Freitag, 21. Juni 2019

[Rezension] Meistens kommt es anders, wenn man denkt - Petra Hülsmann

 

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Meistens kommt es anders, wenn man denkt
Autorin: Petra Hülsmann
Taschenbuch: 512 Seiten
Erscheinungsdatum: 31. Mai 2019
Verlag: Bastei Lübbe

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Voller Elan beginnt Nele ihren neuen Job in der Hamburger PR-Agentur M&T. Sie ist fest entschlossen, dort Karriere zu machen, nachdem sie ihre alte Agentur nach der Trennung von ihren Freund und Kollegen Tobi freiwillig verlassen hat. Der Start verläuft reibungslos - bis der zweite Agenturinhaber Claas Maurien aus dem Urlaub kommt. Gemeinsam mit ihm soll sie an einer Imagekampagne für einen Politiker arbeiten, der Bürgermeister werden will. Dabei bringt er ihren Entschluss, den Männern abgeschworen zu haben, ganz schön ins Wanken. Und das als ihr Chef! Auch privat ist bei Nele einiges los, denn ihre Eltern wollten nach dreißig Jahren als Paar heiraten und ihr Bruder Lenny, der das Down-Syndrom hat, will ausziehen und sich einen neuen Job suchen.

Die Protagonistin Nele habe ich in Petra Hülsmanns vorherigem Buch „Wenn’s einfach wär, würd’s jeder machen“ schon kennengelernt. Deshalb freute ich mich darauf, mehr über sie zu erfahren. Die Trennung von ihrem Freund Tobi hat sie inzwischen halbwegs verdaut und ist bereit für einen beruflichen Neustart, während sie in Liebessachen eine Pause einlegen will.

Schnell war ich mittendrin in der Geschichte und in Neles trubeligem Leben. Langeweile kennt sie nicht. In der neuen Agentur ist viel zu tun und bei die Imagekampagne für einen Politiker ist ihre Chance, sich zu beweisen. Als ihr Kollege, der mit ihr an der Kampagne arbeitet, um Hilfe fragt, sagt sie natürlich zu. Auch als Trauzeugin ihrer Mutter übernimmt sie zahlreiche Aufgaben rund um die Vorbereitung. Und ihren Bruder Lenny, der ausziehen und Tierpfleger werden will, unterstützt sie bei der Recherche.

Nele ist jemand, der gern gebraucht wird und aufpassen muss, dass sie dabei nicht ausgenutzt wird. Ich war neugierig, ob sie im Laufe des Buches lernt, sich besser abzugrenzen und auch mal Nein zu sagen. Da es rund um ihre tausend ToDos viel zu erzählen gibt, verfliegen die Seiten nur so. Besonders gut gefallen hat mir Neles Bruder Lenny. Die Autorin thematisiert einfühlsam das Thema Down-Syndrom mit allem, was dazugehört. Das fügt sich gelungen in die Geschichte ein und bringt ins Nachdenken, ohne dass es belehrend wirkt.

Von Beginn an fühlt sich Nele zu ihrem Chef Claas hingezogen, will die Gefühle aber um keinen Preis zulassen. Die beiden verbringen aufgrund der Kampagne, an der sie gemeinsam arbeiten, viel Zeit miteinander und lernen sich besser kennen. Das ist für Neles Entschluss genauso wenig hilfreich wie Claas‘ süße Hündin Sally, die ihr sofort ans Herz wächst. Das Buch liest sich leicht und schafft ein warmes, fluffiges Gefühl, das durchweg anhält. Für meinen Geschmack lief alles ein bisschen zu glatt und nur mit wenigen ganz kurzen Krisen ab. Eine Feelgood-Lektüre, in der die Liebe nicht zu kurz kommt, aber auch Familie und das Thema Down-Syndrom eine wichtige Rolle spielen!

