Mittwoch, 31. Oktober 2018

[Rezension Hanna] Mädchen aus dem Moor - S.K Tremayne



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Mädchen aus dem Moor
Autor: S.K. Tremayne
Übersetzer: Susanne Wallbaum
Broschiert: 400 Seiten
Erscheinungsdatum: 3. September 2018
Verlag: Knaur TB

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Kath lebt gemeinsam mit ihrem Mann Adam und ihrer neunjährigen Tochter Lyla in einem abgeschiedenen Haus im Dartmoor. Mitten im Winter hat sie einen schweren Unfall: Sie kommt mit ihrem Auto von der Straße ab und fährt geradewegs in einen See. Durch ein Schädel-Hirn-Trauma leidet sie danach an retrograder Amnesie: Die Erinnerungen an die Tage vor dem Unfall sind weg und es ist unklar, wann und ob sie wiederkommen. Adam und Lyla verhalten sich ihr gegenüber seither merkwürdig. Schließlich erfährt sie die erschütternde Wahrheit über den Unfall, die sie nicht begreifen kann. Irgendetwas muss in den Tagen passiert sein, an die sie sich nicht mehr erinnert. Verzweifelt versucht sie, die Wahrheit herauszufinden.

Das Cover zeigt ein Mädchen im gelben Regenmantel vor der düsteren Kulisse des Dartmoors. Die Ausgangssituation ist perfekt für eine gruselige Geschichte, das ist nach wenigen Seiten klar. Kaths arbeitet im Tourismusbüro des Nationalparks und ihr Mann Adam als Rager, sodass die Familie dort in einem abgeschiedenen Haus im Moor lebt. Immer wieder macht sich Kath Sorgen um ihre Tochter Lyla, denn sie ist anders als die anderen Kinder in der Schule und hat dort keine Freunde. Auch wenn sie keine Diagnose erhalten hat ist sich Kath sicher, dass Lyla im Autismus-Spektrum liegt.

Das Buch setzt vor allem auf atmosphärische Beschreibungen, die Gänsehaut erzeugen wollen. Zum Beispiel ordnet Lyla alles in Mustern an – auf der ersten Seite auch gleich tote Vögel. Adam muss als Ranger überall nach dem rechten sehen und beispielsweise stark verletzte Tiere von ihrem Leid erlösen. Irgendjemand hinterlässt überall mysteriöse Botschaften und Lyla glaubt, immer wieder einen Mann im Moor zu sehen, der wie ihr Vater aussieht, auch wenn er es nicht sein kann.

Die Geschichte rund um Kaths rätselhaften Unfall entfaltet sich vor dieser Kulisse in ruhigem Tempo. Erst weiß Kath überhaupt nicht, warum sich alle so merkwürdig benehmen und will möglichst schnell zurück in den gewohnten Alltag. Als ihre Schwägerin Tess, eine Psychologin, ihr sagt, was ihr Umfeld über den Unfall weiß, versteht sie die Welt nicht mehr. Was Tess erzählt ergibt überhaupt keinen Sinn! Kath beginnt mit Nachforschungen, um zu rekonstruieren, was in den Tagen vor dem Unfall geschehen ist. Ich konnte ihr Bestürzen gut nachvollziehen und war neugierig, was sie herausfinden wird. Lügt sie jemand an? Gibt es eine entscheidende Situation, die sie vergessen hat? Und was weiß Lyla, die ständig Dinge sagt, die Kath nicht versteht und die Lyla nicht näher erklären will?

Während Kath mit verschiedenen Personen spricht, die ihr mit Informationen helfen können, gibt es immer wieder merkwürdige Momente, die den Gruselfaktor hoch halten. Dennoch zog sich die Handlung für mich vor allem im Mittelteil in die Länge. Schließlich spitzt sich die Situation zu, denn einige brenzlige Dinge kommen ans Licht, die Konfrontationen auslösen. Lange ist jedoch unklar, wie alles zusammenpasst. Hier muss man als Leser bis zu den letzten Seiten warten. Der Autor lässt sich nicht in die Karten schauen und das entscheidende Verbindungsstück ist aus meiner Sicht ziemlich verrückt und außerdem so weit hergeholt, dass man als Leser keine Chance hat, auch nur ansatzweise darauf zu kommen. Immerhin werden alle offenen Fragen beantwortet, sodass ich das Buch mit einem versöhnlichen Gefühl beendete.

Die klare Stärke von „Mädchen aus dem Moor“ ist es, dem Leser in die gruselige Atmosphäre des Dartmoors eintauchen zu lassen und ihm durch unerklärliche Vorfälle und rohe Szenen aus der Wildnis Gänsehaut zu machen. Die Story rund um den Unfall der Protagonistin funktioniert vor allem, weil sie keinerlei Erinnerungen mehr an die Tage vor dem Ereignis hat und konnte mich nicht richtig fesseln. Ein stimmungsvolles Buch, das für mich aber etwas schwächer war als die ersten beiden Bücher des Autors.

Dienstag, 30. Oktober 2018

[Rezension Ingrid] Grenzgänger von Mechtild Borrmann


Titel: Grenzgänger
Autorin: Mechtild Borrmann
Erscheinungsdatum: 01.10.2018
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN: 9783426281796
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Im Roman „Grenzgänger“ von Mechtild Borrmann gehört die Protagonistin Henriette, von allen Henni genannt, zu denjenigen, die entsprechend dem Titel kurz nach dem Zweiten Weltkrieg über die deutsche Grenze hinweg ins nahegelegene Belgien pendeln. Sie und weitere Bewohner des kleinen, in der Nähe von Monschau gelegenen Orts Velda wechseln das Land zum Schmuggeln. Eine Gruppe von Kindern, zu denen Henni gehört, läuft vor den Erwachsenen. Werden sie aufgespürt, hat die Entdeckung für sie wenig bis gar keine Konsequenzen und die Älteren können schleunigst Reißaus nehmen.

Der Roman beginnt im Herbst 1970 in der Eifel, im Haupthandlungsort Velda. Hennis langjährige Freundin Elsa, die verwitwet ist, denkt an einen stattfindenden Verhandlungstag in Aachen und mir wurde schnell bewusst, dass es Henni ist, der hier ein Prozess gemacht wird. Die Erzählung entwickelt sich auf zwei Zeitebenen weiter. Einerseits erzählt Elsa von den Gerichtstagen und dem Leben in Velda, andererseits erlebte ich als Leserin Henni als 12-jährige im Herbst 1945, als älteste von vier Kindern des Ehepaars Herbert und Maria Schöning. Dadurch, dass die Autorin die Ereignisse in Velda des Jahres 1970 im Präsens beschreibt, scheinen diese an die Gegenwart heran zu rücken und bewegten mich daher umso mehr. Parallel dazu lässt Mechtild Borrmann einen freien Künstler aus Lüttich von seinem Leben erzählen. Der Zusammenhang zur Haupthandlung erschließt sich schnell und trägt schließlich dazu bei, die Erzählung für den Leser abzurunden.

Hennis Vater ist Uhrmachermeister, doch durch Militärdienst und Kriegsgefangenschaft ist er arbeitsuntauglich. Maria ernährt die Familie von einem Einkommen als Gaststättenaushilfe bis sie im April 1947 plötzlich verstirbt. Henni übernimmt die Rolle der Ersatzmutter für ihre Geschwister. Zufällig erfährt sie durch den Inhaber der Gaststätte von den Schmuggelgängen nach Belgien an denen sie sich fortan beteiligt. Doch nicht immer läuft alles gut und eines Tages geschieht ein furchtbares Unglück, an dem Henni ein Stück Mitverantwortung gegeben wird. Daraufhin weist man sie in eine Besserungsanstalt ein durch die sie für ihr ganzes Leben stigmatisiert wird.

Henni ist ein Mensch voller Lebensfreude, die tatkräftig ihre Mutter bereits als junges Mädchen unterstützt. Obwohl sie einige Ecken und Kanten besitzt ist sie ein Sympathieträger. Zum damaligen Zeitpunkt wurde die freie Entscheidung häufig eingeschränkt durch die Ansprüche und Erwartungen der Dorfgesellschaft, an deren Spitze Bürger aus Politik und religiösen Institutionen standen. Nach dem Tod der Mutter wird dem schwermütigen und zittrigen Vater die Verantwortung für die Kinder von angesehenen Persönlichkeiten abgesprochen, die sich ihrer Macht durchaus bewusst sind. Hennis unerschrockenes und burschikoses Verhalten wird als ungehörig ausgelegt, ihre Meinung nicht anerkannt und ihren Worten nicht geglaubt. Bestürzt musste ich als Leser feststellen, dass sie als Jugendliche keine Möglichkeiten hatte sich Geltung bei den Dorfbewohner zu verschaffen, die auch den extrinsisch beeinflussten Vater auf ihrer Seite wussten.

