nesthäkchen der Familie, sie wurde erst geboren, als die anderen Schwestern schon ausgezogen waren. Im Gepäck hat sie das Tagebuch der vierten Schwester, Hermine, die schon vor vielen Jahren gestorben ist, als Britta noch klein war. Ihr Mann Marcel, der früher Hermines bester Freund war, hat es ihr als Geschenk für den Vater mitgegeben. Was für ein Mensch war Hermine, und was ist damals überhaupt mit ihr passiert? Über vieles wurde bislang geschwiegen, doch nun ist vielleicht der richtige Zeitpunkt gekommen, um das zu ändern.

Als ich hörte, dass dieser Familienroman ganz in der Nähe meiner Heimat spielt, war meine Neugier geweckt. Auf den ersten Seiten kommt in diesem Roman Britta zu Wort. Sie ist das Nesthäkchen, das sich in der Familie immer ein bisschen außen vor fühlt, denn die anderen haben vor ihrer Geburt bereits so viel gemeinsam erlebt. Sie wurde 1988 geborgen und ist damit nur drei Jahre älter als ich, weshalb ich mich ihr besonders nah fühlte. Hermines Tagebuch, das sie ihrem Vater schenken soll, bringt sie ins Nachdenken. Darf sie die Einträge auch lesen? Kann ihr das helfen, ihre verstorbene Schwester, die sie nie richtig kennengelernt hat, besser zu verstehen?

Die Geschichte springt danach immer wieder in die Vergangenheit und man erfährt nach und nach mehr über die Kindheit und Jugend von Johanna und Heike, aber auch von ihren Eltern Hans und Christa. Letztere ist im Zweiten Weltkrieg als Flüchtling aus Schlesien an den Niederrhein gekommen, die anderen sind dort aufgewachsen. Die Autorin gibt authentische und emotionale Einblicke in das Leben am Niederrhein sowohl zu Kriegszeiten als auch in den folgenden Jahrzehnten. Sie lässt den Leser das Geschehen aus verschiedenen Perspektiven betrachten, wodurch einige Situationen in ganz neuem Licht erscheinen.

In der Gegenwart rückt die Geburtstagsfeier von Hans immer näher und Britta liest die Tagebucheinträge von Hermine. So kommen auch diese beiden Charaktere - die eine direkt, die andere indirekt - zu Wort und man erhält einen Gesamtblick auf die Familie. Schließlich wird thematisiert, was all die Jahre unausgesprochen blieb. Ich war neugierig, welche Auswirkung diese Gespräche auf das Beziehungsgeflecht haben. 

Christiane Wünsche ist es in „Aber Töchter sind wir für immer“ gelungen, jedem Familienmitglied eine eigene starke Stimme zu geben und dem Leser intensive Einblicke in die jeweiligen Charaktere und ihre Geschichte zu geben. Ich habe mich gerne auf diese Reise durch die Zeit mitnehmen lassen und kann den Roman klar weiterempfehlen!

Donnerstag, 5. September 2019

Rezension: Die schönste und die traurigste aller Nächte von Mauricio Gomyde


Rezension von Ingrid Eßer

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Titel: Die schönste und die traurigste aller Nächte
Autor: Mauricio Gomyde
Übersetzerinnen: Johanna Schwering und Viktoria Wenker
Erscheinungsdatum: 20.08.2019
Verlag: Rowohlt Polaris (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Klappenbroschur
ISBN: 9783499000485
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Die schönste und die traurigste aller Nächte war für Victor und Amanda, den beiden Protagonisten im gleichnamigen Buch von Mauricio Gomyde, die Nacht des Abschlussballs ihrer Schule in Brasilia/Brasilien im Jahr 1997. Beide waren damals 17 Jahre alt und sie küssten sich in dieser Nacht zum ersten Mal. Doch Victor weiß zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass der Beginn ihrer Liebe gleichzeitig verbunden ist mit dem bevorstehenden Umzug von Amanda und ihrer Familie nach Kenia und zwar schon am nächsten Tag. Der Kontakt zueinander bricht ab. Zwanzig Jahre später erhalten beide eine Einladung zum Jahrgangstreffen. Obwohl beide Gründe haben, daran nicht teilzunehmen, entscheiden sie sich für eine Zusage, die ihr Leben komplett verändern wird.

Das zauberhafte Cover des Buchs entführte mich in das tropische Klima der Hauptstadt Brasiliens. Von Beginn an hat mich die Liebesgeschichte zwischen Victor und Amanda in seinen Bann gezogen. Beide sind sympathisch, vielleicht auch oder vor allem aufgrund des Schicksals, das jeder von ihnen trägt. Victor hat die Besonderheit, dass seine Gefühle ihn für Minuten und Stunden in eine andere Zeit tragen und er in der Gegenwart dadurch physisch nicht anwesend ist. Er kann sein Glück und seine Traurigkeit nicht beeinflussen und ist darum stark von Eindrücken seiner Umgebung abhängig. Glück bringt ihn in die Vergangenheit, Trauer in die Zukunft. Den Grund dafür sieht er in seiner Liebe zu Amanda. Er hat sich deshalb weitgehend eine Existenz fernab allen Trubels gesucht.

Amanda hingegen ist inzwischen in Argentinien zu Hause. Sie hat einige liebe Menschen verloren und Halt gesucht. Letztlich hat sie aber nicht die Erfüllung im Leben gefunden, die sie sich vorgestellt hat. Ihre Liebe zu Victor und die Vorstellung einer gemeinsamen Zukunft mit ihm bilden seit der verhängnisvollen Nacht ihren Maßstab für ihr persönliches Glück. Sowohl Amanda und Victor sind feinsinnige Menschen, die ein Faible haben für Künstlerisches und Kulinarisches. Bereits auf der Innenseite der vorderen Klappe im Buch findet sich ein romantisches Zitat vom Glück, weitere sind zwischen den Kapiteln des Romans zu finden, die auch das Leben der Hauptfiguren begleiten.

