Mittwoch, 28. Juni 2017

[Rezension Hanna] Wenn die Wellen leuchten - Patricia Koelle


 

Wenn die Wellen leuchten
Autorin: Patricia Koelle
Taschenbuch: 544 Seiten
Erschienen am 22. Juni 2016
Verlag: FISCHER Taschenbuch

Inhalt
Rhea ist auf der Nordseeinsel Amrum aufgewachsen, die sie nur selten verlassen hat. Als Kind wurde sie von ihren Mitschülern gehänselt, weil sie ihren Vater nicht kennt und ihre Mutter Filine die Erinnerung an ihn nur langsam mit ihr teilt. Gleichzeitig war sie fasziniert von der Legende des Töveree Fisk, der früher mit seinem blauen Leuchten Schiffe gerettet hat. Ob sie eine magische Schuppe von ihm im Watt finden kann? Als Erwachsene betreibt sie gemeinsam mit ihrer Mutter eine Minigolfanlage auf der Insel. Noch immer hofft sie, irgendwann ihren Vater zu finden. Als sie eines Tages ein verlockendes Angebot erhält, wagt sie den Sprung ins Ungewisse…

Meinung
Nachdem mich die Ostsee-Trilogie der Autorin begeistern konnte, habe ich mich riesig über die Nachricht gefreut, dass das nächste Projekt eine Nordsee-Trilogie ist. Der Prolog nimmt den Leser mit ins 18. Jahrhundert: Im Sturm gerät ein Schriff in Seenot und wird von einem blau leuchtenden Fisch gerettet – dem Töveree Fisk? Als einziger Beweis für dessen Eingreifen bleibt dem Kapitän eine blau schimmernde Schuppe. Eine schöne Legende, auf die auch im Titel angespielt wird und die mich neugierig darauf machte, welche Rolle der Töveree Fisk in der Geschichte spielt.

Die Protagonistin Rhea lernt man zuerst als Kind kennen, dass von den anderen wegen ihres unbekannten Vaters geärgert wird und die Strandkrabben als ihre Freunde betrachtet. Vierzehn Jahre später, im Jahr 1979, ist aus Rhea eine starke Frau geworden, die fest mit der Insel verbunden ist und der dennoch etwas fehlt: Das Wissen, wer ihr Vater wirklich war. In Rückblenden aus der Perspektive von Filine erfährt man genau wie Rhea als Kind Stück für Stück alles, was sie über ihn weiß. Ich mochte Rheas besonnenes Wesen von Beginn an sehr. Auch Filine verstand ich mit jeder Rückblende besser.

Besonders interessant fand ich Filines Begabung, Minigolf-Hindernisse zu bauen und mit ihnen eine Geschichte zu erzählen. Daraus ergibt sich für sie auch eine tolle Gelegenheit, nur für eine Weile die Insel zu verlassen, wodurch Schwung in die Geschichte kam. Sie macht neue Bekanntschaften, die sie darum bitten, Geschichten zu erzählen. Dadurch erfuhr man noch mehr über ihre Kindheit und andere Inselbewohner. Dieses Eintauchen machte Spaß, ich lernte die bezaubernde Insel Amrum und dessen Bewohner immer besser kennen und nicht selten kannte ich danach ein neues Geheimnis.

Der Leser begleitet Rhea und Filine über mehrere Jahrzehnte durch Höhen und Tiefen. Die Jahre flogen beim Lesen geradezu dahin. Schön fand ich, dass es auch ein Wiedersehen mit Henny Badonin aus der Ostsee-Trilogie gab. Auch Kalle aus „Die eine, große Geschichte“ spielt eine Rolle. Dieses Buch kenne ich leider noch nicht und ich hatte das Gefühl, dass mir dadurch Vorwissen fehlte, um ihn besser verstehen zu können.

Im Buch gibt es immer wieder entscheidende Momente, die Rhea oder Filines weiteren Weg nachhaltig bestimmen. Diese waren mal schön oder bittersüß und mal dramatisch und machten die Handlung abwechslungsreich. Für meinen Geschmack neigten aber zu viele Personen dazu, wortlos die Insel zu verlassen. Zum Ende hin kam mir die Wendung in Richtung Happy End außerdem zu abrupt. Trotzdem hat mir der Abschluss gefallen, denn die drängendsten Fragen wurden geklärt. Gleichzeitig warten weitere Geheimnisse darauf, gelüftet zu werden, sodass ich mich schon sehr auf die Fortsetzung freue.

