Freitag, 21. April 2017

[Rezension Ingrid] Ein fauler Gott von Stefan Lohse


Titel: Ein fauler Gott
Autor: Stephan Lohse
Erscheinungsdatum: 06.03.2017
Verlag: Suhrkamp (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag (Leseexemplar)

Ben ist im Sommer 1972 elf Jahre und hat gerade seinen Bruder Jonas verloren. Er war dabei als Jonas im Schwimmbad anfing zu krampfen und wenige Tage später im Krankenhaus verstarb. Ben glaubt, dass Gott keine Lust dazu hat seine Macht über die Menschen auszuüben und Freude daran findet Brüder durch den Tod zu trennen.  Im Debütroman „Ein fauler Gott“ von Stefan Lohse ist das eine der unbefangenen Ansichten des Protagonisten Ben. Aber auch der verstorbene Jonas hatte seine ganz spezielle Denkweise. So lang gestreckt wie Raketen würden die Menschen in den Himmel kommen vertraut er seinem Bruder an. Die Rakete auf dem Cover lässt sich symbolisch mit Jonas verbinden, der eine solche auf dem Krankenbett als Bild visualisiert hat.

Trotz des großen Verlusts geht das Leben für Ben und seine geschiedene Mutter weiter. Ben besucht nach den Ferien die 5. Klasse des Gymnasiums und lernt neue Freude kennen. Neue Schulfächer fordern seine Aufmerksamkeit. Davon erzählt er auch zu Hause und bietet damit seiner Mutter ein wenig Abwechslung in ihrer Einsamkeit. Wie die meisten Frauen zur damaligen Zeit übt sie ihren Beruf als Fremdsprachenkorrespondenten nicht mehr aus. Es bleibt ihr genug Zeit sich in ihrem Schmerz immer tiefer zu versinken. Gegenüber Ben versucht sie Normalität zu leben, zum Weinen geht sie in ihr Schlafzimmer und lässt sich von der Wärme ihrer Heizdecke in ihrem Kummer umfangen.

Stefan Lohse schildert die Geschichte als auktorialer Erzähler in einem schlichten Stil. Er lässt sich auf Augenhöhe eines Heranwachsenden nieder und fängt damit die sorglose Kindheit umso deutlicher ein. Der Autor ist Anfang der 1970er in etwa im gleichen Alter gewesen wie Ben und auch ich habe diese Zeit entsprechend erlebt. Die Themen über die Ben sich mit seinen Freunden ausgetauscht hat, egal ob über Film, Fernsehen, Bücher oder Musik waren mir nur allzu bekannt und immer wieder tauchten dadurch meine eigenen Erinnerungen an diese Zeit auf. In den Dialogen, die er mit seinen Freunden führt, geht es um typische Sorgen und Probleme von Fünftklässlern und gerne bin ich mit Ben wieder in dieses Alter eingetaucht.

Wenn Ben nach Hause kommt findet er seine Mutter vor, die vor Trauer wie gelähmt ist und dadurch den Haushalt manchmal vernachlässigt. Ihre Gedanken kreisen um das Wie und Warum, doch Antworten findet sie nicht. Ihr geschiedener Mann ist längst wieder verheiratet und wohnt in Frankfurt, von ihm erfährt sie keinen Trost. Ihre Sorge um Ben ist seit dem Tod von Jonas gewachsen, denn sie möchte ihn nicht auch noch verlieren. Leider fehlte mir durch den Erzählstil die direkte Nähe zu ihrer Person. Das, was sie am Ende des Buchs als Lösung für sich und Ben geplant hat fand ich aus der Erfahrung heraus eher unglaubwürdig.

Ben schafft sich mit seiner Fantasie eigene Weltne in die er stundenweise versinken kann. Letztlich lässt er sogar seiner Mutter Einblick in sein Spiel nehmen und nach Wunsch daran teilnehmen. Obwohl „Ein fauler Gott“ eigentlich ein zutiefst trauriges Buch über den Tod eines Jungen ist, legt sich mit Bens unerschrockener Art der eigenen Sicht auf viele Dinge ein dicker Film Vergnügen über das Leid und rückt Freundschaft und Zusammenhalt in den Vordergrund. Lässt sich auch die Wunde des Verlusts nicht mehr heilen, so zeigt Ben dem Leser und seiner Mutter, dass eine optimistisch gedachte Zukunft für die Zurückgebliebenen möglich ist.

Das warmherzig erzählte Schicksal von Bens Familie konnte mich berühren und ließ mich dennoch aufgrund von Bens Einfällen und dem Schwelgen in eigenen Erinnerungen an die damalige Zeit nicht traurig werden; ein Buch, dass ich gerne weiterempfehle.


Donnerstag, 20. April 2017

[Rezension Ingrid] Das geträumte Land von Imbolo Mbue


Titel: Das geträumte Land
Autorin: Imbolo Mbue
Übersetzerin: Maria Hummitzsch
Erscheinungsdatum: 16.02.2017
Verlag: Kiepenheuer & Witsch (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen

Für das aus Kamerun stammende Ehepaar Jende und Neni Jonga ist die USA das Land ihrer Träume. In dem entsprechend betitelten Debütroman „Das geträumte Land“ von Imbolo Mbue suchen sie nach einem Weg, dort Asyl zu erhalten um dann in den Besitz von Arbeitspapieren zu kommen, damit sie legal im Land bleiben dürfen. Im Cover sind die Farben der Flagge Kameruns wiederzufinden. So wie die traditionelle farbenfrohe Kleidung der Kameruner fällt das Titelbild dem Betrachter sofort ins Auge. Doch symbolisch hat sich New York in Form von Wolkenkratzern und Freiheitsstatue aus Holz entsprechend des großen Wunschs der Jongas in den Vordergrund gespielt.

