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Montag, 15. Juni 2026

Rezension: Pause von Lena Kupke

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Pause
Autorin: Lena Kupke
Erscheinungsdatum: 15.05.2026
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Leseband
ISBN: 9783423285421
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In ihrem Debütroman „Pause“ erzählt Lena Kupke von der 36-jährigen Hanna, die in Berlin lebt und während einer beruflichen Präsentation ihrer Arbeit für die Anwesenden völlig unerwartet das Bewusstsein verliert. Die behandelnde Ärztin im Krankenhaus entscheidet, dass sie in den nächsten Stunden nicht allein bleiben soll. Da weder ihr Lebenspartner Paul noch ihre Freundinnen Zeit haben, bleibt ihr als letzte Lösung nur, dass ihre Eltern sie aus dem etwa zweihundert Kilometer entfernten Lüneburg zu sich nach Hause holen.

Während Hannas Schwester Sara immer noch in der Heimat lebt, hat Hanna das Elternhaus bereits vor mehreren Jahren verlassen. Der Alltag ihrer Eltern folgt inzwischen einem routinierten Ablauf, der durch ihre Rückkehr durcheinandergerät. Kaum hat Hanna wieder ihr Kinderzimmer bezogen, werden viele Erinnerungen an die kleinen Marotten ihrer Mutter und ihres Vaters wach. Schon bald empfindet Hanna ihre Anwesenheit im Elternhaus als belastend, nicht zuletzt wegen mancher Bemerkungen ihrer Mutter. Dadurch, dass Hanna aus der Ich-Perspektive heraus erzählt, konnte ich ihrer Gefühlswelt sehr gut nachvollziehen. Ich empfand ihre Handlungen als authentisch, auch weil die Autorin darin vermutlich eigene Erfahrungen hat einfließen lassen.

Es wird von Beginn an deutlich, dass Hanna in den vergangenen Jahren einiges erlebt hat, dass ihr Angst macht und Panik auslöst. Das Problem wird allerdings nie beim Namen genannt, ist aber zwischen den Zeilen zu lesen, beispielsweise dann, wenn jemand über die Kinder von Gleichaltrigen spricht und sie sich am liebsten abwenden möchte. Es zeigt sich mit der Zeit, dass dieses Thema auch ihre Beziehung zu Paul belastet und zu Spannungen zwischen ihnen geführt hat.

In Hannas Familie ist seit jeher vieles unausgesprochen geblieben: man streitet sich und wenn man sich wenig später wieder trifft, ist alles wieder gut. Hanna hat inzwischen jedoch erkannt, dass ihr offenes Reden und Diskutieren über Sorgen und Ängste helfen würde. Es fehlt ihr aber der Mut, ihre eigenen Bedürfnisse klar zu formulieren und für sich einzustehen. Die Geschichte endet für sie mit einem wohlgemeinten Schluss.

Lena Kupke erzählt in ihrem bewegenden Roman „Pause“ feinfühlig mit Tiefgang über schwierige Themen im frischen und zeitweile amüsanten Sprachstil. Sie verdeutlicht, wie wichtig es manchmal sein kann, innezuhalten, um sich darüber klarzuwerden, ob eine neue Ausrichtung des Lebenswegs sinnvoll ist. Gerne empfehle ich den Roman weiter.

Mittwoch, 13. Mai 2026

Rezension: Zeit für meine Träume - Wie ich lernte, dem Leben wieder zu vertrauen von Tessa Randau

 

Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Zeit für meine Träume:
Wie ich lernte, dem Leben wieder zu vertrauen
Autorin: Tessa Randau
Erscheinungsdatum: 16.04.2026
Verlag: dtv (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Taschenbuch mit Klappen
ISBN: 9783423352772

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In ihrem Buch „Zeit für meine Träume“ zeigt Tessa Randau auf, dass es möglich ist, wieder Vertrauen zum Leben zu gewinnen, wie es auch im Untertitel heißt. Die Autorin erzählt novellenartig von einer zukunftsweisenden Begegnung im Leben einer unbenannten 38-jährigen Frau, deren Ehemann sich erst vor Kurzem von ihr getrennt hat, weil er mit seiner neuen Freundin ein Kind erwartet. Besonders schwer lastet diese Situation auf ihr, da sie gemeinsam seit einiger Zeit einen bislang noch unerfüllten Kinderwunsch hegten. Von Enttäuschung geprägt, zieht sie sich weitestgehend aus ihrem sozialen Umfeld zurück, auch um ihrem Exmann nicht zu begegnen.

Als sie eines Tages die ältere Lotte trifft, die mit schweren Einkaufstaschen überfordert wirkt, bietet sie spontan ihre Hilfe an und trägt die Einkäufe zu ihr nach Hause. Dort lernt sie Lottes Mitbewohnende Anita und Jochen kennen. Die Seniorinnen und der Senior sind allesamt über siebzig Jahre alt, Jochen steht sogar kurz vor seinem 80. Geburtstag. Trotz persönlicher Schicksalsschläge und gesundheitlicher Beschwerden sind sie gutgelaunt und verströmen Lebensfreude. Sie unterstützen gegenseitig mit ihren unterschiedlichen Fähigkeiten und gönnen sich manche kulinarische Freude. Der jüngeren Frau zeigen sie, dass Familie nicht immer auf Blutsbande beruht, sondern auch auf Zusammenhalt und Vertrauen basieren kann.  

Tessa Randaus Protagonistin bleibt so wie in den vorigen Büchern der Autorin namenlos und erzählt ihre Geschichte aus der Ich-Perspektive. Dadurch fällt es leicht, sich in ihre Gedanken- und Gefühlswelt hineinzuversetzen. Die Handlung ist gut nachvollziehbar, emotional berührend und lebensnah. Der Autorin gelingt es zu zeigen, dass Freundschaft neue Kraft vermitteln kann, selbst nach schweren Enttäuschungen.

Tessa Randaus Buch „Zeit für meine Träume – Wie ich lernte, dem Leben wieder zu vertrauen“ ist eine bewegende und ermutigende Erzählung über zweite Chancen im Leben. Sie vermittelt die Botschaft, dass es nie zu spät ist, an die Verwirklichung seiner Träume zu glauben. Sehr gerne empfehle ich die Novelle weiter.

Dienstag, 28. April 2026

Rezension: Solange ein Streichholz brennt von Christian Huber

 

Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Solange ein Streichholz brennt
Autor: Christian Huber
Erscheinungsdatum: 26.03.2026
Verlag: dtv (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Leseband
ISBN: 9783423285407

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In seinem Roman „Solange ein Streichholz brennt“ führt Christian Huber zwei sehr unterschiedliche Figuren behutsam aufeinander zu: Zum einen Alina Alev, die als Fernsehjournalistin für einen großen Sender in Köln arbeitet, und andererseits den 36-jährigen Daniel Bohm, der seit fünf Jahren auf der Straße lebt. Der Titel bezieht sich auf ein Spiel zwischen der beiden Hauptfiguren und verweist zugleich auf die Kürze eines Moments, der lebensverändernd sein kann.

Alinas Eltern haben hart dafür gearbeitet, damit ihrer Tochter einmal den Beruf ergreifen kann, den sie sich wünscht. Bisher hat Alina als Reporterin nur überschaubare Erfolge verzeichnet. Im Augenblick sieht es sogar so aus, als ob sie ihr die Entlassung droht. Als der Sender ihr stattdessen aber anbietet, sich an einem Projekt über das Sozialgefüge der Republik zu beteiligen, sieht sie darin eine Chance, sich nicht nur zu beweisen, sondern auch Anerkennung zu gewinnen und damit auch ihre Eltern stolz zu machen.

Im Umgang mit Bohm zeigt sich bald, dass Alina nicht die taffe Journalistin ist, die für Ruhm und Erfolg alles zu tun bereit ist. Sie Eine Mitarbeiter der Bahnhofsmission gibt ihr den Hinweis, wo sie Bohm finden kann, der ihr als geeignet für das angefragte Fernsehprojekt scheint. Alina lernt den Obdachlosen kennen, kurz nachdem ihm ein Hund zugelaufen ist, der schnell dessen Herz erobert hat. Letztlich wird er der Grund dafür sein, dass Bohm sich für die Teilnahme am Projekt entscheidet. Der Autor gewährt einen Blick hinter die Kulissen der Fernsehberichterstattung und zeigt auf mit welchen fragwürdigen Mitteln manche Beiträge aufsehenerregend dramatisiert werden können.  

