Dienstag, 25. Juli 2017

[Rezension Ingrid] Das Haus der schönen Dinge von Heidi Rehn


Titel: Das Haus der schönen Dinge
Autorin: Heidi Rehn
Erscheinungsdatum: 02.05.2017
rezensierte Buchausgabe: Taschenbuch

Das „Haus der schönen Dinge“ nennen die Einheimische das von Heidi Rehn erfundene Kaufhaus Hirschvogl am Rindermarkt in München. Gegründet 1897 dient es über viele Jahre den Einheimischen nicht nur zum Einkauf, sondern auch zum Bestaunen des großen Warensortiments. Außerdem hat die Ehefrau des jüdischen Kaufhausbesitzers Jacob Hirschvogl ein Händchen für eine ausgefallene Präsentation der Waren. Das Cover zeigt die Ansicht der prachtvollen Eingangshalle eines Kaufhauses zur damaligen Zeit. Der Lichthof auf dem Titelbild, der einen hellen übersichtlichen Blick auf die verschiedenen Etagen gewährt, ist repräsentativ. Beliebte Einkaufsstätten suchten sich mit ihrem Angebot und dessen Darbietung voneinander abzugrenzen und sich gegenseitig zu übertreffen.

Das Ehepaar Hirschvogl hat drei Kinder, glücklicherweise ist das älteste ein Sohn, der zum erhofften Nachfolger werden soll. Doch Benno enttäuscht seine Eltern. Lilith, genannt Lily, ist die Zweitälteste und brennt darauf, das Warenhaus selbst führen zu dürfen, um die Wende zum 20. Jahrhundert jedoch nahezu eine Unmöglichkeit. Gerade die Frauen waren den Konventionen der Zeit unterworfen und hatten sich vielfach den Wünschen der Männer unterzuordnen, wozu in Kreisen mit Besitz und Macht manches Mal auch die Akzeptanz von Liebschaften gehörte.

Im Vordergrund der Erzählung steht immer das Kaufhaus. Gleichzeitig schildert die Autorin allerdings auch die Geschichte der jüdischen Kaufmannsfamilie Hirschvogl, die eingebunden ist in die politischen Entwicklungen von 1897 bis 1938 mit einem Nachspiel im Jahr 1952. Die Beschreibungen des Warenhauses sind sehr detailreich. Die Räumlichkeiten und die Ausstattung konnte ich mir sehr gut vorstellen. Es hat mich manchmal erstaunt, welche Warenvielfalt zu Beginn des letzten Jahrhunderts angeboten werden konnte, auch aus dem Ausland. Die Entwicklung der Mode ließ sich beim Lesen leicht nachvollziehen.

Die Geschichte der Familie Hirschvogl ist gleichzeitig beispielhaft für die Geschichte der Juden in München, in deren Hand fast alle Warenhäuser der Stadt waren. Das Ansehen der jüdischen Kaufleute war in Abhängigkeit der Politik ein Auf und Ab. So vor Augen geführt war ich erschrocken, wie leicht die Bürger sich von den gesellschaftlichen Trends tragen ließen und dabei auch plötzlich ihren Hass gegen ihre jüdischen Freunde richteten.

Die Zeit im Roman schreitet zügig voran. Heidi Rehn verweilt jeweils etwas länger bei wichtigen, dann natürlich fiktiven Ereignissen im Familienkreis und realen bedeutenden politischen Geschehnissen. Manchmal werden Monate und Jahre übersprungen, auch wenn der aktuelle Abschnitt mit einem Cliffhanger endet. Um den Anschluss zu halten, übermittelt die Autorin dem Leser in diesen Fällen die weitere Entwicklung im Rückblick. Hin und wieder wirkte diese Technik auf mich leider wie eine Kürzung des Textes. Nach meiner Vorstellung hätte der Roman ausführlicher in zwei Teilen erscheinen können. Auf der vorderen Innenseite ist der Stammbaum der Familie Hirschvogl gedruckt. Bei näherer Betrachtung nahmen die Angaben ein wenig die Spannung, weil ich anhand der Auflistung und der Geburts- und Sterbedaten nachvollziehen konnte, wer in die Nachfolge von Jacob Hirschvogl einsteigen würde. Das Glossar am Ende des Buchs mit Erklärungen zu Begriffen aus dem Kaufmannswesen, wichtigen zeitgeschichtlichen Figuren, Abkürzungen und bayrischer Mundart habe ich sehr zu schätzen gewusst.