Es ist das Jahr 2008 und Jende ist bereits seit drei Jahren in New York. Vor achtzehn Monaten konnten auch Neni und sein Sohn Liomi einreisen. Gemeinsam wohnen sie in einer bescheidenen Wohnung in Harlem. Er arbeitet für einen Taxidienst und erhält eines Tages durch Beziehungen die Möglichkeit für Clark Edwards und seiner Familie als Chauffeur zu arbeiten und dessen Familienmitglieder. Clark Edwards ist Manager der Investmentbank Lehman Brothers. Diese Position als Fahrer ist gut bezahlt und Jende benötigt das Geld dringend, denn neben dem Lebensunterhalt für seine kleine Familie möchte er Neni ihren Traum erfüllen, Apothekerin zu werden. Neni arbeitet stundenweise als Pflegerin für ältere Personen. Durch Familie Edwards erhält sie die Chance in deren Ferienhaus auszuhelfen und so noch zusätzlich einiges zu verdienen. Die Erfüllung der Wünsche rückt in greifbare Nähe, doch dann muss Lehman Brothers im Zuge der Finanzkrise Insolvenz anmelden. Beide Familien, die Jongas und die Edwards, haben mit den Konsequenzen zu kämpfen. Wird es eine Zukunft für Jende und Neni in den USA geben?

Neni stammt aus einer wohlhabenden Familie aus Limbe/Kamerun. Jendes Familie ist nicht so gutsituiert und seine Chancen auf einen gesellschaftlichen Aufstiegs sind gering, weil unsichtbar gezogene Standesgrenzen das verhindern. Nenis Vater hat seine Erlaubnis für die Ehe verweigert. Das junge Paar ist seiner jeweiligen Familie und den geltenden kamerunischen ungeschriebenen Gesetzen so verbunden, dass es sich nicht spürbar dagegen auflehnt. Ein Cousin von Jende schafft den Sprung nach Amerika ins „Land der Unbegrenzten Möglichkeiten“. Jende leiht sich das Geld von ihm für seinen eigenen Start. Jende begleitet auf seinem Weg in die USA auch die Hoffnung seiner ganzen Familie auf Unterstützung. Die Sorgen seiner Verwandten, denen er sobald wie möglich Unterstützung für medizinische Hilfe, Renovierungen und anderes zukommen lässt stellt er regelmäßig vor die Erfüllung seiner eigenen Träume für die er mühsam sein Geld zusammenträgt. Je nachdem wie viel die Familie in Kamerun benötiget wächst und sinkt sein Vermögen und damit auch sein Budget, einen ordentlichen Anwalt zu bezahlen der sich für seinen weiteren Aufenthalt einsetzt.

Neni machte auf mich zunächst einen selbstbewussten Eindruck, sie hatte ein großes Ziel für sich vor Augen und schaffte es trotz Kind und Haushalt für ihr Studium zu lernen. Doch Jende trifft als Oberhaupt seiner kleinen Familie für Neni wichtige Entscheidungen die deren Zukunft beeinflussen und Neni ordnet sich dieser Ordnung unter, so wie sie es von Geburt an gewohnt ist. Obwohl also beide US-Amerikaner werden möchten bleiben sie doch in ihren Herzen Afrikaner. Für mich stellte sich daher von Beginn an die Frage, ob sie die Assimilation im fremden Land schaffen können.

Clark und Cindy Edwards leben den amerikanischen Traum. Cindy stammt aus einfachen Verhältnissen und führt jetzt an der Seite ihres Ehemanns ein sorgloses Leben. Dadurch hat sie für die Wünsche der Jongas ein gewisses Verständnis, dass aber dann aufzuhören schien als ihr eigenes Budget durch die Krise eingeschränkt wurde. Die Edwards haben gemeinsam bereits einige Sorgen geteilt. Allein durch ihr Vermögen gelingt es beiden nicht, ein wunschlos glücklich zu sein. Der ältere Sohn Vince soll in die Fußstapfen seines Vaters treten, doch er rebelliert und geht seinem eigenen Traum, im Ausland zu leben, nach. Für Cindy bricht mit Vince eine wichtige Bezugsperson in ihrer unmittelbaren Nähe weg. Ihr eigenes erhofftes und gelebtes Leben erhält deutliche Risse.

Für mich als Leser war es interessant am Alltagsleben der beiden Familien in New York teilhaben zu können. Imbole Mbue erzählt aus einer auktorialen Sichtweise. Die Probleme und Sorgen der einzelnen Personen beschreibt sie einfühlsam und wirklichkeitsnah. Mit und mit erfuhr ich durch Erinnerungen immer mehr über die Vergangenheit von Jende und Neni sowie Clark und Cindy. Das Leben in Kamerun mit den geltenden Konventionen war mir bisher unbekannt. Es war für mich schwierig, mit den Protagonisten zu sympathisieren, weil jede ihr Schwächen hatte. Vor allem Neni erschien mir letztlich arglos in Bezug auf die Umsetzung ihres Berufswunschs, der durch die frühe sorglose Liebe zu Jende zunächst unerreichbar wurde.

