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Donnerstag, 5. Januar 2023

Rezension: Die Erweiterung von Robert Menasse

 


Rezension von Ingrid Eßer

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Titel: Die Erweiterung
Autor: Robert Menasse
Erscheinungsdatum: 10.10.2022
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Leseband
ISBN: 9783518430804
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Im Roman „Die Erweiterung“ wirft Robert Menasse einen Blick auf den langwierigen Prozess entsprechender Anwärterländer, die der Europäischen Union beitreten möchten. Beispielhaft wählt er Albanien als Beitrittskandidaten aus. So wie im Buch des Autors „Die Hauptstadt“ ein Schwein für besondere Aufmerksamkeit sorgt, ist es diesmal ein Helm, zu dem es immer wieder zu einem Zwischenspiel kommt, ganz zum Amüsement der Lesenden. Die auf dem Helm angebrachte Figur eines Ziegenkopfs zeigt sich auf dem Cover als Galionsfigur des albanischen Kreuzfahrtschiffs, das zum Ende der Geschichte hin von Bedeutung ist.

Dem albanischen Ministerpräsidenten dauert es viel zu lange bis er die Genehmigung für den Beitritts seines Landes erhält. Schließlich hat er dafür bei seiner Wahl geworben und möchte nun Erfolge nachweisen. Einer seiner Berater schlägt vor, dass der Besitz des Helms des Nationalhelden Skanderberg, der sich bedauerlicherweise in einer Ausstellung in Wien befindet, ihm Anerkennung beim Volk bringen würde. Es gibt Schwierigkeiten bei der Rückgabe und daher beschließt man, ein Duplikat anzufertigen. Der Helm und seine Zweitausgabe geraten immer mehr ins Rampenlicht und werden zu einem Objekt der Begierde außerhalb der Regierungsreihen, während man sich im Gefolge des Regierungschefs weitere Gedanken über das Für und Wider seiner Bedeutung macht.

Robert Menasse schaut tief in die Ansichten seiner Charaktere hinein. Es sind nicht nur die Figuren, die in der Gegenwart agieren, sondern der Autor betrachtet sie als Personen, die sich aus ihrer Herkunft und ihrem Werdegang entwickelt haben. Er zieht die Verbindungen zu vergangenen und gegenwärtigen Freundschaften, zu Bekannten und Familienmitgliedern aus denen Abhängigkeiten sowie Anrechte entstanden sind.

Die Beschreibungen von Robert Menasse sind überspitzt dargestellt, aber an die Gegebenheiten angelehnt. Es sind viele Fakten, die er in den Roman einfließen lässt, beispielweise gibt es den Helm tatsächlich. Beitrittsverhandlungen zur Europäischen Union dauern aufgrund hoher Anforderungen an die Länder sehr lange. Mit einer gehörigen Portion Ironie, aber auch mit fundiertem Wissen stellt der Autor einen Ausschnitt aus dem aufwändigen Prozess nach. Er vermittelte mir mit manchmal weitschweifenden Schilderungen Zusammenhänge in der Europapolitik.

Nach seinem Roman „Die Hauptstadt“ ist es Robert Menasse erneut gelungen einen Teil der Steuerung des Schiffs Europa vielschichtig und mit beigemischtem Sarkasmus darzustellen. Um seine Handlungsstränge baut er einen Rahmen, der bis in die Vergangenheit reicht und an den Rändern weitläufige Verknüpfungen von Figuren und zwischenstaatlichen Handlungen der europäischen Länder aufspannt. Gerne empfehle ich das Buch weiter.


Montag, 15. August 2022

Rezension: Vega - Der Wind in meinen Händen von Marion Perko


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Vega - Der Wind in meinen Händen
Autorin: Marion Perko
Hardcover: 384 Seiten
Erschienen am 15. August 2022
Verlag: Insel Verlag

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 Vega und ihr Freund Esper arbeiten als Wettermacher und werden zum Beispiel gerufen, um für ihre Auftraggeber Regen auf bestimmte Flächen zu bringen. Was keiner ahnt: Vega ist nicht nur die Assistenin, die aufgrund ihrer siebzehn Jahre noch keine eigene Lizenz hat und Esper bei seiner Tätigkeit mit Chem-Patronen und Drohnen hilft. Ganz im Gegenteil: Esper ist die Ablenkung, während Vega Wind und Wolken ohne jegliche Hilfsmittel kontrollieren kann. Das darf außer Esper aber niemand wissen.