Die Geschichte entwickelte für mich ihren ganz eigenen Sog, der mich schnell weiterlesen ließ, um zu erfahren, ob es für Amanda und Victor eine gemeinsame Zukunft geben wird. Bald vergaß ich, dass es nach meiner Vorstellung vielleicht in der ersten Zeit andere Möglichkeiten der Kontaktaufnahme zueinander gegeben hätte und die Beziehung der beiden überdauert hätte.

Das mystische Element der Zeitreisen bleibt realistisch ohne wissenschaftliche Erklärung. Ich hoffte und bangte für die beiden Protagonisten, dass sie Wege zueinander finden würden. Immer wieder flechtet der Autor unerwartete Wendungen ein, so dass das Lesen dieser bewegenden Geschichte für mich abwechslungsreich und unterhaltsam war. Gerne empfehle ich den Roman weiter.

Mittwoch, 4. September 2019

Rezension: Levi von Carmen Buttjer


Rezension von Ingrid Eßer

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Titel: Levi
Autorin: Carmen Buttjer
Erscheinungsdatum: 22.08.2019
Verlag: Galiani Berlin (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN: 9783869711799
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„Levi“ ist der Debütroman von Carmen Buttjer. Die Handlung spielt in Berlin in der Gegenwart. Im Mittelpunkt steht der 11-jährige Levi Naquin, der erst vor etwa einem halben Jahr mit seinen Eltern in die Bundeshauptstadt gezogen ist. Es sind Sommerferien, doch statt Levis Familie bei Ferienaktivitäten zu erleben, traf ich den Jungen und seinen Vater auf den ersten Seiten des Buchs bei der Beerdigung von Levis Mutter. Levi schafft es kaum, ruhig sitzen zu bleiben. In einer spontanen Aktion greift er die Urne, läuft damit nach Hause und richtet sich in einem Versteck auf dem Dach des Mehrfamilienhauses ein.

Bereits vor dem Tod seiner Mutter war das Leben von Levi gestört durch die ständigen Streitereien seiner Eltern. Es gelang ihnen nicht, die Differenzen untereinander vor Levi zu verbergen und große Probleme gab es schon beim Umzug nach Berlin. Die Erzählform wechselt zwischen den Kapiteln, einige erzählt Levi in der Ich-Form. Während seiner Schilderungen denkt er nicht ein einziges Mal an einen gleichaltrigen Freund und ich vermutete, dass er keinen hat. Stattdessen verbringt er einen Teil seiner Freizeit beim Kioskbesitzer Kolja gegenüber und nimmt Kontakt zu Vincent, einem Mitbewohner des Mietshauses auf.

Levi und sein Vater finden keine gemeinsame Kommunikationsebene, viele Dinge bleiben ungesagt, entwicklungsbedingt klafft der Spalt des Verständnisses füreinander immer weiter auf. Schon vor dem schrecklichen Tod der Mutter hat Levi begonnen, sich in eine eigene Welt einzuweben voller Tiere, manche davon gefährlich. In seiner Fantasie ist es spannend und es gibt immer was zu erleben. Doch die Grenzen zur Realität verschwimmen mitunter.

Kolja und Vincent sind auf ihre Art für Levi da, wenn er sie braucht, doch als Vorbilder für ihn dienen sie weniger. Beide sind von den eigenen Schatten der Vergangenheit geprägt. Sie sind zwar Anlaufstelle für Levi, doch sie können sein aufgewühltes Innenleben nicht in geordnete Bahnen lenken. Carmen Buttjer zeigt einfühlsam wie wichtig es für Heranwachsende ist, einen Vertrauten zu haben, der nicht nur zuhört, sondern auch mit viel Verständnis Fragen beantwortet und Werte zu vermitteln weiß, jemand dessen uneigennützige Liebe man spürt und der dabei hilft die Tiefen des Lebens zu überbrücken. Dabei bedient die Autorin sich einer feinsinnigen Sprache, die die andersartige Welt von Levi bildhaft aufzeigt.

„Levi“ von Carmen Buttjer ist ein gelungenes Debüt, dass auf ergreifende Weise das Schicksal eines 11-Jährigen und seiner Eltern aufzeigt und mir wieder bewusst machte, dass der Verlust eines geliebten Menschen unersetzlich ist. Gerne vergebe ich eine Leseempfehlung.

Montag, 2. September 2019

[Rezension] Washington Black - Esi Edugyan


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Washington Black
Autorin: Esi Edugyan
Übersetzerin: Annabelle Assaf
Hardcover: 512 Seiten
Erschienen am 30. August 2019
Verlag: Eichborn


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George Washington Black, genannt Wash, ist seit seiner Geburt auf einer Zuckerrohrplantage in Barbados ein Sklave. Im Jahr 1830 ist er elf Jahre alt und hat die Plantage noch nie verlassen. Doch dann stirbt sein bisheriger Master und mit seinem Nachfolger erleben die Sklaven eine neue Dimension der Gewalt. Die Dinge ändern sich für Wash, als der Bruder seines Besitzers ihn als Gehilfen für seine Forschungen einspannt. Christopher Wilde ist besessen von der Idee eines Wolkenkutters, den er vom nächstgelegenen Berg aus starten will. Nach einem verhängnisvollen Zwischenfall brechen die beiden überstürzt gemeinsam auf. Für Wash beginnt damit ein völlig neues Leben, das aufregend ist, ihn aber auch mit Fragen nach seiner Identität konfrontiert.