Gleich von Beginn an schildert Christian Huber das Leben von Bohm auf der Straße mit all seiner Härte, so dass sich ein berührendes und glaubhaftes Bild entsteht. Bohm trägt einen geheimnisvollen Brief bei sich, der durch das Nichtwissen über den Inhalt für subtile Spannung sorgt. Der Grund, warum der Obdachlose ihn nicht öffnet, bleibt lange im Verborgenen. Erst sein Inhalt zeigt die Persönlichkeit Bohms in all seinen Facetten, zu denen auch sein zynischer Wortwitz gehört, der der bewegenden Geschichte immer wieder eine aufheiternde Seite verleiht.

Der Roman ist mehr als eine Liebesgeschichte zwischen zwei Personen aus verschiedenen Gesellschaftsschichten. Er ist auch eine einfühlsame Auseinandersetzung mit der Würde jedes Menschen und den Vorurteilen, die unser Verhalten beeinflussen.

Der Roman „Solange ein Streichholz brennt“ überzeugt mit vielschichtigen Figuren und einem denkbaren Szenario in einem herausfordernden sozialen Umfeld, das Christian Huber feinfühlig beschreibt. Die Geschichte fasziniert mit einer gelungenen Handlung, die bewegt und in Erinnerung bleibt. Sehr gerne empfehle ich das Buch weiter.

Donnerstag, 12. März 2026

Rezension: Du, hier von Julia Wolff

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Du, hier
Autorin: Julia Wolf
Erscheinungsdatum: 19.02.2026
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN: 9783423285179
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Im Buch „Du, hier“ von Julia Wolf versammeln sich elf voneinander unabhängige Stories, die sich lose um das Thema der Selbstbestimmung drehen, was im heutigen Sprachgebrauch auch als Empowerment bezeichnet wird. Im Fokus steht jeweils eine Protagonistin in mittleren Jahren, also im Alter der Autorin. Dadurch erreicht Julia Wolf eine Nähe zu ihren Figuren, die ihnen Glaubwürdigkeit verleiht. Sie wirken lebensnah und ihre Handlungen sind nachvollziehbar. Allen gemeinsam ist eine Unzufriedenheit mit bestimmten Aspekten in ihrem Leben. Manchmal ist es nur ein Wort, um die Figuren dazu zu bringen, ihre Gewohnheiten zu hinterfragen und ihr Verhalten zu ändern. Die meisten von ihnen haben bis dahin in der selbst gewählten oder einer auferlegten Rolle verharrt.

Die Geschichten spielen sämtlich in der Gegenwart und handeln beispielsweise von Selbstverteidigung, das Infragestellen von Konventionen, familiären Beziehungen und Paardifferenzen. In der titelgebenden Erzählung begegnen sich zufällig zwei Jugendfreundinnen wieder, überrascht vom bisherigen Lebensweg der anderen, mit einer unerwarteten Wendung am Ende. Männer im Umfeld der Frauen treten entweder in den Hintergrund oder fungieren als Reibungspunkte. Jede Story ist einzigartig, im ganz eigenen Schreibstil, zum Beispiel besteht eine von ihnen rein aus einem inneren Monolog der Protagonistin.

Julia Wolf schreibt faszinierend, in leicht lesbarer, ruhiger Sprache, mit feiner Ironie durchzogen. Die Geschichten umfassen zwischen vierzehn bis neunundzwanzig Seiten und entfalten einen unwiderstehlichen Sog, der die Lesenden in die Gedanken- und Gefühlswelt der Hauptfiguren zieht, um mitzuverfolgen, was sie als störend empfinden, welche Richtungsänderung sie einschlagen werden und wodurch sie diese erreichen wollen. Ich habe die Stories mit großem Vergnügen gelesen und empfehle sie gerne weiter, auch als kurze Lektüre für zwischendurch.


Sonntag, 21. September 2025

Rezension: Der Kreuzweg der Raben von Andrzej Sapkowski


Der Kreuzweg der Raben
Autor: Andrzej Sapkowski
Übersetzer: Erik Simon
Hardcover: 352 Seiten
Erschienen am 2. September 2025
Verlag: dtv
Link zur Buchseite des Verlags

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Geralt von Riva hat erst kürzlich seine Ausbildung zum Hexer in der Festung Kaer Morhen abgeschlossen und ist ins Land Kaedwen gereist, um dort nach Arbeit zu suchen. Schon bald endet er beinahe am Strick, nachdem er einen Räuber getötet hat, der ein Bauernmädchen schänden wollte. Doch er erhält unverhofft Hilfe und lernt so seinen neuen Mentor kennen, den Hexer Preston Holt, von dem er erstaunlicherweise nie zuvor gehört hat. Von ihm lernt er eine neue Art zu kämpfen und erfährt von Vorfällen aus der Vergangenheit der Hexer, die ihm bislang verschwiegen wurden. Er kommt nicht nur Monstern auf die Spur, sondern auch Menschen, die schon lange nichts Gutes mehr im Sinn haben.

Mit „Der Kreuzweg der Raben“ kehrt Andrzej Sapkowski noch einmal ins Witcher-Universum zurück und präsentiert seinen Leser:innen einen jungen, unerfahrenen Geralt von Riva. Er steckt voller Tatendrang, ist aber noch sehr impulsiv und wenig kampferfahren. Damit bringt er sich in Schwierigkeiten, doch zum Glück gibt es auch ihm wohlgesonnene Charaktere, die ihm helfen und von denen er lernen kann. 

Eine Weile wirkt das Buch wie eine lose Aneinanderreihung von Aufträgen und die Kapitel lesen sich wie Kurzgeschichten. Erst mit der Zeit kristallisiert sich ein übergreifender Handlungsbogen heraus, in dem Intrigen, Machtspiele und moralische Entscheidungen im Vordergrund stehen. Wer die Reihe rund um den Witcher bereits kennt, der freut sich über neue Informationen zu den Ursprüngen der Hexer und eine Begegnung mit Nenneke. Aber auch ohne Vorkenntnisse findet man hier ein lesenswertes Abenteuer vor. „Der Kreuzweg der Raben“ ist spannend, intensiv und fesselnd erzählt. Ein Muss für Witcher-Fans und ein idealer Einstieg für alle, die Geralt noch nicht kennen und ganz von vorn beginnen möchten.


Freitag, 22. August 2025

Rezension: Du musst meine Hand fester halten, Nr. 104 von Susanne Abel

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Du muss meine Hand fester halten, Nr. 104
Autorin: Susanne Abel
Erscheinungsdatum: 14.08.2025
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Leseband
ISBN: 9783423283922
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„Du musst meine Hand fester halten, Nummer 104“ sagt die elfjährige Margret auf dem Weg zur Christmette 1947 zu dem sechs Jahre jüngeren Hartmut, den sie später Hardy nennen wird. Es ist eisig an diesem Tag im Sauerland und der kleine Junge droht hinzufallen. Die beiden wohnen in einem Kinderheim und sind die Hauptfiguren in dem nach dieser Szene benannten Roman von Susanne Abel.

Margret ist ein Waisenkind aus Gelsenkirchen. Auch Hardy ist vermutlich eine Waise. Er kam am Ende des Zweiten Weltkriegs mit einem Kindertransport aus Danzig. Sein Name auf dem Pappschild, das er umgehängt trägt, ist verwischt, sein Alter wird geschätzt. Als Margret eines Tages von einer Tante zu sich genommen wird, verliert sie Hardy zunächst aus den Augen. Nach ihrer Volljährigkeit beginnt Margret als Stationshilfe in einem Heim, in dem Hardy inzwischen lebt.

Parallel zu diesem Handlungsstrang erzählt Susanne Abel von Margret und Hardy in den Jahren 2006 bis 2017. Die beiden sind verheiratet und haben inzwischen eine Urenkelin, deren Mutter bei der Geburt noch recht jung war. Sie fällt dem Jugendamt durch eine Unregelmäßigkeit in der Betreuung ihres Kindes auf. Die Angelegenheit führt dazu, dass bei Margret und Hardy schmerzhafte Erinnerungen aus der Kindheit aufbrechen. Stillschweigend hatten sie bisher ihre Vergangenheit ruhen lassen.

In den folgenden Jahren werden sie immer wieder mit Situationen konfrontiert, die verdrängte Gefühle an die Oberfläche holen und sie an die Grenzen des Erträglichen bringen. Margret war stets diejenige und ist es immer noch, die sich um alltäglich zu verwaltende und organisatorische Aufgaben kümmert, während Hardys Stärken mehr im Praktischen liegen.

Es ist berührend, darüber zu lesen, wie Margret sich um Hardy kümmert. Doch die beiden haben ihre Ecken und Kanten, von denen sie einige voreinander zu verbergen suchen. Susanne Abel schreibt aus der Perspektive einer allwissenden Erzählerin und rückt in jeder Szene den Fokus auf eine Hauptfigur, deren Gedanken- und Gefühlswelt dadurch besonders erfahrbar wird. Dadurch kommt es bisweilen zu raschen Wechseln zwischen den Akteuren. Die Autorin war eine Weile als Erzieherin beschäftigt, so dass ihre Darstellung kindlicher Erfahrungen authentisch erscheinen.

