Donnerstag, 29. Oktober 2020

Rezension: Und die Welt war jung von Carmen Korn

 


Rezension von Ingrid Eßer

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Titel: Und die Welt war jung (Drei-Städte-Saga)
Autorin: Carmen Korn
Erscheinungsdatum: 22.09.2020
Verlag: Kindler (Link zur Buchseite des Verlags)
ISBN: 9783463407043

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Der Roman „Und die Welt war jung“ von Carmen Korn spielt im Zeitraum von 1950 bis 1959 und nimmt drei Familien in den Mittelpunkt, die verwandt beziehungsweise miteinander befreundet sind. Es ist ein Jahrzehnt, in dem Deutschland geprägt ist vom Wiederaufbau bis hin zum zaghaften Anfang einer Frauen- und Friedensbewegung. Das Schlagwort „Wirtschaftswunder“ wird für diese Zeit oft benutzt, um das schnelle Wachstum der damaligen Wirtschaft auszudrücken. Carmen Korn verknüpft ihre Erzählung eng mit ihren Figuren, die in Hamburg, Köln und San Remo leben. Auch hier zeigt sich, wie die handelnden Personen durch die dem Wandel unterliegende Umgebung geprägt werden.

Der Galerist Heinrich und Gerda Aldenhoven wohnen mit ihren jungen erwachsenen Kindern Ursula und Ulrich und zwei alleinstehenden Kusinen von Heinrich in Köln. Zunächst wird der Alltag durch die angespannte finanzielle Situation des Haushalts beeinflusst, denn es wird noch wenig in Kunst investiert. Schon viele Jahre lang kennt Gerda ihre beste Freundin Elisabeth Borgfeldt, die mit ihrem Mann Kurt in Hamburg in einem Mehrparteienhaus lebt. Zum Haushalt gehört auch die verheiratete Tochter Nina und der Enkel Jan, dessen Vater als im Krieg verschollen gilt. Als Bankangestellter hat Kurt ein sicheres Einkommen, das wohlüberlegt ausgegeben werden möchte.

Heinrichs Schwester Margarethe ist mit dem italienischen Restaurator Bruno Canna verheiratet und wohnt mit ihm in San Remo. Das Ehepaar hat den jungen erwachsenen Sohn Gianni, der sich darauf vorbereitet in den Blumenhandel der Familie einzusteigen. Brunos Beruf bietet zwar den nötigen Abstand zu seiner Mutter, die als Patriarchin über ihre Familie wacht, doch keine Beschäftigungsgarantie.

Carmen Korn führt eine hohe Anzahl Personen durch die von ihr beschriebene Zeit. Um den Überblick zu behalten ist ein Personenverzeichnis und Stammbäume der Familien dem Roman vorgeschaltet. Bei der Vorstellung der Figuren gibt die Autorin einen kurzen Abriss über deren familiären beziehungsweise beruflichen Hintergrund. Das Jahr wird beim Jahreswechsel entsprechend angekündigt, die dann folgenden Kapitel sind mit Tag und Monat betitelt. Die drei Handlungsstränge werden kontinuierlich fortgesetzt und folgen den Handlungsorten.

Wie in ihrer Jahrhundert-Trilogie so findet sich auch in diesem Roman der eigenwillige Schreibstil der Autorin mit kurzen Kapiteln, verkürzten Sätzen und der zügig voranschreitenden Entwicklung durch einige Zeitsprünge. Darin spiegelt sich die Vergänglichkeit des Moments wider und die Chance zu Neuanfängen. Die Schatten des Kriegs sind in einigen Aspekten immer noch zu spüren, deutlich wird das vor allem bei Nina, die ihren Ehepartner vermisst. Über die Jahre hinweg wächst die Kaufkraft der Bevölkerung und jenseits der Grundversorgung kann langsam auch daran gedacht werden, sich darüber hinaus wieder etwas Schönes zu leisten. Aber alle Protagonisten haben ihre eigenen Sorgen und Nöte und auch jenseits des Krieges wird jung gestorben, was der ganzen Geschichte einen durchgehend melancholischen Touch verleiht.

