Donnerstag, 2. Juli 2026

Rezension: Unerwünschte Töchter von Miriam Carbe


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Unerwünschte Töchter
Autorin: Miriam Carbe
Erscheinungsdatum: 28.05.2026
Verlag: Hanser (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Leseband
ISBN: 9783446287426
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In ihrem Roman „Unerwünschte Töchter“ spannt Miriam Carbe einen Bogen über vier Generationen ihrer Familie und beleuchtet das Leben ihrer Urgroßmutter Margarethe, ihrer Großmutter Marianne, ihrer Mutter Monika sowie ihre eigenen Kindheit. Entsprechend des Titels kamen sie jeweils zu einem Zeitpunkt zur Welt, der von ihren Müttern eher unpassend empfunden wurde.

Margarethe wurde Ende des 19. Jahrhunderts in Dresden, bereits drei Monate nach der Hochzeit ihrer Eltern in wohlhabende Verhältnisse hineingeboren und war bedauerlicherweise nicht der erwartete Sohn. Sie selbst gebar ihre Tochter Marianne 1914, nur wenige Tage bevor ihr Ehemann zum Kriegsdienst eingezogen wird und davon nicht zurückkehrte. Während des Zweiten Weltkriegs ist Marianne mit einem Offizier der Wehrmacht liiert, der zunächst im Innendienst eingesetzt wird, später jedoch an die Front versetzt wird und dort fällt. Zu diesem Zeitpunkt erwartet sie bereits Monika. 1967 kommt in dieser Kette der Mütter die Autorin zur Welt, gegen den Wunsch ihrer Großmutter und ihres Vaters.

Ein über die Generationen weitergereichter Kirschholzschrank ihrer Urgroßmutter, der sich heute im Besitz der Autorin befindet, erinnert sie an ihre Vorfahrinnen, deren Lebenswege den Roman inspiriert haben. Einst beherbergte er Bücher wechselnder Genres, die stets als Bereicherung der Lebensqualität galten sowie Dekorationsartikel. Heute bewahrt die Autorin darin jedoch einen besonderen Schatz auf: die Tagebücher und Notizen der Frauen ihrer Familie, die diese zahlreich hinterlassen haben und deren älteste Ausgabe Eintragungen von 1908 enthält. Sie haben darin Familienereignisse festgehalten oder einfach ihre Gedanken zu Themen, die sie gerade beschäftigten.

Miriam Carbe erzählt die familiären Geschehnisse in chronologischer Reihenfolge. Zwischen die historischen Kapitel fügt sie Abschnitte ein, in denen sie eigene Erinnerungen schildert und Kenntnisse, die auf den Aufzeichnungen der Vorfahrinnen basieren, aus denen sie immer wieder zitiert, was maßgeblich zur Authentizität des Romans beiträgt. Zeiträume, zu denen sich keine Hinweise in den Eintragungen finden, füllt sie mit Fiktion, was ihr hervorragend gelingt, da sich keine Brüche erkennen lassen. Um bestimmte Aspekte der gesellschaftspolitischen Entwicklung und deren Auswirkungen in die Erzählung einzubinden, erschafft sie fiktive Figuren, deren Lebensgeschichten sich ebenso nahtlos in die überlieferte Familiengeschichte einfügen.

Die Geschichte zeichnet zwischen den Zeilen die Entwicklung der Rolle der Frau über die Jahre hinweg ab. Sie zeigt allerdings auch, wie tief Konventionen prägen können, so dass sie an die nächste Generation weitergegeben werden, obwohl sie längst überholt sind. Die Vorfahrinnen der Autorin stellen sich auf ihre eigene Art und den ihn gegebenen Möglichkeiten gegen die ihnen auferlegten, gesellschaftlichen Erwartungen und erkämpfen sich gewisse Freiräume. Dennoch bleiben sie manchmal ihrer eigenen Meinung gegenüber Widerständen fest verhaftet.

Mit „Unerwünschte Töchter hat Miriam Carbe einen bewegenden Roman geschrieben, der Familiengeschichte, historische Fakten und Fiktion überzeugend miteinander verbindet. Die zitierten Tagebucheinträge machen die Schicksale der Vorfahrinnen der Autorin unmittelbar erfahrbar, so dass ein vielschichtiges Generationenporträt entsteht, das nachhallt. Sehr gerne empfehle ich das Buch weiter.

 

Samstag, 27. Juni 2026

Rezension: Kein Sommer ohne August von Lucy Astner

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Kein Sommer ohne August
Autorin: Lucy Astner
Erscheinungsdatum: 01.06.2026
Verlag: Lübbe (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Klappenbroschur
ISBN: 978375770229

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Mit dem Roman „Kein Sommer ohne August“ hat die Autorin Lucy Astner nach eigener Aussage ein Buch geschrieben, wie sie selbst ihn gerne lesen würde. Bereits die sommerlich frische Gestaltung mit Farbschnitt ist ein Eyecatcher und lässt erahnen, dass die Handlung am Meer spielt. Doch die 32-jährige Protagonistin Charlie, die inzwischen in London in einer Event-Agentur arbeitet, kehrt nicht wegen der faszinierenden Umgebung oder aufgrund eines Urlaubs an ihren früheren Wohnort Liberty Beach zurück. Vielmehr sind es einige kurze Zeilen ihres Jugendfreunds August Green, die sie veranlasst haben, nach zehn Jahren in den Nordosten der USA heimzukehren, jedoch nur für wenige Tage.

Charlies Mutter war alleinerziehend und verfügte nur über geringe finanzielle Mittel. Mit elf Jahren lernt Charlie bei einem Vorfall, der ihr später peinlich ist, in der örtlichen Buchhandlung von Liberty Beach den Enkel der Inhaberin kennen. August ist etwa gleich alt und lebt mit seinen Eltern in New York. Seine dreiwöchigen Ferien verbringt er jedes Jahr bei seiner Großmutter Molly. Über zwölf Sommer hinweg erneuern Charlie und August ihre Freundschaft immer wieder und teilen ihre Liebe zu Geschichten und Büchern.

Lucy Astner versteht es ausgezeichnet, das Geheimnis lange zu bewahren, welches die tiefe Verbundenheit der beiden eines Tages erschüttert und Charlie dazu veranlasste, ihre Heimat zu verlassen. Dass August von ihr bereits auf den ersten Seiten der Geschichte als der größte Fehler ihres Lebens bezeichnet wird, deutet auf die Schwere des Konflikts hin. Der Roman entfaltet sich auf zwei Zeitebenen und wechselt zwischen der Gegenwart und den damaligen Sommern, die in chronologisch erzählt werden.

Für Charlie wird die Buchhandlung von Augusts Großmutter zum Zufluchtsort. Die Beziehung zu ihrer Mutter ist problembelastet. In der Buchhandlung hilft sie Molly und darf in die Geschichten zwischen den Buchseiten eintauchen, was ihr dabei hilft, die Gegenwart auszublenden. Die gemeinsamen Tage mit August sind geprägt von guten Gesprächen über Bücher, jedoch schleicht sich zunehmend ein deutlich stärkeres Gefühl als Zuneigung in ihre Freundschaft ein.

Die langen Monate zwischen den Sommern werden zu einer Zerreißprobe ihrer Beziehung. Die räumliche Distanz nährt das Misstrauen darüber, welche Kontakte der jeweils andere in der Zwischenzeit pflegt. Charlies Argwohn wird zusätzlich dadurch verstärkt, dass August ihr gegenüber ruhig und zurückhaltend wirkt, während er anderen gegenüber offen und humorvoll auftritt. In ihrem Schmerz zieht sie sich zurück, statt die Möglichkeit einer Aussprache zu nutzen. Außerdem begleitet Charlie über die Jahre hinweg eine Vorstellung ihrer Mutter, die die Liebe mit einer Rolltreppe vergleicht und dafür sorgt, dass sie ihre eigenen Gefühle zu verbergen sucht.

Der Roman „Kein Sommer ohne August“ von Lucy Astner ist ein atmosphärisch dichter Coming-of-Age-Roman mit einer originellen Liebesgeschichte, der von der Magie heißer Sommertage und dem Duft von Büchern begleitet wird. Gerne empfehle ich das Buch weiter.

Freitag, 19. Juni 2026

Rezension: Der Tag war schön und ich dachte an dich von Sofia Montrone

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Der Tag war schön und ich dachte an dich
Autorin: Sofia Montrone
Übersetzerin: Eva Bonné
Erscheinungsdatum: 19.06.2026
Verlag: Rowohlt (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Leseband
ISBN: 9783498007751

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„Der Tag war schön und ich dachte an dich“ ist das Debüt der in Kalifornien lebenden Autorin Sofia Montrone. Der Roman erzählt die Geschichte der in Manhattan lebenden Leo und ihrer Familie, die ihre Sommer im Norden Italiens verbringt. Dort, in der Lombardei, führt Nonna Tina, die Mutter von Leos Mutter, seit vielen Jahren ein Hotel.