Der Roman ist aus der Sicht des achtzehnjährigen Wash geschrieben, der auf die letzten sieben Jahre zurückblickt, in denen sich für ihn alles geändert hat. Man erhält einige Einblicke in das harte Leben auf der Plantage und die wachsende Verzweiflung der Sklaven mit dem Einzug des neuen Masters. Einige beschließen sogar, der Gewalt durch Selbstmord zu entfliehen in der Hoffnung, in der Heimat wiedergeboren zu werden. Wie lange Wash unter diesen Bedingungen überlebt hätte? Das wird man nicht erfahren, denn stattdessen wird ausgerechnet er, ein gewöhnlicher Feldsklave, der Assistent eines Forschers.

Mit einer schnörkellosen Sprache gibt Wash Einblicke in sein Leben und gut konnte ich seinen Argwohn nachvollziehen, als er plötzlich als dem Bruder seines Besitzers assistieren soll. Ist dies vielleicht ein noch schlimmeres Schicksal als die Arbeit auf dem Feld? Doch Christopher, genannt Titch, ist kein Freund der Sklaverei. Er behandelt ihn gut und bringt ihm sogar etwas lesen und rechnen bei. Das heißt jedoch noch lange nicht, dass Titch Schwarze als den Weißen ebenbürtig sieht - ein Thema, das von Wash im Laufe der Zeit immer wieder reflektiert wird.

Das Cover verrät bereits, dass sich die Handlung nicht nur auf der Plantage abspielen wird. Die Grausamkeit der Sklaverei wird dem Leser deutlich gemacht, sie nimmt aber nur einen kleinen Teil der Handlung ein. Schnell geht es um Titchs Forschungen am Wolkenkutter und das Verhältnis zu seinem Bruder. Wash legt ein zeichnerisches Talent an den Tag, mit dem er Titch beeindrucken kann. Der Beginn der Reise kommt schließlich überraschend. Plötzlich muss rasch eine Entscheidung getroffen werden und schon ist Wash in der Luft. Doch es läuft ganz und gar nicht nach Plan.

Wohin es Wash verschlagen wird sollte jeder Leser selbst herausfinden. Er findet sich an völlig unterschiedlichen Orten auf verschiedenen Kontinenten wieder. Dabei stehen verschiedene Themen im Fokus: Seine Beziehung zu Titch, die Angst, von seiner Vergangenheit eingeholt zu werden und vor allem die Frage, was er aus seinem Leben machen kann und will. Auch Liebe und Verlust spielen im späteren Verlauf eine wichtige Rolle.

Mir hat Wash als kluger Charakter, der von seiner Erfahrung als Sklave tief geprägt ist, sehr gut gefallen. Ihn auf seinem Abenteuer hinaus in die Welt zu begleiten hat mir großen Spaß gemacht. Er ließ mich durch seine Augen blicken, die viel Wundersames entdecken und ihn staunen lassen. Immer wieder gibt es aber auch Momente, die nachdenklich stimmen, denn als ehemaligem Sklaven steht Wash nicht jede Tür offen. Ein absolut gelungener Roman über eine unverhoffte Reise in die Freiheit, der mich sehr begeistern konnte und den ich deshalb uneingeschränkt weiterempfehle!

Sonntag, 1. September 2019

[Rezension] Das Licht ist hier viel heller - Mareike Fallwickl


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Das Licht ist hier viel heller
Autorin: Mareike Fallwickl
Hardcover: 384 Seiten
Erschienen am 30. August 2019
Verlag: Frankfurter Verlagsanstalt


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Maximilian Wenger steckt in einer Krise: Seine Frau hat ihn aus dem Haus geworfen, die Scheidung läuft, und seine zwei Kinder kommen ihn jedes zweite Wochenende in seiner Junggesellenbude besuchen, die nur dank der Hilfe seiner Schwester halbwegs präsentabel ist. Früher war er ein gefeierter Schriftsteller, doch seine letzten Werke waren Ladenhüter, und auch von seiner neuesten Idee hält sein Agent nicht viel.

Wengers siebzehnjährige Tochter Zoey steht kurz vor dem Schulabschluss. Für ihren Vater ist klar, dass sie Jura studiert, und ihre Mutter will sie in ihrem Lifestyle-Unternehmen unterbringen. Beides passt überhaupt nicht zu ihr und ihr Wunsch ist ein ganz anderer. Doch den äußert sie nicht, es würde vermutlich eh niemand zuhören. Als sie Briefe findet, die ihr Vater gelesen hat, obwohl sie an seinen Vormieter adressiert sind, wird auch sie neugierig. Die emotionalen Briefe bringen beide ins Nachdenken – ihre Reaktionen darauf sind jedoch gänzlich verschieden.

Der Max Wenger, den der Leser zu Beginn des Buches kennenlernt, ist nur noch ein Schatten seiner selbst. Er trauert den glanzvollen Zeiten hinterher, als sein Name die Bestsellerlisten schmückte und er überall ein gern gesehener Gast war. Nun steigert er sich immer tiefer hinein in sein persönliches Leid, zelebriert sein Scheitern geradezu. Bei mir kam jedoch kein Mitleid für ihn auf, denn in seiner Welt dreht sich alles nur um ihn. Das wird umso deutlicher, wenn man sein Verhalten durch Zoeys Augen betrachtet.

Zoey ist ein „Rich Kid“, wie sie selbst sagt. Materiell hat es nie an irgendetwas gemangelt, doch emotional hat sie keinen Draht zu ihren Eltern. Ihre Mutter will sie in eine Miniaturausgabe ihrer selbst verwandeln, und für ihren Vater war sie schon immer hauptsächlich jemand, der ihn beim Schreiben stört. An ihrem kleinen Bruder Spin hängt sie hingegen sehr. Doch selbst ihn hat sie nicht in die Pläne eingeweiht, die sie seit einiger Zeit schmiedet. Zoeys Sprachstil ist sarkastisch und trotzig. Schnell merkt man, dass sie sich nach außen hin stark gibt und damit ihre verletzliche Seite bewusst verbirgt.

