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Dienstag, 21. Juli 2026

Rezension: Tür auf für Dackel und Maus - Beim Einkaufen von Pe Grigo


Tür auf für Dackel und Maus - Beim Einkaufen
Autorin & Illustratorin: Pe Grigo
Pappbilderbuch: 20 Seiten
Erschienen am 21. Juli 2026
Verlag: Hanser
Link zur Buchseite des Verlags

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Dackel und Maus wollen Äpfel kaufen gehen und ziehen gemeinsam los. Sie sehen einen Laden und rufen laut „Bitte Tüüür aaauf!“ Doch im Laden stellt sich heraus: Hier gibt es gar keine Äpfel, dafür aber jede Menge anderer toller Sachen. Und dann ist auch noch die Maus verschwunden! Dieses Spiel wiederholt sich mehrere Male, bis die beiden Tiere endlich den Obst- und Gemüseladen gefunden haben.

Mein 18 Monate alter Sohn war bei diesem Buch direkt Feuer und Flamme. Mit großem Eifer öffnet er Dackel und Maus durch Umblättern immer wieder die Tür zum jeweiligen Laden. Wo sich die Maus überall versteckt hatte er schnell raus und tippt gleich begeistert auf das Versteck, wo mal eine Nase, mal ein Auge oder die Ohren hervorschauen. In den Läden gibt es viel zu Entdecken. Backwaren, Bücher, Spielzeug und schließlich Obst und Gemüse. Mein Sohn benennt fleißig die angebotenen Waren. Die liebevollen Illustrationen und die Mitmachelemente sorgen dafür, dass er das Buch immer wieder anschauen will und dabei großen Spaß hat. Sehr gerne empfehle ich das Buch an Kinder in ähnlichem Alter weiter!


Donnerstag, 2. Juli 2026

Rezension: Unerwünschte Töchter von Miriam Carbe


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Unerwünschte Töchter
Autorin: Miriam Carbe
Erscheinungsdatum: 28.05.2026
Verlag: Hanser (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Leseband
ISBN: 9783446287426
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In ihrem Roman „Unerwünschte Töchter“ spannt Miriam Carbe einen Bogen über vier Generationen ihrer Familie und beleuchtet das Leben ihrer Urgroßmutter Margarethe, ihrer Großmutter Marianne, ihrer Mutter Monika sowie ihre eigenen Kindheit. Entsprechend des Titels kamen sie jeweils zu einem Zeitpunkt zur Welt, der von ihren Müttern eher unpassend empfunden wurde.

Margarethe wurde Ende des 19. Jahrhunderts in Dresden, bereits drei Monate nach der Hochzeit ihrer Eltern in wohlhabende Verhältnisse hineingeboren und war bedauerlicherweise nicht der erwartete Sohn. Sie selbst gebar ihre Tochter Marianne 1914, nur wenige Tage bevor ihr Ehemann zum Kriegsdienst eingezogen wird und davon nicht zurückkehrte. Während des Zweiten Weltkriegs ist Marianne mit einem Offizier der Wehrmacht liiert, der zunächst im Innendienst eingesetzt wird, später jedoch an die Front versetzt wird und dort fällt. Zu diesem Zeitpunkt erwartet sie bereits Monika. 1967 kommt in dieser Kette der Mütter die Autorin zur Welt, gegen den Wunsch ihrer Großmutter und ihres Vaters.

Ein über die Generationen weitergereichter Kirschholzschrank ihrer Urgroßmutter, der sich heute im Besitz der Autorin befindet, erinnert sie an ihre Vorfahrinnen, deren Lebenswege den Roman inspiriert haben. Einst beherbergte er Bücher wechselnder Genres, die stets als Bereicherung der Lebensqualität galten sowie Dekorationsartikel. Heute bewahrt die Autorin darin jedoch einen besonderen Schatz auf: die Tagebücher und Notizen der Frauen ihrer Familie, die diese zahlreich hinterlassen haben und deren älteste Ausgabe Eintragungen von 1908 enthält. Sie haben darin Familienereignisse festgehalten oder einfach ihre Gedanken zu Themen, die sie gerade beschäftigten.

Miriam Carbe erzählt die familiären Geschehnisse in chronologischer Reihenfolge. Zwischen die historischen Kapitel fügt sie Abschnitte ein, in denen sie eigene Erinnerungen schildert und Kenntnisse, die auf den Aufzeichnungen der Vorfahrinnen basieren, aus denen sie immer wieder zitiert, was maßgeblich zur Authentizität des Romans beiträgt. Zeiträume, zu denen sich keine Hinweise in den Eintragungen finden, füllt sie mit Fiktion, was ihr hervorragend gelingt, da sich keine Brüche erkennen lassen. Um bestimmte Aspekte der gesellschaftspolitischen Entwicklung und deren Auswirkungen in die Erzählung einzubinden, erschafft sie fiktive Figuren, deren Lebensgeschichten sich ebenso nahtlos in die überlieferte Familiengeschichte einfügen.

Die Geschichte zeichnet zwischen den Zeilen die Entwicklung der Rolle der Frau über die Jahre hinweg ab. Sie zeigt allerdings auch, wie tief Konventionen prägen können, so dass sie an die nächste Generation weitergegeben werden, obwohl sie längst überholt sind. Die Vorfahrinnen der Autorin stellen sich auf ihre eigene Art und den ihn gegebenen Möglichkeiten gegen die ihnen auferlegten, gesellschaftlichen Erwartungen und erkämpfen sich gewisse Freiräume. Dennoch bleiben sie manchmal ihrer eigenen Meinung gegenüber Widerständen fest verhaftet.

Mit „Unerwünschte Töchter hat Miriam Carbe einen bewegenden Roman geschrieben, der Familiengeschichte, historische Fakten und Fiktion überzeugend miteinander verbindet. Die zitierten Tagebucheinträge machen die Schicksale der Vorfahrinnen der Autorin unmittelbar erfahrbar, so dass ein vielschichtiges Generationenporträt entsteht, das nachhallt. Sehr gerne empfehle ich das Buch weiter.

 

Samstag, 7. März 2026

Rezension: Deine Hand ist eine Sonne von Christina Naumann-Villemin und Géraldine Cosneau


Deine Hand ist eine Sonne
Autorin: Christine Naumann-Villemin
Illustratorin: Géraldine Cosneau
Übersetzerin: Saskia Heintz
Pappbilderbuch: 18 Seiten
Erschienen am 27. Januar 2026
Verlag: Hanser
Link zur Buchseite des Verlags

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Schon das fröhlich gelb-blaue Cover von „Deine Hand ist eine Sonne“ lädt Kinder zum Mitmachen ein. Auf insgesamt acht Doppelseiten verwandeln sich die Hände der Kinder in ganz verschiedene Dinge, zum Beispiel einen Baum, ein Huhn oder einen Schmetterling. Mit einem kurzen Text, der immer ähnlich aufgebaut ist, wird das Kind aufgefordert, die Hand auf den farbenfrohen Handabdruck zu legen und sich vorzustellen, dass sie gleichzeitig etwas anderes ist. Der Vorlesende macht dazu ein passendes Geräusch und gibt einen kurzen Impuls.

Das Buch regt Kinder zum Mitmachen ein und fördert auf gelungene Weise die Feinmotorik und die Vorstellungskraft. Mal muss die linke, mal die rechte Hand und mal beide Hände passend platziert werden, um sich zu verwandeln. Die kurzen Texte fungieren hier vor allem als Anleitung und Inspiration, der Fokus liegt auf der Interaktion mit den Bildern. Die kräftigen Farben gefallen mir sehr gut und es macht Spaß, sich die Bilder immer wieder anzuschauen. Mein Highlight ist die letzte Seite, auf der die Hände ein Herz formen und der Vorlesende eine kleine Liebeserklärung ans Kind abgeben darf. So eine schöne Idee für ein gelungenes Bilderbuch!


Samstag, 15. November 2025

Rezension: Essen von Alina Bronsky aus der Reihe Hanser Berlin Leben

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Essen (Reihe Hanser Berlin Leben)
Autorin: Alina Bronsky
Erscheinungsdatum: 16.09.2025
Verlag: Hanser Berlin (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN: 9783446281523
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In ihrem Essayband „Essen“ versammelt Alina Bronsky in zwölf Kapiteln Gerichte und Getränke, die für sie in besonderen Momenten ihres Lebens eine Rolle gespielt haben oder immer noch spielen. Im Prolog blickt sie auf die Bedeutung der Nahrung und des Geschmacks sowie auf die zahlreichen Phrasen in unserer Sprache, die darauf anspielen.

Mit den Speisen, die die Autorin beschreibt, verknüpft sie verschiedene private Erinnerungen. Es ergibt sich eine Art unterhaltsame Biografie. Zu Beginn der 1990er Jahre immigriert sie im jugendlichen Alter mit ihren Eltern aus der Nähe des Urals nach Hessen. Die Mahlzeiten lehren sie einiges über die Kultur der beiden Gegenden.