Bei dem Einsatz in einer Gartenanlage kommt es eines Tages zur Katastrophe: Vega ruft Regen herbei, doch dieser stellt sich als ätzend heraus. Verletzte Kinder müssen ins Krankenhaus und Vega gerät als Hauptverdächtige ins Visier der Prüfstelle für atmosphärische Optimierung, kurz PAO. Unverhofft komtm ihr Leo zur Hilfe und den beiden gelingt die Flucht. Doch wie soll es für sie weitergehen? Weitere Zwischenfälle machen Vega bewusst, dass nicht nur ihre eigene Zukunft auf dem Spiel steht.

Das Buch beginn mit dem Eintreffen von Vega und Esper in der Gartenanlage und schon nach wenigen Seiten ist Vega aufgrund des ätzenden Regens gezwungen, unterzutauchen. Der Start in diese mehrbändige Reihe ist rasant. Ich freute mich darauf, Vega und ihre Fähigkeiten besser kennenzulernen. Gleichzeitig werfen die ersten Szenen jede Menge Fragen auf, sowohl rund um das Thema, wie es zu dem Zwischenfall überhaupt kommen konnte als auch dazu, in welchem Zustand sich der Planet grundsätzlich befindet und wie die Gesellschaft sich organisiert hat.

Vega verschlägt es bei ihrer Flucht in die verschiedensten Ecken ihrer Stadt und der Umgebung. Daduch erfuhr ich allmählich mehr über die Welt, in der sie lebt. Auch ihre eigene Geschichte lernte ich durch immer wieder eingestreute kurze Erinnerungen kennen. Wie genau ihre Fähigkeit funktioniert wird hingegen nur vage ausprobiert. Da das Buch aus der Ich-Perspektive Vegas geschrieben ist fühlte ich mich ihr schnell nahe, während ich mich genau wie sie selbst fragte, mit welcher Motivation ihr Begleiter Leo ihr hilft.

Nach dem vielversprechenden Start zog sich das Buch im Mittelteil für meinen Geschmack sehr in die Länge. Zwar bleibt das Tempo hoch, da Vega kreuz und quer durch die Stadt hetzt. Mir fehlten dabei aber neue Erkenntisse und echte Fortschritte. Außerdem wurde mir für ein als Auftrakt der Klima-Saga angekündigtes Buch das Thema Klima zu oberflächlich behandelt. Irgendwann gehen Vega die Ideen aus, was sie noch tun könnte, und ich fühlte mich ebenso orientierungslos. Zum Ende hin wird es durch einen neuen Schauplatz wieder interessanter, doch dann endet das Buch auch schon mit einem fiesen Cliffhanger. Der Fokus dieses Auftakts lag sehr auf Worldbuilding und Charaktervorstellung und ich hatte das Gefühl, dass viele Antworten für weitere Teile zurückgehalten wurden, sodass mich das Buch für sich stehend nur mäßig überzeugen konnte. Nun ist aber alles vorbereitet, damit Vega in kommenden Bänden so richtig durchstarten kann!

Montag, 25. Juli 2022

Rezension: Die Stadt ohne Wind - Das Mädchen des Waldes von Eléonore Devillepoix

 


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Die Stadt ohne Wind - Das Mädchen des Waldes
Autorin: Eléonore Devillepoix
Übersetzerin: Amelie Thoma
Hardcover: 488 Seiten
Erschienen am 16. Mai 2022
Verlag: Insel Verlag

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Arka hat Hyperborea nach der Zerstörung der Kuppel verlassen, um in ihre Heimat, den Wald der Amazonen, zurückzukehren. Sie ahnt nicht, dass sowohl die totgeglaubte Penthesilea als auch ihr Mentor Lastyanax nach ihr suchen. In Hyperborea bereiten unterdessen die Themiskyraner ihre Machtübernahme vor. Ihr Vorgehen weckt dabei den Unmut von Alkander, dem Meister der Lemuren, der andere Vorstellungen von den nächsten Schritten und seiner eigenen Position hat. Bald kommen Dinge ans Licht, welche die Ereignisse in neuem Licht erscheinen lassen.

