Donnerstag, 16. November 2017

[Rezension Ingrid] Ein Mensch brennt von Nicol Ljubic

Am 16.11.2017  jährt sich der Tag der Selbstverbrennung von Hartmut Gründler zum 40. Mal. Seine Aktion ist ein Protest gegen die Lügen der Atomenergie, er stirbt fünf Tage später  am 21.11.2017 in Folge seiner Verletzungen im Krankenhaus.

Der SWR 2 hat mit dem Autor Nicol Ljubic ein Feature zu seinem Buch "Ein Mensch brennt", in dem Hartmut Gründler eine wichtige Rolle spielt, gedreht, an dem er fünf Jahre gearbeitet hat. Er schildert in dem Beitrag den Entstehungsprozess seines Romans von der ersten Idee bis zum fertigen Buch. 
Ausstrahlungstermin auf SWR 2: Dienstag, 21. November 2017, 22.03 Uhr

Der Radiosender NDR Kultur hat den Roman "Ein Mensch brennt"  von Nicol Ljubic in der Sendung  "Neue Bücher" am 02.11.2017 besprochen. Einen Link dazu findet ihr hier: LINK


Die titelgebende Figur des Romans „Ein Mensch brennt“ ist die historische Person Hartmut Gründler. Er hat sich am 16. November 1977 aus Protest gegen die Atompolitik der damaligen Regierung mit Benzin übergossen und angezündet und starb fünf Tage später im Krankenhaus an den Folgen seiner Verletzungen. Erzählt wird die Geschichte von der fiktiven Figur des Hanno Kelsterbach. Als Hartmut Gründler 1975 ins Souterrain des Familienheims zieht, steht Hanno gerade kurz vor seinem achten Geburtstag. Durch die Augen dieses Kinds schildert der erwachsene Hanno die Haupthandlung in Rückblicken auf die Ereignisse in den 1970ern. Entsprechend gestaltet ist das Cover mit dem Seitenprofil eines Jungen, der interessiert in die Welt blickt, die er sich erst noch erschließen muss.

Der Roman beginnt im Jahr 2011 in der Zeit nach der Nuklearkatastrophe von Fukushima. Inzwischen sind mehr als 33 Jahre vergangen seitdem sich Hartmut Gründler selbst angezündet hat. Hannos Mutter ist seit dieser Zeit überzeugte Umweltaktivistin und ein großer Anhänger der Ideen von Gründler. Hanno teilt deren Ansichten nicht, erinnert sich aber mit Bedenken an die Zeit als Gründler in die Kellerwohnung eingezogen ist und damit eine Veränderung im Wesen seiner Mutter begann. Er denkt zurück an den Kampf gegen die Atompolitik der Gruppe Lebensschutz, die Gründler ins Leben gerufen hat, und seine eigene Einbindung in die Aktivitäten durch das Engagement seiner Mutter in der Gruppe. Gleichzeitig versucht er durch den Rückblick besser zu begreifen, ob die schillernde Figur des Umweltaktivisten Anteil am Ende der Ehe seiner Eltern hatte.

Da auch ich in den 1970er Kind war, konnte ich die Agitation Hannos in dieser Zeit sehr gut nachvollziehen, sein Handeln auf Anweisung der Eltern, seine Freude am Hobby Fußball und gemeinsame Unternehmen mit der Familie. Ansonsten beobachtet man als Kind, hat seine Gedanken dazu, die viele Fragen aufwerfen, die man aber nicht abschließend formuliert oder sich nicht zu fragen traut, weil Kinder nicht alles wissen sollen. Die Sichtweise des Kinds bringt einen Anflug von Leichtigkeit in den Roman. Entsprechend der damals gängigen Vorstellung einer guten Ehe sorgte seine Mutter Martha sich ausschließlich um Haushalt und Kind. Der gemeinsame Kampf für die gute Sache gibt Martha die Möglichkeit im Engagement eine Art Befriedigung ihres Strebens nach Selbstbehauptung zu finden. Das Verständnis für die Ansicht seines Vaters als Familienoberhaupt und Versorger auf die Aktivitäten seiner Frau, das zum Zerwürfnis seiner Eltern führte, begreift Hanno erst später.