Imbolo Mbue vermittelte mir mit ihrem Roman ein realistisches Beispiel für die Auswanderung einer kamerunischen Familie und deren Versuch in den USA eingebürgert zu werden. Auch die Geschichte des Managers Clark Edwards und seiner Familie konnte ich gut nachvollziehen. Mir hat das Buch unterhaltsame Stunden bereitet und daher empfehle ich es gerne weiter.

Samstag, 15. April 2017

[Rezension Ingrid] Jeder Tag kann der Schönste in deinem Leben werden von Emily Barr


Titel: Jeder Tag kann der Schönste in deinem Leben werden
Autorin: Emily Barr
Übersetzerin: Maria Poets
Erscheinungsdatum: 23.03.2017
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag

Der Titel des Buchs „Jeder Tag kann der Schönste in deinem Leben werden“ von Emily Barr ist für die 17-jährige Protagonistin Flora Banks Programm, denn in ihrem 10. Lebensjahr hat eine anterograde Amnesie, die durch ein Ereignis eingetreten ist bei dem ihr Gehirn so geschädigt wurde, dass sie alltägliche Dinge spätestens beim Aufwachen wieder vergessen hat. Manches kann sie sich sogar nur für Stunden merken. Wer das wunderschön gestaltete Cover mit seinen Ranken und der glänzenden erhabenen Schrift anschaut, wundert sich über einen Elch in der Mitte links und ein Flugzeug auf der rechten Seite. Sie stehen symbolisch für das Abenteuer, das Flora in diesem YA-Roman erlebt und dabei über sich selbst hinauswächst.

Alles, was sich vor der Amnesie ereignet hat, vergisst Flora nicht. Für die Sachen, die sie im täglichen Leben wissen muss, beschreibt sie ihre Arme und Hände, Zettel und Notizbücher, manchmal macht sie ein Foto mit ihrem Handy. Sie hat es wirklich nicht einfach; so zu leben wünscht man sich nicht. Doch dann hat sie nach einer Party ein neues, nie dagewesenes  Erlebnis. Sie wird von dem 19-jährigen Drake in einer romantischen Situation geküsst. Und es passiert für sie das Unmögliche: sie kann sich am nächsten Tag daran erinnern! Auch an das Gespräch mit ihm. Doch Drake hat sich gerade von ihrer besten Freundin getrennt und wird zukünftig auf Spitzbergen/Norwegen studieren. Als ihr in Paris lebender Bruder dringend die Hilfe ihrer Eltern benötigt und sie allein zu Hause bleibt, sieht sie endlich die Chance aus dem ihr von ihren Eltern gesetzten Rahmen auszubrechen und alleine zu entscheiden, was sie tun und lassen möchte. Der Kuss lässt sie nicht ruhen und sie beschließt, Drake zu suchen.

Die 17-jährige Flora verharrt wissensmäßig auf dem Stand einer 10-Jährigen. Jede neue Erkenntnis, jede neue Erfahrung ist bereits nach wenigen Stunden nicht mehr abrufbar. Sie legt sich ihre Notizen sichtbar hin, um daran erinnert zu werden, dass es diese gibt. Eigentlich müsste sie stundenlang darüber nachlesen, was sie in den letzten Jahren gelernt und erlebt hat. Das geht natürlich nicht und so beschränkt sie sich auf das Wesentliche. Der Roman ist in der Ich-Perspektive geschrieben. So konnte ich durch die etlichen Wiederholungen, die Flora jeden Tag durchliest, um sich ihr Wissen mühsam erneut zu erarbeiten ein wenig davon ahnen, wie schrecklich es für sie jedes Mal sein muss, ihr Umfeld neu kennen zu lernen. Und dennoch konnte ich es kaum nachzuvollziehen, denn an das, was mich bereits anfing zu langweilen, konnte Flora sich ja jedes Mal nicht erinnern.

Flora kleidet sich meistens wie ein Kind und äußert sich entsprechend, ihr Tun wirkt auf andere häufig befremdlich. Sie selbst ist sich dessen bewusst und nichts liegt ihr mehr am Herzen als so zu sein wie Gleichaltrige. Im Buch wird ihre Pubertät nicht thematisiert, doch ihre Reize bleiben nicht verborgen und es prickelt und kribbelt in ihr als sie mit Drake allein ist. Von Drake geht für sie keine Gefahr aus, denn sie hat festgestellt, dass er sie schon eine Weile kennen muss. Weil sie sich am nächsten Tag auch an das Gespräch mit ihm erinnert sieht sie die Möglichkeit, dass sie sich an noch mehr erinnern wird und ihr Leben sich demzufolge ändert. Diese Chance ist es ihr Wert, ihn zu suchen um die Beziehung fortzusetzen, weil sie ihn für ihren Glückritter hält.

Die Autorin stellt die Liebesromanze zwischen Flora und Drake bei ihrer Erzählung in den Vordergrund. Dahinter zurück tritt das Verhältnis von Flora zu ihren Eltern, die bewusst das Verhalten ihrer Tochter in den vergangenen Jahren nach eigenem Willen geleitet haben. Für mich war es schwierig, trotz der Probleme der Mutter, dafür Verständnis aufzubringen. Flora hätte sicher durch weiteren Zugang zu sozialen Medien mehr Möglichkeiten gehabt, sich mit Gleichaltrigen auszutauschen. Zum Glück hat sie ihre Freundin Paige, die sie seit dem Kindergarten kennt. Aber auch in diese Freundschaft mischt sich ein Erwachsener ein. Floras ganz großer Rückhalt ist ihr Bruder, erst zum Ende des Buchs begreift sie und damit auch ich als Leser welche große Rolle er seit der Erkrankung für sie gespielt hat.

