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Samstag, 27. Juni 2026

Rezension: Kein Sommer ohne August von Lucy Astner

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Kein Sommer ohne August
Autorin: Lucy Astner
Erscheinungsdatum: 01.06.2026
Verlag: Lübbe (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Klappenbroschur
ISBN: 978375770229

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Mit dem Roman „Kein Sommer ohne August“ hat die Autorin Lucy Astner nach eigener Aussage ein Buch geschrieben, wie sie selbst ihn gerne lesen würde. Bereits die sommerlich frische Gestaltung mit Farbschnitt ist ein Eyecatcher und lässt erahnen, dass die Handlung am Meer spielt. Doch die 32-jährige Protagonistin Charlie, die inzwischen in London in einer Event-Agentur arbeitet, kehrt nicht wegen der faszinierenden Umgebung oder aufgrund eines Urlaubs an ihren früheren Wohnort Liberty Beach zurück. Vielmehr sind es einige kurze Zeilen ihres Jugendfreunds August Green, die sie veranlasst haben, nach zehn Jahren in den Nordosten der USA heimzukehren, jedoch nur für wenige Tage.

Charlies Mutter war alleinerziehend und verfügte nur über geringe finanzielle Mittel. Mit elf Jahren lernt Charlie bei einem Vorfall, der ihr später peinlich ist, in der örtlichen Buchhandlung von Liberty Beach den Enkel der Inhaberin kennen. August ist etwa gleich alt und lebt mit seinen Eltern in New York. Seine dreiwöchigen Ferien verbringt er jedes Jahr bei seiner Großmutter Molly. Über zwölf Sommer hinweg erneuern Charlie und August ihre Freundschaft immer wieder und teilen ihre Liebe zu Geschichten und Büchern.

Lucy Astner versteht es ausgezeichnet, das Geheimnis lange zu bewahren, welches die tiefe Verbundenheit der beiden eines Tages erschüttert und Charlie dazu veranlasste, ihre Heimat zu verlassen. Dass August von ihr bereits auf den ersten Seiten der Geschichte als der größte Fehler ihres Lebens bezeichnet wird, deutet auf die Schwere des Konflikts hin. Der Roman entfaltet sich auf zwei Zeitebenen und wechselt zwischen der Gegenwart und den damaligen Sommern, die in chronologisch erzählt werden.

Für Charlie wird die Buchhandlung von Augusts Großmutter zum Zufluchtsort. Die Beziehung zu ihrer Mutter ist problembelastet. In der Buchhandlung hilft sie Molly und darf in die Geschichten zwischen den Buchseiten eintauchen, was ihr dabei hilft, die Gegenwart auszublenden. Die gemeinsamen Tage mit August sind geprägt von guten Gesprächen über Bücher, jedoch schleicht sich zunehmend ein deutlich stärkeres Gefühl als Zuneigung in ihre Freundschaft ein.

Die langen Monate zwischen den Sommern werden zu einer Zerreißprobe ihrer Beziehung. Die räumliche Distanz nährt das Misstrauen darüber, welche Kontakte der jeweils andere in der Zwischenzeit pflegt. Charlies Argwohn wird zusätzlich dadurch verstärkt, dass August ihr gegenüber ruhig und zurückhaltend wirkt, während er anderen gegenüber offen und humorvoll auftritt. In ihrem Schmerz zieht sie sich zurück, statt die Möglichkeit einer Aussprache zu nutzen. Außerdem begleitet Charlie über die Jahre hinweg eine Vorstellung ihrer Mutter, die die Liebe mit einer Rolltreppe vergleicht und dafür sorgt, dass sie ihre eigenen Gefühle zu verbergen sucht.

Der Roman „Kein Sommer ohne August“ von Lucy Astner ist ein atmosphärisch dichter Coming-of-Age-Roman mit einer originellen Liebesgeschichte, der von der Magie heißer Sommertage und dem Duft von Büchern begleitet wird. Gerne empfehle ich das Buch weiter.

Dienstag, 10. März 2026

Rezension: Fünf Fremde von Romy Fölck

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Fünf Fremde
Autorin: Romy Fölck
Erscheinungsdatum: 02.03.2026
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Farbschnitt
ISBN: 9783757701833
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An einem windigen Oktobermorgen befinden sich neben anderen Passagieren auch vier Frauen und ein Mann im Salon einer Fähre, deren Ziel die nur etwa drei Quadratmeter große Insel Neuwerk ist. Sie sind die Protagonist*innen des nach ihnen benannten Thrillers „Fünf Fremde“ von Romy Fölck. Der Untertitel „Nur einer kennt das tödliche Geheimnis, das sie alle verbindet“ weckt die Neugier darauf, hinter die Fassade der Figuren zu blicken.

Eine der Fremden ist Annika, 43 Jahre alt und Kriminalkommissarin in Hamburg. Sie hat um Freistellung gebeten, um sich auf Neuwerk um ihre demente Mutter zu kümmern. Aber nur sie selbst kennt den wahren Grund für ihre Auszeit. Erst spät erkennt sie, wer die Nonne ist, die sich ebenfalls an Bord befindet und die angeblich von ihrer Mutter eingeladen wurde, obwohl Annika stark daran zweifelt, dass diese dazu überhaupt in der Lage ist.

Sinje hingegen lebt in Rom und schreibt an einem True-Crime-Krimi. Sie wird von der Nachricht nach Neuwerk gelockt, dass sich dort das Verschwinden eines Jugendlichen zum dreißigsten Male jährt. Es bleibt zunächst rätselhaft, wer ihr diese Information zugespielt hat. Auch der Meteorologe Mats hat eine Mitteilung erhalten, die ihn auf die Insel führt. Sein beruflicher Werdegang wird ebenfalls von einem Geheimnis überschattet. Die fünfte Hauptfigur ist Michelle, eine junge Frau, die sich darum beworben hat, demnächst auf einer unbewohnten Nachbarinsel von Neuwerk als Vogelwartin zu arbeiten. Der Grund für ihren Jobwechsel bleibt zunächst im Dunkeln.

Mit der Insel Neuwerk hat Romy Fölck ein wunderschönes Setting für ihren Thriller gefunden. Sie lässt viel Lokalkolorit einfließen, so dass man sich am Ende beinahe wünscht, diesen abgelegenen Ort selbst zu besuchen. Gleich zu Beginn werden zahlreiche Fragen aufgeworfen. Bereits während der stürmischen Überfahrt ereignet sich ein Unfall, in den auch die Protagonist*innen verwickelt sind.

Während sich in der Gegenwart die Spannung langsam steigert, unterbrechen Kapitel mit Rückblicken auf Geschehnisse im Sommer 1995 die Handlung. Dem Lesenden wird bald deutlich, dass die damaligen Ereignisse eng mit den aktuellen Begebenheiten verknüpft sind. Nach und nach erschießt sich, was die Hauptfiguren nach Neuwerk führt.

Die Wetterkapriolen sorgen dafür, dass die Spannung im letzten Drittel zeitweise ins Stocken gerät. Obwohl sich am Anfang schnell ein Lesesog bei mir einstellte, vor allem weil ich die Geheimnisse und Hintergründe der Protagonist*innen ergründen wollte, fiel mir auf, dass die Führung der Figuren nicht immer geschickt war. Um so viele Rätsel wie im Thriller aufzuwerfen, bedarf es einer komplexen Konstruktion. Diese ist zwar gegeben, wirkt gelegentlich aber gestellt, wozu auch das Ende gehört, welches jedoch für eine überraschende Wendung mit Auflösung sorgt.

Der Thriller „Fünf Fremde“ von Romy Fölck kombiniert ein Closed-In Szenario mit einem atmosphärischen Handlungsort. Die interessante Ausgangsidee, eine psychologisch tiefgründige  Figurengestaltung, mysteriöse Rätsel und miteinander verwobene Lebensgeschichten überdecken kleine Schwächen der Geschichte und sorgen für unterhaltsame Lesestunden.


Dienstag, 17. Februar 2026

Rezension: Hazel sagt Nein von Jessica Berger Gross

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Hazel sagt Nein
Autorin: Jessica Berger Gross
Übersetzerin aus dem amerikanischen Englisch: Angela Koonen
Erscheinungsdatum: 02.02.2026
Verlag: Lübbe (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Leseexemplar als Softcover
ISBN: 9783757701963
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Der Titel des Romans „Hazel sagt Nein“ nimmt die entscheidende Antwort der 18-jährigen Protagonistin auf die Aufforderung ihres Direktors vorweg, mit ihm eine sexuelle Beziehung einzugehen. Die US-amerikanische Autorin Jessica Berger Gross entfaltet ihre Geschichte rund um diesen verstörenden und lebensverändernden Moment von Hazel Blum im Büro des Schulleiters.

