Donnerstag, 19. April 2018

[Rezension Ingrid] Beschreibung einer Krabbenwanderung von Tarosh Taha


„Beschreibung einer Krabbenwanderung“ ist der Debütroman von Karosh Taha. Die Autorin wurde im Nordirak geboren und hat dort etwa zehn Jahre lang gelebt bevor sie und ihre Familie in den Westen Deutschlands zogen. Für ihre fiktive Hauptfigur Sanaa hat sie einen ähnlichen Hintergrund geschaffen. Eine der nachhaltigsten Erinnerungen ihrer Protagonistin an ihre Kinderjahre im Irak ist der Biss einer Krabbe in ihre Wade und der anschließende Trost ihres Vaters, der ihr dazu eine Fabel erzählt. Der Titel des Buchs ist eine Anspielung darauf. Auf dem Körper der stilisierten Krabbe ist ein Hochhaus, ein Plattenbau zu erkennen. In einem solchen Gebäude lebt Sanaa mit ihren Eltern und ihrer jüngeren Schwester Helin in einer Großstadt Nordrhein-Westfalens.

Sanaa ist 22 Jahre und Studentin. Doch statt sich ganz dem Studium zu widmen, fühlt sie sich ihrer Familie verpflichtet. Ihre Mutter ist depressiv, hängt ihren Gedanken an die irakische Heimat nach und ist dadurch nicht mehr in der Lage ihren Haushalt zu führen. Sie akzeptiert es, dass ihre Schwägerin, die im gleichen Haus wohnt, gemeinsam mit einer weiteren Nachbarin täglich stundenlang in ihrer Wohnung hockt und raucht, angeblich um nach dem Rechten zu sehen. Sanaas Vater geht wechselnden Jobs nach und verbringt seine Freizeit außerhalb der Familie. Sich auf eine feste Beziehung einzulassen fällt der Studentin schwer, stattdessen hat sie neben ihrem Freund einen weiteren Liebhaber. Zwischen der Erinnerung an ihre Kindheit,  den gegenwärtigen Problemen mit ihren Eltern und dem teils mythisch untermalten Erwartungen der ganzen Familie basierend auf kurdischen Verhaltensnormen, versucht Sanaa zu sich zu finden und an einer eigenen Zukunft zu bauen.

Als Leser benötigte ich einige Seite um mich im Leben von Sanaa einzufinden, jedoch breitete es sich dann mehr und mehr vor mir aus. Wirkte Sanaa zunächst eher wie jemand, der süchtig nach körperlicher Liebe ist, so begriff ich im Laufe der Zeit, dass die junge Kurdin sich nach einem Halt im Leben sehnt, jedoch ohne sich selbst an jemanden zu binden. Denn in dieser Pflicht sieht sie sich bereits gegenüber ihrer Mutter Asija. Niemand hat sie dazu aufgefordert, doch sie ist diejenige, die die Sehnsucht Asijas nach der Heimat im Irak versteht, weil sie Erinnerungen teilen. Während sie täglich die Gegenwart mit all ihren Problemen meistert, gräbt sie in der Vergangenheit ihrer Eltern um den Wunsch nachzuvollziehen, warum sie nach Europa ausgewandert sind. Sie finet keinen eindeutigen Grund, denn ihr werden dazu mehrere Versionen erzählt. Ihr Studium bietet ihr die Gelegenheit aus der vertrauten Umgebung auszubrechen und einige Stunden für sich zu verbringen, einfach eine junge Frau unter Freunden zu sein, ganz bewusst ohne weitere Verpflichtungen.

Karosh Taha beschreibt in „Beschreibung einer Krabbenwanderung“ das Leben einer jungen Frau zwischen Tradition und Moderne in einer Sprache, die teils träumen lässt, teils bewegend ist und in einigen Szenen auch amüsiert. Es entwickelte sich mit der Zeit ein Sog, der mich dazu brachte, immer mehr von den Sitten und Gebräuchen der mir fremden Kultur erfahren zu wollen. Der Roman gab mir die Hoffnung mit auf den Weg, dass auch Sanaa ihren Platz in der Familie und Gesellschaft finden wird. Gerne vergebe ich dem Buch eine uneingeschränkte Leseempfehlung.