Mechtild Borrmann hat in „Grenzgänger“ vor allem mit den Themen Schmuggeln im Grenzgebiet zu Belgien und Umgang mit Minderjährigen in Heimen abermals ein Stück Historie beschrieben, das aus dem heutigen Blick weitestgehendst verwunschen ist und mich in seiner Form und Weite betroffen zurück lässt. Mir wurde bewusst, dass Henni wichtige Informationen über ihre Brüder nur durch ihr geringes Ansehen vorenthalten wurden. Sie verinnerlicht schließlich ihre eigene Schuld, weil ihre Denkweise von niemandem korrigiert wird. Ihr arbeitsreiches untadeliges Leben nach der Entlassung aus dem Heim wiegt scheinbar wenig im Vergleich zu den ihr zugeschriebenen Verfehlungen der Vergangenheit. Die Autorin schafft arbeitet die Feinheiten in der zwischenmenschlichen Kommunikation heraus, die mir als Leser die Untertöne im Miteinander der Gesellschaft hörbar machten und auf diese Weise das Verhalten von Henni vor Gericht erklärten. 

„Grenzgänger“ enthält Spannungsmomente wie in einem Kriminalroman, die gekoppelt sind mit der ergreifenden Geschichte der jungen Henni, die schon früh über ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden verfügt und die es schafft, allen Widrigkeiten zum Trotz an persönlichen kleinsten Glücksmomenten ihren Lebensmut aufrecht zu erhalten. Obwohl die Geschichte rein fiktiv ist, wirkt die Erzählung authentisch und Henni hat sich meinen Respekt verdient. Gerne empfehle ich diesen aufwühlenden Roman uneingeschränkt weiter.

Sonntag, 28. Oktober 2018

[Rezension Hanna] Die Schwestern vom Ku'damm. Jahre des Aufbaus - Brigitte Riebe


 


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Die Schwestern vom Ku'damm. Jahre des Aufbaus
Autorin: Brigitte Riebe
Hardcover: 432 Seiten
Erscheinungsdatum: 23. Oktober 2018
Verlag: Wunderlich

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Die drei Schwestern Rike, Sylvie und Flori leben in Berlin, als im Mai 1945 die Sowjetarmee in Berlin einzieht. Der Familie gehörte vor dem Krieg ein prächtiges Kaufhaus am Ku‘damm, das nun in Schutt und Asche liegt. Ihr Vater Friedrich Thalheim ist ein Gefangener, seit er in den letzten Tagen des Krieges Teil des Volkssturms werden musste und nun ist auch ihre Villa beschlagnahmt. Gemeinsam mit Friedrichs zweiter Frau ziehen die Schwestern in die alte Wohnung ihrer Großmutter und beginnen die Arbeit als Trümmerfrauen, um mehr Lebensmittel zu erhalten. Rikes Wunsch ist es, das Kaufhaus so bald wie möglich wieder aufzubauen. Dafür fehlt aber nicht nur Geld, auch die politische Situation muss sich verbessern. Dennoch ist Rike fest entschlossen, alles zu tun, damit der Wunsch wahr werden kann.

Mir gefällt das klassische Cover des Buches sehr gut. Im Hintergrund sieht man das Café Kranzler, in den 50er Jahren eine bekannte Berliner Institution. Davor ist eine Frau abgebildet, die Rike sein könnte, die älteste der Thalheim-Töchter. Diese lernt man erstmals in einem kurzen Prolog im Jahr 1932 kennen. Gerade wurde das Kaufhaus Thalheim & Weisgerber frisch renoviert und die ganze Familie kommt vorbei, um das Ergebnis zu bestaunen.

Die Geschichte springt danach in Jahr 1945, wo nichts mehr ist wie zuvor. Rike ist inzwischen 25 Jahre alt, ihre Mutter Alma vor 13 Jahren gestorben, ihr Bruder Oskar im Krieg verschollen, ihr Vater in Gefangenschaft. Dieser hat kurz nach dem Unfalltod ihrer Mutter neu geheiratet, sodass sie und Sylvie mit ihrer Stiefmutter Claire und ihrer Halbschwester Flori zusammenleben. Nach dem Kriegsende stehen sie alle quasi vor dem Nichts und ihre Gedanken gelten in erster Linie dem Weiterleben und dem Wunsch, dass Friedrich aus der Gefangenschaft entlassen wird.

Die Autorin fängt die Stimmung Berlins unmittelbar nach Kriegsende gelungen ein. Gut konnte ich mich in die Lage von Rike hineinversetzen, die für mehr Lebensmittel der anstrengenden Tätigkeit als Trümmerfrau nachgeht und gleichzeitig schon Pläne schmiedet, wie man wieder ins Modegeschäft einsteigen könnte. Einige Stoffe konnte die Familie vor dem Krieg auf Seite schaffen, und durch Zufall trifft sie nach kurzer Zeit auch die jüdische Schneiderin Miri, die den Krieg in Verstecken überlebt hat und deren Mutter einst für Rikes Vater gearbeitet hat. Doch die Wiedereröffnung des Kaufhauses liegt aufgrund von Geldmangel, stenger Rationierung und der angespannten politischen Situation in weiter Ferne.

Die Autorin führt den Leser zügig durch die Monate und Jahre und lässt ihn an wichtigen Momenten im Leben der Thalheims teilhaben. Dabei steht Rike als Charakter im Vordergrund, aber auch die Entwicklung von Sylvie und Flori, die in den weiteren Bänden in den Fokus rücken sollen, wird beschrieben. Rike ist die vernünftigste der Schwestern und versucht, langfristig zu planen. Bald kommt sie einem Familiengeheimnis auf die Spur, bei dem sie sich nicht sicher ist, ob sie es durch weitere Nachforschungen lüften will. Auch die Liebe kommt nicht zu kurz – nachdem Sylvie ihr einige Jahre zuvor den Verlobten ausgespannt hat ist sie nun bereit, ihr Herz neu zu vergeben.

„Die Schwestern vom Ku’damm: Jahre des Aufbaus“ ist atmosphärisch erzählt und lässt den Leser ins Berlin der Nachkriegszeit eintauchen. Hautnah erlebt man eine Zeit zwischen Hoffnung und Hunger mit, die Isolierung Berlins mit einer Versorgung per Luftbrücke und schließlich die Einführung einer neuen Währung. Die Autorin hat drei selbstbewusste Frauenfiguren geschaffen, die eine innere Stärke besitzen und sich selbst trotz aller Restriktionen verwirklichen wollen. Ich konnte tief in die Geschichte eintauchen und werde auf jeden Fall weiterlesen, denn ich will unbedingt wissen, wie es für die Thalheim-Töchter weitergeht!

Samstag, 27. Oktober 2018

[Rezension Hanna] Der verwundete Krieger. Throne of Glass 6 - Sarah J. Maas


 
 
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Der verwundete Krieger. Throne of Glass 6
Autorin: Sarah J. Maas
Übersetzerin: Michaela Link
Taschenbuch: 832 Seiten
Erscheinungsdatum: 21. September 2018
Verlag: dtv
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Seit der Zerstörung des gläsernen Schlosses ist für Chaol nichts mehr wie zuvor, denn er wurde im Kampf gegen den alten König gelähmt. Nun reist er auf Bitte von Dorian gemeinsam mit Nesryn nach Antica, der Hauptstadt des südlichen Kontinents. Dort sollen sie als Botschafter den regierenden Großkhan für den Kampf gegen die dunklen Mächte im Norden gewinnen. Gleichzeitig hofft Dorian, dass die legendären Heilerinnen der Torre Cesme ihm helfen können, wieder zu laufen. Doch kaum in Antica angekommen läuft alles ganz anders als geplant.

Seit mehr als fünf Jahren begleitet mich „Throne of Glass“ bereits, und nun ist das Finale endlich zum Greifen nah. Der fünfte Teil „Die Sturmbezwingerin“ endete hochdramatisch und machte wie immer  Lust auf mehr. Dieser sechste Teil machte mich jedoch skeptisch: Er spielt nämlich parallel zum vorherigen Band, und Aelin kommt darin nicht vor. Stattdessen drehen sich die rund 800 Seiten ausschließlich um Chaol, Nesryn und einige neue Charaktere.

Chaol hat in dieser Reihe wirklich schon einiges mitmachen müssen. Als Leser hat man ihn nicht nur durch emotionale Höhen und Tiefen begleitet, sondern auch miterleben müssen, wie er schwer verletzte wurde und nun von der Hüfte abwärts gelähmt ist. Nachdem er im letzten Band fehlte, weil beide Handlungsstränge parallel verlaufen, war ich nun neugierig, ob ihm auf dem südlichen Kontinent geholfen werden kann. Gleich zu Beginn des Buches treffen er und Nesryn in Antica ein und werden von der Familie des Großkhans empfangen. Doch die Stimmung ist äußerst gedämpft, denn eine der Töchter ist drei Wochen zuvor unerwartet verstorben. Keine gute Ausgangsposition, um mit dem Herrscher über die Entsendung von Streitkräften zu verhandeln.