Hazel ist mit ihren Eltern und ihrem elfjährigen Bruder Wolf im Sommer von Brooklyn in die Kleinstadt Riverburg in Maine gezogen, nachdem ihr Vater dort eine Professur für Amerikanistik angenommen hat. Zunächst ahnen weder Hazel noch ihre Familie, welche weiten Kreise der Vorfall im Büro der Schule ziehen wird, denn die Protagonistin schweigt nicht über das unmoralische Angebot. Ihre Eltern wenden sich an die Präsidentin des Colleges, um Rat zu suchen.

Von Hazel wird es zunächst nicht gewollt, dass das Thema in die Öffentlichkeit gerät. Jedoch greifen Journalisten den Fall auf, wodurch das mediale Interesse wächst. Jessica Berger Gross beleuchtet dabei sowohl Schattenseiten als auch die möglichen Vorteile durch das Rampenlicht, in das Hazel gerät. Besonders eindringlich schildert sie die Auswirkungen auf die einzelnen Familienangehörigen, allen voran für den feinfühligen Wolf, der ausgerechnet mit der gleichaltrigen Tochter des Direktors endlich eine Schulfreundin gefunden hat.

Die Bewohner von Riverburg sind gespalten, wem sie glauben sollen, denn es steht Aussage gegen Aussage. Wie zu erwarten war, stellt der Schulleiter die Situation so dar, als habe seine Schülerin ihn verführen wollte. Er ist ein angesehener Mann, der für die Schule bereits einiges erreicht hat. Es ist erstaunlich, dass er bisher noch von keiner Schülerin angezeigt wurde, denn er hat frühere unmoralischen Beziehungen Hazel gegenüber erwähnt. Auch für ihn und seine Familie hat Hazels „Nein“ Konsequenzen.

Die Autorin versteht es, den Ernst der Lage immer wieder mit feinem Humor aufzuheitern. Sie ist stark darin, die Gefühle und inneren Konflikte der einzelnen Familienmitglieder im Umgang mit Hazels Erlebnis und den weitreichenden Folgen darzustellen. Allerdings ist mir die Darstellung des Konsum von Joints als Mittel zur Entspannung zu sorglos beschrieben.

Zwischenzeitlich verliert sich der Schwerpunkt des Romans in etlichen Nebenhandlungen, während er sich im mittleren Teil zum Hauptthema aufschaukelt, bis ins unglaubwürdige. Dennoch regen gerade die verschiedenen Reaktionen und Auswirkungen zum Nachdenken an. Es ist schwierig zu beurteilen, ob Hazel in jeder Situation die für sie beste Entscheidung getroffen hat.

In ihrem Roman „Hazel sagt Nein“ macht Jessica Berger Gross deutlich, wie komplex und weitreichend die Folgen eines einzigen „Neins“ sein können – für die Betroffene selbst, für ihre Familie und für eine ganze Gemeinschaft. Es braucht Mut, Grenzen zu setzen, und noch mehr Mut, zu ihnen zu stehen. Trotz einiger erzählerischer Schwächen konnte mich der Roman überzeugen und wird noch lange nachhallen. Gerne empfehle ich ihn weiter. 

Dienstag, 12. August 2025

Rezension: Wedding People von Alison Espach


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Wedding People
Autorin: Alison Espach
Übersetzerin aus dem amerikanischen Englisch: Verena Ludorff
Erscheinungsdatum: 28.07.2025
Verlag: Lübbe (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Leseband
ISBN: 9783757701291
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Phoebe Stone hat nicht damit gerechnet, dass sie ausgerechnet an dem Tag, an dem sie beschlossen hat zu sterben, mitten in eine trubelige Hochzeitsgesellschaft geraten wird. Sie ist eine der beiden Protagonistinnen des Romans „Wedding People“ der US-Amerikanerin Alison Espach. Als Professorin für Literatur des 19. Jahrhunderts lehrt sie in St.Louis/ Missouri und ist 40 Jahre jung. Vieles in ihrem Leben ist nicht nach Wunsch verlaufen. Ein Luxushotel im zweitausend Kilometer entfernten Newport/Rhode Island, das bisher für einen Urlaub aufgrund der hohen Kosten für sie nicht in Frage kam, soll ihr Glücksort sein. Doch will sie ihre letzten Stunden verbringen.

Die zweite Protagonistin ist Delilah Lancaster, von allen kurz Lila gerufen. Sie steht kurz vor ihrer Heirat mit ihrem Freund Gary. Um den Anlass ausgiebig zu feiern, hat Lila für ihre Gäste eine ganze Woche lang alle Zimmer eben jenes Hotels in Newport gemietet. Die 28-Jährige stammt aus einer großen Familie, hat ein beträchtliches Vermögen geerbt, arbeitet in der nahegelegenen Kunstgalerie ihrer Mutter und die Festwoche bis ins Detail geplant. Sie glaubt, dass es ein Irrtum sein muss, wenn nun ausgerechnet Phoebe das schönste aller Zimmer erhält. Nachdem sie von Phoebes Plänen erfahren hat, will sie diese um jeden Preis verhindern.

Für ihren Lebenstraum hat Phoebe beruflich zurückgesteckt, doch sie ist in manchem gescheitert. Einmal jedoch möchte sie es sich uneingeschränkt gut gehen lassen. Lila hingegen erfüllt sich dank ihrer soliden finanziellen Lage jeden Wunsch und macht gern auch anderen eine Freude. Wenn sie erst einmal von etwas begeistert ist, redet sie endlos darüber.

Was zunächst so erscheint, als ob beide keine gemeinsame Gesprächsebene finden, erweist sich später als ein Glücksfall, dass sie einander begegnet sind. Lila hat zwar einige FreundInnen, aber niemanden, der ihr offen begegnet und sie auch in schwierigen Momenten stützt. Phoebe erkennt das sehr schnell. Weil sie einander fremd sind, erzählen sie sich Dinge, die man Nahestehenden nicht anvertrauen würde, ohne Risiko für Ansehen oder Beziehungen, da ihre Probleme keine Berührungspunkte haben. Endlich hat Lila jemanden, mit der sie über ihre eigene und die Familie ihres Auserwählten reden kann. Beide Protagonistinnen haben ihre Ecken und Kanten, die sie auf ihre ganz eigene Weise interessant machen.

Zu Beginn wirkte der Roman wegen Phoebes Plan auf mich bedrückend. Doch Alison Espach schafft es, genau die richtige Dosierung Zynismus und Witz in die Geschichte einzubringen, ohne ihr die inhaltliche Tiefe zu nehmen. Jedem Tag der Hochzeitswoche ist ein eigenes Kapitel gewidmet, dessen Titel das jeweilige Highlight der anstehenden Aktivitäten verrät. In Rückblenden erfährt man, wieso Phoebes Ehe mit Matt, ihre Arbeit an der Universität und ihr Wunsch nach einem eigenen Kind dazu geführt haben, ihrem Leben ein Ende zu setzen. Ebenso liest man von Lilas Verlust des Vaters und wie sie ihren zukünftigen Mann kennenlernte. Bald verweben sich die beiden zunächst getrennten Handlungssträngen zu einer gemeinsamen Erzählung, in der immer wieder Neues und Unerwartetes geschieht.

Der Roman „Wedding People“ überrascht mit zwei Protagonistinnen, die sich trotz unterschiedlicher Charakterzüge und verschiedener Ansichten über manche Dinge dennoch gut austauschen können. Alison Espach entfaltet ein breites Gefühlsspektrum: von bitterer Enttäuschung bis zu ausgelassener Freude, von Respekt bis zu Liebe und Anerkennung. Die Geschichte bewegt, unterhält und hallt nach, weswegen ich gerne eine Leseempfehlung vergebe.

Dienstag, 17. Dezember 2024

Rezension: Die Frau des Serienkillers von Alice Hunter

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Die Frau des Serienkillers
Autorin: Alice Hunter
Übersetzer aus dem Englischen: Rainer Schumacher
Erscheinungsdatum: 29.11.2024
Verlag: Lübbe (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Paperback
SBN: 9783757700966

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An dem Thriller „Die Frau des Serienkillers“, aus der Feder von Alice Hunter, hat mich interessiert, ob die Handlung einen hohen Spannungsbogen aufweisen kann, wenn der Titel bereits Aussagen über den Täter macht. Außerdem wollte ich mehr darüber erfahren, welche Rolle der Frau des Mörders zukommt. Die Geschichte spielt zum größten Teil in Banbury, einer Kleinstadt vor den Toren Londons.

