Mittwoch, 12. Dezember 2018

[Rezension] Die Tochter des Uhrmachers von Kate Morton


Rezension von Ingrid Eßer

*Werbung wegen Verlinkung*
Titel: Die Tochter des Uhrmachers
Autorin: Kate Morton
Übersetzerin: Charlotte Breuer
Erscheinungsdatum: 08.10.2018
Verlag: Diana (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Leseband
ISBN: 9783453291386
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„Die Tochter des Uhrmachers“ von Kate Morton handelt auf mehreren Zeitebenen. Die Handlung beginnt in Birchwood Manor, einem Landhaus in England. Anfangs ist noch nicht ersichtlich, dass es sich bei der Ich-Erzählerin um die Titelfigur handelt. Geheimnisvoll angehaucht ist ihre Andeutung der Geschehnisse des Sommers 1892 in dem eine Gruppe Künstler das Haus zum Malen und Dichten benutzte. Unerwartete Gäste trafen ein und ein Schuss wurde abgegeben. Den Grund für diese Handlung und wer sie ausgeführt hat wird erst nahezu am Ende des Buchs genannt.

In der Gegenwart entdeckt die 31-jährige Archivarin Elodie in einem Pappkarton, der jahrelang im Abstellraum gestanden hat, eine Aktentasche. Sie enthält neben anderen Dingen eine Dokumentenmappe, in der sich das Sepia-Foto einer jungen Frau findet. Außerdem enthält die Aktentasche ein Skizzenbuch aus dem ein Blatt Papier mit einer Liebesbekundung fällt. Eine Zeichnung im Buch fällt Elodie besonders ins Auge, ein Haus mit zwei Giebeln in der Nähe eines Flusses. Sie erinnert sich an eine Geschichte, die ihre verstorbene Mutter ihr als Kind erzählt hat, das darin vorkommende Haus entspricht genau der Zeichnung. Der Inhalt der Aktentasche geht Elodie nicht mehr aus dem Sinn. Hinter ihrer Neugier stehen sogar die Vorbereitungen zu ihrer Hochzeit zurück. Zu gerne möchte sie wissen, wer die Frau auf dem Foto ist und ob sie einen Bezug zu dem Haus in der Skizze hat. Außerdem ist es ihr wichtig zu erfahren, ob es die Landschaft aus der Geschichte ihrer Mutter tatsächlich gibt. Hat die Aktentasche einen Hinweis auf die Vergangenheit ihrer eigenen Familie enthalten?

Während Elodie sich anhand ihrer Entdeckungen auf die Suche nach Antworten begibt, springt die Geschichte immer wieder zu Birdie, der Tochter des Uhrmachers. Die Kapitel, in denen Birdie ihr spannendes Leben erzählt, sind mit römischen Zahlen getitelt, während über den Ereignissen in der Gegenwart arabische Ziffern stehen. Doch im Verlauf des Romans kommen weitere Zeitebenen hinzu. Charaktere, die zunächst nur eine Nebenrolle spielten, oder auch neue Figuren stehen dabei im Mittelpunkt. Ohne zu viel darüber preiszugeben, sei angedeutet, dass Birchwood Manor Ende des 19. Jahrhundert zu einem Mädchenpensionat wurde. Später zieht für einige Zeit ein Kunststudent ins Haus ein, der seine Doktorarbeit über den Maler Edward Radcliffe schreibt und im Zweiten Weltkrieg wird es zur Zuflucht für eine Witwe mit ihren Kindern.

Die Geschichte von Elodie verblasst, wenn Kate Morton sich immer mehr der Vergangenheit zuwendet. Dabei baut sie ihre Charaktere weiter aus und bindet sie in immer neue Abenteuer ein. Jede ihrer Figuren hat auf seine eigene Art Ecken und Kanten. Trauer und Freude sind mit Birchwood Manor verknüpft. Hier wird nicht nur gelebt, sondern auch gestorben und über allem liegt eine mysteriöse Legende. Die Autorin spinnt ihren Roman sehr geschickt, es dauert eine Weile bis sie ein Geheimnis preisgibt, dem sie sich auf unterschiedliche Weisen nähert und Motive für die jeweilige Handlung schildert. Allerdings zog sich die Geschichte dadurch im Mittelteil ein wenig. In einer ausdrucksstarken Sprache dreht der Roman sich immer wieder um Kunst und auch Poesie.