Beim Lesen habe ich manchmal vergessen, dass zwar Hartmut Gründlers wie auch mehrere andere Personen historisch verbürgt sind, die Geschichte aber an sich fiktiv ist. Geschickt wählt der Autor einen Protagonisten, der nur wenig jünger ist als er selbst, so dass er in seiner Wortwahl auf seine eigenen Erinnerungen zurückgreifen kann. Der Kontakt zu einem Mitstreiter Gründlers hat die Figur von Hannos Mutter nicht nur deutlich geprägt, sondern sie dadurch auch lebendig gemacht. Die Darstellung ist wirklichkeitsnah und nachvollziehbar.

Der erwachsene Protagonist wirft auch moralische Fragen auf. Beispielweise stellt er seine Rolle als Mitkämpfer im kindlichen Alter auf den Prüfstand. Hartmut Gründler war ein kompromissloser Idealist, der gewaltlosen Widerstand für die gemeinsame Sache forderte. Nicol Ljubic geht im Roman der Frage nach, wie viel man zu opfern bereit ist, um einer Idee zu folgen, bei der der Einzelne nichts zählt und allein dem Gemeinwohl dient.

„Ein Mensch brennt“ ist eine Familiengeschichte mit komplexem Tiefgang, die zwar als Hintergrund den Kampf gegen die Atomkraft in der Vergangenheit beinhaltet, aber gerade hier im Westen trotz des voraussichtlichen Endes der Atomenergie in Deutschland in Anbetracht des störanfälligen Kernkraftwerks Tihange/Belgien aktuell ist. Der Autor hat mit seinem Buch an ein verstörendes Ereignis erinnert, das uns beispielhaft den Kampf eines David in der Einzelperson des Hartmut Gründler gegen die mächtige Macht einer Bundesregierung als Goliath vor Augen führt. Die Geschichte bleibt in Erinnerung und ich empfehle sie gerne weiter, vor allem an Leser, die an geschichtlichen Ereignissen der jüngeren Vergangenheit interessiert sind.


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Titel: Ein Mensch brennt
Autor: Nicol Ljubic
Erscheinungsdatum: 08.09.2017
Verlag: dtv (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen
Buchspezial auf der dtv-Seite: LINK

Mittwoch, 15. November 2017

[Rezension Ingrid] Das Werk - H.P. Lovecraft (Hrsg. Leslie S. Klinger


In der großen kommentierten Ausgabe „Das Werk“, herausgegeben von Leslie S.Klinger, finden sich die besten 22 Erzählungen von Howard Phillips Lovecraft. Darüber enthält der Prachtband auf insgesamt mehr als 900 Seiten beinahe 300 Abbildungen, davon viele im Vierfarbdruck. Abgebildet sind Karten, Illustrationen der Geschichten aus bereits erschienenen Ausgaben, eigene Zeichnungen von Lovecraft, Cover von Büchern, Filmplakate und einiges mehr. Zahlreiche Anmerkungen am Rand oder in der Fußnote ordnen die jeweilige Erzählung in den zeitlichen Kontext ein und geben Querverweise zu Orten und Personen in der jeweiligen Geschichte, auf ähnliche Werke, weitere Veröffentlichungen und Verfilmungen. Einzig ein, zwei Lesebänder hätte ich mir zur Ausstattung gewünscht.

Nach einer Einführung von Alan Moore mit einem ersten Blick auf den Autor und sein Schaffen sowie dem Versuch einer Klärung, warum seine Erzählungen so erfolgreich sind, vertieft Leslie S. Klinger in einem mehr als 50-seitigen Vorwort diese Basis mit einem tieferen Blick auf das Leben von H.P. Lovecraft. Doch nicht nur biographische Daten finden sich hier, sondern auch die Einordnung seines Werks in der Literatur.