Die Hauptfiguren Beth und Tom Hardcastle führen eine nach außen hin perfekte Ehe. Sie haben eine dreijährige Tochter und wohnen in einer Gegend, in der man seine Nachbarschaft kennt. Tom pendelt jeden Tag bis London, wo er in einer Bank arbeitet, während Beth in Banbury ein Café betreibt. Eines Tages wird Tom, nach einer verspäteten Heimkehr, zu Hause von der Polizei aufgesucht und mitgenommen. Zunächst heißt es, dass er nur ein paar Fragen zum spurlosen Verschwinden einer früheren Freundin von ihm beantworten soll. Schließlich wird er jedoch in Haft gesetzt.

Für Beth ist die Situation verstörend. Sie versucht ihren Mann vor dem Klatsch und Tratsch im Umfeld zu verteidigen, damit ihre Familie nicht in Verruf gerät. Gleichzeitig kämpft sie dafür, Imageschaden von ihrem Café fernzuhalten. Ihrer kleinen Tochter verheimlicht sie den Grund der Abwesenheit ihres Vaters. Sie will alles dafür tun, damit ihr Kind nicht stigmatisiert wird.

Die Geschichte wird hauptsächlich von Beth aus der Ich-Perspektive über die gegenwärtigen Ereignisse geschildert. Interessanterweise wechseln die Kapitel hin und wieder auch zu Tom, der darin von sich erzählt. Später erfährt man in Rückblicken mehr und mehr über die Ehejahre der beiden. Beinahe jedes der kurzen Abschnitte endet mit einer Andeutung, die den Lesenden veranlasst, rasch weiterzulesen, um die Information einordnen zu können. Am Anfang könnte man daran zweifeln, dass Tom ein Verbrechen begangen hat, denn er wird als smarte Person beschrieben. Langsam kristallisiert sich das Motiv von ihm als Täter heraus. Später erfährt man, wie es ihm gelungen ist, nach außen hin unbescholten zu bleiben.

Die Autorin liefert mit dem Buch ihr Debüt ab. Sie ist Psychologin und hat mit Strafgefangenen gearbeitet. Ihr Wissen über die Denkweise von Tätern hat sie in den Thriller einfließen lassen, wodurch das Handeln der Personen authentisch erscheint. Sehr bald wird dem Lesenden bewusst, dass Beth ebenfalls Geheimnisse haben muss. Es ist jedoch bis zuletzt kaum zu ahnen, in welchem Ausmaß die Protagonistin nicht nur eine Tatsache verbirgt.

Der Thriller „Die Frau des Serienkillers“ von Alice Hunter hält die Spannung bis zum Schluss, der nochmals mit einer Wendung aufwartet. Daraus wird auch das stellenweise eigenwillige Verhalten von Beth verständlicher. Gerne vergebe ich eine Leseempfehlung.

Sonntag, 14. April 2024

Rezension: Ostseefinsternis - Pia Korittki ermittelt von Eva Almstädt

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Ostseefinsternis - Pia Korittki ermittel
Autorin: Eva Almstädt
Erscheinungsdatum: 28.03.2024
rezensierte Buchausgabe: Taschenbuch mit Klappen
ISBN: 9783404193172
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Die Gegend zwischen Fehmarnsundbrücke und der nächsten Ortschaft auf der Festlandseite ist für mich verbunden mit Strandurlaub. Im Kriminalroman „Ostseefinsternis“ von Eva Almstädt wird dort allerdings ein Mann tot aufgefunden, der vermutlich ermordet wurde. Für die Lübecker Kommissarin Pia Korittki ist es inzwischen die 19. Ermittlung in einer Serie von  Kriminalfälle, die an der Ostseeküste und der Umgebung geschehen. Das Cover vermittelt einen stimmungsvollen Eindruck des Tatorts.

Pia Korittki hat nicht nur mit der Aufklärung des Todesfalls einiges zu tun, sondern auch mit einer Vergewaltigung, die kurze Zeit vorher geschehen ist. Es wird vermutet, dass die beiden Verbrechen in einem Zusammenhang stehen könnten. Pia und ihre Kolleg(inn)en stoßen bei den Ermittlungen auf verzwickte Verknüpfungen zweier Familien, die miteinander verfeindet sind. Es ist nicht einfach, hinter die Wand aus Verschweigen, Lügen, Rache und Missgunst zu sehen. Doch eigentlich hatte Pia geplant, die Herbstferien mit ihrem Sohn im neuen Haus ihres Freunds zu verbringen. Es kommt ihr sehr gelegen, dass die Unterkunft nur wenige Kilometer vom Tatort entfernt liegt.

Als Leserin habe ich zum ersten Mal ein Buch der Ostsee-Krimireihe von Eva Almstädt gelesen, weil die Geschichte dort spielt, wo ich gerne urlaube. Jedoch wurde ich von der Autorin in ausreichendem Maße mit Hintergrundinformationen zum beruflichen und privaten Umfeld Pia Korittkis informiert. Nur über Pias Freund hätte ich mir noch mehr Auskünfte gewünscht, die aber für die Ermittlungen keine Rolle gespielt hätten.

Die Autorin baut von Beginn an Spannung auf. Bei den Befragungen der Tatverdächtigen wird es für die Kommissarin nicht einfach, die familiären Verbindungen zu durchschauen. Anders als Pia hatte ich auf der vorderen Klappenbroschur einen Stammbaum zur Verfügung, bei dem ich nachschlagen konnte. Neben den beiden im Fokus stehenden Familien benehmen sich auch der neue Arzt des Dorfs und die Mitarbeitenden eines Ingenieur- und Architekturbüro in der nächsten Kleinstadt verdächtig. Es gibt mehrere Personen, die verschiedene, jedoch ein gutes Motiv für ein Verbrechen haben.

Für mich war es ein besonderes Leseereignis, weil ich die Lokalitäten kannte. Das Dorf ist überschaubar, so dass sich die Bewohner, wie in der Geschichte, vermutlich gut kennen, mal abgesehen von den Touristen. Dadurch wird Pias Arbeit und die ihrer Kolleg(inn)en nicht einfacher, denn man ist auf den eigenen Ruf bedacht. Bevor es am Ende zu einer Auflösung mit steigender Spannungskurve kommt, verharren die Ermittlungen ein wenig auf der Stelle. Währenddessen hinterfragt Pia sich selbst und ihre Arbeit. Im Umfeld ihres Privatlebens kommen ihr unerwünscht Tatverdächtige in den Blick, was zum Schluss nochmal für einen zusätzlichen Konflikt sorgt.

„Ostseefinsternis“ von Eva Almstädt hat mich gut unterhalten, denn es vermittelt das mir realistisch erscheinende Bild klassischer Kriminalarbeit in einem verzwickten Fall. Gerne empfehle ich das Buch an Lesende des Genres weiter.

Freitag, 1. März 2024

Rezension: Die Halbwertszeit von Glück von Louise Pelt


Die Halbwertszeit von Glück
Autorin: Louise Pelt
Hardcover: 431 Seiten
Erschienen am 29. Februar 2024
Verlag: Lübbe Belletristik
Link zur Buchseite des Verlags

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Mylène ist eine erfolgreiche Geschäftsfrau, die 2019 in Paris lebt und in Kürze ihren Verlobten Frédéric heiraten will. Als ein Anwalt auftaucht und ihr berichtet, dass sie eine Wohnung in Amsterdam von einer ihr völlig unbekannten Frau geerbt hat, gerät ihr Leben aus den Fugen. Auch in Hollys Leben in Los Angeles ist 2003 plötzlich alles anders, als ihre Arbeitskollegin Jay bei einer Explosion stirbt, nachdem sie für Holly eingesprungen ist. Ihre Schuldgefühle führen dazu, dass sie ihren Traum von der Karriere als Drehbuchautorin begräbt und beginnt, sich um Jays Familie zu kümmern. In der DDR im Jahr 1987 findet die Einsiedlerin Johanna im Wald ein Mädchen, das bei ihrem Fluchtversuch angeschossen wurde. Eigentlich wollte sie sich aus solchen Geschichten heraushalten, doch nun muss sie entscheiden, ob sie der jungen Frau hilft und sich dami selbst in Gefahr bringt.

Das Buch beginnt mit einem Prolog im Jahr 1938, dessen Bedeutung sich mir im Laufe der Geschichte erschloss. Danach lernte ich auf drei verschiedenen Zeitebenen Mylène, Holly und Johanna kennen. Ihre Leben werden allesamt durch einscheidende, überraschende Ereignisse durcheinander gewirbelt. In der Folge stehen sie vor der Entscheidung, wie sie weitermachen wollen. Eine Rückkehr zu ihrem bisherigen Leben scheint für alle drei zumindest für den Moment undenkbar zu sein.

Es gibt drei Handlungsstränge auf drei Zeitebenen, die immer abwechselnd erzählt werden und deren Zusammenhang zunächst nicht klar ist. Stattdessen sprang ich beim Lesen zwischen den Geschichten hin und her und wurde dadurch immer wieder aus dem Lesefluss gerissen. Da die Kapitel oft mit einem spannenden Cliffhanger enden, wurde ich auf der anderen Seite zum zügigen Weiterlesen animiert, da ich wissen wollte, wie es weitergeht.

