Mittwoch, 23. Mai 2018

[Rezension Hanna] Die Legenden der besonderen Kinder - Ransom Riggs


„Die Legenden der besonderen Kinder“ nimmt den Leser mit in die Welt der Besonderen. Millard Nullings hat einige der Legenden aufgeschrieben, welche die Besonderen von Generation zu Generation weitergeben. Da geht es zum Beispiel um eine Prinzessin mit einer gespaltenen Zunge, die ihre Gabe geheim halten muss. Oder einen Jungen, der Strömungen kontrollieren kann. Auch die historisch belegte Geschichte der ersten Ymbryne findet man in dieser Sammlung.

Nachdem mich die Trilogie rund um die besonderen Kinder sehr begeistern konnte, habe ich mich über die Nachricht gefreut, dass es mit den Legenden einen Ergänzungsband geben wird. In diesem lässt Ransom Riggs den Lesern der Trilogie bereits bekannten Millard Nullings zu Wort kommen. Dieser hat zehn verschiedene Legenden aus seiner Welt zusammengetragen. Nach einem unterhaltsamen Vorwort, in dem darauf hingewiesen wird, dass der Inhalt wirklich nur für die Augen von Besonderen bestimmt ist, geht es mit der ersten Legende los.

Den Legenden vorangestellt ist jeweils eine Illustration von Andrew Davidson. Diese greifen immer ein Detail aus der Geschichte auf – meist zeigen sie den oder die Besonderen, um die es in der Geschichte geht. Die gelungenen Illustrationen sowie die hochwertige Aufmachung des Buches machen dieses zu einem kleinen Schmuckstück.

Die Legenden haben Märchencharakter: In vielen Fällen müssen die Charaktere lange mit Rückschlägen und Ablehnung kämpfen, dabei gibt es immer eine Moral und fast immer ein Happy End. Dabei sind die einzelnen Legenden sind abwechslungsreich und geben ganz verschiedene Einblicke in die Welt der besonderen. In der Trilogie hat man einen Teil dieser Welt schon kennengelernt. In den Legenden trifft man deshalb einige bekannte Wesen wieder wie Ymbrynen oder die sprechende Emu-Raffe. Man lernt aber auch Besondere mit bislang unbekannten Fähigkeiten kennen und erfährt, was sie mit diesen Gutes und Böses vollbringen können.

Das Buch kann man theoretisch ganz ohne Vorkenntnisse lesen. Mehr Spaß macht es aber auf jeden Fall, wenn man wenigstens „Die Insel der besonderen Kinder“ gelesen oder als Film gesehen hat – dann kennt man den „Autor“ Millard und die Welt der Besonderen, in der die Geschichten angesiedelt sind. Wen die Welt der Besonderen begeistern kann, für den ist dieses Buch die perfekte Ergänzung!


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Die Legenden der besonderen Kinder
Autor: Ransom Riggs
illustriert von Andrew Davidson
Übersetzerin: Silvia Kinkel
Hardcover: 208 Seiten
Erschienen am 3. April 2018
Verlag: Knaur HC

Samstag, 19. Mai 2018

[Rezension Ingrid] Die Mütter von Brit Bennett


Das Cover des Debütromans „Die Mütter“ von Brit Bennet ist wie Glasmalerei gestaltet, die einzelnen Gläser vereinen sich zu dem Porträt einer schwarzen Frau. Solche Fenster sind aus Gebetshäusern bekannt und hierhin führt auch der Titel des Buchs. „Die Mütter“ sind eine Gruppe von fünf Frauen, etwa 80 Jahre alt, die sich täglich im Upper Room, dem Abendmahlssaal der Kirchengemeinde, zum Beten für aktuelle Anliegen treffen. Die farbenfrohe Gestaltung des Titelbilds spiegelt die Vielfalt unserer Möglichkeiten wider, Entscheidungen zu treffen und damit unser Leben zu gestalten.

Die Erzählung beginnt im Jahr 2009. Nadia Turner ist 17 Jahre alt und lebt in Oceanside, einer Stadt am pazifischen Ozean in Kalifornien. Ihre Mutter hat sich ein halbes Jahr vorher umgebracht, den Grund dafür kennt sie nicht. Von ihrem Vater fühlt sie sich nicht verstanden und so versucht sie sich, mit ihrem Kummer zu verstecken. Doch dann trifft sie in einem Imbiss Luke, den Sohn des Pastors, der vier Jahre älter ist als sie. Aufgrund eines Unfalls beim Football hat er sein Studienstipendium verloren und arbeitet jetzt in der Gaststätte. Beide fühlen sich zueinander hingezogen und beginnen eine heimliche Liaison, die nicht ohne Folgen bleibt. In Erinnerung der Worte ihrer Mutter, die sich für ihre Tochter eine Karriere gewünscht hat, die ihr selbst aufgrund ihrer frühen Schwangerschaft mit Nadia verwehrt war, beschließt sie, das Kind abzutreiben. Sie erhält das Geld dazu von Luke durch seine Eltern. Weitere Mitwisser gibt es nicht. Für Luke und Nadia ist es das Ende ihrer Beziehung.

Kurze Zeit später lernt sie die etwa gleichaltrige Aubrey kennen, die seit etwa einem Jahr bei ihrer Schwester in Oceanside wohnt und sich in der Gemeinde engagiert. Die beiden werden beste Freundinnen. Doch am Ende des Sommers zieht Nadia nach Michigan, um dort das College zu besuchen. Währenddessen kommen sich Aubrey und Luke einander näher und werden schließlich ein Paar. Nadia kehrt Jahre später zur Hochzeit der beiden nach Hause zurück. Alte Gefühle werden wach, als sie Luke wiedersieht.

Die Zugehörigkeit zu einer Gemeinde hat sicher auch bei der schwarzen Bevölkerung in Oceanside an Bedeutung verloren, aber noch immer bietet sie ihnen den Halt im Glauben und lässt sie als Gemeinschaft vor allem gegen Anfeindungen stark sein. Brit Bennet bindet die Mütter in jedes Kapitel ihres Romans ein. Sie bilden sozusagen die gute Seele der Gemeinde, weil sie sich dort stark engagieren und vieles organisieren. Jeder kann seine Gebetsanliegen bei ihnen einreichen und sie interpretieren die Bitten auf ihre eigene Art und Weise. Sie kennen jedes Mitglied der Gemeinde, verfolgen über Jahre hinweg deren Tun und ziehen aus neuen Entwicklungen Rückschlüsse. Hierdurch entstehen manches Mal auch Fake News, die sich langsam aber stetig verbreiten und den Ruf der betroffenen Person bestimmen. Eigentlich weiß das jeder, doch gerne wird man von ihren Vermutungen, die wie Tatsachen klingeln, eingesponnen. Auch als Leser habe ich mich von der ersten Seite an von den Spekulationen der Mütter, die hier vom Ende der Geschichte her betrachtet zu mir sprachen, faszinieren lassen.