„Die Tochter des Uhrmachers“ zeigt wieder einmal die Stärke von Kate Morton als Geschichtenerzählerin. Die Verknüpfung unterschiedlicher Zeitebenen und Erzählperspektiven macht den Roman sehr abwechslungsreich und einzigartig. Über allem liegt ein Hauch von Magie. Mir hat das Buch gut gefallen und ich empfehle es an Leser von Familiengeschichten mit Geheimnissen, die gerne ihre Fantasie spielen lassen, weiter.

[Rezension] Die Dame in Gold von Valérie Trierweiler


Rezension von Ingrid Eßer

*Werbung wegen Verlinkung*

Titel: Die Dame in Gold (unabhängiger Band in der Reihe 
"Mutige Frauen zwischen Kunst und Liebe)

Autorin: Valérie Trierweiler
Übersetzerin: Beate Reitz
Erscheinungsdatum: 14.09.2018
Verlag: Aufbau Taschenbuch (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Klappenbroschur
ISBN: 9783746634494
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„Die Dame in Gold“ von der französischen Autorin Valérie Trierweiler beschreibt das Leben von Adele Bloch-Bauer, einer Muse des berühmten Malers Gustav Klimt, die in Wien lebte. Das Buch erscheint in der Serie „Mutige Frauen zwischen Kunst und Liebe“ des Aufbau Verlags. Bei der Umschlaggestaltung findet die Kunst Klimts Eingang in der Umrandung der oberen Hälfte des Covers. Der Roman führte mich in der Zeitgeschichte über einhundert Jahre zurück.

Adele Bloch-Bauer war glücklich mit einem Zuckerfabrikanten verheiratet. Sie verlor zwei ihrer Kinder bereits während der Schwangerschaft, eines sehr kurz nach der Geburt und blieb kinderlos. Das Paar führte einen Salon, in dem sich unter anderem Künstler aus Wien gerne trafen. Ihr Mann förderte einige von ihnen, darunter auch Gustav Klimt, dessen Stil er besonders mag und ihn daher darum bat, seine Frau zu porträtieren. In vielen Sitzungen, bei denen Gustav Klimt zunächst skizzierte und später dann auf seine ganz eigene Weise malte, sympathisierten er und Adele nicht nur miteinander, sondern kamen sich schließlich auch körperlich näher. Klimt gelingt es, Adele wieder Freude am Leben zu schenken und ihr Mut für die Zukunft zu geben.

Obwohl Adele von ihrem Mann geliebt und von Freunden und Familie geschätzt wird, lässt sie die fehlende Mutterrolle beinahe verzweifeln. Die räumliche Nähe zu den Kindern ihrer Schwester lässt sie neidisch sein. Den gesellschaftlichen Konventionen ihrer Zeit unterworfen gibt es für sie kein Entfliehen aus den an sie gestellten Erwartungen als Gattin eines Unternehmers. Durch die langen Gespräche mit Gustav Klimt lernt sie die Welt aus einer anderen Perspektive kennen. Ihr Bewusstsein öffnet sich für neue, moderne Ansichten. Sie fühlt sich ihm ebenbürtig und entwickelt dadurch mehr Selbstwertgefühl.

Das Ehepaar Bloch-Bauer spürt deutlich die Auswirkungen der geschichtlichen Entwicklungen vor allem die des ersten Weltkriegs. Valérie Trierweiler lässt Dank ihrer sehr guten Recherche die damalige Zeit realistisch wieder aufleben. Fehlende Fakten ergänzt sie durch ihre Fantasie. Mit viel Einfühlungsvermögen gibt die Autorin den Fakten hinter der historischen Figur nachvollziehbare Gefühle. Auf diese Weise konnte ich mir Adele sehr gut in ihrem Umfeld vorstellen. Die Autorin schildert unter anderem anschaulich auch die Entstehung eines der berühmtesten Bilder Klimts, nämlich „Adele Bloch-Bauer I“, kurz „Die goldene Adele“, das zu den teuersten Gemälden der Welt zählt. Immer wieder habe ich mir das Bild aufgerufen und angesehen, um den Malstil von Klimt zu bewundern.