Neben Edgar Allan Poe gilt Lovecraft als einer der einflussreichsten Autoren der Phantastik und der modernen Horrorliteratur. Lovecraft wuchs in einer Zeit der Unsicherheit im Amerika der 1910er auf und festigte seine eigenen Zukunftsängste in vielfachen Hass. Er gilt als frauenverachtend, anti-semitisch und rassistisch. Auch diesen Aspekt verschweigt das Buch nicht.

Lovecrafts Arbeiten sind beeinflusst von Poe und H.G. Wells. Einen ersten Höhepunkt erreichte sein Schaffen im Jahr 1920. Das Genre, in dem Lovecraft schrieb, nannte er selbst „übernatürliches Grauen“, ScienceFiction war noch relativ neu am Markt. Fast alle Erzählungen des Autors wurden zunächst in Pulp-Magazinen, das sind Zeitschriftenmagazine mit Geschichten unterschiedlicher Genres, veröffentlicht. Lovecraft verließ die Schule aufgrund einer Krankheit ohne Abschluss und widmete sich anschließend dem Amateuerjournalismus, der auf seine Initiative durch Schulungen der Schreibenden im Niveau gesteigert werden konnte.

Unter den 22 Erzählungen des Buches finden sich mehrere Geschichten, die auf seinen Träumen beruhen sowie eine erste Erzählung von 1917 mit Elementen des sogenannten Cthulhu-Mythos, dessen Entwurf Lovecraft gerne zugesprochen wird. Die meisten Erzählungen siedelt Lovecraft in der von ihm erdachten Stadt Arkham an. Hier setzt auch die Weiterführung seines Werks durch Anhänger Lovecrafts an, nicht nur in weiteren Geschichten sondern auch als Szenario für Rollenspiele und einem Brettspiel.

Obwohl mir die Arbeiten von Poe und Wells geläufig sind, habe ich vor Erscheinen des gewaltigen Buchs „Das Werk“ noch nichts von H.P. Lovecraft gelesen. Ich war überrascht, wie vielschichtig seine Storys sind indem er teilweise die Genre Horror mit ScienceFiction vermischt. Durch die ausführlichen informativen Kommentare und der zahlreichen Abbildungen werden auch viele Kenner des Autors hier in den neuübersetzten Erzählungen noch einiges Neues entdecken. Das Buch ist optisch ein Hingucker und eignet sich sicher als Geschenk für Liebhaber der Phantastik, genauso wie zum Selbstkauf.

*Werbung* Wer sich noch unsicher ist, ob er das Buch lesen möchte, kann sich in einer 15-seitigen Leseprobe, die auf der Seite des Fischer Verlags zu finden ist, einen Einblick verschaffen: KLICK ZUR LESEPROBE
Titel: Das Werk
Autor: H.P. Lovecraft
Herausgeber: Leslie S. Klinger
Erscheinungsdatum: 21.09.2017
Verlag: FISCHER TOR (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag

Montag, 13. November 2017

[Rezension Ingrid] Zeit der Schwalben von Nicola Scott


„Zeit der Schwalben“ ist der Debütroman der deutschen Autorin Nikola Scott. Die Geschichte spielt in England auf zwei Zeitebenen, einerseits im Jahr 2010 und in Rückblicken zwischen 1958 und 1960. Die Mutter der sechszehnjährigen Elizabeth ist sterbenskrank, doch auf ihren Wunsch hin verbringt ihre Tochter vier Wochen im Sommer 1958 bei Freunden auf dem Anwesen Hartland in East Sussex in der Nähe des Meers. Unerwartet erlebt sie dort unvergessliche, unbeschwerte heitere Tage mit Ausflügen, sportlichen Aktivitäten und einer ersten Schwärmerei. Schwalben stehen allgemein als Symbol für Freiheit und Hoffnung. Hier auf Hartland, wo die Schwalben fliegen, fühlt Elizabeth sich losgelöst und frei von den heimischen Sorgen. Die Hoffnung darauf, dass ihre Mutter wieder gesund wird und sie ihre gemeinsamen Zukunftspläne umsetzen können, fühlt sich real und richtig an. Das sich auf dem Cover die junge Frau im Wasser spiegelt ist kein Zufall, sondern deutet auf die Beziehung von zwei Charakteren in der Geschichte hin.