Im Mittelpunkt des Romans steht die Abtreibung, die weder Nadia noch Luke je vergessen können. Die Autorin hat ihre Protagonistin dabei begleitet und vermittelte mir die von Nadia wahrgenommenen Geräusche, Gerüche und ihre Gefühle in dieser Situation, so dass ich auch später ihre Empfindungen nachvollziehen konnte, wenn sie sich wieder daran intensiv erinnerte. Meist wird die Last der Entscheidung zum Schwangerschaftsabbruch nur bei den Frauen gesehen, doch Brit Bennett weist nachdrücklich darauf hin, dass auch Luke sein Päckchen daran zu tragen hat. Nadia und Luke tragen beide Schuldgefühle in sich hinsichtlich der Enttäuschung ihrer leiblichen Mütter, die bestimmte Vorstellungen für die Zukunft ihrer Kinder hatten. Aubrey wird zwar von Nadia bewundert, weil sie sich selbst von ihrer Mutter gelöst hat, doch auch sie macht sich stille Vorwürfe dafür. Ich verfolgte, dass sich im Laufe der Zeit die Einstellungen der Protagonisten durchaus ändern konnten vor allem durch ihre zurückliegenden Erfahrungen.

Brit Bennet hat mit ihrem Debüt „Die Mütter“ einen ergreifenden Familienroman geschrieben, der sich aus der Sicht zweier junger Frauen und eines jungen Manns mit den an sie gestellten Erwartungen auseinandersetzt die geprägt sind von der Haltung der Kirchengemeindemitglieder. Mich hat das Buch begeistert und darum empfehle ich es gerne weiter.


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Titel: Die Mütter
Autorin: Brit Bennett
Übersetzer: Robin Detje
Erscheinungsdatum: 24.04.2018
rezensierte Buchausgabe: Leseexemplar

Freitag, 18. Mai 2018

[Rezension Ingrid] Der restliche Sommer von Max Scharnigg


„Der restliche Sommer“ bleibt den Protagonisten im gleichnamigen Buch von Max Scharnigg, um sich Ende Juli darum Gedanken zu machen, wie ihr weiterer Lebensweg sich gestalten soll. Auch das Cover trägt die Ungewissheit in sich. In Bezug auf den Inhalt des Romans wirft sich die Frage auf, ob ein Leben in sonnigen Gefilden unter Palmen der gewohnten Heimat im waldreichen Deutschland dauerhaft vorzuziehen ist.

Paul, Sara, Tin und Sonja sind die Protagonisten des Romans und stehen in ungleichem Wechsel in den Kapiteln im Fokus. Paul ist 45 Jahre alt und lebt seit zwölf Jahren vom Schreiben einer Kolumne über Benehmen im Knigge-Stil, die allerdings von den Lesern allmählich als hinterwäldlerisch und langweilend empfunden wird. Sara ist Künstlerin und kennt Tin von Jugend an. Sie hat sogar eine Zeit bei ihm gewohnt. Auf einer Lesung von Paul hat sie sich in ihn verliebt und vor zehn Monaten beschlossen, gemeinsam mit ihm, von allen Zwängen befreit am sonnigen Meer in wechselnden Ländern zu leben. Tin, 34 Jahre alt, hat einen Flug nach Portugal gebucht, wo Sara sich gerade mit Paul aufhält, weil er sich noch eine Chance auf Erwiderung seiner Liebe zu ihr erhofft. Er ist von Jugend an ein erfolgreicher Programmierer mit eigenem Unternehmen. Ein vermeintlicher Anschlag auf ihn am Flughafen macht seine Pläne zunichte und rettet gleichzeitig sein Leben. Sonja ist Paartherapeutin und die geschiedene Frau von Paul. Nach einem Radiointerview bekommen ihre Aussagen eine unverhofft große Aufmerksamkeit.

Max Scharnigg führt dem Leser mit seinen Charakteren vor Augen, dass das Leben unberechenbar ist. Manchmal nehmen wir eine Rolle ein, wie sie von uns erwartet wird und werden uns darüber erst später bewusst. So denkt man häufig von einer Künstlerin, dass sie neben Kreativität auch spontane Aktionen zeigen, von einer verheirateten Frau, dass sie ihren Mann umsorgen und sich um den Haushalt kümmern wird. Sara und Sonja kommen mit den Erwartungen zurecht, finden sich darin aber irgendwann nicht wieder.

Wer sich bequem in seinem Job eingerichtet hat, an den werden meist gar keine neuen Erwartungen gestellt. Damit kann man zufrieden sein oder auch nicht. Paul sucht an der Seite von Sara bereits nach neuen Wegen, ohne sich von den alten ganz lösen zu können. Für Tin ist die bevorstehende Reise ein ganz großer, aufregender Schritt raus aus seinem Nerd-Leben und der Einsamkeit seiner vollgestellten Wohnung.

Keiner ist zufrieden mit dem, was er gerade tut. Jeder der Charaktere hat sich seinen Beruf bereits als Jugendlicher ausgesucht und ihn im Zusammenleben mit einem Partner erprobt. Der Autor zeigt, dass der Mut zum Zweifeln, die Suche nach Selbstwert und das Einlassen auf Gelegenheiten neue Chancen bieten kann.

Max Scharnigg schreibt in einer sprachlich reichen Form mit einer leichten gesellschaftlichen Kritik. In seinen Beschreibungen ist für jeden etwas dabei, um sich darin wiederzufinden. Man spürt den Szenarien an, dass darin eigene Erfahrungen enthalten sind, das Übrige ergänzt er durch die Wiedergabe genauer Beobachtungen und Einfühlungsvermögen. Dennoch fehlt es ihm nicht an Fantasie, die zu einigen erheiternden Schilderungen führt. Gerne vergebe ich für diesen gleichzeitig ernsten und vergnüglichen Roman eine Leseempfehung.