Der zweite Teil dieser Dilogie rief mir zum Start auf einer Seite in aller Kürze die wichtigsten Charaktere und ihre aktuelle Situation in Erinnerung. Es folgte ein Prolog, der mich in die Vergangenheit und den Amazonenwald führte, wo ich mehr über das Schicksal der siebenjährigen Kandri erfuhr, die mir bis dato unbekannt war. Zurück in der Gegenwart wechseln sich Kapitelabschnitte aus der Sich von Arka, Alkander, Lastyanax, Pyrrha und Petroklos ab und weckten meine Neugier, wie es für Hyperborea und die einzelnen Charaktere weitergehen wird.

Der Start ist eher ruhig, wobei ein unerwarteter Schauplatzwechsel für eine erste Überraschung sorgt. Während Arka versucht herauszufinden, wo ihr Platz in der Welt ist, schmieden Lastyanax und Pyrrha Pläne zur Befreiung der anderen Magier und Alkander schmiedet Pläne zur Sicherung seiner Macht. Rückblicke und Hintergrundinformationen halfen mir, die Charaktere noch besser zu verstehen.

Ich habe mich sehr darüber gefreut, dass die Amazonen in diesem zweiten Band eine größere Rolle spielen und ich viele Einblicke in ihr Leben im Wald erhielt. Dieses ist alles andere als perfekt: Zwar haben sie eine funktionierende Gesellschaftsform aufgebaut, doch um diese zu erhalten haben sie einige erschreckende Prinzipien und die Bedrohung in Form des Fluchs ist allgegenwärtig. 

Ich hatte einige Zeit das Gefühl, dass zwar viele Pläne geschmiedet werden, die Handlung aber auf der Stelle tritt. Es wird politisch taktiert und Vorbereitungen werden getroffen. Die Beschreibungen der Autorin ließen dabei die einst prachtvolle und nun von Kälte beherrschte Stadt vor meinem inneren Auge lebendig werden. In der zweiten Hälfte steigt die Spannung dann deutlich an und ich fieberte mit, welche Pläne scheitern und welche erfolgreich sein werden. Zum Ende hin ging es mir dann beinahe schon zu schnell, wobei ich den Abschluss sehr gelungen fand. Ich kann das Buch an alle Fantasy-Leser:innen empfehlen, die zum Beispiel auch die Spiegelreisenden-Saga mochten!

Sonntag, 12. September 2021

Rezension: Die Stadt ohne Wind von Éléonore Devillepoix

 

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Die Stadt ohne Wind
Autorin: Éléonore Devillepoix
Übersetzerinnen: Amelie Thoma und Anne Gabler
Hardcover: 500 Seiten
Erschienen am 11. September 2021
Verlag: Insel

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Die Stadt ohne Wind: Das ist Hyberborea, das sich über sieben Ebenen unter einer Kuppel aus Adamant erstreckt. Der neunzehnjährige Lastyanax hat auf der siebten Ebene gerade seine Abschluss-Disputation zum Magier bestanden, als er seinen Mentor Palates tot auffindet. Ist er wirklich an einem Herzinfarkt gestorben? Schnell kommen ihm Zweifel. Die dreizehnjährige Arka trifft zur selben Zeit in Hyberborea ein, um ihren Vater zu suchen. Dieser hat ihre Mutter vor der Geburt verlassen hat und ist angeblich ein Magier. Schnell muss sie feststellen, dass auf der dreckigen ersten Ebene feststeckt: Ohne Geld kann sie den Transfer in höhere Ebenen nicht zahlen, erst recht nicht den bis zur siebten Ebene der Magier. Um ihre finanzielle Situation zu verbessern, schmiedet sie einen gewagten Plan.

Der Roman wird abwechselnd aus der Sicht von Lastyanax und Arka erzählt. Ersterer hat Hyberborea noch nie verlassen, letztere ist gerade erst in der Stadt eingetroffen. Die von Magiern regierte Stadt wurde vor meinem inneren Auge schnell lebendig: Zahlreiche durch Wasserstraßen verbundene Türme sind unter einer riesigen Kuppel gruppiert, und je höher man gelangt, desto wohlhabender sind die Bewohner und desto sauberer ist das Wasser. Lastyanax’ priviligiertes Leben auf der siebten Ebene steht in starkem Kontast zu und Arkas Versuchen, die erste Ebene zu verlassen.