Die Familie der Besitzer des fiktiven Warenhauses in München erlebt in „Das Haus der schönen Dinge“ viele glückliche Momente, aber auch zahlreiche Enttäuschungen, Neid und Verrat. Wer gerne Familienromane über mehrere Generationen liest und wie ich Interesse an der Geschichte eines Kaufhauses hat, dem empfehle ich dieses Buch gerne weiter.

Montag, 24. Juli 2017

[Rezension Hanna] Der Sommer in deinen Augen - Diego Galdino


Der Sommer in deinen Augen
Autor: Diego Galdino
Übersetzerin: Christiane Landgrebe
Paperback: 320 Seiten
Erschienen am 18. Juli 2017
Verlag: Atlantik

Inhalt
In der Toskana im beschaulichen Städtchen Cetona hat sich bei Familie Ferretti ungewöhnlicher Besuch angekündigt. Der berühmte Maler Tyron Lane will einige Zeit in der freistehenden Wohnung des Hauses leben und die Landschaft für eine Kundin aus New York auf Leinwände bannen. Doch Stolz und Aufregung der Familie schlagen bald in Enttäuschung um, denn der Maler wünscht keinen engeren Kontakt. Durch einen Zufall soll einige Zeit später Sofia, Tochter der Familie und Lehrerin, Tyron das Umland zeigen. Was während des Tages passiert, hätte wohl keiner der beiden gedacht. Doch wie kann es nun weitergehen?

Meinung
Der Titel und Klappentext des Buches deuten wie auch die gedeckten Farben des Covers auf eine sommerlich-melancholische Liebesgeschichte hin. Das Buch beginnt mit Tyrons Ankunft in  Cetona. Er will möglichst geheim halten, dass er überhaupt da ist, doch die Familie Ferretti hat es zu seiner Missbilligung schon im ganzen Städtchen erzählt. Kein guter Start für das Zusammenleben unter einem Dach. Der Maler geht gleich weiter auf Distanz und macht deutlich klar, dass er keinen Anschluss sucht.

Vor allem Sofia, die Tochter der Ferrettis, ärgert sich über Tyrons schroffes Verhalten, was ich gut nachvollziehen konnte. Kapitel aus seiner Perspektive zeigen gleichzeitig, dass ihn etwas aus der Vergangenheit zu quälen scheint. Warum hörte er vor einigen Jahren auf, Portraits zu malen und begann damit, so regelmäßig von einem Land ins nächste zu reisen, dass er „The Homeless Painter“ genannt wird? Und wer ist die Frau, die auf jedem seiner Bilder als Signatur in die Landschaft blickt? Sobald die Sprache auf eins dieser Themen kam wurde er noch verschlossener, sodass meine Neugier geweckt war, welche scheinbar tragische Geschichte dahinter steckt.

Die Geschichte lässt sich zügig lesen. Schon bald kommt es durch einen Zufall dazu, dass Sofia und Tyron einen Tag zusammen verbringen. Danach ist alles anders. Die beiden fühlen sich zueinander hingezogen, doch Sofia wurde schon einmal enttäuscht, und Tyron will sich weiterhin nicht öffnen. Dennoch verbringen die beiden immer wieder schöne, heimliche Momente miteinander, die kostbar und zugleich zerbrechlich sind. Man hat stets das Gefühl, dass das vorsichtige Vertrauen der beiden zueinander jederzeit verloren gehen kann.

Freude und Leid liegen in dieser Geschichte eng beieinander. Schließlich kommt es zu überraschenden Entwicklungen, einem schockierenden Ereignis und einer traurigen Enthüllung. Doch was heißt all das für Sofia und Tyron? Als Leserin schwebte ich zwischen Hoffen und Bangen. Den Abschluss passte für mich gut zum Geschehenen.