Valérie Trierweiler lässt mit ihrem Roman „Die Dame in Gold“ Geschichte wieder lebendig werden. Ihr Schreibstil ist angenehm leicht lesbar und unterhaltsam. Wer es mag, über historisch verbürgte Frauen zu lesen und die bisherigen Bücher der Reihe im Aufbauverlag mochte wird auch mit diesem Buch wieder die richtige Lektüre finden. 

Dienstag, 11. Dezember 2018

[Rezension] Mortal Engines. Jagd durchs Eis - Philip Reeve


 

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Mortal Engines. Jagd durchs Eis
Autor: Philip Reeve
Übersetzer: Gesine Schröder und Nadine Püschel
Taschenbuch: 368 Seiten
Erscheinungsdatum: 28. November 2018
Verlag: FISCHER Tor

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Zwei Jahre sind vergangen, seit Hester und Tom sich gemeinsam gegen Valentine und seinen finsteren Plan zur Wehr gesetzt haben. Mit ihrem Luftschiff, der „Jenny Haniver“, haben sie seither zahlreiche Orte bereist. Bei einem Stop in Airhaven werden sie von Nimrod Pennyroyal angesprochen, einem bekannten Autoren von Reiseberichten, deren Wahrheitsgehalt höchst zweifelhaft ist. Hester und Tom willigen ein, ihn mitzunehmen. Sie merken zu spät, dass ihm jemand auf den Fersen ist. Es kommt zu einem Gefecht, und der „Jenny Haniver“ gelingt knapp die Landung in Anchorage. In der einst mächtigen Eisstadt leben nach einer Epidemie nur noch ein paar Dutzend Menschen, angeführt von der weltfremden Freya. Diese hat ihren ganz eigenen Plan für ihre Gäste. Ihr Handeln verleitet Hester dazu, eine folgenschwere Entscheidung zu treffen.

Nachdem mich der erste Teil der Mortal Engines Reihe als Buch und auch als Film überzeugen konnte, war meine Vorfreude auf die Fortsetzung groß. Die Handlung beginnt rund zwei Jahre nach dem ersten Teil und startet ruhig. Hester und Tom haben ein neues Leben an der Bord der „Jenny Haniver“ begonnen. Das fühlt sich insbesondere für Hester immer noch unwirklich an.

Außerdem lernt man gleich einen neuen Charakter kennen: Freya ist seit dem Tod ihrer Eltern die Anführerin der Eisstadt Anchorage. Diese wäre leichte Beute, wenn sie gefunden wird, denn es sind fast alle Bewohner an einer Krankheit gestorben. Jetzt liegt es an Freya, zu entscheiden, wohin sie ihre Stadt lenkt, doch sie wartet vergeblich auf eine Eingebung. Zudem hat sie wenig Ahnung von alltäglichen Dingen, da sie ihr Leben lang von Dienern umgeben war. Von diesen hat jedoch nur ein einziger überlebt. Freyas Versuche, ihren Alltag zu meistern und sich wie eine edle Lumineszenz zu geben, sind amüsant. Sie tat mir als Leser ein bisschen Leid, machte sich mit einigen Entscheidungen aber nicht unbedingt beliebt.

Ein weiterer neuer Schlüsselcharakter ist der Autor Nimrod Pennyroyal, der bei Hester und Tom mitfliegt und dafür verantwortlich ist, dass ihr Luftschiff von seinen Verfolgern beschädigt wird. Außerdem spielen die sogenannten Verlorenen Jungs eine Rolle, eine Diebesbande, die vom mysteriösen „Onkel“ angeführt wird. Die zahlreichen neuen Charaktere bringen Schwung in die Geschichte und sorgen für neue Herausforderungen, denen Hester und Tom sich stellen müssen. Auch einige Geister der Vergangenheit holen die beiden bald in unerwarteter Gestalt ein. Es gibt nicht ganz so viele Ortswechsel wie im ersten Band und häufiger ruhige Szenen, die einem die Chance geben, die Handelnden noch besser zu verstehen.

Der Leser wird zu neuen Schauplätzen geführt, darf wieder spannende Auseinandersetzungen erleben und fiebert mit, ob Hester und Tom die Herausforderungen meistern werden. Die Situation spitzt sich immer weiter zu und zum Ende hin gab es in meinen Augen gleich mehrere Highlight-Szenen. Eine Handvoll Fragen bleibt offen, sodass ich mich freue, bald weiterlesen zu können. Wer den ersten Band mochte, der sollte sich diese Fortsetzung auf keinen Fall entgehen lassen!