Schnell wird klar, dass ein Leben als Magier auch seine Schattenseiten hat: Lastyanax’ Versuch, den Ministerposten seines verstorbenen Mentors zu übernehmen, erfordert politisches Geschick und zahlreiche Versprechungen. Seine Versuche, politisch etwas zu bewegen, stoßen auf Unverständnis und taube Ohren. Aber ist der Ministerposten nicht nur anstrengend, sondern geradezu gefährlich? Einige Vorfälle erhärten diesen Verdacht, doch ihm fehlt jeglicher Ansatz für eine Ermittlung. Währenddessen stelle ich fest, dass Arka alles andere als ein hilfloses kleines Mädchen ist. Ihre unkonventionelle, wilde Art mochte ich sehr und ich erlebte mit ihr so einige Überraschungen.

Ich fand es schön, Lastyanax, Arka und ihre Welt ausführlich kennenzulernen. Die Einblicke in die Wirkungsweise der Magie haben mir besonders gut gefallen, und die Erläuterungen der innen- und außenpolitischen Situation waren aufschlussreich. Gleichzeitig steigt die Spannung mit jedem Vorfall weiter an. Kurze Kapitel aus weiten Perspektiven gaben mir wissensmäßig einen Vorsprung, der zeigte, wie ernst die Lage ist.

Im letzten Viertel des Buches haben mich die Ereignisse trotzdem eiskalt erwischt. Tempo und Spannung werden mit einen Schlag aufs Maximum gedreht und ich konnte das Buch bis zum Schluss nicht mehr aus der Hand liegen. Was für ein emotionaler Ritt! Am liebsten würde ich sofort im abschließenden zweiten Band weiterlesen, der im französischen Original bereits erschienen ist und hoffentlich bald übersetzt wird. Allen Fantasy-Lesern, die sorgfältig ausgearbeitete magische Welten mit einer Mischung aus Politik und Spannung lieben, kann ich dieses Buch klar weiterempfehlen!

Samstag, 12. September 2020

Rezension: Das Mädchen, das ein Stück Welt rettete - Nach einer wahren Geschichte von Sharon Cameron

 


Rezension von Ingrid Eßer

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Titel: Das Mädchen, das ein Stück Welt rettete - Nach einer wahren Geschichte
Autorin: Sharon Cameron
Übersetzerinnen aus dem amerikanischen Englisch: Katharina Förs und Naemi Schuhmacher
Erscheinungsdatum: 14.09.2020
rezensierte Buchausgabe: Hardcover
ISBN: 9783458178804
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„Das Mädchen, das ein Stück Welt rettete“ ist ein Roman für Jugendliche ab 13 Jahre, der unbedingt auch von Erwachsenen gelesen werden sollte. Autorin des Buchs ist die US-Amerikanerin Sharon Cameron, die die Geschehnisse auf Basis der realen Geschichte der Polin Stefania Podgorska schildert.

Stefania, von Freunden Fusia gerufen, ist auf dem Land groß geworden. Die in der nahe gelegenen Stadt Przemysl im Südosten Polens lebenden älteren Schwestern besorgen ihr auf ihren Wunsch hin eine Stellung vor Ort in einem Lebensmittelgeschäft als sie 13 Jahre alt ist. Der Laden wird von der jüdischen Familie Diamant betrieben. Sie selbst ist Katholikin und fühlt sich im Kreis der Familie sehr gut aufgehoben. Im Laufe der Jahre verliebt sie sich in einen der Söhne der Diamants. Doch dann bricht im September 1939 der Zweite Weltkrieg aus, in Przemysl wird ein Ghetto für Juden errichtet, in das die Familie Diamant umziehen muss. Unter Androhung von Strafe ist es strengstens verboten den Juden zu helfen. Doch Stefania schafft es mit Hilfe ihrer zehn Jahre jüngeren Schwester, die inzwischen bei ihr lebt, für 13 von ihnen im übertragenen Sinne, ein Stück Welt zu retten.