Der Triggerhinweis zu Beginn des Romans ist berechtigt, denn die Jahre in einem Waisenhaus sind für beide Kinder verbunden mit Zurechtweisungen und harten Bestrafungen für unerwünschtes Verhalten. Beim Lesen hofft man die ganze Zeit, dass jedes Kind, das in einem der beschriebenen Heime lebt, von einer liebevollen Familie aufgenommen werden wird. Die Autorin verweist in diesem Zusammenhang auf die Arbeit des Suchdienstes des Deutschen Roten Kreuzes, der vor allem in den Nachkriegsjahren unzählige Kinder mit Familienangehörigen wiedervereinen konnte. Jedoch erfährt Margret bei ihren Verwandten keine ausreichende Wertschätzung und erlebt ein traumatisierendes Ereignis.

Als Margret älter ist und sich selbst um hilfsbedürftige Personen kümmert, erschrickt sie über sich selbst als sie feststellt, dass sie nach dem gleichen Muster von Strenge und Härte agiert, die sie in ihrer Kindheit und Jugend erlitten hat. Im Rahmen der Heimunterbringung von Hardy beschreibt Susanne Abel, wie er ruhig gestellt wurde, eine Begebenheit die äußerst berührend und erschütternd ist, jedoch leider keine Fiktion, sondern auf wahren Ereignissen beruht, die die Autorin recherchiert hat.

Erneut ist es Susanne Abel mit „Du musst meine Hand fester halten, Nr. 104“ gelungen einen zutiefst bewegenden Roman zu schreiben. Die Handlung reicht von den 1940er Jahren bis in die Gegenwart. Die Autorin beleuchtet dabei das Schicksal von Waisen ebenso wie die Herausforderungen berufstätiger, alleinerziehender Mütter sowie den aktuellen Einfluss von Social Media auf das Familienleben. Gerne vergebe ich eine Leseempfehlung für dieses Buch, das einen nachhaltigen Eindruck hinterlässt. 


Samstag, 26. Juli 2025

Rezension: Die Meerjungfrauen von Aberdeen von Ben Aaronovitch


Die Meerjungfrauen von Aberdeen
Autor: Ben Aaronovitch
Übersetzerin: Christine Blum
Broschiert: 416 Seiten
Erschienen am 10. Juli 2025
Verlag: dtv
Link zur Buchseite des Verlags

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In Aberdeen scheint eine mysteriöse Großkatze unterwegs zu sein, die Schafe reißt. Diese Nachricht veranlasst Peter Grant, gemeinsam mit Nightingale, Abigail und Abdul anzureisen, um auf die Jagd zu gehen. Mit von der Partie sind außerdem Peters Partnerin Beverley, seine Zwillingstöchter, seine Eltern und die Jazztruppe seines Vaters – allesamt in Urlaubsstimmung. Während ein Teil der Truppe sich bald auf Pumajagd befindet, wird Peter ins Leichenschauhaus gerufen. Dort liegt ein Mann mit Kiemen, der kurz vor seinem Tod einem Betrunkenen alle Kleider geklaut hat. Schon bald laufen die Ermittlungen auf Hochtouren und führen Peter zu Wesen aus dem Meer und aus anderen Dimensionen.

Nach zwei schmaleren Story-Büchern und drei Jahren ist endlich ein neuer Fall für Peter Grant erschienen! Meine Erinnerung an die vorherigen Bände ist schon etwas verblasst, was aber nicht so schlimm war, da der neue Fall nicht in London spielt, sondern alle wichtigen Charaktere nach Aberdeen reisen. In der Küstenstadt ist die Magie eng mit dem Meer verwoben, wodurch ich wieder neue Aspekte der magischen Welt kennenlernte.

Beim vorherigen Roman habe ich kritisiert, dass Abigail kaum in Erscheinung tritt, da ich ein großer Fan von ihr bin. Diesmal kam ich in dieser Hinsicht voll auf meine Kosten. Es gibt zwei Handlungsstränge, die abwechselnd erzählt werden und später miteinander verbunden werden. Peter ermittelt in einem Mordfall, während sich Abigail auf Großkatzenjagd befindet. Auch die Füchsin Indigo durfte mit und nimmt Kontakt zu den ansässigen Füchsen auf, sodass es viel unterhaltsamen Fuchscontent gibt. 

Wer die Bücher aus der Welt von Peter Grant mag, für den ist „Die Meerjungfrauen von Aberdeen“ eine gelungene Ergänzung, in der alles vorhanden ist, was das Fanherz begehrt: Ein spannender Mordfall, sympathische Fae, wilder abstruser Sch* und echte Bösewichte, denen das Handwerk gelegt werden muss. Mein einziger Kritikpunkt ist, dass es seit dem Abschluss der Story rund um den Gesichtslosen keine richtige übergreifende Handlung mehr gibt und sich ein Fall lose an den nächsten reiht – mal dünn als Story, mal dick als Roman. Ich bleibe der Reihe treu und freue mich schon auf weitere Abenteuer!


Mittwoch, 18. Juni 2025

Rezension: Play of Hearts von Juli Dorne


Play of Hearts
Autorin: Juli Dorne
Hardcover: 448 Seiten
Erschienen am 17. April 2025
Verlag: dtv
Link zur Buchseite des Verlags

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Als junges Mädchen begegnet Genevieve im Spiegelkabinett ihrer Großmutter einem Jungen im Spiegel, der ihr einen Tausch vorschlägt: Einen Freund gegen ihr Herz. Seitdem liegt ein Fluch auf ihren Händen: Sie bringen jedem, den sie anfasst, den Tod. Darüber hinaus muss sie als Teil ihrer magiebegabten Familie regelmäßig Seelenbruchstücke von Menschen im Moment ihres Todes einfangen, um weiterleben zu können. Ihre Eltern sehen genau wie die Bewohner ihres Dorfes nur ein Monster in ihr, weshalb sie bei ihrer strengen Großmutter lebt und für das Bestattungsunternehmen ihrer Familie arbeitet. Eines Tages trifft sie im Wald auf den charmanten Arthur, der sie wiedersehen will. Die beiden beginnen, sich täglich zu sehen und entwickeln Gefühle füreinander. Doch als er sie bittet, mit ihr das Dorf zu verlassen, überschlagen sich die Ereignisse. Plötzlich ist Arthur verschwunden und Genevieve Teil eines magischen Zirkus, in dem der mysteriöse Eigenbrötler Rémy ihr Hilfe bei der Suche nach Arthur verspricht, wenn sie im Gegenzug etwas für ihn herausfindet.

Das Buch startet mit einem bedrückenden Prolog, der berichtet, wie Genevieves Hände mit einem Fluch belegt wurden, mit dem sie kurz darauf einen Schulkameraden tötet, der Zeit mit ihr verbringen wollte. Danach springt das Buch zu ihrem achtzehnten Geburtstag. Ich brauchte eine Weile, um mich in der Geschichte zurechtzufinden und zu verstehen, dass ihre ganze Familie auf magische Weise im Dienst des Todes steht und der Fluch nur ein Zusatz ist. Schnell taucht Arthur auf, der sie liebevoll Evie nennt und in den sie sich in kürzester Zeit verliebt. Hier legt die Story ein hohes Tempo vor und mir ging das alles etwas zu schnell. Die Ereignisse überstürzen sich und werfen immer neue Fragen auf, von denen nicht alle in diesem Band beantwortet werden.

Nach Evies Ankunft im Zirkus wird das Tempo reduziert und ich konnte in der magischen Welt, die Julie Dorne geschaffen hat, endlich richtig ankommen. Der Zirkus ist ein faszinierender Ort, und die meisten seiner Mitglieder sind mir schnell ans Herz gewachsen. Doch hier warten auch noch mehr Geheimnisse. Es sind Illusionisten am Werk und bald weiß man nicht mehr sicher, was von dem, was Evie erlebt, Illusion und was Realität ist. Um Arthur zu finden, verbringt sie gezwungenermaßen viel Zeit mit Rémy und stellt fest, dass seine abweisende Art nur eine Fassade ist. Gefühle für ihn will sie nicht zulassen, da sie doch in Arthur verliebt ist. Es gibt im Buch aber so viel mehr Szenen mit Rémy als mit Arthur, dass ich mir irgendwann nicht mehr sicher war, ob dieser vielleicht nur eine Illusion war. Bis zum Schluss bleibt es spannend und ein gemeiner Cliffhanger sorgt dafür, dass ich am liebsten sofort in „Twist of Hearts“ weiterlesen möchte, das im Herbst erscheint. Wer magische Geschichten voller Geheimnisse mag, in denen vieles nicht so ist, wie es zunächst scheint, für den ist „Play of Hearts“ die richtige Wahl!