Die von Alina Bronsky beschriebenen Gerichte und Getränke sind durchweg nicht aufwendig gestaltet und doch aufgrund des persönlichen Charakters etwas Besonderes. Am Ende jeden Kapitels schildert die Autorin die Herstellung, die jeweils höchstens eineinhalb Seiten einnimmt. Auch in ihren Büchern wird häufiger gekocht und gemeinsam gegessen, so dass sich gelegentlich Hinweise auf ihre Romane finden. Immer wieder blitzt die feine Ironie durch, die ihrem Schreibstil eigen ist und sorgt für einen amüsanten Unterton.

Das beschriebene Essen weckte auch bei mir Erinnerungen und den Wunsch, die Rezepte zu erproben. In einem Epilog geht die Autorin darauf ein, dass ein Gericht für Andere eine ganz verschiedene Rolle im Leben einnehmen kann als für sie. Während der Ideen- und Schreibphase wurde sie mit zahlreichen Ideen mit Anregungen über Nahrungsmitteln aus ihrem Umkreis geflutet über die sie schreiben könnte.

Vor allem aufgrund der persönlichen Perspektive auf die beschriebenen Gerichte und Getränke fand ich das Buch „Essen“ von Alina Bronsky aus der Serie „Leben“ des Verlags Hanser Berlin besonders lesenswert. Ich empfehle es gerne weiter.

Donnerstag, 28. August 2025

Rezension: Gym von Verena Kessler

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Gym
Autorin: Verena Keßler
Erscheinungsdatum: 19.08.2025
Verlag: Hanser Berlin (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN: 9783446281639

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Die 36-jährige Protagonistin des Romans „Gym“ von Verena Kessler benötigt unbedingt die Tätigkeit als Tresenkraft im Fitnessstudio, für die sie beim Besitzer vorspricht. Zwei Gründe, warum es unbedingt dieser Job sein soll, finden sich auf den ersten Seiten, aber der mit ihrer Vergangenheit zusammenhängende wichtigste Grund wird zunächst nur angedeutet. Beim Bewerbungsgespräch stellt sich heraus, dass sie mit ihrem schludrigen Aussehen und der fülligen Figur nicht dem Bild entspricht, welches der Inhaber des Studios sich von seiner Angestellten im Gym vorstellt. Kurzerhand erklärt sie ihm, dass sie erst vor drei Monaten ein Kind bekommen hat. Mit viel Verständnis für ihre momentane Situation stellt er sie ein

Das Fitnessstudio ist nicht nur mit den modernster Ausstattung, sondern auch mit frisch zubereitete Vitaminshakes und makelloser Sauberkeit. Die Hauptfigur findet sich rasch in Arbeitsklima ein, wobei es ihr größtes Problem ist, die eigene Lüge aufrechtzuerhalten. Als Vick, eine mehrfache Europameisterin im Bodybuilding beginnt, im Gym zu trainieren, schlägt der anfängliche Neid der Protagonistin auf deren muskulöses Aussehen bald in Tatkraft um. Endlich hat sie nach langer Zeit wieder ein Ziel, auf das sie hinarbeiten kann. Parallel erfährt man mehr darüber, wie erfolgreich sie bei ihrer letzten Tätigkeit gewesen hin. Doch diesmal kann sie ihren Erfolg auch spüren und für jeden sichtbar machen.

Die Geschichte greift den heutigen Drang auf, das eigene Äußere einem in den sozialen Medien propagierten Schönheitsideal anzupassen. Von Beginn an zeigt sich auch in Ferhats Vorstellungen vom Erscheinungsbild seines Studios und seiner Angestellten, wie sehr auch er diesem Ideal verhaftet ist. Verena Keßler schafft abwechslungsreiche Figuren, deren Handeln immer wieder für amüsante Situationen sorgt. Die Hauptfigur steigert sich allmählich in eine Selbstoptimierung, die nicht nur die Spannung erzeugende Frage aufwirft, wie weit sie dabei gehen wird, sondern auch die Gefahr sichtbar macht, die darin liegt, stets die Beste sein zu wollen.  

Verena Keßler schreibt in ihrem Roman „Gym“ über die zahlreichen Erwartungen der heutigen Gesellschaft, die dem Einzelnen nicht nur im Beruf ständig zu optimierende Ziele auferlegt, sondern dabei von jedem verlangt, auch sich selbst als fit, leistungsfähig und attraktiv zu präsentieren. Sehr gerne vergebe ich eine Leseempfehung für diesen bestechend pointierten, aber auch humorvollen Roman.

Freitag, 1. August 2025

Rezension: Onigiri von Yuko Kuhn


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Onigiri
Autorin: Yuko Kuhn
Erscheinungsdatum: 22.07.2025
Verlag: Hanser Berlin (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN: 9783446283114
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In ihrem Debütroman „Onigiri“ (dt: Reisbällchen nach japanischem Rezept) erzählt Yuko Kuhn die fiktive Geschichte von Aki und ihrer Familie. Aki ist um die vierzig, verheiratet und Mutter von drei Kindern. Ihr Vater ist Deutscher, ihre Mutter Keiko wurde in Japan geboren und ist dort aufgewachsen. Keiko vergisst zunehmend Dinge, weswegen sie seit geraumer Zeit in einem Wohnstift lebt. Die Nachricht vom Tod ihrer über hundert Jahre alten Großmutter in Japan erreicht Aki spät, weil der Kontakt zur mütterlichen Verwandtschaft inzwischen abgebrochen ist. Doch Aki hat Fragen. Zwar war sie einige Male in der Heimat ihrer Mutter und kennt die Umstände, unter denen diese einst als Lehrerin nach Deutschland gekommen ist. Dennoch versteht sie nicht ganz, wieso Keiko so ist wie sie ist. Sie schlägt ihr eine mehrtägige Reise zum Bruder nach Kobe vor auf der sie sie begleiten möchte.

Der Roman besteht zu einem großen Teil aus Erinnerungen von Aki. Sie schildert Szenen aus ihrer Kindheit und Jugend, die sich nicht nur in ihrem Elternhaus abspielen, sondern auch im Haus der Großmutter in Japan und bei den deutschen Großeltern. Die Liebesgeschichte ihrer Eltern findet ebenfalls ihren Platz, soweit Keiko ihr davon erzählt hat. Die Ehe scheiterte nach einigen Jahren und Aki blieb bei ihrer Mutter. Aki erinnert sich auch an die Schilderungen ihrer Eltern über die eigene Jugendzeit.

Feinsinnig arbeitet Yuko Kuhn aus dem Mosaik dieser Rückblicke kulturelle Unterschiede zwischen Deutschen und Japanern heraus. Auch ihre Wurzeln liegen in Japan, wodurch sie eigene Erfahrungen einbringen kann. Die Verwendung von japanischen Begriffen, von denen die meisten in einem Glossar am Buchende übersetzt werden, tragen zu einer authentische Atmosphäre bei. Zudem wird deutlich, welche hohen Erwartungen ein Elternhaus an ein Kind stellen kann und welche inneren Konflikte und Herausforderungen dadurch bei der persönlichen Zukunftsgestaltung möglich sind..

Die Autorin zeigt verschiedene Ausdrucksformen von Liebe, die sich nicht immer in Gesten und Worten äußern. Dadurch wirkt der Roman stellenweise zurückhaltend, aber gerade darin liegt seine Tiefe. Auf ihrer gemeinsamen Reise nach Japan finden Keiko und Aki eine besondere Verbindung zueinander.

Das Debüt „Onigiri“ von Yuko Kuhn erfordert aufmerksames Lesen, denn Akis Erinnerungen sind nicht chronologisch geordnet, sondern setzen sich wie Puzzlestücke zum größeren Bild zusammen. Wer sich darauf einlässt, wird mit einer berührenden Geschichte belohnt, die sich zwischen zwei Kulturen bewegt und die Welten schildert, in denen Aki lebt: ihre eigene, die ihrer Mutter und die gegensätzliche der beiden Großelternpaare. Sehr gerne vergebe ich eine Leseempfehlung für diesen interessanten, einfühlsam geschriebenen Roman. 