Ich war tief beeindruckt über die uneigennützigen Handlungen von Stefania, deren Tun allein auf Menschlichkeit beruht. Im Nachwort der Autorin beschreibt sie auf wenigen Seiten die tatsächlichen Ereignisse, untermalt von einigen Fotos auf denen Stefania, ihre Schwester und andere Akteure zu sehen sind. Obwohl ich vorher bereits im Internet nach einem kurzen Aufriss von Stefanias Leben nachgeschaut hatte, war ich dennoch von der Geschichte überrascht, denn Fusia agierte immer beherzt. Glücklicherweise war mir auch in den spannendsten Situationen bewusst, dass sie alles überlebt hat,

Die Autorin lässt Fusia im Buch selbst erzählen. Trotz ihrer Angst, stellte sie sich jeder Herausforderung und von denen gab es letztlich genug. Immer wenn ich dachte, dass vielleicht ein wenig mehr Ruhe in Stefanias Umgebung einkehren und endlich die Gefahr der Entdeckung abnehmen würde, geschah wieder etwas völlig Unerwartetes. Dabei darf man nie vergessen, dass es sich tatsächlich mehr oder weniger so ereignet hat. In einem Internetvideo mit einem Interview mit Stefania konnte ich mich überzeugen, dass der Autorin die Darstellung des Charakters im Roman treffend gelungen ist.

Man spürt, dass Sharon Cameron selbst von der Geschichte berührt ist. Dank ihrer sehr guten Recherche lässt sie ein lebendiges Bild der damaligen Geschehnisse entstehen. Neben der Courage, die Stefania immer wieder zeigt, ist die Verzweiflung der Juden aus ihren Worten und Taten deutlich zu spüren.

„Das Mädchen, das ein Stück Welt rettete“ von Sharon Cameron ist ein Roman gegen das Vergessen über ein Mädchen, das sich heldenhaft im Sinne der Nächstenliebe im Zweiten Weltkrieg eingesetzt hat und den Ehrentitel der „Gerechten unter den Völkern“ verliehen bekommen hat. Daher empfehle ich das Buch sehr gerne weiter.


Sonntag, 30. August 2020

Rezension: Und auf einmal diese Stille von Garrett M. Graff

 

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Und auf einmal diese Stille
Autor: Garrett M. Graff
Übersetzerin: Philipp Albers und Hannes Meyer
Broschiert: 537 Seiten
Erschienen am 17. August 2020
Verlag: suhrkamp Taschenbuch

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Der 11. September 2001 ist ein Tag, an den sich fast jeder, der damals schon auf der Welt war, erinnern kann. Ich selbst war 10 Jahre alt und hörte im Radio auf dem Heimweg von der Schule von einem Anschlag auf das World Trade Center in New York. Als die Türme einstürzten, hatten wir zu Hause gerade den Fernseher angeschaltet. Wie aber haben Menschen den Tag erlebt, die von den Anschlägen unmittelbar betroffen waren?

Garrett M. Graff hat unzählige Augenzeugenberichte und Aufzeichnungen aus Oral-History-Projekten gesichtet und diese um zahlreiche eigene Interviews ergänzt. Daraus ist dieses Buch entstanden, dass den Leser detailliert durch den Tag führt und an viele unterschiedliche Orte des Geschehens mitnimmt. Die Flugzeugentführungen werden rekapituliert und durch Tonaufzeichnungen sowie Erinnerungen der Personen, mit denen die Passagiere telefoniert haben, erhält man einen Eindruck, was an Bord passiert ist. Überlebende, die insbesondere aus den höheren Etagen des World Trade Center fliehen konnten, kommen zu Wort und berichten von den Einschlägen und ihrem Weg ins Freie. Feuerwehrleute nehmen den umgekehrten Weg, um weitere Menschen zu retten, viele von ihnen kommen beim Einsturz der Türme ums Leben.

Das Buch ist eine bedrückende Lektüre. Die Überlebenden berichten von den grauenhaften Dingen, die sie gesehen und erlebt haben. Gleichzeitig gibt es auch viele beeindruckende Geschichten über Zivilisten und Helfer von Feuerwehr und Polizei, die unter Einsatz ihres eigenen Lebens anderen geholfen und sie damit gerettet haben. Gleichzeitig begreift man, wie unübersichtlich die Lage vor Ort war. Viele wussten nicht, was überhaupt geschehen war und nur wenige rechneten damit, dass die Türme wirklich einstürzen könnten.

Das Buch blickt aber nicht nur auf die Ereignisse rund um das World Trade Center, sondern berichtet auch vom Geschehen in Washington D.C. und dem angrenzend liegenden Pentagon, wo das dritte Flugzeug einschlug. Die vierte Flugzeugentführung wird ebenfalls thematisiert. Zudem erfährt man einiges über die Handlungen und Entscheidungen der Politik, des Militärs und der Geheimdienste. Der Tag von George W. Bush wird ausführlich geschildert, und auch die Erinnerungen des damaligen Verteidigungsminister Rumsfeld sowie der damaligen Nationale Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice und ihrer Mitarbeiter sind abgedruckt.

