Dienstag, 26. September 2017

[Rezension Hanna] Coldworth City - Mona Kasten


Coldworth City
Autorin: Mona Kasten
Taschenbuch: 320 Seiten
Erschienen am 1. September 2017
Verlag: Knaur TV

Inhalt
Raven ist eine Mutantin und drei Jahre zuvor der gefährlichen Organisation AID entkommen, indem sie ihren Tod und den ihres Bruders vorgetäuscht hat. Die AID verspricht Mutanten, ihnen zu helfen, führt in ihren Laboren aber grausame Experimente an ihnen durch. Seither lebt Raven mit ihrem Bruder unter falschem Namen und legt nachts mit ihrem Fähigkeiten Verbrechern das Handwerk. Als etwas schief geht, wird sie von Wade gerettet, der ihr anbietet, für den Untergrund zu arbeiten und dort zu trainieren. Raven ist skeptisch und willigt ein, einen Monat lang zu bleiben. Bald machen sie eine schockierende Entdeckung…

Meinung
Ich mag Geschichten über Menschen mit besonderen Kräften und war von Beginn an neugierig, wie die Autorin das Thema umsetzt und welche Kräfte die Protagonistin hat. Davon erhält man gleich im ersten Kapitel eine Kostprobe. Raven arbeitet in einer Bar, wo sie Verbrecher aufspürt und auskundschaftet, um sie auf frischer Tat zu ertappen. Doch diesmal ist ein Mutant dabei, der Raven fast in die Knie zwingt. Nach diesem rasanten Einstieg freute ich mich auf mehr.

Kurz darauf nimmt jemand zu Raven Kontakt auf, um ihr ein Angebot zu unterbreiten. Sie ist mehr als skeptisch und will nicht mehr darüber wissen, denn bislang sind sie und Knox bestens allein zurecht gekommen. Ein erster dramatischer Höhepunkt bringt sie dazu, Wade und dem Untergrund eine Chance zu geben. Ich erlebte Raven als stark und selbstbewusst, wobei sie verschiedene Schwachstellen hat, die sie selbst kennt: ihr Bruder Knox, die Zeit bei der AID und eine Kraft, die tief in ihr schlummert. Sie wurde mir schnell sympathisch und ich fieberte mit, ob sie die richtigen Entscheidungen trifft. Wade hingegen gibt dem Leser zu Beginn Rätsel auf. Er zieht sich oft zurück, gleichzeitig bewundern ihn die anderen Mutanten ein wenig, denn er ist im Kampf der stärkste von ihnen. Erst nach und nach erfährt man, was dahinter steckt.

Das Buch bietet eine gute Mischung aus actionreichen Kämpfen, in denen die verschiedenen Kräfte zum Einsatz kommen, und ruhigeren Momenten. Die verschiedenen Mutanten verfügen hauptsächlich über klassische Superhelden-Fähigkeiten, zum Beispiel Unsichtbarkeit, Elektrizität, Heilkräfte und Telekinese. Mit Ravens unterdrückter Kraft kommt eine interessante neue und nicht ganz berechenbare Komponente hinzu. Zwischen den Kämpfen bleibt Zeit, um die Charaktere besser kennenzulernen, mehr über das Leben im Untergrund und die Haltung der Gesellschaft gegenüber Mutanten zu erfahren und beim Schmieden von Plänen dabei zu sein.

Die Enthüllung einer großen Verschwörung bringt nach einiger Zeit neuen Schwung in die Geschichte. In dieser Zeit entwickelt sich auch eine vorsichtige Liebe, deren Verlauf gut zu den Charakteren und dem Päckchen, das sie jeweils zu tragen haben, passt. Der grundsätzliche Verlauf blieb allerdings recht vorhersehbar, wenn man einige Superhelden-Geschichten kennt. Zum Schluss hin wird es noch mal dramatisch und spannend. Der Showdown hätte für mich dann noch etwas ausführlicher sein dürfen. Es ging alles plötzlich ganz schnell, wobei ich den Schluss sehr passend fand.

Fazit
In „Coldworth City“ ist Raven als geheim agierende Mutantin lange allein zurecht gekommen, bis ein Vorfall sie dazu bringt, sich vorübergehend dem Untergrund anzuschließen. Die Mischung aus Action und Story fand ich sehr gelungen. Gleichzeitig hätte ich mir noch weniger Vorhersehbarkeit und einen ausführlicheren Showdown gewünscht. Ich vergebe vier Sterne. Wer Superhelden-Geschichten mag, dem kann ich „Coldworth City“ empfehlen!