Dienstag, 20. Mai 2025

Rezension: Richtig anders - anders richtig: Selbstbewusst neurodivergent von Kathrin Köller und Irmela Schautz

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Richtig anders - anders richtig: Selbstbewusst neurodivergent
Autorinnen: Kathrin Köller und Irmela Schautz,
illustriert von Irmela Schautz und gestaltet von Svenja von Döhlen (Formdusche)
Erscheinungsdatum: 15.04.2025
Verlag: Hanser (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Klappenbroschur
ISBN: 9783446279780

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In ihrem Buch „Richtig anders – anders richtig“ beschreiben die Autorinnen Kathrin Köller und Irmela Schautz den Kosmos der Neurodiversität, die die Vielfalt unserer Gehirne widerspiegelt. Jeder Mensch ist einzigartig und darum kann er nicht neurodivers sein, sondern ist ein Neurotyp, der im Vergleich mit anderen die Verschiedenartigkeit zeigt. Unsere Gesellschaft misst den Personen grundsätzlich an einer Mehrheit. Wessen Gehirn anders funktioniert, ist neurodivergent. Die Autorinnen widmen sich in drei Kapiteln den großen Abweichlern, die sogar in den beiden Krankheitskatalogen aufgeführt sind: ADHS, Legasthenie sowie Dyskalkulie und Autismus. Weitere Formen, am Rande des neurodivergenten Spektrums sind Synästhesie, Dyspraxie, Bipolarität und Hochsensibilität. Sie werden kurz erklärt, aber nicht weiter ausgeführt.

Kathrin Köller und Irmela Schautz möchten betroffene Menschen mit ihren Ausführungen stärken und ihnen zu mehr Selbstbewusstsein verhelfen, unter anderem, damit sie offen mit ihrer Neurodivergenz umgehen. Zugleich richten sich ihre Beiträge an all jene, die bisher wenig oder gar nichts über neurologische Störungen gehört haben. In der Gesellschaft kursieren viele Vorurteile, die durch das hier vermittelte fundierte Wissen abgebaut werden können. Eine Diagnose kann erleichternd sein, führt jedoch leider noch immer viel zu oft zur Stigmatisierung.

Niemand sollte sich zurückziehen, betonen die Autorinnen, wenn er denkt, dass er anders als der Durchschnitt ist. Sie heben hervor, dass es wichtig ist, sich professionelle Hilfe zu suchen, um die Unterstützung zu erfahren, die möglich ist. Verschweigen kann zu einer Abwärtsspirale führen. Es ist eine Gratwanderung zwischen den Konnotationen „einfach nur anders“ und „behindert“, was benötigte Therapie und Nachhilfe bereitstellt. Die jeweiligen Störungen sind komplex und für jede und jeden muss eine individuelle Hilfe gefunden werden.

In den Texten, die mit dem Button „Hero“, „Voices“, „Interviews“ oder „Porträt“ gekennzeichnet sind, werden Betroffene mal kürzer, mal länger vorgestellt oder kommen selbst zu Wort. Zahlreiche farbige Illustrationen verdeutlichen das im Text Beschriebene und sprechen bereits eine jüngere Leserschaft an. Das Buch ist ab elf Jahren konzipiert. Ich empfehle es auch Erwachsenen, sich mit den Begrifflichkeiten auseinanderzusetzen und dabei mehr über Neurodivergenzen zu erfahren.


Montag, 24. Februar 2025

Rezension: Der große Riss von Cristina Henríquez

 

Rezension von Ingrid Eßer

Titel Der große Riss
Autorin: Cristina Henríquez
Erscheinungsdatum: 18.02.2025
Verlag: Hanser (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Leseband)
ISBN: 9783446282513

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Der Roman „Der große Riss“ von der US-Amerikanerin Cristina Henriquez basiert auf dem Bau des Panamakanals als Hintergrundthema. Mit dem Titel wird aber nicht die Tatsache angesprochen, dass die künstliche Wasserstraße das Land förmlich zweigeteilt hat. Vielmehr ist hiermit die Spaltung der Gesellschaft in Hinsicht auf Status, Hautfarbe, Sprache und Geschlecht während des Baus am Kanal gemeint. Die Autorin hat dazu einige Figuren geschaffen, die sie geschickt zueinander in Verbindung bringt, um die gesellschaftlichen Verhältnisse zur damaligen Zeit zu verdeutlichen.

Francisco ist ein älterer Fischer, der seinen Beruf aus Überzeugung ausübt und mit seinem erwachsenen Sohn Omar an der pazifischen Küste lebt. Omar hat entschieden, sich als Arbeiter am Kanalbau zu beteiligen, was bei seinem Vater auf Unverständnis stößt. Die 16-jährige Ada aus Barbados hat ohne das Wissen ihrer Mutter Lucille ein Postschiff an die Atlantikküste bestiegen. In Panama möchte sie sich eine Arbeit suchen, um genügend Geld für eine dringend benötigte Operation ihrer Schwester Millicent zu verdienen.

Eine Weile vor Ada sind bereits John und Marian Oswald aus Tennessee in Panama eingetroffen. Während John einem Ruf als Erforscher der Malaria gefolgt ist, hatte die studierte Botanikerin Marian während ihrer Ehe nie die Möglichkeit in ihrem Beruf zu arbeiten. Das ändert sich auch in der neuen Heimat nicht. Die Frau des Fischhändlers Joaquín, an den Francisco seine Ware liefert, stammt aus der Stadt Gatún, das dem Kanal weichen und ans gegenüberliegende Ufer umgesiedelt werden soll. An der Seite seiner Frau versucht er die Öffentlichkeit auf die Sorgen der Einwohner aufmerksam zu machen.

Die Protagonistinnen und Protagonisten erleben Freud und Leid in teils parallel ablaufenden Handlungen, die mit Ausnahme des Epilogs im Jahr 1907 spielen. Die Autorin bringt zum Ausdruck, dass Francisco frei in seiner Tätigkeit als Fischer ist, wohingegen sich Omar den Ansprüchen eines Vorarbeiter in Bezug auf die Arbeitsleistung zu beugen hat. Allein aufgrund der Nuancen der Hautfarbe wird die Arbeiterschaft in diejenigen aufgesplittet, die in Silber oder in Gold entlohnt werden. In den Geschäften sind entsprechende Bereiche abgetrennt und auch bei der medizinischen Versorgung gibt es eine entsprechende Aufteilung.

Anhand von Marian stellt die Cristina Henriquez die typische Rolle einer Frau in der gehobenen Gesellschaft dar. Dahingegen hat die gewerbslose Frau des Fischhändlers einen größeren Handlungsspielraum, wobei dieser durch die große Zuneigung ihres Ehemanns nicht nur geduldet, sondern auch unterstützt wird. Die Geschichte erzählt wenig vom Fortschritt der Arbeiten am Kanal. Stattdessen erweitert die Autorin die auf wenigen Monaten basierende Handlung durch die Erzählung der Schicksale ihrer Figuren, bei denen sie über Landesgrenzen hinweg auf deren Vergangenheit schaut.

Cristina Henriquez erzählt in ihrem Roman „Der große Riss“, in dem es gefühlt ständig regnet, von den Menschen, die auf verschiedene Weise durch den Bau des Panamakanals betroffen waren. Anhand der Charaktere spiegelt sie Licht und Schatten des gesellschaftlichen Klimas wider, zeigt aber ebenso ein Stück des Alltags der Personen mit Höhen und Tiefen. Gerne empfehle ich das Buch weiter.


Freitag, 21. Februar 2025

Rezension: Mickey und Arlo von Morgan Dick

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Mickey und Arlo
Autorin: Morgan Dick
Übersetzerin aus dem Englischen: Wibke Kuhn
Erscheinungsdatum: 18.02.2024
Verlag: hanserblau (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN: 9783446281097
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Michelle Morris, die Mickey gerufen wird, ist 33 Jahre alt und Vorschullehrerin. Nachdem sich ihre Eltern vor langer Zeit getrennt haben, hat sie den Mädchennamen ihrer Mutter angenommen. Charlotte Kowalski, genannt Arlo, ist 25 Jahre alt und Psychologin. Die beiden sind Halbschwestern, ohne dass sie sich je kennengelernt haben. In ihrem Debütroman „Mickey und Arlo“ macht die Kanadierin Morgan Dick sie zu ihren Protagonistinnen. Die Covergestaltung in Rotorange mit grün ist lebhaft und verströmt Freude und Energie. Die zwei Frauen neben der Tür drücken Abweisung aus. Beides spiegelt die Charakteristik des Romans in Teilen wider.

Als der Vater von Mickey und Arlo stirbt, überbringt der Anwalt Tom Samson als Erbverwalter der älteren Tochter die Nachricht, dass sie mehrere Millionen Dollar erhalten wird. Daran ist die Bedingung gebunden, dass sie sieben Psychotherapiestunden absolviert. Damit möchte der Vater sicherstellen, dass Mickey ihre Probleme aufarbeitet, die er dadurch entstanden glaubt, dass er die Familie verlassen hat. Mickey sucht sich eine Praxis und beginnt ihre Therapie bei der dort angestellten Arlo. Die Frauen wissen zu Beginn der Behandlungsstunden nicht, dass sie verwandt sind. Im Gegensatz zu ihrer Schwester erbt die Psychologin kein Geld, obwohl sie ihren Vater aufopferungsvoll bis zum Ende gepflegt hat. Beiden ist nicht bewusst, dass jede von ihnen viel größere Sorgen hat als das Ableben des Vaters.