Dienstag, 29. April 2025

Rezension: Mut beginnt im Herzen - Lass deine Ängste los und lerne fliegen von Tessa Randau

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Mut beginnt im Herzen: 
Lass deine Ängste los und lerne fliegen
Autorin: Tessa Randau
Erscheinungsdatum: 09.01.2025
rezensierte Buchausgabe: Taschenbuch mit Klappen
ISBN: 9783423352413
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In „Mut beginnt im Herzen“ schildert Tessa Randau einfühlsam und authentisch, wie eine unbenannte Frau zunehmend mit teils massiven Angstattacken zu kämpfen hat. In der Danksagung am Ende des Buchs erklärt sie, dass eigene Erfahrungen in die Geschichte eingeflossen sind. In einer ersten Szene fährt eine namenlose verheiratete Frau, Ende dreißig, mit ihrem sechsjährigen Sohn und ihrer neunjährigen Tochter mit dem Zug nach Hause. Vor der Abfahrt wird sie von einer Panikattacke überwältigt. So oder so ähnlich hat auch die Autorin eine entsprechende Situation erlebt. 

Die Protagonistin ist im Beruf überfordert. Weil ihr Mann auswärts arbeitet, kümmert sie sich in der Woche allein um die Kinder und das Haus. Außerdem besucht sie regelmäßig ihre Mutter, für die sie einkauft. Um ihrer geliebten Gartenarbeit nachzugehen, fehlt ihr meist die Zeit. Auch für Entspannungseinheiten bleibt im hektischen Alltag kaum Raum. Sie fühlt sich müde und erschöpft. Obwohl sie meist weiß, dass die Dinge, vor denen sie Angst hat, irreal sind, gelingt es ihr nicht, diese zu überwinden. Stattdessen versucht sie, ihr auszuweichen. Inzwischen hat sie Angst vor der Angst. Zunächst lässt Tessa Randau einfache Möglichkeiten der Beruhigung einfließen. Wichtig fand ich es, den psychologischen Notruf zu erwähnen. Es dauert einige Zeit, bis die unbenannte Frau sich professionelle Hilfe sucht. 

Zu Beginn des Buchs wird auf das behandelte schwierige Thema explizit hingewiesen. Personen, die unter Angststörungen leiden oder Leserinnen und Leser, die feinfühlig sind, können von der Erzählung getriggert werden. Die Autorin beschreibt unterschiedliche Ängste mit Überlegungen zu deren Entstehung. Sie schildert das Geschehen greifbar, sodass man als Lesende mitfühlt. „Mut beginnt im Herzen“ erzählt auch die schrittweise Befreiung von der Angst durch Zuversicht und der Bereitschaft zur Veränderung. Als Stress- und Burnout-Beraterin und ihren eigenen Erfahrungen versteht Tessa Randau es, sinnvolle Tipps zu geben und regt dazu an, sich der Herausforderung auf verschiedene Weise zu stellen. Gerne empfehle ich das Buch als Ratgeberlektüre weiter, aber auch an diejenigen, die sich über ein Leben mit Angststörungen informieren möchten.

Dienstag, 18. März 2025

Rezension: Hier draußen von Martina Behm

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Hier draußen
Autorin: Martina Behm
Erscheinungsdatum: 13.03.2025
Verlag: dtv (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Leseband
ISBN: 9783423284783

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Der Debütroman von Martina Behm trägt den Titel „Hier draußen“. Man könnte ihn mit „… im Dorf“ ergänzen, denn die Haupthandlung der Geschichte spielt in dem etwa zweihundert Seelen umfassenden, fiktiven holsteinischen Ort „Fehrdorf“. Ein alter Mythos um die auf dem Cover abgebildete weiße Hirschkuh bildet den erzählerischen Rahmen für die Ereignisse im Buch, die innerhalb eines Jahres geschehen.

Ingo und Lara sind vor drei Jahren mit ihren beiden Kindern von Hamburg nach Fehrdorf gezogen. Sie haben dort einen Resthof gekauft, um mehr Wohnraum zu erhalten und naturnäher zu leben. Lara arbeitet im Homeoffice, aber Ingo pendelt täglich in die Stadt. Auf einer späten Heimatfahrt läuft ihm eine weiße Hirschkuh vors Auto. Als er den Unfall meldet, wird ihm der dafür zuständige Jäger geschickt, der ihm erzählt, dass das Töten eines ebensolchen Exemplars dazu führt, dass die- oder derjenige innerhalb eines Jahres selbst verstirbt. Gemeinsam führen sie den Schuss aus. Durch die gesamte Geschichte hinweg, wird der Mythos immer wieder thematisiert, insbesondere, weil Lara daran interessiert ist, wodurch die Legende begründet wurde.

Martina Behm beschreibt das Dorfleben auf eine realistische Weise. Einerseits suchen hier Städter nach einem Leben mit weniger Stress, besserer Luft und engerem Kontakt zu den Bewohnern. Andererseits schildert die Autorin das Bedürfnis der Alteingesessenen, die sich beruflich aus der Landwirtschaft lösen, Brauchtümer hinter sich lassen und neue Wege gehen möchten, was sich oft als schwierig erweist.

Die Autorin stellt eine größere Anzahl Figuren vor, die sich zu zweit, zu dritt oder mit noch mehr Personen gruppieren. Eine Ausnahme bildet der alleinstehende Jäger Uwe, der in den 1960er Jahren geboren wurde und den Hof seiner verstorbenen Eltern weiterführt. In seinem Alter sind auch der Hähnchenmäster Söhnke und seine Frau Maggie, deren Tochter zwar studiert, sich auf dem Hof als Landwirtin aber wohler fühlt. Der Schweinezüchter Enno hält unbeirrt an alten Gewohnheiten fest und übersieht geflissentlich, dass seine Frau Tove schon seit langem seine Vorstellung der nächsten und weiteren Zukunft nicht teilt. Aus einer einst größeren Wohngemeinschaft sind nur noch Armin und Jutta im Ort geblieben, die ein respektvolles und wertschätzendes Miteinander gefunden haben. Wie Ingo und Lara wohnen auch die seit langem im Dorf verwurzelten Caro und Krischi, der sich an einem Online-Handel verssucht.

Während Martina Behm eine ländliche Idylle mit grünen Wiesen und Wälder ausmalt, verschweigt sie nicht die weniger romantischen Aspekte wie zum Beispiel der Geruch nach dem Ausfahren von Gülle, Traktorenlärm in den frühen Morgen- und späten Abendstunden sowie die allgegenwärtigen Fliegen und Mäuse. Der Autorin gelingt es, durch den ständigen Perspektivenwechsel zu den verschiedenen Personen, interessante Ansichten zum Leben auf dem Land in ihrer Geschichte aufzunehmen und authentisch darzustellen.

Der Roman „Hier draußen“ von Martina Behm spiegelt das Leben auf dem Land in seinen Facetten wider. Bewusst spielt sie mit Klischees, ohne ins Banale abzudriften. Sie schaut auf die Gefühle ihrer Figuren im dörflichen Zusammenleben. Einige kurze Rückblicke in die Vergangenheit einzelner Charaktere sorgen für ein tieferes Verständnis der Hintergründe für ihr gegenwärtiges Handeln. Mir hat die Geschichte sehr gut gefallen und daher lege ich sie gerne jeder und jedem ans Herz.

Freitag, 17. Januar 2025

Rezension: Die Familienangelegenheiten der Johanne Johansen


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Die Familienangelegenheiten der Johanne Johansen
Autorin: Dora Heldt
Erscheinungsdatum: 17.10.2024
Verlag: dtv (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Leseband
ISBN: 9783423445078
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Der Titel des Romans von Dora Heldt „Die Familienangelegenheiten der Johanne Johannsen“ ist genauso eigenwillig wie seine Titelfigur. Johanne ist 65 Jahre alt und gerade in den Ruhestand getreten. Bisher war sie in ihrem Job diszipliniert und pflichtbewusst. Ihre beruflichen Kenntnisse boten dem Chef und den Kollegen Sicherheit. Fragen beantwortet sie kurz und präzise und in hektischen Situationen bleibt sie ruhig. Mit 17 Jahren hat sie ihre Eltern verloren und lebt seither im Haus der Großeltern.