Deutlich wird auch die Gebundenheit, vor allem der Frauen an die Gesetze und die Konventionen ihrer Zeit. In der Generation der Kinder der Paare, die im Fokus stehen, schafft Carmen Korn dementgegen das Bild der Frau, die im Beruf Erfüllung findet. Sie kennt die von ihr gewählten Orte aus eigener Erfahrung sehr gut, was den Schilderungen Authentizität verleiht. Immer wieder lässt sie den örtlichen Dialekt einfließen und beschriebt bei Mahlzeiten die regionale Küche. Daneben konnte ich über gerade aktuelle Filme, Musik und Bücher lesen. Die Geschichte spielt allerdings nur im städtischen Bereich, so dass die Nachkriegsentwicklung auf dem Lande außen vor bleibt. Die historischen Hintergründe sind bestens recherchiert. Einige Ausführungen innerhalb der fiktiven Handlungsstränge sind kleinteilig und führen zu wenigen Längen.

„Und die Welt war jung“ ist der Auftakt der Dilogie einer Drei-Städte-Saga von Carmen Korn, die im gewohnt rasanten Stil durch die 1950er Jahre dreier Familien führt, die in Hamburg, Köln und San Remo leben. Das Buch endet mit einem Cliffhanger, der mich auf die baldige Fortsetzung hoffen lässt. Für alle Carmen Korn-Fans ist der Roman ein Muss, gerne empfehle ich ihn allen Lesern, die historische Romane aus dem letzten Jahrhundert mögen.


Dienstag, 27. Oktober 2020

Rezension: Brombeerfuchs - Das Geheimnis von Weltende von Kathrin Tordasi

 


Rezension von Ingrid Eßer


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Titel: Brombeerfuchs - Das Geheimnis von Weltende
Autorin: Kathrin Tordasi
Erscheinungsdatum: 23.09.2020
Verlag: Sauerländer (Link zur Buchseite des Verlags)
ISBN: 9783737356930

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Dem „Brombeerfuchs“ kommt in der gleichnamigen Fantasy ab zehn Jahren der in Berlin lebenden Autorin Kathrin Tordasi nur eine Nebenrolle zu, denn Portia Beale und Ben Rees, beide 12 Jahre alt, sind die Protagonisten der Geschichte. Gemeinsam entdecken die beiden „Das Geheimnis von Weltende“, wie es auch im Untertitel des Buches heißt.

Weil es ihrer Mutter nicht gutgeht, fährt die in London lebende Portia zwei Wochen in ihren Sommerferien zu ihren Großtanten Bramble und Rose, von denen die eine Autorin und die andere Lektorin ist. Die beiden wohnen in dem kleinen Ort Trefriw in Nordwales. Erst sind es nur einige kleine seltsame Begebenheiten, die Portia in ihrer neuen Umgebung auffallen, doch als Ben, der der Sohn der örtlichen Buchhändlerin ist, nicht zu einem vereinbarten Treffen kommt, folgt sie dem Fuchs Robin zu einer alten verschlossenen abseits gelegenen Tür inmitten eines von Gebüsch überzogenen Mauerrests.

Mittels eines Schlüssels, den Portia kurz zuvor aufgrund ihrer Neugier im Haus der Tanten gefunden hat, ist es ihr möglich, die Tür zu öffnen, die einen Weg freigibt zu einer magischen Welt. Doch davon ahnt Portia zunächst nichts, denn das nötige Wissen über die Anderswelt ist über die Jahre und Jahrzehnte hinweg abhandengekommen. Ben ist zunächst unbedarft, als ein magisches Wesen ihm und Rose darüber Bescheid gibt, dass das Portal geöffnet wurde und nun unmittelbares Handeln nötig ist. Nur wenige wissen, dass das Ende der sichtbaren und unsichtbaren Welt vielleicht kurz bevor stehen könnte.

Zu Beginn gibt Kathrin Tordasi dem Leser im Prolog anhand einer kurzen Fantasiegeschichte einen kurzen Einblick in die mysteriöse Anderswelt, in der für die Waliser seit jeher die Feen wohnhaft sind. Dadurch baute sie gleich von Anfang an eine gewisse Spannung auf, denn der Zutritt zu dieser magischen Welt bedeutet große Gefahr. Als es nun Portia gelang, die Tür zu öffnen, befürchtete ich das Schlimmste.  