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Titel: Beschreibung einer Krabbenwanderung
Autorin: Karosh Taha
Erscheinungsdatum: 12.03.2018
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen)

Dienstag, 17. April 2018

[Rezension Ingrid] Scythe - Der Zorn der Gerechten von Neal Shusterman


„Scythe – Der Zorn der Gerechten“ ist der zweite Band einer dystopischen Trilogie von Neal Shusterman. Im Mittelpunkt stehen wie auch im ersten Teil die Scythe (engl. für Sense) deren Aufgabe darin besteht, den inzwischen nicht mehr existenten natürlichen Tod zu ersetzen, indem sie die von ihnen ausgewählten Personen mit einer von ihnen ausgesuchten Tötungsmethode „nachzulesen“. Sie haben dabei eine festgesetzte Quote zu erfüllen. Im ersten Band habe ich darüber gelesen, wie die inzwischen 18-jährige Citra zur Scythe ausgebildet wurde und sich fortan Scythe Anastasia nennen durfte. So gekleidet wie die junge Frau auf dem Cover könnte sie in der Öffentlichkeit ihrer Aufgabe nachgehen. Bereits die dunkle Gestaltung des Buchs weist auf einen entsprechend gestalteten Inhalt hin. Zwar geht der Autor nochmals auf einige grundlegende Ereignisse aus dem ersten Teil ein, jedoch ist dessen Kenntnis für den zweiten Band von Vorteil.

Auf Citra wird wenige Monate nachdem sie ihr Amt angetreten hat ein Anschlag verübt. Rowan, der gemeinsam mit ihr ausgebildete Scythe, hat keine Berechtigung zur Ausübung des Nachlesens erhalten. Schnell kommt der Verdacht auf, dass er aus Rache verantwortlich für das Attentat ist. Er hält sich versteckt und recherchiert über Scythe, die bei ihrer Aufgabe besonders brutal oder unfair vorgehen. Einige davon hat er bereits getötet. Die Künstliche Intelligenz „Thunderhead“, die sich aus der heutigen Cloud entwickelte und seit über zweihundert Jahren im Dienst ist, hält alle je im System abgelegten Daten bereit und entwickelt sich aus deren Auswertung ständig weiter. Scythe und Thunderhead akzeptieren die Gesetze der je anderen Existenz, ein gemeinsames Wirken oder sogar eingreifen ist aber ausdrücklich nicht erwünscht. Zur physischen Umsetzung von Taten, die der Thunderhead für nötig hält, bedient er sich ausgewählter Menschen. Greyson scheint einer davon zu sein, bis er als sogenannter „Widerling“ gekennzeichnet wird mit denen der Thunderhead sich jeden Kontakt verbietet.

Auch im zweiten Band geht es um die Vor- und Nachteil in einer Welt zu leben die den natürlichen Tod nicht mehr kennt, was zwangsweise zur Überbevölkerung der Erde führt. Standen im ersten Teil der Serie noch die Scythe im Fokus, einhergehend mit den Fragen, ob andere Menschen zum Töten ausgewählt werden dürfen und den Maßstäben nach denen getötet werden soll, so stellt Neal Shusterman diesmal die Künstliche Intelligenz in den Mittelpunkt. Vor jedem Kapitel fügt der Autor ein Protokoll des Thunderheads ein, mit dessen Überlegungen zur Menschheit, den Sycthe und sich selbst und seiner Unfehlbarkeit. Das brachte mich zum Nachdenken über folgende Probleme: Dürfen wir einem System aufgrund der Basis von Daten weitreichende Entscheidungen zum Erhalt des bewohnbaren Planeten Erde anvertrauen? Inwieweit ist dazu das Erheben persönlicher Daten ohne der Einwilligung der jeweiligen Person nötig und erlaubt? Wenn es Orte in der Welt gibt, die von der Datenerhebung ausgenommen sind, wie reliabel sind dann die Auswertungen?