Im Sommer des Jahres 2010 ist Leo zehn Jahren alt. Sie hilft ihrer betagten Großmutter tatkräftig beim Bettenmachen und Reinigen der Zimmer und unterstützt sie auch hier und da, wo es gerade nötig ist. Durch die Spuren jeder Art, die die Gäste im Hotel hinterlassen, beginnt sie darüber nachzudenken, welches Leben diese Menschen wohl in ihrer Heimat führen mögen. Währenddessen verbringt ihre chronisch erschöpfte Mutter die meiste Zeit im Bett. Mit Max ihrem ein Jahr jüngeren Bruder hat sie stets einen Spielgefährten zur Seite. Beide lauschen gerne dem Mythos der „Odyssee“, die ihr Vater, der gerne Trost im Alkohol sucht, ihnen stückweise erzählt. Leo sieht in der Figur des Odysseus Parallelen zu ihrem Vater, der auf der Suche nach Halt im Leben zu sein scheint und dabei seine Familie zurücklässt.

In einem zweiten Erzählabschnitt ist Leo achtzehn Jahre alt und verbringt den heißen Sommer erneut bei ihrer Großmutter im Hotel. Doch ein Unfall hat in den vergangenen Jahre ihre Familie verändert. Leo bandelt halbherzig mit einem Jungen im Dorf an. Als die fast gleichaltrige Amerikanerin Dolores, die eine nahegelegene Geigenbauschule besucht, eine Aushilfsstelle im Hotel annimmt, wirbelt sie Leos Gefühlswelt durcheinander. Für sie scheint nun die Zeit gekommen zu sein, sich mit ihrer nahen Zukunft auseinanderzusetzen. Dabei bleibt die Beschreibung der Beziehung eher im Hintergrund. Der Titel nimmt Anspielung auf Leos Überlegung, zukünftig alles Schöne, das sie sieht, mit Erinnerungen an ihre große Liebe zu verknüpfen.

Sofia Montrone erzählt diese sanft fließende Geschichte in einem sprachgewandten, poetischen Stil. Bei den Handlungen von Leo schaut sie genau hin und lässt ihre Protagonistin im Verlauf der Handlung eine Vielzahl an Gefühle durchleben, von Ekel bis Wohlbehagen, von Wut bis Gelassenheit. Angst, Neugier, Liebe und Trauer begleiten die Romanhandlung. Die Spiele der Weltmeisterschaften reizen die Emotionen der Personen im Umfeld Leos, die in der Phase ihres Coming-of-Age versucht, ihre Erfahrungen einzuordnen und für sich verständlich zu machen. Die Autorin verwendet eine auktoriale Erzählperspektive, wodurch für mich allerdings eine gewisse Distanz zu Leo blieb.

In ihrem Debütroman „Der Tag war schön und ich dachte an dich“ verbindet Sofia Montrone abwechslungsreiche Stimmungsbilder und familiäre Konflikte mit einer feinfühlig erzählten Liebesgeschichte. Der sprachlich feine Schreibstil verleiht dem Roman eine besondere Atmosphäre und trägt auch über ruhigere Passagen hinweg.

Montag, 15. Juni 2026

Rezension: Pause von Lena Kupke

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Pause
Autorin: Lena Kupke
Erscheinungsdatum: 15.05.2026
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Leseband
ISBN: 9783423285421
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In ihrem Debütroman „Pause“ erzählt Lena Kupke von der 36-jährigen Hanna, die in Berlin lebt und während einer beruflichen Präsentation ihrer Arbeit für die Anwesenden völlig unerwartet das Bewusstsein verliert. Die behandelnde Ärztin im Krankenhaus entscheidet, dass sie in den nächsten Stunden nicht allein bleiben soll. Da weder ihr Lebenspartner Paul noch ihre Freundinnen Zeit haben, bleibt ihr als letzte Lösung nur, dass ihre Eltern sie aus dem etwa zweihundert Kilometer entfernten Lüneburg zu sich nach Hause holen.

Während Hannas Schwester Sara immer noch in der Heimat lebt, hat Hanna das Elternhaus bereits vor mehreren Jahren verlassen. Der Alltag ihrer Eltern folgt inzwischen einem routinierten Ablauf, der durch ihre Rückkehr durcheinandergerät. Kaum hat Hanna wieder ihr Kinderzimmer bezogen, werden viele Erinnerungen an die kleinen Marotten ihrer Mutter und ihres Vaters wach. Schon bald empfindet Hanna ihre Anwesenheit im Elternhaus als belastend, nicht zuletzt wegen mancher Bemerkungen ihrer Mutter. Dadurch, dass Hanna aus der Ich-Perspektive heraus erzählt, konnte ich ihrer Gefühlswelt sehr gut nachvollziehen. Ich empfand ihre Handlungen als authentisch, auch weil die Autorin darin vermutlich eigene Erfahrungen hat einfließen lassen.

Es wird von Beginn an deutlich, dass Hanna in den vergangenen Jahren einiges erlebt hat, dass ihr Angst macht und Panik auslöst. Das Problem wird allerdings nie beim Namen genannt, ist aber zwischen den Zeilen zu lesen, beispielsweise dann, wenn jemand über die Kinder von Gleichaltrigen spricht und sie sich am liebsten abwenden möchte. Es zeigt sich mit der Zeit, dass dieses Thema auch ihre Beziehung zu Paul belastet und zu Spannungen zwischen ihnen geführt hat.

In Hannas Familie ist seit jeher vieles unausgesprochen geblieben: man streitet sich und wenn man sich wenig später wieder trifft, ist alles wieder gut. Hanna hat inzwischen jedoch erkannt, dass ihr offenes Reden und Diskutieren über Sorgen und Ängste helfen würde. Es fehlt ihr aber der Mut, ihre eigenen Bedürfnisse klar zu formulieren und für sich einzustehen. Die Geschichte endet für sie mit einem wohlgemeinten Schluss.

Lena Kupke erzählt in ihrem bewegenden Roman „Pause“ feinfühlig mit Tiefgang über schwierige Themen im frischen und zeitweile amüsanten Sprachstil. Sie verdeutlicht, wie wichtig es manchmal sein kann, innezuhalten, um sich darüber klarzuwerden, ob eine neue Ausrichtung des Lebenswegs sinnvoll ist. Gerne empfehle ich den Roman weiter.

Sonntag, 7. Juni 2026

Rezension: Eine Liebe ohne Sommer von Timothy Paul

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Eine Liebe ohne Sommer
Autor: Timothy Paul
Erscheinungsdatum: 15.05.2026
Verlag: Rowohlt Polaris (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover
ISBN: 9783449017568
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Die Liebe von Rosa erlebt, wie bereits der Romantitel „Eine Liebe ohne Sommer“ andeutet, keine warme Jahreszeit, weil ihr geliebter Nikolas an einem kalten Wintertag bei einem Unfall ums Leben kommt. Im Buch von Timothy Paul begegnen sich die beiden durch Zufall auf der Treppe des Hauses, in dem sowohl Rosa als auch die Mutter von Nikolas wohnen. Es bleiben ihnen nur wenige Wochen, um einander besser kennenzulernen, bevor das gemeinsame Glück jäh endet.

Rosa ist 35 Jahre alt und seit drei Jahren Single. Von Beruf ist sie Redakteurin und Ghostwriterin. Sie kann kaum glauben, dass der gutaussehende Nikolas sich für sie interessiert. Obwohl sie sich von Beginn an zu dem charmanten, aber risikofreudigen Mann hingezogen fühlt, erfährt sie von ihm wenig über sich und seine Freunde, von denen er ihr nie jemanden vorstellt. Nach seinem Tod bleiben daher zahlreiche Fragen offen, sodass Rosa das Gefühl hat, den von ihr geliebten Mann nie wirklich gekannt zu haben. Um Antworten zu finden, sucht sie bewusst den Kontakt zu seinen Freunden und Weggefährten. Gespräche mit ihnen sollen ihr Einblicke in sein Leben zu ermöglichen.

Die Geschichte wird von Rosa aus der Ich-Perspektive erzählt, die nicht nur in der Gegenwart spielt, sondern auch Rückblicke auf die kurze Beziehung gewährt. Für zusätzliche Abwechslung Sorgen Auszüge aus Rosas Notizbuch sowie der Verlauf von WhatsApp Chats. Gleich am Anfang steht fest, dass Nikolas verstorben ist. Dennoch wird die Handlung nicht von Trauer beherrscht. Stattdessen prägen vor allem der warmherzige Umgang der Liebenden sowie ihre humorvollen und schlagfertigen Dialoge weite Teile des Romans.