Fazit
„Der Sommer in deinen Augen“ bietet eine zarte und zerbrechliche Liebesgeschichte zwischen dem berühmten Maler Tyron Lange, der von einem Land ins nächste zieht und keinen Wert auf neue Bekanntschaften legt, und Sofia, die sich über sein Verhalten ärgert, bis sie einen Tag mit ihm verbringt. Melancholisch und doch hoffnungsvoll ist dies eine gelungene Geschichte für Zwischendurch, die den Leser in die schöne Toskana entführt.



Sonntag, 23. Juli 2017

[Rezension Ingrid] Hier stirbt keiner von Lola Renn


Titel: Hier stirbt keiner
Autorin: Lola Renn
Altersempfehlung: ab 12 Jahren
Erscheinungsdatum: 22.06.2017
Verlag Fischer Kinder- und Jugendtaschenbuch (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Klappenbroschur

„Hier stirbt keiner“ von Lola Renn ist ein Buch für Jugendliche ab 12 Jahren und es ist im Roman so, wie der Titel es bereits verrät, denn es stirbt wirklich niemand. Aber stirbt man nicht ein wenig, wenn man allein zurück gelassen wird? Die Protagonistin Annika hat schon mal das Gefühl, dass sie das letzte Lebewesen auf der Welt ist und alle übrigen sind bereits ausgestorben. Wenn sie sich in diesen Momenten wie das Mädchen auf dem Cover auf den Boden legt, ändert sich natürlich ihr Blick auf ihr Umfeld. Ihre Eindrücke sind dann sehr ungewöhnlich und sie unterstützen ihre Einsamkeit noch. Aber darüber spricht sie mit keinem.

Annika ist 15 Jahre alt, hat einen älteren Bruder und eine beste Freundin. Sie ist eine eher unauffällige Schülerin. Doch innerhalb kurzer Zeit ändert sich ihr Leben drastisch, denn ihr Bruder Marek fliegt ohne festen Pläne nach Nordamerika, sie streitet sich mit ihrer Freundin und zu Hause herrscht Kleinkrieg zwischen ihren Eltern. Hat sie vorher noch mit Marek die Sorgen um die Ehe ihrer Eltern teilen können, so beschränkt er jetzt den Kontakt zu Annika auf wenige Sätze. Nur Chris, der beste Freund von Marek ist ihr auch weiterhin ein guter Freund. Aber er plant ein Studium im fernen München. Annika zaudert, tiefere Gefühle zuzulassen, um nicht noch einen Weggang verschmerzen zu müssen.

Die Protagonistin hat nicht nur mit ihren sich verändernden Gefühlen zurecht zu kommen und sich in diversen Gruppen Gleichaltrigen zu behaupten, sondern ihr sicherer Ruhehafen zu Hause befindet sich ebenfalls im Aufruhr. Ihre Eltern bringen nicht das nötige Verständnis für die Sorgen ihrer Tochter auf, denn ihre eigenen massiven Probleme miteinander wollen auch gelöst werden. In ihrem Alter hat Annika allerdings auch nicht das nötige Potential die Situation danach einzuschätzen, dass nicht nur sie diejenige ist, die unter der Reise ihres Bruders und dem Stress der Eltern leidet. In der Folge fühlt sie sich unverstanden und zieht sich immer mehr zurück. Mit Chris und ihrem Bruder hat sie schon viele unmögliche, aber auch wunderschöne Erlebnisse gehabt. Zuerst mag sie gar nicht glauben, dass sie auch weiterhin für Chris interessant ist. Erstaunt stellt sie fest, dass sie in ihm nahezu einen Seelengefährten hat, denn auch er kennt psychisch schwierige Situationen.