In Summe erhält man eine bewegende und emotionale Chronik des 9. September 2001, in der zahlreiche persönliche Erinnerungen ihren Platz gefunden haben und gleichzeitig eine verständliche Einordnung ins Gesamtgeschehen stattfindet. „Und auf einmal diese Stille“ ist ein gelungener Beitrag dazu, die schlimmen Ereignisse ebenso wie die kleinen und großen Heldentaten an diesem Tag nicht in Vergessenheit geraten zu lassen und auch zukünftigen Generationen ein Nachvollziehen zu ermöglichen.

Freitag, 21. August 2020

Rezension: Und auf einmal diese Stille - Die Oral History des 11. September von Garrett M. Graff

 


Rezension von Ingrid Eßer

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Titel: Und auf einmal diese Stille - Die Oral History des 11. September
Autor: Garrett M. Graff
Übersetzer: Philipp Albers und Hannes Meyer
Erscheinungsdatum: 17.08.2020
Verlag: Suhrkamp Nova (Link zur Buchseite des Verlags
rezensierte Buchausgabe: Klappenbroschur
ISBN: 9783518470909
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Fast jeder, der am Dienstag, den 11.09.2001 über ein gefestigtes Erinnerungsvermögen verfügte, weiß wo und wann er an diesem Tag von den Terroranschlägen in den U.S.A. erfahren hat, so wie ich. Ich hörte die Nachrichten im Autoradio und konnte es nicht glauben, ich sah die Türme im Fernsehen wie Butter zerfließen und konnte es nicht glauben und erfuhr noch von einem Anschlag auf das Pentagon und einem weiteren abgestürzten Flugzeug und konnte es ebenfalls nicht glauben. Es war unvorstellbar und doch war es geschehen. Es gab Fakten, aber die direkt an den Anschlägen beteiligten Menschen blieben zum großen Teil unsichtbar und ungehört. Das hat der Garret M. Graff mit seinem Buch „Und auf einmal diese Stille – Die Oral History des 11. September“ geändert.

Der Autor hat etwa drei Jahre lang die Erzählungen von Zeitzeugen gesammelt, die darüber berichteten, wie sie den Tag erlebt haben. Es sind unter anderem Arbeitnehmer aus den beiden Türmen des World Trade Centers und dem Pentagon, Politiker, Feuerwehrleute, Polizisten und Angehörige der Opfer. Einige der Interviews hat Garret M. Graff selbst geführt. Er hat die Aussagen in eine zeitliche Reihenfolge gebracht und thematisch aufgearbeitet. Beginnend mit dem 10.09.2020 entstand auf diese Weise bei mir beim Lesen ein Stimmungsbild von den späteren Schauplätzen der Geschehen bei dem nichts auf das folgende Chaos, die Konfusion und die Wucht der Eindrücke hindeutete. Für viele waren gerade die Ferien vorbei und der Arbeitsalltag hatte wieder begonnen, dienstags morgens zeigte sich der Himmel in einem wolkenlosen blau. Wenig später versank New York in eine graue Wolke, die sogar vom All aus zu sehen war.

„Und auf einmal diese Stille“ wird der Captain eines Einsatzfahrzeuges der Berufsfeuerweht im Buch zitiert. Ihm fiel auf, dass nach den Einschlägen der beiden Flugzeuge in die Türme, viele Einsatzkräfte mit großer Geräuschkulisse eintrafen. Während er aber in der Lobby im Erdgeschoss des Nordturms steht und viele zu diesem Zeitpunkt schon zur Hilfe ausgeschwärmt sind, hängt die plötzliche Ruhe wie eine Bedrohung in der Luft. Stille herrscht auch in der riesigen grauen Staubwolke, die sich nach dem Einsturz der Türme bildet und alles bedeckte. Die Luft ist zum Schneiden dick und gibt Laute nicht weiter. Auch hierzu finden sich Augenzeugenberichte im Buch. 