Auf ihrer Suche nach dem Menschen hinter den Erinnerung, begegnet Rosa verschiedenen Personen, die überwiegend interessant gestaltet sind, mich aber nicht alle gleichermaßen überzeugen konnten. Durch die Gespräche setzt sich Schritt für Schritt ein immer vollständigeres Bild von Nikolas zusammen.

Rosas Versuch, die Wahrheit über den geliebten, aber verstorbenen Nikolas zu ergründen, verleiht dem Roman „Eine Liebe ohne Sommer“ eine beständige, unterschwellige Spannung. Feinfühlig schildert Timothy Paul die Licht- und Schattenseiten einer kurzen Liebesbeziehung, die sich trotz des tragischen Ausgangs leicht und flüssig liest. Gerne empfehle ich das Buch daher weiter.

Dienstag, 2. Juni 2026

Rezension: Brombeerblaue Tage von Simone Veenstra

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Brombeerblaue Tage
Autorin: Simone Veenstra
Erscheinungsdatum: 15.05.2026
Verlag: Rowohlt Wunderlich (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Leseband
ISBN: 9783805201292

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Der Roman „Brombeerblaue Tage“ von Simone Veenstra nimmt die Lesenden an der Seite der Protagonistin Elisa, einer Landschaftsarchitektin, mit nach Rügen. Sie folgt damit einem Anruf ihres Vaters, der sie kurzfristig bittet, sich während eines Routine-Checks in einem Krankenhaus auf dem Festland um seinen renovierungsbedürftigen Gutshof und seinen Hund zu kümmern.

Die vierundvierzigjährige Elisa ist selbständig, lebt in Berlin und hat wegen der Auftragslage kaum Zeit für anderes. Der Hof und die Gartenanlage sind in einem bedauerlichen Zustand. Gleichzeitig lebt ihre Leidenschaft für Pflanzen und Gärten neu auf, die einst in den Ferien von ihrer inzwischen verstorbenen, in den Niederlanden lebenden Großmutter geweckt wurde. Diese Naturverbundenheit spricht aus den Buchzeilen und spiegelt sich auch in den illustrierten Pflanzensteckbriefen wider, die jedem Kapitel vorangestellt sind.

Während Elisa versucht, ihre beruflichen Verpflichtungen von Rügen aus weiterzuführen, verschlechtert sich der Gesundheitszustand ihres Vaters. Sie gerät immer stärker in den Konflikt zwischen beruflicher Verantwortung und familiärer Fürsorge, bis sie schließlich selbst an ihre Belastungsgrenze stößt.

Simone Veenstras erzählt eine Geschichte, die nah am Leben ist. Vor allem Frauen haben im mittleren Lebensalter häufig den Spagat zwischen pflegebedürftigen Eltern und den Anforderungen ihres Berufs zu bewältigen. Bei Elisa kommt hinzu, dass sie auf Rügen mit ihrer Liebe zur Natur genau das findet, was ihr gefehlt hat und ihr gut tut. Durch die Begegnungen mit Nachbarn und einer engen Freundin ihres Vaters erkennt sie, wie sehr ihr diese Verbundenheit gefehlt hat. Es ist ein Gefühl, das sie nicht nur früher bei der Großmutter genossen hat, sondern das auch ihren Berufswunsch maßgeblich prägte. Gleichzeitig verschweigt die Autorin nicht die Schattenseiten von Elisas Job.

Der Roman thematisiert ebenfalls die entstehenden Probleme einer Person, die unter einem postoperativen Delir leidet. Die Schilderungen wirken besonders authentisch, weil darin die persönlichen Erfahrungen der Autorin eingeflossen sind. Medizinische Hintergründe und hilfreiche Ratschläge werden glaubwürdig in die Handlung integriert. Ebenso feinfühlig beschreibt Simone Veenstra die Annäherung zwischen Vater und Tochter, deren Beziehung über viele Jahre von Distanz geprägt war.

In ihrem Roman „Brombeerblaue Tage“ zeigt Simone Veenstra mit viel Empathie und aus eigener Erfahrung wie wohltuend und heilsam die Nähe zur Natur sein kann. Sie erzählt von der Suche nach dem, was im Leben wirklich wichtig ist und dem Mut zu einem Neuanfang. Ein berührendes Buch, das ich gerne weiterempfehle! 


Sonntag, 31. Mai 2026

Rezension: Die Mitternachtsreise von Matt Haig


Die Mitternachtsreise

Autor: Matt Haig
Übersetzerin: Sabine Hübner
Hardcover: 336 Seiten
Erschienen am 21. Mai 2026
Verlag: Droemer Knaur

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Wilbur ist 81 Jahre alt, als er an einem Herzinfarkt stirbt. Er findet sich als Geist an einem Bahnhof wieder, in der Hand ein Ticket für den Mitternachtszug. Dieser fährt kurz darauf ein, und ein weiterer Geist heißt ihn Willkommen. Es ist Agnes Bagdale, in deren Buchladen Wilbur als Kind stundenlang stöbern konnte und den er später übernommen und zu einer großen Kette ausgebaut hat. Sie nimmt ihn mit auf eine chronologische Reise durch sein Leben, beginnend bei seiner Kindheit. Bei den Momenten, die ihn am meisten geprägt haben, muss er aussteigen und sie als Geist beobachten. Wilbur durchlebt die Höhen und Tiefen seines Lebens und beginnt sich zu fragen, ob er etwas anders hätte machen sollen. Agnes beharrt darauf, dass die Vergangenheit unabänderlich ist und er sich an die Regeln halten müsse. Denn sonst… ja, was eigentlich?

Das Buch beginnt im Jahr 1974 in Venedig, wo sich Wilbur mit seiner Frau Maggie in den Flitterwochen befindet. Die beiden genießen die Zeit in vollen Zügen und überlegen, wie es wohl wäre, für immer in der Stadt zu bleiben. 52 Jahre später lebt Wilbur allein und ist verwundert, als Maggie ihn anruft, denn er hat seit Jahrzehnten nicht mit ihr gesprochen. Der Wunsch nach weiteren Gesprächen wird durch seinen Tod, der ihn kurz darauf ereilt, nicht erfüllt. Als Leserin war ich natürlich neugierig, was in all den Jahren dazwischen passiert ist.

Bevor man wieder im Jahr 1974 landet vergeht einige Zeit, denn erst einmal erhält man Einblicke in Wilburs schwierige Kindheit. Sein Vater ist im Krieg gestorben, seine Mutter ist mit zwei Kindern sichtlich überfordert und das Geld ist knapp. Wilburs älterer Bruder Dougie gerät schon früh auf die schiefe Bahn. Auch Maggie, die Wilbur schon seit der Kindheit kennt, hat bald ihren ersten Auftritt. Das Tempo ist hoch, da immer nur einzelne prägende Szenen aus Wilburs Leben herausgegriffen werden. Dazwischen gibt es Szenen im Zug, in denen Wilbur sein Leben vorbeiziehen sieht, Agnes über die Regeln ausfragt und reflektiert, wieso er welche Entscheidung getroffen hat.

Die sich langsam entwickelnde Liebesgeschichte zwischen Wilbur und Maggie hat mir sehr gut gefallen. Die beiden passen perfekt zusammen und als Leserin hoffte ich, dass Wilbur begreift, in welchen Momenten er Entscheidungen getroffen hat, die ihn von Maggie entfernt haben. Während Agnes darauf beharrt, dass Wilbur als Geist keinerlei Einfluss auf das Geschehene nehmen kann, gibt es immer wieder Momente, die daran zweifeln lassen. Daher blieb ich gespannt, ob nicht doch irgendetwas Unerwartetes passieren wird, bevor die Fahrt wie von Agnes angekündigt in der Ewigkeit endet.

„Die Mitternachtsreise“ ist eine wirklich gelungene Ergänzung zu „Die Mitternachtsbibliothek“. Über den Gastauftritt von Nora, der Protagonistin des ersten Buchs, habe ich mich sehr gefreut. Die Überlegungen, welche Leben man mit anderen Entscheidungen hätte leben können, werden hier durch eine rückblickende Perspektive ergänzt. Wer den ersten Band mochte, der sollte nicht zögern, in den Mitternachtszug einzusteigen!


Rezension: Widdersehen - Ein Schafskrimi von Leonie Swann

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Widdersehen - Ein Schafskrimi
Autorin: Leonie Swann
Erscheinungsdatum: 14.04.2026
Verlag: Dumont (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Leseband
ISBN: 9783755801061
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Viele Jahre nach ihren Romanen „Glennkill“ und „Garou“ legt Leonie Swann mit „Widdersehen“ eine Fortsetzung ihrer beliebten Schafkrimis vor. Das Wortspiel des Titels versteht sich also im doppelten übertragenen Sinn. In der Welt der Schäferin Rebecca und ihrer Herde ist seit den letzten Ereignissen wenig Zeit vergangen. Doch nun ist etwas geschehen, dass die Schäferin veranlasst, ihre in Frankreich grasenden Schafe wieder zurück in die Heimat nach Irland zu bringen.