Nachdem der Autor bereits im ersten Band die Scythe und den Thunderhead und deren Arbeitsweise vorgestellt hat, bringt er mit den Widerlingen eine neue interessante Komponente in die Geschichte ein, die die Spannung nochmals erhöht. Neben Rowan und Citra wird Greyson schnell zu einer weiteren Hauptfigur mit eigenem Handlungsstrang. Neal Shusterman führt die Erzählung schließlich zu einem furiosen, ungeahnten Finale zusammen, das in einem Cliffhanger endet und auf den abschließenden dritten Teil der Dystopie ungeduldig warten lässt.

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Titel: Scythe - Der Zorn der Gerechten (Band 2 einer Trilogie)
Autor: Neal Shusterman
Übersetzer: Kristian Lutze
Erscheinungsdatum: 14.03.2018
Verlag: Sauerländer (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover

Montag, 16. April 2018

[Rezension Hanna] Unheimliche Geschichten von Edgar Allan Poe, ausgewählt von Fjodor Dostojewski und illustriert von Kat Menschik



Unheimliche Geschichten
Autor: Edgar Allan Poe
Ausgewählt von Fjodor Dostojewski
Illustriert von Kat Menschik
Übersetzer: Steffen Jacobs, Alexander Nitzberg


Das Geierauge eines Greises, das einen Mann in den Wahnsinn treibt. Ein Säufer, der hartnäckig von einem schwarzen Kater verfolgt wird. Und ein seltsames Dorf, das aus dem Takt gerät. Das sind drei unheimliche Kurzgeschichten von Edgar Allan Poe, die 1861 von Fjodor Dostojewski ausgewählt wurden. Nun wurden sie von Steffen Jacobs neu übersetzt und von Kat Menschik illustriert und als Teil der Reihe „Lieblingsbücher“ im Galiani Verlag veröffentlicht.

Schon die äußere Gestaltung des Buches ist ein echter Eyecatcher. Leuchtendes Orange auf Dunkelblau, Titel und Beteiligte in großen Lettern, darüber vorn ein Herz, hinten eine Wirbelsäule, Rippen und ein einzelnes Auge. Diese Elemente spielen auf die ersten beiden abgedruckten Geschichten an und machen dem Leser deutlich, dass der Autor ihm das Gruseln beibringen will.

Insgesamt enthält das Buch drei verschiedene Kurzgeschichten, die von Wahnsinn, Obsession und höchst merkwürdigen Begebenheiten handeln. Die ersten beiden Geschichten über das Geierauge und den Kater sind in der Tat unheimlich, waren für mich aber zu kurz, als dass ich mich richtig hätte hineinfühlen können. Die letzte Geschichte über das Dorf war seltsam, damit konnte ich nicht so recht etwas anfangen.

Die gelungenen Illustrationen von Kat Menschik nehmen jeweils eine ganze Buchseite ein. Mal zeigen sie die konkreten Ereignisse der Geschichte, mal fangen sie die sie begleitenden Gefühle und Gedanken ein. Oftmals sind verschiedene Dinge übereinander gelegt und man muss sich ein wenig Zeit nehmen, um die verschiedenen Facetten zu erfassen. Manche Elemente konnte ich nicht klar benennen, was für mich zu den Geschichten passte, die auch immer einige unerklärliche Dinge beinhalten.

Viel zu schnell ist dieses schmale Buch ausgelesen. Aufgrund der besonderen Illustrationen und Buchgestaltung werde ich es aber sicherlich noch häufiger zur Hand nehmen. Ich vergebe drei Sterne für den Inhalt und fünf für Illustration und Gestaltung, das macht insgesamt vier Sterne. Ein schönes Buch zum Verschenken und Selbst-Beschenken, wenn man die Geschichten von Poe mag.   


Sonntag, 15. April 2018

[Rezension Ingrid] Von dieser Welt von James Baldwin


„Von dieser Welt“ ist der erste Roman des vor etwa 30 Jahren verstorbenen US-Amerikaners James Baldwin. Die Erzählung wurde 1953 zum ersten Mal veröffentlicht und ist inzwischen ein Klassiker der Weltliteratur. Jetzt wurde sie neu ins Deutsche übersetzt von Miriam Mandelkow mit einem Vorwort von Verena Lueken.