Ihre Cousine Luise ist zehn Jahre jünger. Sie hat einen Blick für alles Schöne und kümmert sich hauptsächlich darum, dass sie selbst gut aussieht und das Eigenheim der Familie stets repräsentativ ist. Der Großvater von Johanne und Luise hat eine Elbreederei gegründet, in der die Mitarbeit der beiden nicht gern gesehen wurden. Allerdings wurden beiden Beteiligungen am Unternehmen zugesprochen. Luises Mann ist derzeit Geschäftsführer. Doch als die Reederei kurz vor der Zahlungsunfähigkeit steht, müssen die beiden neue Wege gehen.

Dora Heldt kreiert in ihrer Geschichte mit Johanne und Luise zwei sehr unterschiedliche liebenswerte Charaktere. Anfangs schätzen sie es nicht, einander zu begegnen, aber sie behandeln einander mit Respekt. Durch die Gegebenheiten können sie es nicht umgehen, miteinander zu handeln. Dabei lernen sie sich besser kennen und ihre Marotten zu akzeptieren. Ich mag es, dass sie sich der Situation anpassen, ohne ihre Eigenarten abzulegen. Ihr Selbstbewusstsein wächst zunehmend mit den von ihnen übernommenen und erledigten Aufgaben. Das gleiche gilt für Luises Tochter Emma und Frida, der Enkeltochter von Johannes Mitbewohnerin, die beide studieren. In der Krise ist ihre Hilfe willkommen.

Die Geschichte ist authentisch, mit schicksalhaften Höhen und Tiefen. Die Themen sind vielfältig und reichen vom Seitensprung über Mitarbeiterzufriedenheit bis hin zu Familienzusammenhalt. Einige Konflikte spitzen sich zu, wodurch eine gewisse Spannung entsteht. Glückliche Umstände wechseln sich mit neuen Desastern ab. Nachdenklich stimmende Szenen stehen amüsanten Situationen gegenüber. Auch Liebe ist mit eingebunden sowie familiäre Geheimnisse. Auf diese Weise ist Dora Heldt ein abwechslungsreich gestalteter Roman gelungen, der für unterhaltsame Lesestunden sorgt. Gerne vergebe ich eine Leseempfehlung.

Sonntag, 15. Dezember 2024

Rezension: Eine Nachtigall in New York von Ben Aaronovitch


Eine Nachtigall in New York
Autor: Ben Aaronovitch
Übersetzerin: Christine Blum
Taschenbuch: 208 Seiten
Erschienen am 12. September 2024

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August Berrycloth-Young, Spitzname Gussie, erhält in New York überraschend Besuch von seinem ehemaligen Schulkameraden Thomas Nightingale. Dieser ermittelt im Fall eines verzauberten Saxophons, wobei ihm Gussie helfen soll. Es sind die 1920er Jahre, und die Spur führt schnell in die Clubszene der Stadt. Durch die Hilfe von Gussies farbigem Partner Lucy, mit dem er eine heimliche Beziehung führt, erhalten die beiden Zauberer Zutritt zu Orten, an denen Weiße ansonsten nichts verloren haben. Als schließlich auch noch eine verzauberte Trompete auftaucht, verdichten sich die Hinweise, die zu mächtigen Männern führen, die in der Stadt im Hintergrund die Strippen ziehen…

Während die magische Welt rund um den Zauberlehrling Peter Grant immer komplexer wird und seine Erlebnisse in seitenstarken Romanen festgehalten werden, sind die Stories aus der magischen Welt für mich immer wieder eine willkommene Ergänzung. Diesmal reiste ich an der Seite von Thomas Nightingale ins New York der 1920er. Dort will er herausfinden, woher das verzauberte Saxophon, das er bereits konfisziert hat, stammt. Gemeinsam mit seinem ehemaligen Schulkameraden Gussie hangelt er sich von einem Hinweis zum nächsten und dabei quer durch die Stadt, mitten hinein ins Nachtleben und bis hin nach Long Island.

Gussie ist ein homosexueller weißer Charakter, der sich in einer Beziehung mit einem schwarzen Mann befindet. Seine Erlebnisse in der Stadt zwischen Heimlichkeit und ausgelassenem Dolce Vita bieten an sich schon einiges an Erzählstoff. Hinzu kommt die „klassische“ magische Ermittlungsarbeit, in der er und Nightingale Bekanntschaft mit einigen Fae machen sowie mit Männern, die nichts Gutes im Schilde führen. Actionreiche Szenen sorgen für spannende Momente und ich habe bis zum Schluss mitgefiebert. Für mich ist „Eine Nachtigall in New York“ wieder einmal eine absolut gelungene Ergänzung zur Hauptreihe, die sich Fans des Autors nicht entgehen lassen sollten.


Donnerstag, 22. August 2024

Rezension: Genau so, wie es immer war von Claire Lombardo

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Genau so, wie es immer war
Autorin: Claire Lombardo
Übersetzerin aus dem Englischen: Sylvia Spatz
Erscheinungsdatum: 15.08.2024
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Leseband
ISBN: 9783423284172
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In ihrem Roman „Genau so, wie es immer war“ beschreibt Claire Lombardo nach ihrem Debüt „Der größte Spaß, den wir je hatten“ erneut ein familiäres Drama rund um ihre Protagonistin Julia Grace Ames, geborene Marini. Julia möchte am 60. Geburtstag ihres Ehemanns Mark eine Party veranstalten, wozu sie eine spezielle Zutat zum Dinner benötigt. Es hat für sie weitreichende Folgen, dass sie zu einem anderen Supermarkt fährt als dem üblichen, denn dort begegnet sie Helen, einer früheren Freundin. Das unerwartete Treffen löst bei Julia Erinnerungen aus an Ereignisse, die zwanzig Jahre und länger zurück in ihrer Vergangenheit liegen.

Die Geschichte spielt auf mehreren Zeitebenen und ist in einer personalen Erzählperspektive geschrieben. In der Gegenwart steht Julias 17-jährige Tochter Alma kurz vor ihrem Highschool Abschluss, als ihr älterer Bruder Ben die Familie mit einer erfreulichen Nachricht überrascht. Julia lebt einen geregelten Alltag, aber die Begegnung mit Helen, die Teenagersorgen der Tochter und die Veränderung in Bens Leben bringen ihre Routinen aus dem Gleichgewicht, genau so, wie es vor langer Zeit schon einmal geschehen ist. Die Kapitel des Romans springen zwischen den Handlungsebenen.

Die Stärke der Geschichte basiert darin, dass die Autorin ihre Figuren sehr gut ausformuliert, die Interesse beim Lesenden wecken. In den Rückblenden erfuhr ich, warum Julias Kontakt zu Helen abgebrochen ist. Aber erst als ich zunehmend mehr Einzelheiten aus der Kindheit der Protagonistin erfuhr, konnte ich die Beweggründe zu den Handlungen der Protagonistin vor zwanzig Jahren besser verstehen.

Bevor Julia Mark durch Zufall kennenlernte hatte sie mehrere Jahre für sich allein gelebt. Sie war es gewohnt, Entscheidungen selbst zu treffen, was auch ein Ergebnis ihrer Erziehung ist. Julia wurde durch eine angespannte Beziehung zu ihrer Mutter geprägt, aus der sie mitgenommen hat, dass sie gelegentlich nicht deren Wertansprüchen entsprach. Es war nicht einfach für sie, sich am Beginn ihrer Ehe mit ihrem Mann über bestimmte Angelegenheiten abzusprechen. Sie neigt dazu, sich vergleichsweise lange Gedanken zu Sorgen zu machen, die nicht die ihren sind. Indem sie Kontakte meidet, verhindert sie, sich mit Problemen anderer zu beschäftigen. Von Beginn an schaut sie argwöhnisch auf die besten Freunde von Mark, dadurch bleibt immer ein Stück Misstrauen in ihrem Verhältnis. Nach der Geburt ihres Sohns fällt ihr der Umgang mit anderen Müttern nicht einfach. In Helen findet sie zu dieser Zeit eine mütterliche Ratgeberin, deren Selbstbewusstsein sie bewundert. Ihre neue, einige Jahre ältere Freundin weckt in ihr Gefühle, in denen sie nicht geübt ist.  

Claire Lombardo schreibt abwechslungsreich, denn im Leben ihrer Protagonistin geschehen immer wieder unerwartete Begebenheiten. Julia als Kind, Teenager, Ehefrau und Mutter erlebt Situationen, die vermutlich viele Lesende wiedererkennen, was sie mir nahbar machte. In Diskursen erlebt man, dass es oft unterschiedliche Meinungen über ein Thema gibt ohne eine beste Lösung.