Donnerstag, 20. Juni 2019

Rezension: Marina, Marina von Grit Landau


Rezension von Ingrid Eßer

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Titel: Marina, Marina
Autorin: Grit Landau
Erscheinungsdatum: 02.05.2019
rezensierte Buchausgabe: Klappenbroschur mit gestalteten Klappen
ISBN: 9783426281994
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Der Roman „Marina, Marina“ wurde nach dem gleichlautenden italienischen Hit der 1960er Jahre von Rocco Granata benannt, der ebenfalls in Deutschland ein sehr großer Erfolg war. Auch die Protagonistin des Romans von Grit Landau, dem Pseudonym einer deutschen Autorin, heißt Marina. Überhaupt spielt Musik eine große Rolle im realen Leben der Autorin wie auch in ihrem Roman. Die Geschichte, die sie in ihrem Buch erzählt, beginnt im Jahr 1960, spielt in Episoden und endet zunächst 1968. Jedes Jahreskapitel ist mit einem Hit aus den italienischen Charts dieser Zeit betitelt und umfasst ein oder mehrere Unterteilungen. Die Lieder sollten fast jedem Leser bekannt sein und sorgten während des Lesens bei mir für Ohrwürmer.

Nicht nur die handelnden Figuren sind fiktiv, sondern auch der Handlungsort Sant’Amato an der ligurischen Riviera. Grit Landau hat den Ort in der Nähe von Imperia angesiedelt und mit zahlreichen Dorfbewohnern besiedelt. In Imperia habe ich vor ein paar Jahren selbst Urlaub gemacht und so habe ich mich durch die Beschreibungen der Autorin gerne wieder daran zurück erinnert an die vielen engen Straßen, das quirlige Miteinander und das karge Hinterland. Vor allem zwei Familien spielen im Roman eine bedeutende Rolle: Zum einen ist es die Familie des Lanteri, die Oliven anbaut und verarbeitet, zum anderen die Familie Vassallo, die im Ort einen Friseursalon betreibt. Alle anderen Charaktere, denen im Buch eine mehr oder weniger wichtige Rolle zukommt, stehen zu ihnen in verwandtschaftlicher oder freundschaftlicher Beziehung. Zu Beginn der Geschichte findet sich zur besseren Übersicht und für ein kurzes Nachschlagen während des Lesens eine nützliche Auflistung der Charaktere.

Marina Vasallo stammt eigentlich aus ärmlichen Verhältnissen in Rom. Sie ist ihrem Gatten an die Riviera gefolgt. Gemeinsam haben sie zwei Kinder im Teenageralter. Nini, der halbwüchsige Sohn des Olivenbauern Davide Lanteri, ist unglücklich in sie verliebt. Aber niemand weiß, dass Marina ihrerseits ihr Herz an jemand anderen verschenkt hat. Außereheliche Affären wurden damals mit Strafen belegt und so scheint es für Marina und ihren Geliebten keine Zukunft zu geben. Grit Landau lässt auch ein Erlebnis in ihren Roman einfließen, das ihre Mutter in den 1960 selbst erlebt hat, und verbindet es mit einer weiteren romantischen Liebesgeschichte.

Zunächst ist es eine kleine Herausforderung sich an die italienischen Wörter zu gewöhnen, die die Autorin einflechtet, die allerdings eine typische Stimmung wie man sie vom Urlaub in Italien her kennt zaubern. In einem Glossar im Anhang konnte ich die Übersetzung nachschlagen, wenn sie sich nicht aus dem Textzusammenhang ergeben hat. Doch Sprache und Figuren im Blick zu behalten lohnt sich und es entspinnt sich eine Erzählung mit zahlreichen Intrigen und Verwicklungen eines ganzen Dorfs. Ich merkte rasch, dass im Hintergrund noch einige Geheimnisse in der Vergangenheit lauern, die das Verhalten einiger Bewohner in bestimmten Situationen begründen könnten und deren Schatten bis in den Zweiten Weltkrieg zurück reichten. Die Autorin schreibt dazu ein eigenes Kapitel im Anschluss an das Jahr 1968, das offene Fragen und viele Zusammenhänge klärt. Als Historikerin verbindet die Autorin hierin geschickt geschichtliche Ereignisse mit dem fiktiven Schicksal des Ortes Sant’Amato. Beendet wird der Roman mit einem Sprung ins Jahr 1980, was ich als Leser besonders angenehm fand, denn dort durfte ich erfahren, welche Entwicklungen die mir sympathisch gewordenen Figuren inzwischen durchlaufen hatten.

