Posts mit dem Label Kein&Aber werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Kein&Aber werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Freitag, 13. Juli 2018

[Rezension Hanna] Launen der Zeit - Anne Tyler



Willa Drake führt von außen betrachtet ein ganz durchschnittliches Leben. Der Leser begleitet sie durch die Jahrzehnte: Im Jahr 1967 ist sie elf und ihre Mutter hat das Haus und die Familie wieder einmal wütend verlassen. 1977 stellt Willa ihren Eltern ihren Freund Derek vor. Auch wenn seine Eltern ihn nicht mögen und sie ihre eigenen Interessen zurückstellen muss, stimmt sie seinen Zukunftsplänen für sie beide zu. Sie nimmt die Rolle ein, die er für sie vorsieht, bis das Jahr 1997 alles verändert. Doch erst im Jahr 2017 trifft sie eine Entscheidung ganz allein deshalb, weil sie es für das richtige hält.

Das Cover zeigt zwei unbeschwert spielende Mädchen, im Hintergrund steht ein alter Wagen. Das könnten Willa und ihre Freundin Sonya in den 60ern sein. Sie wissen noch nicht, was das Leben für sie bereithalten wird. Doch Willas Leben ist schon jetzt nicht frei von Sorge. Ihre Mutter hat immer wieder Wutausbrüche, nach denen sie wütend wegfährt – diesmal sogar über Nacht. Ihr Vater, ihre Schwester und sie versuchen, sich trotzdem ganz normal zu verhalten, bis sie wieder da ist.

Nach kurzer Zeit macht die Geschichte einen ersten großen Zeitsprung. Er nimmt den Leser mit zu zwei wegweisenden Momenten in Willas Leben: Als sie beschließt, Derek zu heiraten, bevor sie mit dem College fertig ist und als er zwanzig Jahre später selbstverschuldet verunglückt. Dabei lernt man Willa als Charakter besser kennen. Sie bringt ihre eigene Meinung schwach hervor, fügt sich dann aber immer dem, was andere sagen und planen. Szene um Szene läuft nach diesem Schema ab. Sie wird regelrecht fremdgesteuert statt zu tun, was sie wirklich will. Für sie wichtige Menschen, die nicht gutheißen, auf wen sie hört, wenden sich von ihr ab. Doch auch hier wird sie nicht aktiv.

Insofern ist ihre persönliche Situation im Jahr 2017 wenig überraschend. Sie ist eine logische Fortsetzung ihres bisherigen Lebens. Ein Anruf setzt schließlich etwas bei ihr in Gang und sie trifft eine Entscheidung, die ihr Umfeld nicht nachvollziehen kann. Auch ich konnte es nicht so recht verstehen: Warum jetzt, warum für diese Person? Ist sie nach all den Jahren gelangweilt von ihrem Leben, in dem sie ihre Interessen immer denen anderer untergeordnet hat? Zum ersten Mal setzt sie ihren Willen durch und macht sich auf den Weg. Sie gerät in eine lebendige Familie und kauzige Nachbarschaft hinein und lernt neue Perspektiven kennen.

Obwohl hier auf rund 300 Seiten ein ganzes Leben mit vielen Zeitsprüngen erzählt wird, plätschert die Geschichte gefühlt vor sich hin. Willas Leben zieht an ihr vorbei, ohne dass sie selbst wirklich eingreift. Immer wieder ärgerte ich mich über Passivität und las Szene um Szene, die nach dem selben Muster abläuft. Selbst wirklich einschneidende Ereignisse können sie nicht wachrütteln.

Warum der Anruf im Jahr 2017 es schließlich kann, blieb für mich unerklärlich. Die zweite Hälfte des Buches beschreibt die Konsequenzen: Sie quartiert sich in einer fremden Stadt und in einer fremden Familie ein. Das Buch wurde hier deutlich lebhafter und positioniert sich irgendwo zwischen tragisch und komisch. Irgendwo ist das Stichwort – für mich wurde nicht klar, was die Geschichte nun wirklich will. Die Handlung konnte mich nicht richtig packen, die Charaktere blieben oberflächlich. Für mich hätte es mehr gebraucht: Mehr Drama, mehr Lebensfreude, mehr Konflikt, mehr Skurrilität – irgendetwas davon. So bleibt es für mich ein durchschnittlicher Roman über ein stilles Aufwachen und Ausbrechen aus einem fremdbestimmten Leben.