Sonntag, 9. Dezember 2018

[Rezension Ingrid] Unter Wasser von Till Raether


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Titel: Unter Wasser (Band 5 für den Ermittler Adam Danowski)
Autor: Till Raether
Erscheinungsdatum: 23.10.2018
Verlag: Rowohlt Polaris (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Klappenbroschur
ISBN: 9783499291500
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„Unter Wasser“ ist der fünfte Fall für den Hamburger Hauptkommissar Adam Danowski aus der Feder von Till Raether. Adam gehört etwa ein Jahr nach den Ermittlungen, die im vorigen Band „Neunauge“ stattfanden, immer noch zur Abteilung „Operative Fallanalyse“ des Landeskriminalamts. Bei einem gemeinsamen Abendessen mit seinen früheren Kollegen Meta und Finzi erfährt er von der neu gegründeten permanenten Sonderkommission Sexualisierte Gewalt, die Meta leiten wird. Nach kurzem Überlegen willigt Adam ein, die Kommission mit seiner Arbeit zu unterstützen. Die Räumlichkeiten befinden sich in der Nähe der Speicherstadt, von der ein Teil auf dem Cover abgebildet ist. Der Titel bezieht sich allerdings auf ein Schwimmbad in dem die Youtuberin Sibil Schwab, besser bekannt unter ihrem Künstlernamen Billie Swopp, entführt wird. Das Besondere am aktuellen Fall ist, dass Adam mit seiner jüngeren Tochter während der Tat vor Ort war. Bald schon kommt der Verdacht auf, dass Billie die Tat fingiert hat um ihre Klickrate und die Followerzahlen zu verbessern. Doch dann geht eine Lösegeldforderung ein, begleitet von einer Drohung, die kaum mehr an einen Scherz glauben lässt.

Diesmal dreht sich ein großer Teil der Handlung rund um Billie und ihrer Tätigkeit als Youtuberin, die von zwei Nerds bei der Vermarktung unterstützt wird. Im Privatleben von Adam Danowski konnte ich mehr über das Zusammenleben mit seinen beiden Töchtern Martha und Stella, inzwischen 10 und 13 Jahre alt, und den Umgang miteinander erfahren. Adam setzt sich wie andere Eltern auch mit den Chancen und Gefahren der Sozialen Medien auseinander und fragt sich, wie viel Umgang damit für jedes Kind passend ist.

Diesmal legt der Autor zwar eine falsche Fährte zu dem Täter oder den Tätern, aber nur für die Ermittler. Als Leser erfuhr ich von Billies Plänen, doch bis zuletzt blieb für alle offen, ob es sich um „Prank“, also einen Streich handelt oder die Entführung und deren Folgen ernst zu nehmen sind. Die Schilderung nimmt einiges von der heutigen Jugendsprache auf. Die Dialoge der jungen Leute waren daher für mich nicht immer leicht zu verstehen. Till Raether schreibt wie immer in einem unterhaltsamen Stil mit leicht lakonischem und amüsantem Unterton. Die Handlung ist aktuell und wirkt realistisch. Wer die Adam Danowski-Reihe mag, ist auch bei dem fünften Fall richtig.


Mittwoch, 5. Dezember 2018

[Rezension Ingrid] Befreit von Tara Westover


Titel: Befreit - Wie Bildung mir die Welt erschloss
Autorin: Tara Westover
Übersetzer: Eike Schönfeld
Erscheinungsdatum: 07.09.2018
Verlag: Kiepenheuer & Witsch (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen
ISBN: 9783462050127
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„Befreit – Wie Bildung mir die Welt erschloss“ ist die Autobiographie der heute 32-jährigen Amerikanerin Tara Westover. Sie ist dahingehend ungewöhnlich, weil die Autorin in den Bergen Idahos ohne Schulbesuch aufgewachsen ist und dennoch den Weg über die Universität bis hin zum Doktortitel geschafft hat. Befreit hat sie sich in dieser Zeit von den Glaubensgeboten und Leitsätzen, die hauptsächlich ihr fundamentalistisch denkender Vater ihr gesetzt hat, der von ihrer Mutter und einem Teil ihrer sechs älteren Geschwister unterstützt wird. Um einige Personen zu schützen, hat sie teilweise deren Namen geändert.