„Marina, Marina“ ist eine Spiegelung des Lebens der Bewohner eines italienischen Dorfs an der ligurischen Riviera. Dabei thematisiert Grit Landau deren Wünsche, Träume und Vorstellungen von einer sinnerfüllten Zukunft, die jedoch den orts- und familiengegebenen Abhängigkeiten bei der Verwirklichung unterliegen. Gerade das macht den Roman realistisch und nachvollziehbar. Gerne empfehle ich ihn weiter.

Sonntag, 16. Juni 2019

Rezension: Stumme Patientin von Alex Michaelides


Rezension von Ingrid Eßer

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Titel: Die stumme Patientin
Autor: Alex Michaelides
Übersetzerin: Kristina Lake-Zapp
Erscheinungsdatum: 02.05.2019
rezensierte Buchausgabe: Klappenbroschur mit gestalteten Klappen
ISBN: 9783426282144
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Die stumme Patientin im gleichnamigen Psychothriller von Alex Michaelides heißt Alicia Berenson. Sie ist Malerin und wird mit blutigen Schnitten an ihren Armen neben ihrem toten Ehemann gefunden. Alles deutet darauf hin, dass sie ihren Gatten an einen Stuhl gefesselt und anschließend mit fünf Schüssen auf den Kopf getötet hat. Inzwischen lebt sie seit sechs Jahren in der geschlossenen Abteilung einer psychiatrischen Anstalt. Seit dem Mord spricht sie kein einziges Wort und verweigert sich jeder Therapie. Über ein Bild von ihr wird immer noch gerätselt, ob es in Bezug zur Tat stehen könnte. Es entstand während ihres Hausarrests nach dem Verbrechen und thematisiert eine griechische Sage.

Theo Faber ist ein engagierter Psychotherapeut, der dem Fall von Beginn an viel Aufmerksamkeit gewidmet hat. Als in der Sicherheitsabteilung, in der Alicia eingewiesen ist, eine Stelle frei wird, bewirbt er sich darum und wird angenommen. In der Folgezeit setzt er alles daran, die Geschehnisse in der Nacht der Tat aufzuklären. Er fungiert in diesem Psychothriller als Ich-Erzähler. Dadurch konnte ich auch an seinen Gefühlen teilhaben. Hielt ich ihn zunächst für absolut integer, so stellte sich im Laufe der Geschichte heraus, dass er eine schwierige Kindheit hatte und selbst immer noch mit psychischen Problemen kämpft. Erstaunlich ist sein Wissen und sein Interesse über die einzelnen Details der Gewalttat.

Seine Erzählung wird durch einige Kapitel im Buch unterbrochen, in denen ich im Tagebuch von Alicia über die letzten Wochen vor dem Mord lesen konnte. Ein erster Hinweis darauf wurde im Prolog gegeben. Doch was ursprünglich als „freudige Aufzeichnung von Ideen und Bildern“ der Titelfigur gestartet wird, geht bald über in düstere Schilderungen.

Nach einigen Seiten begann ich unwillkürlich mit zu rätseln, was sich tatsächlich in der Mordnacht ereignet hat. Obwohl Alicia durch ihr mündliches und schriftliches Schweigen keine Hinweise geben kann, präsentiert Alex Michaelides einige eventuelle Mitwisser an den Ereignissen. Natürlich habe ich ständig darauf gehofft, dass es Theo gelingen wird, das Schweigen von Alicia zu brechen. Ich fand es interessant, dass der Autor, der selbst eine Ausbildung zum Psychotherapeuten absolviert hat, einige Einblicke in Therapiemethoden gibt. Es ist ein ständiges Hin und Her zwischen kleinen Weiterentwicklungen und Rückschritten im Verhalten von Alicia was die Spannung noch steigerte, denn der Weg zur Aufklärung der Tat war steinig. Neben seinem Vorgehen bei der Arbeit schildert Theo auch seine Eheprobleme und seinen Umgang damit. Er präsentiert sich einerseits als guter Therapeut, andererseits aber auch als Mensch mit Ecken und Kanten.

„Die stumme Patientin“ ist ein Psychothriller bei dem die Spannung auf subtile Art und Weise von Alex Michaelides herbeigeführt wird und bis zum Schluss nicht abbricht. Trotz möglicher eigener Lösungsansätze, die beim Lesen automatisch Gestalt annehmen, überrascht der Autor zum Ende mit einer großen Wende. Gerne gebe ich hierfür eine Leseempfehlung an alle Thrillerfans.