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Titel: Der restliche Sommer
Autor: Max Scharnigg
Erscheinungsdatum: 14.03.2018
Verlag: Hoffmann & Campe (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag

Donnerstag, 17. Mai 2018

[Rezension Ingrid] Alles Begehren von Ruth Jones


Eine Schwalbe, wie sie auf dem Cover des Buchs „Alles Begehren“, dem Debütroman der US-Amerikanerin Ruth Jones abgebildet ist, bleibt ihr Leben lang mit ihrem Partner zusammen. Sie symbolisiert daher Zusammenhalt. Bei den Protagonisten des Buchs, Callum und Kate, ist das allerdings nicht der Fall. Der Titel deutet bereits auf den Inhalt der Geschichte hin, denn Callum und Kate empfinden von ihrer ersten Begegnung an ein starkes sexuelles Verlangen zueinander. Darüber hinaus vergessen sie alle und alles um sich ihrer Liebe zueinander körperlich hinzugeben.

Im Sommer 1985 hilft Callum, 39 Jahre alt und Lehrer, in Edinburgh/Schottland seinem Bruder in dessen Kneipe. Die 21-jährige Schauspielschülerin Kate ist eine neue Aushilfe und hat sich verspätet. Als Callum sie zum ersten Mal sieht, ist er von ihrer Quirligkeit und Schönheit verzaubert. Gerade noch hat er sich von seiner Frau Bellinda, hochschwanger und in Begleitung ihrer beiden kleinen Kinder, verabschiedet, doch jetzt ist er Hals über Kopf verliebt in Kate. Doch ihre Affäre wird aufgedeckt und Callum entscheidet sich dafür, bei seiner Frau und seinen Kindern zu bleiben. 17 Jahre später ist auch Kate verheiratet und hat eine kleine Tochter. Sie lebt mit ihrer Familie in London. Als inzwischen bekannte Schauspielerin wird sie zu einem Jubiläum an ihre alte Schule eingeladen, an der Callum arbeitet. Ihre neue Begegnung entfacht erneut das Begehren zueinander.

Neben Callum und Kate spielen auch Kates Ehemann Matt und seine Studienfreundin Hetty eine größere Rolle in der Erzählung. Sie geraten alle in Situationen, in denen sie von ihren Gefühlen in Sachen Liebe überwältigt werden und sich spontan einem Partner hingeben. Dabei waren mir vor allem Callum und Kate unsympathisch, weil sie durch ihre Beziehung ihre Ehepartner betrogen und dadurch auch ihre Kinder litten. Die von Ruth Jones vorgestellten Charaktere entwickeln sich kaum oder gar nicht weiter. Eine Einsicht oder Mitgefühl ist nicht erkennbar, sie verhalten sich nach einem angewöhnten Verhaltensmuster.

Den Anfang fand ich turbulent und verfolgte zunächst spannend, wie beide versuchen ihre Liaison nach außen hin zu verbergen. Die Geschichte wird auf den beiden Zeitebenen 1985 und 2002 erzählt. Die Spannung flachte bald schon ab, denn der Ehebruch und eine Nebenhandlung rund um Matt und Hetty sind die alleinigen Themen des Romans. Manchmal schildert die Autorin eine Szene und spult zeitlich im nächsten Kapitel nochmals zurück, um das Geschehen aus einer anderen Sicht zu schildern. Das bremste meine Neugier auf die weitere Entwicklung immer wieder aus. Obwohl Ruth Jones viele interessante Nebensächlichkeiten in ihre Erzählung einbindet, werden die intimen Spielereien der Liebenden von ihr nicht beschrieben. Viele Dinge lässt sie durch den Zufall geschehen und gestaltet dadurch einige Wendungen.

„Alles Begehren“ ist ein unterhaltsamer Roman, dem es allerdings an Tiefe zum Nachempfinden der Handlungen von Callum und Kate fehlt. Dennoch ist er lesenswert für alle, die gerne Liebesromane mit Ehebetrug lesen.

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Titel: Alles Begehren
Autorin: Ruth Jones
Übersetzerin: Julia Walther
Erscheinungsdatum: 02.05.2018
Verlag: HarperCollins (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Leseband/Leseexemplar

Mittwoch, 16. Mai 2018

[Rezension Hanna] The Wife Between Us: Wer ist sie wirklich? - Greer Hendricks & Sarah Pekkanen



Nellies Leben könnte gerade nicht perfekter sein: Ihre Hochzeit mit dem charmanten und attraktiven Richard steht kurz bevor. Sie arbeitet gerade als Erzieherin und Kellnerin, doch nach ihrer Hochzeit wird sie nur noch einen Job brauchen oder vielleicht auch keinen mehr. Denn Richards Vermögen erlaubt einen sorgenfreien Lebensstil. Sogar ein Haus hat er extra für sie gekauft!
Vanessa macht hingegen eine schwere Zeit durch. Sie wurde von Richard verlassen und beobachtet seine neue Freundin aus der Ferne. Als sie von der geplanten Hochzeit erfährt, wirft sie das völlig aus der Bahn: Sie muss die Neue warnen, es darf nicht so weit kommen!

Das Buch wird unter anderem mit einer Pressestimme angekündigt, die den Stil mit „Gone Girl“ und „Girl on the Train“ vergleicht. Die psychologische Spannung beider Bücher hat mir seinerzeit gefallen, weshalb ich zu diesem Buch griff. Im Prolog beobachtet die Exfrau von Richard ihre Nachfolgerin und lässt den Leser wissen, dass diese keine Ahnung hat, was die Exfrau ihr angetan hat. Sie spricht von einem Verhängnis, das in Gang gesetzt wurde und ich war neugierig, mehr über die Hintergründe zu erfahren.

Die folgenden Kapiteln sind abwechselnd aus der Sicht von Nellie und Vanessa erzählt und stehen in starkem Kontrast zueinander. Nellie schwebt auf Wolke sieben und kann ihr Glück noch immer kaum fassen. Auf Wiedersehen WG-Leben und zwei Jobs, Hallo Traummann und Vermögen! Vanessa hingegen ist am Boden zerstört. sie lebt bei ihrer Tante und muss nach Jahren wieder arbeiten gehen, wobei Frauen aus ihrem alten Leben plötzlich ihre Kundinnen sind. Sie denkt immer wieder daran, was Richard ihr angetan hat. Deshalb will sie ihre Nachfolgerin unbedingt warnen, als sie von der Hochzeit hört.