Adele Harington ist 40 Jahre alt und als Konditorin in einem Café angestellt. Vor einem Jahr ist ihre Mutter gestorben, ihre vier Jahre jüngere Schwester möchte als Jahresgedächtnis eine kleine Feier im elterlichen Haus gestalten. Während Adele etwas Abstand im früheren Arbeitszimmer ihrer Mutter sucht, klingelt das Telefon, sie nimmt das Gespräch entgegen und eine ihr unbekannte Person berichtet von einem eingetroffenen Brief, der nach ihrer Vorgabe jedoch wie alle Informationen nur nach Ankündigung zugestellt werden soll. Des Weiteren fällt noch ein Datum: ihr eigener Geburtstag. Doch damit ist nicht genug der seltsamen Ereignisse an diesem Tag, denn kurze Zeit später steht eine Frau vor der Haustür, die ihre Mutter sucht und vollkommen überrascht stellt Adele fest, dass es ihre eigene ist.

Der Roman verbirgt einige Geheimnisse und Nikola Scott versteht es, sie erst mit und mit zu lüften. Es ist nicht nur spannend mit ihr in die Vergangenheit der Familie zu reisen, sondern auch zu verfolgen, wie Adele sich langsam aus den noch immer im Raum stehenden Ansprüchen ihrer verstorbenen Mutter an ihre Person löst. Adele ist das einzige der drei Geschwister das kein Studium beendet hat. Sie ist von Kindheit an risikoscheu und häufig fließen Tränen aus kleinstem Anlass. Erst als immer mehr Details aus der Jugend ihrer Mutter bekannt werden, kann sie deren Handlungsweise im Umgang mit ihr verstehen und darauf aufbauend ergründen, was sie selbst als Persönlichkeit ausmacht. Adele ist ein Sympathieträger. Ihre Schwester Venetia hat häufig eine andere Meinung als sie und so ergeben sich ständig Reibereien.

Erschien mir Venetia schon nicht liebenswert, so empfand ich im Roman vor allem den Vater von Elizabeth als echten Unsympathen, obwohl als Entschuldigung für sein Verhalten sicher auch die Konventionen seiner Zeit zu sehen sind. Nikola Scott hat ausführlich zum Thema Frauen in Schwierigkeiten in den 1950er Jahren recherchiert. Anhand einer Begebenheit in meiner eigenen Familiengeschichte kann ich bestätigen, dass ihr eine überaus realistische Darstellung der Ereignisse gelungen ist. Sowohl Adele wie auch Elizabeth schildern die Geschichte in der Ich-Form, wobei die Autorin Tagebucheinträge von Elizabeth als Rückblick in die Vergangenheit nutzt. Auf diese Weise gelingt es ihr sehr gut, die Gefühle und Gedanken beider Personen in ihrer jeweiligen Zeit einzufangen.

„Zeit der Schwalben“ ist eine berührende Familiengeschichte, die ein Beispiel aufzeigt für die Folgen der gesellschaftspolitischen Stellung der Frau in der Familie von vor fünfzig Jahren. Die Suche nach der Wahrheit hält eine gewisse Spannungskurve bis zum Schluss. Mich hat der Roman fasziniert und daher vergebe ich gerne eine Leseempfehlung.