Fazit
„Wenn die Wellen leuchten“ erzählt die Geschichte von Rhea und Filine, die auf der Nordseeinsel Amrum leben. Der Leser begleitet die beiden durch abwechslungsreiche Jahre, in denen sie nach der Liebe und dem legendären Töveree Fisk suchen. Mir hat es Spaß gemacht, mich gedanklich in diese schöne Geschichte fallen zu lassen. Sehr gern empfehle ich das Buch weiter.

Dienstag, 27. Juni 2017

[Rezension Ingrid] Stirb schön von Peter James


Titel: Stirb schön
Autor: Peter James
Übersetzerin: Susanne Goga-Klinkenberg
Erscheinungsdatum: 01.08.2008
Verlag: Fischer TB (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Taschenbuch

„Stirb schön“ ist der zweite Band der Krimiserie rund um den Ermittler Roy Grace. Der Autor lässt seine Reihe im britischen Brighton and Hove spielen, der Stadt in der er geboren ist und bis heute einen Landsitz hat. Das Cover ist wie beim ersten Band sehr einfach gestaltet, nur ein Mistkäfer deutet darauf hin, dass er eine Rolle in der vorliegenden Krimihandlung spielen wird.

Es beginnt damit, dass Janie Stretton, eine Jurastudentin, sich auf einen Termin vorbereitet. Am nächsten Tag findet der Werbemanager Tom Bryce auf der Zugfahrt von London nach Brighton eine CD-ROM, die sein Gegenüber beim Aussteigen liegen gelassen hat. Zu Hause spielt er die CD auf seinem Laptop ab und wohnt dadurch einer Szene bei, die die Ermordung einer jungen Frau zeigt. Kurze Zeit später löscht sich seine Festplatte und er erhält eine Drohung für den Fall, dass er davon erzählt, was er gesehen hat. Bald schon wurde mir als Leser klar, dass der Mord keine Filmszene darstellte, sondern Realität und dass es sich bei der Ermordeten um Janie handelt. Der Täter hat einen Mistkäfer am Tatort hinterlassen. Nach Ermittlungen wurden bei einem entsprechenden Händler sechs Exemplare geordert. Die Zeit drängt, denn vielleicht ist ein Serienmörder am Werk …

Wie auch beim ersten Band der Reihe wusste ich es zu schätzen, dass ich die Umgebung von Brighton and Hove kenne und mir so die Schilderungen noch besser vorstellen konnte. Der leitende Ermittler Roy Grace, der seit neunzehn Jahren im Polizeidienst ist wie auch weitere Bearbeiter des Falls haben ein Privatleben, das sich im Zuge ihrer Arbeit weiter entwickelt. Roy Grace hat endlich ein ernst zu nehmendes Rendezvous.

Peter James versteht es von der ersten Seite an, Spannung aufzubauen, die bis zum Ende nicht abreißt. Während die Recherche zum ersten Fall läuft, geschehen schon weitere kriminelle Handlungen. Bewunderte ich den Mut des Familienvaters Tom Bryce sich gegen die Einschüchterung zur Wehr zu setzen, so musste ich letztlich um ihn und seine Angehörigen bangen. Bewusst versieht der Autor aber auch viele seiner Charaktere mit weniger charmanten Eigenschaften, die es schwierig gestalten, die Personen uneingeschränkt sympathisch zu finden. Erst seit ein paar Jahren bin ich durch Krimis auf das Darknet aufmerksam geworden und war überrascht bereits in dieser Geschichte aus dem Jahr 2006 über Snuff Videos im Netz zu lesen. Bei der Gestaltung der Täter bedient sich der Autor einigen geltenden Klischees. Auch diesmal kommt wieder ein leichter mystischer Touch ins Spiel.


Auch im zweiten Fall für den Ermittler Roy Grace geschieht ständig etwas Neues mit einigen unerwarteten Wendungen, was die Spannungskurve bis zum Schluss aufrechterhielt. Der Krimi ist nichts für Zartbesaitete, sondern beschreibt einige Szenarien grausam und eindringlich. Wer davor nicht zurückschreckt, den erwartet mit diesem Buch ein überaus spannender Krimi.