Lola Renn erzählt ganz nah am Leben und gerade das macht den Roman so nachvollziehbar. Ihre Charaktere haben Ecken und Kanten. Annika hilft in vielen Situationen unaufgefordert in der Pension ihrer Mutter, was ich nicht selbstverständlich fand. Ihr Verhalten zu Bezugspersonen war dagegen häufiger unfreundlich. Die Autorin beschreibt in diesem Bereich aber beispielsweise nicht nur den Streit zwischen Annika und ihrer Freundin, sondern sie bietet auch einen möglichen Weg aus der Krise an. Chris wird zu Annikas Zuflucht, aber auch ihrem wunden Punkt, der sehr schnell verletzt werden kann. Lola Renn erzählt den Umgang von Annika mit ihren Eltern und Freunden ohne selbst zu werten. Annika wird zunehmend deutlich, dass auch ihr eigenes Verhalten auf andere verletzend wirkt.

Der Roman bietet ausreichend Gesprächsstoff über die Leere, die sich durch den Weggang eines Geschwisters ergibt, Streit in einer langen Freundschaft, Selbstmordgedanken, Einordnen von Gefühlen bei erwachender Liebe, Kommunikationsprobleme mit Vater und Mutter sowie Trennung der Eltern. Ich empfehle das Buch daher nicht nur Jugendlichen, sondern auch deren Eltern oder das Lesen in einer Gruppe. Nicht für jedes Problem gibt es eine ideale Lösung, im Buch werden aber einige Möglichkeiten angedeutet. Das Ende bietet Potential für eine Fortsetzung.

Samstag, 22. Juli 2017

[Rezension Hanna] Heartware - Jenny-Mai Nuyen


Heartware
Autorin: Jenny-Mai Nuyen
Paperback: 416 Seiten
Erschienen am 21. Juli 2017
Verlag: Rowohlt Polaris

Inhalt
Adam Eli erhält eines Tages eine Mail, die für ihn alles verändert. Seit einiger Zeit schlägt er sich nach dem Abbruch diverser Studiengänge als Ghostwriter durch. Doch nun wird er aufgefordert, Will zu suchen. Ausgerechnet Will, die er vor neun Jahren in Bolivien kennen- und lieben lernte und von der er bis heute nicht weiß, ob sie ihn auf fatale Weise verraten hat. Er bleibt skeptisch und möchte erst einmal erfahren, warum sie überhaupt gesucht wird. Dazu führt ihn die Reise nach Dubai und mitten hinein in ein gefährliches Kräftemessen von einigen der mächtigsten Menschen der Welt mit einem ungewöhnlichen Gegner…

Meinung
Das Cover von „Heartware“ gefällt mir mit seiner mattgoldenen Schrift und den Hochhäusern, die aus Datenströmen zu bestehen scheinen, sehr gut. Das Internet spielt in der Geschichte eine große Rolle – das wird spätestens im Prolog klar, wo auf zwei Seiten vom Tag der Zerstörung des Internets berichtet wird. Wie konnte es dazu kommen? Diese Frage wird erst einmal nicht beantwortet und neugierig startete ich in die Geschichte, die sieben Tage vor diesem Ereignis und mit Adam Eli beginnt.

Über Adam Eli erfährt der Leser gleich zu Beginn, dass er sich eine Zeit lang in bolivianischer Gefangenschaft befand, was zuerst gar nicht zu meinem ersten Eindruck des nerdigen Ghostwriters passte. Durch die Aufforderung, Will zu suchen, kommen bei ihm viele alte Erinnerungen hoch – er konnte sie neun Jahre lang nicht vergessen, obwohl er nicht einmal wusste, ob sie noch lebt. Im Gespräch mit seinem mysteriösen Auftraggeber erhält man eine ganz kurze Zusammenfassung von Elis Vergangenheit, die mir half, einen Überblick zu gewinnen.