Die Geschichte trägt deutliche autobiographische Züge. James Baldwin verarbeitet darin, ungefähr fünfzehn Jahre später, die Ereignisse an dem Tag und der folgenden Nacht als er 14 Jahre alt wurde. Seinen Protagonisten nennt er John Grimes, der so wie er in Harlem/New York der 1930er heranwächst. Dessen Vater Gabriel verdient als Arbeiter gerade so viel um die Familie zu ernähren, doch er ist ein streng gläubiger Laienprediger der Baptistengemeinde. Sein Verhältnis zu den Weißen ist wie bei den meisten Schwarzen in Harlem von Hass genährt. Elizabeth, die Mutter von John, ist verantwortlich für Haushalt und Familie. Am Tag seines Geburtstags wird Johns jüngerer Bruder Roy auf der West Side bei einem Streit mit weißen Jugendlichen von einem Messer schwer verletzt.

Zunächst fragt sich John warum Roy in der Gunst des Vaters höher steht als er selbst und wieso Gabriel seine Frau wegen der angeblichen Vernachlässigung ihrer Aufsichtspflicht so drohend zur Rechenschaft zieht. Der folgende Teil des Romans lässt den Leser auf die Vergangenheit von Gabriels älterer Schwester Florence, von Gabriel und von Elisabeth zurück blicken, deckt Geheimnisse in der Familie auf und klärt dadurch viele Zusammenhänge.

Dieser eine Tag hat das Leben von John grundlegend geändert. Er ist wohlbehütet aufgewachsen und zum Glauben und zur Gottesfurcht angehalten worden. Sein Vater ist ein glühender Anhänger seiner Religion. Bei jedem Verhalten gegen die von den Eltern gesetzten Regeln und Grenzen bleibt es meist nicht beim Tadel, sondern Gabriel prügelt seine Kinder. Der pubertierende John setzt sich unweigerlich mit Recht und Unrecht auseinander. John sieht seinen Vater als Prediger im Auftrag der Kirche und deren Grundwerte vertretend. Seine Auflehnung gegen ihn bringt gleichzeitig eine in Fragestellung seines Glaubens mit sich. Währenddessen erlebt er täglich, dass sich die meisten Weißen überlegen geben in vielen Dingen. Die Schwarzen suchen Trost in ihrer Religion, die sie in der Gemeinschaft stark macht. Ohne die gebrochenen Lebenswegen seiner Eltern und seiner Tante zu kennen hat die bedeutende Nacht seines Geburtstags, die er in der Kirche im Kreis der Gemeinde verbringt, nachhaltigen Einfluss auf seine Gedankenwelt und seine Zukunft.

Unter der Voraussetzung, dass das Leben von James Baldwin dem von John sehr ähnlich ist, lässt sich feststellen, dass der Autor nicht zögert, die ihn bewegenden Gedanken durch seinen Protagonisten auszusprechen. Aus der Distanz vieler Jahre blickt er zurück auf seine Jugend und sucht sein Verhalten in dieser Zeit und sein Verhältnis zu seinen Eltern, vor allem zu seinem Vater, vor dem Hintergrund der Rassismus und der Glaubenstreue zu erklären. Es ist eine Auseinandersetzung mit an den ihn gestellten Erwartungen, die mit der Einnahme gewisser Rollen verbunden ist. Baldwins Roman bleibt jedoch nicht nur auf den Protagonisten bezogen, sondern erzählt gleichzeitig so viel mehr mit der exemplarischen Geschichte einer schwarzen Familie in den USA beginnend mit der Abschaffung der Sklaverei.

„Von dieser Welt“ ist mit so viel Ausdruck geschrieben, dass man die eigenen Gefühle des Autors zwischen den Zeilen zu spüren glaubt, seine Ohnmacht sich gegen die gegebene Ordnung zu stellen und seine Hoffnung, einen anderen Weg im Leben zu finden als sein von ihm gehasster Vater und dabei authentisch zu bleiben. Der Roman ist intensiv, ergreifend, aufwühlend und bleibt in Erinnerung.
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Titel: Von dieser Welt
Autor: James Baldwin
Übersetzerin: Miriam Mandelkow
Erscheinungsdatum: 28.02.2018
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen

Mittwoch, 11. April 2018

[Rezension Ingrid] Zwischen zwei Sternen von Becky Chambers



„Zwischen zwei Sternen“ ist ein Science-Fiction Roman der US-Amerikanerin Becky Chambers. So wie das Debüt der Autorin spielt auch diese Geschichte im Wayfahrer-Universum. Im Mittelpunkt der Erzählung stehen die Künstliche Intelligenz Lovelace und Pepper, eine junge Frau die auf dem Planeten Coriol einen eigenen Technikladen besitzt und bereits im ersten Band der Serie eine Nebenrolle spielte.