Auch im Hinblick auf die Heilung von Chaol tritt bald Ernüchterung ein. Die Heilerin Yrene scheint als einziges dazu in der Lage zu sein, doch sie floh einst aus Fenharrow und würde am liebsten niemandem helfen, der für den alten König gearbeitet hat. In ihren Sitzungen lernen sich die beiden allmählich besser kennen und bauen Verständnis füreinander auf. Doch Chaols durch Magie erlittene Verletzung ist anders als alles, was ihr je begegnet ist. Nesryn verbringt währenddessen Zeit mit Sartaq, einem Sohn des Großkhans und Kommandant der Ruk-Reiter.

Die Geschichte schlägt ein ruhiges Tempo an und entfaltet sich nur langsam. In dieser Zeit lernt man Chaol und Nesryn ebenso wie die zwei neuen Charaktere Yrene und Sartaq besser kennen. Sowohl die Heilerinnen als auch die Ruk-Reiter sind potentielle Verbündete und könnten über entscheidendes Wissen im Kampf gegen die Valg verfügen. Doch bis die ersten Geheimnisse gelüftet werden muss der Leser Zeit mitbringen. Es müssen sich erst Vertrauensverhältnisse aufbauen, was für meinen Geschmack viel zu ausführlich beschrieben wurde. Auch Aelins Abwesenheit vermisste ich schmerzlich. Für mich ist sie DIE Schlüsselfigur der Reihe und dieses Buch ohne sie las sich für mich eher wie ein Spin-Off als wie ein Vor-Finale.

Nach rund 500 Seiten kommt die Geschichte endlich wieder richtig in Schwung und bot dramatische Szenen, Spannung und Kämpfe. Meine Lust an dieser Reihe wuchs dadurch mit jeder Seite wieder. Endlich kommt es auch zu wichtigen Offenbarungen und Erkenntnissen, welche entscheidend für den Kampf im Norden sind. Ich bin schon jetzt gespannt, wie die im Norden verbliebenen Charaktere auf die Konsequenzen der in diesem Buch beschriebenen Reise reagieren werden. Insofern freue ich mich nun sehr auf den letzten Band der Reihe!

Freitag, 26. Oktober 2018

[Rezension Ingrid] In der Nacht hör' ich die Sterne von Paola Peretti


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Titel: In der Nacht hör' ich die Sterne
Autorin: Paola Peretti
Übersetzerin: Christiane Burkhardt
Erscheinungsdatum: 26.10.2018
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Leseband
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„In der Nacht hör‘ ich die Sterne“ ist die Geschichte der 9-jährigen Mafalda, aber sie ist verbunden mit dem Schicksal der Autorin Paola Peretti, denn beide leiden an derselben Krankheit, einer Makula-Degeneration. Der sogenannte „Stargardt-Nebel“ kann zur Erblindung führen. Mafalda liebt es, in der Nacht die Sterne zu betrachten, die Intensität ihres Scheins möchte sie auf immer in Erinnerung behalten. Auch die hellen Blüten des Kirschbaums auf dem Schulhof betrachtet sie gern. Die Entfernung, aus der sie auf ihrem Weg zur Schule zu Beginn des Romans den Baum noch sehen kann, beträgt 140 Schritte, doch es werden über die Teile des Buchs hinweg immer weniger.

Mafalda kennt ihre Diagnose schon seit vielen Jahren. Bei der letzten Untersuchung hat ihre Ärztin die Zeit, bis sie erblinden wird, noch auf etwa ein halbes Jahr geschätzt. Ihre Eltern versuchen, ihr weiterhin Normalität im Alltag zu vermitteln. Dennoch beginnt sie damit, sich Gedanken über ihre nahe Zukunft zu machen, über Dinge die ihr bald unmöglich sein werden. Glücklicherweise gewinnt sie einen Klassenkameraden als neuen Freund. Zur Hausmeisterin Estella, die jeden Tag am Schultor auf sie wartet, wächst ihr Vertrauen. So hatte ich zumindest eine Zeitlang das Gefühl, dass Mafalda in der nahenden Dunkelheit nicht allein ist. Doch das Schicksal langt in dieser Hinsicht noch einmal hin.

Die Erzählung ist bewegend und stellenweise märchenhaft. Ich denke, dass es die Intention von Paola Perett ist, aus ihrer eigenen Erfahrung heraus zu zeigen, dass man trotz einer so weitreichenden Behinderung nicht am Leben verzweifeln soll. Sie zeigt bei ihrer Protagonistin die zunehmende Unsicherheit in Aussicht eines Lebens in Dunkelheit, lässt aber auch immer wieder Durchblitzen, dass es Hilfsmöglichkeiten gibt, die den Alltag erleichtern. Mit sehr viel Einfühlungsvermögen vermittelte sie mir als Leser die Tragik der Krankheit. Sie überlagert sie aber mit einer gewissen Leichtigkeit in der Einstellung zum Leben, die mich manchmal schmunzeln ließ. Obwohl mir der Wissenstand von Mafalda und ihren gleichaltrigen Freunden zu bestimmten Themen übertrieben unwissend erschien, weist die Autorin durch ihre Erzählung auf zahlreiche Dinge hin, die für uns Sehende augenöffnend sind und zeigen, was wichtig im Leben ist. Die Freundschaft erhält auf diese Weise einen ganz besonderen Stellenwert.

Der Roman lässt sich leicht und schnell lesen. Er ließ mich zwischen Lachen und Weinen zurück, vor allem auch, weil ich weiß, dass Mafaldas Schicksal auch das der Autorin ist. Einfach lesen und sich bezaubern lassen.

Mittwoch, 24. Oktober 2018

[Rezension Ingrid] Liebe ist die beste Therapie von John Jay Osborn



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Titel: Liebe ist die beste Therapie
Autor: John Jay Osborn
Übersetzerin: Jenny Merling
Erscheinungsdatum: 24.10.2018
Verlag: Diogenes (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Leseexemplar
ISBN: 9873257070439
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Ein Ehepaar, Steve und Charlotte mit Vornamen, beide etwa Mitte Dreißig, zwei Kinder, inzwischen getrennt lebend sucht Rat bei der Eheberaterin Sandy. Das ist das Grundkonzept des Romans „Liebe ist die beste Therapie“ von John Jay Osborn. Die therapeutische Praxis von Sandy ist dabei der einzige Schauplatz des Romans. Hier steht, neben den allgemein üblichen schlichten Sitzgelegenheiten für Coach und Ratsuchende noch ein weiterer bequemer Sessel im viktorianischen Stil, der während der Gespräche leer bleibt. Seine Bedeutung wird dem Leser und auch dem Ehepaar erst mit der Zeit bewusst.

Charlotte und Steve hatten in ihrer Ehe keine Geldsorgen, sie sind an Problemen in der Kommunikation gescheitert, Ehebruch war letztlich der Auslöser zur Trennung. Sandy entspricht mit ihrem Stil, ein therapeutisches Gespräch zu führen, nicht ganz den Erwartungen des Ehepaars. Aus Unerfahrenheit kann ich leider nicht beurteilen welchem Beratungsansatz die geschilderte Therapie folgt und ob sie auf die durchgeführte Art und Weise einem Standard entspricht. Doch es war faszinierend für mich, Charlotte und Steve zu Beginn des Romans am Tiefpunkt ihrer Ehe zu treffen und die weitere Entwicklung zu erleben. Über manche Reaktion der Ehepartner auf gezielte Nachfragen von Sandy war ich überrascht, manchmal auch erstaunt.

Jedes Kapitel umfasst eine Therapiestunde. Allmählich bildete sich für mich als Leser durch die Erinnerungen des Ehepaars ein Bild darüber, warum die Ehe gescheitert ist. Über die Therapeutin erfuhr ich, dass ihr Verhältnis zu ihrer Mutter gestört ist. Ich hätte mir noch etwas mehr Tiefe zur Figur der Sandy gewünscht mit mehr Informationen zu ihrer Vergangenheit und Ausbildung. Sandy spricht nicht nur als Therapeutin, sondern auch aus eigener Erfahrung. Gezielt vermittelte der Autor mir die Gedanken, die sie sich jeweils zum Gesprächsablauf während der Therapiestunden macht und die dem ernsten Hintergrund stellenweise eine feine Aufheiterung geben.