Montag, 25. September 2017

[Rezension Ingrid] Die Geschichte der getrennten Wege von Elena Ferrante


Titel: Die Geschichte der getrennten Wege
Autorin: Elena Ferrante
Übersetzerin: Karin Krieger
Verlag: Suhrkamp (Link zur Buchseite des Verlags)
Erscheinungsdatum: 27.08.2017
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen

Mit dem Roman „Die Geschichte der getrennten Wege“ liegt nun auch der dritte Band der vierteiligen Reihe von Elena Ferrante rund um die Ich-Erzählerin Elena und ihrer gleichaltrigen Freundin Raffaella, die von Elena Lila gerufen wird, in deutscher Übersetzung vor. Die Protagonistinnen verbindet eine über 60-jährige Freundschaft. Der vorliegende Roman erzählt von der Zeit, in der Lila weiterhin in Neapel wohnt und Elena als junge Ehefrau nach Florenz zieht. Es ist Ende der 1960er beziehungsweise es sind die 1970er Jahre und Italien wird von sozialen Unruhen erschüttert. Doch obwohl sie räumlich voneinander getrennt leben und einander nur noch selten sehen, reißt die Verbindung nie gänzlich ab und sie halten telefonischen Kontakt. Die Rivalität um einen Vorrang in ihrer Freundschaft bleibt dennoch weiter bestehen.

Der Erzählung voran gestellt ist eine Liste der handelnden Personen und die wichtigsten Ereignisse der Vergangenheit in die sie eingebunden waren. Der Roman beginnt zunächst im Jahr 2010, Lila wird vermisst und Elena schreibt über ihre gemeinsame Freundschaft. Bei ihrem letzten Treffen vor fünf Jahren hat sie einige nachteilige Veränderungen an Lila wahrgenommen. Sie deutet dem Leser an, dass in der Zwischenzeit einiges Furchtbares geschehen ist. Mich machte das natürlich neugierig, denn ich wollte wissen, was sich in den vergangenen Jahren Schreckliches ereignet hat. Gespannt wartete ich aber auch darauf, von schönen Erlebnissen der jungen Frauen in Neapel und Florenz zu erfahren, denn immerhin dauerte die Freundschaft der beiden Frauen weiterhin an.

Zunächst sieht es so, als ob Elena das Glück gefunden hat. Sie hat ein Buch geschrieben, das veröffentlicht wurde und erfolgreich ist. Mit Pietro Airota, den sie während ihres Studiums kennenlernte, hat sie den Sohn einer angesehenen und wohlsituierten Mailänder Familie geheiratet. Vergleichsweise jung wird er zum Universitätsprofessor berufen und erhält einen Lehrstuhl in Florenz. Schon bald wird Elena schwanger. Lila hat sich aus ihrer Ehe mit Stefano befreit und lebt mit einem Freund aus Kindheitstagen zusammen. Während sie ihren kleinen Sohn von einer Nachbarin betreuen lässt arbeitet sie selbst Vollzeit in einer Wurstfabrik. Die Arbeitsbedingungen sind hart und die Arbeiter permanent unzufrieden. Glaubte ich nun, dass beide den sich aus der Situation heraus vorgezeichneten Lebensweg gehen würden, so lag ich gänzlich falsch. Elena Ferrante hat sich für ihre Figuren ein Auf und Ab des Schicksals erdacht, bei der die Figur des Nino Sarratore, der mir als Leser bereits seit Band 1 der Romanserie bekannt war und der eventuell der Vater von Lilas Sohn ist, eine bedeutende Rolle spielt.

Elena hat viel Zeit dafür aufgewendet sich aus dem neapolitanischen Milieu zu lösen. Dabei spricht sie bewusst keinen Dialekt mehr. Von sich selbst sagt sie, dass ihre Sprache männlicher geworden ist mit dem Ziel, sich von der durch Männern dominierten Gesellschaft zu lösen. Denn nur wer auf Augenhöhe agieren kann, wird auch die Hintergründe begreifen. Ihr Verhalten hat sie insgesamt einer höheren Gesellschaftsschicht angepasst. Und dennoch ist sie nicht zufrieden mit ihrer Arbeit. Nach einer ersten Welle der Anerkennung für ihr Erstlingswerk, bleiben die Ideen zu einer Fortsetzung ihres Schreibens bruchstückhaft. Von der traditionellen Rolle als Hausfrau und Mutter kann sie sich nicht gänzlich lösen und findet bei ihrem Mann keine Unterstützung zur Selbstverwirklichung, weil er seine eigene Karriere vorantreiben will.