Die Autorin hat ihre Charaktere gut ausformuliert. Portia und Ben sind noch unerfahren darin, zwischen verschiedenen, ihnen gebotenen Möglichkeiten abzuwägen. Die magische Welt, die sie bisher nur aus Büchern kannten, erscheint ihnen wie ein Traum. Daher ist es nicht verwunderlich, dass ihre Menschenkenntnis hier wenig ausreichend ist, um all die Stolpersteine zu erkennen, die ihnen im übertragenen Sinne in der Anderswelt durch die fabelhaften Wesen in den Weg gelegt werden. Während Ben eher mehr geerdet wirkt, lässt Portia sich immer wieder durch ihren Vorwitz und ihre Lebensfreude zu spontanen Aktionen verleiten, die der Erzählung zu neuen Wendungen verhelfen. Auch durch die Angst mancher Figur oder ihrer Sprunghaftigkeit erreicht die Autorin es, ihrer Geschichte unerwartete Richtungsänderungen zu verleihen. Jedem Leser gibt sie mit auf den Weg, dass ein starker Zusammenhalt, Absprache und Aufgabenverteilung in einer Gruppe eher und schneller zum gemeinsamen Ziel führen.

Mit viel Einfühlungsvermögen spielt Kathrin Tordasi mit dem Wissen um den Tod, der auch für die ansonsten unsterblichen Wesen in der Zwischen- und Anderswelt durch Magie möglich ist. In Zwischenspielen wendet sie ihren Blick kurz ab von den Protagonisten und vermittelte mir als Leser weitere Einsichten jenseits der uns bekannten Welt. An der ein und anderen Stelle lässt sie kurze Vergleiche mit anderen Wunderwelten durch die Nennung bekannter fantastischer Literatur einfließen.

„Der Brombeerfuchs“ von Kathrin Tordasi ist abwechslungsreich, unterhaltsam und lesenswert geschrieben. Das Buch ist geeignet ab 10 Jahren, eigentlich aber eher eine All-Age-Geschichte, die ich gerne weiterempfehle. Weil mich diese Fantasy rundum begeistern konnte, wünsche ich mir eine Fortsetzung oder zumindest weitere Erzählungen der Autorin.


Sonntag, 25. Oktober 2020

Rezension: Wonderlands (Hrsg. Laura Miller)

 


Rezension von Ingrid Eßer

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Titel: Wonderlands - Die fantastischen Welten von Lewis Carroll, J.K.Rowling, 
Stephen King, J.R.R. Tolkien, Haruki Murakami u.v.a
Herausgeberin: Laura Miller
Erscheinungsdatum: 02.10.2020
Verlag: wbg Theiss (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover
ISBN: 9783806240726

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Das Buch „Wonderlands“, erschienen bei wbg Theiss, nimmt den Leser mit in die Welten der fantastischen Literatur. Nach einem kurzen einführenden Vorwort der Herausgeberin Laura Miller gelangt man zunächst im ersten Kapitel hunderte Jahre zurück in die Welt der alten Mythen und Legenden zu denen zum Beispiel die Metamorphosen Ovids, die Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht, König Arthur und seine Tafelrunde sowie im 17. Jahrhundert die Welt des spanischen Don Quijote gehören. Ein weiteres Kapitel ist betitelt mit „Wissenschaft und Romantik“ und umfasst die Zeit zwischen den Jahren von 1701 bis 1900 mit Geschichten wie „Gullivers Reisen“, „Alice im Wunderland“ und dem „Zauberer von Oz“. „Das goldene Zeitalter der Fantasy“ ist ein Kapitel, das Stories enthält, die zwischen 1900 und 1945 entstanden sin, unter anderem „Peter Pan“, die „Schöne neue Welt“ und „Der kleine Prinz“.