Bei Vanessas Erinnerungen an Richards Taten ist für den Leser nicht klar, ob die Vorfälle wirklich Richards Schuld sind oder ihre eigene. Vielleicht war es auch Zufall oder ein Produkt ihrer Fantasie? In der Folge beginnt man als Leser, in Nellies Kapiteln nach Hinweisen zu suchen, dass etwas ganz und gar nicht stimmt. Sind diese wirklich da oder interpretiert man selbst nur etwas in das Geschehen hinein, weil Vanessa so überzeugt davon ist?

Ich fand diesen Ansatz der Autorinnen interessant, doch der erste Teil des Buchs plätschert vor sich hin, ohne dass wirklich etwas passiert. Erst nach 190 Seiten, die man für meinen Geschmack locker um die Hälfte hätte kürzen können, gibt es endlich die erste große Enthüllung. Mit dieser habe ich wirklich nicht gerechnet, doch wirklich umgehauen haben mich die neuen Informationen leider nicht.

Im Folgenden begreift als Leser immer mehr, was eigentlich vor sich geht und gegangen ist. Ich denke, dass das Buch wirklich hätte gewinnen können, wenn es zumindest zum Ende hin Kapitel aus Richards Perspektive gegeben hätte. So aber bleibt es recht fade. Es gibt einige Geheimnisse, die gelüftet werden wollen und bei mir Betroffenheit auslösen. Doch wirklich schockierende Szenen, auf die ich nach dem Vergleich mit Büchern wie „Gone Girl“ gewartet habe, gibt es nicht. Die letzten Seiten bieten mehrere wirklich gelungene Twists, die in meinen Augen aber keine rund vierhundert Seiten Vorbereitung gebraucht hätten.  

„The Wife Between Us“ erzählt von Obsession, Neid und Geheimnissen. Als Leser ist man im Ungewissen, wer in dieser Geschichte eigentlich ein wirklich ernsthaftes Problem hat. Doch die Enthüllungen brauchten für meinen Geschmack einen zu langen Anlauf und waren nicht so entsetzlich, wie ich es erwartet hätte. Vielmehr stehen die psychischen Auswirkungen einiger Vorfälle im Mittelpunkt. Ich vergebe knappe drei Sterne an diese Geschichte voller Ungewissheiten.


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The Wife between us: Wer ist sie wirklich?
Autoren: Greer Hendricks & Sarah Pekkanen
Übersetzerin: Alice Jakubeit
Broschiert: 448 Seiten
Erschienen am 15. Mai 2018
Verlag: Rowohlt Taschenbuch Verlag

Montag, 14. Mai 2018

[Rezension Ingrid] Lovecraft Country von Matt Ruff


„Lovecraft Country“ ist ein Roman des US-Amerikaners Matt Ruff, der in den 1950ern spielt und Elemente der Phantastik enthält. Er ist benannt nach einem Landstrich in Massachusetts/USA, den sich Howard Phillips Lovecraft ausgedacht und viele seiner Horrorgeschichten dort angesiedelt hat. Der Ort Ardham liegt in dieser Gegend. Bereits die Titelgestaltung führte mich dorthin, denn ebenda gibt es ein Haus auf einem Hügel, das schon mal gebrannt hat und von einem Vorfahren des schwarzen Protagonisten Atticus Turner Ende des 18. Jahrhunderts erbaut wurde. Zu Beginn der Erzählung treffen sich hier die Logenmitglieder des Adamitischen Ordens von der Alten Morgenröte, allesamt Weiße. Atticus gehört keinesfalls zu dieser Loge, soll ihnen aber als Mittel zum Zweck dienen. Im unteren Bereich ist das Cover so düster gestaltet wie die Grundstimmung im Roman und zwar nicht nur wegen dem schaurigen Inhalt sondern auch wegen des vorherrschenden Rassismus.

Atticus Turner, 22 Jahre alt, hat in Jacksonville/Florida gearbeitet und fährt aufgrund eines Briefs seines Vaters in seine Heimat nach Chicago. Dort erzählt ihm sein Onkel George, dass sein Vater Montrose auf dem Weg ist, ein Geheimnis um ein Geburtsrecht von Atticus zu lüften. Das Ziel von Montrose war Ardham und er ist mit einem Weißen gemeinsam gereist. Atticus ist so beunruhigt, dass er beschließt seinen Vater zu suchen. George, der sich mit Reisen sehr gut auskennt, weil er einen Reiseführer verlegt, in dem Unterkünfte und Gaststätten aufgelistet sind, in denen Schwarze mit weniger Ressentiments zu rechnen haben, begleitet ihn. Außerdem schließt sich ihnen Letitia Dandridge an, die unterwegs ihren Bruder besuchen möchte. Sie ist nur ein Jahr jünger als Atticus und mit ihm von Kind an befreundet.

Nicht nur in Ardham, sondern in allen folgenden sieben Kapiteln und dem Epilog geschehen phantastische, beunruhigende, horrende Geschichten in denen immer ein Familienmitglied von Atticus oder Letitia im Mittelpunkt steht. Als Gegenspieler begegnet man in fast jeder Erzählung dem jungen weißen Caleb Braithwhite und der Loge, die die Weltherrschaft an sich ziehen möchten. Matt Ruff verbindet auf überzeugende Weise eine lebhafte Fantasie mit der Realität der Schwarzen im Nordwesten der USA in den 1950ern. Weil der Autor es liebt, mit Gegensätzen zu spielen, hat er sich ausgerechnet den Landstrich Lovecrafts, der als Rassist bekannt ist, als Ort für einige seiner schaurigen Handlungen ausgesucht. Während mir in jeder Geschichte die unterwerfende Behandlung der Schwarzen bedrückend vor Augen geführt wurde, war ich gleichzeitig gruselig fasziniert von Spuk, einer anderen Welt, der Möglichkeit zur Gestaltänderung und den Machenschaften des Ordens.