Morgan Dick schlägt in ihrem Roman zunächst heitere Töne an, wenn Mickey darüber nachdenkt, ob und wann sie Alkohol konsumieren kann. Eine bestimmte Begebenheit in der Vorschule, in der sie unterrichtet, bringt ihr berufliche Probleme ein. Sie hält sich für emotional gefestigt genug, um damit allein klarzukommen, denn sie glaubt, dass sie von früheren Therapien immer noch profitiert. Auch Arlo hat Sorgen im Beruf. Genau wie ihre Schwester weigert sie sich, Hilfe zu suchen, um den Konflikt aufzuarbeiten, weil sie sich durch ihre Ausbildung für belastbar hält.

In der Erzählung kommt es immer wieder zu amüsanten Situationen, die auch mal über die Strenge schlagen. Demgegenüber stehen die schmerzlichen Empfindungen der Schwestern, die jedoch zunehmend selbst reflektieren und sich für die Meinung von anderen öffnen. Obwohl beide den Tod des Vaters auf verschiedene Weise verarbeiten, lernen sie im Laufe dieses Prozesses schöne als auch belastende Erinnerungen zuzulassen.

„Mickey und Arlo“ von Morgan Dick ist ein Roman, der sich mit Tiefgang dem Thema des Alkoholismus widmet. Genauso wie es oft in der Realität geschieht, wird das Problem immer wieder überspielt. Gleichzeitig zeigt die Geschichte die unterschiedlichen Möglichkeiten, sich mit der Verarbeitung des Tods einer nahestehenden Person auseinanderzusetzen. Dennoch gibt die Autorin durch vergnügliche Momente den Schilderungen eine gewisse Leichtigkeit. Gerne vergebe ich eine Leseempfehlung. 


Dienstag, 18. Februar 2025

Rezension: Achtzehnter Stock von Sara Gmuer

 


Achtzehnter Stock
Autorin: Sara Gmuer
Hardcover: 224 Seiten
Erschienen am 18. Februar 2025
Verlag: hanserblau
Link zur Buchseite des Verlags

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Wanda lebt gemeinsam mit ihrer fünfjährigen Tochter Karlie in einem Berliner Plattenbau im achtzehnten Stock. Sie ist Schauspielerin, doch ihr letztes Engagement, ein Werbedreh, liegt schon eine ganze Weile zurück. Voller Ehrgeiz besucht sie dennoch ein Casting nach dem anderen, immer mit dem großen Ziel vor Augen, es aus der Platte herauszuschaffen und sich ein neues Leben aufzubauen. Doch ausgerechnet als eine Rolle für sie zum Greifen nah ist, wird Karlie schwer krank. Kann Wanda ihr Leben als alleinerziehende Mutter mit dem einer Schauspielerin verbinden, um ihren Traum zu verwirklichen?

Gleich zu Beginn des Romans steht Wanda vor einem ersten Dilemma: Eigentlich hätte sie ein Casting, doch ihre Tochter hat Schnupfen. Unterstützung in der Betreuung erhält sie gelegentlich von der Mutter von Karlies Freundin Aylin, die ebenfalls im Haus wohnt, doch Wanda möchte sie nicht ständig fragen. Ein Kontakt zu Karlies Erzeuger, der eine neue Familie hat, kommt für Wanda nicht in Frage. Der Spagat zwischen der Kinderbetreuung und Wandas Versuchen, Karriere zu machen, zieht sich als großes Thema durch das gesamte Buch und zeigt die Zerreißprobe, der sich alleinerziehende Mütter jeden Tag stellen.

Da der gesamte Roman aus der Ich-Perspektive geschrieben ist, erhielt ich schnell einen guten Eindruck von Wanda: Sie sieht ihre Lebens- und Wohnsituation als etwas Vorübergehendes an, die sie mit dem Durchbruch als Schauspielerin hinter sich lassen wird. Die anderen Frauen im Haus, mit denen sie Kontakt hat, belächeln sie nur für ihre großen Pläne. Da ist Aylins Mama, deren Namen Wanda nicht zu kennen scheint und die von Hartz IV lebt, die mit Zwillingen schwangere Ming, deren Partner sie aufgrund seiner Rentenpunkte nicht heiraten will sowie Esther, die für sehr wenig Geld sehr viel arbeitet.

Karlies schwere Erkrankung nimmt vor allem in der ersten Buchhälfte überraschend viel Raum ein, bevor es schließlich mehr um die im Klappentext angekündigte, einmalige Chance geht, die Wanda erhält. Sie taucht in eine Welt ein, in der Geld keine Rolle spielt, gute Kontakte das Wichtigste sind und wenige mächtige Persönlichkeiten über die Schicksale vieler entscheiden. Mit gemischten Gefühlen beobachtete ich, was diese Erlebnisse mit Wanda machen. Bald kann sie die Schattenseiten ihres neues Lebens nicht mehr ignorieren und ich war gespannt, zu welchen Entscheidungen sie das bringen wird.

„Achtzehnter Stock“ dreht sich um den Spagat zwischen Kinderbetreuung und Selbstverwirklichung, das Aufeinandertreffen verschiedener sozialer Schichten, die Kraft von mehr oder weniger freiwilligen Freundschaften, der Suche nach einem Ort zum Ankommen und die Frage, ob die Erfüllung eines Traums wirklich so traumhaft ist wie angekommen. Ein kraftvoller Roman, der schnell gelesen ist und doch lange nachhallt.

Donnerstag, 30. Januar 2025

Rezension: Halbe Leben von Susanne Gregor

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Halbe Leben
Autorin: Susanne Gregor
Erscheinungsdatum: 28.01.2025
Verlag: Zsolnay (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN: 9783552075665
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Zwei Frauen befinden sich auf einer Wanderung. An einer steilen Böschung stürzt eine von ihnen ab und verstirbt im Krankenwagen. So beginnt der Roman „Halbe Leben“ von Susanne Gregor. Der Anfang lässt eine hintergründige Spannung aufkommen. Als Leserin fragte ich mich, ob ein Motiv für ein Verbrechen vorliegt, ob es ein Unfall war oder die Tote den Schritt in den Abgrund bewusst gesetzt hat.

Eine der beiden Frauen auf der Wanderung ist die in Österreich im Kremstal lebende Klara. Sie ist von Beruf Architektin, verheiratet und hat eine elfjährige Tochter. Ihre Mutter Irene bewohnt nach einem Schlaganfall eine Einliegerwohnung im ersten Stock ihres Hauses. Weil Klara mit der Betreuung überfordert ist, beschließt sie sich an eine Agentur zu wenden, die ihr die Pflegerin Paulina und den Pfleger Radek vermittelt. Im ständigen Wechsel von vierzehn Tagen kümmern die beiden sich fortan um Irene.

Paulina war ebenfalls bei dem Wanderausflug dabei. Sie ist gelernte Krankenschwester, geschieden und lebt mit ihren zwei Söhnen in Slowenien. Mit ihrer Arbeit im Nachbarland kann sie mehr verdienen als auf einer Krankenstation in der Heimat. Ihre Schwiegermutter kümmert sich um die Jungen, während sie ihrem Beruf nachgeht. Im Laufe der Zeit merkt sie, dass ihre „halben Leben“ gemeinsam kein ganzes mehr ergeben.

Die Pflege von Irene durch Paulina erscheint zunächst als eine gute Lösung für beide Frauen. Die Slowenin ist bei Klaras Familie beliebter als Radek, weil sie in größerem Maße auf Irenes Wünsche eingeht. Nachdem Klara durch die Unterstützung deutlich entlastet wird, kann sie sich beruflich wieder mehr engagieren. Gelegentlich bitten sie und ihr Mann die Pflegerin um eine zusätzliche Gefälligkeit und entgelten sie dafür gut.

Paulina kommt der Bitte ihrer Arbeitgeberin um eine weitere Hilfeleistung scheinbar willig entgegen. Es kostet sie aber wertvolle Zeit, die sie nicht mit ihren Kindern verbringen kann. Um ihr Problem zu kommunizieren, fehlen ihr die Worte. Klara hingegen besitzt nicht genügend Einfühlungsvermögen, sich in die Gefühlswelt der Pflegekraft einzudenken. Sie erahnt nicht den Bedarf der Söhne Paulinas an Zuwendung durch ihre Mutter, obwohl sie doch selbst eine Tochter hat.

Weder Klaras Mann, der über genügend Freiräume verfügt, noch Paulinas geschiedener Mann bieten der Slowenin Unterstützung dabei, ihrer Tätigkeit als Pflegerin nachzukommen. Sowohl Klara wie auch Paulina können auf ihre je eigene Weise nicht die Anerkennung finden, die sie gerne hätten. Ungesagte Worte und der innere Zwiespalt beider Frauen führen zu einer zunehmend gereizten Stimmung in deren Umfeld. Bis in die Nebenfiguren hinein sind die handelnden Personen gut ausgearbeitet.