Mit der Zeit wird deutlich, dass die Geschichten der drei Frauen, so unterschiedlich sie auch sind, gewisse Parallelen aufweisen. Sie alle haben Unglück erlebt und feststellen müssen, wie flüchtig Momente des Glücks sein können. Die Ereignisse fand ich berührend und habe mitgehofft, dass sich für die Protagonistinnen alles zum Guten wenden wird. Nachdem ich lange gerätselt habe, wie die Handlungsstränge zusammenhängen, wird schließlich fast alles innerhalb eines Absatzes gelüftet. Das hätte man für meinen Geschmack noch geschickter einfädeln können. Insgesamt hat mir der Roman trotz der kleinen technischen Schwächen aber sehr gut gefallen. Begebt euch mit Mylène, Holly und Johanna auf eine Reise voller Höhen und Tiefen!

Dienstag, 10. Oktober 2023

Rezension: Die Waffen des Lichts von Ken Follett (Kingsbridge-Reihe Band 5)

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Die Waffen des Lichts
Autor: Ken Follett
Übersetzer aus dem Englischen: Dietmar Schmidt und Rainer Schumacher
Erscheinungsdatum: 26.09.2023
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Leseband
ISBN: 9783767700065
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Mit seinem Roman „Die Waffen des Lichts“ kehrt Ken Follett nach Kingsbridge zurück, dem von ihm für sein Bestsellerbuch „Die Säulen der Erde“ erdachten Ort im Süden Englands. Es ist bereits der fünfte Band der Reihe, der aber unabhängig von den anderen gelesen werden kann. Bei einigen Gelegenheiten nimmt der Autor Bezug auf vergangene Ereignisse in Kingsbridge, an die man sich als Lesender mit Vorwissen gerne erinnert.

Die Handlung von „Die Waffen des Lichts“ spielt im Zeitraum 1792 bis 1824. In diesem Zeitraum schaut in England der Adel mit Besorgnis auf die Revolution in Frankreich und ihre Folgen und fragt sich, ob ein solcher Umschwung auch bei ihnen möglich wäre. Daher versucht die Aristokratie mit entsprechenden Gesetzen ein Aufbegehren der niedrigeren Stände zu verhindern. Währenddessen beginnen Maschinen die Handwerker nicht nur zu unterstützen, sondern sie auch zu ersetzen. In Kingsbridge ist davon auch der Berufsstand der Spinner und Weber betroffen.

Nachdem ihr Mann durch einen Unglücksfall zu Tode gekommen ist und sie gegen die Obrigkeit aufbegehrt hat, verschlägt es die Spinnerin Sal vom Land nach Kingsbridge. Bereits ihr sechsjähriger Sohn Kit hilft ihr dabei, eine innovative Spinnmaschine zu bedienen, damit sie von dem Verdienst leben können. Der junge Tuchhändler Amos übernimmt nach dem plötzlichen Tod seines Vaters dessen marodes Geschäft und bemüht sich darum seine Arbeiter(innen) fair zu behandeln und dennoch das Unternehmen zu sanieren. Elsie, die Tochter des anglikanischen Bischofs von Kingsbridge, buhlt um die Liebe von Amos, der sich der erstarkenden methodistischen Religion zugewendet hat. Außerdem liegt ihr die Gründung einer Sonntagsschule am Herzen, um auch den ärmsten Kindern ein Mindestmaß an Bildung zukommen zu lassen.

Wie man es von Ken Follett gewohnt ist, setzt er seinen Figuren, die rechtschaffene Ziele haben, einige Widersacher entgegen. Meistens handelt es sich dabei um Personen mit Rang und Namen, die ihre Macht gegenüber ihren Untergebenen geltend machen. Allerdings kann sich England schließlich nicht den Umwälzungen auf dem europäischen Kontinent entziehen und greift in das Kriegsgeschehen ein, von dem im Laufe der Zeit sämtliche Protagonist(inn)en betroffen sind.

Der Autor erzählt das Geschehen in chronologischer Reihenfolge. Die Handlungsstränge um verschiedene Figurengruppen laufen parallel, kreuzen sich aber gelegentlich und spielen ineinander über. Mit dem Unfall zu Beginn des Buchs verdeutlicht er die herrschenden Klassenunterschiede in der Gesellschaft und Sal konnte meine Sympathie gewinnen. Danach hoffte und bangte ich über Höhen und Rückschläge hinweg, dass sie für sich und ihren Sohn das angestrebte Ziel erreichen wird, in der sie nicht mehr täglich um das Stillen ihres Hungers kämpfen muss.

Immer wieder führte Ken Follett mir beispielhaft vor Augen wie vor zweihundert Jahren die untere Gesellschaftsschicht durch eine entsprechende Gesetzgebung niedrig gehalten wurde. Seine Ausführungen enden teilweise mit drakonischen Strafen, die leider der harten Realität entsprechen. Dagegen wehren sich seine Hauptfiguren im Rahmen ihrer Möglichkeiten, was sie aus der Menge ihrer Mitbürger(innen) herausstechen lässt. Über die Jahre hinweg lernen die Protagonist(inn)en aus ihren Erfahrungen und passen sich an neue Gegebenheiten an.

Wieder einmal zeigt Ken Follett in seinem Roman „Die Waffen des Lichts“, dass er ein brillanter Unterhalter ist, dem es gelingt, politisch weltbewegende Ereignisse auf kleinem Raum in der fiktiven Stadt Kingsbridge widerzuspiegeln. Durch das Kreieren interessanter Figuren und abwechslungsreich gestalteter Handlungen lässt er Geschichte lebendig werden. Sehr gerne empfehle ich das Buch an Lesende historischer Romane weiter. 

Montag, 28. August 2023

Rezension: Das Licht zwischen den Schatten von Michaela Beck


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Das Licht zwischen den Schatten
Autorin: Michaela Beck
Erscheinungsdatum: 25.08.2023
Verlag: Lübbe (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Softcover als Leseexemplar 
ISBN: 9783785728666
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In ihrem ersten belletristischen Roman „Das Licht zwischen den Schatten“ verknüpft Michaela Beck drei individuelle Schicksale mit der Geschichte Deutschlands in den Jahren von 1919 bis 1989. Gemäß dem Titel schaut sie auch auf einige unrühmliche Ereignisse der Vergangenheit, in denen sich aber wie ein Silberstreif am Horizont ebenfalls verschiedene Formen von Widerstand zeigten. Die Autorin stellt der Erzählung ein Gedicht voran, von dem später ein oder zwei Sätze einen der fünf Teile des Buchs eröffnen. Dadurch wurde ich neugierig auf den nächsten Abschnitt, denn darin wird angedeutet, worauf im  Folgenden der Fokus liegt. Es geht darum, im Leben seinen Platz zu finden, geliebt zu werden als Kind oder Partner, um Selbstverwirklichung und Reflexion.

Eine der drei Hauptfiguren ist Konrad, dem ich im ersten Kapitel erstmalig im Jahr 1919 als Zehnjährigem begegnete. Gemeinsam mit seiner Mutter und seinem jüngeren Bruder lebt er in Berlin in einer Hinterhofwohnung. Sein Vater hat im ersten Weltkrieg sein Leben gelassen, während er seinen Vorgesetzten gerettet hat. Der wohlhabende Gerettete nimmt die kleine Familie auf und gibt der Mutter Arbeit. Später verliebt sich Konrad in eine der beiden Töchter, die ihn dazu veranlasst, Medizin zu studieren.

Das nächste Kapitel schwenkt hin ins Jahr 1950. Zu dieser Zeit lebt die elfjährige Brigitte mit ihren Eltern und dem älteren Bruder im Dorf Mecklenburg und hängt durch die Beeinflussung eines Bekannten immer noch dem alten nationalsozialistischem Gedankengut an. Im Laufe der Jahre wechselt zwar ihre Gesinnung, jedoch nicht die Hartnäckigkeit mit der sie ihre Ansichten verteidigt. Als letzten Protagonisten lernte ich den verwaisten André kennen, der als Zehnjähriger 1976 in Ostberlin wohnt. Ein erfolgreicher ehemaliger Olympionik im Kunstspringen hat ihn adoptiert und ist gleichzeitig sein Trainer. Aber in seinen Gedanken blitzen immer wieder Gedanken an seine Kindheit auf über die er nicht müde wird, Fragen zu stellen.