[Rezension Ingrid] Alles, was folgte von Renate Ahrens


Titel: Alles, was folgte
Autorin: Renate Ahrens
Erscheinungsdatum: 02.05.2017
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag

Fast 48 Jahre sind vergangen seit Oskar „seine“ Ingrid im Februar 1942 beim Tanzen kennen gelernt hat. Es ist ein wichtiger Tag für ihn, der seine folgenden Wochen, Monate und Jahre geprägt hat. Im Buch „Alles, was folgte“ schildert Renate Ahrens nicht nur das Kennenlernen, sondern auch die anschließenden Erlebnisse der beiden im gebeutelten Hamburg und Oskars Kampf im Krieg an der Ostfront und in Gefangenschaft. Die Möwen auf dem Cover des Buchs bewegen sich scheinbar frei und unbesorgt. Diese Unabhängigkeit ist Oskar und Ingrid leider fremd, denn ihre Zukunftsvorstellungen werden aufgrund ihrer Jugend von der elterlichen Generation gezügelt.

Im Vordergrund der Geschichte steht jedoch Katharina, 44 Jahre alt, in Hamburg lebend und freiberufliche Fotografin in Kriegs- und Krisengebiete. Der Roman spielt im Jahr 1990 und auch für die Protagonistin ist es aufgrund der gerade geöffneten Grenzen zu Ostdeutschland eine bewegende Zeit. Eines Tages erhält sie einen Packen mit Briefen von jemandem aus Ostberlin, den sie nicht kennt. Die Briefe hat ihre Mutter Maria nach Ende des Krieges an ihre Schwester Ingrid geschrieben. Für Katharina sind die Briefe kaum fassbar, denn aus ihrem Inhalt geht hervor, dass nicht Maria ihre leibliche Mutter ist, sondern Ingrid. Zunächst will sie den Gedanken daran komplett verdrängen, aber das Thema lässt sie nicht ruhen und so begibt sie sich auf die Suche nach Ingrid und ihren unbekannten Vater, während sie bereits die nächsten nicht ungefährlichen Reisen in Krisenregionen plant.

Die Kapitel wechseln in unbestimmter Reihenfolge zwischen der Ich-Erzählerin Katharina und Oskar. Katharina hat in ihrem Beruf die Gefahr nie gescheut, auch in ihrer neuen Beziehung stellt sie ihren Job an die erste Stelle. Ihre Motivation dazu kann sie nicht genau benennen, doch sie wird mit jeder Reise zu einer Zeitzeugin. Mit ihren Bildern möchte sie zeigen, was eigentlich nicht geschehen darf und so die Öffentlichkeit darauf aufmerksam machen. Auch Oskar hat an bedeutenden Geschehen der Geschichte teilgenommen. Anders als Katharina hatte er nicht die Wahl, sich dem zu entziehen. Beide Protagonisten erzählen von der Liebe, nach der sie gesucht und sie verloren haben und nach Möglichkeiten ihr Leben danach neu auszurichten.

Der Roman liest sich leicht und gängig. Die Handlung treibt ständig voran. Bereits zu Beginn der Erzählung erhält Katharina die Briefe von Maria und ich fieberte über den folgenden Seiten mit, ob es ihr gelingen wird, ihre leiblichen Eltern zu finden. Aber auch die Erlebnisse von Oskar in Kriegszeiten und der Zeit danach ließen mich nicht unberührt.

Renate Ahrens ist es gelungen, wichtige Daten des letzten Jahrhunderts gekonnt in eine Familiengeschichte einzuweben und dabei noch ein paar unbekanntere Fakten einzufügen. Obwohl ich als Leser aufgrund der parallel geführten Erzählstränge einen leichten Wissensvorsprung bei der Suche nach ihren Eltern vor Katharina hatte, blieb sehr lange offen, ob sie erfolgreich verlaufen würde. Der Schluss des Romans ist überraschend und wird nicht jedem gefallen. Mich hat der Roman fasziniert und mir nochmal einige wichtige Zeitgeschehnisse in Erinnerung gerufen. Gerne empfehle ich das Buch daher weiter.