Der Roman „Genau so, wie es immer war“ von Claire Lombardo konnte mich im gleichen Maß begeistern wie ihr Debüt. Tiefgründig und feinsinnig beschreibt die Autorin die Gefühlswelt ihrer Protagonistin Julia, die es gelernt hat, sich nach einer schwierigen Kindheit einen Weg im Leben zu suchen und an den Anforderungen des Lebens gereift ist. Einige Twists und wohlgehütete Geheimnisse sorgen für eine hintergründige Spannung. Sehr gerne vergebe ich eine Leseempfehlung.


Dienstag, 16. April 2024

Rezension: Verraten - Der zehnte Fall für Carl Morck, Sonderdezernat Q von Jussi Adler-Olsen

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Verraten - Der zehnte Fall für Carl Morck, 
Sonderdezernat Q
Autor: Jussi Adler-Olsen
Erscheinungsdatum: 21.03.2024
Verlag: dtv (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Leseband
ISBN: 9783423283526

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Mit dem Thriller „Verraten“ schließt der dänische Autor seine Serie rund um das Sonderdezernat Q mit dem zehnten Fall für Kriminalkommissar Carl Morck und seinem Team ab. Der erste Band „Erbarmen“ erschien im Jahr 2007 und trägt den Untertitel „Die Frau im Bunker“. Ebenjener Frau begegnete ich als Leserin im aktuellen Buch erneut, doch wie sie in das Geschehen um die lange erwartete Aufklärung des „Druckluftnagler-Falls“ involviert ist, verrate ich nicht.

Die Geschichte beginnt mit einem kurzen Rückblick auf den Beginn einer Ermittlung im Jahr 2006, an dem damals Carl und seine Kollegen Hardy und Anker beteiligt waren. Wie man als Fan der Thriller-Reihe weiß, endete die Szene in einem Fiasko, was man später detailliert erklärt bekommt. In einem weiteren Prolog wurde mir der Rotterdamer Polizist Eddie vorgestellt, der tief in zwielichtige Machenschaften verwickelt zu sein scheint und von oberen Mächten einer Organisation für sein Fehlverhalten bedroht wird. Erst dann beginnen die Kapitel, von denen das erste die letzte Szene des neunten Falls „Natrium Chlorid“ nahtlos fortsetzt.

Am zweiten Weihnachtstag 2020 wird Carl wegen Drogenhandels und unter Mordverdacht verhaftet. Im Gefängnis verweigert man ihm eine Isolation von den anderen Häftlingen, obwohl er als Ermittler mit Übergriffen rechnet. Er hat für einige Schuldsprüche von Täter(inne)n vor Gericht gesorgt und in Verbrechenskreisen ist das weitläufig bekannt. Dagegen halten seine Kollegen ihn nun für korrupt und er erhofft sich von ihnen wenig Hilfe. Carl vertraut einzig seiner Frau sowie seinem Team des Sonderdezernats Q, die aber von oberster Seite aufgefordert sind, sich aus den Ermittlungen gegen Carl herauszuhalten. Carls Situation wird noch brisanter, als sich während der Haft herausstellt, dass der- oder demjenigen eine hohe Summe ausgezahlt wird, die oder der ihn ermordet.

Carl muss Taktik einsetzen, um sich selbst zu schützen, doch auch er durchschaut nicht immer den Charakter der Mithäftlinge sowie Wärter und Wärterinnen. Er muss viel Geduld aufbringen, denn er selbst hat keine Möglichkeit, die gegen ihn gerichteten Vorwürfe zu entkräften. Der Autor lässt einige zweifelhafte Figuren auftreten. Über der Handlung steht ständig die große Frage, ob Carl im Druckluftnaglerfall unschuldig ist oder nicht. Wird er sich endlich an weitere Details der Szene erinnern, in der einer seiner Kollegen den Tod fand und der andere schwer verletzt wurde? Umso erstaunlicher ist es, dass man ihm nun selbst nach dem Leben trachtet.   

Von Beginn an baut Jussi Adler-Olsen zunehmend Spannung auf, die er durch immer neue Wendungen bis zum Ende hochhält. Mir als Leserin kamen bereits durch die Rolle von Eddie die ersten Gedanken dazu, in welcher Richtung ein oder mehrere Drahtzieher(innen) mit einem Interesse am Ableben von Carl zu finden ist oder sind. Auch das Team vom Sonderdezernat Q hat keinen leichten Stand und beweist in seinem letzten Fall wie gut man einander kennt, seine Stärken einbringen kann und sich aufeinander verlässt, ohne dass man ausführlich darüber diskutiert.

Im Thriller „Verraten“, dem zehnten und letzten Fall für sein Cold Case Dezernat der Kopenhagener Polizeibehörde, läuft Jussi Adler-Olsen noch einmal zur Höchstform auf. Zwar sind die dargestellten Ereignisse zunehmend überspitzt, sorgen aber im wahrsten Sinne des Wortes für Sprengkraft und Nervenkitzel mit einem überraschenden Bösewicht am Ende. Der abschließende Band ist für alle Carl Morck Fans ein Must-Read und eine Empfehlung für alle Thrillerlesende.


Sonntag, 11. Februar 2024

Rezension: Season Sisters - Frühlingsgeheimnisse von Anna Helford


Season Sisters - Frühlingsgeheimnisse
Autorin: Anna Helford
Hardcover: 432 Seiten
Erschienen am 15. Februar 2024

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Die vier Schwestern der Familie Season sind auf einer Farm in Nordales aufgewachsen. Ihre Eltern haben aber lieber wilde Partys mit Alkohol und Drogen gefeiert, als sich um die Kinder zu kümmern. Daher ist Spring Season mit sechzehn Jahren nach London abgehauen, wo sie sich eher schlecht als recht über Wasser hält und an die falschen Freunde geraten ist. Als sie von einem Gericht zu Sozialstunden verurteilt wird, lernt sie Sophia kennen. Die alte Dame wohnt in einem schicken Stadthaus, muss aber trotzdem auf jeden Cent achten. Schließich offenbart sie, dass sie einst die Herrin von Daffodil Castle war, bis sie von ihrem Sohn verstoßen wurde. Das Anwesen liegt in der Nähe der Farm von Springs Eltern, mit Sophias Enkel Ethan war Spring sogar eine Weile zusammen. Die beiden Frauen nehmen ihren Mut zusammen und beschließen, sich ihrer Vergangenheit zu stellen und gemeinsam nach Wales zu fahren.

Das Buch beginnt mit einem Prolog, der in Nordwales im Jahr 1876 spielt. Auf Daffodil Castle wird das Eintreffen von Lady Charlotte erwartet, nachdem das Anwesen jahrelang leer stand. Deren Kurtsche verunglückt jedoch kurz vor der Ankunft, wobei Charlottes gute Freundin, die Krankenschwester Daphne Marcy stirbt. Danach springt das Buch in die Gegenwart, wo Season Spring ihren ersten Tag im Haus von Sophia antritt, bei der sie einhundertvierzig Sozialstunden ableisten soll. 

Auch im weiteren Verlauf wird die Geschichte auf zwei Zeitebenen erzählt. In der Vergangenheit lernte ich Daphne Marcy kennen, die gerne Krankenschwester werden möchte, anstatt einen Mann zu heiraten, den sie nicht liebt. Früh ahnte ich, worauf das alles hinauslaufen soll. Beim Handlungsstrang rund um Spring und Sophia war dies zumindest nicht von Beginn an klar. Mit ihrer Reise nach Wales stellen sich beide der Vergangenheit. Ich war gespannt, zu erfahren, warum Sophie verstoßen wurde und wie Springs Umfeld auf ihre vorübergehende Rückkehr reagiert.

Die beiden Frauen kommen bei Springs älterer Schwester Summer unter, welche die Protagonistin des zweiten Bandes sein wird. Es gibt auch schon eine kurze Begegnung mit Autumn, die als einzige Schwester die verwahrloste Farm nie verlassen hat, da sie es nicht übers Herz bringt, ihren Eltern den Rücken zu kehren. Meine Sympathien sichern konnte sich Ethan, der das Familiengeheimnis um Sophia lüften möchte und auch Spring unterstützt, sich ihrer Vergangenheit zu stellen.

Ich erlebte die Geschichte als leicht und zügig lesbar, wobei es mir insbesondere im Hinblick auf die Liebesgeschichte zwischen Spring und Ethan viel zu schnell ging. Zudem fand ich viele Entwicklungen vorhersehbar. Zum Ende hin wird der Roman auf beiden Zeitebenen so dramatisch, das ich das Geschehen unglaubwürdig fand. Das große Finale ist dann sehr kitschig und klischeebeladen. Wer auf der Suche nach leichter Unterhaltung ist und Romane rund um Familiengeheimnisse mag, für den könnte der Auftakt der Season Sisters Reihe interessant sein. 