----------------------------------------

*Werbung*
Launen der Zeit
Autorin: Anne Tyler
Übersetzerin: Michaela Grabinger
Hardcover: 304 Seiten
Erschienen am 10. Juli 2018
Verlag: Kein & Aber


Mittwoch, 29. März 2017

[Rezension Ingrid] Der Club von Takis Würger


*Werbung*
Titel: Der Club
Autor: Takis Würger
Erscheinungsdatum: 28.02.2017
Verlag: Kein & Aber 
rezensierte Buchausgabe: Leineneinband mit Lesebändchen

Das Buch hat den Debütpreis der lit.cologne 2017 gewonnen. Einen Bericht über die Verleihung des Preises lest ihr hier: KLICK!

„Der Club“ ist der Debütroman von Takis Würger. Mit dem Titel ist ein elitärer Club für männliche Studenten der Universität in Cambridge gemeint. Die Ausstattung des Romans im Leinengewand in clubähnlichen Farben vermittelt dem Leser ein entsprechend auserlesenes Gefühl. Bei seiner Geburt in Niedersachsen ahnt noch niemand, dass Hans, der Protagonist des Buches, einmal zu diesem angesehenen Club gehören wird.

Hans ist ein ruhiges Kind, das möglichst jeden Trubel meidet und hervorragend beobachten kann. Nach einem Zwischenfall in der Schule meldet sein Vater ihn zum Boxtraining an. Er fährt ihn zu jeder Veranstaltung und verstirbt auf der Fahrt zu einem Turnier als Hans 15 Jahre alt ist. Wenige Monate später verliert er auch seine Mutter. Nachdem er bis zum Abitur in einem Internat gelebt hat, besorgt ihm seine in England wohnende und in Cambridge dozierende Tante ein Stipendium und einen Studienplatz an eben dieser Universität, allerdings mit der Bedingung, dass Hans ihr helfen soll ein Verbrechen aufzuklären. Nach einiger Überlegung ist er dazu bereit, obwohl er die Art der begangenen Straftat nicht kennt. Mit Hilfe von Charlotte, einer Doktorandin seiner Tante, wird er Mitglied im Pitt Club, dem nur Auserwählte beitreten dürfen. Was Hans dort sieht und erlebt entspricht nicht seinen Wertvorstellungen und immer wieder stellt er sich die Frage, ob der Weg richtig ist den er eingeschlagen hat.

Die Mutter von Hans ist bereits vor der Schwangerschaft mit ihm an Krebs erkrankt. Vielleicht ist es diese Tatsache die ihm jede Menge Respekt vor dem Leben und dem Leiden eines Menschen mit auf seinen Weg gibt. Er hat eine stoische Art sein Schicksal zu akzeptieren, doch weil seine englische Tante ihm nicht anbietet, ihn aufzunehmen, bleibt ihm kaum eine andere Wahlmöglichkeit außer dem Internat. Zum Glück findet er hier Gelegenheit zum Boxen, denn dieser Sport verhilft ihm nicht nur zu Kraft sondern sorgt auch dafür, dass er seine Gedanken konzentrieren und seine Gefühle kanalisieren kann. Takis Würger schreibt hierbei aus eigener Erfahrung und seine Begeisterung für den Sport ist im Geschriebenen erkennbar.

Doch in Hans spiegelt sich der Autor selbst nicht wieder. Ganz bewusst ist sein Protagonist im Vergleich eher klein, der Autor aber genau das Gegenteil. Nach den Ereignissen, die Takis Würger selbst als Mitglied im Pitt Club erlebte, kann ich verstehen, dass Hans nicht sein Alter-Ego sein soll. Unscheinbar soll Hans sein und dadurch ein bedeutungsloses Mitglied, wenn er denn unbedingt seiner Tante den Gefallen zu erfüllen hat. Erschreckend sind die eigenen Erfahrungen des Autors im Club, die er in die Handlungen seiner fiktiven Figuren einfließen lässt, doch sie stachelten meine Neugier an, darüber zu lesen und herauszufinden um welches Verbrechen es sich handelt, dass der Protagonist aufklären soll.

Für Hans ist die Zeit in Cambridge wichtig, um zu erkennen, wie weit er gehen kann, um ein Ziel zu erreichen. Takis Würger spielt mit unterschiedlichen Erzählperspektiven in seinem Roman, eine davon ist natürlich Hans, der seine Erlebnisse in der Ich-Form schildert. Auf diese Weise ist es auch möglich an seiner Gewissensbildung durch innere Auseinandersetzungen teilzuhaben.

„Der Club“ ist tiefgründig, geistreich und spannend geschrieben ohne zu moralisieren, obwohl er durchaus ein Plädoyer für ein faires Miteinander der Geschlechter und Gesellschaftsschichten ist. Mir hat das Buch sehr gut gefallen und gerne gebe ich hierfür eine Leseempfehlung.

-->