Zu den Geschichten im Kapitel „Neue Weltordnung“, die zwischen 1946 und 1980 geschrieben wurden, gehört George Orwells Dystopie „1984“, der Roman „Hundert Jahre Einsamkeit“ von Gabriel Garcia Marques, der dem magischen Realismus zugeordnet wird und die Science Fiction Welt „Per Anhalter durch die Galaxis“ von Douglas Adams sowie die Welten von Narnia und Mittelerde. „Harry Potter“, „Tintenherz“, „Game of Thrones“ und „Die Tribute von Panem“ wurden erst in den vergangenen vierzig Jahren geschaffen und sind im Buch im fünften und letzten Kapitel „Das Computerzeitalter“ zu finden. In einige der Geschichten der vorgenannten Bücher bin ich bereits eingetaucht, andere warten darauf, von mir und vielen weiteren Lesern entdeckt zu werden.

Jeder Erzählung widmet „Wonderlands“ bis zu sechs Seiten, die ausgefüllt sind mit einer kurzen Einführung und teils ganzseitigen Illustrationen. Das Buch kann lediglich einen Einblick in die vom jeweiligen Autor geschaffene Welt aus der getroffenen Auswahl der Lektüre geben, denn zu groß ist die Vielfalt der Werke der fantastischen Literatur. Aber es regt dazu an, sich bei Interesse die entsprechende Geschichte zu besorgen und zu lesen,

Im Buch versammeln sich große Namen von denen einige bereits auf dem Cover genannt werden und dazu auffordern, „Wonderlands“ in die Hand zu nehmen. Die besprochenen Geschichten zeigen, wie sich die Vorstellungen von einer anderen Welt entsprechend im Wandel der Zeiten geändert haben. Von jeher galten mündlich weiter gereichte Überlieferungen als Grundlage zur Legendenbildung, in vielen fand sich die ein oder andere Moral, Konvention und geschickt verpackte Gesellschaftskritik wieder. Fremde Wesen, sprechende Tiere und Magie animieren bis heute die Leserschaft dazu, ihrem Arbeitsalltag in Träumereien zu entfliehen. Im Anhang finden sich ein Verzeichnis der Autorinnen und Autoren und ein Schlagwortregister, jeweils mit entsprechenden Seitenverweisen.

Es macht Freude, im Buch zu blättern, zu lesen und sich entsprechend der gewählten Geschichte kurz in eine der 98 anderen Sphären mitnehmen zu lassen. „Wonderlands“ ist nicht nur für jeden Freund fremder Welten als Nachschlagewerk empfehlenswert, sondern eignet sich aufgrund der vermittelten Informationen und der besonders schönen Gestaltung auch sehr gut zum Verschenken. 


Freitag, 23. Oktober 2020

Rezension: Malvita von Irene Diwiak

 

 

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Malvita
Autorin: Irene Diwiak
Hardcover: 304 Seiten
Erschienen am 21. September 2020
Verlag: Zsolnay

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Christina reist nach Italien zur Familie der Schwester ihrer Mutter, um die Hochzeit ihrer Cousine Marietta Esposito als Fotografin zu begleiten. Sie hat diesen Teil der Familie nie kennengelernt, doch ihre Mutter hat die Sache eingefädelt, um sie - chronisch pleite, nicht wirklich studierend und eine Trennung verarbeitend - auf andere Gedanken zu bringen. Mit dem, was sie vor Ort erwartet, hätte sie jedoch nicht gerechnet: Die riesige Villa Esposito thront in der Nähe des fast ausgestorbenen Dorfes Malvita, und seine Bewohner verhalten sich allesamt höchst merkwürdig. Christina fühlt sich fehl am Platz und beobachtet. Was geht hier vor sich?

Die Geschichte beginnt mit Christinas Ankunft in Malvita, wo sie von ihrer Cousine Elena, einem zugeknöpften, dürren Model, in Empfang genommen wird. Ein warmer Empfang sieht anders aus, und das ändert sich auch bei ihrer Ankunft in der Villa nicht. In einem kleinen Dachgeschoss-Zimmer wird sie geradezu abgestellt, bevor sie den Rest der Familie kennenlernen darf: Marietta, die Braut, die das Verschwinden ihrer Trauzeugin und ursprünglichen Fotografin hysterisch als Verrat bezeichnet; Ada, die Tante, die sich nett aber ohne besonderes Interesse gibt; Jodie, den Bruder, den alle wie ein kleines Kind behandeln und Tonio, den Vater, das schweigsame Familienoberhaupt.