Der Roman handelt auf zwei Ebenen. Die Haupthandlung erzählt die Geschichte von Lovelace. Sie ist die Künstliche Intelligenz (KI) des Raumschiffs Wayfahrer, und erwacht nach einem Reboot in einem für sie geschaffenen menschenähnlichen Körper, Bodykit genannt. Ihre visuelle Wahrnehmung ist durch das Kit stark eingeschränkt ebenso wie die Zugriffe auf Daten zur Auswertung. An ihre vorige Existenz im Raumschiff erinnert sie sich nicht mehr. Pepper bietet ihr einen Platz in ihrem Zuhause und eine Arbeit als ihre Angestellte an, die sie annimmt. Unterbrochen wird die Erzählung von Rückblicken auf das Leben von Pepper, die als Kind ausgerissen ist und an Bord eines Raumschiffs, das auf einer Halde mit Abfall steht, von einer Künstlichen Intelligenz zum Überleben angeleitet wurde. Ihre eigenen Erlebnisse veranlassen die Technikerin der KI zu helfen.

Becky Chambers übernimmt für ihre Fortsetzung das von ihr geschaffene Wayfahrer-Universum mit dem im All befindlichen besonderen Planeten und Sternen und den einzigartigen Spezies wie den Aandrisks und Quelins. „Zwischen zwei Sternen“ kann unabhängig vom ersten Teil gelesen werden, denn außer Lovelace und Pepper wird kein anderer Charakter daraus weiterentwickelt. . Insgesamt gesehen ist der Spannungsbogen nicht ganz so hoch wie im vorigen Band. Die Autorin thematisiert diesmal die Organisation des Alltags auf einem andersartigen Planeten. Die beiden Protagonistinnen sind zwei sehr unterschiedliche Daseinsformen, die sich auf ihre eigene Weise ihre Umgebung erschließen. Beim Lesen wurden mir all die Schwierigkeiten bewusst, die zum Überleben notwendig sind in einer unwirtlichen Umgebung mit wenig Lebenserfahrung. Als Frage warf sich mir auf, bei welchem Dasein man von Leben reden kann.

Es ist bemerkenswert, wie Becky Chambers Konfliktsituationen schildert und gleichzeitig dazu nach einer für alle tragbaren Lösung sucht. Für die unterschiedlichen Spezies hat sie sich eigene Normen und Werte erdacht, die für ein sinnvolles Miteinander beachtet werden müssen. Dazu ist Respekt, Verständnis und Hilfsbereitschaft notwendig. Lovelace und Pepper stoßen mit ihrer Auslegung der Regeln immer wieder an Grenzen, womit die Autorin Fragen nach Richtig und Falsch, Gut und Böse aufwirft, die mich als Leser zum Nachdenken brachten. Auch diesmal sorgt Karin Will für eine verständige Übersetzung ins Deutsche.

Mit „Zwischen zwei Sternen“ beeindruckte Becky Chambers mich wie bereits bei ihrem Debüt mit ihrem großem Feingefühl für ihre Figuren im Miteinander einer multikulturellen Gesellschaft. Ich habe mich gefreut davon zu erfahren, dass die Serie fortgesetzt wird. Gerne empfehle ich das Buch an Science-Fiction-Leser weiter, die weniger über die Eroberung des Weltalls, sondern mehr über Völkerverständigung im Sterneuniversum lesen möchten.