Abwechselnd zu den Kapiteln aus Elis Perspektive gibt es Kapitel aus der Sicht von Mariel Marigny. Diese wurde damit beauftragt, Eli bei der Suche nach Will zu begleiten. In ihr steckt mehr als eine hübsche Reisebegleiterin, wie Eli zunächst denkt. Sie ist eine Hackerin, die pragmatisch denkt und bereit ist, Risiken einzugehen. Über sie selbst erfährt man wenig, sondern erhält durch ihre Augen vor allem einen Eindruck davon, wie Eli auf andere wirkt. Außerdem gibt es immer wieder Kapitel, die mit „Y“ übertitelt sind. In diesen begleitet man angebliche Interpol-Mitarbeiter bei der Jagd sowie eine Frau auf der Flucht und wird Zeuge von merkwürdigen Vorfällen im Netz. Während Eli und Marigny sich Will suchen enthalten diese eingestreuten Kapitel Hinweise darauf, worum es im Kern eigentlich bei all dem geht.

Eli und Marigny sind ein ungleiches Duo, das mir zusammen sehr gut gefallen hat. Die beiden trauen sich nicht über den Weg, müssen aber notgedrungen zusammenhalten und sich aus so manch brenzliger Situation retten. Aus Elis Perspektive erfährt man in dieser Zeit auch immer mehr über die gemeinsame Zeit mit Will, das mich verstehen ließ, warum er von dem Gedanken an sie nicht loskommen kann. Warum Will aber überhaupt gesucht wird, das bleibt lange unklar. Elis Auftraggeber behauptet lediglich, sie habe etwas gestohlen. Wie das die Vorkommnisse aus den Y-Kapiteln erklärt bleibt lange unklar, während der Fokus auf Elis Suche liegt. Auch wenn es immer wieder spannende Momente gab, hat sich diese für mich etwas hingezogen. Ich hätte mir früher mehr Erklärungen gewünscht. Auch die digitalen Ungereimtheiten und ihre Folgen hätten noch stärker thematisiert werden können.

Alle Ereignisse führen schließlich zum großen Moment der Enthüllung, der viele Fragen beantwortet und Erlebtes in neuem Licht erscheinen lässt. Ohne das Stichwort künstliche Intelligenz, das der Klappentext vorweg nimmt, hätte ich bis zu diesem Moment höchstens eine vage Vermutung gehabt, dass es sich um dieses Thema dreht. Die Dialoge rund ums Thema liefern viel Stoff zum Nachdenken, ob ein Szenario wie das Beschriebene möglich ist und ob man selbst das Thema eher als Chance oder Bedrohung sieht. Gleichzeitig wird es noch einmal richtig spannend und dramatisch, denn das Leben aller steht auf dem Spiel. Hier wurde das Potential der endlich voll ausgeschöpft und dem Leser ein starker Abschluss geboten.

Fazit
In „Heartware“ wird Adam Eli von einer einflussreichen Person aufgefordert, sich auf die Suche nach seiner alten Liebe Will zu machen, die neun Jahre zuvor verschwand und ihn vielleicht verraten hat. Die Suche wirft zunächst mehr Fragen auf, als sie beantwortet, während eingeschobene Y-Kapitel brisante Hinweise liefern, wie alles zusammenhängt. Ich hätte mir erste Antworten noch früher gewünscht. Die letzten Kapitel liefern schließlich Spannung und Aha-Erlebnis zugleich und runden das Buch gelungen ab. Ich kann Euch deshalb empfehlen, Euch selbst auf die Suche nach Will zu machen!

Mittwoch, 19. Juli 2017

[Rezension Ingrid] ... und morgen werde ich dich vermissen von Heine Bakkeid


Titel: ... und morgen werde ich dich vermissen
Autor: Heine Bakkeid
Übersetzerin: Ursel Allenstein
Erscheinungsdatum: 23.06.2017
Verlag: Rowohlt Polaris (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Klappenbroschur

Ein dunkler Leuchtturm, der über Seegras mit dem Meer verbunden scheint und von einem undurchdringlichen türkisblau umgeben ist, bildet das Cover zum Thriller „… und morgen werde ich dich vermissen“ des Norwegers Heine Bakkeid. Es passt gut zu dem vorliegenden Buch mit seiner zunächst undurchsichtigen verwobenen Geschichte. Der Titel bezieht sich nicht direkt auf die Aussage einer Person der Geschichte, sondern eher darauf, dass der Protagonist Thorkild Aske sich in Frei, eine junge Studentin verliebt hat, die gemeinsam mit ihm in einen Unfall verwickelt war und dabei ums Leben gekommen ist, wie man ihm als Schwerverletzten später erzählt hat.