Donnerstag, 22. Juni 2017

[Rezension Ingrid] Hotel Atlantique von Valerie Jakob


Titel: Hotel Atlantique
Autorin: Valerie Jakob
Erscheinungsdatum: 22.04.2017
Verlag: Wunderlich (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen 

Das „Hotel Atlantique“ im gleichnamigen Debütroman von Valerie Jakob steht an der französischen Atlantikküste in St. Julien de la mer, einem fiktiven Ort in der Nähe von Biarritz. Eine entsprechende Karte zur Lokalisierung findet sich auf den Vorsatzblättern. Das Hotel Atlantique liegt wie auf dem Titelbild zu sehen, direkt am Meer und ist der wöchentliche Treffpunkt der Protagonistin Delphine mit ihrer älteren Freundin Aurélie.

Delphine Gueron hat lange Jahre als Kommissarin in Paris gearbeitet. Seit sie in Rente gegangen ist, lebt sie wieder in ihrer Heimat St. Julien de la mer. Jeden Dienstagnachmittag trifft sie sich mit der kürzlich verwitweten Aurélie de Montvignon im angesehenen Hotel Atlantique. Aurélie ist seit langer Zeit Dauermieterin einer der Suiten im Hotel. Eines Tages fällt sie kurz vor dem Treffen mit Delphine vom Balkon ihres Zimmers ohne erkennbaren Grund. Delphine glaubt an Fremdeinwirkung, ein Nachweis gestaltet sich schwierig. Der fünfzehnjährige Karim, der erst vor kurzem versucht hat, bei ihr zu Hause einzubrechen und dem sie angeboten hat, sie bei einigen Tätigkeiten zu unterstützen statt ein Anzeige zu erstatten, trägt mit seinem Wissen zu den Nachforschungen bei. Über einen langjährigen Freund der Familie, der Wohnrecht im Haus der Montvignons besitzt, führen die Ermittlungen zu einem dunklen Kapitel der französischen Geschichte.

Obwohl der Roman äußerst raffiniert konstruiert ist konnte mich die Erzählung nicht mitreißen. Zwischen den Zeilen liest man die Begeisterung der Autorin für die Gegend an der französischen Küste in der Nähe zur spanischen Grenze. In den Beschreibungen der Landschaft kann man sich verlieren, mir persönlich gefielen die ausschweifenden Beschreibungen der Umgebung nicht so gut, weil ich mehr Romantik erwartet hatte. Die durchaus interessant gestalteten Charaktere blieben für mich auf Distanz, was im Fall von Delphine wohl auch dem höflichen Umgangston mit ihrer Freundin bei dem beide sich Siezen geschuldet ist und im Fall der Figur des Richard, dem alten Freund des Hauses, daran liegt, dass er als fragwürdige Person aufgebaut ist.

Der Roman führte mich zu dem mir unbekannten und gerne verschwiegenen Thema der horizontalen Kollaboration in der Vergangenheit der Franzosen. Einen Bogen von den damaligen Ereignissen zur heuten Zeit schafft Valerie Jakob durch den Charakter des Karims, so dass deutlich wird, dass es auch heute noch Vorbehalte gegen Personen gibt, bei denen mindestens ein Elternteil ausländischer Herkunft ist. Mein Lesefluss wurde leider immer wieder durch französische Floskeln und kurze Sätze unterbrochen. Es erfolgt nicht immer eine Übersetzung und so waren meine Grundkenntnisse der Sprache gefordert.

„Hotel Atlantique“ fasst in einem unterhaltsamen Roman, der wenige Längen verzeichnet, brisante Themen der französischen Geschichte aus Vergangenheit und Gegenwart auf. Ein Spannungselement ergibt sich aus dem Tod von Aurélie. Die Aufklärung der Umstände gestaltet sich jedoch eher schwierig. Wer sich gerne an die Küste des Atlantiks, umgeben von französischem Lebensstil versetzen lassen möchte und ein in der französischen Öffentlichkeit verschwiegenes Kapitel entdecken will ist bei diesem Buch richtig.