Christina fühlt sich wie ein Fremdkörper im Kosmos der Villa Esposito und das Gebaren ihrer Verwandten gibt ihr Rätsel auf. Auch die Angestellten sind keine Hilfe dabei, Licht ins dunkel zu bringen. Als Christina nach 100 Seiten eine Leiche findet, die ermordet worden zu sein scheint, liegt der Verdacht nahe, dass hier gefährliche Dinge vor sich gehen. Gerade weil alle so bemüht sind, sie vom Geschehen abzuschirmen, möchte sie herausfinden, was hinter all dem steckt.

Nacheinander lernt man die Mitglieder der Familie Esposito besser kennen, und zwar zum einen durch Christinas Begegnungen mit ihnen und zum anderen durch weitere Informationen zu ihrem Leben und ihrer Vergangenheit, die man als Leser exklusiv erhält. Dabei wird deutlich, wie psychisch labil jeder einzelne von ihnen ist und wie dysfunktional ihre Beziehungen zueinander sind. Aber wer von ihnen ist harmlos, und wer gefährlich? Ich fand es interessant, in die Psyche der verschiedenen Charaktere einzutauchen.

Der schwarze Humor der Autorin zieht sich durch die Geschichte, die ich lockerem Ton erzählt wird, während das Geschehen immer absurder wird. Es gipfelt in einem finalen Showdown, der bei mir allerdings jede Menge Fragezeichen erzeugte. In Summe lässt die Geschichte viel Raum für Interpretation. Ein ungewöhnliches Leseerlebnis irgendwo zwischen Krimi, Familiendrama und Verschwörungsroman!

Mittwoch, 21. Oktober 2020

Rezension: Die vergessene Heimat von Deana Zinßmeister

 


Titel: Die vergessene Heimat - Roman nach einer wahren Geschichte
Autorin: Deana Zinßmeister
Erscheinungsdatum: 21.09.2020
rezensierte Buchaugabe: Taschenbuch mit Klappen
ISBN: 9783442491001

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Den Roman „Die vergessene Heimat“ hat Deana Zinßmeister angelehnt an die Geschichte ihrer eigenen Familie geschrieben. Sie wusste, dass ihre Eltern Leni und Ernst mit weiteren Verwandten im August 1961, als in Berlin mit dem Mauerbau begonnen wurde, aus der damaligen Deutschen Demokratischen Republik geflohen sind. Doch die Einzelheiten waren der Autorin bis zur Erkrankung ihres Vaters Jahre später nicht bekannt, weil aufgrund der auch weiterhin bestehenden Angst vor der Stasi wenig darüber gesprochen wurde.

Der Titel deutet nicht nur darauf hin, dass die Ereignisse durch aktuelles Zeitgeschehen in den Hintergrund rückten, sondern vor allem weist er auf die Demenzerkrankung von Ernst hin, die über 50 Jahre nach der Flucht offensichtlich wird. Er war seit jeher ein guter Geschichtenerzähler, durch Auslandtätigkeiten hatte er viel erlebt. Aber nun verfängt er sich innerhalb kurzer Zeit in eine Welt, in die ihm niemand folgen kann und die auf Außenstehende einen abstrusen Eindruck vermittelt. Durch Nachfragen der Tochter werden ihr immer mehr Einzelheiten über die damalige Flucht bekannt.

Sehr gekonnt wechselt Deana Zinßmeister zwischen den Geschehnissen im Jahr 1961 und den aktuellen Ereignissen rund um die Krankheit des Vaters. Es scheint, dass die Autorin darum in die Rolle ihrer Figur, der Kochbuchautorin Britta Hofmeister, schlüpft, um den nötigen Abstand zu dem selbst Erlebten zu erhalten. Doch es ist deutlich spürbar wie tief ihre Verzweiflung ist aufgrund ihrer Hilflosigkeit gegen das Leiden ihres Vaters. Sie beschönigt nichts, nicht die Schwere und den unaufhaltsamen Fortschritt der Krankheit und auch nicht die zunehmende Belastung der Familie bei der Pflege bis hin zum Für und Wider der Unterbringung des Vaters in einem Heim. Da ich als junge Frau etwas ähnliches in meiner Familie erlebt habe, rührte die Erzählung meine Erinnerung daran wieder auf. Die Gefühle von Britta konnte ich dadurch sehr gut nachvollziehen. Die Autorin erzählt absolut authentisch, mit sehr viel Einfühlungsvermögen. Ich habe bewundert, wie viele Engagement sie dafür eingesetzt hat, die Krankheit zu verstehen.