„Sei mutig“ liest Flora jeden Tag eintätowiert auf ihrer Hand. Wie wichtig der Mut für sie ist, um eingefahrene  Gleise zu durchbrechen und Grenzen zu überschreiten liest man in dieser Geschichte. Emily Barr erzählt sehr emotional und neben der Faszination für die Kraft, die Flora aufbringt um mit ihrer Einschränkung zu leben, war ich gespannt darauf, ob es ihr  gelingen wird, Drake in Spitzbergen zu finden und ob er sie wirklich liebt. Das Ende konnte manche meiner offenen Frage beantworten und ließ mich erneut staunen, was alles in Flora steckt.  

„Jeder Tag kann der Schönste n deinem Leben werden“ ist eine ungewöhnliche Liebesgeschichte mit einer beherzten Protagonistin, die mir sympathisch wurde. Der Autorin ist es gelungen, einige Charaktere so zu zeichnen, dass man bis zum Schluss nicht weiß, ob sie es gut mit Flora meinen oder nicht. Ich habe Flora gerne auf ihrer Reise begleitet, die für mich gefühlsmäßig ein Abenteuer war. Gerne gebe ich hierfür eine Leseempfehlung.
Die Rezension von Hanna zum Buch findet ihr hier: KLICK!

Freitag, 14. April 2017

[Rezension Hanna] Der Kuss der Lüge - Mary E. Pearson


Der Kuss der Lüge
Autorin: Mary E. Pearson
Übersetzerin: Barabara Imgrund
Hardcover: 559 Seiten
Erschienen am 16. Februar 2017
Verlag: ONE (Bastei Lübbe)

Inhalt
Arabella Celestine Idris Jezelina ist die Erste Tochter des Hauses Morrighan und damit eine Prinzessin. Doch während ihre Brüder und Schwestern selbst wählen dürfen, wen sie heiraten wollen, wurde für sie eine Ehe mit dem Prinzen des Königreichs Dalbreck arrangiert. Auch wenn die Prinzessin, die am liebsten nur Lia genannt wird, nicht über die sogenannte Gabe verfügt, ist die Hochzeit doch wichtig für ein Bündnis der Reiche gegen das barbarische Venda. Doch Lia ist nicht bereit, ihr Schicksal hinzunehmen. Am Tag ihrer Hochzeit flieht sie zusammen mit ihrer Dienerin und Freundin Pauline aufs Land, wo die beiden Arbeit in einem Gasthof erhalten. Lia wähnt sich in Sicherheit. Sie ahnt nicht, dass ihr zwei Personen dicht auf den Fersen sind. Der eine ist der Prinz. Der andere ein Attentäter…

Meinung
Das Cover von „Der Kuss der Lüge“ zeigt ein vom Betrachter abgewandtes Mädchen. Im Hintergrund sind zwei Männer zu sehen. Auch wenn ich die Farben fast schon zu düster finde vermittelte mir das Cover einen guten ersten Eindruck von Lia und den beiden Männern, die ihr auf den Fersen sind. Das Buch beginnt am Tag von Lias Heirat mit einem Mann, den sie noch nie zuvor gesehen hat. Sie muss lange Zeremonien über sich ergehen lassen und ihre Eltern erinnern sie immer wieder daran, dass sie mit der Heirat dem Königreich einen Dienst erweist. Schon nach wenigen Seiten befand sie sich auf schon auf der Flucht vor dieser für sie angedachten Bestimmung.

Lia lernte ich als wild entschlossen kennen, den Zwängen und Traditionen zu entkommen und ein normales Leben zu führen. Ich bewunderte ihren Mut, sich so offen gegen ihre mächtige Familie zu stellen. Gleichzeitig fand ich es aber auch naiv, dass sie denkt, sie könne wirklich in einem Gasthof arbeiten und nicht erkannt werden. Kein Wunder, dass der Prinz und der Attentäter sie in kürzester Zeit finden. Obwohl die beiden sich reichlich merkwürdig verhalten, kommt Lia nicht auf die Idee, dass sie wegen ihr gekommen sind.

Der besondere Reiz dieses Buches ist, dass man lange nicht weiß, wer der Prinz ist und wer der Attentäter, denn beide begegnen Lia zeitgleich. Kurze Kapitel aus der Sicht der beiden geben Einblick in ihre höchst unterschiedlichen Gedankengänge, und trotzdem fällt es schwer, diese den Handelnden zuzuordnen. Auch wenn meine erste Vermutung sich im Nachhinein als richtig entpuppte, geriet ich immer wieder ins Zweifeln. Lias Beziehung zu beiden Männern intensiviert sich zunehmend und ich war neugierig, wohin das führen wird. Es kommt zu einigen romantischen, unterhaltsamen, aber auch dramatischen Szenen. Insgesamt wurde die ganze Situation aber sehr in die Länge gezogen, sodass der Reiz irgendwann verloren ging und ich mich zu langweilen begann.