Donnerstag, 13. Juni 2019

[Rezension] Ein Haus auf dem Land / Eine Wohnung in der Stadt - Jan Brandt


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Ein Haus auf dem Land / Eine Wohnung in der Stadt
Autor: Jan Brandt
Hardcover: 424 Seiten
Erscheinungsdatum: 17. Mai 2019
Verlag: DuMont Buchverlag

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Jan Brandt lebt als Autor in Berlin. Als ihm seine aktuelle Wohnung, in der er schon mehrere Jahre lebt, aufgrund von Eigenbedarf gekündigt wird, muss er sich wieder auf die Suche begeben. Dabei muss er feststellen, dass sich die Situation auf dem Berliner Wohnungsmarkt seit seiner letzten Suche deutlich verschärft hat. In dieser Zeit überlegt er auch, in sein Heimatdorf Ihrhove in Ostfriesland zurückzukehren und dort ein Haus zu kaufen. Als er entdeckt, dass der Hof seiner Vorfahren zum Verkauf angeboten wird, überlegt er, zuzuschlagen. Doch das Gebäude ist stark renovierungsbedürftig und der Kredit wäre eine große Belastung, wenn überhaupt einen erhält.

Mir hat die Idee sehr gefallen, das Buch als Wendebuch zu gestalten und damit zwei Gegensätze gegenüberzustellen. Das führte aber auch zur ersten großen Frage vor dem Lesen: Womit starte ich? Dem Haus auf dem Land oder der Wohnung in der Stadt? Ich entschied mich für die etwas dünnere Haus-Geschichte. Ich bin selbst auf dem Land aufgewachsen und habe eine schöne und bezahlbare Wohnung in einer Großstadt zu gefunden. Insofern war ich neugierig, welche Erfahrung der Autor mit Stadt und Land gemacht hat.


Zu Beginn der Haus-Geschichte holt Jan Brandt weit aus und erzählt in nüchternem Ton die Geschichte seiner Vorfahren und eine Episode, in der er in Amerika ein Haus seiner Vorfahren besucht hat. Es folgt die Geschichte rund um den Hof seiner Vorfahren in Ostfriesland. Fakten über Fakten erwarteten mich, die mir den Einstieg nicht leicht machten. Erst nach 50 Seiten kommt der Autor im Jahr 2016 an, in dem er entdeckt, dass der Hof zum Verkauf steht. Er berichtet davon, wie er abwägt, ob er das Geld auftreiben kann und sich die Investition wirklich lohnt.

Die Geschichte rund um das Haus ist eigentlich schnell erzählt. Dass sie trotzdem auf über 180 Seiten kommt liegt daran, dass alles sehr ausschweifend erzählt wird. Da gibt es zum Beispiel seitenweise Geplauder mit den alten Klassenkameraden ebenso wie 30 Seiten pure Auflistung historischer Ereignisse, die seit dem Bau des Hofs geschehen sind. Ohne Jahreszahlen. Das ist ein künstlerischer Ansatz, aber Lesen wollte ich das Kapitel dann doch nicht.

Die Haus-Geschichte ein paar interessante Feststellungen rund um die Veränderung der Wohn- und Geschäftssituation auf dem Land bereit, hat mich insgesamt aber gelangweilt, weshalb ich meine Hoffnungen auf die Stadt-Geschichte setzte. Diese hat mir tatsächlich besser gefallen, denn Storys rund um Wohnungsbesichtigungen zeigen immer wieder anschaulich, wie weit der Mietirrsin gekommen ist.

Der Autor gibt Einblicke, in welchen Wohnungen in Berlin er früher gewohnt hat, was er 2016 an seiner aktuellen Wohnung so schätzt und weshalb er die Kündigung nicht hinnehmen will. Man begleitet ihn auf zahlreichen Besichtigungen ebenso wie beim Versuch, Beweise für die Hinfälligkeit der Kündigung zu sammeln. Bei letztem wird vor allem erzählt, wie er sich auf die Lauer legt, um seinem Vermieter nachzuweisen, dass der woanders wohnt als angegeben. Trotz interessanterem Inhalt kommt auch hier das große Manko des Buches wieder zum Tragen: Die Ausführlichkeit. Die Erlebnisse des Autors, während er stundenlang herumsteht und wartet, sind zwar ein gutes Symbol für seine Verzweiflung, aber inhaltlich nicht sonderlich lesenswert.