[Rezension Hanna] Stell dir vor, dass ich dich liebe - Jennifer Niven

 

Stell dir vor, dass ich dich liebe
Autorin: Jennifer Niven
Übersetzerin: Maren Illinger
Klappenbroschur: 464 Seiten
Erschienen am 22. Juni 2017
Verlag: FISCHER Sauerländer

Inhalt
Libby und Jack sind auf den ersten Blick ganz verschieden. Libby ist stark übergewichtig, war einst bekannt als „Amerikas fettester Teenager“ und ist nach Jahren des Heimunterrichts und Abnehmens endlich wieder bereit für die Welt. Jack hingegen gilt als cool, hat viele Freunde und führt eine On-Off-Beziehung mit der beliebten Caroline. Doch er hat ein Geheimnis: Er leidet unter Prosopagnosie, das heißt, er kann ihm bekannte Menschen nicht anhand ihrer Gesichter erkennen. Als er sich von seinen Freunden zu einer demütigenden Aktion gegen Libby anstiften lässt, verrät er ihr im Gegenzug sein Geheimnis. Er fühlt sich von ihr verstanden und beginnt, Zeit mit ihr zu verbringen – zum Missfallen von seinen Freunden und vor allem Caroline…

Meinung
Schon vor der Lektüre war mir die Krankheit Prosopagnosie bzw. Gesichtsbildheit bekannt, allerdings nur in Form von wissenschaftlichen Erkenntnissen. Deshalb war meine Neugier gleich geweckt als ich hörte, dass der Protagonist des Romans darunter leidet. Schnell ist klar, dass zwischen den pinken Buchdeckeln zwar die Liebe eine Rolle spielt, aber auch mal ernstere Töne angeschlagen werden, durch welche die Geschichte alles andere als eine typisch kitschige Love Story ist.

Zu Beginn des Buches lernt der Leser Libby an ihrem ersten Schultag seit der fünften Klasse kennen. Sie ist in vielerlei Hinsicht aufgeregt. Zum einen freut sie sich auf viele neue, nette Bekanntschaften. Zum anderen ist sie sich ihres Übergewichts absolut bewusst und ahnt, dass sie auch abfällige Kommentare hören wird. Beides bewahrheitet sich – sie findet erste Freunde, wird aber auch Opfer verschiedener Gemeinheiten. War sie zu Beginn noch unsicher, so wird sie mit der Zeit immer selbstbewusster, worüber ich mich sehr für sie gefreut habe.

Die Geschichte wird abwechselnd aus der Sicht von Libby und Jack erzählt. Jack ist seit Jahren darum bemüht, seine Prosopagnosie geheim zu halten, was schon häufiger zu peinlichen Situationen geführt hat. Zuletzt hat er aus Versehen die Cousine von Caroline geküsst, weil er die beiden verwechselt hat. Ich fand die Einblicke in seine Wahrnehmung und seine Strategien sehr authentisch und interessant. Durch seine Freunde wird Jack schließlich auf Libby aufmerksam. Er trifft eine folgenschwere Entscheidung, durch welche die Dinge ins Rollen kommen. Obwohl er seine Wahl ausführlich begründet konnte ich diese und auch die Art und Weise, wie er Libby sein Geheimnis verrät, nicht hundertprozentig nachvollziehen.

Ich bin schnell tief in die Geschichte eingetaucht. Sie ist temporeich erzählt und gibt gleichzeitig breite Einblicke in die Gedanken und Gefühle der beiden Protagonisten, die mich mit ihnen fühlen ließen. Die beiden müssen sich auf ihre Art und Weise so manchen Herausforderungen stellen. Dabei gibt es schöne, aber auch bedrückende Momente in einem gelungenen Verhältnis. Besonders gefallen haben mir die Dialoge zwischen Libby und Jack, die mit der Zeit vertrauter werden. Beide können sich nicht ganz von den Dingen frei machen, die sie belasten, und beginnen, sich gegenseitig zu unterstützen. Doch Jack steht unter sozialem Druck von seinen Freunden. Ich schwankte deshalb immer zwischen Hoffnung und Sorge, wie es weitergehen wird. Für mich hat die Autorin hier genau die richtigen Worte gefunden und konnte mich berühren. Das Ende hat mir gefallen, es fühlte sich nach den Herausforderungen auf dem Weg dorthin aber schon fast zu einfach an.

Fazit
„Stell dir vor, dass ich dich liebe“ erzählt die Geschichte von Libby und Jack, die auf ihre Art und Weise aus der Menge herausstechen: Libby ist stark übergewichtig und Jack versucht zu verbergen, dass er aufgrund einer Krankheit bekannte Gesichter nicht wiedererkennen kann. Schwungvoll und berührend zugleich erzählt die Autorin von den Hoffnungen und Ängsten der beiden und wie sie sich zunächst eher unfreiwillig besser kennenlernen. Sehr gern empfehle ich das Buch weiter, das tiefgründiger ist, als das pinke Feelgood-Cover vermuten lässt.