Thorkild, über 40 Jahre alt, geschieden und kinderlos, war bis zu seinem Unfall bei einer Spezialeinheit der norwegischen Polizei für interne Ermittler beschäftigt. Noch bevor ihm eine neue Stelle vom Arbeitsamt vermittelt wird, bittet ihn sein betreuender Psychologen um einen  Gefallen. Er soll für ein Elternpaar das plötzliche Verschwinden ihres Sohnes aufklären, der einen Leuchtturm in Nordnorwegen zu einem Eventhotel umbauen wollte. Trotz seiner anfänglichen Weigerung übernimmt er den Auftrag. Nach ersten ergebnislosen Befragungen im Umfeld des bis dato unauffindbaren Sohns wird eine Leiche in einer stürmischen Nacht auf der Leuchtturmwärterinsel angespült und verschwindet fast genauso schnell wieder. Thorkild konnte jedoch vorher die Leiche grob untersuchen. Es handelte sich um eine Frau, die aber von niemand vermisst wird. Mit seiner Bitte, ihn von der Insel abzuholen, löst er eine weitere Reihe von Unerklärlichem aus. Er beginnt zu ermitteln, auch zu seiner eigenen Sicherheit, denn aus der Beschreibung der Geschehnisse könnten sich auch Hinweise gegen ihn richten lassen.

Der Thriller ist aus der Sicht von Thorkild geschrieben, so bleibt der Leser immer an seiner Seite bei den Ermittlungen und kann seine Wahrnehmungen teilen. Die verwendete Zeitform im Haupthandlungsstrang ist das Präsens. Auf diese Weise hatten die Ereignisse auf mich einen unmittelbareren Eindruck. Dennoch blieb mir die Figur des Thorkild bis zum Schluss suspekt. Bereits durch den Prolog wusste ich, dass er Selbstmordgedanken hegt, mir wurde aber nicht ganz deutlich, ob sich der Wunsch über eine Zeit entwickelt hat oder aus Gelegenheiten heraus erwächst. Er fährt eine harte Linie im Leben mit Teils verwendeter brutaler Gewaltübergriffe. In Einschüben finden sich die Erinnerungen von Thorkild vom Kennenlernen Freis an bis zum Unfall, der dubios bleibt. Nirgends scheint Thorkild mit offenen Armen aufgenommen zu werden, was vielleicht seiner speziellen Art des Humors geschuldet ist den nicht jeder versteht.

Die Konstruktion des Thrillers ist gelungen, wenn es auch einige mysteriöse Handlungen gibt, die nicht hätten sein müssen, weil sie nicht unmittelbar zur Fallaufklärung benötigt werden und die Darstellung auf mich realitätsfern wirkte. Nach einem eher mühsamen Anfang wächst die Spannung deutlich mit dem Fund der weiblichen Leiche. Bereits vorher hat der Autor den Leser mit in eine unwirtliche Gegend nach Nordnorwegen genommen und untermalt die Ermittlungen mit Kälte, Sturm und Einsamkeit. Nicht alltägliche Gerüche und Geräusche glaubte ich als Leser beinahe zu spüren. Interessant fand ich die Frage danach, wie man jemanden wie Thorkild verhören soll, der sich selber ausgiebig mit Methoden der Verhörtechnik beschäftigt und auch ausgeführt hat.

„… und morgen werde ich dich vermissen“ ist ein Thriller der mich nicht uneingeschränkt überzeugen konnte. Zwar war die Handlung nach einer Einführung einiger wichtiger Charaktere und der Vergabe des Auftrags zum Aufsuchen einer vermissten Person zunehmend spannend bis zum Schluss, aber ich konnte die Handlungen des Protagonisten nicht immer nachvollziehen. Das Buch ist der Auftakt zu einer Serie mit Thorkild Aske als Ermittler. Wer gerne Thriller liest und mit Gewalt keine Probleme hat, ist hier richtig.