Zwischen den Kapiteln sind hochemotionale Briefe einer unbekannten Absenderin abgedruckt, die sie Wengers Vormieter geschickt hat. Ich war neugierig, ob man mehr über die Hintergründe der Briefe erfährt und was für Auswirkungen sie haben. Während Wenger immer tiefer abstürzt und sich dabei einige skurrile Szenen ereignen, baut sich Zoey im Stillen erste Brücken in die Freiheit. Doch dann kommt es zu einem einschneidenden Ereignis.

Von Beginn an hatte das Buch mich, und die Entwicklungen gingen mir zunehmend unter die Haut. Wenger wirkt lange wie der Inbegriff des ignoranten und selbstgefälligen alten weißen Mannes, ist schließlich aber auch für Überraschungen gut. Zoey als junge Frau will endlich ihren Eltern entfliehen und in die Welt hinaus. Dabei macht sie eine hässliche Erfahrung, bei der sie überlegen muss, wie sie damit umgehen kann und will. Wie kann sie sich ausdrücken? Mit wem kann sie offen sprechen? Auch der sensible Spin, der noch eine Weile länger an Schule und Elternhaus gebunden ist, sucht nach einem Weg, zu äußern, was in ihm vorgeht.

„Das Licht ist hier viel heller“ beschäftigt sich mit wichtigen Themen, die inzwischen zum Glück kein Tabu mehr sind und für die weiter sensibilisiert werden sollte. Es ist eine Geschichte über das Erwachsen werden und bleiben und von der Suche nach einem Platz in der Welt. Es berührt, macht nachdenklich und konnte mich durchgehend fesseln.

Samstag, 31. August 2019

[Rezension] Kintsugi - Miku Sophie Kühmel


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Kintsugi
Autorin: Miku Sophie Kühmel
Hardcover: 304 Seiten
Erschienen am 28. August 2019
Verlag: S. Fischer

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Ein ruhiges Wochenende in ihrem Haus am See schwebt Max und Reik vor, die seit zwanzig Jahren ein Paar sind. Eingeladen sind nur Tonio, ein guter Freund der beiden, mit dem Reik als Teenager zusammen war, und Pega, seine zwanzigjährige Tochter, welche die drei quasi gemeinsam großgezogen haben. Doch ruhig wirkt die Situation nur nach außen hin, denn in allen vieren brodelt etwas. Den Archäologen Max beschäftigt die Frage, was er im Leben noch erreichen kann, während Reik als Künstler schon lange erfolgreich ist und sich mit seinem wachsenden Kinderwunsch auseinandersetzt. Tonio ist mit seinen Gedanken bei einer neuen Frau, von der er seiner Tochter noch nichts erzählt hat. Und Pega steht vor einigen Herausforderungen, die mit dem Erwachsenwerden verbunden sind.

Auf dem Cover von „Kintsugi“ sieht man vier Menschen, die an einem See stehen. Dieser glänzt golden und spielt damit auf den Titel an. Dieser beschreibt eine japanische Handwerkskunst, bei der zerbrochenes Porzellan mit Gold repariert wird. Mit jedem der vier Charaktere wird der Leser sich während des Wochenendes, das sie miteinander verbringen, ausführlich auseinandersetzen.

Ein kurzes Intro schildert das Ankommen von Max und Reik, am nächsten Morgen treffen auch Tonio und Pega ein. Danach besteht das Buch hauptsächlich aus vier langen Kapiteln, die jeweils einen Charakter zu Wort kommen lassen. Den Anfang macht Max, der sich mit der Frage beschäftigt, warum die beiden nicht verheiratet sind, obwohl das inzwischen möglich ist. Er lässt die Beziehung der beiden Revue passieren, in der die Rollen klar verteilt waren und ein Ungleichgewicht spürbar ist.

Die Autorin hat eine intensive Sprache, mit der sie mich hinter die Fassade der Charaktere schauen ließ. Von jedem Protagonisten hat sie ein sorgfältiges Psychogramm entworfen. Ich habe jedem der Vier einen eigenen Lesetag gegönnt, um mich in Ruhe mit ihren Gedanken und Gefühlen auseinanderzusetzen. Die Atmosphäre ist melancholisch, denn es gibt viele Rückblicke und es wird klar, dass manches sich verändern wird. Immer wieder mischt sich ein hoffnungsvoller Ton hinein, denn auch Neuanfänge liegen in der Luft.

Das Tempo der Geschichte ist ruhig und der Blick der Erzählenden stark nach innen gerichtet. Demensprechend bewegt sich in jedem einzelnen sehr viel, während in der Interaktion miteinander wenig passiert, diese Szenen aber richtungsweisend sind. Ich hätte mir noch mehr Dialoge gewünscht, um mehr Einblicke in den Umgang miteinander zu erhalten.

Der Titel „Kintsugi“ ist überaus passend, denn vieles zerbricht in diesem Roman, sowohl im eigentlichen als auch im übertragenen Sinne. Es muss neu zusammengesetzt werden, wobei die Bruchstellen deutlich zu sehen sind und das Ergebnis in seiner Unperfektheit wertgeschätzt wird. Eine eindringliche Erzählung über vier ganz verschiedene Charaktere, die auseinanderdriften und dennoch zusammenhalten, um ihren Weg zu finden.