Dienstag, 20. Juni 2017

[Rezension Ingrid] Für dich würde ich sterben - Erzählungen von F.Scott Fitzgerald


Titel: Für dich würde ich sterben - Erzählungen
Autor: F. Scott Fitzgerald
Herausgeberin und Kommentatorin: Anne Margaret Daniel
Übersetzer: Gregor Runge, Andrea Stumpf und Melanie Walz
Erscheinungsdatum: 11.04.2017
Verlag: Hoffmann und Campe (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen

Mit „Für dich würde ich sterben“ liegen erstmals Texte von Francis Scott Key Fitzgerald in gedruckter Form vor, die zu Lebzeiten des Autors in der vorliegenden Fassung keinen Verleger fanden. Das Buch enthält achtzehn Geschichten, davon sind vierzehn abgeschlossene Erzählungen, ein Fragment und drei Exposés zu Filmen. Die erste der im Buch enthaltenen Storys hat F. Scott Fitzgerald 1920 geschrieben, die anderen Texte viele Jahre später in den 1930ern.

Nach seinen großen Romanerfolgen wurde der Name des Autors in Verbindung mit Liebesgeschichten gebracht, in denen junge Männer aus minderbemitteltem Haus um Töchter reicher Eltern buhlten. Fitzgeralds eigene Eltern gehörten der oberen Mittelschicht an. Als Lieutenant bei der Army lernte er seine spätere Frau Zelda kennen, die eine Heirat aber zunächst aufgrund ungesicherter Lebensverhältnisse ablehnte. Doch nach ersten schriftstellerischen Erfolgen heirateten sie und führten ein mondänes Leben bei denen das zur Verfügung stehende Geld nicht ausreichte. Seine Erfahrungen flossen in seine Werke ein. So bewegt er sich in der ersten Geschichte „Spielschulden“ auf bekanntem Terrain in der Verlagswelt.

In den folgenden Jahren kam zu den Sorgen um‘s Geld die psychische Erkrankung seiner Frau hinzu, die immer wieder und zunehmend Aufnahme in psychiatrischen Kliniken suchte. Auch seine eigenen Probleme mit Alkohol und Gewaltanwendung gegen seine Frau blieben der Öffentlichkeit nicht verborgen. Bereits die zweite Geschichte „Böser Traum“ nimmt den Leser mit in eine psychiatrische Klinik und spielt mit dem Gedanken, ob sich klar trennen lässt, wer hier Patient oder Arzt ist. Die folgenden Erzählungen sind tragisch, schicksalhaft, erheiternd, aber grundsätzlich mit einer Spur von Dunkelheit versehen. Beispielhaft hierfür steht die Titelstory „Für dich würde ich sterben“, die vom Thema „Selbstmord“ durchzogen ist. Kurze Zeit nach Verfassen der Geschichte versuchte der Autor sich mit einer Überdosis Tabletten umzubringen.  Seine Beliebtheit sank zunehmend, doch die Umarbeitung der einmal geschriebenen Erzählungen, um sie dem Geschmack des Publikums anzupassen, verweigerte er und so blieb eine Veröffentlichung aus.

Die Geschichten lesen sich leicht und unterhaltsam und wirken aus einer heutigen Perspektive gesehen modern, vielleicht weil gerade die beinhalteten Frauenfiguren meist sehr selbstbewusst agieren. Im Anhang des Buchs finden sich zahlreiche Erläuterungen und Stellenkommentare zu den einzelnen Geschichten. Für mich waren die Storys ein ansprechender Zeitvertreib, für Fans des Autors die auch an seinem Lebensweg Interesse haben, sind sie ein Muss.



Sonntag, 18. Juni 2017

[Rezension Hanna] Schüsse im Schnee - Leena Letholainen


Schüsse im Schnee
Autorin: Leena Letholainen
Übersetzerin: Gabriele Schrey-Vasara
Hardcover: 384 Seiten
Erschienen am 19. Mai 2017
Verlag: Kindler