Aus der Stadt-Geschichte nehme ich insgesamt noch mehr Erkenntnisse mit als aus der Haus-Geschichte. Unterm Strich ist dieser Selbsterfahrungsbericht für meinen Geschmack jedoch viel zu ausschweifend geraten, weshalb ich knappe drei Sterne vergebe.

Dienstag, 11. Juni 2019

Rezension: Am Tag davor von Solj Chalandon


Rezension von Ingrid Eßer

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Titel: Am Tag davor
Autor: Sorj Chalandon
Übersetzerin: Brigitte Große
Erscheinungsdatum: 18.04.2019
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Leseband
ISBN: 9783423281690
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Michel und sein 14 Jahre älterer Bruder Joseph Flavent sind die Protagonisten des Romans „Am Tag davor“. Der Autor des Buchs, der Franzose Solj Chalandon lässt Michel in der Ich-Form seine Geschichte in der Gegenwart mit Rückblick auf seine Jugend erzählen, während Joseph bereits vor vielen Jahren verstorben ist. Noch am Tag vor dem großen Grubenunglück in Liévin am 27.12.1974 brausten die Brüder auf dem Moped von Joseph durch die Straßen der kleinen Stadt bis zur Steinkohlenzeche, in der der Ältere arbeitete.

Joseph hatte sich dagegen entschieden, den Bauernhof des Vaters zu übernehmen. Am nächsten Morgen war er für die Frühschicht eingeteilt. Michel übernachtete zu dieser Zeit einige Tage in der Wohnung seines Bruders, doch als er erwachte war seine Schwägerin nicht da. Eine seltsame Stille lag über dem Ort, denn die Förderung wurde aufgrund des Unglücks in der Zeche eingestellt. Doch Joseph gehörte nicht zu den Toten. Die Familie besucht den Verletzten, im Koma liegenden Sohn, Bruder und Ehemann im Krankenhaus. Er stirbt etwa vier Wochen später. Immer wieder weist der Autor auf den Umstand hin, dass Joseph nicht die Ehrerbietung erfährt wie die anderen Verstorbenen des Grubenunfalls. Für Michel wird die vom Vater gewünschte Rache für das Unglück fortan zum Lebenszweck.

Der Roman teilt sich in zwei Erzählstränge. Etwa bis zur Hälfte der Seitenzahlen erzählt Michel vom Tod seines Bruders und dem sich für ihn daraus ergebenden lebenslangen Sinnen nach Rache. Daneben liest sich aus den Zeilen aber auch die Traurigkeit über einen weiteren schweren Verlust. Im zweiten Erzählstrang erzählt Michel vom Prozess der ihm gemacht wird, nachdem er endlich der Verpflichtung seinem Vater gegenüber nachgekommen ist und Rache genommen hat. Das klingt zunächst nach einer gradlinigen Abfolge von Ereignissen, die zu einem schlüssigen Ende führt. Doch so einfach macht der Autor es dem Leser nicht. Denn Michel trägt eine große Schuld mit sich, deren Begreifen sich für den Leser erst zum Ende hin öffnet.

Zu Beginn erlebte ich Michel als Teenager mit großen Träumen für seine Zukunft. Doch sein Leben ist geprägt von der Angst der Eltern vor der Grubenarbeit in der Zeche, denn sie haben ein Familienmitglied dadurch verloren. Für Michel aber hat Joseph Vorbildcharakter. Wer sich mit der Arbeit eines Bergmanns unter Tage beschäftigt weiß, dass hier Kameradschaft gelebt wird und hierin ein hoher Anreiz zu finden ist. Dabei wird die Gefahr für die Gesundheit häufig verdrängt und doch quälten sich viele und starben früher oder später auch oft an der sogenannten Staublunge. Bei beiden meiner Onkel, die im Steinkohlenabbau gearbeitet haben, war das ebenfalls so. Das Thema stellt Sorj Chalandon in den Vordergrund und zeigt mit dem Unglück was passiert, wenn ein Kumpel aus der Solidaritätsgemeinschaft ausweicht. Eindringlich betont er, dass Nachlässigkeiten nicht mehr zu heilen sind und eine ganze Stadt in Verzweiflung stürzen kann. Für Michel trägt seine Umgebung überall die Erinnerung an seinen Bruder, so dass er bereits in jungen Jahren die Heimat verlässt.