Mittwoch, 1. November 2023

Rezension: Der späte Ruhm der Mrs. Quinn von Olivia Ford


Der späte Ruhm der Mrs. Quinn
Autorin: Olivia Ford
Übersetzerin: Sonja Rebernik-Heidegger
Hardcover: 400 Seiten
Erschienen am 25. Oktober 2023
Verlag: dtv

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Jennifer Quinn ist siebenundsiebzig Jahre alt und feiert in Kürze mit ihrem Mann Bernard diamantene Hochzeit. Während Bernard abends die Zeitung liest, schaut sie am liebsten "Das Backduell" im Fernsehen an. Schließlich nimmt sie ihren Mut zusammen und reicht ihre Bewerbung für die Show ein. Zu ihrer Überraschung wird sie zum Casting eingeladen. Sie hält die Neuigkeiten vor Bernard geheim, um ihn nicht zu beunruhigen. Doch das ruft bei ihr auch Erinnerungen an das eine große Geheimnis wach, das sie in den fast sechzig Jahren ihrer Ehe nie mit ihrem Mann geteilt hat.

Schon die Torte auf dem Cover macht Appetit auf etwas Süßes und entsprechend ist es wenig verwunderlich, dass sich in diesem Roman wirklich alles um die Leidenschaft fürs Backen dreht. Auch die einzelnen Kapitel tragen den Namen der jeweiligen Backware, die dort eine Rolle spielt. Nach einem Prolog, in welchem die junge Jennifer Quinn ein Rezeptbuch schreibt, beginnt das erste Kapitel mit dem Hinweis, dass sie nicht gedacht hätte, mit siebenundsiebzig Jahren zu einer Berühmtheit zu werden. 

Dieser erste Satz nahm für meinen Geschmack fast schon zu viel vorweg, denn im folgenden begleitete ich Jenny von Beginn an bei ihrer Reise in die Welt des Fernsehens. Zunächst hadert sie mit sich, ob sie es in ihrem Alter wirklich wagen soll, sich für die Show zu bewerben, bis sie zu dem Schluss kommt, dass sie dies gerade wegen ihres Alters und ihrer Erfahrung tun sollte. Danach ging es weiter ins Casting und schließlich in die Show. Die Autorin hat lange selbst im Unterhaltungsfernsehen gearbeitet und ich erlebte die Schilderungen als authentisch. Jenny ist eine absolut liebenswerte Person und ich fieberte schnell mit, wie weit sie in der Shwo kommen wird.

Die meisten Kapitel beginnen mit einem kurzen Rückblick zu der jungen Jennifer Quinn, die große Träume hatte, bis ein Ereignis all diese Pläne zunichte macht und ihr Leben für immer verändert. Ich konnte schnell schließen, was passiert ist, fand die Aufteilung in kleine Erinnerungssequenzen aber gut. So bleibt der Fokus auf den Ereignissen in der Gegenwart, während Jenny es sich selbst nur peu a peu gestattet, an das zurückzudenken, was sie als junge Frau erlebt hat.

Neben Jennys Erlebnissen rund um das Backduell räumt der Roman auch ihrer Beziehung zu Bernard viel Raum ein. Die beiden sind nach all den Jahren unzertrennlich, doch Jenny hat Angst, dass ihre Erwartungen an die verbleibende Zeit andere sind als die von Bernard und ihnen nicht mehr so viele gemeinsame Jahre bleiben. Die beiden haben zusammen keine Kinder bekommen, lieben es jedoch, Zeit mit ihrer Familie in Form von Bernards Nichte, ihrem Mann und deren zwei Kindern zu verbringen. Es gibt liebevolle Szenen im Familienkreis, die einfach Spaß machen.

Der Roman feiert nicht nur das Backen, sondern bietet auch eine schöne Familiengeschichte voll mit herzlichen, aber auch ernsteren Momenten. Für mich ist dieses Buch eine Backshow in Romanform, die bestens unterhält, aber auch etwas Tiefgang bietet. Wer Backen und Lesen liebt, für den führt kein Weg um dieses Buch herum!

Sonntag, 30. April 2023

Rezension: Die schlafenden Geister des Lake Superior von Ben Aaronovitch


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Die schlafenden Geister des Lake Superior
Autor: Ben Aaronovitch
Übersetzerin: Christine Blum
Taschenbuch: 240 Seiten
Erschienen am 20. April 2023
Verlag: dtv

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Kimerley Reynolds arbeitet für das FBI und beschäftigt sich mit Fällen, die "Ungewöhnliche Charakteristika" aufweisen, was bedeutet, dass man es hier mit magischen, übernatürlichen Dingen zu tun hat. Ein Anruf des Ex-Agenten Patrick Henderson führt sie nach Eloise in Nord-Wisconsin, wo er vor Ort genauere Informationen geben möchte. Als Kimberley dort eintrifft muss sie feststellen, dass ein Eistornado eine Schneise der Verwüstung hinterlassen hat und Henderson verschwunden ist. Da der Ort kurz nach ihrem Eintreffen aufgrund des schlechten Wetters von der Außenwelt abgeschnitten wird, muss Kimberley auf sich gestelltt ermitteln.

Inzwischen hat es sich eingebürgert, dass Ben Aaranovitch zwischen seinen Peter-Grant-Romanen eine Story mit einem anderen Protagonisten bzw. einer Protagoniston veröffentlicht. Nach "Der Oktobermann" mit Tobi Winter und "Die Füchse von Hampstead Heath", die mir beide gut gefallen haben, bekommt nun Kimberley Reynolds ihre eigene Story. Fans der Reihe sind ihr in "Ein Wispern unter Baker Street" zum ersten Mal begegnet. Ich war sehr gespannt darauf, welche Einblicke die Story in die magische Welt Amerikas bieten wird. 

Gleich nach ihrem Eintreffen in Eloise stellt Kimerley fest, dass dort in der Tat nicht alles mit rechten Dingen zugeht. Der Meteorologe William Boyd bestätigt ihr, dass es den Eistornado gar nicht hätte geben dürfen und die Nachbarin des verschwundenen Henderson meint geträumt zu haben, wie er von Gestalten mit Geweihen und Schnauzen entführt worden sei. Ben Aaronovitch schafft mit dem durch den Eistornado zerstörten Ort und dem klirrend kalten Wetter eine eindringliche Kulisse für die Geschichte. Kimberley ist eine toughe Protagonistin, die beim Versuch, die Wahrheit aufzudecken, bald ihr Leben riskiert.

Die Handlung nimmt bald an Fahrt auf und hält den Leser mit überraschenden Wendungen in Atem. Zahlreiche Actionszenen und Begegnungen mit dem Übernatürlichen sorgen für Spannung, sodass ich das Buch beinahe in einem Rutsch gelesen habe. Wie auch die anderen Kurzromane hat dieses Buch den Vorteil, dass es sich ohne Vorkenntnisse der Peter-Grant-Romane lesen lässt und daher nicht nur für eingefleischte Fans der Reihe, sondern auch für Neueinsteiger:inenn geeignet ist. Ich kann das Buch jedem empfehlen, der gerne in eine unterhaltsame und spannende Welt voller Absurditäten und Magie eintauchen möchte.

Montag, 24. April 2023

Rezension: Das Meer und ich von Tessa Randau

 


Rezension von Ingrid Eßer

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Titel: Das Meer und ich - Wie ich mich selbst wiederfand
Autorin: Tessa Randau
Erscheinungsdatum: 16.03.2023
Verlag: dtv (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Taschenbuch mit Klappen
ISBN: 9783423352031
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Tessa Randau beschreibt in ihrem Ratgeber in Romanform „Das Meer und ich“ die Suche einer unbenannten Protagonistin zu sich selbst. Die Hauptfigur ist mittleren Alters und seit längerem verheiratet. Mit ihrem Mann hat sie zwei adoleszente Kinder. Trotz ihres Halbtagsjobs fühlt sie sich nicht in dem Maße gebraucht wie früher. Sie betrachtet sich im Spiegel und ist nicht zufrieden mit dem, was sie dort sieht. Durch eine Reise auf eine Insel im Norden Deutschland mit ihrer besten Freundin will sie Abstand zu ihrem Alltag gewinnen. Ihre Freundin muss im letzten Moment absagen. Der Protagonistin eröffnet dieser Umstand ungewollt Möglichkeiten sich mehr für unbekannte Personen zu öffnen, um auf der Insel nicht allein zu bleiben. Durch Zufall lernt sie Lene kennen, die seit längerem auf der Insel lebt und bald die Unzufriedenheit und die Traurigkeit ihres Gegenübers erkennt.