Donnerstag, 13. Juli 2017

[Rezension Ingrid] Sand in Sicht von Katrin Einhorn


Titel: Sand in Sicht
Autorin: Katrin Einhorn
Erscheinungsdatum: 05.05.2017
Vertag: dtv (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe Taschenbuch (Leseexemplar)

„Sand in Sicht“ von Katrin Einhorn brachte mich als Leser bereits vom Cover her ans Meer und versprach bereits durch die Aufmachung des Buches eine schöne Urlaubsgeschichte mit Romantk, Sonne und Wellengang in einer Beziehung.

Leonhard, Lenny genannt, ist Mathematikstudent im achten Semester. Er liebt Ordnung, gerade Linien und die Berechnung alltäglicher Dinge wie beispielsweise Abstände oder Schrägen. Mit seiner Freundin Zoe macht er Urlaub an der französischen Mittelmeerküste, bis die traute Zweisamkeit unerwartet von einer Person gestört wird, die ihm von Zoe als ihre neue Beziehung vorgestellt wird. Er packt seine Sachen im Hotelzimmer und befindet sich bereits auf der Rückreise als ihm seine Geldbörse und seine Reisetasche geklaut werden. Couchsurfing erscheint ihm die einzig schnell umsetzbare Möglichkeit. Dabei lernt er die chaotische Hanna kennen, die dafür plädiert, dass Lenny sein Glück nicht einfach aufgeben, sondern mit Raffinesse zurückgewinnen soll.

Lenny ist ein nerdiger Typ mit vielen Eigenarten bei dem man nachvollziehen kann, dass eine Freundschaft mit ihm schwierig ist. Hanna ist alleinerziehend und auf der Suche nach einer neuen Beziehung, wobei sie ihre Ansprüche hoch gesetzt hat. Obwohl Lenny darüber zaudert, ob er Zoe für sich zurückgewinnen kann und will, wurde mir schnell bewusst, dass er sich nicht nur mit seinen Gefühlen zu seiner früheren Freundin auseinandersetzen muss.

Die Autorin erzählt locker-leicht mit Augenzwinkern und schrägen Ideen eine turbulente Komödie mit liebenswerten Charakteren und einigen unverhofften Wendungen.  All diejenigen, die nach einer Lektüre für ein paar sonnige unterhaltsame Stunden am Strand oder auf der Terrasse beziehungsweise dem Balkon suchen, bei der man kurz vom Alltag abschalten kann, während man sich beim Lesen mit den kleinen Sorgen der Romanfiguren beschäftigt, sind bei „Sand in Sicht“ richtig.


Dienstag, 11. Juli 2017

[Rezension Hanna] Bretonisches Leuchten - Jean-Luc Bannalec


Inhalt
Für Kommissar Dupin stehen zwei Wochen Strandurlaub an der Côte de Granit Rose gemeinsam mit Claire auf dem Programm. Doch die verordnete Ruhe wird für ihn schnell zur Geduldsprobe. Seine Anrufe auf dem Kommissariat ändern an seiner Langeweile nichts, denn Nolwenn verweigert ihm jegliche Information. Doch dann kommt es in seinem Ferienort Trégastel zu einer Reihe von Vorfällen: Erst gibt es einen Diebstahl und einen Einbruch, dann wird eine Abgeordnete durch einen Steinwurf verletzt und schließlich verschwindet ein anderer Feriengast spurlos. Gibt es Zusammenhänge? Heimlich stellt Dupin Nachforschungen an, bei denen er sich weder von Claire noch vom ansässigen Kommissar erwischen lassen sollte…

Meinung
Auf den ersten Seiten des inzwischen sechsten Falls für Kommissar Dupin scheint ein neuer Fall ganz weit weg zu sein. Dupin befindet sich im Sommerurlaub und soll den Tag mit Schwimmen, Sonnen und Essen verbringen. Zumindest gegen letzteres hat er nichts einzuwenden, doch das Nichtstun setzt ihm schnell zu. Er verweist zwar immer wieder auf seine Ferien, kann aber Anrufe im Kommissariat nicht sein lassen und hört auch bald bei den Gerüchten über merkwürdige Vorfälle genauer hin, die die Runde machen. Der recht ruhige Start hielt einige amüsante Momente bereit, doch ich wartete noch auf mehr Schwung und einen „richtigen“ Fall, der gelöst werden will.