Aber Garrett M. Graff fängt nicht nur die Stimmen rund um das Geschehen am Vormittag ein, sondern beschäftigt sich auch mit den weiteren Rettungsaktionen, die sich über Stunden, Tage und Wochen hinzogen. Am Rande versucht er auch die politischen Hintergründe einzubinden und seine gesammelten Stimmen beschreiben die Mechanismen, die in einer solchen Bedrohungslage einsetzen, um bedeutende Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens wie beispielsweise den Präsidenten zu schützen.

Meine Erinnerungen an diesen verheerenden Tag kehrten beim Lesen wieder, allerdings rückten die bewegten Bilder, die man aus dem Fernsehen kannte durch die Berichte näher als je zuvor. Ich empfehle das Buch jedem zum Erinnern, Erfahren und niemals vergessen, was Terror bewirken kann.


Montag, 22. Juni 2020

Rezension: Die Spiegelreisende. Im Sturm der Echos - Christelle Dabos



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Die Spiegelreisende. Im Sturm der Echos
Autorin: Christelle Dabos  
Übersetzerin: Amelie Thoma
Hardcover: 613 Seiten
Erschienen am 22. Juni
Verlag: Insel Verlag

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Die Welt der Archen scheint dem Untergang nahe zu sein: Immer häufiger verschwinden Stücke und mit ihnen all ihre Bewohner. Ophelia und Thorn sind fest entschlossen, das Geheimnis von Eulalia Gort und dem Anderen endlich zu lüften und die Zerstörung aufzuhalten. Ihr Weg führt sie ins mysteriöse Beobachtungsinstitut der Arche Babel, über dessen Aktivitäten hinter den Mauern nur wenig nach außen dringt. Doch die Situation unter Kontrolle zu halten wird zur Herausforderung, denn die Beobachter im Institut haben ihre eigenen Pläne...

Endlich ist er da, der finale Band der Spiegelreisenden! Nach den Enthüllungen am Ende des vorherigen Bandes hoffte ich darauf, nun endlich zu erfahren, wie Eulalia zu dem wurde, was sie heute ist und was es nun mit dem Anderen auf sich hat. Die Situation auf Babel verschärft sich zunehmend, denn immer mehr Stücke verschwinden plötzlich. Die weltoffene Arche wirft im Nu ihre Prinzipien über Bord und beginnt mit drastischen Maßnahmen, die dem Schutz der Einheimischen dienen sollen.

Inmitten dieses zunehmenden Chaos sind Ophelia und Thorn endlich wieder vereint und schmieden gemeinsam einen Plan, wie sie die Geheimnisse lüften und die Katastrophe aufhalten können. Ich fand es schön, die beiden zusammen zu erleben. Ihre Beziehung hat sich weiterentwickelt und ihre unterschiedlichen Ansätze bei der Suche nach der Wahrheit ergänzen sich gut. Nach außen hin müssen sie jedoch weiterhin ihre jeweilige Rolle spielen und niemand darf wissen, dass sie verheiratet sind.

Der vierte Band spielt wie sein Vorgänger hauptsächlich auf der Arche Babel, wobei mit dem Beobachtungsinstitut ein neuer Ort in den Fokus rückt. Ophelia hat nur eine rudimentäre Vorstellung, was sie dort erwartet. Ich fieberte mit, ob sie dort entscheidende Dinge herausfinden kann, ohne den Verstand oder gar ihr Leben zu verlieren. Denn das Beobachtungsinstitut erweist sich schnell als ein Ort, der noch gefährlicher ist als der Pol oder das Konservatorium - und das will schon etwas heißen!

Es werden in diesem Band nur wenige neue Charaktere eingeführt, dafür gibt es ein Wiedersehen mit vielen bereits bekannten Gesichtern. Diese haben noch einige Überraschungen in petto, welche vieles in neuem Licht erscheinen lassen. Das Tempo ist vergleichbar mit den Vorgängern - mal gibt es ruhigere Phasen, dann überschlagen sich die Ereignisse. Das Geheimnis rund um Gott, die Familiengeister, die Echos und den Anderen entpuppt sich als komplexe Angelegenheit, die zu verstehen Zeit benötigt und bei der mache Aspekte bewusst mysteriös und rätselhaft bleiben. Auch auf einige emotionale Momente sollte man sich einstellen. Spannend und dramatisch näherte sich das Buch seinem Ende, das die Reihe für mich gelungen abschließt.

Von mir gibt es eine große Leseempfehlung für die ganze Reihe rund um die Spiegelreisende Ophelia!
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