Ende der 1960er beginnen die Arbeiter in Italien gegen die wirtschaftliche und soziale Ungerechtigkeit aufzubegehren. Am Beispiel der Wurstfabrik, in der Lila arbeitet, bindet die Autorin diesen historischen Aspekt in ihren Roman ein. Kommunisten und Faschisten versuchen die Oberhand zu gewinnen und bekämpfen nicht nur den sozialen Missstand sondern sich auch gegenseitig. Dabei kommt es in Neapel zu blutigen Kämpfen. Ich erlebte Lila in der täglichen Tretmühle der eintönigen Fabrikarbeit. Doch wem die Figur im Roman inzwischen vertraut geworden ist wie mir, kennt Lila als einfallsreich und intelligent. Sie weiß um ihre Begabung für Ungewöhnliches, denn sie hat auch schon früher Erfolg mit ihrer Kreativität gehabt. So nimmt sie eine Idee ihres Lebensgefährten auf und geht ihr mit Hartnäckigkeit und Ausdauer nach. Lila ist sich darüber bewusst, dass Wissen eine Art Macht über andere Personen mit sich bringt. Sie nutzt es als Werkzeug, um den von ihr gewünschten Platz in der Gesellschaft zu finden.

Elena Ferrante schaffte es, mich mit der Entwicklung ihrer Protagonistinnen immer wieder zu überraschen. Die schöne klare Sprache wird dabei gerade im Umfeld von Lila oft rau, manchmal sogar roh. Doch diese Art unterstützt es, den Kampf der beiden jungen Frauen um einen Platz in der Gesellschaft zu verdeutlichen. Durch die gewählte Erzählperspektive konnte ich dem Versuch Elenas folgen, das geltende Frauenbild in ihrer Zeit zu begreifen, gerade auch aus der Sicht der Männer, genauso wie der Ergründung ihrer eigenen Libido.

Wieder einmal konnte die Autorin mich mit ihrer Erzählung überzeugen. Ich bin schon gespannt darauf, welche Erfahrungen die beiden Freundinnen auf ihrem Lebensweg noch machen werden und ob Lila gefunden wird beziehungsweise gefunden werden will. Wer die Serie noch nicht kennt, sollte jetzt mit dem Lesen beginnen, denn der letzte Band erscheint voraussichtlich im Februar 2018.

Sonntag, 24. September 2017

[Rezension Hanna] So was passiert nur Idioten. Wie uns - Sabine Schoder



So was passiert nur Idioten. Wie uns.
Autorin: Sabine Schoder
Paperback: 368 Seiten
Erschienen am 21. September 2017
Verlag: FISCHER Kinder- und Jugendtaschenbuch

Inhalt
Viki und Jay sind seit fast drei Jahren ein Paar und wohnen zusammen in Vikis Wohnung. Doch in letzter Zeit kommt Viki Jays Verhalten verdächtig vor: Er duscht mitten am Tag und wäscht die davor getragenen Klamotten sofort, ohne eine Erklärung zu liefern. Hat er eine Affäre? Als Viki sein Handy checkt, eskaliert der Streit und sie wirft ihn hinaus. Können die beiden Sturköpfe den Streit aus der Welt räumen oder ist das der Anfang von Ende ihrer Beziehung?

Meinung
Vor zwei Jahren konnte mich das Buch „Liebe ist was für Idioten. Wie mich“ mit seiner Liebesgeschichte rund um Viki und Jay absolut begeistert. Mit einer Fortsetzung hätte ich nicht gerechnet, habe mich aber sehr über die Nachricht gefreut. Seit den Ereignissen des ersten Bandes sind fast drei Jahre vergangen. Beide wohnen zusammen in der Wohnung, die Viki von ihrer Mutter geerbt hat, und gelten inzwischen als das Traumpaar schlechthin. Doch nun ist es zu einem großen Streit gekommen, der die Frage aufwirft, wie es weitergehen kann.

Ich war im Nu wieder mitten drin in der Geschichte. Viki und Jay sind nach dem Streit erst mal beide zu stur, um miteinander zu reden. Am liebsten hätte ich ihnen ins Gewissen geredet, doch das übernehmen schon ihre besten Freunde. Mel kommt extra für Viki etwas früher aus dem Praktikum in London zurück und Jay findet nach seinem Rauswurf erst mal Unterschlupf bei Dave. Mel und Dave haben jeweils ihre eigene Vorstellung davon, was es bedeutet, zu helfen, wodurch es nicht nur zu mehr Klarheit, sondern auch neuen Missverständnissen kommt. Einige Kapitel sind auch aus ihrer Sicht erzählt, was eine gute Abwechslung war und neue Perspektiven auf das Geschehen bot. Viki und Jay blicken in dieser Zeit auf die letzten Jahre ihrer Beziehung zurück und überlegen, wie es weitergehen kann. Für mich hat sich die Phase, bis die beiden überhaupt wieder miteinander reden, allerdings etwas gezogen.