„Liebe ist die beste Therapie“ ist ein ruhiger Roman, der der Ehe eine eigene Stimme verleiht. Von Beginn an stellt sich die Frage, ob es gelingen wird, die Ehe von Charlotte und Steven zu retten und wenn ja, welchen Anteil Sandy daran haben wird. Der Roman ist besonders interessant für diejenigen, die den möglichen Ablauf einer Paartherapie kennen lernen möchten, aber auch für alle, die mehr über die Kunst des Zusammenlebens erfahren möchten.

Dienstag, 23. Oktober 2018

[Rezension Hanna] Befreit. Wie Bildung mir die Welt erschloss - Tara Westover


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Befreit. Wie Bildung mit die Welt erschloss
Autor: Tara Westover
Übersetzer: Eike Schönfeld
Hardcover: 448 Seiten
Erscheinungsdatum: 7. September 2018
Verlag: Kiepenheuer & Witsch

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Tara Westover wächst als jüngstes von sieben Kindern auf einem Berg in Idaho auf, wo ihr Vater einen Schrottplatz hat und ihre Mutter als Hebamme arbeitet. Statt eine Schule zu besuchen arbeitet sie früh mit, sortiert Schrott-Teile und mischt Tinkturen an. Denn ihr Vater ist überzeugt davon, dass Schulen und Ärzte von den Illuminaten infiltriert werden. Theoretisch soll sie Heimunterricht erhalten, doch der findet quasi nicht statt. Auf Anregung ihres Bruders und voller Zweifel schreibt sie sich schließlich für ein College ein, dessen Aufnahmetest sie nach einem monatelangen Lernmarathon geschafft hat. Ein Schritt, der ihre Sicht auf die Welt und ihre Familie nachhaltig ändern wird.

Bevor ich mit der Lektüre begann habe ich mich nicht mit der Geschichte von Tara Westover beschäftigt. Aufgrund des Klappentextes wusste ich lediglich, dass sie mit 17 Jahren zum ersten Mal an formalem Unterricht teilnimmt. Warum ist sie vorher nicht zur Schule gegangen? Wo war sie stattdessen? Auf diese Fragen erhält man als Leser schon bald eine Antwort.

Schon im Prolog erfährt man, dass Tara jahrelang aus Sicht des Staates nicht existiert hat, denn sie wächst ohne Geburtsurkunde auf. Es gibt keine Schulbesuche und keine Arztbesuche, denn alles findet zu Hause statt – wozu sollte sie also eine brauchen? Mit klaren Worten zeichnet sie ein Bild von ihrem isolierten Leben auf einem Berg in einem winzigen Örtchen in Idaho. Ihr Vater wittert Gehirnwäsche in allen staatlichen Institutionen. Er baut sich ein möglichst unabhängiges Leben aufbauen und bereitet sich darüber hinaus auf das Überleben im Falle eines Weltuntergangs vor. Und so werden auch schlimme Verletzungen nur zu Hause behandelt, sie lernt zu Hause schreiben und etwas rechnen und hat sich ansonsten vor allem an der Arbeit auf dem Schrottplatz zu beteiligen.

Ich fand die Einblicke in Taras Leben, das Mitten in Amerika stattfindet und trotzdem alles andere als gewöhnlich ist, interessant. Tara hat jahrelang Tagebuch geschrieben und spricht im Rückblick sehr reflektiert über die Erlebnisse ihrer Kindheit und Jugend. Ihr Vater stand mit seiner verqueren Meinung, mit Überzeugungskraft und Durchsetzungsvermögen im Mittelpunkt der Familie. Diese hatte zu tun, was er wollte. Über die Jahre beginnt sich diese Konstellation jedoch zu verschieben. Einige Personen werden immer abhängiger von ihm, andere wollen sich lösen. Dabei ist Tara nicht die erste, die zum College geht, sondern ihr Bruder Tyler macht es ihr vor und ermuntert sie, seinem Weg zu folgen.

Im Fokus des Buches steht Taras Beziehung zu ihrer Familie, die durch verschiedene Ereignisse geprägt wird. Neben ihrem Entschluss, den höheren Bildungsweg einzuschlagen, ist das auch die Tatsache, dass sie in Bezug auf Vorfälle im Familienkreis die Wahrheit aussprechen will. Einer ihrer Brüder wurde jahrelang gegenüber ihr und auch anderen Familienmitgliedern physisch gewalttätig, doch darüber möchte niemand sprechen und man stellt sie lieber als Lügnerin hin. Offen schreibt die Autorin über ihre innere Zerrissenheit. Gut konnte ich verstehen, dass sie den Kontakt zu ihrer Familie halten will, sie durch die Erweiterung ihres Horizonts aber zum einen immer weiter zurücktreten kann und sieht, wie engstirnig diese ist, und zum anderen ein Selbstbewusstsein aufbaut und ihre Werte anpasst.

Tara Westover schildert „Befreit“ ihre persönliche Geschichte. Ich habe mich über ihren Mut gefreut, in die große Welt hinauszugehen, ärgerte mich über die Verschwörungstheorien und den Kontrollwahn ihres Vaters und wurde wütend, als sie über die Taten ihres Bruders sprach. Eine beeindruckende Biographie, die offen erzählt ist, nichts beschönigt oder dramatisiert und doch ganz viele Emotionen weckt. Ich gebe eine klare Leseempfehlung!

Sonntag, 21. Oktober 2018

[Rezension Ingrid] Zeitenwende von Carmen Korn


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Titel: Zeitenwende (Band 3 der Jahrhundert-Trilogie)
Autorin: Carmen Korn
Erscheinungsdatum: 25.09.2018
Verlag: Kindler bei Rowohlt (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Leseband
ISBN: 9873463406848

weitere Rezensionen zur Jahrhundert-Trilogie:
- Töchter einer neuen Zeit (KLICK!)
- Zeiten des Aufbruchs (KLICK!)

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„Zeitenwende“ ist der dritte und abschließende Teil der Trilogie von Carmen Korn, die das Leben von vier jungen Frauen schildert, die alle etwa um das Jahr 1900 geboren wurden. Als Leserin konnte ich ihre Geschichte in den drei Bänden ab dem Frühjahr 1919 bis Januar 1999 verfolgen. Der vorliegende Roman schließt unmittelbar an den vorigen an und beginnt im März 1970. Anhand eines vorgeschalteten Personenverzeichnisses konnte ich nochmals in kurzer Form die Ereignisse nachlesen, die die vier Protagonistinnen und ihre Angehörigen in den ersten beiden Teilen erlebt haben.

Die vier Freundinnen Henny, Käthe, Lina und Ida sind zu Beginn des dritten Teils etwa siebzig Jahre alt. Ihre Sorge gilt weniger sich selbst als ihren Lieben. Jede von ihnen lebt in einer langjährigen Beziehung und hat ein gutes Verhältnis zum Nachwuchs, einzig das Verhältnis von Käthe zu ihrer Adoptivtochter trübt sich durch deren Nähe zum linksextremen Untergrund. Die Jahre ziehen an ihnen vorbei und in manche bedeutende Zeitgeschichte sind auch die Familienmitglieder der Protagonistinnen eingebunden. Große Themen des Romans sind die Aktivitäten der RAF, Kriege im Nahen Osten, Aids, das geteilte Deutschland und die Wiedervereinigung sowie die Jahrhundertwende. Die Familien teilen Freude und Leid und feiern die Feste wie sie fallen. Meist erlebt man die Charaktere im Alltag, aber auch im Beruf als Ärztin, Redakteur, Buchhändler, Fotomodell, Journalistin oder Student.

Über jedem Kapitel steht die Zeit in der die nachfolgenden Ereignisse spielen. Carmen Korn reiht darin kurze Szenen mit den Freundinnen und ihren Angehörigen aneinander. Nacheinander begegnete ich den inzwischen lieb gewonnenen Figuren. Vor allem zu Beginn erinnern ihre Charaktere sich gerne zurück, so dass auch Leser, die die vorigen Teile nicht kennen, einen Einstieg in die Erzählung finden.

Am abschließenden Band hat mir besonders gefallen, dass er über eine Zeitspanne handelt, die ich selbst erlebt hatte. Ich erinnerte mich gerne an die im Text erwähnten Bücher, Filme und Songs. Die Geschehnisse in Deutschland und der Welt, die den Hintergrund des Romans bilden, ließen mich freudig oder betrübt zurück genau wie Henny und ihre Verwandten und Bekannten sie erlebten. Doch auch an ihnen geht das Alter nicht vorbei und es ist zwar vorhersehbar, doch stimmt es auch traurig, dass man von vielen der Figuren bis zum Ende des Buchs Abschied nehmen muss. Was mich vom ersten Band an bewegt hat, ist der besondere Zusammenhalt der Freundinnen und ihren Liebsten, die in guten wie in schlechten Tagen immer füreinander da sind.