Gefühlsmäßig noch intensiver erlebte ich die Gerichtsverhandlung, bei der ich die Gründe für Michels Handlungen im weiteren Verlauf der Geschichte nach dem Grubenunglück immer besser verstehen lernte und ihm immer tiefer ins Herz blicken durfte.

Solj Chalandon gelingt es mit „Am Tag davor“ ein historisches Ereignis von großer allgemeiner Bedeutung mit einem fiktiven Einzelschicksal gekonnt zu verknüpfen. Dabei überrascht er den Leser mit einer unerwarteten Wendung durch die seine Erzählung eine ganz andere Richtung nimmt. Sein Roman ist bewegend, erschütternd und wirkt noch lange nach.

Montag, 10. Juni 2019

[Rezension] Mortal Engines. Die verlorene Stadt - Philip Reeve


 

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Mortal Engines. Die verlorene Stadt
Autor: Philip Reeve
Übersetzer: Gesine Schröder und Nadine Püschel
Taschenbuch: 576 Seiten
Erscheinungsdatum: 22. Mai 2019
Verlag: FISCHER Tor

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Nach den Ereignissen in Brighton ist Theo in seine Heimat Zagwa zurückgekehrt. Während sich alles in die Zitadelle der Stadt drängt, wo eine Delegation des Grünen Sturms unter der Leitung von Lady Naga mit der Königin und dem Stadtrat verhandelt, schwingt er sich lieber mit seinem Drachen in die Lüfte. Deshalb ist er der einzige, der den Raketenangriff auf die Zitadelle bemerkt und im letzten Moment verhindert. Damit gerät Theo erneut ins Visier des Grünen Sturms, dem er eigentlich aus dem Weg gehen wollte.

Wren und Tom sind währenddessen mit der Jenny Haniver unterwegs. Als Tom in einem Lufthafen glaubt, eine ehemalige Historikerkollegin aus London gesehen zu haben, kommt ihm ein Verdacht, dem er unbedingt nachgehen will. Hester hingegen verdingt sich mit Shrike an ihrer Seite als Kopfgeldjägerin. Auch Fishcake hat eine Begleitung gefunden, deren Plan nichts Gutes verheißt.

Nun ist auch der vierte und letzte Band des Mortal Engines Quartett in der Neuauflage erschienen. Nachdem der vorherige Band zum Ende hin richtig Fahrt aufnahm war ich gespannt, wie dieses Buch an die Ereignisse anknüpfen wird. Das Tempo war von Beginn an hoch. Schon auf den allerersten Seiten verhindert Theo einen Anschlag und Tom kommt dem großen Geheimnis auf die Spur, das durch Titel und Cover angeteasert wird.

Es gibt viel zu erzählen in diesem Buch, denn zahlreiche Dinge sind in Bewegung geraten. Gestört hat mich, dass manche Charaktere wieder und wieder aus dem Hut gezaubert werden. Diese stehen jetzt aber vor neuen Herausforderungen und ich war neugierig, wie sie sich schlagen werden. Es gibt mehrere parallele Handlungsstränge und die Geschichte springt oft zwischen diesen hin und her, wodurch das Tempo durchgängig hoch blieb.

Als Leser erhält man die Gelegenheit, die bekannten Charaktere noch besser kennenzulernen. Die Ereignisse der bisherigen Bände sind an ihnen nicht spurlos vorübergegangen. Reue, Schuld- und Rachegefühle werden thematisiert, aber auch Loyalität und Liebe. Neue Charaktere werden hingegen nur noch wenige eingeführt, niemanden davon lernt man ausführlicher kennen.

Nachdem mich der Vorgänger nicht durchweg packen konnte, ist Philip Reeve mit „Die verlorene Stadt“ ein abwechslungsreicher letzter Band gelungen. Die Geschichte konnte mich packen, immer wieder überraschen und bot sowohl actionreiche als auch emotionale Momente. Ein absolut gelungener Abschluss des Mortal Engines-Quartetts, der Fantasy-Fans zu begeistern weiß!
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