Im Roman „Halbe Leben“ thematisiert Susanne Gregor die Care-Arbeit. Sie nimmt sich speziell der Situation von ausländischen Pflegekräften an, die jeweils für einen gewissen Zeitraum beim Betreuungsbedürftigen wohnen. Ihre Geschichte überzeugt durch eine realitätsnahe Darstellung, stimmt nachdenklich und bleibt im Gedächtnis. Sehr gerne vergebe ich für diese bewegende Erzählung eine klare Leseempfehlung.

Dienstag, 28. Januar 2025

Rezension: Baskerville Hall: Das geheimnisvolle Internat der besonderen Talente - Das Zeichen der Fünf von Ali Standish


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Baskerville Hall: Das geheimnisvolle Internat der besonderen Talente
Band 2: Das Zeichen der Fünf
Autorin: Ali Standish
Übersetzerinnen aus dem Englischen: Sandra Knuffinke und Jessika Komina
Erscheinungsdatum: 28.01.2025
Verlag: Hanser (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover
ISBN: 9783446279803
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Im Jugendbuch „Baskerville Halle – Das Zeichen der Fünf“ der US-Amerikanerin Ali Standish kehrt der schottische Protagonist Arthur Doyle nach den Weihnachtsferien zurück in das titelgebende Internat. Auf seiner Hinreise wird er beschattet, denn sein Lehrer und Vorbild Sherlock Holmes sorgt sich um seine Sicherheit. Anlass dazu gibt die Einmischung von Arthur in die Machenschaften des Grünen Ritters über die man im ersten Band der Reihe „Das geheimnisvolle Internat der besonderen Talente“ lesen konnte.

Durch ein belauschtes Gespräch erfährt Arthur, dass der legendäre „Club des Kleeblatts“ wieder aufleben soll, deren Mitglieder ihm nicht wohlgesinnt sind. Aufgrund bestimmter Anzeichen beginnt er, seinem Freund und Zimmergenossen Jimmy zu misstrauen. Die folgende Zeit wird daher schwierig für ihn, denn er überlegt einmal mehr, mit wem er seine scharfsinnigen Beobachtungen teilen kann, die er mit detektivischem Spürsinn anstellt. Im Laufe der Geschichte erkennt er, wie wichtig Freundschaften für ihn sind. Sein eigenes Verhalten hinterfragt er, woraufhin er sich vornimmt, seinen Gefährten mehr Verantwortung zuzutrauen.

Für die Erstklässler, zu denen Arthur gehört, steht der Ideenwettbewerb der Schule an. Innerhalb weniger Wochen soll jede und jeder ein einzigartiges Projekt fertigstellen, das die Chance bietet, frühzeitig in einen der fünf Schulzirkel aufgenommen zu werden. Doch bevor Arthur dazu kommt, einen eigenen Beitrag zu entwickeln, geschieht etwas Unvorstellbares: Sherlock Holmes fällt aufgrund einer Vergiftung ins Koma. Bei der Suche nach dem Täter erweisen er und seine Freunde sich als tatkräftige Ermittler. Jedoch bleibt Sherlock Holmes nicht das einzige Opfer.

Bereits nach wenigen Seiten fühlte ich mich wieder in der Geschichte angekommen. Der Einstieg fiel mir leicht, auch weil mir die Hauptfiguren und die Örtlichkeiten des Internats durch den ersten Teil bekannt waren. Ali Standish versteht es, von Anfang an Spannung aufzubauen. Dadurch, dass Arthur observiert wird, wurde mir als Leserin deutlich, dass die Bedrohung, der Arthur vor den Ferien ausgesetzt war, längst nicht überwunden ist.

Auf dem Protagonisten lastet ein gewisser Druck, denn durch ein herausragendes Projekt und der vorzeitigen Einladung in einen der Schulzirkel könnte er seine Familie stolz machen. Aber zunehmend fühlt er sich einsam, denn seine Freundinnen und Freunde sind mit ihren eigenen Konzepten beschäftigt. Währenddessen versucht er die Identität des Grünen Ritters aufzudecken und hat bald eine Vermutung. Um an wichtige Informationen zu gelangen, handelt er nicht immer nach den Regeln der Schule.

Ali Standish lässt ganz im Stil der klassischen Sherlock-Holmes- Romane von Arthur Doyle, die für ihre Geschichte gestaltete junge Figur des Autors mehrfach durch logisches Denken Schlussfolgerungen ziehen, die entscheidende Hinweise zur Aufklärung von Verbrechen beitragen. Wie im ersten Band der Reihe wird es teilweise magisch und mysteriös. Einige der Figuren beschäftigen sich fasziniert mit dem Thema Unsterblichkeit, von denen eine schließlich in einer faszinierend geschilderten Szene das Leben verliert. Am Ende des Buchs findet sich ein Abriss über die eher unbekannten Seiten des Schriftstellers Arthur Conan Doyle, ergänzt um Fotos aus seinem Leben.

„Das Zeichen der Fünf“ ist der zweite Band der „Baskerville Hall“-Reihe von Ali Standish, der mir noch besser gefallen hat als der erste Teil. Neben einer spannenden Detektivgeschichte steht die Freundschaft des Protagonisten und seiner Gefährten im Vordergrund. Als Leserin war ich beeindruckt von den vorgestellten technischen Errungenschaften, die bereits im Jahr 1869 möglich waren. Sehr gerne vergebe ich eine Leseempfehlung und freue mich auf die Fortsetzung, die im Frühjahr 2026 erscheinen soll. Vom Verlag wird das Buch für ein Lesealter ab 10 Jahren empfohlen. 

Donnerstag, 9. Januar 2025

Rezension: Wackelkontakt von Wolf Haas

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Wackelkontakt
Autor: Wolf Haas
Erscheinungstermin: 09.01.2025
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Leseband
ISBN: 9783446282728

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Der Trauerredner Franz Escher wartet in seiner Wiener Wohnung auf den Elektriker, denn eine Steckdose in der Küche hat einen Wackelkontakt. In der Jetztzeit greift er zu seinem bereits begonnenen Buch, um das Warten mit Lesen zu überbrücken. Seit längerer Zeit nimmt er nur noch Geschichten zur Hand, in denen das organisierte Verbrechen agiert. Im aktuellen Roman sitzt der 22-jährige Protagonist Elio Russo im Jahr 2002 in Südkalabrien in einer Hochsicherheitszelle. Er wird bald ein neues Leben in einem Zeugenschutzprogramm beginnen. Es wird ihn über die Schweiz nach Duisburg und zu weiteren Städten führen. Von seinem Zellengenossen hat er ein Buch geschenkt bekommen, mit dem er sich die Zeit vertreibt. Es handelt von einer Person, die Escher heißt und auf den Elektriker wartet.

Wolf Haas hat mit „Wackelkontakt“ einen Roman geschrieben, der dem Titel alle Ehre macht. Die Geschichte bewegt sich auf zwei Erzählebenen ohne sichtbare Abgrenzungen hin und her. Sobald eine der Figuren zum Buch greift, wechselt das Szenario. Die Übergänge sind fließend, jedoch mit Cliffhangern. Mitunter erfolgen sie unerwartet und rasch. Die Benennung des Protagonisten Escher erfolgte mit Bezug auf den gleichnamigen niederländischen Künstler, der in seinen Bildern mit Perspektiven spielt. Bekannt wurde er beispielsweise für die Darstellung einer endlosen Treppe. Ähnlich kann sich der Lesende die Fiktion des Autors vorstellen.

Von Beginn an wird eine hintergründige Spannung in beiden Handlungssträngen aufgebaut. Einerseits durch ein Fehlverhalten, andererseits durch Familiengeheimnisse. Als Leserin hat mich die Erzählung fasziniert, sodass es mir schwerfiel, das Buch aus der Hand zu legen. Es untergliedert sich in die beiden Teile „Off“ und „On“. Der zweite Part beginnt, als eine Heimlichkeit aufgedeckt wird. Der Autor bedient sich einiger amüsanter Sprachspielereien. Escher ist einfühlsam, lebt aber recht zurückgezogen. Überlegungen beider Protagonisten zu ihrem früheren oder aktuellen Verhalten zu Familienangehörigen und ArbeitskollegInnen stimmen nachdenklich. Schuldgefühle wollen bewältigt werden. Es wirft sich die Frage auf, ob Fehlverhalten wieder gutzumachen ist.

In seinem Roman „Wackelkontakt“ spielt Wolf Haas mit erzählerischen Perspektiven und schafft dadurch ein einmaliges Werk. Er verwebt das Geschehen rund um zwei interessant gestalteten Protagonisten durch die Sollbruchstelle des Lesens. Einige unerwartete Wendungen sorgen für einen Lesesog, der zu einem Ende führt, das Fragen klärt und für einen überraschenden Abschluss sorgt. Sehr gerne vergebe ich eine Leseempfehlung.