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Titel: Zeit der Schwalben
Autorin: Nikola Scott
Übersetzerin: Nicole Seifert
Erscheinungsdatum: 18.08.2017
Verlag: Wunderlich (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen

Sonntag, 12. November 2017

[Rezension Hanna] Atlas Obscura. Entdeckungsreisen zu den verborgenen Wundern der Welt - Joshua Foer, Dylan Thuras & Ella Morton


Atlas Obscura
Autoren: Joshua Foer, Dylan Thuras & Ella Morton
Übersetzer: Kristin Lohmann, Claudia Amor, Johanna Ott
Hardcover (mit Schutzumschlag, 17,5x26,6 cm, Vierfarbdruck): 480 Seiten
Erschienen am 16. Oktober 2017
Verlag: Mosaik

Inhalt
Ein Lavasee in Äthiopien. Ein Museum der zerbrochenen Beziehungen in Kroatien. Ein Skulpturengarten in der Antarktis. Die Weltmeisterschaft im Elefantenpolo in Nepal. Eine Kathedrale aus Schrott in Texas. Das sind nur einige Beispiele für die Orte und Dinge, die es in diesem schmuckvollen Werk zu entdecken gibt. Dieser alles andere als gewöhnliche Atlas nimmt den Leser mit auf eine ganz besondere Reise um die Welt, die den Leser in Staunen versetzt und Fernweh weckt.

Meinung
Die hochwertige Aufmachung des Buches macht schnell Lust darauf, sich zwischen den Buchdeckeln auf Entdeckungsreise zu begeben. Eine kurze Einführung erklärt, dass dieses Buchprojekt aus einer Webseite entstanden ist, wo schon länger obskure Orte auf der ganzen Welt gesammelt werden. Für dieses Buch wurde eine Auswahl getroffen. Es wird auch gleich darauf hingewiesen, dass man das Buch nicht als Reiseführer betrachte sollte. Während einiges frei oder gegen Eintritt zugänglich ist kann anderes gar nicht, nur an einzelnen Tagen im Jahr oder mit erheblicher körperlicher Anstrengung besucht werden. So lädt das Buch in erster Linie zum Stöbern und Staunen ein.

Bei den Orten und Dingen handelt es sich um eine höchst abwechslungsreiche Zusammenstellung. Die Auswahl umfasst unter anderem Wunder der Natur, ungewöhnliche Museen und religiöse Stätten, kulturelle Ereignisse und kuriose Gegenstände. Zu fast allem gibt es ein Foto oder eine Illustration – mal klein, mal seitenfüllend – sodass man sich ein gutes erstes Bild machen kann. Außerdem gibt es immer Erläuterungen zum Hintergrund, der Geschichte oder der Funktionsweise. Und es ist jeweils notiert, wo sich das Beschriebene befindet und ob bzw. wie man es besuchen könnte.

Dem Leser bleibt die Qual der Wahl, ob er sich Land für Land durch den Atlas schmökert oder kreuz und quer darin stöbert. Zwei Schwerpunkte des Buches bilden Europa und die USA mit jeweils rund 100 Seiten. Auf den weiteren 250 Seiten wird einmal die ganze Welt umrundet – auch Obskuritäten auf karibischen und pazifischen Inseln, in aktuellen Krisengebieten, in der Wüste und im ewigen Eis haben es ins Buch geschafft. Mir hat es großen Spaß gemacht, in diesem Buch Interessantes, Überraschendes und Mysteriöses zu entdecken, von dem ich zuvor noch nie etwas gehört habe.

Auch in Zukunft werde ich sicherlich immer wieder gerne in das Buch eintauchen, um mich auf Gedankenreise an außergewöhnliche Orte zu begeben. Beim Lesen wird so manchen die Abenteuerlust packen, das eine oder andere Wunder während der nächsten Reise selbst zu besuchen. Bei mir ist mit bislang einem besuchten Ort noch ganz viel Luft nach oben und ich werde vor dem nächsten Urlaub sicherlich nachschlagen, ob etwas in der Nähe ist. Das Buch ist ein schönes und gleichzeitig informatives Schmuckstück zum Verschenken und Selbst-Beschenken für alle Abenteurer und literarisch Reisenden!