Das Leben der drei Hauptfiguren wird im Folgenden von Michaela Beck kontinuierlich weiter betrachtet. Dabei springen die Kapitel zwischen den Personen hin und her und nehmen jeweils einen die betreffende Hauptfigur prägenden Lebensabschnitt ins Visier. Ich bemerkte als Leserin bald, dass es Verzahnungen zwischen ihren Schicksalen geben muss. Dadurch entstand eine hintergründige Spannung. Kleine eingestreute Hinweise fügten sich zum Ende zu einem zusammenhängenden Bild. Bis dahin steuerte die Autorin ihre Hauptfiguren über manche Höhen und Tiefen.

Während Konrad ein ruhiges Erscheinungsbild zeigt und sich aufgrund seiner Unentschlossenheit gerne von anderen Versprechungen leiten lässt, ist Brigitte ein trotziger Charakter, der viel zu oft unüberlegt handelt, aber mit einem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn ausgestattet ist. André dagegen fühlt unverstanden und wird aufgerieben von seinen Zweifeln am System und seiner Ohnmacht wirksam dagegen aufzubegehren.

Ich habe den Einfallsreichtum von Michaela Beck bewundert und ihren Mut, auch vor der Einbindung großer Schlagzeilen der deutschen Geschichte nicht zurückzuschrecken, sondern Konrad, Brigitte und André darin authentisch agieren zu lassen. Der Umgang mit Juden und Behinderten im Nationalsozialismus, die Frage nach der Mitschuld, der Mauerbau, Flucht in den Westen, Sozialkritik terroristische Vereinigung, Hausbesetzung, Stasi und Mauerfall sind nur größere Themen neben denen es noch viele weitere gibt.

Durchgehend beschreibt die Autorin dank bester Recherche ihre Schauplätze. Konrad, Brigitte und André agieren in einem Umfeld, das ich mir gut vorstellen konnte. Sie offenbart dem Lesenden die Gefühle der Hauptfiguren und lässt ihn teilhaben daran, wie diese zu ihren Meinungen und Entscheidungen finden. Kulturelle Gegebenheiten und geschichtliche Fakten lässt sie mühelos in die Erzählung einfließen.

Der Roman „Licht zwischen den Schatten“ von Michaela Beck besticht durch eine durchdachte Konstruktion des Lebens dreier Personen, das man ab deren Kindheit bis hin zum Mauerfall begleitet. Deren Lebensweg ist nicht nur miteinander, sondern auch mit der wechselhaften deutschen Geschichte verbunden und zeigt, wie der Staat Einfluss auf unsere Geschicke hat und uns Kinder unserer Zeit sein lässt. Das Buch hat einen angenehmen leicht zu lesenden Schreibstil und hohen Unterhaltungswert, so dass ich es gerne weiterempfehle. 


 

Samstag, 8. Juli 2023

Rezension: Morgen mach ich bessere Fehler von Petra Hülsmann


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Morgen mach ich bessere Fehler
Autorin: Petra Hülsmann
Taschenbuch: 429 Seiten
Erschienen am 22. Mai 2023
Verlag: Bastei Lübbe

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Elli und ihre sechsjährige Tochter Paula leben in einer WG auf einem Bauernhof in Plön. Ihr Kunststudium hat Elli abgebrochen, als sie Paula bekommen hat. Inzwischen arbeitet sie in einem Bioladen und engagiert sich in ihrer Freizeit bei den Guerilla-Gärtnernden. Eine Familienfeier führt Elli und Paula ins Allgäu - weil jedoch kein Zug fährt, müssen die beiden spontan auf den klapprigen VW Passat ihrer Mitbewohnerin ausweichen. Obendrein fordert Ellis Mutter sie auf, Onkel Heinz aus der Seniorenresidenz in Hamburg abzuholen und mitzubringen. In ihrer Erinnerung ist er die Boshaftigkeit in Person. An der ersten Tankstelle gesellt sich noch der Schnöselanwalt Cano dazu, der Paula 500 Euro für eine Fahrt nach München bietet. Auf ihrem Roadtrip wird das ungleiche Quartett mit zahlreichen Herausforderungen und chaotischen Situationen konfrontiert.

Ich habe mich sehr gefreut, diesen schon vor längerer Zeit angekündigten Roman endlich lesen zu können. Die Autorin ist während des Schreibens an einer Depression erkrankt, mit der sie in den sozialen Medien und im Nachwort offen umgeht. Nun hat sie den Roman beenden können und nahm mich als Leserin mit auf einen unterhaltsamen Roadtrip mit vier sehr unterschiedlichen Charakteren.

Petra Hülsmann versteht es, den Leser mit ihrem humorvollen Schreibstil von Anfang an zu fesseln. Die Geschichte wird aus der Perspektive von Elli erzählt, was mir als Leserin einen direkten Einblick in ihre Gedanken und Gefühle gibt. Mit ihren Ecken und Kanten wirkt sie authentisch, gelegentlich ging mir ihr Verhalten allerdings auch auf die Nerven.

Obwohl die vier Hauptcharaktere auf den ersten Blick sehr unterschiedlich wirken, entwickeln sie im Laufe der Geschichte zunehmend Verständnis füreinander. Insbesondere die Beziehung zwischen Elli und Cano, der zunächst als arroganter Schnösel erscheint, entwickelt sich auf unerwartete Weise und sorgt für einige amüsante und auch emotionale Momente.

Die Reise an sich ist mit allerlei Hindernissen unterschiedlichster Art gespickt, die für reichlich Unterhaltung sorgen und keine Langeweise aufkommen lassen. Dabei gelingt es der Autorin, die Spannung aufrechtzuerhalten und den Leser immer wieder mit unvorhersehbaren Ereignissen zu überraschen. Mich konnte dieser chaotische Roadtrip gut unterhalten, weshalb ich ihn gerne weiterempfehle!

Samstag, 1. April 2023

Rezension: Der Ruf des Eisvogels von Anne Prettin

 


Rezension von Ingrid Eßer

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Titel: Der Ruf des Eisvogels
Autorin: Anne Prettin
Erscheinungsdatum: 24.02.2023
rezensierte Buchausgabe: Leseexemplar
ISBN des Hardcovers: 9783785728130
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Anne Prettin erzählt in ihrem Roman „Der Ruf des Eisvogels“ die Geschichte dreier Generationen von Frauen einer Familie im Zeitraum von 1925 bis ins Jahr 1991. Das blumige Cover steht in Verbindung mit der Schönheit der Natur, die von einigen Familienmitgliedern geschätzt wird. Demgegenüber liegen vor allem über dem Leben von Olga, der Mutter von Becki und Großmutter von Sara, dunkle Schatten. Nach Aussage ihres Großvaters, den sie Pa nennt, manifestierte sich die Seele der Mutter von Olga, die bei ihrer Geburt starb, in Form eines Eisvogels, den sie zwar selten, aber doch immer wieder zu Gesicht bekommt und auf diese Weise eine bleibende Verbindung schafft.

Zu Beginn des Buchs schildert die Autorin die Szene der Geburt von Olga, die mir als Leserin die Kenntnis über ein Geheimnis von Olgas Vater gab. Hierin erklärt sich dessen weiteres Verhältnis zu seiner Tochter, über das die Protagonisten viele Jahre rätselt, denn sie fühlt sich von ihm abgelehnt. Stattdessen wird sie von ihrem Pa und einer Haushälterin umsorgt.

An der Seite ihres Großvaters lernt sie die Natur ihres Heimatorts in der Uckermark kennen, schaut ihm bei den Behandlungen seiner Patienten zu und darf ihm in jungem Alter bereits assistieren. Für sie gibt es entgegen den Konventionen der Zeit keinen anderen Berufswunsch als ebenfalls Ärztin zu werden. Olga ist eingebunden in ein Ortsleben, in dem jeder jeden kennt und aus Freundschaften Ehen entstehen. Doch die Ideologie des Nationalsozialismus verändert die Gesinnung einiger Dorfbewohner und die Freiheit des Einzelnen wird dadurch immer mehr eingeschränkt.

Die Vergangenheit wird von Anne Prettin im Buch in Rückblenden erzählt, die eingebunden sind in das Geschehen im niedersächsischen Oldenburg, dem Wohnort von Olga im Jahr 1991. Becki und Sara wissen wenig über die Kindheit und Jugendzeit von Olga. Daher schenken sie ihr zum anstehenden Geburtstag eine Reise in die Uckermark. Mit und mit erfuhr ich als Leserin früheren bedrückenden Ereignissen, die dazu führten, dass Olga die Reise nicht antreten möchte. Sie hat inzwischen ihren Frieden mit dem damals Erlebten geschlossen und fürchtet die Begegnung mit Freunden und Bekannten aus ihren jungen Jahren.