„Zeitenwende“ ist ein würdiger Abschluss der Romantrilogie von Carmen Korn. Wer „Töchter der Zeit“ und „Zeiten des Aufbruchs“ gelesen hat, sollte unbedingt auch diesen abschließenden Teil lesen. Wer Interesse an einem unterhaltsamen zeitgeschichtlichen Abriss des 20. Jahrhunderts hat mit dem Haupthandlungsort Hamburg, der sollte ebenfalls zu den Büchern dieser Trilogie greifen.

Samstag, 20. Oktober 2018

[Rezension Hanna] Schnee in Amsterdam - Bernard MacLaverty


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Schnee in Amsterdam
Autor: Bernard MacLaverty
Übersetzer: Hans-Christian Oeser
Hardcover: 288 Seiten
Erscheinungsdatum: 20. September 2018
Verlag: C.H.Beck

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Gerry und Stella leben in Schottland und sind seit vielen Jahren verheiratet. Früher war er Architekt und sie Lehrerin, doch inzwischen sind beide im Ruhestand und ihr Zusammensein wird von Routine bestimmt. Ein Kurzurlaub in Amsterdam soll den Alltagstrott unterbrechen. Während Gerrys Hauptinteresse der Frage gilt, ob er auch unterwegs genug Whiskey auftreiben kann, um sein Verlangen zu stillen, hat Stella ganz eigene Pläne. Diese hängen mit einem Versprechen zusammen, dass sie selbst vor langer Zeit in einem Moment größter Not gab.

Das Cover des Buches wirkt mit seinen vielen Schneeflocken winterlich und zeigt ein Paar auf einer Brücke. Die Frau blickt den Mann an, in ihrer Hand ein vor den Flocken schützender Regenschirm. Doch er steht außerhalb des Schutzes, schaut sie nicht an und wendet dem Leser seinen Rücken zu, isoliert sich selbst. Das könnten Gerry und Stella in Amsterdam sein.

Gleich zu Beginn des Buches machen die beiden sich auf den Weg in die Niederlande. Dabei erhält der Leser schnell einen ersten Eindruck vom Charakter der beiden und wie es um ihre Ehe bestellt ist. Gerrys Gedanken drehen sich fast nur um Whiskey und wie er die Menge seines Konsums vertuschen kann, während Stella sich um alle organisatorischen Dinge kümmert. Die Stimmung zwischen den beiden wird von einer gewissen Gleichgültigkeit bestimmt. Zwar sind sie sich körperlich gelegentlich noch nahe, emotional jedoch haben sie sich mit der Zeit auseinander entwickelt.

Der Urlaub der beiden wird in ruhigen Tönen erzählt. Die Tage in Amsterdam ziehen langsam – für meinen Geschmack doch zu gemächlich – vorbei, ohne dass es zu einem größeren Zwischenfall kommt. Um mehr über die Gefühle des Ehepaars zueinander zu erfahren, muss man vor allem zwischen den Zeilen lesen. Lautstarke Konfrontationen gibt es nicht, doch sieht man hier dem schleichenden Zerfall einer einst starken Beziehung zu. Die symbolhafte Sprache des Autors, bei der Stella beispielsweise sich und Gerry mit den Setzrissen der Wohnung vergleicht und Ewigkeitsohrringe im Kanal versenkt, hat mir sehr gefallen.

Im Mittelpunkt des Buches steht die Frage, ob man im höheren Alter noch aktiv große Änderungen seinen Lebensumständen vornehmen will oder es einfacher ist, so weiterzuleben, wie man es seit Jahrzehnten kennt. Doch wie lang geht letzteres gut, wenn die Menschen selbst sich fundamental ändern? Konsequenzen aus Gerrys Alkoholismus zu ziehen fühlt sich für Stella unmöglich an, ein Gefühl, das mir beim Lesen begreiflich gemacht wurde. Gleichzeitig steht ein lang vergangenes Ereignis zwischen den beiden, über das sie nicht reden, das bei ihnen aber im Laufe der Tage in Amsterdam gedanklich immer stärker in den Vordergrund tritt. Hier war ich neugierig, mehr zu erfahren und zu erleben, wie die beiden mit der Erinnerung umgehen.

„Schnee in Amsterdam“ ist eine berührende Geschichte über ein Ehepaar, das sich emotional auseinander gelebt hat und spürt, dass es so eigentlich nicht weitergehen kann. Der Autor lässt den Leser tief ins Innenleben der Charaktere blicken und mit ihnen fühlen. Eine ruhige, sprachlich starke Ehestudie vor der schönen Kulisse Amsterdams, die ich gerne empfehle!

Mittwoch, 17. Oktober 2018

[Rezension Ingrid] Eines Tages in der Provence von Karine Lambert


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Titel: Eines Tages in der Provence
Autorin: Karine Lambert
Übersetzerin: Pauline Kurbasik
Erscheinungstermin: 10.09.2018
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Leseband
ISBN: 9783453292116
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„Eines Tages in der Provence“ von Karine Lambert beschreibt den rührenden Einsatz der Bewohner eines Dorfs in Südfrankreich für den Erhalt der Platane, die den Marktplatz ihres Ortes schmückt. Es sind nur wenige Tage, genauer gesagt 21, von der Ankündigung des Fällens bis zu dessen Vollzug die den Anwohnern bleibt.

Die Autorin überraschte mich von Beginn an dadurch, dass sie den betroffenen Baum immer wieder als Ich-Erzähler sprechen lässt. Aufgrund dieser Sichtweise machte sie mir als Leser deutlich, welche Kraft ein solch lange existierender Baum aussenden kann und wie machtlos er ist gegen den Unbill der Zeit. Die Einwohner des Dorfs fühlen sich ihm auf vielfache Weise verbunden beispielsweise als Träger von Lampions zu besonderen Festen, durch das Sitzen in seinem Schatten oder dem Zuhören beim Rascheln seiner Blätter im Wind.

Es sind die unterschiedlichsten Charaktere die Karine Lambert zum Widerstand gegen die Fällung zusammen kommen lässt. Den Impuls dazu gibt der erst 10 Jahre alte Clément. Mit dabei sind unter anderem aber auch zwei über neunzigjährige Schwestern, die Barbesitzerin am Marktplatz und die Foodstylistin Fanny, die im dritten Stock eines Gebäudes mit Blick auf die Platane wohnt. Einzig der Gemeindediener Francois handelt entsprechend der Anweisungen seines städtischen Arbeitgebers. Er hält den Platz sauber und daher ist ihm das Abholzen gar nicht so unrecht, denn dann braucht er im Herbst nicht so viel Laub zu fegen …

Vielleicht hat so ein einzelner Baum nicht die gleiche Bedeutung für uns wie zum Beispiel der Hambacher Forst. Aber Karine Lambert hat eine so warmherzige Erzählweise, dass ich mich von der ersten Seite ebenso wie die Dorfbewohner um die Platane sorgte. Der Originaltitel des Romans, der übersetzt „Ein Baum, ein Tag“ lautet, machte mir deutlich, wie es innerhalb weniger Stunden zu einer kompletten Veränderung im öffentlichen Erscheinungsbild eines Ortes kommen kann durch das Verschwinden einer inzwischen zur Institution gewordenen Platane. Ich hoffte von Beginn an, dass es gelingen wird, den Baum zu retten, was eine gewisse Spannung in den Roman brachte. Von Bedeutung bei dieser Geschichte ist vor allem, dass grundsätzlich das Reden und Handeln miteinander über Dinge für die man sich gemeinsam interessiert einander näher bringen.

Karine Lambert schreibt einfühlsam in einem leicht lesbaren und einnehmenden Schreibstil, der jedoch einer heiteren Leichtigkeit in manchen Szenen nicht entbehrt. Der Roman stimmt nachdenklich über unsere Verbindung zur Natur und das Leben im Zeitablauf an sich. Gerne empfehle ich den Roman weiter. 