Samstag, 11. November 2017

[Rezension Hanna] Sieben Tage voller Wunder - Dani Atkins



Sieben Tage voller Wunder
Autorin: Dani Atkins
Übersetzerin: Sonja Rebernik-Heidegger
Taschenbuch: 240 Seiten
Erschienen am 2. Oktober 2017
Verlag: Knaur TB

Inhalt
Fünf Wochen sind vergangen, seit Hannah herausgefunden hat, dass ihr Freund sie betrogen hat und sie deshalb von London nach Kanada zu ihrer Schwester geflüchtet ist. Noch immer nicht schlauer in Bezug auf die Frage, wie es weitergehen soll, will sie nun trotzdem nach Hause fliegen. Schon am Flughafen fällt ihr mehrfach ein Mann auf, der scheinbar das gleiche Ziel hat. Ein dramatisches Ereignis sorgt dafür, dass die beiden unter bedrohlichen Umständen zusammenarbeiten müssen und dabei bald mehr über den anderen erfahren.

Meinung
Von Dani Atkins hatte ich zuvor nur „Die Achse meiner Welt“ gelesen, was mir mitsamt seiner mysteriös-unerklärlichen Komponente sehr gefallen hat. Deshalb war ich neugierig, ob es auch in diesem Buch solch eine Komponente gibt. Im Nu war ich mitten drin in der Geschichte von Hannah, die sich nach fünf Wochen Auszeit bei ihrer Schwester auf den Weg in die Heimat macht, wo sie sich ihrem Vielleicht-Ex Freund stellen muss.

Ich konnte Hannahs Unsicherheit, wie es für sie weitergehen soll, gut nachvollziehen. Diese Frage schwebt wie eine riesige Wolke über ihrem Kopf. Doch sehr bald muss sie sich einem noch viel ernsteren, handfesten Problem stellen: Ihr Flugzeug über den kanadischen Bergen ab. Sie ist unverletzt, aber irgendwo im verschneiten Nirgendwo, und außer ihr ist nur Logan da, der ihr schon am Flughafen auf sympathische Weise aufgefallen ist.

Die Seiten fliegen beim Lesen nur so dahin und der Titel verrät auch schon, dass die Geschichte nur einen kurzen Zeitraum umfasst. Ich fand es interessant, zu erleben, wie Hannah und Logan mit ihrer schwierigen Lage umgehen. Hannah kommen immer wieder Zweifel, doch Logan behält einen kühlen Kopf und hat so manche gute Idee rund um das Überleben in der Wildnis.

Die beiden gehen typischen Survival-Tätigkeiten nach wie einen Unterschlupf bauen, Feuer machen und Essen beschaffen, die wenig Neues boten. Dabei kommen sie natürlich auch ins Gespräch. Vor allem Logan ist sehr neugierig und bringt Hannah dazu, viel von sich preiszugeben und noch einmal darüber nachzudenken, was sie eigentlich will. Durch ihre verzweifelte Lage sieht sie einiges in einem neuen Licht.

Der Umgang der beiden wird immer vertrauter, denn der Überlebenskampf schweißt zusammen. Immer wieder wird es aber auch zu einem Kampf im wahrsten Sinne des Wortes und dramatische Momente ließen mich mitfiebern, ob die beiden durchhalten werden. Kurz vor dem Schluss gibt es dann eine mysteriöse Entwicklung, mit der ich aber schon gerechnet hatte. Obwohl bei mir das Überraschungsmoment ausblieb führt die Autorin die Geschichte zu einem versöhnlichen Schluss.