Freitag, 30. August 2019

[Rezension] Der Sprung - Simone Lappert


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Der Sprung
Autorin: Simone Lappert
Hardcover: 336 Seiten
Erschienen am 28. August 2019
Verlag: Diogenes


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Felix ist Polizist in Thalbach und verhält sich nach Ansicht seiner schwangeren Freundin Monique in letzter Zeit seltsam. Statt Zeit mit ihr zu verbringen zieht er sich zurück und baut funktionierende Elektrogeräte heimlich auseinander und wieder zusammen. Maren ist in ihrer Beziehung mit Hannes zunehmend unglücklich, denn nach zwölf gemeinsamen Jahren ist er durch seinen neuen Fitness- und Gesundheitswahn wie ausgetauscht. Und Finn ist fasziniert von seiner neuen Freundin Manu, die so anders ist als alle anderen, über die er aber kaum etwas weiß. Als er sich auf einer Kurierfahrt durch einen Menschenauflauf aus Polizei und Schaulustigen drängen muss stellt er erschrocken fest, dass er die Person kennt, die oben auf dem Dach steht und Ziegelsteine wirft.

Zu Beginn des Buches lernt man eine Vielzahl an Menschen kennen, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben. Mit jedem von ihnen verbringt der Leser nur wenige Seiten, doch der Autorin gelingt es schnell, bei mir den Wunsch zu wecken, mehr zu über sie erfahren. Da ist zum Beispiel noch Theres, die mit ihrem Mann Werner einen kleinen Laden betreibt, der immer schlechter läuft. Egon hat sein Hutgeschäft schon aufgeben müssen und arbeitet jetzt in einer Schlachterei. Und Henry ist obdachlos und verdient sich ein paar Münzen, indem er Sinnfragen in der Innenstadt verkauft.

Der Schreibstil ist sehr einfühlsam, wodurch ich mich den Charakteren schnell nah fühlte. Ich entwickelte ein aufrichtiges Interesse für ihr Schicksal. Einige sind sympathischer als andere, doch mit der Zeit begann ich zu verstehen, was sie antreibt und zu ihren Entscheidungen bringt.

Ein Rätsel bleibt jedoch die Frau auf dem Dach. Warum steht sie dort oben? Die Polizei ist schnell da und bringt die ganze Kavallerie mit, Schaulustige versammeln sich. Aber verängstigt sie das nicht mehr, als dass es hilft? Diese Frage stellt sich so mancher, auch Polizist Felix, der mit seinen Fragen nicht zu ihr durchdringen kann. Davon will der Hauptkommissar aber nichts hören.

Und so bleibt die Frau erst einmal auf dem Dach und nimmt damit Einfluss auf das Leben zahlreicher anderer Menschen. Auf diese wirkt sich das Geschehen in ganz verschiedener Weise aus. Jeden von ihnen begleitet man eine Weile und erfährt unterhaltsame, berührende und nachdenklich stimmende Dinge. Die Wege zahlreicher Charaktere überschneiden sich durch die Ereignisse in überraschender Weise und mit der Zeit ergibt sich daraus ein immer vollständigeres Bild der Gesamtsituation.

Insgesamt ist „Der Sprung“ von Simone Lappert ein bittersüßer Roman, der mich packen konnte und mit einer großen Bandbreite an Charakteren und Emotionen in Berührung brachte. Große Leseempfehlung!

Donnerstag, 29. August 2019

Rezension: Spiel des Lebens von Udo Jürgens und Michaela Moritz


Rezension von Ingrid Eßer

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Titel: Spiel des Lebens - Geschichten
Autoren: Udo Jürgens und Michaela Moritz
Erscheinungsdatum: 28.08.2019
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN: 9783100024350
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Der Entertainer Udo Jürgens Bockelmann, besser bekannt unter seinem Künstlernamen Udo Jürgens, wäre im September 2019 85 Jahre alt geworden. In seinen letzten Lebensmonaten plante er gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Michaela Moritz einen Band mit Geschichten. Mit dem Buch „Spiel des Lebens“ ist dieser jetzt erschienen.

In der ersten Erzählung, die bereits einmal in einer Anthologie erschienen ist, schildert Udo Jürgens ein Erlebnis aus seinem Leben am Ende der 1950er Jahre. Die nachfolgenden Geschichten basieren auf wahren Geschehnissen, über die er gelesen oder von denen er gehört hat. Um diese kurzen Meldungen herum schafft er einen breiten Raum in dem seine Vorstellungen über die Begebenheiten lebendig werden. Er lässt sich Zusammenhänge dazu erklären und er besichtigt ein Unternehmen in Fernost, um seine Beschreibungen noch realistischer zu gestalten. Außerdem versucht er die Personen aus den Meldungen aufzuspüren. Er führt Gespräche über die Ereignisse, die ihn bewegen und zum Nachdenken bringen.

Als Leser spürte ich, dass der Autor sich mit den Hintergründen der Storys auseinandergesetzt hat, denn es ist ihm gelungen, seine Eindrücke an mich als Leser zu transportieren. Ich war nicht nur über die Auswahl der Themen überrascht, sondern auch über die Umsetzung. In seinen Geschichten erzählt er vom dienstältesten Kellner einer Bar in Berlin , von einem gehbehinderten Jungen und seinem Vater in Bulgarien, von einem auf dem Balkon tanzenden Jungen in Portugal und von der Leidenschaft eines ghanaischen Jungen fürs Trommeln. Außerdem lässt er den Arbeiter einer indischen Kleiderfabrik zu Wort kommen. Die Erzählungen spielen in verschiedenen Ländern, kulturelle Eigenarten fließen in die Schilderungen ein. Einige Schicksale stimmen traurig, doch immer ließen mich die Entwicklungen auf eine schöne Zukunft für die Protagonisten hoffen.

Udo Jürgens hat gemeinsam mit Michaela Moritz Geschichten in einen wunderbaren Ton gefasst. Sie sind mitten aus dem gelebten Leben gegriffen und bewegen so wie seine Lieder. Mich stimmten einige nachdenklich, denn ganz nebenher schwingt in den Storys Gesellschaftskritik, besonders dort, wo Ungerechtigkeiten anklingen. Gerne vergebe ich hierzu eine Leseempfehlung.