Rezension zum ersten Band der Serie "Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten" ->KLICK

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Titel: Zwischen zwei Sternen (Band 2 der Serie, die im Wayfahrer-Universum spielt)
Autorin: Becky Chambers
Übersetzerin: Karin Will
Erscheinungsdatum: 25.01.2018
Verlag: Fischer Tor (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Taschenbuch

Dienstag, 10. April 2018

[Rezension Hanna] Nachtwild - Gin Phillips



Nachtwild
Autorin: Gin Phillips
Übersetzerin: Susanne Goga-Klinkenberg
Broschiert: 304 Seiten
Erschienen am 29. März 2018
Verlag: dtv

Inhalt
Wie so oft besucht Joan mit ihrem vierjährigen Sohn Lincoln den Zoo. Kurz bevor dieser für den Tag schließt und sie noch in einem entlegenen Winkel der Anlage spielen, ist aus der Ferne mehrmals ein Knall zu hören. Doch erst als Joan auf dem Weg zum Ausgang einen Mann mit Gewehr sieht, realisiert sie, dass sie und ihr Sohn in höchster Gefahr schweben. Wo können sie sich am besten verstecken vor jemandem, der wahllos auf Mensch und Tier zielt? Joan würde alles tun, um Lincoln zu schützen. Doch welche Entscheidungen muss sie dazu treffen?

Meinung
Das schwarze Cover des Buches zeigt einen blutroten Leoparden. Doch anders als man vielleicht zuerst vermutet geht es in der Geschichte nicht um wilde Tiere und sie spielt auch nicht nachts. Stattdessen dreht sich alles um einen Amoklauf im Zoo. Die Handlung umfasst einen Zeitraum von etwa drei Stunden, welche der Leser an der Seite von Joan verbringt, der Mutter des vierjährigen Lincoln. Schon nach wenigen Seiten wird aus dem gemütlichen Nachmittag im Zoo ein Szenario, in dem es um Leben und Tod geht.

Sobald Joan realisiert, in welcher Gefahr sie und Lincoln stecken, legt sie sich in Windeseile einen Plan zurecht. Ich fand das von ihr gewählte Versteck eine gute Idee. Kann sie dort ausharren, bis die Situation entschärft ist? So einfach ist es leider nicht. Zum einen muss sie sich um Lincoln kümmern und ihn ruhig halten. Dieser nimmt die Lage als Kind ganz anders wahr. Zum anderen ist der Mann mit Gewehr noch immer unterwegs, und er ist nicht allein. Ich flog durch die Seiten, weil ich unbedingt wissen wollte, ob alles gut ausgeht. Die Spannung ist dabei die meiste Zeit vor allem psychologischer Natur. Gut konnte ich nachvollziehen, wie sehr das Verstecken an Joans Nerven zerrt.

Doch blanke Nerven hin oder her – Joan beginnt bald, einige Dinge zu tun, die ich überhaupt nicht nachvollziehen konnte. Denn sie minimiert damit ihre Chance auf Rettung und steigert die Chance, entdeckt zu werden. Wie lange geht das wohl gut? Eine gelungene Ergänzung waren die Einschübe, in denen das Geschehen aus der Sicht anderer Menschen im Zoo geschildert wird. Da gibt einen Teenager und eine alte Dame, die sich ebenfalls verstecken. Die Perspektive eines Täters gibt dem Leser zudem Einblicke, was einen jungen Menschen zu solch einem schrecklichen Schritt treibt, wobei mir dies zu diffus blieb.

Zum Ende hin steigt die Spannung noch einmal deutlich an und Joan muss blitzschnell Entscheidungen treffen, von denen ihr Leben und das ihres Sohnes abhängt. Diese Momente sind nichts für schwache Nerven, und ab diesem Punkt muss man das Buch einfach in einem Rutsch zu Ende lesen, zu groß wäre sonst die Ungewissheit. Schließlich werden noch einige drängende Fragen beantwortet. Doch alles im allem war die Auflösung für mich nicht ganz rund und ich hätte mir noch mehr Erklärungen gewünscht.

Fazit
In „Nachtwild“ wird ein höchst beklemmendes Szenario geschildert, in welchem es um Leben und Tod geht: Ein Amoklauf im Zoo. Schreckliche Stunden in Gefahr und Ungewissheit werden aus der Perspektive von Joan, der Mutter eines kleinen Jungen, geschildert. Leider war Joans Verhalten für mich immer wieder absolut nicht nachvollziehbar und mir fehlten Erklärungen. Ich vergebe deshalb gute drei Sterne.