Die aus den früheren Büchern bekannten Schafe Miss Marple, Mopple, Othello und Ritchfield sowie noch einige weitere Tiere der Herde können zunächst kaum glauben, dass es wirklich ihre frühere Weide in Glennkill ist, auf der sie wieder grasen dürfen. Aber sie sind irritiert, weil sich darauf ein paar fremde Schafe befinden. Als Rebecca kurz darauf verschwindet, wagen sich die mutigsten Tiere in den Schäferwagen. Dort finden sie einen blutigen Finger. Wem mag das Körperteil gehören? Aus welchem Grund wurde es abgetrennt? Neben der Suche nach dem Verbleib von Rebecca, gilt es nun auch, das Rätsel um den Finger zu lösen.

Für die Schafe ist Rebecca die wichtigste Bezugsperson. Sie sitzt oft auf den Stufen ihres Wagens, liest der Herde vor oder lässt ihre Gedanken laut schweifen. Umso größer ist die Verunsicherung über ihr plötzliches Verschwinden.

Es sind nicht nur Schafe, die bereits aus den früheren Bänden bekannt sind, sondern auch menschliche Figuren wie beispielsweise der Metzger. Nicht alle sind der Herde wohlgesonnen, aber für die Tiere ist es schwierig, das herauszufinden. Die einzelnen Schafe unterscheiden sich durch ihren Charakter. In einer Auflistung zu Beginn des Buchs erhält man darüber eine schnelle Übersicht. Es ist durchgehend amüsant, wie Leonie Swann die Sprache ihrer tierischen Protagonisten gestaltet und den Schafkosmos mit zahlreichen Wortspielen lebendig werden lässt, wenn es hier „mäht“ und dort „wollt“. Zugleich regen die manchmal philosophisch anmutenden Gedanken der Herdentiere immer wieder zum Nachdenken an.

Eine besondere Rolle spielt die Ziege Madouc, die probeweise ein Schaf sein möchte. Mit Störrigkeit und Übermut setzt sie sich für die gemeinsamen Ziele ein. Ihr fehlen sowohl die früheren schlechten Erfahrungen in Glennkill als auch die schönen Erlebnisse, die vor allem darin bestanden, dass Rebecca und deren verstorbener Vater George als Vorbesitzer, der Herde regelmäßig vorgelesen haben. Das Auftreten von Rebeccas Bruder als neuem Protagonistin macht schnell deutlich, worin ein möglicher Grund für das Verschwinden der Schäferin liegen könnte.

Mit dem Krimi „Widdersehen“ gelingt Leonie Swan ein unterhaltsamer und vergnüglicher Roman um ein Verbrechen, an dessen Aufklärung eine Herde Schafe mit ihren Aktivitäten einen großen Anteil hat. Die Geschichte lebt von dem eigenwilligen Blick der Tiere auf die Welt. Sehr gerne empfehle ich das Buch weiter.

Donnerstag, 28. Mai 2026

Rezension: Laute Nächte von Anne Freytag

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Laute Nächte
Autorin: Anne Freytag
Erscheinungsdatum: 22.04.2026
Verlag: Kampa (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Leseband
ISBN: 9783311101666
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Der Münchner Kenni ist die zentrale Figur und zugleich Ich-Erzähler des Romans „Laute Nächte“ von Anne Freytag. Seit dem Unfalltod seiner Freundin hat er den Halt im Leben verloren. Vorher hatten sie gemeinsam einen festen Plan: Sie hatten einen Camper hergerichtet, um damit drei Wochen lang auf Reisen zu gehen. Einige Zeit nach diesem einschneidenden Verlust zieht Kenni schließlich ohne große Erwartungen nach Wien, wo er ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft gemietet hat.

Anne Freytag gelingt es von Beginn an, Kennys Gefühlswelt authentisch darzustellen. Seine Orientierungslosigkeit und die Unfähigkeit, den Verlust zu begreifen oder angemessen damit umzugehen, werden glaubhaft vermittelt. In der WG lernt er drei sehr verschiedene Mitbewohnende kennen, die prägend für seine Zukunft sein werden. Da ist zunächst sein Vermieter Paul, der mit Tennis ein kleines Vermögen verdient hat und ihm nun genauso verloren erscheint, wie er selbst sich fühlt. Beiden gelingt es zunächst nicht, sich anderen gegenüber zu öffnen und über ihre Erfahrungen der vergangenen Zeit zu reden. Während Elif gesellig und lebensfroh ist, zieht Julia sich lieber in ihr Zimmer zurückzieht.

Die Autorin zeigt einfühlsam, wie es Kenni schrittweise gelingt, neben seiner anhaltenden Trauer, verdrängte Gefühle wieder zuzulassen und auf diese Weise langsam neue Freude am Leben zu finden. Als er sich schließlich dazu entschließt, die geplante Reise doch anzutreten, entscheidet Elif sich, ihn zu begleiten. Neun Jahre später finden sich seine früheren Mitbewohnenden zu einer Ausstellung seiner Arbeiten in Zürich ein. Der Abend bringt für Kenni erneut eine große Veränderung in seinem Leben, die er so nicht erwartet hätte.

In Rückblicken, aber auch in der Folgezeit setzt Kenni sich mit seiner immer noch vorhandenen Trauer zunehmend kritisch auseinander, wobei er seine Gefühle für Elif stets als Verrat an seiner verstorbenen Freundin sieht. Die Darstellung der inneren Zerrissenheit mit all ihren Höhen und Tiefen ist dabei authentisch und glaubhaft. Trotz des schweren Themas wirkt „Laute Nächte“ jedoch nie bedrückend, sondern lebt von der besonderen Dynamik der WG und den gemeinsamen Nächten, in denen Erfahrungen gemacht werden, die das Leben nachhaltig verändern können. Diesen Roman über Verlust, Freundschaft und Neuanfang empfehle ich den Roman weiter.


Montag, 25. Mai 2026

Rezension: Tata oder das Geheimnis meiner Tante Colette von Valérie Perrin

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Tata oder das Geheimnis meiner Tante Colette
Autorin: Valérie Perrin
Übersetzerin aus dem Französischen: Hanne Reinhardt
Erscheinungsdatum: 30.04.2026
Verlag: Gutkind (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Leseband

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Im Oktober 2010 erhält die in Paris lebende, achtunddreißigjährige Regisseurin Agnès Dugain einen Anruf von der Polizei aus der burgundischen Stadt Gueugnon. Im Telefonat wird sie über den Tod ihrer Tante Colette Septembre informiert, deren letzte Angehörige sie ist. Agnès ist fassungslos, denn ihre Tante, die sie früher liebevoll „Tata“ nannte, ist bereits vor drei Jahren verstorben. Sie ist Realistin und weiß, dass niemand „wiederstirbt“. Mit dieser ungewöhnlichen Situation schafft die Autorin Valérie Perrin eine spannende Ausgangslage für ihren Roman, der den Kosenamen der Tante von Agnès trägt und im Untertitel bereits auf das zu erwartende Geheimnis hinweist.

Im Folgenden entfaltet sich eine komplexe Geschichte, die tief in die Vergangenheit der Regisseurin führt. Agnès wuchs im Südosten Frankreichs auf. Ihre Eltern waren bekannte Musiker, die ihre Tochter in den Ferien zu Colette schickten, die in Gueugnon eine Schusterwerkstatt betrieb. Soweit Agnès weiß, blieb ihre Tata unverheiratet und kinderlos. Bis zu ihrer kürzlich erfolgten Scheidung lebte die Regisseurin mit ihrem Mann und ihrer Tochter in den Vereinigten Staaten. Daher war sie bei der Beerdigung vor drei Jahren nicht anwesend. Jetzt jedoch begibt sie sich ins Burgund, um das Geheimnis ihrer Tante aufzudecken. In Gueugnon trifft Agnès auf drei Freunde aus der Kindheit, die bei ihrer Suche behilflich sind.