Geschickt verknüpft der Autor die Begebenheiten der einzelnen Kapitel miteinander und führt sie stringent zu einem großen Ganzen, wobei der Spannungsbogen nicht abreißt und es kapitelweise immer wieder zu Highlights kommt. Bis in die Nebenhandlungen hinein spinnt er die Schilderungen unterhaltsam aus. Die Charaktere haben ihre eigenen kleinen Geheimnisse, die sie geschickt vor ihren Verwandten und Freunden verbergen und die den Roman teils auch einen amüsanten Touch geben.

Es ist ein riesiges Kopfkino, das Matt Ruff in seinem abenteuerlichen Roman beim Lesen in Gang setzt. Er spielt auf vielen Seiten meiner Gefühle und konnte mich so in seinen Bann ziehen. Sehr gerne vergebe ich eine Leseempfehlung für dieses Buch, vor allem an Leser die das Ungewöhnliche in Form von phantastischen Elementen mögen.

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Titel: Lovecraft Country
Autor: Matt Ruff
Übersetzer: Anna und Wolf Heinrich Leube
Erscheinungsdatum: 14.05.2018
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag (Leseexemplar)

Donnerstag, 10. Mai 2018

[Rezension Ingrid] Mädchen in Scherben von Kathleen Glasgow


Charlotte, genannt Charlie, ist 17 Jahre alt und wohnt in Minneapolis/Minnesota in den USA. Sie ist „Das Mädchen in Scherben“ in dem gleichnamigen Debütroman von Kathleen Glasgow. Der Titel auf dem Cover wirkt blutigrot zerschnitten und spielt damit auf die Einschnitte an, die Charlie sich meist an Armen und Oberschenkeln mit Glasscherben selber gesetzt, hat um förmlich ihre Probleme raus zu schneiden. Der Schmerz übertönt ihre stummen Schreie nach Hilfe und gleichzeitig werden Endorphine freigesetzt, die bei ihr ein angenehmes Gefühl auslösen, das sie kurzfristig genießt. Doch nicht nur äußerlich sind Narben zurück geblieben, die tief in Ihrem Inneren bleiben unsichtbar.

Charlies Vater hat Selbstmord begangen als sie noch ein Kind war, ihre beste Freundin hat sie verloren und ihre Mutter verletzt während sie sich gegen deren Angriff gewehrt hat. Bei ihr wurden nicht suizidales selbstverletzendes Verhalten, eine Impulskontrollstörung und eine posttraumatische Belastungsstörung diagnostiziert. Verschiedene Medikamente, die sie in den Vorjahren verschrieben bekommen hat, haben nicht die nötige Wirkung gezeigt. Einige Monate hat sie ohne feste Unterkunft und von der Hand in den Mund gelebt. Schließlich hat sie aufgrund ihrer desaströsen Situation versucht sich umzubringen und wurde in Folge dessen auf der psychiatrischen Station eines Krankenhauses eingewiesen. Nach dem Sozialrecht der USA kann sie hier nur solange bleiben wir ihr Aufenthalt von jemandem bezahl wird. Während ihres Aufenthalts meldet sich ein Freund bei ihr, der sie dazu einlädt vorübergehend bei ihm in Tucson/Arizona zu wohnen, obwohl er selbst zunächst nicht zu Hause sein wird. Charlie sieht darin ihre Chance. Wird es ihr gelingen, ein von ihr gewünschtes eigenständiges Leben mit Wohnung, Job und Freunden aufzubauen, ohne sich je wieder selber zu verletzen oder Suchtmittel zu konsumieren?

Die Geschichte von Charlie geht unter die Haut, ihr Schicksal hat mich betroffen gemacht. Um ihre Erzählung noch eindringlicher zu gestalten, arbeitet Kathleen Glasgow mit dem Stilmittel der Hyperbel. Bereits zu Beginn trifft  ihre Protagonistin in der Klink auf Jugendliche mit ähnlichen Erkrankungen. Sie stellt nicht nur verschiedene Symptome heraus, sondern macht auch bewusst, dass es kein Allheilmittel gibt. Im weiteren Verlauf ist das Glück auf Charlies Seite. Auf ihrem neu eingeschlagenen Weg versucht sie, die Anweisungen und Ratschläge aus der Klinik umzusetzen. Die Suche nach einem Job und nach einer eigenen Wohnung beschreibt die Autorin durchaus glaubhaft. Die Menschen auf die sie in ihrem Umfeld trifft haben allerdings durchweg psychische Probleme, was ich nicht unbedingt realistisch, aber von der Einarbeitung in den Roman her interessant fand. Die Handlungsweisen von Charlie versucht die Autorin zu begründen, obwohl sie gerade in Bezug auf eine neue Liebesbeziehung nicht immer leicht nachvollziehbar sind.

Kathleen Glasgow bringt im Roman mehrere Beispiele, warum Jugendliche sich selbst verletzen oder Zuflucht in Alkohol und Drogen suchen. Ihre Figur Charlie lässt sie einen möglichen Weg aus der Misere suchen. Der Roman ist mit so viel Einfühlungsvermögen geschrieben, dass die Vermutung der eigenen Erfahrung der Autorin nahe liegt. Depression, Drogen, Alkoholismus, Rauchen und Selbstmord sind Auswirkungen davon, dass Menschen sich im Leben nicht zurecht finden, doch sie können mit professioneller Hilfe überwunden werden. Die Autorin plädiert dafür, dass man sich nicht unterkriegen lassen soll. Auch wenn ein Plan scheitert, wird es einen weiteren geben, den man ausprobieren sollte. Dabei lernt man seine Fähigkeiten kennen und vielleicht wird man wie im Falle von Charlie ein Talent an sich entdecken. Das Buch ist für Jugendliche ab 14 Jahren gedacht. Gerade den jüngeren Lesern empfehle ich mit Erwachsenen über den Inhalt zu sprechen.

„Mädchen in Scherben“ beschreibt intensiv das Desaster, in jungen Jahren auf Abwege zu geraten. Obwohl Kathleen Glasgow nicht verschweigt, dass Fehlschläge möglich sind, gibt sie ihrer Geschichte die Hoffnung mit, sein Leben auch nach schrecklichen Erlebnissen wieder in den Griff bekommen zu können. Der Roman ist ergreifend und bleibt in Erinnerung und daher vergebe ich eine Leseempfehlung.