Mittwoch, 11. Dezember 2024

Rezension: Rosa von Anne Cathrine Bomann

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Rosa
Autorin: Anne Cathrine Bomann
Übersetzerin aus dem Dänischen: Franziska Hüther
Erscheinungsdatum: 21.10.2024
Verlag hanserblau (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover
ISBN: 9783446281547
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Der Titel „Rosa“ auf dem orangefarbigen Cover des gleichnamigen Buchs von Anne Cathrine Bomann überrascht. Es ist der Name des Oktopus, dessen Pflege die Protagonistin Vigga bei ihrem Beschäftigungsverhältnis im Ozeaneum in Kastrup, einem Stadtteil einer Vorstadt von Kopenhagen, übernimmt. Dementsprechend ziert ein blauer Krake den Buchdeckel.

Vigga hat bisher nur in Jobs gearbeitet, die das Jobcenter ihr zugewiesen hat. Diesmal ist es eine halbjährige Tätigkeit im Aquarium, die ihr angeboten wird. Bereits zu Beginn ihrer Arbeit stellt sie sich die Frage, wie lange es dauert, bis sie kündigt oder gekündigt wird. Schnell ist sie gelangweilt, findet aber nicht aus dem Kokon, den sie selbst um sich herum gesponnen hat. Sie sucht das Alleinsein, denn dann kann niemand sie mit Worten verletzten. Inzwischen kommt sie besser mit dem Gefühl emotionaler Taubheit zurecht, das sie seit ihrer Kindheit begleitet.

Erst vor wenigen Jahren hat sie Freundschaft mit der etwa gleichaltrigen Maiken geschlossen. Die beiden sind nicht immer einer Meinung, aber sie respektieren sich in besonderem Maße. Sie lachen gemeinsam, gehen zusammen auf Reisen und sie besuchen verschiedene Aktivitäten. Während sie im Ozeaneum arbeitet, wird ihre beste Freundin schwanger. Vigga muss sich auf zukünftige neue Verhältnisse in der vertrauensvollen Beziehung einstellen. Gleichzeitig wird ihr an ihrer Arbeitsstelle die Betreuung des Oktopus Rosa übertragen. Feinfühlig beschäftigt sie sich mit der Lebensform der Kraken und versucht sich in Rosa einzudenken. Sie hinterfragt die Art und Weise der Unterbringung im Aqauarium hinter Schaugläsern. Durch Viggas Recherchen zu Tintenfischen erfuhr auch ich als Leserin einige interessante Details über Oktopusse.

Anne Cathrine Bomann gelingt es auf sensible Weise die Eigenwilligkeit ihrer Hauptfigur herauszustellen. Vigga ist immer wieder zurückgewiesen worden und war zahlreichen Konflikten ausgesetzt. Daher beobachtet sie andere Menschen, um sich deren Verhalten anzueignen und es selbst in ähnlichen Situationen zu zeigen. Kraken sind Einzelgänger, daher glaubt sie in Rosa etwas von ihrem eigenen Charakter wiederzufinden. Statt sich anzupassen, zeigt der Kraken seinen eigenen Willen bis zum Schluss und lässt sich von außen nicht beeinflussen. Für Vigga wird Rosa zum Antrieb, Neues auszuprobieren.

Mit dem einfühlsam geschriebenen Roman „Rosa“ zeigt Anne Cathrine Bomann, dass eine Veränderung jenseits der selbst gesetzten Grenzen gelingen kann. Gerne empfehle ich das Buch weiter.


Sonntag, 8. Dezember 2024

Rezension: Murdle Vol. 1 - 100 mörderisch gute Rätsel von G.T. Karber

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Murdle Vol. 1: 100 mörderisch gute Rätsel
Werde mit Köpfchen, Logik und klugem Kombinieren 
zum Meisterdetektiv
Autor: G.T. Karber
Übersetzer aus dem Englischen: Stephan Kleiner
Erscheinungsdatum: 22.07.2024
Verlag: hanserblau (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Paperback
ISBN: 9783446281554
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Das Buch Murdle Vol. 1 enthält einhundert Rätsel, die mit Logik und Kombinationsgabe gelöst werden können. Sie wurden von dem US-amerikanischen Autor Greg T. Karber erdacht. Er arbeitet als Informatiker und besitzt einen Studienabschluss sowohl in Mathematik wie auch englischer Literatur. Seine beiden Leidenschaften hat er in die Denkspiele einfließen lassen. Die Rätsel sind unterteilt in vier Kategorien mit jeweils Denksportaufgaben. Von „Elementar“ über „Okkultes Medium“, „Schwer gefährlich“ bis zu „Unmöglich“ steigert sich beständig der Schwierigkeitsgrad.

Zu Beginn des Buchs gibt es eine ausführliche Anleitung mit einem konkreten Beispiel. Alle Rätsel sind anhand der Indizien und Hinweise lösbar. Manchmal enthalten auch Beschreibungen der Verdächtigen, der Orte oder Waffen des Falls hilfreiche Angaben. Auch die sogenannten Anlagen vor jedem neuen Schwierigkeitsgrad sind beim Lösen nützlich. Greg T. Karber hat sich für sein Buch eine durchgehende Geschichte ausgedacht, in deren Mittelpunkt Deduktiv Logico steht. Vor jeder Kategorie und vor jedem Fall wird die Erzählung weitergeführt. Das ist unterhaltsam und amüsant, aber für die jeweilige Mordaufklärung belanglos. Wichtig ist es, dass Logico bei jedem Rätsel eine Mörderin oder einen Mörder überführen muss.

Im ersten Schwierigkeitsgrad erhält der Lösende Fakten über die bereits erwähnten potenziellen Täterinnen und Täter sowie über Orte, die für den jeweiligen Mord in Frage kommen Außerdem sind mögliche Waffen aufgeführt, mit denen das Verbrechen begangen wurde. Ein Gitternetz hilft dabei, zum Ergebnis zu kommen. Um die Rätsel schwieriger zu gestalten, kommen in der zweiten Kategorie Aussagen der Verdächtigen hinzu. Dabei ist zu beachten, dass nur die Mörderin oder der Mörder lügt. Anhand der Indizien ist also zu prüfen, welche Behauptung als einzige ins Schema passt. Der Schwierigkeitsgrad steigt erneut durch die Hinzunahme von Motiven für die Tat, so dass aus einem 3x9 Lösungsraster eines mit 6x16 Kästchen wird. Die höchste Schwierigkeit wird durch die Hinzunahme von Aussagen erreicht, wie es bei der zweiten Kategorie bereits geübt werden konnte.  

Wer bei einem der Denkspiele nicht weiterkommt, kann sich im Anhang einen Tipp holen. Außerdem enthält das Buch alle Lösungen. Die Murdles Volume 1 von G.T. Karber sorgen für etliche Stunden kniffligen Rätselvergnügens. Logisches Denkvermögen und Kombinationsgabe führen zur Beantwortung der Fragen: Wer hat die Tat begangen? Welche Waffe wurde benutzt? Und Wo war der Tatort?“ Ich mag solche Rätsel und kann sie jedem empfehlen.

Freitag, 29. November 2024

Rezension: Baskerville Hall - Das geheimnisvolle Internat der besonderen Talente von Ali Stanish

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Baskerville Hall - Das geheimnisvolle
Internat der besonderen Talente
Autorin: Ali Stanish
Übersetzerinnen aus dem Englischen: Sandra Knufinke und Jessika Komina
Erscheinungsdatum: 22.07.2024
Verlag: Hanser (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover
ISBN: 9783446279797

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Der Roman „Baskerville Hall – Das geheimnisvolle Internat der besonderen Talente“ nimmt Kinder ab 10 Jahre, Jugendliche und Erwachsene mit ins 19. Jahrhundert, genauer gesagt ins Jahr 1868. Die US-amerikanische Autorin Ali Standish hat für ihren fiktiven Protagonisten bewusst den Namen Arthur Doyle gewählt. Damit nimmt sie Bezug auf den Schriftsteller; der die Roman über den Detektiv Sherlock Holmes geschrieben hat. Nach dessen Freund Dr. John Watson ist ein Lehrer des Protagonisten benannt. In der Geschichte begegnet der Lesende noch mehr bekannten Namen aus den Büchern des berühmten Autors. Beispielsweise heißt Arthurs bester Freund James Moriarty und weitere Mitschülerinnen sind Mary Morstan und Irene Eagle.