Nach 350 Seiten kam endlich wieder Schwung in die Geschichte und die Spannung stieg schlagartig an. Identitäten werden enthüllt und Lia befindet sich in einer verzwickten und gefährlichen Situation, in der sie zeigen muss, was wirklich in ihr steckt. Dabei macht sie eine tolle Entwicklung durch, sie gewinnt an Stärke und verliert an Naivität. In die Geschichte kommt buchstäblich Bewegung und ich fand es interessant, die Welt, in der Lia lebt, besser kennenzulernen. Allmählich erhielt ich einen Überblick über die verschiedenen Bevölkerungsgruppen und die politische Situation. Gleichzeitig bleibt das Buch emotional, denn verzweifelte und hoffnungsvolle Momente folgen rasch aufeinander. Das letzte Buchdrittel hat mir deshalb mit Abstand am Besten gefallen. Diesen ersten Band der Reihe rundet schließlich eine Szene ab, die eine Überraschung bietet, Spannung verspricht und meine Neugier auf die Fortsetzung wecken konnte.

Fazit
„Der Kuss der Lüge“ erzählt die Geschichte von Lia, die ihrem Leben als Prinzessin am Tag ihrer arrangierten Heirat entflieht und sich in einem kleinen Dorf ein normales Leben aufbauen will. Doch der Prinz und ein Attentätet sind ihre schon auf den Fersen, sodass der Leser eine emotionale und gleichzeitig spannende Geschichte erlebt. Nach einigen Längen schöpft die Geschichte ihr Potential zunehmend aus und konnte mich immer besser unterhalten. Ich vergebe knappe vier Sterne und freue mich auf den zweiten Teil, in dem die Geschichte sich hoffentlich weiter steigern kann!

Donnerstag, 13. April 2017

[Rezension Ingrid] Die Entführung des Optimisten Sydney Seapunk von Andreas Stichmann


Titel: Die Entführung des Optimisten Sydney Seapunk
Autor: Andreas Stichmann
Erscheinungsdatum: 17.02.2017
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen

Im Roman „Die Entführung des Optimisten Sydney Seapunk“ lässt Andreas Stichmann in Hamburg-Osdorf frischen Wind und neue Ideen in die beschauliche und seit Jahren existierende Wohnsiedlung Sonnenhof durch zwei Charaktere einkehren. Früher als alternatives Wohnprojekt gegründet dient sie heute dem betreuten Wohnen unter der Leitung von Ramafelene Meisner, dem Sohn der Gründerin und passenderweise so wie sie von Beruf Sozialarbeiter. Einerseits erscheint dort die 17-jährige Bianca, genannt Bibi, vom Äußeren her schon durch ihre blauen Haare auffallend. Sie soll dort ihre Sozialstunden ableisten und sinnt dabei über einen Ausweg der ihr drohenden Unterbringung in einem Heim nach. Andererseits hat sich David van Geelen, Miterbe eines Unternehmens und Focusing-Trainer den Sonnenhof und seine Bewohner bewusst dazu ausgesucht mit ihm gemeinsam vom Projekt der Entführung eines Millionärs zu profitieren. Er möchte die Welt verändern, ist sich aber bewusst, dass er das nicht alleine schafft.

David setzt auf das Schwarmverhalten so wie bei Fischen. In Bezug darauf bezeichnet er sich selbst als Seapunk, also als jemand der wie alles vom Meer beeinflusst wird. Entsprechend ist das Cover in aquablau gestaltet mit dem Bildelement eines Wals. Die im Buch enthaltenen bunten Seapunk-Collagen zeigen Beispiele für die gleichnamige Stilrichtung. Das sieht gut aus, hat aber auf den Handlungsablauf keine Einwirkung.

Jeder Charakter dieses Romans scheint auf der Suche zu sein. Ramafelene sucht nach neuen Konzepten, um mehr Geld zur Erhaltung und Renovierung der Wohnanlage einzunehmen. Seine Mutter sucht nach einer Möglichkeit selbstbestimmt im Alter zu leben, der Bewohner Küwi sucht mittels Detektor nach realen Schätzen, Bibi sucht nach einer dauerhaften Bleibe und David van Geelen nach Mitstreitern für seine Idee.

So kurios und komisch wie das Aufeinandertreffen dieser Figuren auch sein mag, so nachdenklich stimmen die Sorgen der Personen, die hier versammelt sind. Der Autor bildet dadurch einige Themen unserer Gesellschaft ab. Bibi steht als Vertreterin der Jugendlichen, die eine dunkle Zukunftsperspektive für sich sehen und aus Langeweile unüberlegt und eher beiläufig straffällig werden. Ingrid, auch dunkle Inge genannt, hat viel erreicht in ihrem Leben und vertritt die ältere Generation die umsorgt altern möchten. Ihrem Sohn ist es noch nicht gelungen eine Lebensgefährtin zu finden. Seine große Zuneigung zu Bibi ist nicht zu übersehen, aber der Altersunterschied ist groß. Die behinderten Bewohner möchten entsprechend ihrer Fähigkeiten aktiv am Alltag beteiligt werden und nicht nur nutzlos beschäftigt sein. Die Idee von David übersteigt schließlich alles. Erscheint sie auf den ersten Blick als wahnwitzig aber genial, so ist sie auf den zweiten zu hinterfragen.

David wurde durch das Verhalten seiner Eltern ihm gegenüber geprägt. Das was er heute ist, hat er zum größten Teil seiner Umwelt zu verdanken. Seine Idee spricht für ihn, doch die Umsetzung richtet er gegen die Schatten seiner Vergangenheit. Über die Konsequenzen hat er sich wenig Gedanken gemacht. An dieser Stelle treibt denn auch der Ernst der Sache an die Oberfläche.