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Titel: Mädchen in Scherben
Autorin: Kathleen Glasgow
Übersetzerin: Yvonne Hergane
Erscheinungsdatum: 21.03.2018
Verlag: Fischer Kinder- und Jugendtaschenbuch ab 14 Jahren (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Klappenbrochur

Montag, 7. Mai 2018

[Rezension Ingrid] Der Preis des Todes von Horst Eckert



„Der Preis des Todes“ von Horst Eckert ist ein Politthriller. Nach drei Kriminalfällen, in denen der Düsseldorfer Hauptkommissar Vincent Che Veih ermittelte, ist das vorliegende Buch ein Einzelband. Die Geschichte spielt auf drei Handlungsebenen, die miteinander verknüpft sind. Eine davon nimmt den Leser mit nach Berlin in ein Apartmenthaus, in dem der Bundestagsabgeordnete und Pharmakologe Christian Wagner erdrosselt aufgefunden wird. In Düsseldorf wird unterdessen nach dem Mörder einer jungen Frau gesucht und schließlich führt die Handlung die Protagonistin Sarah Wolf in ein Flüchtlingslager nach Kenia. Bereits im ersten Kapitel erfuhr ich von beunruhigenden Vorkommnissen, die sich dort ereignet haben sollen. Der Titel erzählt davon, dass den Preis des Todes diejenigen zu zahlen haben, die aufgrund der Umstände in das Visier skrupelloser Akteure geraten, ihnen notwendigerweise vertrauen und dabei ihr Leben verlieren.

Sarah, Mitte 30 und erfolgreiche Moderatorin einer Talkshow im Fernsehen, hat in einer ihrer Sendungen Christian kennen gelernt. Beide haben sich ineinander verliebt und führen ihre Beziehung abseits der Medien. Für ihre nächste Sendung recherchiert das Team um Sarah zum Thema der vorgesehenen Fusion zweier großer Krankenhausbetreiber und der dadurch vorherzusehenden Preissteigerung im Gesundheitswesen. Christian vertritt die Interessen eines der Unternehmen, sein Tod wirft die Frage nach einem Zusammenhang damit auf. Sarah überlässt die Ermittlungen nicht nur der Kriminalpolizei von Berlin, sondern beginnt damit, das Leben ihres Geliebten zu hinterfragen. Sie findet auf seinem Rechner eine Liste mit Medikamenten, die sie schließlich neben anderen Hinweisen auf eine Spur zu einem Krankenhaus nach Ostafrika führen. Außerdem stellt sich heraus, dass die Tote, die am Unterbacher See abgelegt wurde, kurz vor ihrer Ermordung Kontakt zu Christian hatte und für eine humanitäre Organisation arbeitete, die auch in Kenia tätig ist. Sarah beginnt aus der Sachlage heraus, Querverbindungen zu ziehen und unbequeme Fragen zu stellen.

Schon das erste Kapitel deutete an, dass im Flüchtlingslager in Dadaab/Kenia nicht alles rechtens läuft. Doch zunächst einmal baut Horst Eckert seine Protagonisten Sarah und Sellin, den im Düsseldorfer Mordfall ermittelnden Krimalhauptkommissar, auf. Noch ahnte ich nichts von dem Band, das diese beiden verbindet. Die Spannung wuchs anfangs eher ruhig, bis Sarah die Spur nach Ostafrika entdeckt und mit ihrem Team zu Aufnahmen für eine Reportage hinfliegt. Der Autor erzählt von einzelnen Schicksalen im Lager, die jeden Leser berühren werden. Ab diesem Zeitpunkt hatte die Geschichte mich voll ergriffen und in ihren Sog gezogen.

Neben der spannenden Thrillerhandlung hat es mir zusätzliches Vergnügen bereitet, einmal hinter die Kulissen einer Talkshow zu schauen. Bei den Ermittlungen in Düsseldorf waren mir die Schauplätze meistens bekannt, so dass ich mir das Geschehen besonders gut vorstellen konnte. Horst Eckert recherchiert sehr gut, so dass die von ihm beschriebenen Charaktere und deren Handlungen überaus realistisch erscheinen. Als Hintergrund für seine Thriller nutzt er aktuelles politisches Geschehen, das er verfremdet und darin seine fiktiven Figuren spielen lässt. Am Ende der kurzen Kapitel kommt es häufig zu kleinen Cliffhangern und die Szene wechselt, was für mich als Leser die Spannung noch erhöhte.

„Der Preis des Todes“ ist ein Thriller mit komplexer Handlung, der von Beginn an Spannung aufbaut und bis zum Schluss hält. Markante Charaktere und interessante Themen, die den Hintergrund bilden, sind auffällig und bleiben im Gedächtnis. Mich konnte Horst Eckert mit der Geschichte in seinen Bann ziehen und gerne vergebe ich hierzu eine Leseempfehlung.
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Titel: Der Preis des Todes
Autor: Horst Eckert
Erscheinungsdatum: 13.03.2018
Verlag: Wunderlich (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen

Samstag, 5. Mai 2018

[Rezension Hanna] Wie man die Zeit anhält - Matt Haig




Tom hat ein Geheimnis: Er ist schon über vierhundert Jahre alt, sieht aber aus wie ein Mann in seinen Vierzigern. Als Mitglied der sogenannten Albatros-Gesellschaft kümmern er sich darum, andere aufzuspüren, die sind wie er. Im Gegenzug erhält er alle acht Jahre eine neue Identität. Diesmal bittet er darum als Geschichtslehrer nach London zurückkehren zu dürfen - die Stadt, in der er sich Jahrhunderte zuvor zum ersten und letzten Mal verliebte. Findet er dort vielleicht einen Hinweis auf seine Tochte, die ist wie er und von der seit damals trotzdem jede Spur fehlt?

Zeit scheint im Buch eine wichtige Rolle zu spielen, daran lassen Cover und Titel keinen Zweifel. Der Protagonist Tom hat mehr als genug davon. Seit er ein Teenager ist braucht es etwa fünfzehn Jahre, bis er ein Jahr älter aussieht. So viele Menschen, die ihm etwas bedeutet haben, hat er schon überlebt. Gleichzeitig muss er ständig die Identität wechseln, um nicht aufzufallen. Warum also überhaupt weitermachen? Das hat er sich schon oft gefragt und darauf nur eine Antwort: Er will unbedingt seine Tochter Marion finden.

