Montag, 13. März 2017

[Lesungsbericht Ingrid] Verleihung des 8. Debütpreises der lit.cologne


Am 11. März 2017 wurde zum 8. Mal der Debütpreis der lit.cologne in Köln vergeben. Das Event wurde im Vorfeld schon von dem kleineren Depot 2 im Schauspielhaus in das etwa 300 Personen fassende Depot 1 verlegt und war ausverkauft. Die vorher als „Silberschweinpreis“ bekannte Auszeichnung ist den Verantwortlichen nach „Erwachsen geworden“ und trägt nun den schlichteren Titel Debütpreis, wird aber weiter im silbernen Schwein überreicht. Als Sponsor für den mit EUR 2.222,- dotierten Preis fungierte auch diesmal wieder die RheinEnergie.

Mein Mann und ich waren schon um kurz vor 19 Uhr vor Ort und haben uns vor Beginn der Verleihung mit einem Getränk und einem Brezen gestärkt. Während der Wartezeit auf den Einlass wurden die Stimmzettel für die Wahl zum Debütpreis verteilt. Nachdem sich die Türen für das Publikum gegen 19.15 Uhr öffneten, suchten wir uns angenehme Plätze in Reihe 6 ziemlich mittig. Die Veranstaltung begann mit wenigen Minuten Verspätung mit der Begrüßung durch Eva vom Organisationsteam der lit.cologne.

Bereits zum 6. Mal moderierte die Schweizer Reisejournalistin und Dokumentarfilmerin Monika Schärer den Abend. Kurz erklärte sie den Zuhörern den Ablauf, der je nominiertem Autor eine Lesung, ein Gespräch mit ihr und den anschließenden Freundschaftsdienst vorsieht, wobei jeder Teil ca. zehn Minuten dauert. Nach einer Auslosung der Reihenfolge stand fest, dass Takis Würger beginnen würde.
Monika Schärer (2.von re.) stellt die Nominierten vor:
Fatma Aydemir (li.), Tijan Sila (2.v.li) und Takis Würger (re)
Zunächst las der Autor den Beginn seines Buchs „Der Club“, das im Verlag Kein & Aber erschienen ist, den ich auch schon als Leseprobe aus dem Internet kannte. Leider ist das Buch vermutlich auf dem Postweg zu mir verloren gegangen, so dass ich es bisher nicht vollständig lesen und mir eine eigene Meinung dazu bilden konnte wie bei den anderen beiden nominierten Büchern. Der Roman wurde für den Debütpreis nominiert, weil er fesselnd, spannend und hintergründig ist. Es geht ums Boxen, es geht auch um Selbstfindung und der Autor setzt die Themen konsequent und mitreißend um. Im Anschluss an seine Lesung erzählte Takis Würger der Moderatorin, dass er eine Auszeit dazu genutzt hat, ein Jahr in Cambridge zu verbringen und dort zu boxen. Cambridge war für ihn faszinierend und erschreckend, vor allem weil er dort viele 18-jährige getroffen hat, für die alles möglich war. Beispielsweise erfolgten sofortige Barzahlungen als Wiedergutmachung wenn in ihren Exzessen Dinge kaputt gingen. Der Autor ist Spiegelreporter, doch sein Buch wäre als Reportage nicht möglich gewesen. Seine Figuren sind sämtliche fiktional, doch in sie sind seine Erlebnisse eingeflossen.
Takis Würger bei seiner Lesung
Den Freundschaftsdienst für Takis Würger übernahm seine Mutter Johanna K. Sie ist gegen Bienen allergisch und aus einem Wald im Norden. Mit diesen Eigenschaften findet sie sich im Roman ihres Sohnes wieder. Von Beginn an war sie mit der Entstehung des Romans verbunden, denn der Autor hat viel auf ihre Meinung gegeben. Mit der Zeit entwickelte sich die Geschichte weiter und so konnte sie miterleben wie die Erzählung immer runder und voller wurde. Ihre Worte waren warmherzig und man spürte die Liebe zu ihrem Sohn und seinem Werk. Zum Schluss verriet sie den Zuhörern, dass ihr Sohn das Buch seiner Freundin gewidmet hat, diese Liebe aber verloren gegangen ist. Monika Schärer bezeichnete ihren Dienst denn auch als „Liebesdienst“ statt „Freundschaftsdienst“. Sie trug ihren Part charmant, bewegt, informativ und durchzogen mit einigen erheiternden Momenten vor.
Monika Schärer (li) und Takis Würger (Mitte) lauschen Johanna K.
 (re, Mutter von Takis Würger) bei ihrem Freundschaftsdienst
Als nächstes war nun Tijan Sila an der Reihe. Ihm war die Reihenfolge des Ablaufs vorher nicht bekannt und er hatte angenommen, dass der Freundschaftsdienst als erstes stehen würde. Daher lernten wir noch vor der Lesung seinen Freund und gleichzeitig Lektor seines Buchs „Tierchen Unlimited“ kennen. Hannes Ulbrich war zwei Jahre Volontär im Lektorat von Kiepenheuer & Witsch bei dem der Roman auch verlegt wird. Er hat gleich beim Lesen des Manuskripts bemerkt, welches Potential darin steckt. Amüsiert hat er sich über das beiliegende verwackelte Foto des Autors mit Katze auf der Schulter. Er erzählte weiter, wie er erfolgreich die Umsetzung des Manuskripts zum Buch begleitete. In seinen Worten spürte man den Stolz auf seine Entdeckung und die Freude über die neugewonnene Freundschaft zu Tijan Sila.
Monika Schärer (li) und Tijan Sila (Mitte) schauen
Hannes Ulbrich (re) bei seinem Freundschaftsdienst zu
Monika Schärer nannte als Erklärung nach erfolgter Lesung, im anschließenden Gespräch mit dem Autor die Begründung des Auswahlgremiums. „Tierchen Unlimited“ wurde für den Debütpreis nominiert, weil es den Lesern den bosnischen Bürgerkrieg und den anschließenden Neuanfang vor Augen führt. Es ist frech, witzig und eindringlich geschrieben. Ich konnte mir selber schon eine Meinung zum Buch bilden. Meine Rezension zum Buch findet ihr hier: KLICK! Tijan Sila kam mit 13 aus Bosnien nach Deutschland und arbeitet heute als Lehrer an einer berufsbildenden Schule. Beim Lesen des Romans habe ich mich oft gefragt, ob alles Fiktion ist oder ob der Autor einiges selbst erlebt hat. Für seine Lesung in Köln wählte er die Beschreibung seiner Flucht durch einen Tunnel und die Busfahrt Richtung Deutschland. Es überraschte mich als er erklärte, dass genau die Umstände dieser Flucht der einzige Teil seiner Geschichte ist, die der Wahrheit entspricht! Die Flucht sieht er als die „Geburt“ seiner namenlosen Figur und in Bezug dazu steht auch der Titel. Die Menschen im Krieg und auf der Flucht befriedigen ihre Bedürfnisse wie Tierchen. Weitere Themen die seinen Roman wie in Kreisen durchziehen sind Brüder mit nationalsozialistischer Neigung und Lügen.
Monika Schärer (li.) im Gespräch mit Tijan Sila
Als letzte der drei nominierten Autoren kam Fatma Aydemir auf die Bühne. Ihr Roman „Ellbogen“ ist im Hanser Verlag erschienen und in der Ich-Form geschrieben. So schlüpfte die Autorin beim Vorlesen in die Rolle ihrer 18-jährigen Protagonistin Hazal. Sie las den für den weiteren Hergang wichtigen Part vor bevor es zur unfassbaren Tat von Hazal und ihren Freundinnen kommt. Im anschließenden Gespräch erklärte Monika Schärer, dass der Roman nominiert wurde, weil der Coming-of-Age-Roman rasant und mitfühlend geschrieben ist und sowohl das Aufwachsen eines Mädchens mit Migrationshintergrund in Deutschland als auch deren Flucht in die vertraute Fremde behandelt. Ich konnte das Buch bereits lesen und meine Rezension dazu findet ihr hier KLICK!
Fatma Aydemir, die als Journalistin für die taz in Berlin arbeitet, erklärte im anschließenden Gespräch mit der Moderatorin, dass ihre Geschichte komplett erfunden ist. Doch einige Gemeinsamkeiten mit ihrer Protagonistin gibt es, denn auch ihre Eltern stammen aus der Türkei, sie liebt R&B Musik und auch in ihr ist jede Menge Wut.
Monika Schärer (li.) im Gespräch mit Fatma Aydemir
Für ihren Freundschaftsdienst hat sie sich ihren sehr guten alten Freund, den Künstler BASKE ausgesucht, der für seine Graffitiarbeiten bekannt ist. Links von der Bühne war von Beginn an eine schwarze Wand aufgebaut und nun erfuhren wir auch warum. Statt zu beschreiben, was passierte zeige ich euch das ganze einfach auf den folgenden Fotos:




Der Graffitikünstler (Buddy) Baske bei seiner Performance
auf dem untersten Bild links Fatma Aydemir
Stark! Doch dann war es auch schon Zeit, die Stimmzettel auszufüllen und nach deren Einsammeln gab es eine viertelstündige Pause.

Danach bat die Moderatorin nochmal alle Nominierten auf die Bühne. Frau Thelen als Vertreterin des Sponsors Rheinenergie würde nun die Siegerehrung vornehmen. Nach einem kurzen Moment der Spannung wurde Takis Würger mit „Der Club“ als Sieger verkündet! Frau Thelen überreichte ihm das gut gefüllte Silberschwein. Fatma Aydemir und Tijan Sila gingen aber auch nicht ganz leer aus, für ihre Nominierung erhielten sie ebenfalls ein Präsent von Frau Thelen überreicht.

v.l.n.r. Frau Thelen/RheinEnergie, Monika Schärer,
Fatma Aydemir, Tijan Sila, Takis Würger
Frau Thelen überreicht Takis Würger
 das Silberschwein




















Herzlichen Glückwunsch an den Gewinner und viel Erfolg für ihre Debütromane auch an Fatma Aydemir und Tijan Sila!






alle Mitwirkenden auf einem Bild:
v.l.n.r. Fatma Aydemir, BASKE, Tijan Sila, Hannes Ulbrich, Johanna K., Takis Würger,
 Monika Schärer, Frau Thelen/Rheinenergie
Ich freue mich schon auf das nächste Jahr wenn zum 9. Mal der Debütpreis der lit.cologne vergeben wird.

Eure Ingrid

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