Meine Begeisterung für die Geschichte wuchs dann wieder, als die beiden endlich wieder aufeinander treffen. Diese Szene fand ich besonders gelungen, sie hat Spaß gemacht trotz des ernsten Hintergrundes. Grundsätzlich ist der Tonfall der Geschichte locker. Die beiden Protagonisten haben einen trockenen Humor, es kommt zu witzigen Zwischenfällen und auch die Kapitel aus der Sicht ihres Hundes Kid konnten mich unterhalten. Es gibt aber auch viele Momente, die nachdenklich stimmen. Neben dem Streit macht sich Viki Sorgen, wie sie die Wohnung und ihr Leben finanzieren soll und Jay muss sich mit seinem Geheimnis auseinandersetzen. Bald wartet auch noch eine neue Herausforderung auf die beiden zu, die ich nach vielen Hinweisen schon recht früh erahnte.

Vikis und Jays authentische Liebesgeschichte übte bald einen Sog auf mich aus, der mich neugierig weiterlesen ließ. Es kommt zu Hochs und Tiefs und immer wieder wird es auch chaotisch. Die beiden in all diesen Situationen zusammen zu erleben fand ich super. Schließlich kommt es zu dramatischen Entwicklungen, überstürzten Handlungen und einem großen Schock. Doch dann kommt eine schwarze Seite, die wie ein schwarzes Loch meine zahlreichen offenen Fragen schluckte und mich in eine Zukunft katapultierte, wo auf wenigen Seiten ein Ende geboten wird, das ich in der Form nicht gebraucht hätte. Für mich ein kleiner Wermutstropfen bei der sonst so tollen Geschichte rund um Viki und Jay.

Fazit
In „So was passiert nur Idioten. Wie uns.“ darf der Leser noch ein zweites Mal Viki und Jay begleiten. Nach einem großen Streit müssen die beiden überlegen, wie es weitergeht, und gleichzeitig noch einige andere Herausforderungen bewältigen. Nach einem etwas langen Einstieg hat mir die meist locker erzählte Geschichte mit vielen schönen, aber auch nachdenklichen Momenten immer besser gefallen. Wenn ihr den ersten Band mochtet, dann solltet ihr euch diese Fortsetzung nicht entgehen lassen!

Freitag, 22. September 2017

[Rezension Hanna] Die Melodie meines Lebens - Antoine Laurain


Die Melodie meines Lebens
Autor: Antoine Laurain
Übersetzerin: Sina de Malafosse
Hardcover: 256 Seiten
Erschienen am 12. September 2017
Verlag: Atlantik

Inhalt
Alain Massoulier erhält eines Tages einen Brief, der ganze dreiunddreißig Jahre zu spät bei ihm eintrifft. In diesem lädt eine Plattenfirma seine alte Band zu einem Termin ein. Das wäre ihre große Chance gewesen! Stattdessen haben sie sich nach einiger Zeit aufgelöst und aus den Augen verloren. Alain beschließt, die anderen zu suchen und ihnen von dem Brief zu erzählen. Vielleicht haben sie ja im Gegensatz zu ihm noch eine Aufnahme ihres besten Songs? Die mehr als drei Jahrzehnte haben die ehemaligen Bandmitglieder was ihre Berufe und Ambitionen betrifft in höchst unterschiedliche Richtungen getrieben.

Meinung
Die ersten drei Bücher von Antoine Laurain habe ich mit Begeisterung gelesen, und so war ich neugierig auf „Die Melodie meines Lebens“. Das Buch beginnt mit Alain, der seine Postfiliale aufsucht, um eine Erklärung dafür zu fordern, dass ein für ihn so wichtiger Brief mehr als drei Jahrzehnte zu spät zugestellt wird. Er erntet dafür aber nicht viel mehr als ein Schulterzucken und den Verweis auf den Fund bei Renovierungsarbeiten. Gleich danach erfährt man, dass in dem Brief Alains alte Band von einer Plattenfirma eingeladen wird. Genau das, wovon die Band damals träumte! Schnell hat Alain den Entschluss gefasst, Kontakt zu den anderen Bandmitgliedern aufzunehmen.

Alain und seine Suche ist der Ausgangpunkt der Geschichte, und doch dreht die Geschichte sich nicht nur um ihn. Vielmehr erhält man viele Einblicke, was das Leben seit der gemeinsamen Zeit aus den einzelnen Bandmitgliedern gemacht hat. Das erinnerte mich ein wenig an „Der Hut des Präsidenten“ mit dem Unterschied, dass nicht nacheinander auf die verschiedenen Charaktere geschaut wird, sondern die Erzählung mal hierhin, mal dorthin springt. Dadurch fiel es mir am Anfang schwer, eine Orientierung zu erhalten. Zum Glück gibt es im dritten Kapitel eine Auflistung der Band, die dabei half, die Handelnden auseinander zu halten.