Mittwoch, 28. August 2019

Rezension: Die im Dunkeln sieht man nicht von Andreas Götz


Rezension von Ingrid Eßer

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Titel: Die im Dunkeln sieht man nicht
Autor: Andreas Götz
Erscheinungsdatum: 28.08.2019
rezensierte Buchausgabe: Klappenbroschur mit gestalteten Innenseiten (Leseexemplar)
ISBN: 9783651025875
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Der Kriminalroman „Die im Dunkeln sieht man nicht“ von Andreas Götz spielt im Jahr 1950. Die Abbildung des Isartors auf dem Cover führte mich gleich zum Handlungsort nach München. Die Bundesrepublik Deutschland ist gerade ein paar Monate alt. In Westdeutschland geht der Wiederaufbau voran, doch immer noch können manche Dinge nur über den Schwarzmarkt besorgt werden. Hier werden auch zwielichtige Geschäfte geschlossen, die Drahtzieher bleiben im Verborgenen und die ermittelnden Polizeibeamten stehen immer wieder vor der Schwierigkeit, die Mauer des Schweigens unter den Kriminellen zu durchbrechen.

Ludwig Gruber ist Oberkommissar in München. Im Januar 1950 steht er vor dem Rätsel, warum der Fuhrunternehmer Brandl ermordet wurde. Fraglich ist, ob der Inhalt des geknackten Tresors der Grund, der Diebstahl eines Bilds oder etwas ganz anderes. Als der Schriftsteller Karl Wieners im April von Berlin in seine Heimatstadt zurückkehrt, ist der Fall immer noch nicht gelöst. Ein Freund Karls hat ihn beauftragt, einen Artikel über den Kunstraub aus dem Führerbunker in München am Ende des Weltkriegs zu schreiben. Wenn Karl die Drahtzieher zu der Tat finden würde, könnte er sich darüber nicht nur journalistische Anerkennung verschaffen. Karl hat im Zorn sein Heimathaus hinter sich gelassen, doch seine 17 Jahre jüngere Nichte Magda hat ihn nie vergessen. Gemeinsam mit ihr begibt er sich auf die Suche nach den Dieben. Schon bald bemerkt er, dass auch Ludwig, der ein früherer Mitschüler von ihm ist, nach Kunsträubern sucht. Ob es der oder die gleichen Verbrecher sind?

Andreas Götz hat seinen Roman zu einer interessanten Zeit angesiedelt. Zu Beginn der 1950er Jahre wurden die Lebensmittelkarten abgeschafft. Bis dahin war in München vor allem die Möhlstraße ein Paradies für Schieber- und Schleichhändler. Die Knappheit an Gütern des täglichen Bedarfs hat die Menschen in den Nachkriegsjahren immer raffinierter werden lassen, wenn es um deren Beschaffung ging. Der Autor wählt das Thema als Hintergrund für seinen Kriminalroman, der zwar zu Beginn einen Mord verzeichnet, dann aber erst langsam die Ermittlungen anlaufen lässt und spät zu Ergebnissen führt.

Sehr viel Wert legt Andreas Götz auf das Innenleben seiner Figuren, die mit ihrer Vergangenheit zu kämpfen haben, vor allem an den durch den Krieg erlittenen Verlusten. Karls Schwermut lässt sich durch den Ortswechsel nicht abstreifen. Glückliche Erinnerungen teilt er mit Magda, die zu einem Zwiespalt in seinen Gefühlen führen. Auch Magda erinnert sich gern an ihre Kindheit mit Karl in ihrer Nähe. Sie hat noch nicht ihre Bestimmung im Leben gefunden, vielleicht wegen fehlenden Personen in ihrem Umfeld, denen sie ihr uneingeschränktes Vertrauen schenken kann.

Von den Figuren des Romans wurde mir keine richtig sympathisch, weil jeder Charakter seinem eigenen Willen nachgeht und dabei auch zu Gewalt greift oder sich am Rand des Gesetzes bewegt. Die Rolle von Karls Mutter in der Familie erschien mir undurchsichtig. Aufgrund der zwielichtigen Geschäfte kam es immer wieder zu unerwarteten Handlungen. Die Spannung des Kriminalromans baut sich erst spät auf und bietet zum Schluss hin noch eine überraschende Wendung.

Wer historische Kriminalromane mit viel Zeitgefühl mag, dem empfehle ich das Buch gerne weiter. Es wird eine Fortsetzung geben …

Rezension: Drei von Dror Mishani


Rezension von Ingrid Eßer

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Titel: Drei
Autor: Dror Mishani
Übersetzer: Markus Lemke
Erscheinungsdatum: 28.08.2019
Verlag: Diogenes (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Leseexemplar
ISBN: 97832570842
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Der israelische Autor Dror Mishani bezeichnet seine Geschichte „Drei“ als „Detektivroman“, darüber wunderte ich mich zunächst. Warum die Bezeichnung dennoch treffend ist, lässt sich erst nach dem Lesen abschließend beurteilen. Entsprechend seines Titels ist die Erzählung in drei Teile gegliedert, in denen jeweils eine Frau die Protagonistin ist. Die drei Frauen haben eine Gemeinsamkeit: sie sind auf der Suche, jede auf ihre Art. Außerdem spielt ein Rechtsanwalt in jedem der Abschnitte eine Rolle. Der Haupthandlungsort ist Tel Aviv.

Der erste Teil des Buchs handelt von Oran, die nach einer Scheidung auf der Suche nach einer neuen Liebe ist und sich gleichzeitig sorgt, dass ihr Ex-Mann danach trachtet, den gemeinsamen Sohn für sich und seine neue Familie zu beanspruchen.