Auch die Geschehnisse der Flucht sind bewegend und ungewöhnlich. Es ist eine unterschwellige Spannung spürbar. Ich hoffte darauf, dass alle Personen der Gruppe, die fliehen wollten, die innerdeutsche Grenze unbeschadet überwinden würden. Auch hier sind die Bedenken und die Ängste der Republikflüchtlinge realistisch und glaubhaft dargestellt. Interessant waren auch die Einblicke in das Notaufnahmelager Marienfelde.

„Die vergessene Heimat“ ist ein aufwühlender Roman, einerseits über das Empfinden der Menschen in den Tagen des Mauerbaus in Berlin und über die damit verbundene Flucht aus der DDR sowie andererseits über die emotionale Beschreibung einer Demenzerkrankung in der jetzigen Zeit. Die ineinander verwobenen Geschichten sind umso intensiver zu erleben, weil sie auf wahren Begebenheiten in der Familie der Autorin beruhen. Ich finde es einen mutigen Schritt, dass Deana Zinßmeister diese wichtigen, beeindruckenden Geschichten mit ihren Lesern teilt und empfehle das Buch sehr gerne weiter.


Dienstag, 20. Oktober 2020

Rezension: Love Show - Ist deine Liebe echt? von Britta Sabbag

 

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Love Show - Ist deine Liebe echt?
Autorin: Britta Sabbag
Hardcover: 352 Seiten
Erschienen am 30. September 2020
Verlag: FJB

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Die siebzehnjährige Ray lebt auf Aroha Island und hat die Insel noch nie verlassen. Die Natur ist traumhaft schön und alle Inselbewohner sind wie eine große Familie - warum sollte sie woanders sein wollen? Doch dann machen Ray und ihr bester Freund Noah einige Entdeckungen, die sie ins Stutzen bringen. Der auf der Insel eintreffende Besucher Liam, dem sie die Insel zeigen soll, bringt Ray schnell auf andere Gedanken. Was sie nicht ahnt: Ihr ganzes Leben ist eine Reality-Show, außer ihr und Noah sind alle Inselbewohner Schauspieler. Und Liam wurde geschickt, damit die „Love Show“ ihrem Namen gerecht wird.

Auf den ersten Seiten taucht man ein in Rays heile Weilt auf Aroha Island, wo jeder jeden kennt und sie am liebsten zusammen mit ihrem besten Freund Noah über die Insel streift. Ein Brand im Diner, über dem sie mit ihrem Onkel Jim wohnt, führt dazu, dass sie die Nacht bei Noah verbringen soll. Doch seine Annäherungsversuche blockt sie entscheiden ab - sehr zum Verdruss von Mr. X, der seinem Publikum Liebesszenen bieten will.

Das Tempo ist von Beginn an sehr hoch. Der Brand im Diner wird auf einer einzigen Seite geschildert und kurz darauf schläft Ray schon in Noahs Zimmer ein, nachdem sie ihm klar gemacht hat, dass sie ihn nicht küssen wird. Auf die Gefühle und Gedanken der Handelnden wird nur oberflächlich eingegangen und Entscheidungen werden nicht groß erklärt. Ich hatte in der Folge häufig Probleme damit, das Verhalten der Charaktere nachzuvollziehen.