Inhalt
Über eine Freundin erhält die Leibwächterin Hilja Ilverskero einen neuen Auftrag. Sie soll für die Sicherheit von Lovisa Johnson sorgen. Die zweiundneuzigjährige Dame war früher eine erfolgreiche Unternehmerin. Heute fühlt sie sich in ihrem abgelegenen Anwesen bedroht, denn sie ist sich sicher, dass jemand sie töten will. Vielleicht sogar jemand aus der eigenen Familie? Schon auf dem Weg zum Anwesen gibt es einen Zwischenfall: Ein Unbekannter schießt auf Hiljas Auto. War das ein fehlgeleiteter Schuss eines Wilderers oder eine Nachricht an sie, dass sie unerwünscht ist? Trotzdem nimmt sie den Job an und hält die Augen offen im Kontakt mit Lovisas Familie und Bekannten. Aber bald geschieht wieder etwas…

Meinung
Das Cover des Buches spiegelt die Abgeschiedenheit des Handlungsortes wieder und machte mich neugierig, was dort wohl geschehen wird. Das Buch startet spannend mit den Schüssen auf Hiljas Auto, die gerade auf dem Weg zu ihrer neuen Auftraggeberin ist. Davon lässt sie sich aber erst einmal nicht abschrecken und beginnt nach einem kurzen Gespräch mit Lovisa sofort mit ihrer neuen Aufgabe als ihre Leibwächterin.

Für Hilja scheint der neue Job zur rechten Zeit zu kommen. Sie hat schon viel durchmachen müssen, was vermutlich in den ersten drei Bänden der Serie beschrieben wird, die ich noch nicht gelesen habe. Immer wieder flackern Erinnerungen auf, die dem Leser das nötigste erklären. Doch vor allem will sie nach vorn blicken und beginnt zügig mit dem Überprüfen der Sicherheitsvorkehrungen. Weil Lovisa nicht will, dass ihre Erben von ihren Ängsten erfahren, gibt sie Hilja als Sekretärin aus, die ihre Memoiren niederschreiben wird. Durch die Gespräche, die die beiden deshalb führen, erhält man immer wieder Einblicke in Lovisas Vergangenheit, aus der sich mögliche Motive ergeben.

Schon bald lernt Hilja Lovisas Erben kennen, bei denen es sich allesamt um exzentrische Persönlichkeiten handelt. Da gibt es den selbstlosen Arzt Johannes, der sich um illegale Einwanderer kümmert; den ehemaligen Polizeischüler Sampo, der zu einer rechten Vereinigung gehört; Aurora, die glaubt ,sie habe übersinnliche Fähigkeiten und Raisa, eine Unternehmerin in der Ölindustrie. Ihre gegensätzlichen Weltanschauungen prallen immer wieder aufeinander und jeder meint zu wissen, was das Beste für Lovisa ist. Zwar sind die Charaktere an sich interessant, aber es wird viel diskutiert und gestritten, wodurch die Geschichte für mich nur schleppend vorankam und an Spannung verlor.

Zwischenzeitlich tritt Lovisas Angst, man könne sie töten, fast gänzlich in den Hintergrund. Stattdessen konzentriert sich die Geschichte auf einen illegalen russischen Einwanderer, den Johannes nach Norwegen schmuggeln will und von dem natürlich vor allem Sampo nichts erfahren darf. Das weckt bei Lovisa alte, geheim gehaltene Erinnerungen. Dieser Handlungsstrang konnte mich leider nicht wirklich fesseln und ich hoffte, dass in Bezug auf die Haupthandlung endlich etwas passiert. Für mich etwas zu spät kommt es zu einem unerwarteten Todesfall, der für Dramatik sorgte. Leider flachte die Spannung danach recht schnell wieder ab und es wurde wieder ruhiger bis hin zu einem kurzen und heftigen Showdown, in dem Personen ihr wahres Gesicht enthüllen und alles auf dem Spiel steht. Vieles hier wirkte auf mich leider zu gewollt und nicht hundertprozentig nachvollziehbar, sodass ich das Buch mit gemischten Gefühlen beendete.

Fazit
In „Schüsse im Schnee“ soll Hilja eine alte Dame schützen, die glaubt, jemand wolle sie ermorden. Während Hilja sich um ihre Sicherheit kümmert, lernt sie die exzentrische Familie ihrer Auftraggeberin kennen. Die Autorin hat höchst unterschiedliche Charaktere geschaffen und lässt deren Überzeugungen aufeinanderprallen. Doch die Geschichte kommt trotz einzelner dramatischer Momente und gelüfteter Geheimnisse nicht so recht in Schwung. Ich vergebe drei Sterne für diesen ruhigen Kriminalroman im verschneiten Finnland.