Fazit
In „Sieben Tage voller Wunder“ kämpft Hannah gemeinsam mit einem ihr bis dato Unbekannten ums Überleben. Das Buch ist eine Survival-Story mit vorsichtiger Liebesgeschichte. Ich fand die Annäherung in einer so bedrohlichen Situation gelungen beschrieben, hätte mir aber noch mehr überraschende Entwicklungen gewünscht. Deshalb vergebe ich knappe vier Sterne an Hannahs und Logans Versuch, zu zweit in der verschneiten Wildnis zurechtzukommen.


Dienstag, 7. November 2017

[Rezension Hanna] Der Meisterkoch - Saygın Ersin

 

Autor: Saygın Ersin
Übersetzer: Johannes Neuner
Hardcover: 368 Seiten
Erschienen am 5. Oktober 2017
Verlag: Atlantik

Inhalt
Im Haus des Kaufmanns Zumrützade hat sich für den Abend hoher Besuch angekündigt: Der Waffenmeister des Sultans, bekannt für seine hohen und unberechenbaren Ansprüche beim Essen. Nach den ersten köstlichen Gängen kommt es zum Eklat: Es wird Lauch serviert, den der Waffenmeister, wie alle wissen, verabscheut. Umso erstaunlicher ist es, dass er probiert, bevor er davonstürmt, und den Koch am nächsten Tag in den Sultanspalast beordert. Dort soll er ihm fortan zwei Mahlzeiten täglich zubereiten. Für den Meisterkoch bedeutet es, das alles nach Plan verlaufen ist: Der junge Mann, der angeblich über den absoluten Geschmack verfügt, ist jetzt dort, wo er sein will. Doch er strebt noch etwas viel Größeres an – nicht aus Machtstreben, sondern aus Liebe.

Meinung
Das orientalische, golden schimmernde Cover des Buches ist ein echter Hingucker, der dafür sorgte, dass ich mehr über die zwischen den Buchdeckeln wartende Geschichte erfahren wollte. Diese spielt in Istanbul um 1600 und die goldenen Motive des Covers zeigen schon, dass es vor allem um das Kochen geht. Schon auf den ersten Seiten werden die servierten Speisen, die beim Besuch des Waffenmeisters im Haus des Kaufmanns serviert werden, so köstlich beschrieben, dass man am liebsten selbst davon gekostet hätte.

Doch die erste dramatische Wendung lässt nicht lange auf sich warten. Der Waffenmeister probiert den ihm verhassten Lauch, der ihm zu schmecken scheint, und poltert dann hinaus; der Schatzmeister, der ihn begleitet hat, erleidet nach einigen Löffeln eine merkwürdige Lähmung, und im Nu findet sich der Meisterkoch im Sultanspalast wieder. Ich war erstaunt, dass er scheinbar genau das bezwecken wollte und war gespannt, mehr über seine Pläne und seine Begabung zu erfahren.

An der Seite des Meisterkochs in das Leben in der Küche des Sultanspalasts einzutauchen war eine wundersame Erfahrung. Sie war zu jener Zeit als die größte Küche der Welt bekannt, und in ihr geht es zu wie in einem Bienenstock. Ich fand es interessant, mehr über die dort herrschende Hierarchie zu erfahren und wie sie organisiert ist. Jedes Mal, wenn der Meisterkoch zu seinen Messern greift, wird in einer anschaulichen Sprache absolut schmackhaft beschrieben, wie er die Speisen zubereitet und dafür sorgt, dass sie ganz besondere Wirkungen entfalten. Doch was will er damit bezwecken?

Diese Frage wird bald mittels Rückblenden beantwortet, welche abwechselnd zur Handlung im Sultanspalast erzählt werden. Man erfährt, woher er stammt, von wem seine Begabung entdeckt wurde, wo er diese zu nutzen gelernt hat und wie er sich schließlich verliebt hat. Wehmütig blickt er immer wieder auf die Jahre zurück, die ihn zu einem tragischen Charakter gemacht und ihm schließlich ein klares Ziel gegeben haben, dem er sich vollends verschrieben hat.