„Tata“ verbindet Elemente eines historischen Romans, einer Liebesgeschichte und eines Kriminalfall. Valérie Perrin erzählt abwechslungsreich, unter anderem durch wechselnde Erzählperspektiven und unterschiedlichen stilistischen Ebenen. Neben den Lebensgeschichten der beiden Protagonistinnen Agnès und Colette schildert die Autorin uch die bewegte Vergangenheit von Agnés‘ Eltern, ihrer Freunde sowie einer besonderen Person, die Colette viel bedeutete. Dabei werden berührende Themen angeschnitten, die zeigen, dass das Schicksal vor niemandem und nichts zurückschreckt und Familie nicht nur durch Blutsbande entsteht. Ab etwa der Mitte kommt es durch die ausführlichen Nebenhandlungen allerdings zu einiger Länge. Der Schauplatz im Burgund mitsamt den Bewohnenden wirkt besonders authentisch, weil die Autorin dort beheimatet ist.

Mit „Tata oder das Geheimnis meiner Tante Colette“ gelingt es Valérie Perrin durch ihre außergewöhnliche Prämisse Neugier zu wecken und eine durchgehend hintergründige Spannung zu erzeugen. Facettenreiche Figuren und ein vielseitiger Schreibstil sorgen für eine ebenso lebendige wie tiefgründige Unterhaltung, die ich gerne weiterempfehle.

Dienstag, 19. Mai 2026

Rezension: Meeresdunkel von Till Raether

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Meeresdunkel
Autor: Till Raether
Erscheinungsdatum: 17.04.2026
Verlag: Rowohlt Polaris (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Klappenbroschur mit Farbschnitt
ISBN: 9783499017193
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Das Buch „Meeresdunkel“ ist der erste Thriller von Till Raether. Darin schickt er zwei Familien auf die Insel Mallorca in eine alte Finca. Zunächst entsteht der Eindruck, dass beide Familien unabhängig voneinander nur aufgrund einer Mail der Vermieterin das Haus gebucht haben. Im Verlauf zeigt sich jedoch, dass deutlich mehr Zusammenhänge zwischen den Protagonist*innen bestehen, die sie auch zu diesem Urlaub gebracht haben.

Henrike erhält eine Nachricht, dass die Finca am Ende einer Bucht kurz vor der Renovierung steht und daher besonders günstig zu mieten sei. Spontan bucht sie das Haus, um ihren Mann damit zu überraschen, in der Annahme, er werde zustimmen, da er etwas wiedergutzumachen habe. Begleitet wird sie von ihren beiden vierzehnjährigen Zwillingen sowie ihrem Bruder. Sie ahnt nicht, dass zur gleichen Zeit auch Marie die Finca gebucht hat, ebenfalls nach Erhalt derselben E-Mail. Marie reist mit ihrem Ehemann Samuel und dem achtjährigen Sohn Juri begleitet.

Beide Paare gehen davon aus, dass es nur bis zum nächsten Tag dauern wird, bis der Irrtum der Doppelbuchung sich aufklärt. Darum arrangieren sie sich in dem großen maroden Haus, in das bereits Feuchtigkeit eingedrungen ist. Als Lesende konnte ich nicht so recht nachvollziehen, warum man sich auf ein solch dubioses Buchungsangebot einlässt. In der ersten Hälfte baut sich trotz latenter Spannung nur langsam eine bedrohliche Atmosphäre auf, und es wirkt lange nicht so, als könnte es bald zu einem Mord kommen. Die handelnden Figuren fallen mit immer mehr Eigenheiten auf und es werden erste Details zu deren Hintergrund erzählt. Das Wetter wird zunehmend ungemütlich, ein Closed-Room-Setting beginnt sich abzuzeichnen, bis dann endlich die Täterin oder der Täter angreift.

Till Raether setzt mehr auf undurchsichtige Charaktere statt auf eine steigende Spannung. Nach dem Verbrechen baut der Autor die komplexen Verflechtungen rund um seine Protagonist*innen und zwielichtigen Nebenfiguren weiter aus. Für mich waren nicht immer die Gründe nachvollziehbar, wer seine Zuneigung wem entgegenbrachte. Die Handlung wirkt zunehmend konstruiert und wenig realistisch. Dennoch ist der Unterhaltungswert des Thrillers „Meeresdunkel“ aufgrund bedrückender Atmosphäre, unerwarteter Wendungen und einem überraschenden Ende gegeben. 

Sonntag, 17. Mai 2026

Rezension: Mirabellentage von Martina Bogdahn

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Mirabellentage
Autorin: Martina Bogdahn
Erscheinungsdatum: 16.04.2026
Verlag: KiWi (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Leseband
ISBN: 9783462013542
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Im Roman „Mirabellentage“ von Martina Bogdahn erzählt die Pfarrhaushälterin Anna Nass, Anfang fünfzig, in der Ich-Perspektive von ihrem arbeitsreichen Leben im bayrischen Blumfeld. Der Pastor, für den sie tätig war und den sie seit ihrer Kindheit kannte, ist im Alter von nur siebenundfünfzig Jahren plötzlich verstorben. Genau wie sie ist er vor Ort in einer ländlichen Umgebung aufgewachsen, wobei er ein paar Jahre älter war. Beide haben die Natur geliebt, was sich auch in den schönen Schilderungen der Landschaft widerspiegelt. Zum Pfarrhaus gehört ein großer Garten in dessen Mitte ein Mirabellenbaum steht, der mit seinen Früchten dafür sorgt, dass jeder Besuchende des Hauses ein Glas Konfitüre erhält und dem Buch seinen Titel gibt.

In der Natur umherzustreichen war sowohl für Anna als auch für Josef befreiend von all den Erwartungen, die ihnen vom Elternhaus auferlegt wurden. Im Verlauf der Handlung erinnert sich die Haushälterin immer wieder an diese Zeit zurück, weswegen das aktuelle Geschehen stellenweise ins Stocken gerät. Selbst schwierigen Situationen gewinnt Anna eine humorvolle Seite ab. Der gesamte Text wird von einem feinen Augenzwinkern begleitet, die Beschreibungen sind oft überspitzt dargestellt. Die Dorfbewohnenden sind äußerst geübt darin, aufgrund von kleinsten Bemerkungen die sonderbarsten Mutmaßungen aufzustellen. Die Gerüchteküche kocht und die Fantasie lässt diese mit jeder Weitergabe der Vermutung übersprudeln. Martina Bogdahn bedient so manches Klischee des Landlebens, versteht es jedoch dabei auch, auf verschiedene Probleme hinzuweisen.

Der Tod des Pfarrers in der Gegenwart des Jahres 2010 und sein damit verbundener letzter Wille stellen Anna vor unerwartete Herausforderungen, aus denen sich weitere zahlreiche, amüsante Szenen ergeben. Doch sie steht zu ihrem Wort, auch wenn sie dabei über ihren Schatten springen muss. Auf dem Weg, die übernommene Aufgabe auszuführen, stellt sie fest, dass nur derjenige heimkommen kann, der zuvor weggegangen ist. 

Der neue Priester, der wenig später ins Pfarrhaus einzieht, stammt aus Norddeutschland und sorgt erwartungsgemäß im Ort für neue Spekulationen, da er auf direktem Wege aus Rom eintrifft. Bald schon erweist er sich als recht selbständig, so dass Anna um ihre Anstellung bangt. Hinter ihrem Frohsinn kann sie die Notwendigkeit, sich ernsthaft Gedanken über ihre Zukunftsgestaltung zu machen, nicht verbergen.

In ihrem Roman „Mirabellentage“ schildert Martina Bogdahn das Leben der Pfarrhaushälterin Anna Nass im ländlichen Blumfeld. Sie greift dabei auf vergnügliche Weise im überzeichneten Maß die Eigenheiten des Dorflebens auf, deutet gleichzeitig aber auch problematische Seiten im ländlichen Zusammenleben an. Gerne empfehle ich diese unterhaltsame, warmherzige Geschichte an Lesende mit einem Sinn für das Komische weiter.

Donnerstag, 14. Mai 2026

Rezension: Der Aschefeuerkönig von Chelsea Abdullah


Der Aschefeuerkönig
Autorin: Chelsea Abdullah
Hardcover: 640 Seiten
Erschienen am 11. April 2026
Verlag: Klett-Cotta
Link zur Buchseite des Verlags

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Nach dem epischen Kampf gegen Omar und seine vierzig Räuber sind Loulie, Mazen und Rijah durch ein Loch in die Welt der Dschinn gestürzt. Dort finden sie sich auf einer Insel in einem Ozean aus Sand wieder. Ein Schiff bringt sie in die Stadt Dhahab, wo sie alles andere als freundlich empfangen werden. Die ehemalige Räuberin Aisha muss sich unterdessen damit abfinden, dass sie sich ihren Körper fortan mit der Dschinn der Auferstehung teilt. Als sie in der Wüste auf Hakim trifft, schmieden die beiden gemeinsam einen Plan, um Qadir aus den Fängen Omars zu befreien.