Tom ist ein nachdenklicher Charakter, der die Erlebnisse von Jahrhunderten mit sich trägt. Immer wieder holen ihn alte Erinnerungen ein. Der Leser wird dadurch mitgenommen auf eine Reise durch ganz verschiedene Epochen. Man erfährt zum Beispiel, wie seiner Umgebung das erste Mal aufgefallen ist, das er nicht altert, liest von Fluchten und Hoffnung, Rückschlägen und einer großen Liebe. Der Autor hat das Buch dazu klar strukturiert, sodass ich gern an Toms Seite in die verschiedenen Zeiten eingetaucht bin, ohne dass mir durch die vielen Sprünge schwindelig wurde.

In der Gegenwart muss sich Tom an sein Leben als Lehrer gewöhnen und will Geschichte für seine Schüler lebendig machen. Die Französischlehrerin Camille geht ihm dabei bald nicht mehr aus dem Kopf. Doch er darf sich nicht verlieben – das ist die wichtigste Regel der Albatros-Gesellschaft, und auch seine eigene Geschichte hat ihn das gelehrt. Außerdem behauptet Camille, ihn schon mal gesehen zu haben – ist seine Tarnung in Gefahr? Die Geschichte in der Gegenwart entwickelt sich nur langsam, hier hätte ich mir mehr Nachforschungen und Wendungen gewünscht. Das fällt vor allem auf im Vergleich zu den vielen Ereignissen aus der Vergangenheit, die beschrieben werden. Der Showdown konnte mich schließlich in Sachen Tempo und Dramatik begeistern.

In „Wie man die Zeit anhält“ bezieht der über vierhundert Jahre alte Tom seine Energie zum Weitermachen vor allem aus dem Wunsch, seine Tochter zu finden. Toms Erlebnisse in den verschiedenen Epochen haben berührt und unterhalten, während ich mir in der Gegenwart mehr Entwicklungen gewünscht hätte. Das Buch regt zum Nachdenken über die Kostbarkeit von Zeit, Vergänglichkeit und das Festhalten schöner Momente an. Ich vergebe vier Sterne.


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Wie man die Zeit anhält
Autor: Matt Haig
Übersetzerin: Sophie Zeitz
Hardcover: 384 Seiten
Erschienen am 20. April 2018

Donnerstag, 3. Mai 2018

[Rezension Ingrid] Gemischte Gefühle von Katherine Heiny



„Gemischte Gefühle“ von Katherine Heiny beschreibt das Familienleben des New Yorkers Graham, 56 Jahre alt. Er ist in zweiter Ehe mit der 15 Jahre jüngeren Audra verheiratet. Beide haben einen 10-jährigen Sohn der Matthew heißt und mit großer Wahrscheinlichkeit das Asperger-Syndrom hat. Graham denkt häufiger darüber nach, warum er welche Entscheidung im Leben getroffen hat. Gemischte Gefühle stellen sich bei ihm ein, wenn seine Gedanken in Richtung Ehe schweifen oder er sich eine selbstbestimmte Zukunft für Matthew vorstellt.

Nach einem Beginn in der medizinischen Forschung arbeitet Graham schon seit Jahren bei einem Arzneimittelunternehmen. Sein Job lässt ihm genügend Zeit dazu, abends und an den Wochenenden für die Familie zu kochen. Audra arbeitet als Graphikdesignerin in Teilzeit. Der gemeinsame Sohn und dessen Entwicklung liegen ihnen beiden am Herzen. Auch wenn Matthew sich nicht immer so verhält, wie sein Vater es sich wünscht, liebt Graham ihn gerade für seine Art unbeirrt seinen eigenen Weg zu gehen. Aber häufig bleibt die Familie nicht unter sich, sondern bewirtet und beherbergt Übernachtungsgäste, die auch mal tage- und wochenlang bleiben. Hierzu gehören beispielsweise eine Bekannte, die von ihrem Ehemann betrogen wird, aber davon noch nichts weiß und der Portier der Wohnanlage, dessen Mutter seine Wohnung benutzt weil sie selber Gäste zu Hause beherbergt. Audra sieht die Unterbringung und Bewirtung der Gäste allein schon von ihrem Wesen her als selbstverständlich an, Graham fügt sich gerne ihren Wünschen. Dadurch kommt es immer wieder zu Überraschungen und Wendungen im Alltag der drei.

So alltäglich wie das Leben für Graham sein kann, so kompliziert erscheint es ihm immer wieder. Während er sich manchmal über die direkte und ungehemmte Ansprache von Fremden durch seine Frau wundert und sie nicht immer für angebracht hält, schätzt er Audra gleichzeitig für ihr unkompliziertes Auftreten mit dem sie oft ihr Ziel erreicht. Sie versucht allen gerecht zu werden und jedem ein positives Lebensgefühl zu vermitteln. Dieser Wesenszug machte mir Audra sympathisch. So ganz hat Graham das Aus seiner ersten Ehe nie verwunden. Er gibt sich eine Mitschuld daran. Seiner Frau und seinem Sohn bringt er nicht nur Liebe entgegen, sondern respektiert auch deren Eigenheiten. Das Miteinander der Familie strahlt auch nach außen und wird reflektiert durch ein Netz von Freunden und deren Hilfsbereitschaft in schwierigen Situationen.

Aus Grahams Gefühlschaos ergeben sich immer wieder amüsante Situationen. Katherine Heiny schreibt mit leichter Hand und sehr einfühlsam. Ihre Beschreibungen sind ehrlich und nachvollziehbar. „Gemischte Gefühle“ vermittelte mir als Leser, dass jeder auf seine Art und Weise eigen und liebenswert ist. Wer sich auf darauf einlässt, wird mit neuen Eindrücken und Erfahrungen belohnt. Gerne vergebe ich hierfür eine Leseempfehlung.


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Titel: Gemischte Gefühle
Autorin: Katherine Heiny
Übersetzerin: Marion Hertle
Erscheinungsdatum: 14.03.2018
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen

Sonntag, 29. April 2018

[Rezension Ingrid] Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt von Peter Stamm


Christoph ist Schriftsteller und hat einen einzigen Roman mit viel Herzblut geschrieben, in dem er die Trennung von seiner Freundin Magdalena thematisiert hat. 15 Jahre später trifft er Lena, die wie seine frühere Freundin Schauspielerin ist. Er schreibt ihr eine Nachricht mit der Bitte um ein Treffen, denn er hat ihr eine Geschichte zu erzählen. Darauf geht sie ein. Während ihrer Zusammenkunft erzählt er Lena sein Leben, in dem sie Ähnlichkeiten zu dem ihres Freunds Chris erkennt, der ebenfalls Schriftsteller ist und an einem Roman arbeitet.