Montag, 15. Oktober 2018

[Rezension Hanna] Legendary - Stephanie Garber


 

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Legendary
Autorin: Stephanie Garber
Übersetzerin: Diana Bürgel
Broschiert: 448 Seiten
Erscheinungsdatum: 2. Oktober 2018
Verlag: Kindler Verlag

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Nach Caraval ist vor Caraval: Eigentlich findet das berühmt-berüchtigte Spiel von Master Legend nur einmal im Jahr statt. Doch nur wenige Tage nach dem letzten Spiel brechen die Darsteller gen Valenda auf. In der Hauptstadt soll zu Ehren des Geburtstags von Kaiserin Elantine gleich ein weiteres Spiel stattfinden. Die Schwestern Scarlett und Donatella haben die Geschehnisse des letzten Caravals nachhaltig geprägt. Trotzdem entschließt sich Tella, bei der nächsten Runde mitzumachen. Denn um ihre vor sieben Jahren verschwundene Mutter zu finden ist sie einen Pakt eingegangen. Ein Unbekannter hat ihr angeboten, sie miteinander zu vereinen, wenn er im Gegenzug Legends wahren Namen erfährt. Eine Chance auf diese Information hat Tella aber nur, wenn sie das nächste Spiel gewinnt. Dieses scheint noch echter und gefährlicher zu sein als das letzte…

Nachdem mich „Caraval“ vor anderthalb Jahren fesseln konnte war für mich klar, dass ich auch diese Fortsetzung lesen muss. So viel galt es noch zu erkunden und herauszufinden! Schon auf den ersten Seiten gibt es wichtige neue Enthüllungen. Das Buch ist aus der Perspektive von Tella geschrieben, und der Leser erfährt, dass sie schon seit einer ganzen Weile Briefe mit einem Unbekannten austauscht. Dieser behauptet, zu wissen, wo ihre seit sieben Jahren verschwundene Mutter sich aufhält. Doch der Preis für diese Information ist hoch, und nun will er Tella unbedingt in Valenda treffen. Ihr bleibt also kaum etwas anderes übrig, als mit in die Hauptstadt zu reisen und zu versuchen, das nächste Spiel zu gewinnen.

Ich fand es schön, dass in diesem Band Tella im Mittelpunkt steht, nachdem man im Auftakt ihre Schwester Scarlett begleitet hat. Endlich erfährt man mehr über sie und ihre Geheimnisse. Um ihre Mutter zu finden ist sie bereit, große Wagnisse einzugehen. Doch sie ist sich unsicher, wie viel sie Scarlett erzählen kann, ohne dass diese es ihr vehement ausreden wird. So kommt es, dass Tella am Spiel teilnimmt, während Scarlett das Geschehen diesmal nur beobachtet.

Das Buch nimmt schnell an Tempo auf und lässt das nächste Caraval beginnen. Vorab wird die Warnung ausgesprochen, dass dieses Spiel echter zu sein scheint als das vorherige. Schon in der ersten Nacht gibt es eine große Überraschung was die Identität ihres unbekannten Freundes angeht. Nun gibt es für Tella kein Zurück mehr. Mit den sogenannten Schicksalsmächte, die einst die Welt kontrollierten, wird eine ganz neue Idee gelungen in die Geschichte eingeflochten. Schnell wird deutlich, welch große Bedrohung sie darstellen und dass Tellas Entscheidungen maßgeblich beeinflussen werden, wie es für das Reich weitergeht.

Wie im ersten Teil nimmt uns die Geschichte mit von Nacht zu Nacht, in der Caraval gespielt wird. Es gibt wieder Hinweise, welche die Spieler von A nach B führen. Außerdem gibt es die Möglichkeit, gegen ungewöhnliche und tiefgreifende Bezahlungen an Informationen zu gelungen. Hier enden aber auch die Ähnlichkeiten zum vorherigen Band. Wer denkt, er hätte das Prinzip des Spiels verstanden, wird feststellen, dass das nicht so ist. Darin steckt aber gleichzeitig auch mein Hauptkritikpunkt an der Geschichte: Der Fokus liegt ganz auf Tellas Suche nach den Hinweisen. Angeblich gibt es auch andere Spieler – auf die wird aber überhaupt nicht eingegangen, sodass Tessas Vorankommen nun wirklich nicht überraschend ist.

Auch die Liebe kommt in diesem Buch nicht zu kurz. Sowohl Tella als auch Scarlett müssen entscheiden, wem sie vertrauen und ob sie jemanden lieben können, obwohl dieser die Unwahrheit sagt oder Geheimnisse hat. Das wird zum Ende hin zur entscheidenden Frage und ich war gespannt, welche Entscheidungen getroffen werden. Bis zum Schluss gibt es unerwartete Wendungen, die mich begeistern konnten. Ich freue mich deshalb sehr, dass es noch einen dritten Band, der voraussichtlich „Finale“ heißt, geben wird. Für alle Fantasy-Fans, die sich von „Caraval“ haben mitreißen lassen, ist auch „Legendary“ ein Must Read!

Sonntag, 14. Oktober 2018

[Rezension Ingrid] Gefährten für immer von Anne C. Voorhoeve


Titel: Gefährten für immer
Autorin: Anne C. Voorhoeve
Erscheinungsdatum: 26.09.2018
Verlag: Sauerländer (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover
ISBN: 9783737355360
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„Gefährten für immer“ ist ein Jugendbuch ab 13 Jahren von Anne C. Voorhoeve. Die Erzählung ist weit mehr als das Cover zunächst andeutet. Die Gestaltung des Titelbilds in Sepia deutet schon darauf hin, dass die Geschichte in die Vergangenheit führt. Es ist aber nicht nur eine Geschichte, die sich um ein Pferd und seiner Reiterin dreht, sondern es ist eine Fluchtgeschichte, die von Hannover zum Trakehnergestüt Waldeck nach Ostpreußen führt. Eine Landkarte, die man auf den ersten Seiten im Buch findet, zeigt die Grenzen des Deutschen Reichs 1944 und ermöglicht es so, die Fluchtroute nachzuvollziehen.

Die 14-jährige Lotte hat ihre Mutter zu Beginn des Zweiten Weltkriegs bei einem Unfall verloren. Im Jahr 1943 wohnt sie mit ihrem blinden Vater in einer Wohnung in Hannover. Vor kurzem wurden im Stadtzentrum bei einem Tagesangriff der US-Luftflotte viele Gebäude zerstört und Menschen getötet oder schwer verletzt. Ihr Vater sorgt sich sehr um ihre Sicherheit und schickt sie nach Ostpreußen wo eine Freundin der Mutter das Gestüt ihrer Familie leitet. Emilia, eine Nichte der Freundin im gleichen Alter wie Lotte, wohnt ebenfalls dort und Harro, der wenig ältere Sohn des früheren Verwalters, übernimmt kleine Arbeiten. Lotte hat einige Schwierigkeiten sich einzuleben. Zu der Trakehnerstute Lilie entwickelt sie eine ganz besondere Beziehung. Nie hätte Lotte nach über fünf Jahren Krieg damit gerechnet, dass sie auch in ihrer neuen Heimat davon eingeholt wird. Wieder stehen Verabschiedungen an, auch von ihrem Pferd …

Mit Lotte hat die Autorin eine starke und mutige Protagonistin geschaffen. Ihr Schicksal hat mir viele Fakten des Zweiten Weltkriegs wieder in Erinnerung gerufen, auch an Schilderungen meiner Mutter über ihre Evakuierung. Lotte hat früh gelernt selbständig, aber auch hilfsbereit zu sein. Schnell hat sie meine Sympathie gewonnen. Sie handelt lebensnah und überlegt, ist einfühlsam und passt sich schnell an. Die Zeit in der sie lebt bietet ihr wenig Alternativen. Ich hoffte für sie und die ihr liebgewordenen Personen, dass es ihnen gelingt, den Krieg zu überlegen. Interessiert verfolgte ich die Entwicklung der zarten Band zu Harro, der aber ebenfalls Emilia zugeneigt ist. Die Autorin zeigt für den Konflikt zwischen den Dreien eine realitätsnahe und faire Auseinandersetzung auf. Ich war überrascht darüber, wie weit eines der beiden jungen Mädchen bereit ist, im Sinne der Freundschaft zu gehen.

Anne C. Voorhoeve deutet an einigen Stellen an, was Lotte in der nahen Zukunft zu erwarten hat, was die Spannung erhöhte. Ihre eignen Erfahrungen mit Trakehner fließen in ihre Geschichte ein, so dass das Miteinander zwischen Pferd und Reiter authentisch wirkte. Der Roman ist an die wahren Ereignisse der Flucht von Marion Gräfin Dönhoff angelehnt, wie aus dem Nachwort zu erfahren war.

„Gefährten für immer“ ist ein Roman über Freundschaft, über zarte Liebesbande, über eine abenteuerliche Flucht und große Zuneigung zu Pferden. Er ist gefühlvoll und realistisch geschrieben und gerade daher so berührend. Das Buch ist geeignet für Jugendliche ab 13 Jahren, jedoch genauso interessant für ältere Leser. Gerne gebe ich hierfür eine Leseempfehlung.