Im zweiten Teil steht Emilia im Mittelpunkt der Geschehnisse. Sie ist im lettischen Riga beheimatet und kam über eine Personalvermittlung nach Israel, die sie in die Pflege einer älteren Person vermittelt hat. Jetzt ist sie auf der Suche nach einer neuen Stellung, mit der sie ihren Lebensunterhalt sichern kann.

Ella, die Protagonistin des dritten Teils, schreibt mit 37 Jahren an ihrer Masterarbeit. Ihre Suche hat ganz andere Beweggründe als die von Oran und Emilia.

Die Figuren, die Dror Mishani beschreibt, stehen mitten im Leben. Er vermittelte mir ihre täglichen Ängste und Sorgen, die sich mit der Hoffnung vermischen, dass die Zukunft Möglichkeiten schaffen wird ihren Wunschvorstellungen näher zu kommen. Es ist ein Wechselbad der Gefühle, das die Frauen durchleben, dabei sind sie sehr verschieden. Obwohl jede von ihnen es schätzt, offen und ehrlich zu sein, sind es doch die kleinen Flunkereien von denen sie sich erwarten, dass sie ihnen einen Vorteil verschaffen und nicht weiter ins Gewicht fallen. Allerdings rechnen sie nicht immer damit, dass auch sie selbst durch solche kleinen Lügen betrogen werden könnten. Der Autor spielt mit Wahrheiten und Wünschen und sorgt auf diese Weise immer wieder für unerwartete Wendungen.

Während der Autor mich mit den Problemen einer alleinerziehenden Mutter konfrontiert, baut er subtil im Hintergrund Spannung auf. Im zweiten Teil erwartete ich bereits, dass er die Geschichte nicht geradlinig fortführen wird. Der letzte Abschnitt wechselt vom Schreibstil und Dror Mishani sprach mich als Leserin in der mir von ihm zugedachten Rolle mehrmals direkt an. Der Tonfall wird eindringlicher. Es kommt wieder zu einem überraschenden Twist.

„Drei“ von Dror Mishani entwickelte sich beim Lesen für mich zunehmend spannender, unerwartete Wendungen gestalteten den Roman interessant und lesenswert. Zuviel vom Inhalt kann ich nicht verraten, aber gerne spreche ich eine Leseempfehlung für den Roman aus.

Dienstag, 27. August 2019

[Rezension] King of Scars. Thron aus Gold und Asche - Leigh Bardugo


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King of Scars. Thron aus Gold und Asche
Autorin: Leigh Bardugo
Übersetzerin: Michelle Gyo
Broschiert: 512 Seiten
Erschienen am 20. August 2019
Verlag: Knaur

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Nikolai Lantsov ist der Zar von Rawka, doch er hat ein dunkles Geheimnis. In einigen Nächten verwandelt er sich in ein geflügeltes Ungeheuer, das der Bevölkerung gefährlich werden könnte. Die mächtige Grisha Zoya, die als eine der wenigen sein Geheimnis kennt, kettet ihn deshalb Abend für Abend an sein Bett. Doch das Monster wird mächtiger, und der Frieden in Rawka steht auf wackligen Füßen. Große Festaktivitäten mit den Verbündeten sollen ihn weiter sichern. Doch kann Nikolai seine dunkle Seite kontrollieren, während er im Mittelpunkt steht?

Nina Zenik ist unterdessen als Agentin Rawkas in Fjerda unterwegs und hilft Grisha dabei, außer Landes und in Sicherheit zu fliehen. Aufgrund ihrer besonderen Fähigkeiten hört sie Stimmen, die sie in den Ort Gäfvalle führen, wo Mädchen verschwinden und das Wasser vergiftet ist. Was passiert wirklich in der gut bewachten Fabrik auf dem Berg? Sie ist fest entschlossen, das herauszufinden.

Ich bin ein großer Fan des Grishaverse, weshalb „King of Scars“ für mich ein Must Read war. Es ist der erste Band einer neuen Dilogie, in welcher Nikolai Lantsov im Mittelpunkt steht, den Leser der anderen Bücher bereits kennen. Auch mit Zoya Nazyalensky und Nina Zenik gibt es ein Wiedersehen. Ein Neueinstieg ins Grishaverse ist mit diesem Buch möglich, jedoch versteht man die Charaktere ohne Vorwissen nicht so gut.

Gleich zu Beginn der Geschichte begegnet man Nikolai in seiner Monstergestalt. Er hat es wieder einmal geschafft, aus dem Palast zu entkommen und auf die Jagd zu gehen. Zoya kann ihn mit ihren Fähigkeiten immer wieder aufspüren, doch die Gefahr ist groß, dass sie irgendwann zu spät kommen wird und er einen Menschen getötet hat. Nikolai lässt die Sicherheitsvorkehrungen immer weiter erhöhen, doch das Monster in ihm erstarkt mit beunruhigendem Tempo. Gleichzeitig ist die politische Situation heikel und diplomatische Beziehungen müssen gepflegt werden. Doch wie kann das bewerkstelligt werden, ohne Nikolais Geheimnis zu lüften?

Schnell konnte ich mich in das Dilemma hineindenken, vor dem Nikolai steht. Die politische Lage wird gut verständlich gemacht und ebenso die Gefahr, die von dem Monster in Nikolai ausgeht. Er ist sich seiner Verantwortung bewusst und hat gleichzeitig eine herrlich selbstironische Art, die ich sehr sympathisch finde. Bald nimmt er gemeinsam mit Zoya und einigen weiteren Vertrauten eine gefährliche Reise auf sich, durch welche die Spannung ansteigt.