Dadurch, dass der Hauptcharakter unbenannt bleibt und aus der Ich-Perspektive erzählt, konnte ich mich gut in diesen einfinden. Die Autorin erzählt von einem Urlaub am Meer, wie ihn sicher viele der Lesenden bereits erlebt haben. Die Erinnerungen an das Gefühl von Sand zwischen den Zehen, das Kreischen der Möwen und die herrliche Meerluft werden geweckt. Vor diesem Hintergrund zum Wohlfühlen nahm ich als Leserin den Kummer der Protagonistin deutlich wahr. Durch lange Gespräche, guten Ratschlägen und real umsetzbaren Handlungsvorschlägen von Lene gewinnt die Hauptfigur immer mehr die Hoffnung darauf, wieder glücklich sein zu können. Ihre Selbstreflexion lässt ihre Gedanken zu wunden Punkten in ihrer Vergangenheit wandern und erst durch deren Benennen gelingt es ihr, sie zu verarbeiten. Mit der Zeit wird sie sich darüber klar, welche Dinge ihr im Leben wichtig sind.

Die Ratschläge von Lene sind auch für den Lesenden leicht anzuwenden und daher ist das Buch „Das Meer und ich“ von Tessa Randau vor allem empfehlenswert für Frauen mittleren Alters, die durch Änderungen in ihrem Umfeld in eine Krise geraten sind. Die Anregungen von Lene sind eingebunden in eine einfühlsame Geschichte an einem behaglichen Ort und daher werden noch viele weitere Leser und Leserinnen sich gerne von der Erzählung auf die Insel mitnehmen lassen. Wie bereits bei den vorigen Büchern der Autorin hat Ruth Botzenhardt mit ihren Illustrationen für eine ansprechende und schöne optische Aufmachung gesorgt.


Samstag, 25. März 2023

Rezension: Immer am Meer entlang von Franziska Jebens


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Immer am Meer entlang
Autorin: Franziska Jebens
Taschenbuch: 416 Seiten
Erschienen am 16. März 2023
Verlag: dtv

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Josi ist Polizistin und hat seit ihrer Kindheit einen großen Traum: Ein Jahr lang mit einem Bulli durch Europa zu fahren, immer am Meer entlang. Die Route ist seit Jahren vorbereitet. Als sie zu ihrem dreißigsten Geburtstag von ihrer Familie damit überrascht wird, dass die Reparatur ihres Bullis abgeschlossen ist und sie einiges an Budget für die Reise erhält, steht der Umsetzung plötzlich nichts mehr im Wege. Zur selben Zeit macht sich auch der Architekt Paul auf den Weg, der sich nach einem Reisevortrag kurzerhand einen Land Cruiser gekauft und seinen Job gekündigt hat. Die erste Begegnung der beiden in Frankreich steht unter keinem guten Stern. Doch auch danach treffen sich die beiden, welche sich bewusst für einen Solotrip entschieden haben, immer wieder. Kann daraus doch noch eine Freundschaft oder sogar mehr entstehen?

Schon das Cover des Romans weckt bei mir Meerweh und ich freute mich darauf, mit Josi und Paul die Küsten Europas zu erkunden. Der Roman ist abwechselnd aus den Perspektiven der beiden geschrieben und ich lernte die beiden kurz vor dem Antritt ihrer jeweiligen Reise kennen. Sie sind charakterlich ganz verschieden: Josi ist ein absoluter Planungsmensch, sie ist tough und unabhängig, hat aber dennoch ihre verletzlichen Seiten. Paul hingegen setzt auf Spontaneität, er erfindet sich auf der Reise neu und entdeckt seine Leidenschaft fürs Reisen.

Als Leserin folgte ich den Erlebnissen der beiden auf ihren Reisen entlang der Küsten Europas und entdeckte gemeinsam mit ihnen versteckte Buchten, malerische Orte und einsame Strände. Besonders schön ist die Entwicklung der Beziehung zwischen Josi und Paul, die sich immer wieder begegnen. Aus ihrer anfänglichen Skepsis gegenüber des jeweils anderen wird allmählich Wertschätzung. Beide hadern damit, sich über ihre Gefühle klar zu werden. Wollen sie eine Freundschaft zulassen oder sind sie eigentlich interessiert an mehr? Da Josi fest entschlossen ist, die Reise allein durchzuziehen, und Paul eine Trennung verarbeitet, ist Gefühlchaos vorprogrammiert und ich war gespannt, ob die beiden zueinander finden.

Insgesamt ist "Immer am Meer entlang" ein Buch, das Lust macht, die Koffer zu packen und die Welt zu erkunden. Josi und Paul erleben eine Reise voller Abenteuer, Entdeckungen und unterwarteter Begegnungen. Ein empfehlenswerter Roman für alle Meersüchtigen, die sich vom Fernweh packen lassen wollen.

Donnerstag, 13. Oktober 2022

Rezension: Unsre verschwundenen Herzen von Celeste Ng

 


Rezension von Ingrid Eßer

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Titel: Unsre verschwundenen Herzen
Autorin: Celeste Ng
Übersetzerin: Brigitte Jakobeit
Erscheinungsdatum: 05.10.2022
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Leseband
ISBN: 9783423290357
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In ihrem Roman „Unsre verschwundenen Herzen“ beschreibt Celeste Ng, warum die Protagonistin Margaret Miu, die Mutter von Bird, in einer nahen Zukunft ihren Sohn in der Obhut ihres Ehemanns zurücklässt. Sie hat dabei das Bestmögliche für Bird im Sinn und ist damit nicht die Einzige, die sich von ihrer Familie absetzt. Mütter und Väter sind voller Angst vor der staatlichen Kontrolle, die über angemessenes Verhalten urteilt. Sie kommen unangemeldet zum Wohnort der Familie, nehmen die Kinder mit und geben sie in Pflegefamilien. Doch die Liebe der Eltern bleibt in den Herzen ihres Nachwuchses. Das Cover spiegelt eine Situation wider, wie manche besorgte Person der Erzählung sie inzwischen tagtäglich wiederholt: Ein vorsichtiger Blick durch die Gardine nach draußen, ob Gefahr in Form der Ordnungshüter im Anmarsch ist.

Margaret hat asiatische Vorfahren. Vor mehreren Jahren hat sie ungewollt die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich gezogen und schließlich in Konsequenz dazu Ehemann und Sohn verlassen. Inzwischen ist Bird zwölf Jahre alt. Sein Vater hat dafür gesorgt, dass sie an einem neuen Wohnort innerhalb der Stadt einen Neuanfang starten können. Eines Tages erhält Bird einen Brief mit einer Zeichnung. Er erkennt, dass seine Mutter sie für ihn gemalt hat. Zum Glück ist die Post nicht konfisziert worden. Bird glaubt fest daran, dass Margaret ihm etwas mitteilen möchte. Darum beginnt er damit einen Plan für die Suche nach seiner Mutter zu erdenken, den er schließlich umsetzt.

Celeste Ng schafft ein beängstigendes Szenario. Die Geschichte ist zwar eine Dystopie, basiert aber auf einer Vergangenheit, die die unsere ist. Beim Lesen wurde mir klar, dass bestimmte Begebenheiten nicht mehr auf sich warten lassen, sondern bereits jetzt Realität sind. Im Roman fordert die USA dazu auf, Gründe für die Wirtschaftskrise zu finden. Irgendwann kanalisiert sich die Meinung, dass Mitbürger mit asiatischen Wurzeln die Schuld tragen. Bereits ihr Aussehen erregt das öffentliche Ärgernis. Es ist erschreckend darüber zu lesen, aber auch bei uns gegenwärtig, dass so viele sich eine solche Ansicht unreflektiert zu eigen machen.

Von Beginn an entwickelt sich eine hintergründige Spannung darüber, ob die Suche von Bird erfolgreich sein wird. Er entdeckt Bibliotheken als einen Ort, an dem sich Widerstand regt, wodurch ein Stück Hoffnung gegeben wird. Die Autorin zeigt, welche Macht Worte ausüben können, im positiven wie im negativen Sinne. Sie nutzt einen Schreibstil, der die wörtliche Rede nicht mit Anführungszeichen versieht. Aber sie ist nah an ihren Figuren und es gelang ihr, mir deren Gefühle zu übermitteln. Ich empfand die Ohnmacht und Hilflosigkeit der zu Unrecht Beschuldigten. Einige Male überraschte mich der Roman mit einer Wendung.

„Unsre verschwundenen Herzen“ von Celeste Ng ist ein dystopischer Roman mit einer unerwartet großen Nähe zu unserer Gegenwart. Die Autorin zeigt auf berührende Weise anhand des Beispiels einer Mutter-Sohn-Beziehung, was Blindgläubigkeit in Verbindung mit Stigmatisierung bewirken kann. Es war ein beeindruckendes und ergreifendes Lesen. Gerne empfehle ich das Buch weiter.



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