Sonntag, 7. Oktober 2018

[Rezension Hanna] Liebe Mrs. Bird - A.J. Pearce



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Liebe Mrs. Bird
Autorin: A.J. Pearce
Übersetzerin: Silke Jellinghaus
Hardcover: 416 Seiten
Erscheinungsdatum: 25. September 2018
Verlag: Kindler Verlag

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Emmeline Lakes großer Traum ist es, Kriegsreporterin zu werden. 1940 befindet sich die Welt im Krieg, und das ist auch in London spürbar. Als sie eine Anzeige sieht, in der ein Verlag des London Evening Chronicle eine Gehilfin sucht, sieht sie ihre Chance gekommen. Nach einem kurzen Bewerbungsgespräch, in der sie nur gefragt wird, ob sie mit einer zänkischen alten Frau zusammenarbeiten kann, ist sie eingestellt. Und zwar so schnell, dass sie nicht gefragt hat, was sie überhaupt tun soll. An ihrem ersten Tag ist die Überraschung und Ernüchterung groß, als sie feststellt, dass sie bei einer Frauenzeitschrift arbeitet, die zum Verlag gehört, und dort die Kummerkastenbriefe vorsortieren soll. Ihre Chefin Mrs. Bird hat strenge Vorgaben, was sie beantwortet. Liebe? Beziehung? Bloß nicht! Doch Emmy berühren die Briefe so sehr, dass sie beginnt, auf eigene Faust zurückzuschreiben…

Das Buch beginnt mit einer Zeitungsanzeige, die das Leben von Emmeline Lake, kurz Emmy, gehörig auf den Kopf stellen wird. Als Emmy die Anzeige entdeckt, ist ihre Aufregung groß, denn endlich sieht sie ihre Chance gekommen. Sie berichtet all ihren Freunden von ihrer Bewerbung und dass sie die Stelle tatsächlich bekommen hat. Insofern konnte ich gut nachvollziehen, wie peinlich ihr die Offenbarung an ihrem ersten Arbeitstag ist, dass sie jetzt Kummerkastenbriefe vorsortieren soll.

Emmy ist eine Frau, die zu Kriegszeiten anpacken und ihren Beitrag leisten will. Seit dem Beginn des Blitzkrieges hat sie angefangen, als Freiwillige bei der Hilfsfeuerwehr zu arbeiten. Drei Nächte in der Woche nimmt sie seither Telefonanrufe entgegen. Doch sie will noch mehr tun, weshalb sie davon träumt, Kriegsberichte zu schreiben, die zahlreiche Menschen erreichen. In ihrem neuen Job arbeitet sie nun zwar im selben Gebäude wie viele wichtige Journalisten, ist ihrem Traum ansonsten aber nicht näher gekommen. Doch Emmy ist niemand, der einfach aufgibt. Sie versucht, das Beste aus ihrer Lage zu machen.

Die Kummerkastenbriefe und die Vorgabe ihrer Chefin Mrs. Bird, alle unzüchtigen Briefe zu zerschneiden, machen ihr zu schaffen. Denn nach Mrs. Birds Kriterien sind das fast alle. Emmy liest die verzweifelten Zeilen und kann sich nicht vorstellen, nichts zu tun. Es kommt wenig überraschend, dass sie bald beginnt, Briefe aus dem Büro zu schmuggeln und selbst zu antworten.

Die Geschichte rund um die Kummerkastenbriefe gerät im weiteren Handlungsverlauf etwas in den Hintergrund. Stattdessen rücken zwei andere Themen in den Vordergrund. Zum einen wird die Stadt heftig bombardiert und Emmy hat Angst um den Feuerwehrmann William, den Freund ihrer besten Freundin Bunty, der sich zum Retten von Menschenleben immer wieder in die Trümmer stürzt. Rund um die Angriffe gibt es viele dramatische Momente und die Geschichte wird zunehmend emotional. Zum anderen geht es auch um Emmys eigenes Liebesleben, bei dem Bunty nachhelfen will.

Zwar war klar, dass die Geschichte während des zweiten Weltkriegs spielt, aufgrund der Buchbeschreibung hatte ich aber erwartet, dass die Geschichte rund um die Kummerkastenbriefe mehr Raum einnimmt. Das ist jedoch nicht der Fall, hier gibt es keine großen Überraschungen und irgendwann passiert genau das, womit ich gerechnet habe. Die Geschichte rund um Emmys Liebesleben bleibt auf halber Strecke in der Luft hängen mit ungewissen Ausgang. Trotz schöner und unterhaltsamer Momente wird die Atmosphäre des Buchs durch die Bombardierungen und deren Konsequenzen immer bedrückender. Angst, Trauer und der weite Weg, bis neuer Mut geschöpft werden kann, stehen bis zum Schluss im Vordergrund.

„Liebe Mrs. Bird“ bietet Humor, Liebe und viel Drama, das die Stimmung des Buches zunehmend bestimmt. Ich fand es schade, dass die Geschichte rund um die Kummerkastenbriefe so vorhersehbar abgehandelt wird. Stattdessen erhält der Leser eine eher klassische Kriegsgeschichte, in der die Bombardierung Londons beschrieben wird und wie die Bevölkerung damit umgeht. Emmy ist eine sympathische Person, die helfen will und damit ein gelungenes fiktives Beispiel für die vielen Frauen, die zu jenen dramatischen Zeiten mit anpackten. Doch auch hier braucht man nicht viel Fantasie, um sich auszumalen, was passieren wird. Das Buch ist ein gutes Debüt über ein Frauenschicksal während des zweiten Weltkriegs, das mich jedoch nicht so recht packen konnte.

Donnerstag, 4. Oktober 2018

[Rezension Hanna] Story: Wie man eine Geschichte richtig erzählt - Bobette Buster


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Story: Wie man eine Geschichte richtig erzählt
Autorin: Bobette Buster
Übersetzer: Tino Hanekamp
Taschenbuch: 112 Seiten
Erscheinungsdatum: 15. September 2018
Verlag: Tempo

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In „Story / Wie man eine Geschichte richtig erzählt“ gibt Bobette Buster, die seit Jahren Hollywood-Studios berät, dem Leser Tipps, wie man Geschichten über sich selbst möglichst gelungen erzählt. Zu Beginn des Buchs gibt sie zehn Tipps, die sie im weiteren Buchverlauf anhand von Beispielen ausführlicher erläutert. Die Tipps klingen simpel und werden durch die Beispiele anschaulich gemacht. 

Es geht um kurze und prägnante Geschichten über die eigene Person, also das Erzählen von kleinen Anekdoten bis hin zu lebensverändernden Momenten oder das Verkaufen einer Idee. Man merkt aber, dass die Autorin oft in Hollywood unterwegs ist, denn die Beispielgeschichten sind meist filmreifer Stoff. Ich hätte mir mehr Beispiele gewünscht, die stärker aus dem Alltag gegriffen sind und die Übertragbarkeit verdeutlichen, wenn ich nicht gerade mein ganzes Leben umgekrempelt oder Weltgeschichte geschrieben habe. 

Am Ende des Buches sind Übungsanregungen enthalten, die dem Leser Ideen geben, wie er eine gute Geschichte findet, die er unter Berücksichtigung der Tipps erzählen könnte. Insgesamt macht das Buch Lust darauf, eine persönliche Geschichte zu erzählen. Ich hätte mir aber noch mehr Alltagsnähe gewünscht.

Das Buch ist Teil der neuen Reihe „DO LECTURES“ vom Tempo Verlag. Hier sind bislang drei Bücher unter dem Motto „Mitmachen“ erschienen – Bestimmung, Story und Design – sowie drei weitere unter dem Motto „Weitermachen“ – Anpflanzen, Imkern und Einmachen.

Mittwoch, 3. Oktober 2018

[Rezension Ingrid] Meine beste Bitch von Nataly Elisabeth Savina


Titel: Meine beste Bitch
in der Reihe "Die Bücher mit dem blauen Band" (Hrsg. Tilman Spreckelsen)
Autorin: Nataly Elisabeth Savina
Erscheinungsdatum: 26.09.2018
Verlag: Fischer KJB (ab 14 Jahren) (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit blauem Leseband
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„Meine beste Bitch“ ist im gleichnamigen Roman von Nataly Elisabeth Savina die Ich-Erzählerin und Protagonistin Faina Maris für die ein Jahr ältere Berenice, von allen Nike genannt, und umgekehrt. Verbunden mit dem Begriff „Bitch“ ist für mich Lebensfreude und Selbstbewusstsein. Zu der Protagonistin will die Betitelung zunächst nicht so richtig passen. Sie lebt in einer Kleinstadt und besucht dort die Oberstufe des Gymnasiums. Faina ist hochsensibel und wird von ihrer Mutter, einer Psychiaterin, vor allem vermeintlichem Unbill beschützt. Dennoch kommt sie immer wieder in Panik und ihre Haut juckt oft unerträglich ohne ersichtlichen Grund. Zur Beruhigung geht sie spazieren, gerne mit dem nahegelegenen Friedhof als Ziel. Aber sie ist auch ein High Sensitive Seeker, immer auf der Suche nach neuen Erfahrungen und aufregenden Erlebnissen. Sie wünscht sich ein Leben, das bunt und prickelnd ist und immer wieder Ungewöhnliches bietet. Das Cover zeigt ein Stück solcher Ausgelassenheit. Sie möchte sich wohlfühlen wie bei einer Performance mit einem Stück Melone in der Hand und das gefärbte Wasser in der Wanne zum Rumspritzen nutzend.