Ruhelos wandert Dupin umher und macht so schnell neue, interessante Bekanntschaften in Trégastel. Sein erster Kontakt in Sachen Neuigkeiten und Gerüchte ist Rosmin Bellet. Der eifrige Hotelbesitzer erzählt Dupin von den aktuellen Vorfällen wie dem Diebstahl einer Heiligenstatue, einem Einbruch ohne dass etwas entwendet wurde und schließlich dem Steinwurf auf eine Abgeordnete. Das gibt Dupin den entscheidenden Schubs, sich mal etwas umzuhören, zum Beispiel bei Élodie Riou, der nicht weniger redseligen Besitzerin des Presseladens, die ihm auch sagen kann, wann man Verdächtige bei ihr im Laden „zufällig“ abpassen kann. Spätestens als auch noch eine Frau vor seinen Augen verschwindet und Dupin dem nachgehen will ist nicht mehr zu leugnen, dass er auch in den Ferien das Ermitteln nicht sein lassen kann.

Dupins Versuche, seine Aktivitäten geheim zu halten, sind wirklich unterhaltsam. So kauft er zum Beispiel ein blaues Clairefontaine statt eines roten für seine Notizen und schlägt euphorisch Ausflüge zu Orten vor, die in möglicher Verbindung zu den Vorfällen stehen. Claire scheint von seinen Ermittlungen nichts zu merken – oder kommen ihr Dupins Ausreden, die Zeit nicht auf dem Liegetuch zu verbringen, etwa gelegen? Trotzdem muss Dupin Informationen für seine Ermittlungen vor allem aus zweiter Hand beziehen und Befragungen unter dem Deckmantel harmloser Plaudereien vornehmen. Das geht alles nicht sonderlich schnell und ich vermisste die echte, heißt unmittelbare Ermittlungsarbeit.

Mit dem Fund einer Toten wird die Geschichte schließlich interessanter. Wer war die Frau? Was hatte sie am Fundort zu suchen? Auch hier wird Dupin von seinen Kontakten auf dem Laufenden gehalten, zu denen immer mehr Personen zählen. Ob trotzdem geheim halten kann, was er da macht? Der ansässige Kommissar scheint zumindest eine Vermutung zu haben, dass da etwas im Busch ist. Derweil ferien-ermittelt Dupin weiter in verschiedene Richtungen. Es gibt viele Fragen und einige Verdächtige, die wenn nicht in den Steinwurf und den Mord, dann zumindest in andere krumme Machenschaften verwickelt sind. Die Auflösung ist schließlich plausibel, doch die Art und Weise der Offenbarung ist selbst für Dupin schräg und konnte mich nicht so recht überzeugen.

Fazit
In „Bretonisches Leuchten“ macht Dupin gemeinsam mit Claire Strandurlaub. Doch Ruhe ist für den Kommissar ein Fremdwort, und so beginnt er schnell, sich bezüglich verschiedener Vorkommisse in der Gegend umzuhören. Als eine Tote gefunden wird ist Dupins Lust, Ermittlungen anzustellen, endgültig geweckt. Seine Versuche, die Nachforschungen geheim zu halten, waren sehr amüsant. Doch insgesamt kam die Geschichte nicht so recht in Schwung. Die neuen Charaktere sind interessant, doch ich hätte mir mehr unmittelbare Ermittlungsarbeit und überraschende Entwicklungen gewünscht. Die Idee, Dupin in die Ferien zu schicken, hat mir gut gefallen, doch in der Umsetzung reicht es bei mir nur für gute drei Sterne.