Tara wächst in einer ländlichen Umgebung auf. Ihre drei ältesten Brüder haben einige Jahre die Schule besucht, doch dann haben die Eltern beschlossen, ihre Kinder selbst zu unterrichten. Es gibt keine festgelegten Lehrstunden, oft lernen die Kinder ganz nebenher durch Erklären von Alltäglichem und näherem Betrachten von Bekanntem und Unbekanntem. Taras Vater Gene betreibt einen Schrotthandel und schon früh wird sie zur Mitarbeit aufgefordert. Auch ihrer Mutter Faye ist sie behilflich im Haushalt und bei der Herstellung verschiedener Kräuterheilmittel. Im Laufe der Jahre passieren mehrere schwere Unfälle in die mindestens eins der Familienmitglieder involviert ist. Doch ein Arztbesuch ist kostspielig und Gene setzt auf die Vorsehung zur Heilung und Naturheilstoffe. Der Vater steigert sich in einige religiöse Ansichten hinein und dringt auf deren Einhaltung, notfalls auch mit Gewalt. Faye stellt sein Verhalten nicht in Frage. Erst viel später erfährt sie, dass Gene eine psychische Erkrankung hat.

Tara Westover setzt sich in ihrer Biografie kritisch mit ihrer Vergangenheit auseinander. Sie beschönigt nichts. Als Kind blieb ihr viel Raum, ihre Umwelt auf eigene Faust zu entdecken. Bis auf Anstandsregeln, die hauptsächlich ihre Kleidung betrafen, und religiösen Wertvorstellungen waren ihr kaum Grenzen gesetzt. Doch sie hat auch gelernt, dass jedes Familienmitglied so früh wie möglich dabei helfen muss, die Existenz zu sichern. Aus ihrer Sicht als erwachsene Frau, versucht sie die Handlungen ihrer Eltern zu verstehen, denn allein mit einer fundamentalistischen Glaubenseinstellung sind nicht alle Entscheidungen von ihnen zu begreifen. Gerade auch die Gewalt, die einer ihrer Brüder ihr gegenüber ohne das Einschreiten von Vater oder Mutter zeigt, bleibt unfassbar. Und dennoch fällt ihr die Ablösung vom Elternhaus schwer, denn hier reicht ihr Wissen für Haushalt, Kräuterherstellung und die Arbeit auf dem väterlichen Schrottplatz ohne sich mit anderen messen zu müssen. Die Gewohnheit gibt ihr auf eine gewisse Art Sicherheit. Und sich von der Liebe ihrer Eltern zu lösen, die doch da ist, aber sich nicht in der den meisten bekannten Weise äußert, fällt der Autorin schwer. Überhaupt war es für mich als Leserin nicht immer einfach, die Handlungen und Ansichten der Familienmitglieder nachzuvollziehen.

Ohne Groll blickt Tara Westover auf die vergangenen Jahre zurück. Sie definiert nicht nur die Schattenseiten, sondern teilt mit ihren Lesern viele glückliche Momente, die sie in einer gefühlvollen, ausdrucksstarken Sprache erzählt. Sie sucht den Kontakt zu Personen außerhalb der Familie und mit deren Hilfe und der Unterstützung ihrer Brüder öffnet sich ihr Blick und weitet sich ihr Verstand. Ihre Neugier auf das Leben außerhalb der Familie wächst und mit ihrer Persönlichkeit macht sie auf sich aufmerksam und nimmt immer mehr Personen für sich ein. Das gibt ihr Kraft und Stärke und ihre Unsicherheit verliert sich zunehmend. Für mich war es beruhigend, darüber zu lesen.

Tara Westovers Autobiographie ist beeindruckend. Entspräche ihre Geschichte nicht den Tatsachen hätte ich an einigen Stellen innegehalten und die Fiktion für unrealistisch erklärt. Die Schilderungen der Autorin sind intensiv und bewegend. Der Lebensweg der Autorin ist lesenswert und wird mir noch lange in Erinnerung bleiben.