Mit seinen Charakteren bedient sich der Autor gesellschaftlich in den verschiedensten Ecken. Neben dem Arzt gibt es einen Künstler, einen Auswanderer, einen rechtspopulistischen Politiker, einen Antiquitätenhändler und auch einen Unternehmer mit Präsidentschaftsambitionen. Meist wird aus der dritten Person erzählt, für einzelne Kapitel wechselt die Geschichte aber auch in die Ich-Perspektive und ließ den Leser noch tiefer in die Gedanken und Geheimnisse einzelner blicken. Es ist eine Momentaufnahme der aktuellen Situation der Charaktere, wobei die Begegnung mit Alain vergleichsweise wenig auslöst, ganz im Gegensatz zu anderen Zwischenfällen, von denen berichtet wird.

Das Buch ist wie ein Puzzle, wobei nicht alles eng miteinander verbunden wird, sondern nur über die alte Band lose zusammenhängt. Deutlich stärker als in seinen bisherigen Romanen übt der Autor hier eine charmant verpackte, deutliche Gesellschaftskritik in Bezug auf ganz verschiedene Themen. Am Ende wird die Geschichte mit einigen Ereignissen auf die Spitze getrieben, was für mich nicht hätte sein müssen. Schließlich erhält die Angelegenheit des verspäteten Briefes einen gelungenen Abschluss und auch die Musik spielt noch einmal eine Rolle, was ich schön fand.

Fazit
In „Die Melodie meines Lebens“ sorgt ein Brief dafür, dass Alain nach den ehemaligen Mitgliedern seiner Band sucht, die sich schon vor über drei Jahrzehnten aufgelöst hat. Der Leser lernt ganz verschiedene Charaktere kennen, wobei die Geschichte näher an aktuellen politischen und gesellschaftlichen Themen ist als die bisherigen Werke des Autors. Ich fand die verschiedenen Einblicke interessant, hätte mir aber noch mehr roten Faden und weniger überspitzte Ereignisse gewünscht. Eine kurzweilige Geschichte Fans des Autors und alle, die Interesse an einem unterhaltsamen und zugleich kritischen Blick auf Frankreich haben.


Samstag, 16. September 2017

[Rezension Hanna] Das Glück des Zauberers - Sten Nadolny


Das Glück des Zauberers
Autor: Sten Nadolny
Hardcover: 320 Seiten
Erschienen am 1. September 2017
Verlag: Piper

Inhalt
Pahroc hat die 100 Jahre bereits überschritten, als für ihn ein großer Wunsch in Erfüllung geht: Seine vier Monate alte Enkelin Mathilda zeigt als erste seiner Nachkommen die Begabung fürs Zaubern, indem sie ihm mit der „langen Hand“ die Brille von der Nase fegt. Er beginnt, Briefe an sie zu schreiben, die ihr als Packen übergeben werden sollen, wenn sie erwachsen ist. Darin erteilt er ihr Ratschläge rund ums Zaubern und erzählt dabei seine eigene Lebensgeschichte. In zwölf Briefen blickt der Leser durch Pahrocs Augen auf das 20. Jahrhundert zurück, in welchem ihm die Zauberei in so mancher verzwickter Lage half und ihn heimlich Großes hat tun lassen.

Meinung
Das Buch beginnt mit einem Begleitbrief von Rejlander, die sich als Pahrocs Nachlassverwalterin vorstellt und an zwei Freunde schreibt, denen sie das Zustandekommen seiner Briefsammlung und seine Pläne für die Übergabe an Mathilda irgendwann nach ihrem achtzehnten Geburtstag erklärt. Nach dieser Einstimmung war ich neugierig, selbst einen Blick auf die Briefe werfen zu dürfen und tauchte ein in die Aufzeichnungen des Zauberers.

Mir hat die Idee, dass ein Großvater Briefe mit Ratschlägen an seine Enkelin schreibt, sehr gefallen. Besonders interessant wird es durch den Aspekt des Zauberns. Erst mit fortschreitendem Alter kann man bestimmte Zauber überhaupt erlernen, weshalb Pahroc diese nach der Erlernbarkeit ordnet und erzählt, welche Erfahrungen er selbst damit gemacht hat. Pahroc blickt auf diverse Ereignisse des 20. Jahrhunderts zurück, sowohl solche, welche die ganze Bevölkerung miterlebt hat als auch einzelne Sternstunden, bei denen er als Zauberer ganz nah dran war und sie sogar manchmal entscheidend beeinflusst hat.