„Der Ruf des Eisvogels“ beschreibt aber noch mehr als Dorfleben der jungen Frau während des Zweiten Weltkriegs. Anne Prettin begleitet Olga auf ihrem weiteren Weg in den Nachkriegstagen ins Ostseebad Kühlungsborn, bis sie eine neue Heimat findet im weitgehend unzerstört gebliebenen Oldenburg. Sehr gute Recherche lassen eine Historie voller Leid lebendig werden. Währenddessen hält die Autorin aus Spannungsgründen bis zum Ende hin die Frage offen, was in den letzten Kriegstagen geschah, in der Zeit, als Becki geboren wurde.  

Sowohl Olga wie auch ihre Tochter und Enkeltochter haben ihre eigenen Vorstellungen vom Leben, für die sie kämpfen. Becki sucht als Restauratorin im Gegensatz zu ihrer naturverbundenen Mutter keine Heimat, sondern erhält sich ihre Neugierde auf die Erkundung neuer Örtlichkeiten, denen sie ihre Schönheit wiederschenken möchte. Sara weiß als junge Frau bereits genau, was sie möchte, vielleicht weil für sie immer jemand an ihrer Seite war, von dem sie geliebt wurde.

In ihren Roman „Der Ruf des Eisvogels“ verpackt Anne Prettin über einige unerwartete Wendungen hinweg eine Geschichte voller Freundschaft und Eifersucht zwischen Jugendlichen, dem Kampf gegen widersinnige Ideologie, dem Einsatz für ein selbstbestimmtes Leben und der unauflösbaren Liebe zwischen Mutter und Kind. Sehr gerne empfehle ich den vielseitig gestalteten Roman weiter. 

Sonntag, 20. November 2022

Rezension: Ein kleines Stück von Afrika - Aufbruch von Christina Rey

 


Rezension von Ingrid Eßer

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Titel: Ein kleines Stück von Afrika - Aufbruch
Band 1 von 2
Autorin: Christina Rey
Erscheinungsdatum: 30.01.2022
rezensierte Buchausgabe: Klappenbroschur
ISBN: 9783785728208
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In ihrem Roman „Ein kleines Stück von Afrika“ nahm Christina Rey mich im ersten Band der Dilogie mit dem Untertitel „Aufbau“ mit nach Kenia ins Jahr 1910. Das Cover gibt bereits einen Einblick auf die Vielfalt der Tiere, die dort in freier Wildbahn zu sehen sind, was auch in der Geschichte ein großes Thema ist. Umspielt wird die bewegende fiktive Liebesgeschichte zwischen der jungen Britin Ivory und dem Großwildjäger Adrian von realen historischen Begebenheiten.

Die 17-jährige Ivory Parkland Rowe ist in betuchten Verhältnissen einer Londoner Unternehmerfamilie aufgewachsen und steht kurz davor in der Gesellschaft zu debütieren. Doch ihr Vater hat sie dazu auserkoren, ihn auf eine Safari nach Afrika zu begleiten. Ivory weigert sich jedoch standhaft, Jagd auf wilde Tiere zu machen. Stattdessen bewundert sie die Schönheit der Natur und das Zusammenspiel der Tiere. Sie weckt die Aufmerksamkeit des Jagdführers Adrian, dem sie aber seinen Job übelnimmt. Adrian gelingt es, sich ihr anzunähern. Ivory folgt ihm auf seine Farm, auf der er organisierte Safaris anbietet. Bald merkt sie, dass ihr Mann sie vor der Hochzeit bewusst über bestimmt Dinge im Unklaren gelassen hat. Eine Kluft zwischen ihnen tut sich auf. Als Adrian zum Kriegsdienst eingezogen wird, übernimmt sie die Leitung auf dem Anwesen und setzt eine neue Akzente.

Christina Rey baut in der Erzählung ein realistisch erscheinendes Bild der damaligen Verhältnisse in Kenia auf. Die eigenen Erfahrungen der Autorin und ihre sehr gute Recherche spürt man in der Geschichte, weil sie ihre Begeisterung für das Land einfließen lässt. Zunächst konnte ich eine Jagdgesellschaft begleiten und die Flora und Fauna des Landes kennenlernen. Ich teilte Ivorys Ansichten, was mir die junge Frau zunehmend sympathisch machte. Adrian erschien mir von Beginn an zwielichtig.

Bedauert habe ich den Umgang der Briten mit der schwarzen Bevölkerung, den ich als wirklichkeitsnah und nachvollziehbar empfunden habe. Ivory hat bereits als Kind in London eine Begegnung mit einem schwarzen Jungen gehabt und dabei Ungerechtigkeit in dessen Behandlung kennengelernt. Aber auch für sie als britische Frau, die nach einem selbstbestimmten Leben sucht, ist es schwierig, ihre offene Haltung zu Angehörigen eines anderen Kulturkreises in der öffentlichen Gesellschaft zu zeigen.

Neben dem faszinierenden Setting baut die Autorin solche wichtigen Themen in die Geschichte ein wie Gleichberechtigung der Frauen, Unterdrückung der schwarzen Bevölkerung und bezahlter Abschuss heute geschützter Tiere aus Freude an der Jagd. Daneben konnte ich noch einiges über die Riten der Einheimischen erfahren und deren Missionierung, die Christine Rey kritisch sieht. Interessiert konnte ich auch die Entwicklungen in Kenia in technischer Hinsicht verfolgen, die das Land für Ausländer besser erschlossen.

Gerne habe mich mit dem Roman „Ein kleines Stück von Afrika – Aufbruch“ von Christina Rey mit nach Kenia nehmen lassen. Eine wunderbare Landschaft, der Reichtum der Tierwelt sowie eine junge Frau mit festen Ansichten, von denen sie sich nicht abbringen lässt, machten die Erzählung für mich zu einem reinen Vergnügen. Mit viel Freude auf die Fortsetzung vergebe ich eine klare Leseempfehlung.


Dienstag, 30. August 2022

Rezension: Freiheitsgeld von Andreas Eschbach


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Freiheitsgeld
Autor: Andreas Eschbach
Hardcover: 528 Seiten
Erschienen am 26. August 2022
Verlag: Bastei Lübbe

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Im Jahr 2064 zieht der Fitnesstrainer Valentin mit seiner Frau Lina in eine "Gated Community" und kann seinen Augen kaum trauen: Alles ist so sauber, so sicher, so schön! Zwar wohnt er selbst nur in der B-Zone, doch für seine Arbeit darf er die A-Zone betreten, in der zahlreiche Promis seine Dienste in Anspruch nehmen. Einer von ihnen ist Robert Havelock, Bundeskanzler a.D., Eu-Präsident a.D. und Erfinder des Freiheitsgeldes, eines festen Betrags, der jedem und jeder Deutschen monatlich zusteht. Valentin ist zunächst begeistert von seinem neuen Leben, doch er muss feststellen, dass alles einen Preis hat.

Wie auch Valentin hat sich Ahmad Müller entschieden, sein Freiheitsgeld durch eine berufliche Tätigkeit aufzustocken, auch wenn ihm nach Abzug der exorbitanten Steuern nur ein kleines Extra bleibt und er sich eine Wohnung mit seinem Großvater teilen muss. Er arbeitet als Polizist bei der Steuerfahndung, würde aber lieber Verbrechen aufklären. Schließlich werden gleich zwei Personen tot aufgefunden. Was ist hier vorgefallen, gibt es eine Verbindung?

Andreas Eschbach nahm mich als Leserin 42 Jahre mit in die Zukunft in ein Deutschland, in dem ein Großteil der Arbeit von Maschinen übernommen wurde. Viele Jobs gibt es nicht mehr, und die sind aufgrund der hohen Steuerabgaben mäßig attraktiv. Mit dem Freiheitsgeld, das jeder erhält, lässt es sich einigermaßen, wenn auch nicht sonderlich luxuriös, leben. Umso erstaunter ist Valentin, welche Verhältnisse in der "Gated Community", in der sich zahlreiche Prominente zur Ruhe gesetzt haben, herrschen. 

Die Geschichte startet ruhig und nimmt sich Zeit, mir die Charaktere genauer vorzustellen. Ich verfolgte Ahmeds Polizeikarriere und seine Versuche, seine toughe Freundin Franka, die als Handwerkerin Badezimmer gestaltet und saniert, enger an sich zu binden. Valentin fehlt für seine Frau Lina hingegen zunehmend die Zeit, die sich überlegen muss, wie sie ihre Tage in der Community ohne Job gestalten will. 

Die beiden Toten, deren Identität in der Buchbeschreibung schon enthüllt wird, werden erst nach 200 Seiten gefunden. Dadurch werden zahlreiche Fragen aufgeworfen. Ahmads Erzählstrang interessierte mich von da an am meisten, da ich wissen wollte, ob die Polizei die Todesursachen aufklären kann. Die Ermittlungen gestalten sich jedoch lange als zäh, bis zum Ende hin Schlag auf Schlag alle Geheimnisse enthüllt werden. Ich hätte mir hier einen ausgewogeneren Spannungsbogen gewünscht. 