Die Schilderungen des Insellebens haben Feelgood-Charakter und nehmen viel Platz ein. Als Liam auf der Insel eintrifft mit dem Ziel, Ray zu verführen, erhält diese die Aufgabe, ihm die Insel zeigen. Sie nimmt ihn mit zu all ihren Lieblingsplätzen, die genau beschrieben werden, sodass man sich vorstellen kann, in welch toller Natur Ray lebt. Das führt allerdings auch dazu, dass Noah ganz schön eifersüchtig wird. Ich wartete unterdessen ungeduldig darauf, dass endlich die Wahrheit über die Show ans Licht kommt. Dies geschieht aber erst recht spät und dann überstürzen sich die Ereignisse so sehr, dass nur wenig Zeit für die Reflektion rund um die Frage „Wer bin ich, wenn andere über mein Leben bestimmen?“ bleibt.

Beim Lesen der Buchbeschreibung denkt man schnell an „Die Truman Show“ und der Ansatz ist tatsächlich ähnlich. Jedoch schöpft die Geschichte das Potenzial eines Buches gegenüber eines Films nicht ausreichend aus und bleibt für meinen Geschmack zu sehr an der Oberfläche. "Love Show“ bietet durch seinen paradiesischen Schauplatz zahlreiche Feelgood-Momente, bleibt im Hinblick auf die Handlung aber hinter meinen Erwartungen zurück.

Sonntag, 18. Oktober 2020

Rezension: Wohin der Himmel uns führt von Dani Atkins

 


Rezension von Ingrid Eßer

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Titel: Wohin der Himmel uns führt
Autorin: Dani Atkins
Übersetzerinnen aus dem Englischen: Simone Jakob und Anne-Marie Wachs 
rezensierte Buchausgabe: Taschenbuch mit Klappen
ISBN: 9783426524299

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Mit ihrem Roman „Wohin der Himmel uns führt“ berührt die Engländerin Dani Atkins erneut die Herzen ihrer Leserschaft. Der Buchtitel und das Cover symbolisieren die Unvergänglichkeit der Liebe, auch zu einem verstorbenen Ehepartner, der mit seinen bekannten Meinungen immer noch im Gedächtnis ist und also zu aktuellen Entscheidungen weiter hinzugezogen wird. Zu Herzen geht aber diesmal vor allem der Hintergrund der Geschichte, der die Frage aufwirft, wie der Begriff „Mutter“ im engeren Sinne zu definieren ist. Auch diesmal greift Dani Atkins eine Tragödie auf, die so oder ähnlich geschehen kann oder geschehen ist.

Die 35-jährige Floristin Beth Brandon hat vor einigen Jahren ihren Ehemann Tim verloren. Schon am Anfang seiner schweren Erkrankung haben die beiden sich zu einer Kryokonservierung entschlossen. Jetzt hat Beth noch eine Chance auf ein Kind. Auf dem Friedhof lernt sie den jungen Witwer Liam kennen und ahnt noch nicht, welche Bedeutung er in ihrem Leben erlangen wird. Zur gleichen Zeit wissen Pete und Izzy Vaughan kaum, wo sie das Geld für die Rechnungen der Klinik für eine weitere Kryokonservierung hernehmen sollen. Die beiden haben bereits den achtjährigen Sohn Noah, doch ihre Ehe läuft seit einiger Zeit nicht mehr rund und Pete ist ausgezogen. Dann erreicht Beth und Izzy die Mitteilung der Klinik, dass dort vor acht Jahren ein Missgeschick passiert ist. Für beide ist die Nachricht aufwühlend und lebensverändernd.

Dani Atkins lässt Beth und Izzy in der Ich-Form erzählen, so dass ich deren Gedanken begleiten und die Gefühle in den einzelnen Situationen sehr gut nachvollziehen konnte. Das führte zu einem intensiven Erleben der Handlung. Mit ihrer Darstellung erreicht die Autorin eine Mehrdimensionalität dergleichen Begebenheit mit Begründungen, die in die Tiefe gehen und dazu führten, dass man beide Protagonistinnen einfach mögen muss, die hadern und um ihre Rechte kämpfen. Es ist sehr schwierig, eigentlich unmöglich, Partei für eine von ihnen zu ergreifen und so hoffte und bangte ich um eine gute Lösung für beide. Die Autorin beweist hier wieder ihr großes Einfühlungsvermögen.