Mit Pahroc hat er einen klugen Erzähler geschaffen, der oft mit einem zwinkernden Auge von seinen Erlebnissen berichtet, aber auch ernste Töne anschlägt und Warnungen ausspricht. Der historische Rückblick wird durch den Aspekt des Zauberns bereichert, denn dieser schafft zum einen durch Zauber wie das Fliegen und Geld zaubern große Freiheiten im Hinblick auf den Verlauf der Geschichte und sorgt zum anderen durch die fantastisch-fabulierende Perspektive für Unterhaltung. Da erteilt Pahroc zum Beispiel Ratschläge zum richtigen Umgang mit Krokodilen, denn er verwandelt sich ja selbst gern in eins. Oft schwingen in seinen Berichten aber auch eine Gesellschaftskritik sowie philosophische Gedanken mit, die ins Nachdenken bringen.

In seinen Briefen schildert Pahroc mehr oder weniger chronologisch sein Leben, mal greift er auch vor oder blickt noch einmal zurück auf ein bislang ausgelassenes Erlebnis. Auch das aktuelle Tagesgeschehen von 2012 bis Mai 2017 wird aufgegriffen, denn in diesem Zeitraum hat er die Briefe verfasst. Durch den plaudernden Tonfall lässt sich das Buch zügig lesen. Immer wieder stellte ich mir vor, wie es wohl für Mathilda sein wird, diese Briefe in der Hand zu halten. Diese Frage wird im Buch nicht explizit beantwortet, was ich gut fand, denn so blieb offen, ob ihre Gefühle und Gedanken die gleichen waren wie meine. Was dem Leser jedoch nicht vorgehalten wird, ist, was in der Zukunft passiert, nachdem Mathilda die Briefe gelesen hat. Hier halt das Nachwort einen gelungenen Kniff bereit, der mich überraschen konnte und einen nachdenklich-hoffnungsvollen Abschluss bildet.

Fazit
In „Das Glück des Zauberers“ erzählt der Zauberer Pahroc mittels Briefen der erwachsenen Version seiner aktuell vier Monate alten Enkelin seine Lebensgeschichte und gibt Ratschläge zum Zaubern. Dieser Rückblick auf das 20. Jahrhundert, bei welchem der Schwerpunkt auf den 1920er bis 1950er Jahren liegt, wurde durch den Aspekt des Zauberns absolut bereichert. Das Buch ist eine Mischung aus Historik, Fabulierkunst, Humor, Gesellschaftskritik und Philosophie, die mir sehr gut gefallen hat. Solltet ihr eine Gelegenheit erhalten, wie ich einen Blick auf Pahrocs Briefe an Mathilda zu werfen, dann ergreift sie unbedingt!


Freitag, 15. September 2017

[Rezension Ingrid] Beware that girl von Teresa Toten


Titel: Beware that girl
Autor: Teresa Toten
Übersetzerin: Brigitte Jakobeit
Erscheinungsdatum: 24.08.2017
Verlag: Fischer Kinder- und Jugendtaschenbuch (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Klappbroschur (gelesen im Rahmen einer Leserunde)

„Beware that girl“ ist ein Roman für Jugendliche ab 14 Jahren von der Kanadierin Teresa Toten. Im oberen Drittel des Covers sieht der am Buch Interessierte den Blick einer jungen Frau, der so wirkt, als ob sie etwas zu verbergen hätte. Darüber ist tiefgründig „Sie weiss alles über dich“ zu lesen. Mir stellte sich hier gleich de Frage, wer damit gemeint ist, was bereits eine gewisse Spannung noch vor Beginn des Buchs erzeugte. Die gesamte Gestaltung des Buchs in schwarz und taupe vor hellem Hintergrund wirkt geheimnisvoll. Im unteren Bereich des Covers ist die abendliche Silhouette einer Großstadt zu erkennen, gemeinsam mit den glitzernden Lichtern führte sie mich in die Welt der Upper Class Girls nach New York an die High School Waverly.