Andreas Stichmann schreibt schlicht und auf wesentliche Details beschränkt aus unterschiedlichen Erzählperspektiven. „Die Entführung des Optimisten Sydney Seapunk“ ist ein Abenteuer, das auf den Prüfstand zu stellen ist. Der Autor brachte mich dazu, darüber zu rätseln wie weit man gehen muss um, eine gewachsene Gemeinschaft aufzubrechen und die Zugehörigen zu instrumentalisieren. Wenn auch das Verbrechen am Beginn einer Weltveränderung bei mir ein Störgefühl hervorrief, so war das Lesen doch verbunden mit Einzigartigkeit der Charaktere und einer ungewöhnlichen Geschichte. Das Ende war vielversprechend und ließ Raum zum Weiterdenken. Kein Buch für jedermann, eher für Denker die Situationskomik mögen.

Dienstag, 11. April 2017

[Rezension Hanna] Die Zutaten zum Glück - Louise Miller

 

Die Zutaten zum Glück
Autorin: Louise Miller
Übersetzerin: Katja Bendels
Klappenbroschur: 408 Seiten
Erschienen am 10. April 2017
Verlag: insel taschenbuch

Inhalt
Olivia arbeitet als Patissière im angesagten Emerson Club in Boston – bis sie an einem Abend mit einem flambierten Baked Alaska einen Brand verursacht. Noch in derselben Nacht flieht sie zu ihrer besten Freundin Hannah nach Guthrie in Vermont. Eigentlich wollte Olivia dort nur für ein paar Tage bleiben. Doch als sie von Hannah erfährt, dass der nahegelegene Landgasthof „Sugar Maple Inn“ eine Patissière sucht, bewirbt sie sich. Die Besitzerin Margaret zeigt sich unbeeindruckt von Olivias bisheriger Karriere, gibt ihr aber eine Chance. Von allen Seiten schlägt ihr zunächst Skepsis entgegen, doch allmählich findet sie Freunde. Vor allem Martin, der wegen seines kranken Vaters vorübergehend in die Heimat zurückgekehrt ist, scheint mehr als nett zu sein…

Meinung
Das Cover des Buches sieht wirklich zum Anbeißen aus. Da ich sehr gern backe war mein sofort Interesse geweckt, als ich las, dass sich das Buch um eine Patissière dreht. Die Protagonistin Olivia lernt man bei der Arbeit kennen, wo sie gerade ihre Spezialität, einen Baked Alaska, den Gästen präsentieren soll. Doch der brennende Nachtisch rutscht ihr aus den Händen und schon steht der Club in Flammen. Gut konnte ich verstehen, dass Olivia einfach nur weg will. Ihre beste Freundin Hannah steht ihr bei und will sie rasch davon überzeugen, doch erst mal länger bei ihr zu bleiben.

Da Olivia Geldsorgen hat, kommt ihr der neue Job im Sugar Maple Inn inklusive kostenloser Unterkunft gerade recht. Doch als Stadtkind muss sie sich erst einmal an das Kleinstadtleben in Guthrie gewöhnen, wo jeder jeden kennt und gelästert wird, was das Zeug hält. Außerdem scheint es zwischen der zugeknöpften Besitzerin Margaret und Jane White, gegen die Margaret nach zahlreichen Siegen seit drei Jahren im Backwettbewerb verliert, ein altes Zerwürfnis zu geben. Sicherheit gibt Olivia die Arbeit, die sie meisterhaft beherrscht: Brot backen, Desserts zubereiten und Torten herstellen. Die Beschreibungen ihrer Künste machten mir immer wieder Appetit und Lust, mich selbst in die Küche zu stellen.

Olivia findet bald auch Freunde: Den Milchlieferanten Tom, den Küchenchef Alfred und außerdem Dotty, Margarets beste Freundin, sowie ihren Mann Henry und ihren Sohn Martin. Vor allem die Musik hilft ihr dabei, denn sie tritt mit ihrem Banjo in Toms Band ein und lernt von Henry, eine Dulcimer zu spielen. Mit Martin versteht sie sich mehr als gut und verbringt immer mehr Zeit mit ihm und seiner Familie. Ich fand es schön, zu sehen, wie Olivia allmählich ankommt. In der Kleinstadt lernt sie auf ganz neue Weise, was Freundschaft und Zusammenhalt heißt. Ich konnte mich gut in sie einfühlen und habe es genossen, an ihrer Seite in der Küche zu stehen und durch die Stadt zu streifen.

Bald ziehen aber auch dunkle Wolken am Himmel auf. Hannah fühlt sich vernachlässigt und Jane White versprüht hr Gift. Schließlich überschlagen sich die Ereignisse und Olivia gerät in eine rasante, emotionale Berg- und Talfahrt. Ich fand ihr Verhalten in dieser Zeit allerdings nicht ganz nachvollziehbar. Sie trifft einige weitreichende Entscheidungen, die ich überhaupt nicht gut fand und bei denen ich ihr gerne ins Gewissen geredet hätte. Das übernehmen schließlich andere – für mich aber zu spät. Das Ende hält schließlich einige schöne Überraschungen bereit und konnte mich versöhnlich stimmen.

Fazit
„Die Zutaten zum Glück“ erzählt die Geschichte von Olivia, die sich nach einem beruflichen Malheur aus Boston zu ihrer besten Freundin in die Kleinstadt Guthrie flüchtet und dank eines neuen Jobs beschließt, für eine Weile zu bleiben. Bald findet sie neue Freunde und vor allem der charmante Martin weckt ihr Interesse. Doch es schlägt ihr auch Missgunst entgegen, und so mancher hat seine Geheimnisse. Ein schöner Roman rund um Freundschaft, süße Speisen und Musik, der beim Lesen gute Laune macht!