Die Rückblicke erklären auch, woher er über bestimmte sehr hilfreiche Kontakte verfügt, die ihm seine Hilfe anbieten. Was genau er bereit ist zu tun, wird meist erst verraten, wenn das gewünschte Ergebnis eingetreten ist oder eben nicht, sodass man gespannt bleibt, was die nächsten Schritte sein werden. Einige Auswirkungen sind durchaus drastisch, doch der Meisterkoch konnte mich mit seinem ungebrochenen Willen beeindrucken. Der Hauch Magie, welcher der Gabe des Meisterkochs innewohnt, führt zu manch überraschender Entwicklung, die mich staunen ließ.

Fazit
In „Der Meisterkoch“ kommt der gleichnamige Protagonist als Koch des Waffenmeisters in die Küche des Sultanspalasts, wo er einen größeren Plan nicht aus Machtstreben, sondern aus Liebe verfolgt. Die schmackhafte Beschreibung seiner Arbeit mit ein wenig Magie, seine tragische Geschichte und sein starker Wille ließen mich tief in die Geschichte eintauchen. Auch ohne kosten zu können wurde ich von den Künsten des Meisterkochs bezaubert. Dieses orientalisch-kulinarische Märchen war für mich ein echtes Lese-Highlight!

Montag, 6. November 2017

[Rezension Ingrid] Wie man es vermasselt von George Watsky



George Watsky, Jahrgang 1986, lebt in Los Angelos. Er wuchs gemeinsam mit seinem Zwillingsbruder in San Francisco auf. Bekannt wurde er als Hip-Hopper und Poetry-Slammer. Am Emerson College in Boston erhielt er den Bachelor of Arts in „Acting and Writing for the Screen and Stage“. „Wie man es vermasselt“ ist sein Debüt im Prosabereich und enthält dreizehn Erzählungen.

Im Mittelpunkt der Geschichten des Autors steht er selbst. Zeitlich sind sie nicht geordnet. Das Thema, dass alle Erzählungen umspannt, sind seine Misserfolge oder besser das, was George Watsky dafür hält. Er zeigt sich offen, humorvoll und schreckt nicht davor zurück, über schwierige Dinge zu reden. Der Autor erzählt von seiner Kindheit und seinem Wunsch nach Anerkennung. aber auch seinen ersten Erfolgen mit Hip-Hop und Spoken-Words. Verrückte Ideen, die er mit Freunden umgesetzt hat thematisiert er genauso wie die Vorliebe zum Baseball, die er mit seinem Vater teilt, und seinen geringen Erfolg diesen Sport auszuüben. Ebenso verschweigt er nicht, dass er unter Epilepsie leidet und schildert seinen Umgang mit der Krankheit.

Doch neben zahlreichen Fehlschlägen konnte ich als Leser auch über seine ersten Erfolge mit der Musik und beim Slammen  lesen, bei denen der Stolz darüber in den Worten des Autors spürbar war. Joints und Alkohol scheinen nicht wegzudenken aus einem solchen Leben als Musiker wie George Watsky es führt. In seinen Geschichten ist jedoch sein Zwillingsbruder, der einen ganz anderen Lebensweg geht, nicht in die geschilderten Ereignisse involviert. Obschon die Erzählungen unterhaltsam geschrieben sind, hinterfragt George Watsky seine vergangenen Handlungen durchaus selbstkritisch.

George Watsky ist eine frische Stimme aus den USA, der nicht nur ansprechende kurze Poetry-Texte und Songlyrics, sondern jetzt auch Erzählungen in einer Länge von 20-30 Seiten verfasst. Ich bin sicher, dass wir bald mehr von ihm lesen können.

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Titel: Wie man es vermasselt
Autor: George Watsky
Übersetzerin: Jenny Merlin
Erscheinungsdatum: 23.08.2017
Verlag: Diogenes (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Taschenbuch (Leseexemplar)