Die Überlegungen, wie eine Welt mit fortschreitender Digitalisierung, verstärkten Klimaschutz-Bemühungen und bedingungslosem Grundeinkommen aussehen könnte, fand ich interessant. Natürlich steckt in der Handlung auch allerlei Gesellschaftskritik, die ins Nachdenken bringt. Gerne empfehle ich "Freiheitsgeld" an Leser weiter, die Lust auf einen in Deutschland angesiedelten Zukunftsroman mit Krimielementen haben.

Montag, 29. August 2022

Rezension: Denk ich an Kiew von Erin Litteken

 


Rezension von Ingrid Eßer

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Titel: Denk ich an Kiew
Autorin: Erin Litteken
Übersetzer aus dem amerikanischen Englisch: 
Dietmar Schmidt und Rainer Schumacher
Erscheinungsdatum: 29.07.2022
Verlag: Lübbe (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Leseband
ISBN: 9783785728321
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In ihrem Roman „Denk ich an Kiew“ greift die US-Amerikanerin Erin Litteken das Thema des „Holodormor“, die Hungersnot in den 1930er Jahren in der Ukraine auf. Die Geschichte spielt auf zwei Zeitebenen über mehrere Generationen hinweg. Im Jahr 2004 steht die vor einem Jahr verwitwete Journalistin Cassie im Fokus der fiktiven Ereignisse. Sie schafft es kaum, über den Unfalltod ihres Ehemanns hinweg zu finden. Ihre Mutter schlägt vor, dass sie für eine Weile zu ihrer hochbetagten Großmutter Bobby nach Illinois ziehen soll, die sich in letzter Zeit seltsam verhält. Bobby wurde im Südwesten der Ukraine in einem kleinen Dorf geboren, das zur Oblast Kiew gehört.

Das Cover finde ich schön ausgestaltet mit den dunklen Wolken am Himmel, die für die bedrohenden Schatten stehen, die über der Kornkammer Europas liegen. Andererseits geben die Sonnenstrahlen Hoffnung auf eine freudige Zukunft für das Land.

Die Kapitel wechseln sich über die beiden Zeitebenen hinweg ab. Die Autorin schildert Begebenheiten in der Ukraine, wie sie sich im Zeitraum zwischen 1929 und 1934 tatsächlich ereignet haben könnten. Die anfangs 16-jährige Katja ist dabei die Hauptfigur. Ihre Familie und ihre Freunde sind Heimat für sie und bedeuten ihr alles. Mir wurde bald klar, dass Bobby identisch mit Katja sein muss.

Ihre fünfjährige Tochter Birdie, die bei dem Unfall des Vaters dabei war und seitdem nicht mehr spricht, gibt Cassie Sinn im Leben. An dem von der Familie angemieteten Haus in Wisconsin hält sie nur fest, weil sie die frühere Routine im Alltag darin weiterleben kann. Zum Schreiben fehlt ihr die Konzentration. Nur widerstrebend folgt sie dem Vorschlag ihrer Mutter für den Umzug zu Bobby.

Die Autorin schildert diesen Teil der Geschichte sehr feinsinnig. Sie lässt Cassie langsam die verschiedenen Phasen der Trauer durchlaufen. Parallel dazu hat die Protagonistin das nahende Lebensende ihrer Großmutter zu verarbeiten. Bobby versteht es auch jetzt noch, ihre Enkelin für die Dinge zu begeistern, die sie selbst geliebt hat und ihren Lebensmut weiterzugeben.

Von ihrer Jugend hat sie nie gesprochen. Die Jahre als junge Frau waren für Bobby, die in der Ukraine Katja gerufen wurde, von harter Arbeit erfüllt. Nach dem politischen Diktat zur Kollektivierung wurde es für die Familie auf dem Gehöft immer schwerer, sich den Anweisungen zu widersetzen. Die Oblast wurde schließlich von einer Hungernot überzogen, die unvorstellbare Ausmaße annahm. Katja als lautere Person zeigt Missfallen an bestimmten Handlungen, kann sich ihnen aber nicht entziehen. Ein Tagebuch hilft ihr dabei, das Geschehene nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.

Die Autorin hat selbst Vorfahren aus der Ukraine, wodurch sie auf den Holodomor aufmerksam wurde. Aufrüttelnd und bewegend sind die von ihr geschilderten Begebenheiten, die auf Fakten beruhen und daher besonders zu Herzen gehen und in Erinnerung bleiben. Das auffällige Verhalten von Bobby wurde dadurch verständlich. Tragisch ist auch der weitere Verlauf ihrer Lebensgeschichte und umso bewundernswerter ihre Kraft zum Überleben und der Glaube an eine glücklichere Zukunft.

In ihrem Roman „Denk ich an Kiew“ erzählt Erin Litteken von dem berührenden erdachten Schicksal der Ukrainerin Katja, die die schwere Hungersnot in den 1930er erlebt und später in die USA ausgewandert ist. Ihre Enkelin Cassie hat ihr eigenes Päckchen zu tragen, doch gegenseitig können sie einander stützen. Trauer und Leid, aber auch Hoffnung und Liebe sind die Zutaten des Romans, der mich als Lesende aufwühlte und betroffen machte. Gerne empfehle ich das Buch weiter. 


Sonntag, 3. Juli 2022

Rezension: Akte Nordsee: Am dunklen Wasser von Eva Almstädt

 


Rezension von Ingrid Eßer

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Titel: Akte Nordsee: Am dunklen Wasser
1. Band der Reihe "Fentje Jacobsen und Niklas John ermitteln"
Autorin: Eva Almstädt
Erscheinungsdatum: 27.05.2022
Verlag: Lübbe (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchasugabe: Taschenbuch mit Klappen
ISBN: 9783404185740
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„Akte Nordsee“ bezeichnet eine neue Kriminalserie von Eva Almstädt. Mit „Am dunklen Wasser“ legt sie den ersten Fall für die beiden Ermittelnden, der Anwältin Fentje Jacobsen und den Journalisten Niklas John, vor. Fentje hat vor fünf Jahren ihre beste Freundin Clara verloren, als diese beim Schwimmen in der Nordsee ertrunken ist. Nicht nur dadurch, sind ihr die Gefahren des Wassers bewusst, sondern auch, weil sie in der Nähe des Meeres auf der Halbinsel Eiderstedt aufgewachsen ist und immer noch dort lebt.

Die 29-jährige Fentje betreibt nicht nur eine Anwaltskanzlei, deren Räumlichkeiten sich auf dem Bauernhof ihrer Großeltern befinden. Sie hilft auch tatkräftig bei den landwirtschaftlichen Arbeiten mit. Eines Tages findet sie bei der Kontrolle der Schafe einen jungen Mann mit Namen Tobias Asmus bewusstlos auf der Weide liegend vor. Später erzählt dieser, dass er sich an die letzten Stunden nicht erinnern kann und bittet Fentje ihn zu seiner Freundin zu fahren, denn dort vermutet er sein Auto. Im Garten finden beide die Freundin von Tobias tot vor. Wenig später wird Tobias des Mordes verdächtigt und Fentje übernimmt seine Verteidigung.

Unterdessen sind im nahe gelegenen Internat zwei Schülerinnen verschwunden, die sich ein schönes Wochenende machen wollten. Jedoch sind sie montags immer noch nicht zurückgekehrt. Es stellt sich die Frage, ob ihnen ein Verbrechen zugestoßen ist und ob es einen Zusammenhang zu dem Mord gibt, denn die Freundin von Tobias war eine Lehrerin der beiden.

Die Serie spielt dort, wo Eva Almstädt sich gut auskennt: an der Nordsee. Es ist schön, zwischen den Zeilen die Begeisterung der Autorin für die Landschaft zu spüren. Weil die Kriminalpolizei wenig Anstalten macht, sich intensiver den Anzeichen für einen Mord zu widmen und Tobias vorverurteilt, übernimmt Fentje die Ermittlerrolle. Sie ist engagiert in den Dingen, die sie tut, gerechtigkeitsliebend und neugierig. Interesse an der Aufklärung des Falls, allerdings aus ganz anderen Gründen, hat auch der 34 Jahre alte Niklas John. Er ist Journalist der örtlichen Tageszeitung und hat regelmäßig Artikel abzuliefern. Ein Mord rechtfertigt das Aufdröseln einer interessanten Story, welches einiges an Platz auf den Seiten einnimmt und das Kaufverlangen der Kundschaft weckt. Niklas ist im betuchten Elternhaus aufgewachsen, mag teure Autos und Markenware.