Im Buch „Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt“ gibt es viele Parallelen zwischen dem Leben unterschiedlicher Personen, die sich ähnlich sehen aber vom Alter her verschieden sind. Den Faden durch den Roman bildet die Geschichte von Christoph, die er Lena erzählt. Auf seinem Lebensweg ist der Protagonist durch Zufall immer wieder jüngeren Versionen seiner selbst begegnet. Dabei sind durchaus Abweichungen in bestimmten Aspekten möglich, aber dennoch so, dass er sich wieder erkennt. Auch einem älteren Mann ist Christoph schon begegnet von dem er sich auf seltsame Weise angesprochen gefühlt hat.

Ich bin Erstleser von Peter Stamm, aber von Beginn an fasziniert über die Aussagefähigkeit seiner reduzierten Sprache. Mit bewusstem, konzentriertem Lesen bin ich der Handlung gefolgt. Wie in einem Vexierbild schafft der Autor Realitäten, die nur schwer zu durchschauen sind. Es entsteht ein spannendes Spiel mit Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, ein Verwirrspiel mit der Identität von Personen.

Der Autor brachte mich ins Grübeln darüber, ob es ein Schicksal gibt, das den Lebensweg vorherbestimmt und ob man es ändern würde, wenn man die Konsequenzen seiner Handlungen kennt. Möchte ich überhaupt die Zukunft kennen? Möchte ich nicht das Recht haben, meine Fehler zu machen? Bin ich verantwortlich für das Scheitern einer anderen Person, wenn ich in deren Leben korrigierend eingreife?

„Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt“ ist kein einfach zu lesenden Buch, aber ein Roman, den es zu lesen lohn. Peter Stamm schafft es mit klaren Worten den Leser darauf hinzuweisen, dass wir Menschen nur ein Rädchen im Getriebe des Lebens sind und Verantwortung für unser Tun im Hier und Jetzt haben. Gerne gebe ich hierzu meine Leseempfehlung.

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Titel: Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt
Autor: Peter Stamm
Erscheinungsdatum: 22.02.2018
Verlag: S. Fischer (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag

Freitag, 27. April 2018

[Rezension Hanna] Die Beschwörung des Lichts - V.E. Schwab





Im Weißen London ist der Dämon Osaron in Hollands Körper erstarkt und will seine Macht nun ausweiten. Dazu zieht es ihn ins Rote London, das nach dem Ende des „Essen Tasch“ noch in Feierlaune ist. Unterdessen ringt Kell mit dem Leben mit den entsprechenden Konsequenzen für Rhy. Kann Lila rechtzeitig zur Rettung eilen? Und wer kann den mächtigen Osaron noch aufhalten?

Nachdem im zweiten Band der Trilogie das magische Turnier „Essen Tasch“ im Mittelpunkt stand, war ich nun gespannt, wie sich der Kampf gegen Osaron gestalten wird. Der zweite Teil endere mit einem Cliffhanger, sodass es in diesem Band gleich temporeich losgeht. Kell steckt im Weißen London in arger Bedrängnis und schon bald kommt es zu den ersten Kämpfen auf Leben und Tod.

Die Geschichte lässt dem Leser erst mal keine Zeit zum Verschnaufen – die Handelnden und die Bedrohung sind bekannt und es wird fieberhaft nach einem Weg gesucht, den Dämon aufzuhalten. Dieser wütet unkontrolliert im Roten London, es geht also um das Schicksal der ganzen Stadt. Deshalb setzten die unterschiedlichen Charaktere auch nicht alles auf eine Karte, sondern beginnen mit der Vorbereitung verschiedener Ansätze. Wird einer davon erfolgreich sein?

Nicht jede Idee lässt sich sofort umsetzen, und wird die Handlung im Mittelteil schließlich doch etwas ruhiger und erzählt neben den Geschehnissen im Roten London auch von einer wichtigen Reise, auf die sich einige Charaktere begeben. In dieser Zeit erhält man noch mal einige Einblicke ins Innenleben der Beteiligten und wie sich ihre Haltung zueinander verändert hat. Dabei erfährt man allerdings nicht mehr so viel Neues. Am interessantesten fand ich die Einblicke in die Geschichte von Alucard, über den ich bis dato noch vergleichsweise wenig wusste. Für so manche Überraschung ist schließlich noch Holland gut, worüber ich aber nicht mehr verraten möchte.

Die Situation spitzt sich nach dem Mittelteil, den man noch etwas hätte straffen können, schließlich immer weiter zu. Es gibt eine weitere Gefahr aus einer ungeahnten Richtung, auf die zusätzlich reagiert werden muss. Die Interaktion zwischen den verschiedenen London ist dabei leider nicht so groß, wie ich es mir gewünscht hätte. Es spielt sich fast alles im Roten London ab. Das Ausmaß der Bedrohung von diesem nimmt immer weiter zu, sodass klar wird, dass nicht jeder glimpflich davon kommen wird. So kommt es zu weiteren Kämpfen und auch einigen traurigen Szenen. Für alle Action-Fans bietet dieses Buch aber vor allem viele unterhaltsame Szenen.

In „Die Beschwörung des Lichts“ steht die Zukunft des Roten Londons auf dem Spiel, denn ein mächtiger Dämon wütet in der Stadt und scheint nicht unter Kontrolle gebracht werden zu können. Die Charaktere suchen gleichzeitig nach verschiedenen Lösungen und die Frotzeleien unter ihnen sind amüsant. Ich hätte ich mir noch mehr Überraschungen im Handlungsverlauf und Interaktionen zwischen den verschiedenen London gewünscht. Für alle Fantasy-Fans bietet das Buch einen gelungenen Trilogie-Abschluss voller Action und Magie!

 

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Die Beschwörung des Lichts
Autorin: V.E. Schwab
Übersetzerin: Petra Huber
Taschenbuch: 720 Seiten
Erschienen am 27. April 2018
Verlag: FISCHER Tor

Die Reihe


Weltenwanderer-Trilogie

Band 1: Vier Farben der Magie (Rezension)
Band 2: Die Verzauberung der Schatten (Rezension)
Band 3: Die Beschwörung des Lichts
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