Einige unerwartete Drehs überraschten mich. Die Darstellung der Ereignisse liest sich authentisch und natürlich darf in der Geschichte auch nicht der gewisse mystische Touch fehlen, der die Bücher von Dani Atkins begleitet und sich hier in der Verbindung zu den verstorbenen Ehepartnern darstellt.

Mit ihrem Roman „Wohin der Himmel uns führt“ schreibt Dani Atkins erneut eine ergreifende und aufwühlende Geschichte über Kinderwunsch, Mutterliebe und Trauer bei der es durch den Wechsel der beiden Perspektiven immer wieder zu kleinen Cliffhangern kommt, die den Lesefluss beschleunigen. Das Buch ist ein Muss für Atkins-Fans und eine große Empfehlung an Leser, die bewegende Romane lieben.


Freitag, 16. Oktober 2020

Rezension: Für einen Sommer unsterblich von Jennifer Niven

 

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Für einen Sommer unsterblich
Autorin: Jennifer Niven
Übersetzerin: Maren Illinger
Broschiert: 400 Seiten
Erschienen am 7. Oktober 2020
Verlag: FISCHER Sauerländer

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Für die achtzehnjährige Claude steht eine Zeit des Umbruchs an: In acht Tagen ist ihre Abschlussfeier und danach will sie mit ihrer besten Freundin Saz einen Roadtrip machen, bevor die beiden im Herbst Ohio verlassen und auf unterschiedliche Universitäten gehen. Doch dann kommt alles anders als gedacht: Claudes Eltern lassen sich scheiden und Claude soll den Sommer mit ihrer Mutter auf einer kleinen Insel vor der Küste Georgias verbringen, auf der einst ihre Urgroßmutter und Namensgeberin Claudine lebte. Die Insel hat nicht viel zu bieten, bis Claude dort Jeremiah Crew begegnet...

Das Buch beginnt acht Tage vor Claudes Abschlussfeier in Mary Grove, Ohio. Claude ist hin- und hergerissen zwischen der Begeisterung für den bald startenden neuen Lebensabschnitt und dem Bedauern, dass sie dann nicht mehr in derselben Stadt leben wird wie ihre beste Freundin Saz. Die beiden haben bislang alles gemeinsam gemacht und erlebt und sich auch vorgenommen, zur selben Zeit zum ersten Mal Sex zu haben. Claude ist zwar schon ein paarmal mit einem Jungen auf Tuchfühlung gegangen, aber weiterzugehen fühlte sich für sie bislang falsch an.

Mit der Ankündigung ihrer Eltern, sich scheiden zu lassen, bricht Claudes Welt zusammen. Weil ihre Mutter sie mit nach Georgia nimmt wird sie Saz nun früher als geplant nicht mehr regelmäßig sehen. Auf der Insel gibt es kaum Empfang und dann hat Saz plötzlich eine feste Freundin, die immer da ist, wenn Claude anruft. Mit all diesen Veränderungen muss sich Claude arrangieren.

Ihre Begegnung mit Jeremiah Crew sorgt für zusätzliches Gefühlschaos. Zwischen ihr und dem geheimnisvollen Einzelgänger funkt es schnell. Weil beide nur einige Wochen auf der Insel sind nehmen sie sich vor, sich nicht zu verlieben. Ob das gut gehen kann? Die Geschichte fokussiert sich ganz auf Claude und Jeremiah und nimmt den Leser mit durch eine emotionale Zeit.

Das Setting bietet noch weiteres Potenzial, das leider nicht ganz ausgeschöpft wird. Ich hätte zum Beispiel gerne noch mehr über die anderen Inselbewohner und das Verhältnis von Claude zu ihrer Mutter erfahren oder ein Familiengeheimnis im Hinblick auf Claudes Urgroßmutter aufgedeckt.

„Für einen Sommer unsterblich“ erzählt die Geschichte von Claudes Sommer nach dem Schulabschluss, den sie ungeplant mit ihrer Mutter auf einer Insel verbringt, weil ihre Eltern sich scheiden lassen. Doch mit Jeremiah Crew entdeckt sie nicht nur die Insel, sondern auch neue Gefühle. Wer nach einer bittersüßen Geschichte über einen unvergesslichen Sommer und die erste große Liebe sucht, der wird hier fündig!

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