Es kommt in den Dialogen von Fentge und Niklas regelmäßig zum amüsanten Schlagabtausch der beiden vom Charakter her verschiedenen Hauptfiguren. Im Laufe der Geschichte lernen die zwei, einander zu schätzen. Dennoch bleiben sie bewusst auf Abstand, obwohl sie sich immer sympathischer werden. Auch ich als Leserin mochte die beiden, für ihre je eigene Art.

Die Autorin legt mehrere Fährten aus und bringt unterschiedliche Tatverdächtige ins Spiel Sie brachte mich dabei zum Miträtseln, ob die Fälle zusammenhängen und wer schuldig wird. Die Einbettung der Ermittelnden in einen ansprechenden privaten Hintergrund fand ich gelungen.

Insgesamt konnte Eva Almstädt mich mit dem Auftakt ihrer neuen Serie „Akte Nordsee“ überzeugen. Die Spannungskurve steigt vom Auffinden des bewusstlosen, späteren Beschuldigten an und bleibt hoch bis zur Auflösung der Fälle. Gerne empfehle ich das Buch allen Lesenden im Genre Krimi weiter. 


Donnerstag, 3. März 2022

Rezension: Das verschlossene Zimmer von Rachel Givney

 


Rezension von Ingrid Eßer

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Titel: Das verschlossene Zimmer
Autorin: Rachel Givney
Übersetzerin aus dem Englischen: Ute Leibmann
Erscheinungsdatum: 25.02.2022
Verlag: Lübbe (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Leseband
ISBN: 9783785727867
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Der Roman „Das verschlossene Zimmer“ der Australierin Rachel Givney spielt im polnischen Krakau in der Zeit von Februar bis September 1939 mit einem Rückblick auf Ereignisse aus den 1920er Jahren. Die Autorin erzählt darin die Geschichte der 17-jährigen Marie Karska und ihrem Vater, dem Chirurgen Dominik Karski. Marie hat wenige Erinnerungen an ihre Mutter, die die Familie verlassen hat als sie noch ein Kleinkind war. Aber sie vermutet, dass ihr Vater Hinweise auf sie in seinem ständig verschlossenen Schlafzimmer aufbewahrt.

Marie steht kurz vor ihrem Schulabschluss. Ihr großer Wunsch ist es, in die Fußstapfen ihres Vaters zu treten und Medizin zu studieren. Bisher hat Dominik nie auf die Fragen Maries nach ihrer Mutter geantwortet. Von einem Bekannten bekommt sie einen Tipp, wie sie die verschlossene Tür aufbrechen kann. Ihr ist bewusst, dass sie damit das Vertrauen ihres Vaters verliert, wenn er sie dabei erwischt.

Der Roman beginnt mit der spannenden Szene, in der Marie versucht, ins Schlafzimmer zu gelangen. Dabei macht sie eine wichtige Entdeckung. Doch im Folgenden fokussiert die Erzählung auf die aktuellen Ereignisse im Leben der beiden Protagonisten. Rachel Givney schildert dabei den chirurgischen Alltag von Dominik, sein Verhalten zu einem neuen Kollegen und seine Aussicht auf Beförderung, während Marie sich verliebt.

Inzwischen ziehen am Horizont die dunklen Wolken des Zweiten Weltkriegs auf. Marie ist sich auf eine arglose Weise nicht der Gefahr für die jüdische Bevölkerung bewusst mit der sie durch den erneuten Kontakt mit ihrem früheren Nachbarssohn in Verbindung kommt. Ihr Verhalten nahm ich in einigen Fällen als nicht glaubwürdig wahr, was unabhängig ist von der Auflösung des großen Familiengeheimnissen rund um ihre Mutter zum Ende des Romans. Eventuell kann man ihre Unbedarftheit darauf zurückführen, dass ihr Vater zwar abends nach der Arbeit das Essen kocht, aber ansonsten viele Dinge unausgesprochen bleiben zwischen ihm und seiner Tochter. Sie führen ein Leben nebeneinanderher. Dominik engagiert sich in der Gemeinde, aber in der Gesellschaft kommt er lediglich seinen Verpflichtungen nach und zeigt kein Interesse an weiteren Kontakten.

Der Schreibstil der Autorin ist angenehm zu lesen. Im Mittelteil kommt es durch einige Geschichten, die nicht von Belang sind zu kleinen Längen. Man sollte aber unbedingt bis zum Ende lesen. Immer wieder erschienen mir einige Handlungen von Dominik und Marie rätselhaft. Manche fand ich, wie oben bereits erwähnt, unrealistisch, aber einige mehr hatten damit zu tun, dass entsprechend eines Satzes aus dem Roman, die Menschen nur das sahen, was sie sehen wollten. So erging es mir auch als Leserin, die ihre eigenen Vorstellungen von Marie und Dominik in ihrem jeweiligen Umfeld beim Lesen entwickelte. Das Thema „Krieg“ verblasst zunächst im Hintergrund und kehrt dann in einer anderen, für mich unerwarteten Form zurück.

Der Roman „Das verschlossene Zimmer“ von Rachel Givney enthält ein großes Familiengeheimnis, das am Beginn aufgeworfen wird und am Ende eine überraschende Aufdeckung findet. Die Autorin stellt die beiden Figuren Marie und ihren Vater Dominik in den Mittelpunkt, wobei sich Ungereimtheiten in deren Verhältnis zueinander ergeben, die aber für mich nicht ganz schlüssig durch die Lösung der Suche nach Maries Mutter geklärt werden. Insgesamt fühlte ich mich gut durch den Roman unterhalten und empfehle ihn gerne weiter.



Dienstag, 1. März 2022

Rezension: Nebelopfer von Romy Fölck

 

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Nebelopfer
Autorin: Romy Fölck
Hardcover: 399 Seiten
Erschienen am 25. Februar 2022
Verlag: Bastei Lübbe

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Frida und den Rest des Teams von der Mordkommission Itzehoe erwartet ein neuer Fall: Auf einem nebelverhangenen Feldweg wurde ein Erhängter mit einem Pappschild um den Hals gefunden. Auf diesem steht, dass er im Prozess gegen Cord Johanssen falsch ausgesagt hat. Dieser wurde viele Jahre zuvor für den Mord an seiner Frau und zwei seiner Söhne verurteilt und sitzt seither im Gefängnis. Bietet der Fall nach all den Jahren wirklich ein Mordmotiv oder will der Täter die Ermittler auf eine falsche Spur führen? Die Meinungen darüber, ob man sich dem abgeschlossenen Altfall widmen sollte oder der Sache lieber im Hier und Jetzt auf den Grund gehen sollte, gehen im Team der Mordkommission auseinander.

Nachdem der Gerichtsmediziner Torben Kielmann am Ende des vierten Bandes schwer verletzt wurde, habe ich mich darüber gefreut, ihn zu Beginn des neuen Bandes auf dem Weg der Besserung zu sehen. Seine Hände wurden jedoch stark in Mitleidenschaft gezogen, sodass weiter unklar ist, ob er je wieder ein Skalpell wird halten können. Frida möchte für ihren Partner da sein, wird jedoch schon nach wenigen Seiten mit einem neuen Mordfall konfrontiert.

Im Team der Mordkommission gibt es Wechsel, die für frischen Wind bei den Ermittlern sorgen. Henning Kuhns verabschiedet sich in den Ruhestand und Leonard Bootz, ein Ex-SEK Mann, steigt neu im Team ein und stürzt sich gleich voller Tatendrang in die Ermittlungen. Auch Bjane Haverkorn hat nur noch ein Jahr bis zur Pension. Er erinnert sich noch gut an den Dreifachmord, auf den das beim Toten gefundene Pappschild verweist. Eigentlich war es damals eine eindeutige Sache. Doch dann findet er in seinem Garten ebenfalls ein Pappschild mit der Aufforderung, binnen 48 Stunden den wahren Täter zu finden. Um aus der Schusslinie zu kommen folgt er einer Bitte des LKA Kiel, dort in den nächsten vier Wochen zu unterstützen.

Die Ermittlungen gestalten sich spannend. In regelmäßigen Abständen kommt es zu neuen Vorfällen, welche die Situation verschärfen, und Erkenntnissen, die das Team ein Stück voran bringen. Durch die Veränderungen im Team finden sich Frida und ihre Kollegen in neuer Konstellation zusammen. Sie ist vor allem mit Bootz unterwegs, mit dem sie gleich zu Beginn aneinandergerät. Ob die beiden sich zusammenraufen können? Ab der Hälfte des Buches ist sie Situation so brenzlig, dass ich es kaum mehr aus der Hand legen konnte. Die Motive mehrerer Charaktere hätten allerdings noch besser herausgearbeitet werden können. Insgesamt konnte mich das Buch wieder sehr gut unterhalten. „Nebelopfer“ ist ein Must Read für alle Fans für Romy Fölck, aber auch ein Einsteig in die Reihe ist mit diesem Band problemlos möglich.

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