Der neunjährige Arthur ist bisher in ärmlichen Verhältnissen in Edinburgh aufgewachsen. Er beschließt, sich eine Arbeit zu suchen, statt weiter zur Schule zu gehen. Doch dann erhält er eine Einladung dazu, bereits ab dem nächsten Tag das englische Internat Baskerville Hall zu besuchen. Es fallen für die Familie keine Kosten an. Er wundert sich zwar, aber seine Mutter ist begeistert. Die Unterrichtsmethoden der Schule sind unkonventionell. Leider findet Arthur nicht nur Freunde. Eines Tages erhält er ein mysteriöses Schreiben, dass ihn zu mehreren Prüfungen auffordert. Nach deren Bestehen würde er einer geheimen Vereinigung angehören, die dafür sorgt, dass ihre Mitglieder nach Abschluss der Schule erfolgreich im Berufsleben sind. Nach ersten Bedenken kann Arthur sich keine bessere Möglichkeit vorstellen, damit seine Familie stolz auf ihn ist.

In diesem Auftakt einer Reihe vermischt die Autorin klassische Elemente eines Detektivromans mit solchen, die man aus der Fantasy kennt. Es gibt ungewöhnliche Tiere, mysteriöse Figuren und einen Zeitreisefaktor. Immer wieder kommt es zu Situationen, in denen Arthurs Beobachtungsgabe und seine Logik gefragt sind. Dann schlussfolgert der Protagonist genauso wie sein Vorbild, nach dem Ali Standish ihn erdacht hat. Die Talente der Schule beschäftigen sich mit Technik, die für die 1860er Jahre fortschrittlich und zukunftsweisend ist. Arthur lernt viel Neues, dass auch für die Lesenden interessant ist.

Durch eine erste Szene, bei der Arthurs kluger Verstand gefragt ist, kommt direkt Spannung auf. Bei seinem Eintreffen im Internat lernt er zunächst seine Mitschülerinnen und Mitschüler sowie die Lehrenden kennen. Danach steigt die Spannungskurve erneut an und bleibt auf einem höheren Level bis zum Schluss. Arthur beteiligt sich an der Aufklärung eines Einbruchs und des mehrfachen Herunterfallens eines Gemäldes. Nicht immer handelt er konform mit den Schulregeln und manchmal bangt der Lesende darum, ob er vom Internat verwiesen wird.

Am Ende des Buchs gibt es außerhalb der Geschichte einen kurzen Abriss zum Leben des Schriftstellers Arthur Conan Doyle, dem sich Fotos und Zeichnungen seiner Person anschließen. Ein Cliffhanger am Schluss lässt mich ungeduldig auf den nächsten Band der Kinderbuchreihe warten, der Anfang 2025 erscheinen wird. Gerne empfehle ich diese abenteuerliche Detektivgeschichte mit mystischen Elementen weiter.

Dienstag, 26. März 2024

Rezension: Geordnete Verhältnisse von Lana Lux

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Geordnete Verhältnisse
Autorin: Lana Lux
Erscheinungsdatum: 19.02.2024
Verlag: Hanser Berlin (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN: 9783446279551
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In ihrem Roman „Geordnete Verhältnisse“ betrachtet Lana Lux die toxische Beziehung zwischen Philipp und seiner besten Freundin Faina. Die beiden lernen sich in der Schule kennen, nachdem Faina im Alter von zehn Jahren mit ihren Eltern aus der Ukraine ins Ruhrgebiet gezogen ist. Dagegen ist Philipp als Kind eine Weile bei Verwandten aufgewachsen, bevor er wieder bei seiner Mutter wohnen darf, die gegen ihren Alkoholismus ankämpft.

Philipp wird schnell wütend, manchmal schlägt er dann zu oder schreit. In der Freundschaft zu Faina findet er eine Aufgabe, denn er hilft ihr beim Deutschlernen und erklärt ihr deutsche Angewohnheiten. Durch Faina lernt er eine andere Mentalität kennen. Fünfzehn Jahre nach der ersten Begegnung wohnen Philipp und Faina zusammen, sind aber kein Paar. Philipp entwickelt keine Anziehung zu anderen Personen, fühlt sich jedoch auf besondere Weise mit seiner langjährigen Freundin verbunden. Doch nach einem Streit kommt es zum Bruch der Freundschaft und Faina zieht nach Berlin. Nach mehreren Jahren sucht sie verzweifelt die Nähe von Philipp, der sie wieder bei sich aufnimmt. Aber seine Hilfe fordert einen hohen Preis von Faina. 

Lana Lux erzählt den Beginn der Freundschaft zunächst aus der Sicht von Philipp. Erst als Faina nach ihrer Rückkehr aus Berlin Aufnahme bei ihrem besten Freund sucht, wechselt die Erzählperspektive zu ihr. Nach einem erneuten zeitlichen Sprung und einem erklärenden Kapitel, das beide in den Fokus nimmt, lässt die Autorin beide im Wechsel, den sich zuspitzenden Konflikt bis zum tragischen Ende erzählen.

Eine große Stärke der Autorin besteht in der Figurengestalten. Philipp ist ein verstörtes Kind, dessen größter Wunsch ein bester Freund ist. Er beharrt meist auf seiner Meinung, erweist sich als besitzergreifend und hält gern an Ritualen fest, die er sich ausgedacht hat. Fainas Verhalten ist zunächst von ihrer Herkunft beeinflusst. Da die Autorin selbst ukrainisch-jüdische Wurzeln hat, gelingt es ihr, diese authentisch darzustellen. Später versucht Faina sich aus den an sie gestellten Erwartungen zu befreien und zu einer eigenen Identität zu finden. Ohne die Interventionen ihrer Eltern und Philipps fühlt sie sich frei und lotet ihre Grenzen aus. Die Protagonisten entwickeln sich auf ihre Weise jeweils unerwartet weiter, was zu einem hohen Reiz des Weiterlesens führt.

In einem großen Bogen vom Kindes- zum Erwachsenenalter beschreibt Lana Lux tiefgründig und ergreifend die großen Gefühle ihrer Hauptfiguren, die zum Verständnis dessen beitragen, was zum Abschluss der Geschichte geschieht. Als Leserin spürte ich Wut und Verzweiflung ebenso wie Hoffnung und Zuneigung. Von Anfang an war die Beziehung von Philipp und Faina von dunklen Wolken umweht, die sich schließlich zu einem Gewittersturm auswuchsen.

Im Roman „Geordnete Verhältnisse“ konfrontiert Lana Lux den Lesenden mit starken Empfindungen, die für die beiden Protagonisten genauso erleichternd wie auch schmerzlich sein können. Es ist ein realistisch vorstellbares Szenario, das die Autorin beschreibt und für mich zu einem erschütternden, tief bewegenden Leseereignis führte. Sehr gerne vergebe ich eine Leseempfehlung.  


Dienstag, 20. Februar 2024

Rezension: Leuchtfeuer von Dani Shapiro

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Leuchtfeuer
Autorin Dani Shapiro 
Übersetzer(in): Ulrike Wasel und Klaus Timmermann
Erscheinungsdatum: 19.02.2024
Verlag: Hanserblau (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN: 9783446279353
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In ihrem Roman „Leuchtfeuer“ erzählt die US-Amerikanerin Dani Shapiro von dem Unfall der 17-jährigen Sarah und dem 15-jährigen Theo Wilf, der ihr Leben im Sommer des Jahr 1985 nachwirkend verändert. Das Unglück geschieht vor dem Haus der Eltern in der Vorstadt von New York City. Der Vater ist Arzt und eilt zu Hilfe, wobei er spontan handelt, was vermutlich unbedachte Konsequenzen nach sich zieht. Die Familie versucht zum Alltag zurückzukehren, doch jeder von ihnen weiß um seine Schuld, die nie vergehen wird.

Die Geschichte ist nicht chronologisch erzählt, sondern wechselt zwischen den Jahren 1985, 2010, 1999, 2020 und 2014. Am Ende des Buchs gibt es ein Kapitel im Jahr 1970, als die Familie Wilf in ihr Haus in der Vorstadt einzieht. Erst viele Jahre später bekommen sie mit der Familie Shenkman neue Nachbarn im gegenüberliegenden Haus. Sie ahnen beim Einzug noch nicht, wie sich ihre Lebenswege eines Tages kreuzen werden, denn als bei der Nachbarin am Ende des Jahrs 1999 die Wehen einsetzen, eilt Dr. Wilf ihr zur Hilfe. Er wird für den Sohn Waldo zum Geburtshelfer. Zu ihm wird er einige Jahre später eine besondere Beziehung entwickeln. Etwa ein Jahrzehnt später wird das Schicksal die beiden Nachbarsfamilien noch weiter miteinander verknüpfen.

Keines der Mitglieder der Familie Wilf kann den Unfall vergessen, obwohl die Eltern von Sarah und Theo versuchen, ihren Kindern eine gute Zukunft zu ermöglichen. Sarah studiert Film und Englisch und hat als Produzentin Erfolg. Sie heiratet und bekommt Zwillinge, doch innerlich ist sie nicht ausgeglichen. Sie drängt dazu, körperlichen Schmerz zu erfahren und verbirgt ihr Verlangen vor ihrer Familie. Theo bricht als Jugendlicher aus dem behüteten Elternhaus aus, verschwindet heimlich und begibt sich auf die Suche nach dem, was ihn erfüllen könnte. Seine Eltern freuen sich darüber, dass er sich nach einer Selbstfindungsphase als Koch selbständig macht.