Sonntag, 2. Dezember 2018

[Rezension Hanna] Gefährliche Freundinnen - Cat Clarke


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Gefährliche Freundinnen
Autorin: Cat Clarke
Übersetzerin: Elisabeth Müller
Broschiert: 352 Seiten
Erschienen am 24. Oktober 2018
Verlag: FISCHER FJB
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In Harpers Leben ist nichts mehr wie zuvor, seit ihre Zwillingsschwester Jenna gestorben ist. Sie und ihre trauernde Familie erreicht kurz danach die Nachricht, dass sie im Lotto gewonnen haben. Das macht Jenna nicht wieder lebendig, ermöglicht Harper aber einen Tapetenwechsel: Sie bittet ihre Eltern darum, auf das exklusive Mädcheninternat Duncraggan Castle wechseln zu dürfen. Dort wird sie bald Teil einer Vierer-Clique. Nach dem Sommer kommt mit Kirsty eine Neue in ihren Jahrgang, deren Geschichte Harpers ähnelt. Sie freundet sich schnell mit Kirsty an. Doch dadurch stehen bald Harpers andere Freundschaften auf dem Spiel.

Zu Beginn des Buches lernt der Leser Harper kennen und erfährt, warum sie auf ein Internat geht. Ihre Schwester ist einiger Zeit gestorben und Harper hat ihre Eltern darum gebeten, nach Duncraggan geschickt zu werden. Dort ist sie eng mit ihrer Zimmergenossin Rowan sowie mit Lily und Ama aus dem Nachbarzimmer befreundet. Die vier sind eine verschworene Gemeinschaft geworden, die sich ihre Geheimnisse erzählt und gemäß alter Traditionen gemeine Streiche spielt. So muss der Neuzugang Kirsty wie alle anderen zuvor eine Nacht in einem winzigen Loch verbringen.

Der Titel ließ mich neugierig darauf warten, inwiefern sich Harpers Freundinnen als gefährlich herausstellen werden. Gemeinsam mit Harper brechen sie immer wieder die Regeln durch ihre Streiche oder nächtliche Partys, mehr deutet sich jedoch nicht an. Währenddessen beginnt Harper, sich mit Kirsty anzufreunden. Diese sucht ihre Nähe und signalisiert ihr, dass sie nachvollziehen kann, wie Harper sich fühlt, weil auch sie ihre Schwester verloren hat. Harpers andere Freundinnen werden mit Kirsty jedoch noch warm. Die Versuche, sie in die Aktionen ihrer Clique einzubeziehen, laufen eher schlecht als recht und werden schließlich eingestellt.

Rowan war der Charakter, der mir am Besten gefallen hat. Sie ist eine flippige Asiatin mit kurzen Haaren, die seit fast 10 Jahren aufs Internat geht. In die Protagonistin Harper konnte ich mich leider nur bedingt hinein versetzen. Ich hatte gehofft, mehr darüber zu erfahren, warum ihre Schwester gestorben ist, das wird jedoch kurz und nicht ganz nachvollziehbar abgehandelt. Harper kommt schließlich in die Situation, sich entscheiden zu müssen, wem sie vertraut. Dabei hinterfragt sie wenig und trifft Entscheidungen, über die ich als Leser nur den Kopf schütteln konnte.

Bald war mir klar, worauf das Ganze hinauslaufen wird. Auf dem Weg dahin hat sich die Geschichte gezogen. Mit Halloween-Partys, nächtlichem Wahrheit oder Pflicht und den Vorbereitungen auf ein Schulmusical liest sich das Buch wie ein ganz normaler Internats-Roman. Erst zum Ende hin spitzt sich die Situation rasant zu. Es wird kurz brenzlig und man erhält Antworten, die mich aber nicht sonderlich überraschen konnten.

In „Gefährliche Freundinnen“ tritt Harpers etablierte Freundschaft zu Rowan, Lily und Ama in Konkurrenz zu der mit Neuzugang Kirsty. Harper muss sich entscheiden, wem sie mehr vertraut. Aufgrund des Titels hätte ich aber eine ereignisreichere Story erwartet. Der Leser erhält einen Internats-Roman mit vielen klassischen Elementen, in dem sich die Dramatik daraus ergibt, dass Lügen verbreitet und Geheimnisse verraten werden. Dass Harper ihre Zwillingsschwester verloren hat spielte dabei eine kleinere Rolle, als ich erwartet hätte. Leider konnte mich dieses Jugendbuch nicht so recht fesseln.
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