Montag, 9. April 2018

[Rezension Hanna] Die Farben des Lebens - Lorraine Fouchet


Die Farben des Lebens
Autorin: Lorraine Fouchet
Übersetzerin: Katrin Segerer
Hardcover: 320 Seiten
Erschienen am 14. März 2018
Verlag: Atlantik

Inhalt

Kim lebt auf der bretonischen Insel Groix und betreibt gemeinsam mit ihrem Freund Clovis einen Zeitungsladen. Außer ihm hat sie nur noch ihre Großmutter. Dass diese in die Schweiz fährt, um dort zu sterben, wirft Kim völlig aus der Bahn. Sie beginnt, in einem Notizbuch Pros und Kontras des Lebens zu sammeln und braucht dringend einen vorübergehenden Tapetenwechsel. Über eine Freundin erfährt sie, das eine Dame in einem exklusiven Seniorenheim in Antibes Unterstützung braucht. Gilonne ist in letzter Zeit immer verwirrter, akzeptiert Kim aber gleich als Mitglied in der Liga der glücklichen Rothaarigen. Die Demenz hat Gilonne verändert, und was andere über sie, ihr Verhalten und ihre Geschichte erzählen wirft für Kim so manches Rätsel auf.

Meinung
Ich habe mich sehr gefreut, nach „Ein geschenkter Anfang“ mit diesem Buch der Insel Groix erneut einen Besuch abzustatten. Die beiden Bücher sind nur ganz lose miteinander verknüpft, sodass man kein Vorwissen benötigt. Gleich auf den ersten Seiten erhält Kim den letzten Anruf ihrer Großmutter, die in der Schweiz nach eigener Aussage mit Stil das Handtuch wirft. Ich konnte gut verstehen, wie sehr das Kim aufwühlt – sie war ihre einzige Familie und ihre Entscheidung kommt für sie überraschend.

Schade fand ich, dass nicht weiter auf die Entscheidung der Großmutter eingegangen wird und ihre Motive völlig im Dunklen bleiben. Es wird nur erwähnt, dass sie mit Kim schon einmal über das Thema Sterbehilfe gestritten hat. Stattdessen konzentriert sich die Geschichte auf Kim, die einen Tapetenwechsel als einzigen Ausweg sieht, um sich auf das zu besinnen, was das Leben für sie bereit hält. In Antibes angekommen konzentriert sie sich auf ihre neue Rolle als Gesellschafterin von Gilonne und darauf, ihr Vertrauen zu gewinnen.

Parallel zum Handlungsstrang in der Gegenwart springt das Buch immer wieder in die Vergangenheit und berichtet über das Schicksal eines kleinen Jungen, bei dem eine schreckliche Tat sein Leben für immer verändert. Diese Einblicke konnten mich berühren und als Leser ahnt man bald, was das mit der Gegenwart zu tun hat. In dieser wird Kim allmählich mit den Abläufen im Seniorenheim vertraut und lernt auch einige andere mehr oder weniger liebenswerte Bewohner kennen.

Bald kommt Kim einem Geheimnis auf die Spur, weshalb sie alte Bekannte von Gilonne kontaktiert, um mehr herauszufinden. Diese zeichnen ein völlig anderes Bild der alten Dame, die mich ins Nachdenken darüber brachte, wie sehr Demenz einen Menschen verändern kann und ob dies mit Vergebung einhergehen kann. Kims Liste mit den Pros und Kontras des Lebens füllt sich bei diesen ganz unterschiedlichen Begegnungen zunehmend. Die Erfahrungen, die sie in ihrer Zeit in Antibes macht, sind berührend, traurig und schön zugleich – genau wie das Ende, welches die Geschichte gelungen abrundet.

Fazit
In „Die Farben des Lebens“ reist Kim nach dem Tod ihrer Großmutter von Groix nach Antibes, um dort vorübergehend in einem Seniorenheim zu arbeiten und über das Leben und Sterben nachzudenken. Das Buch bringt ins Nachdenken über das Altern und den Tod, behält dabei aber stets eine gewisse Leichtigkeit. Ein Geheimnis sorgt zusätzlich für ein wenig Spannung und Überraschungen. Sehr gern empfehle ich diesen bittersüßen französischen Roman weiter.