Die Eltern von Waldo sind erfolgreich in ihren Berufen. Waldos Vater bietet seinem Sohn all das, was er sich als Kind gewünscht hat. Er kann nicht verstehen, dass Waldo in Bezug auf Beziehungen viel empfindsamer ist als er selbst und ein großes Faible für Astronomie entwickelt. Waldo weiß alles über den Weltraum, Planeten und Sterne. Er besitzt eine Observatoriums-App. Die Beschäftigung mit der Software schafft für ihn einen gedanklichen Rückzugsort vor den Ansprüchen, die seine Eltern und die Schule an ihn stellen.

Das Springen zwischen den verschiedenen Handlungszeitpunkten gestaltet den Roman interessant. Was unmittelbar nach dem Unfall passierte, hält die Autorin noch viele Seiten lang zurück. Es geschieht noch eine weiteres tragisches Ereignis, bei dem Dani Shapiro ebenfalls die Szene stückchenweise abwickelt, was nochmals zu einer Steigerung der latent vorhandenen Spannung führte. Die Erzählung berührt deshalb besonders, weil sie von Familien erzählt, wie es sie überall geben könnte und in die man sich als Lesende(r) gut einfühlen kann.

Dani Shapiro zeigt in ihrem Roman „Leuchtfeuer“, wie Entscheidungen zu ungeahnt weitreichenden Folgen führen können. Gerne vergebe ich eine Leseempfehlung für diese faszinierende, bewegende Geschichte, die nachhallt.


Montag, 19. Februar 2024

Rezension: Die Gemeinheit der Diebe von Alem Grabovac

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Die Gemeinheit der Diebe
Autor: Alem Grabovac
Erscheinungsdatum: 19.02.2024
Verlag: Hanserblau
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN: 9783446279384
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Alem Grabovac hat mit seinem Buch „Die Gemeinheit der Diebe“ eine Fortsetzung seines Debütromans „Das achte Kind“ geschrieben, das man aber auch eigenständig lesen kann, denn auch ich kannte das Debut nicht. Beide Bücher sind autofiktional geschrieben. Smilja, die leibliche Mutter des Autors entwickelte mit über 70 Jahren Wahnvorstellungen. In einem Gespräch mit ihrem Sohn wirft sie die Frage auf, was im Leben bleibt, das nie gelebt wurde. Der Autor versucht in Erinnerungen zu ergründen, wer die Lebenszeit der Mutter im übertragenen Sinn gestohlen hat. Sein eigenes Leben ist unweigerlich mit dem seiner Mutter verbunden, weswegen er auch von dem erzählt, was er selbst seit Kindertagen erlebt hat wie zum Beispiel das Ringen um die deutsche Staatsbürgerschaft, sein Studienaufenthalt in England und seine Reise nach Nordamerika.

Smilja will als Heranwachsende den ärmlichen Verhältnissen des kleinen kroatischen Dorfs, in dem sie aufwächst, entkommen. Sie bewirbt sich, während sie in Zagreb als Küchenhilfe arbeitet, auf eine Stellenanzeige in Würzburg und wird eingestellt. Damit beginnt ihr Leben in Deutschland, bei dem sie zunächst noch von weiteren Migrant(inn)en umgeben lebt. In einen von ihnen verliebt sie sich, heiratet ihn und wird bald darauf mit ihrem Sohn schwanger. Ihr Mann erweist sich als unzuverlässig, so dass sie selbst wieder arbeiten gehen will. Daher gibt sie ihren Sohn in Pflege und ist fortan für ihn eine Mutter am Wochenende und in den Ferien. Seither steht sie in einer Fabrik am Fließband und lässt nicht ab von ihrem großen Traum, für den sie ständig etwas von ihrem Lohn beiseitelegt.

Später hat sie einen neuen Partner, der das Mutter-Sohn-Verhältnis aufreibt. Ihrem Wunsch rückt sie Stück für Stück näher, doch verschiedenste Ängste begleiten sie auf ihrem Weg. Ihre Arbeit verschlingt Stunde um Stunde, so dass der Autor sich oft mehr Zeit mit ihr wünscht. Alem Grabovac vollzieht die Gründe der Entscheidungen seiner Mutter nach, die die Weichen in ihrem Leben gestellt haben. Smilja ist stolz auf ihren Sohn, auf sein Abitur und sein Studium. Doch dann überrascht er sie mit seiner Berufswahl.

Der Autor ist ein guter Beobachter, der in unprätentiösem Stil interessante, erzählenswerte Ereignisse aus seinem und dem Leben seiner Mutter beschreibt. Er drückt seine Empfindungen in bestimmten Situationen aus, was diese nachvollziehbar macht. Im Zusammenspiel seiner Erfahrungen mit seinem Wissen kann er den gesellschaftlichen Hintergrund der Migration in Deutschland mit dem anderer Länder vergleichen. Der offene Ton, den Alem Grabovac in seiner Geschichte anschlägt, ließ mich über Parallelen zu Lebenswegen von Migrant(inn)en in meinem Umfeld reflektieren.

Am Leben seiner aus Kroatien stammenden Mutter verdeutlicht Alem Grabovac, dass diese sich durch ihre Einwanderung in Deutschland ein Stück vom Glück erhoffte und über viele Schwierigkeiten hinweg nie darin nachließ, ihr Ziel aufzugeben. Es zeigt sich immer wieder, dass wir als Menschen die Folgen unseres Handelns nicht immer richtig einschätzen. Die Geschichte dieser schwierigen Beziehung zwischen Mutter und Sohn berührt und stimmt nachdenklich. Gerne empfehle ich das Buch weiter.


Samstag, 6. Januar 2024

Rezension: Eigentum von Wolf Haas

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Eigentum
Autor: Wolf Haas
Erscheinungsdatum: 04.09.2023
Verlag: Hanser
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN: 9783446278332

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Marianne Haas, die Mutter von Wolf Haas wohnt seit einigen Jahren in einem Seniorenheim. Sie ist 95 Jahre alt und, was ihr Sohn bei einem seiner Besuche im Jahr 2018 noch nicht weiß, wird nur noch drei Tage leben. Während sie ständig über die viele Arbeit, die kein Geld zum Sparen einbrachte, gestöhnt hat, erklärt sie ihm nun, dass es ihr gutgeht. Nach ihrem Tod ist es der Wunsch des Autors, dass er in den zwei Tagen bis zu ihrem Begräbnis ihr Leben nachvollzieht, um damit abzuschließen. Seine Erinnerungen hält er in dem Buch „Eigentum“ fest. Der Titel ergibt sich dadurch, dass die wenigen Quadratmeter der Grabstätte der erste eigene Besitz von Marianne Haas sein werden.

Anhand von memorierten Schilderungen seiner Mutter rekonstruiert Wolf Hass, wie Kindheit, Jugend, Ausbildung und frühe Ehejahre seiner Mutter sich ausgestaltet haben. Er lässt sie selbst als Ich-Erzählerin auftreten, wobei mancher Gedankengang nicht zu Ende läuft, sondern abbricht und neu ansetzt, Schleifen dreht oder in Wiederholung geht. Meine Vorstellung von ihr wurde dadurch klarer. Mundart hat er nur angedeutet, was dem Lesen zugutekommt. Marianne Haas war eine kluge Frau, die zum Arbeiten in einem Hotel in die Schweiz zog und einen großen Teil ihres Lohns nach Hause schickte. Die Gelegenheitsjobs ihres Mannes erlaubten es kaum, etwas zur Seite zu legen. Beim Lesen hatte ich das Gefühl, dass der Autor in seiner Kindheit wohlbehütet war.

Seine Mutter hatte bestimmte Eigenarten, die Wolf Haas nicht immer schätzte. Seine Schilderungen riefen bei mir eigene Erinnerungen wach. Das Verhältnis von Mutter und Sohn wirkt stellenweise distanziert, was aber dem früheren Erziehungsstil entspricht, der oft mit wenig Zärtlichkeiten auskam. Obwohl der Autor über seinen Sprachgebrauch Humor in seine Erzählung einbringt, überwiegen doch die schweren Zeiten der Mutter, die Krieg und Inflation erlebte.

Der Roman „Eigentum“ beschränkt sich auf die Rekonstruktion des Lebens seiner Mutter durch Wolf Haas, denn durch die späte Auseinandersetzung mit deren Vergangenheit bietet sich ihm keine Möglichkeit, die Mutter nach weiteren Details zu befragen. Bereits nach 157 Seiten ist das Buch ausgelesen. Ich hätte gerne noch weitere Einzelheiten erfahren, aber andererseits kommt die kurze Form dem Schreibstil des Autors entgegen. Gerne vergebe ich eine Leseempfehlung für diese Hommage von Wolf Haas an seine Mutter.

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