Sonntag, 9. April 2017

Bericht über den Besuch der Lesung von Karine Lambert am 06.04.2017 in Köln

v.l.n.r. Ulrike Kriener, Karine Lambert und Angela Spitzig

Der Einladung des Diana Verlags, für die ich mich an dieser Stelle ganz herzlich bedanken möchte, zur Lesung von Karine Lambert, der belgischen Autorin des Buchs „Und jetzt lass uns tanzen“, bin ich gerne gefolgt. Sie fand am Donnerstag, den 06.04.2017 in der Mayerschen Buchhandlung am Neumarkt in Köln statt. Ich habe das Buch bereits gelesen, meine Rezension dazu findet ihr unter folgendem Link: KLICK!

Andrea Bernauer von der Mayerschen begrüßte als Gäste an diesem Abend neben der Autorin auch die Schauspielerin Ulrike Kriener, die die deutschen Textpassagen las, und Angela Spizig als Moderatorin. „Und jetzt lass uns tanzen“ ist für Frau Bernauer ein „Buchhändlerbuch“, das wäre eher selten, sagte sie. Aber dieser Roman hätte sie bereits nach den ersten Sätzen in den Bann gezogen. An dieser Stelle verriet sie auch, dass der erste Roman der Autorin jetzt übersetzt und bald in Deutschland erscheinen wird.
Andrea Bernauer/Mayersche Köln Neumarkt bei ihrer Begrüßung

Nachdem Frau Kriener, Frau Lambert und Frau Spizig am Lesungspult Platz genommen hatten, begrüßte Angela Spizig, die langjährige frühere Bürgermeisterin von Köln und vielfache Literaturmoderatorin,  die Anwesenden, darunter Doris Schuck als Vertreterin des Diana Verlags und die Übersetzerin des Buchs Pauline Kurbasik. Sie erklärte kurz, dass es für die Autorin ein ungewohnter Abend wäre, denn in Belgien und Frankreich kennt man diese Form der abendfüllenden Lesungen nicht. 
v.l.n.r. Ulrike Kriener, Karine Lambert und Angela Spitzig

Zunächst stellte Frau Spizig Ulrike Kriener vor. Frau Kriener sucht für ihre Rollen, in denen sie ältere Frauen spielt, in ihrem Verwandten- und Bekanntenkreis danach, wie man sich altersgemäß verhält. Das Äußere wird von der Maske durch entsprechende Schminke und Utensilien hergerichtet. Doch im Grunde genommen geht es vor der Kamera und auch im Buch immer um eins: den Emotionen. Ulrike Kriener hat für ihre Leistungen schon viele Preise entgegen genommen. Auf die Frage, welcher ihr der Liebste ist, antwortete sie, dass ihr bisher zwei besonders wichtig gewesen sind. Einerseits der „Grimme-Preis“, weil er ihr erster war und ein unabhängiger Preis ist und andererseits der „Rencontre internationale“, weil er ihr die Bestätigung gebracht hat, auch international erfolgreich sein zu können.

Anschließend kam die Moderatorin wieder auf den Roman zurück und fragte Karine Lambert, die hauptberuflich als Fotografin arbeitet, warum sie die Handlung in den feinen französischen Pariser Vorort Maison-Lafitte gelegt hat. Frau Lambert antwortete, dass es dafür keinen besonderen Grund gibt, die Romanhandlung könnte in Belgien oder Frankreich spielen. Wichtig war ihr, dass der Ehemann der Protagonistin etwas „steif“ wirken sollte. Sie schreibt so wie es ihr selbst am besten gefällt. Beim Schreiben denkt sie nicht daran, für wen sie schreibt. Auf das Thema der Liebe im Alter ist sie durch die Mutter einer Freundin gekommen, deren Mann verstorben war. Ein Jahr später hat sie sie wieder getroffen und den Glanz in ihren Augen bemerkt. Sie war glücklich verliebt.

Ulrike Kriener hat an diesem Abend drei Abschnitte vorgelesen. Sie stellte uns dabei die beiden Protagonisten des Romans Marguerite und Marcel vor und las die Stelle im Buch an der die beiden sich kennen gelernt haben. Frau Kriener wirkte sehr souverän, während die Autorin zunächst auf mich einen angespannten Eindruck machte, der sich mit der Zeit aber gegeben hat. Bevor Frau Kriener die deutsche Übersetzung der ersten Textpassage vorgelesen hat, konnten wir einige Seiten des Originals in Französisch genießen, die Karine Lambert selbst vortrug.

Der ihr eigene Humor, der im Buch zu finden ist, blitzte bei den zahlreichen Antworten auf die Fragen der Moderatorin immer wieder durch. Karine Lambert gab auf die Frage von Angela Spizig, wie lange sie an dem Roman geschrieben hat eine etwas mysteriöse Antwort: ein Leben, ein Monat und eine Sekunde. Auf Nachfrage erklärte sie dann, dass sie zunächst zum Thema gesammelt hat, dass dann ein Funken dieses „Holz“ in Brand setzte und sie dann nachlegen musste, womit sie ihre Recherchearbeiten meinte.