Kate und Olivia sind die beiden Protagonistinnen. Kate hat eine schwierige Kindheit erlebt. Aber sie ist sportlich und kreativ und eine sehr gute Schülerin, so dass sie Privatschulen für Mädchen über diverse Stipendien besuchen konnte.  Als Ziel hat sie sich gesetzt, einen Studienplatz in Yale zu erhalten. Ein späterer guter Job soll ihr eine gewisse Macht über andere Personen geben. Dafür bedient sie sich auch gern mal einer Lüge, um sich ins rechte Licht zu setzen. Im letzten Schuljahr an der für sie neuen Schule Waverly sucht sie bewusst nach einer betuchten Freundin mit Connections. Auch Olivia ist auf der Suche nach einer Freundin mit der sie zwar nicht über ihre Vergangenheit sprechen möchte, dafür aber auf seelische und moralische Unterstützung hofft. Sie hat ein Jahr aus zunächst unbekannten Gründen mit der Schule pausiert. Ihre früheren Freundinnen studieren bereits. Mit Kate scheint sie die perfekte Freundin gefunden zu haben. Ganz neu an der Schule ist aber auch der Direktor für Förderung und Modernisierung Mark Redkin. Sein Charme und sein gutes Aussehen erobern die Frauen. Und auch Olivia findet seine Anziehungskraft unwiderstehlich. Das ist Kate überhaupt nicht recht, weil damit ihre Rolle ins Wanken gerät.

Damit der Leser einen ungefähren Eindruck von der Geschichte des Romans erhält, finden auf der Rückseite des Buchs zwei Bücher Erwähnung, die ich aber bisher nicht gelesen habe. So konnte ich unbeeinflusst mit dem Lesen beginnen. Alle Kapitel sind mit Kate, Olivia oder dem Namen beider Protagonistinnen überschrieben, so dass man immer direkt weiß, auf wem im Folgenden der Fokus gerichtet wird. Kate erzählt dabei in den nur ihr gewidmeten Abschnitten in der Ich-Form. Der Prolog ist mit dem Namen der beiden Hauptfiguren überschrieben, doch die beschriebene Szene bleibt namenslos. Es steht lediglich fest, dass den beiden etwas Schreckliches zugestoßen ist. Kate und Olivia bleiben zu diesem Zeitpunkt unter sich, nahe kommen kann man ihnen nicht, aber man möchte schnellstmöglich erfahren, was sie erlebt haben. Darauf musste ich allerdings bis nahezu zum Schluss warten.

Die Autorin spielt nicht nur mit den Figuren, sondern auch mit dem Leser. Kate und Olivia wissen ihre Geheimisse geschickt voreinander zu verbergen und auch der Leser erfährt erst im Laufe der Erzählung warum die Charaktere die jeweiligen Mittel zur Verfolgung ihrer eigenen Ziele einsetzen. Von Beginn an konnte ich Mark Redkin nicht einordnen. Obwohl er hilfsbereit erscheint und tatkräftig seinem Job nachgeht, wirkt sein Handeln aufgesetzt. Teresa Toten arbeitet in ihrem Roman sehr gerne mit dem Stilmittel der Übertreibung und mit vielen Klischees. Beispielsweise verhält Olivia sich so, wie man sich ein reiches Mädchen vorstellt, das hauptsächlich damit beschäftigt ist, sich um sich selbst zu kümmern. Dabei denkt sie wie viele ihresgleichen im Roman so viel über sich nach, dass sie glaubt, zur Stabilisierung ihrer Psyche nur noch mit Tabletten leben zu können. Mark wird von der Autorin als unwiderstehlich gestaltet, dadurch wird dem Leser auffällig deutlich, wie sehr Olivia und Kate als junge Frauen gefordert sind, hinter die Fassade zu blicken. Ob ihnen das gelingt, ist neben der Frage die sich aus dem Prolog ergibt, spannungsfördernd bis zum Ende. An wenigen Stellen kommt es leider zu kleinen unlogischen Zusammenhängen.

Auch wenn Olivia und Kate meine Sympathie nicht gewinnen konnten, so haben doch die Geheimnisse der Hauptfiguren und der stille, aber emotionale Kampf auf psychischer Ebene der beiden untereinander einen Lesesog bei mir entwickelt. Der Roman endet in einem so nicht erwarteten Finale. Trotz kleiner Schwächen hat das Buch mir spannende Lesestunden geschenkt. Gerne vergebe ich eine Leseempfehlung.

Donnerstag, 14. September 2017

[Rezension Hanna] Beware That Girl. Sie weiß alles über dich - Teresa Toten


Beware That Girl
Autorin: Teresa Toten
Übersetzerin: Brigitte Jakobeit
Paperback: 400 Seiten
Erschienen am 24. August 2017
Verlag: FISCHER Kinder- und Jugendtaschenbuch

Inhalt
Kate kommt als neue Stipendiatin an die Waverly School, eine Privatschule an der Upper East Side in New York, welche die besten Chancen auf die Zusage eines Colleges erster Wahl bietet. Ihr großes Ziel ist Yale. Als Meisterin in der Manipulation anderer tut sie alles, um dieses zu erreichen. Olivia, die das letzte Jahr nach einer mysteriösen Auszeit wiederholt, scheint zu diesem Zweck die perfekte neue Freundin zu sein. Im Nu sind die beiden unzertrennlich. Doch Kate ist nicht die einzige Meisterin ihrer Kunst. Etwas Gefährliches ist im Gange, das ihr zum Verhängnis werden könnte.