Ein zweiter Handlungsstrang im Buch dreht sich um Nina Zenik, die in Fjerda unterwegs ist. Sie lenkt sich mit der Rettung von Grisha von ihrer Trauer ab. Ihr Beschluss, das Geheimnis der Fabrik in Gäfvalle zu lüften, macht einen umfassenden Plan erforderlich, der Geduld und Vorsicht erfordert. Schade fand ich, dass ihr Handlungsstrang und der rund um Nikolai zwar zeitlich parallel geschehen, sie sich aber nicht kreuzen. Ich hoffe, dass sie im zweiten Teil zusammengeführt werden - ich hätte zumindest eine Idee, was dazu passieren könnte...

Nach der grandiosen Krähen-Dilogie waren meine Erwartungen an das nächste Buch hoch. Das Wiedersehen mit einigen bereits bekannten und liebgewonnenen Charakteren hat mir sehr gefallen. Indem sie in den Vordergrund rücken erfährt man viel Neues über sie und ihre Vergangenheit. Das Buch stellt die Charaktere vor so manche Herausforderung und konnte mich unterhalten. In Sachen Tempo und Spannung reicht es aber nicht ganz an die Vorgänger heran. Die letzten Seiten stellen die Weichen für den zweiten Band, der verspricht, in dieser Hinsicht eine Steigerung zu bieten. Fans des Grishaverse sollten sich das Buch nicht entgehen lassen!

Sonntag, 25. August 2019

[Rezension] Es wird Zeit - Ildikó von Kürthy


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Es wird Zeit
Autorin: Ildikó von Kürthy
Hardcover: 320 Seiten
Erschienen am 20. August 2019
Verlag: Wunderlich

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Mit der Asche ihrer Mutter im Gepäck macht sich Judith auf den Weg in ihre Heimat Jülich bei Aachen. Dort trifft sie nach einem misslungenen Versuch sich zu verstecken ihre ehemals beste Freundin Anne wieder. Die beiden haben zwanzig Jahre nicht miteinander geredet. Zwanzig Jahre, in denen Judith in Wedel bei Hamburg einen Kompromiss-Mann geheiratet und mit ihm drei Kinder großgezogen hat, ohne je darüber zu sprechen, was damals überhaupt passiert ist. Jetzt bietet sich Judith und Anne die Gelegenheit, ihre Freundschaft vorsichtig wieder aufleben zu lassen. Doch Anne ist schwer krank und weiß nicht, wie lange ihr noch bleibt. Als dann auch noch Judiths Jugendliebe Heiko auftaucht und manche Dinge nicht länger verheimlicht werden können ist es für sie an der Zeit, sich zu fragen, wie es weitergehen soll.

Das Buch beginnt mit einer skurrilen Szene, die mich ins Schmunzeln brachte: Seit Jahren fürchtet sich Judith davor, ihre ehemals beste Freundin wiederzutreffen, und nun liegt sie bei ihrer Begegnung auf einem Grab zwischen zerbrochenen Engeln, weil sich ihr Versteck als unzureichend erwiesen hat. Judith ist eine sympathisch unperfekte Person, bei der ein Besuch in der Heimat so einiges in Bewegung setzt.

Schnell erhält man als Leser einen groben Überblick. Judith ist vor zwanzig Jahren in den Norden verschwunden und hat alle alten Kontakte gekappt, nur um eine Ehe einzugehen, die sie als Kompromiss bezeichnet und bei der augenscheinlich keine romantische Liebe im Spiel ist. Nun sind die drei Kinder aus dem Haus, weshalb sie bis zur Urnenbeisetzung ihrer Mutter eine Weile in Jülich bleiben kann. Die Frage, was damals überhaupt passiert ist, steht dabei als Elefant im Raum.

Bevor es darauf Antworten gibt taucht man jedoch im Nu ein in eine ganze Reihe turbulenter Ereignisse. Zum Beispiel findet sich Judith plötzlich mit ihrem besten Freund Erdal und Anne in einem Schweigekloster wieder, nur um bald festzustellen, dass Regeln dazu da sind, gebrochen zu werden. Erdal bringt als emotionaler und expressiver Charakter Schwung und eine große Portion Humor in die Geschichte.

Durch die Nachricht von Annes Krebserkrankung erhält der Roman eine nachdenkliche Note. Das Thema spielt eine wichtige Rolle, dominiert die Handlung aber nicht, sodass die Stimmung nie gänzlich kippt. Für den Moment freuen Judith und Anne sich über das Wiederaufleben der Freundschaft, doch die Ungewissheit, wie lange sie noch Zeit miteinander verbringen könnten, ließ mich das Geschehen mit einem lachenden und einem weinenden Auge verfolgen.

Judith kommentiert ihre aktuelle Lebenssituation als knapp vor dem 50. Geburtstag stehende Frau, deren Kinder aus dem Haus sind und die mit ihren Bifokallinsen mehr schlecht als recht sieht, mit sarkastischen Ton. Immer wieder bringt sie Dinge überaus treffend auf den Punkt. In der persönlichen Reflektion und beim gemeinsamen Schwelgen in Erinnerungen mit Anne erfährt man auch immer mehr über Judiths altes Leben vor ihrem Weggang. Schließlich gelangt sie an den Punkt, an sie die Wahrheit aussprechen muss. Nach und nach werden Geheimnisse gelüftet, die vieles in neuem Licht erscheinen lassen und mich bis zum Schluss überraschen konnten.

„Es wird Zeit“ ist ein Roman voller verrückter Zufälle und amüsanter Ereignisse, bei dem vieles anders kommt als gedacht. Aber auch ernste Töne werden angeschlagen rund um Annes Erkrankung und die Frage, ob die Zeit gekommen und die Kraft vorhanden ist, sein Leben grundlegend zu ändern. Der Roman richtet sich vor allem an Frauen im Alter der Protagonistin, also rund um die 50. Aber auch mich konnte die Geschichte unterhalten und ins Nachdenken bringen.
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