Den ersten Teil der Sandsea Chronicles, „Der Sternenstaubdieb“, habe ich vor über einem Jahr gelesen. Daher fand ich es klasse, dass zu Beginn dieser Fortsetzung auf ganzen acht Seiten zusammengefasst wird, was bisher geschah. Dadurch war ich schnell wieder mittendrin in der Geschichte und war neugierig, was Loulie in der versunkenen Welt der Dschinn erleben wird. Erst einmal müssen sie herausfinden, was in der Stadt Dhahab eigentlich vor sich geht, während an der Oberfläche Aisha und Hakim Pläne schmieden.

Das Tempo der Geschichte ist zunächst gemächlich. Es wird viel diskutiert und Pläne werden geschmiedet. Dabei musste ich erst mal verstehen, was genau nun das Problem ist. Die Welt der Dschinn ist nämlich versunken, und innerhalb der versunkenen Welt versinken nun die Städte im Sand. Nun wollen einige die von den Ifrit erschaffenen Bindungen gelöst werden, damit die ganze Welt wieder auftauchen kann, andere sind aber strikt dagegen. Das klingt kompliziert und ist es auch. Tagelang kam ich in der Geschichte nicht richtig vorwärts, bis endlich mehr Schwung in die Handlung kam.

In diesem Buch geht es viel um Bündnisse, die eingegangen und wieder gebrochen werden und geheime Pläne, welche das Schicksal der ganzen Welt beeinflussen können. Die magische Welt der Dschinn ist dafür eine tolle, atmosphärische Kulisse. Ich habe die Charaktere schnell wieder ins Herz geschlossen und bangte mit, ob ihre riskanten Wagnisse sich auszahlen werden. Mindestens hundert Seiten weniger hätten dem Buch gut getan, um mehr Schwung ins Geschehen zu bringen. 

Letztlich ist es ein typischer Mittelteil, in dem viele Weichen für das große Finale im dritten Band gestellt werden und man das Gefühl hat, dass dafür noch einiges aufgespart wird. Ein fieser Cliffhanger am Ende des Buches sorgte dafür, dass ich am liebsten sofort weiterlesen will, um zu erfahren, wie die Geschichte enden wird. Wer die magische Welt aus „Der Sternenstaubdieb“ mochte, der findet in diesem Buch neue Abenteuer für die liebgewonnenen Charaktere auf dem Weg zum Showdown. 


Mittwoch, 13. Mai 2026

Rezension: Zeit für meine Träume - Wie ich lernte, dem Leben wieder zu vertrauen von Tessa Randau

 

Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Zeit für meine Träume:
Wie ich lernte, dem Leben wieder zu vertrauen
Autorin: Tessa Randau
Erscheinungsdatum: 16.04.2026
Verlag: dtv (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Taschenbuch mit Klappen
ISBN: 9783423352772

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In ihrem Buch „Zeit für meine Träume“ zeigt Tessa Randau auf, dass es möglich ist, wieder Vertrauen zum Leben zu gewinnen, wie es auch im Untertitel heißt. Die Autorin erzählt novellenartig von einer zukunftsweisenden Begegnung im Leben einer unbenannten 38-jährigen Frau, deren Ehemann sich erst vor Kurzem von ihr getrennt hat, weil er mit seiner neuen Freundin ein Kind erwartet. Besonders schwer lastet diese Situation auf ihr, da sie gemeinsam seit einiger Zeit einen bislang noch unerfüllten Kinderwunsch hegten. Von Enttäuschung geprägt, zieht sie sich weitestgehend aus ihrem sozialen Umfeld zurück, auch um ihrem Exmann nicht zu begegnen.

Als sie eines Tages die ältere Lotte trifft, die mit schweren Einkaufstaschen überfordert wirkt, bietet sie spontan ihre Hilfe an und trägt die Einkäufe zu ihr nach Hause. Dort lernt sie Lottes Mitbewohnende Anita und Jochen kennen. Die Seniorinnen und der Senior sind allesamt über siebzig Jahre alt, Jochen steht sogar kurz vor seinem 80. Geburtstag. Trotz persönlicher Schicksalsschläge und gesundheitlicher Beschwerden sind sie gutgelaunt und verströmen Lebensfreude. Sie unterstützen gegenseitig mit ihren unterschiedlichen Fähigkeiten und gönnen sich manche kulinarische Freude. Der jüngeren Frau zeigen sie, dass Familie nicht immer auf Blutsbande beruht, sondern auch auf Zusammenhalt und Vertrauen basieren kann.  

Tessa Randaus Protagonistin bleibt so wie in den vorigen Büchern der Autorin namenlos und erzählt ihre Geschichte aus der Ich-Perspektive. Dadurch fällt es leicht, sich in ihre Gedanken- und Gefühlswelt hineinzuversetzen. Die Handlung ist gut nachvollziehbar, emotional berührend und lebensnah. Der Autorin gelingt es zu zeigen, dass Freundschaft neue Kraft vermitteln kann, selbst nach schweren Enttäuschungen.

Tessa Randaus Buch „Zeit für meine Träume – Wie ich lernte, dem Leben wieder zu vertrauen“ ist eine bewegende und ermutigende Erzählung über zweite Chancen im Leben. Sie vermittelt die Botschaft, dass es nie zu spät ist, an die Verwirklichung seiner Träume zu glauben. Sehr gerne empfehle ich die Novelle weiter.

Dienstag, 12. Mai 2026

Rezension: Ein Ort, der bleibt von Sandra Lüpkes

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Ein Ort, der bleibt
Autorin: Sandra Lüpkes
Erscheinungsdatum: 17.04.2026
Verlag: Rowohlt Kindler (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Leseband
ISBN: 9783463000671

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In der türkischen Bezeichnung des Botanischen Gartens Istanbul ist der Name des Gründers Alfred Heilbronn erhalten geblieben. Neben einem Handlungszweig, der in der Gegenwart spielt, reist Sandra Lüpkes in ihrem Roman „Ein Ort, der bleibt“ in der Zeitgeschichte zurück in die 1930er und 1940er Jahre, als der Garten angelegt und zu Bedeutung gekommen ist.

Neben dem Botanischen Garten stehen drei Frauen im Mittelpunkt der Handlung. Eine von ihnen ist Magda Heilbronn, Jahrgang 1889 und Ehefrau des Gründers. Obwohl sie nach der Geburt ihrer Kinder promovierte und einen Doktortitel in Philosophie erwarb, wurde ihr der erhoffte Lehrauftrag an der Universität ihres Wohnortes Münster verwehrt. Sie drängt ihren Mann, der Einladung zu folgen, ein Botanisches Institut in Istanbul aufzubauen.

Etwa zur gleichen Zeit strebt auch die einige Jahre jüngere, in Istanbul lebende Mehpare Basarman eine Habilitation an. Später wird sie zur geschätzten Assistentin von Alfred Heilbronn. Mit großer Sachkenntnis beschreibt die Autorin das Sammeln, Züchten und Pflegen von Pflanzen. Dabei wird spürbar, mit wie viel Begeisterung die Botanik*innen sich ihrer Aufgabe widmen.

Während Magda und Mehpare historische Persönlichkeiten sind ist Imke, die dritte Protagonistin des Romans, eine fiktive Figur. Eine befristete Anstellung als Stadtplanerin führt sie in der heutigen Zeit von Münster nach Istanbul. Dort arbeitet sie an einem Gutachten mit, das über die Zukunft des Botanischen Gartens entscheiden soll. Durch Imkes Perspektive greift Sandra Lüpke zudem die Situation von Frauen in der Türkei auf.

Dank ihrer sorgfältigen Recherche lässt Sandra Lüpkes sowohl die Zeit als auch die Schauplätze lebendig werden. Sie verdeutlicht die zunehmenden Repressalien, die jüdische Wissenschaftler in Deutschland nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten hinzunehmen hatten und lenkt damit den Blick auf ein wenig bekanntes Kapitel der Geschichte. Es werden Magdas Sorgen angesichts des Aufbruchs in ein fremdes Land mit einer anderen Kultur deutlich. Gleichzeitig zeigt die Autorin, wie schwierig es für Mehpare ist, sich in einem von Männern dominierten Wissenschaftsbetrieb zu behaupten, obwohl in der noch jungen Republik offiziell eine Gleichstellung angestrebt wurde.

In ihrem Roman „Ein Ort, der bleibt“ erzählt Sandra Lüpkes von einer heute kaum bekannten Episode der Geschichte: der Emigration deutsch-jüdischer Wissenschaftler*innen in die Türkei während der Zeit des Nationalsozialismus. Gleichzeitig thematisiert sie auch die Fragen nach Zugehörigkeit sowie den Platz der Frau in der Gesellschaft. Geschickt verbindet die Autorin historische Fakten mit fiktionalen Elementen und verbindet Vergangenheit und Gegenwart auf überzeugende Weise. Gerne empfehle ich das Buch weiter.