Nachdem Faina die ältere Nike bei einer Streikaktion kennengelernt hat werden die beiden sehr schnell vertraut miteinander. Faina fühlt sich von ihr verstanden. Nike hat immer neue, manchmal übersprudelnde Ideen und hilft ihr auch dabei, dem Aktionskünstler Julian näherzukommen, den sie auf einem ihrer Spaziergänge getroffen hat. Faina hat noch keine klaren Zukunftsvorstellungen. Ihre Mutter plädiert für ein Studium in einem bodenständigen Fach. Ihr bester Schulfreund bietet ihr schließlich die Wohnung seines abwesenden Bruders in Berlin zur vorläufigen Benutzung an. In der pulsierenden Großstadt fühlt sie sich sofort wie zu Hause und hier wohnt inzwischen auch Julian. Natürlich ist die inzwischen in Hamburg wohnende Nike als Gast gerne gesehen, wäre da nicht eine Nähe zu Julian, die Faina mit zwiespältigen Gefühlen beobachtet und ihre enge Freundschaft in Frage stellt.

Nataly Savina ist es gelungen, die emotionale Zerrissenheit ihrer Hauptfigur gelungen darzustellen. Faina war immer schon einfühlsam. Ihre Eltern waren oft entgegengesetzter Meinung über ihre Erziehung und auch über andere Dinge haben sie gestritten bis ihr Vater ausgezogen ist. Früh hat sie sich also schon mit verschiedenen Ansichten auseinander setzen müssen und doch nicht herausfinden können, welche die bessere ist. Ein Anschlag auf ihre Mutter hat ihr vor Augen geführt, wie leicht man einen nahestehenden Menschen verlieren kann. Von ihrem Vater hat sie vermutlich den Sinn für die schönen Künste, ihre Mutter denkt eher rationaler. Bereits bei ihrer ersten Begegnung ist sie fasziniert von Nikes Ausdrucksfähigkeit und wird auch im Folgenden davon nicht enttäuscht. Durch Julian wird ihr Interesse an Kunst noch weiter geweckt.

Durch ihre Freunde kommt Faina bei ihrem Aufenthalt in Berlin in eine ungewohnte Umgebung, deren Eindrücke sie wie einen Schwamm einsaugt. Zuerst verbessert sich dadurch ihr Hautleiden und so fühlt sie sich bestätigt in ihrer Annahme, dass sie hier richtig am Platz ist. Aber bald stellt sich Ernüchterung ein, denn ihre Feinfühligkeit lässt sie auch die Schattenseiten wahrnehmen. Ihre widerstreitenden starken Gefühle zu Julian laugen sie aus, ihre Suche nach Selbstverwirklichung hält an. Dennoch zeigt sich letztlich, dass wahre Freundschaft oft auch verlangt, über seinen eigenen Schatten zu springen.

Nataly Savina zeigt in ihrem Roman „Meine beste Bitch“ tiefe Gefühle und viele Facetten des Lebens. Ohne Schnörkel bringt die Autorin jede Beschreibung auf den Punkt, hinterließ aber bei mir den Eindruck einer umfassenden Darstellung. Faina ist eine sympathische Charaktere die voller Zwiespalt steckt bei der Suche nach einem sinnerfüllten Leben. Lachen löst Weinen ab, Wut und Hass Liebe, Verstehen folgt auf Unverständnis. Es ist bewegend, Fainas Weg zu verfolgen und bleibt in Erinnerung. Gerne empfehle ich das Buch weiter an Jugendliche ab 14 Jahren und Erwachsene die nach einer anspruchsvollen Geschichte suchen.

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Mit Binea vom Buchblog literatwo habe ich mich, nach dem Lesen und Rezensieren, noch ausgiebig über das Buch ausgetauscht. Binea hat ihre Rezension nach unserem Austausch verfasst. Schaut euch an, was sie, was wir noch weiter rausgearbeitet haben: Rezension auf literatwo

Montag, 1. Oktober 2018

[Rezension Hanna] Der Pakt der Bücher - Kai Meyer


 

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Der Pakt der Bücher
Autor: Kai Meyer
Hardcover: 400 Seiten
Erscheinungsdatum: 26. September 2018
Verlag: FISCHER FJB

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Mercy Amberdale lebt gemeinsam mit ihren Freunden Tempest und Philander über dem „Liber Mundi“, der Buchhandlung am Cecil Court in London, die ihrem Vater gehörte. Als sie von Cedric de Astarac kontaktiert wird, einem Agenten der Adamitischen Akademie, ist klar, dass die Akademie noch immer ein Auge auf sie hat. Cedric händigt ihr den letzten Teil des Flaschenpostbuchs aus, nach dem Mercys Auftraggeber Sedgwick vehement verlangt. Im Gegenzug soll sie etwas für die Akademie tun. Eine Wahl hat sie nicht, droht ihr die Akademie doch mit der Zerstörung des Cecil Courts. Gleichzeitig mischt sich ein neues, mächtiges Mitglied der Akademie ein, die bereit ist, zu drastischen Maßnahmen zu greifen, um an ihr Ziel zu kommen.

Mit „Der Pakt der Bücher“ ist die lang ersetzte Fortsetzung von „Die Spur der Bücher“ erschienen. Die Dilogie spielt im viktorianischen London und meine Vorfreude war groß, nun ein letztes Mal in die Welt der Bibliomantik einzutauchen. Die Geschichte beginnt eine Weile nach den Ereignissen des ersten Bandes. Mercy und ihre Freunde betreiben das „Liber Mundi“ am Cecil Court, der Gasse der Buchhandlungen. Von ihrer Mutter hat sie nach dem letzten verhängnisvollen Zusammenstoß nichts mehr gehört. Dafür meldet sich mit Cedric de Astarac ein anderer Bekannter, der eine Nachricht für sie hat.

Durch die Übergabe des letzten Teils des Flaschenpostbuchs an Mercy kommen die Dinge schnell wieder ins Rollen. Für diese Flasche hat Mercy schon mehrfach ihr Leben riskiert, ein Freund hat seins sogar verloren. Nun wird es ihr einfach übergeben, nachdem die Akademie es wie auch immer von Madame Xu, der Herrscherin über Chinatown, beschafft hat. Auf der einen Seite verlockend, kann sie so doch endlich das Versprechen einlösen, das sie einst Commissioner Sedgwick gab. Doch es handelt sich hier um die Akademie, und so hat alles seinen Preis. Denn die Übergabe an Sedgwick ist Teil eines größeren Plans, und Mercy eine Spielfigur, die sich der Sache nicht entziehen kann.

Mit der mysteriösen Egyptienne betritt eine neue Vertreterin der Akademie die Bildfläche. Sie ist absolut skrupellos und hat nur ihr Ziel im Blick. Den Verlust von Menschenleben auf dem Weg dahin betrachtet sie eher als Kollateralschaden, das wird bald auf dramatische Weise deutlich. Spätestens danach ist klar, wie ernst es ihr ist. Sie unternimmt weitere Schritte, die Mercy zunehmend unter Druck sitzen. Sie muss Egyptiennes Auftrag umsetzen, wenn sie die Menschen retten will, die ihr am Herzen liegen.

Der coolste neue Charakter in diesem Buch ist definitiv Fiona Faerfax. Sie neugierig, abenteuerlustig und auch ein wenig verrückt. Mit einem wunderlichen Gefährt taucht sie am Cecil Court auf und versetzt so manchen ins Staunen. Eigentlich ist sie nur auf der Durchreise, eilt Mercy und ihren Freunden aber zur Hilfe und hat einzigartige Möglichkeiten, einzugreifen. Gleich mehrere brenzlige Situationen enden dank ihres Eingreifens nicht in einer absoluten Katastrophe. Auch der schon bekannte Cedric spielt in diesem Band eine wichtige Rolle. Man erfährt mehr über ihn und seine Jagd auf Alexandre Absolon und warum er noch immer im Dienst der Akademie steht.

Ich fand diesen zweiten Band der Dilogie wieder gelungen, jedoch etwas schwächer als seinen Auftakt. Das viktorianische London ist weiterhin ein reizvoller Schauplatz. Das Geschehen konnte mich emotional aber weniger packen und ich hätte mir mehr überraschende Entwicklungen gewünscht. Zum Ende hin erwartet den Leser ein spannender Showdown mit mehreren Schauplätzen, der die Reihe für mich zufriedenstellen abschließt. Wer von der Welt der Bibliomantik genauso begeistert ist wie ich, der sollte sich auch dieses letzte Abenteuer nicht entgehen lassen!
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