Frau Spitzig interessierte sich dafür, wie sie denn zum Thema recherchiert hätte, denn ihr kämen nur die 3 K in den Sinn „Kaffeefahrt, Kur und Kegeltour“ auf denen sie ältere Menschen kennenlernen könnte. Frau Lamberts Recherchen waren sehr unterschiedlicher Art vom Nachschlagen im Wörterbuch unter „alt“ bis hin zu Interviews. Sie wollte dazu nicht genauer werden. Von Bedeutung waren ihr dabei, diskret vorzugehen und ihre Interviewpartner nicht zu brüskieren.
Angela Spitzig (re.) zeigt die Aufmachung der französischen Taschenbuchausgabe (in ihrer rechten Hand)
 im Vergleich zur französischen Originalausgabe und der deutschen Ausgabe (links und rechts in ihrer linken Hand), links im Bild Karine Lambert

Wenn man sich mit anderen Kulturen beschäftigt, bemerkt man, dass dort durchaus die Älteren im Ansehen steigen, doch hier bei uns in Europa ist das nicht so, da macht das Alter der betreffenden Person  eher Angst, merkte Angela Spizig an. Karine Lambert war bei ihrer Recherche nicht immer nur erfreut. Einmal hat sie von einem Freund erfahren, dass in einem Altersheim in Belgien ein offener Umgang der Bewohner durch das Abschließen der Zimmertüren unterbunden wurde. Solche Erlebnisse wollte sie für ihre Figuren nicht. Sie sieht das Alter als Abenteuer für Körper, Geist und Seele. Mit ihren Protagonisten Marguerite und Marcel hat sie zwei Personen geschaffen, die sehr unterschiedlich sind und sich in ihrem Wohnviertel bei einer zufälligen Begegnung nicht einmal angeschaut hätten. Sie findet, dass sich die Leute um jemanden herum zu viel einmischen. Lust und Leidenschaft älterer Menschen sind für die Jüngeren ungewöhnlich. Sie hofft, dass ihr Buch ansteckend wirken wird. Für sie gibt es keine Altersgrenze sich zu lieben. An dieser Stelle setzte sie ein deutliches „NON“ zu einem Limit.

Karine Lambert waren Bücher von Beginn an lebenswichtig. Durch sie konnte sie in tausend andere Leben reinschauen. Sie wollte schon mit acht Jahren schreiben und nichts hat sie daran gehindert außer dem Funken der dazu fehlte. Mit ihrem ersten Buch, das sie vor drei Jahren geschrieben hat, hat sie sich ihren Kindheitstraum erfüllt und sie findet es immer noch unwirklich, dass sie nun so viel Erfolg mit ihren Büchern hat. Die Idee zu ihrem ersten Buch hat ihr die Begegnung mit einer Frau gebracht, die 25 Jahre auf Männer verzichtet hat. Nachdem ihr Roman ein Erfolg wurde hat sie diese Frau nach einem Jahr nochmals aufgesucht, um ihr davon zu berichten. Sie lebte inzwischen in einer festen Beziehung mit einem Mann.

Frau Sinzig erwähnte, dass 60% aller Autoren bereits nach ihrem ersten Roman aufgrund des hohen Erfolgsdrucks der auf ihnen lastet aufgeben und wollte von Frau Lambert wissen, ob es ihr schwer gefallen sei „Und jetzt lass uns tanzen“ zu schreiben. Diese antwortete ihr, dass die vorliegende Geschichte eigentlich der dritte Roman ist. Die zweite Erzählung fand sie nicht so gut gelungen und hat sie für eine spätere Bearbeitung in eine Schublade gelegt. Doch gleich am nächsten Tag hat sie weiter geschrieben und inzwischen arbeitet sie an einem weiteren Werk. Dazu verriet sie, dass die Hauptfigur ein 35-Jähriger ist, der in seinen Grundfesten erschüttert, zu sich selber finden muss.

Für ihre Bücher schreibt sie etwa zehn Seiten fest definierte Charaktere, bei den Handlungen lässt sie sich mehr Spielraum. Sie hat keine Sorge um neue Ideen. Interessant war es auch zu erfahren, dass von ihrem ersten Buch jetzt eine Theaterversion vorliegt. Ihr erstes Buch wird wieder von Pauline Kurbasik übersetzt werden, die bereits in „Und jetzt lass uns tanzen“ den besonderen Humor von Karine Lambert hervorragend ins Deutsche übertragen hat. Es trägt den Titel „Das Haus der Frauen, die auf Männer verzichtet haben“ und erscheint im Oktober 2017 im Diana Verlag.

Angela Spitzig wünschte zum Abschluss des Abends der Autorin, dass sie ihr Alter in den Armen eines Mannes verbringen kann, viel Erfolg für ihre Bücher und viele Leser. Auch ich möchte mich für diesen gelungenen Abend herzlich bei den Beteiligten bedanken und schließe mich den Wünschen der Moderatorin gerne an.
v.l.n.r. Karine Lambert, Angela Spitzig und ich (Ingrid Eßer von buchsichten.de)

Im Anschluss an die Lesung hatte ich die Möglichkeit mir mein Buch und das Signierbuch unseres Blogs signieren zu lassen. Schaut einmal, was Karine Lambert mir hinein geschrieben hat: 

Ich hoffe, euch hat mein Bericht gefallen und vielleicht habt ihr Lust bekommen, einmal eine Lesung der Autorin zu besuchen. Im Moment sind mir leider keine aktuellen Termine dazu bekannt.

(Text: Ingrid Eßer, Fotos: I. und J. Eßer)