Donnerstag, 7. Mai 2026

Rezension: Mit anderen Augen von Jane Tara

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Mit anderen Augen
Autorin: Jane Tara
Übersetzerin aus dem australischen Englisch: Tanja Handels
Erscheinungsdatum: 22.04.2026
Verlag: Diogenes (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Leseexemplar als Taschenbuch
ISBN der Hardcoverausgabe: 978325616156

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Die Australierin Jane Tara greift in ihrem Roman „Mit anderen Augen“ auf metaphorische Weise das Thema der gesellschaftlichen Sichtbarkeit von Frauen auf. Die 52-jährige Protagonistin Tilda bemerkt zunehmend verzweifelt, dass ein Körperteil nach dem anderen verschwindet, wobei sie zwar noch die Teile spüren, aber nicht mehr sehen kann.

Tilda lebt allein in einem Haus mit Sicht auf das Meer. Vor fünf Jahren hat sie sich von ihrem Ehemann getrennt mit dem sie zwei erwachsene Töchter hat, zu denen sie enge Kontakte pflegt. Sie ist Fotografin und hat gemeinsam mit einer ihrer Freundinnen ein Unternehmen für Artikel mit Motivationssprüchen gegründet. Es ist nicht alles so, wie sie es sich in ihrem Leben erträumt hat, aber sie kommt gut zurecht.

Als sie an einem Morgen feststellt, dass ihr rechter kleiner Finger verschwunden ist, beginnt sie nach den Ursachen zu suchen. Nach und nach werden weitere Körperteile unsichtbar und zunehmend wird es schwierig, das vor anderen zu verbergen. Ein Arztbesuch liefert ihr eine Diagnose, aber keine Hoffnung. Doch Tilda weigert sich, ihr Schicksal einfach hinzunehmen.

Ich finde es eine gelungene Idee, wie die Autorin das Thema der Wahrnehmung von Frauen in der Öffentlichkeit umsetzt. Sie schildert nicht nur das Schicksal einer Einzelperson, sondern zeigt zunächst, dass weit mehr Personen betroffen sind, als anzunehmen war. Tilda schließt sich einer Selbsthilfegruppe an, in der sie sich jedoch unwohl fühlt, weil sie dort keinen Lichtblick in Bezug auf ihre Krankheit erhält.

Die Begegnung mit einem Mann in einem Café, zu dem sich bald eine Nähe entwickelt, sowie ihre Töchter, ihre Freundinnen und ihr Beruf geben ihr den Rückhalt nach Möglichkeiten zu suchen, ob sich die Unsichtbarkeit überwinden lässt. Dazu muss sie aber auch die Ursachen für ihre Erkrankung erkennen. Eine Therapeutin begleitet sie auf einem gefühlsmäßig schmerzhaften Weg in die Vergangenheit: In welchen Situationen ist sie gerne unauffällig geblieben? Welche Wünsche hat sie zum vermeintlichen Wohl anderer zurückgestellt? Und welche Erwartungen hat sie eigentlich noch an ihre Zukunft? Ein Langzeit-Automatismus der Gedanken begleitet Tilda dabei, wie jeden von uns, auf ihrer Suche nach Selbsterkenntnis.

Jedes Kapitel ist mit einem motivierenden Spruch, meist von einer bekannten Persönlichkeit, überschrieben. Obwohl Jane Tara dem Thema auch eine amüsante Seite abgewinnt und sie vor allem in Dialogen ausspielt, verliert sie nie die Ernsthaftigkeit. Auf dem Weg der Selbstfindung kommt der Meditation eine besondere Rolle zu, aber auch gegenseitige Unterstützung im weiteren eigenen Umfeld.

Ein Hauch magischer Realismus fließt in Jane Taras Roman „Mit anderen Augen“ ein, um das Problem vieler Frauen hervorzuheben, mit zunehmendem Alter gesellschaftlich immer weniger wahrgenommen zu werden. Die Entwicklung der Protagonistin Tilda kann anderen dabei helfen, ähnliche Probleme zu reflektieren und über ein zufriedenes Selbstbild zu mehr Präsenz zu finden. Sehr gerne empfehle ich dieses bewegende und nachhallende Buch weiter.

Dienstag, 5. Mai 2026

Rezension: Heimatsommer von Petra Durst-Benning

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Heimatsommer
Autorin: Petra Durst-Benning
Erscheinungsdatum: 29.04.2026
Verlag: Blanvalet (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Softcover mit Klappen
ISBN: 9783764508920
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Acht Jahre nach dem letzten Band der Maierhofen-Reihe hat Petra Durst-Benning mit „Heimatliebe“ erneut einen Roman geschrieben, der in der Gegenwart spielt. Die Handlung ist in der etwa dreizehnhundert Einwohner umfassenden, fiktiven Kleinstadt Goldberg angesiedelt. Der Ort liegt im Baden-Württembergischen Remstal und ist von Weinbergen umgeben, die oft innerhalb der Familie über Generationen hinweg bewirtschaftet werden.

Die im Elsass geborene Agnes ist inzwischen 67 Jahre alt. Als junge Frau kam sie als Beiköchin ins Schwabenland, verliebte sich dort in einen angehenden Arzt und gründete mit ihm eine Familie. Noch immer kümmert sie sich um den Weinberg, den ihr Schwiegervater sehr geliebt hat. Ihr Sohn Jean-Claude lernte zunächst Winzer, entschied sich dann jedoch für den Beruf des Kochs. Er liebt seine Freiheit und zieht seitdem von einem Job zum nächsten um die Welt.

Bei einem seiner seltenen Heimatbesuche erfährt Jean-Claude, dass viele Winzer im Ort wegen der zunehmend schwierigen wirtschaftlichen Lage aufgeben. Als die Stelle des Kellermeisters frei wird, setzen die Goldberger ihre Hoffnung darauf, dass Jean-Claude diese Aufgabe übernimmt. Aber ist er bereit, seine Ungebundenheit für den wenig lukrativ erscheinenden Job aufzugeben?

Petra Durst-Benning versteht es, die gut recherchierten Sorgen der Weinbranche glaubwürdig in die Handlung einzuflechten. Dabei erfährt man nicht nur von steigenden Kosten und Personalmangel, sondern erhält auch Kenntnisse über Weinanbau und -erzeugung. Besonders gelungen ist die Darstellung des Gemeinschaftsgefühls in Goldberg. Die Autorin bringt die Gefühle der handelnden Personen zum Ausdruck, die zwar zusammen nach Lösungen suchen, sich aber auch bewusst sind, dass ihr Anliegen scheitern kann. Einige erfolgversprechende, zeitgemäße Ideen werden in Goldberg umgesetzt, die sich durchaus auch auf andere Regionen übertragen lassen, um den heimischen Tourismus zu stärken. Es sind eine Vielzahl von Personen an den Events und Aktionen beteiligt, die jedoch aufgrund der guten Struktur der Handlung übersichtlich bleiben.

Die Geschichte spielt überwiegend in der Gegenwart, führt aber gelegentlich auch zu den Erinnerungen von Agnes in die 1980er Jahre zurück. Zu dieser Zeit lernt sie nicht nur ihren späteren Ehemann kennen, sondern auch ihre beste Freundin Helene. Deren Tochter Fleur ist bereits vor drei Jahren wieder nach Goldberg gezogen und versucht, vor den Einheimischen ein Geheimnis zu verbergen. Die Tochter von Agnes wiederum ist seit Kindertagen ihre Freundin und inzwischen Landrätin, wodurch man ebenfalls einiges von den Anforderungen dieses Berufs erfährt. Natürlich kommt auch die Liebe nicht zu kurz und das nicht nur bei den jüngeren Figuren.

Mit „Heimatsommer“ ist Petra Durst-Benning ein warmherziger Roman gelungen, der trotz aller Sorgen und Herausforderungen ein Gefühl von Zuversicht vermittelt. Der respektvolle Umgang der Figuren miteinander und ihr gemeinsames Engagement für neue Ideen sorgen für eine angenehme Atmosphäre. Gleichzeitig regt die Geschichte zum Nachdenken über die Probleme touristisch geprägter Regionen an. Ich fühlte mich bestens unterhalten und vergebe sehr gerne eine Leseempfehlung.

Dienstag, 28. April 2026

Rezension: Solange ein Streichholz brennt von Christian Huber

 

Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Solange ein Streichholz brennt
Autor: Christian Huber
Erscheinungsdatum: 26.03.2026
Verlag: dtv (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Leseband
ISBN: 9783423285407

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In seinem Roman „Solange ein Streichholz brennt“ führt Christian Huber zwei sehr unterschiedliche Figuren behutsam aufeinander zu: Zum einen Alina Alev, die als Fernsehjournalistin für einen großen Sender in Köln arbeitet, und andererseits den 36-jährigen Daniel Bohm, der seit fünf Jahren auf der Straße lebt. Der Titel bezieht sich auf ein Spiel zwischen der beiden Hauptfiguren und verweist zugleich auf die Kürze eines Moments, der lebensverändernd sein kann.