Meinung
Das Cover zeigt eine Silhouette der Upper East Side, darüber die hart blickenden Augen eines Mädchens. Das könnte Kate sein, ihr Ziel fest im Blick. In einem kurzen Prolog blickt der Leser auf Kate und Olivia. Eine liegt im Koma, die andere harrt seit achtundvierzig Stunden an ihrem Bett aus. Wer der beiden wer ist, erfährt man erst einmal nicht. Meine Neugier im Hinblick auf diese Frage und wie es überhaupt zu dieser Situation kommen konnte, war geweckt.

Die Geschichte springt danach ein halbes Jahr in die Vergangenheit und man lernt Kate kennen, die neu an der Waverly School ist. Sie lässt den Leser an ihren Gedanken teilhaben und man erfährt schnell, dass sie einen konkreten Plan hat, wie sie die Menschen in ihrer Umgebung von sich überzeugt, um erfolgreich zu sein und als großes Ziel einen Platz in Yale zu erhalten. Der wichtigste Schritt auf dem Weg dorthin ist die für diesen Zweck perfekte beste Freundin. Ihre Wahl fällt auf Olivia – ihr Vater ist sehr reich und immer unterwegs, die Mutter tot, sie scheint leicht beeinflussbar und mit psychischen Problemen belastet. Gibt es da einen Zusammenhang mit ihrer Auszeit? Kate weiß auch das Schulpersonal zu bezirzen und schmiedet parallel einen Plan, um an die Schülerakten zu kommen und mehr zu erfahren. Immer wieder wird Kate außerdem von alten Erinnerungen heimgesucht. Sie scheint selbst ein großes Geheimnis in Bezug auf ihre Vergangenheit zu hüten. Wie auch in Bezug auf viele andere Fragen lädt das zum fleißigen spekulieren ein, was dahinter stecken könnte.

Die Kapitel aus Kates Sicht wechseln sich mit denen aus der Sicht Olivias ab. Hier erfährt man als Leser, dass ihr Kate als neue beste Freundin sehr gelegen kommt. Es ist daher wenig verwunderlich, dass die beiden bald wirklich unzertrennlich sind. Sie liebt es, Kate an der Welt der Reichen teilhaben zu lassen. Immer wieder gibt es auch Andeutungen, was im letzten Jahr vorgefallen ist, doch Olivia ist in Richtung des Lesers weniger offen als Kate. Es bleibt bei viel oberflächlichem Geplauder a la Gossip Girl, wo man einen Blick in das glamourös-gelangweilte Schul- und Partyleben der Teenager von New Yorks High Society erhält.

Immer wieder wird dem Leser etwas psychologische Spannung geboten im  Hinblick auf die Frage, wer eigentlich was im Schilde führt. Bald scheint es so, als wäre eine andere Person noch besser in der Manipulation anderer als Kate. Oder wird sie nur zunehmend paranoid? Die Geschichte dreht sich immer stärker um dieses Thema und dabei wird die Gefahr zunehmend greifbar. Ich fand es dabei allerdings nicht nachvollziehbar, wie leichtgläubig einige Personen agieren und die Entwicklungen in der Folge nicht sonderlich glaubwürdig.

Schließlich kommt es zu einem sehr abrupten Umschwung und es wird ein komplizierter Plan ausgeheckt. Das Handeln der Personen war für mich erneut wenig nachvollziehbar. Für den Showdown schlägt die psychologische Spannung dann gänzlich in Action um, was ich schade fand. Erst auf den letzten Seiten wird dann noch mal eine kleine Überraschung im Hinblick auf die wahren Absichten der Beteiligten geboten, was für mich ein guter Abschluss war.

Fazit
In „Beware that Girl“ kommt Kate als Stipendiatin an eine vornehme Privatschule der Upper East Side, wo sie durch geschickte Manipulation anderer ihr großes Ziel Yale erreichen will. Bald fragt man sich als Leser, wer hier eigentlich Einfluss auf wen ausübt. Doch viele Personen verhielten sich zu arglos, weshalb der Verlauf der Geschichte für mich zunehmend an Glaubwürdigkeit verlor. Dennoch fand ich das psychologische Spiel interessant und die Atmosphäre erinnerte mich an Gossip Girl, weshalb sich Fans der Serie das Buch genauer anschauen sollten.