Alinas Eltern haben hart dafür gearbeitet, damit ihrer Tochter einmal den Beruf ergreifen kann, den sie sich wünscht. Bisher hat Alina als Reporterin nur überschaubare Erfolge verzeichnet. Im Augenblick sieht es sogar so aus, als ob sie ihr die Entlassung droht. Als der Sender ihr stattdessen aber anbietet, sich an einem Projekt über das Sozialgefüge der Republik zu beteiligen, sieht sie darin eine Chance, sich nicht nur zu beweisen, sondern auch Anerkennung zu gewinnen und damit auch ihre Eltern stolz zu machen.

Im Umgang mit Bohm zeigt sich bald, dass Alina nicht die taffe Journalistin ist, die für Ruhm und Erfolg alles zu tun bereit ist. Sie Eine Mitarbeiter der Bahnhofsmission gibt ihr den Hinweis, wo sie Bohm finden kann, der ihr als geeignet für das angefragte Fernsehprojekt scheint. Alina lernt den Obdachlosen kennen, kurz nachdem ihm ein Hund zugelaufen ist, der schnell dessen Herz erobert hat. Letztlich wird er der Grund dafür sein, dass Bohm sich für die Teilnahme am Projekt entscheidet. Der Autor gewährt einen Blick hinter die Kulissen der Fernsehberichterstattung und zeigt auf mit welchen fragwürdigen Mitteln manche Beiträge aufsehenerregend dramatisiert werden können.  

Gleich von Beginn an schildert Christian Huber das Leben von Bohm auf der Straße mit all seiner Härte, so dass sich ein berührendes und glaubhaftes Bild entsteht. Bohm trägt einen geheimnisvollen Brief bei sich, der durch das Nichtwissen über den Inhalt für subtile Spannung sorgt. Der Grund, warum der Obdachlose ihn nicht öffnet, bleibt lange im Verborgenen. Erst sein Inhalt zeigt die Persönlichkeit Bohms in all seinen Facetten, zu denen auch sein zynischer Wortwitz gehört, der der bewegenden Geschichte immer wieder eine aufheiternde Seite verleiht.

Der Roman ist mehr als eine Liebesgeschichte zwischen zwei Personen aus verschiedenen Gesellschaftsschichten. Er ist auch eine einfühlsame Auseinandersetzung mit der Würde jedes Menschen und den Vorurteilen, die unser Verhalten beeinflussen.

Der Roman „Solange ein Streichholz brennt“ überzeugt mit vielschichtigen Figuren und einem denkbaren Szenario in einem herausfordernden sozialen Umfeld, das Christian Huber feinfühlig beschreibt. Die Geschichte fasziniert mit einer gelungenen Handlung, die bewegt und in Erinnerung bleibt. Sehr gerne empfehle ich das Buch weiter.

Samstag, 25. April 2026

Rezension: Hilf den Tierkindern von Nico Sterbaum


Hilf den Tierkindern
Autor & Illustrator: Nico Sternberg
Pappbilderbuch: 22 Seiten
Erschienen am 18. Februar 2026
Verlag: Pengion Junior
Link zur Buchseite des Verlags

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 Das Mini-Mitmachbuch „Hilf den Tierkindern“ von Nico Sternbaum hat ein handliches 15x15 cm Format und lädt die Kleinsten zum Helfen ein. Fünf verschiedene Situationen laden dazu ein, einem oder mehreren Tierkindern zu helfen. Eine Doppelseite zeigt jeweils eine Problemsituation und es wird beschrieben, was zu tun ist. Auf der Folgeseite sind dann die glücklichen Tiere zu sehen, nachdem ihnen geholfen wurde. Man muss rufen, tippen und streicheln. Am Besten gefällt meinem 15 Monate alten Sohn das kleine Schaf, das Stroh am Kopf hat. Hier soll er mit dem eigenen Kopf wackeln, um dem Tierkind zu zeigen, wie es das Stroh wieder los wird. Ein großer Spaß!

Die Mimik der kleinen Tiere finde ich gelungen. Sie blicken zunächst traurig drein und freuen sich dann riesig, wenn das Problem gelöst wurde. Die Illustrationen enthalten wenige Details, sodass der Fokus ganz auf den Tieren liegt. Zu diesen hat mein Sohn gleich eine Verbindung aufgebaut, er freut sich immer wieder darauf, durch das Buch zu blättern und ihnen zu helfen. Sehr gerne empfehle ich das Buch an andere kleine Helfer weiter!


Donnerstag, 23. April 2026

Rezension: Japan - Kultur, Landschaft, Menschen und ein Leben mit Ikigai

 

Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Japan - Kultur, Landschaft, Menschen und ein Leben mit Ikigai
Autor*in: Edition Michael Fischer
Erscheinungsdatum: 25.02.2026
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Farbschnitt und Leseband
ISBN: 9783745932621

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Das bei der Edition Michael Fischer erschienene Buch „Japan – Kultur, Landschaft, Menschen und ein Leben mit Ikigai“ verfügt über ein ansprechendes, von Silvia Keller gestaltetes Cover. Die haptischen Elemente auf dem vorderen Einband, das Leseband sowie der sehenswerte Farbschnitt machen es zu einem besonderen Erleben. Beim Aufschlagen leuchtet dem Lesenden auf dem vorderen Vorsatz ein Schwarm Kois entgegen, während auf dem hinteren Vorsatz ein üppig blühender Zweig eines Kirschbaums zu sehen ist.

Das Buch ist reichhaltig ausgestattet mit großartigen Fotografien sehr unterschiedlicher Art, die manchmal über zwei Doppelseiten hinweg ihre Wirkung entfalten. Der Inhalt ist aufgegliedert in die vier Jahreszeiten. Zu jeder werden typische Feste und Bräuche vorgestellt sowie Hinweise darauf gegeben, wann und wo die Natur besonders eindrucksvoll ist. Man erhält Informationen über die interessantesten Sehenswürdigkeiten und erfährt einiges über Ess- und Trinkgewohnheiten.

Ergänzt wird jeder Zeitabschnitt durch zwei Rezepte der japanischen Küche, die Tanja Dusy zusammengetragen hat. Zusätzlich finden sich einige Hinweise, welches Verhalten in Japan gerne gesehen wird und was als unhöflich gilt. Am Ende jeden Kapitels gibt Kristin Funk, die Redakteurin des Buchs, Anregungen dazu, ein Stück japanischer Lebensart auch zu Hause zu genießen.

„Japan – Kultur, Landschaft, Menschen und ein Leben mit Ikigai“ überzeugt nicht nur durch eine opulente Gestaltung, sondern auch durch die thematische Vielfalt. Es eignet sich sowohl als mentale Einstimmung als auch als praktische Vorbereitung auf eine Reise ins Land der aufgehenden Sonne. Nicht zuletzt ist es ebenfalls ein geschmackvolles Geschenk. Gerne empfehle ich es weiter.

Dienstag, 21. April 2026

Rezension: Stunden wie Tage von Shelly Kupferberg

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Stunden wie Tage
Autorin: Shelly Kupferberg
Erscheinungsdatum: 25.03.2026
Verlag: Diogenes (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN: 9783257073485
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Shelly Kupferberg verbindet in ihrem Roman „Stunden wie Tage“ historische Fakten mit Fiktion. Auf die Protagonistin Martha in deren späteren Lebensjahren wurde die Autorin in ihrem persönlichen Umfeld aufmerksam. Recherchen zu ihrer Biografie führten sie zurück in die Mitte der 1920er Jahre und zu einem Wohnhaus im Berliner Stadtteil Schöneberg.

Martha ist als einzige Tochter eines Schneiders aufgewachsen. Ihre Eltern ermöglichten ihr eine Ausbildung zur Kontoristin. Als diese zunehmend gebrechlich werden, sucht sie nach einer Anstellung, um den Lebensunterhalt abzusichern. Sie überzeugt die beiden Brüder Harry und Ber Berkowitz davon, sie trotz ihres jungen Alters als Hausbesorgerin in deren Mietshaus in der Tauentziehstraße einzusetzen.

Die Handlung verläuft überwiegend chronologisch, wird jedoch immer wieder durch Rückblenden ergänzt, die den Leser tiefer in die Vergangenheit der Figuren führen. So erfährt man beispielsweise mehr über das Ehepaar Harry und Katharina Berkowitz, das Anfang der 1920er Jahre aus politischen Gründen nach Berlin zieht. Harry adoptiert Katharinas Tochter Liane, die in der Hauptstadt geboren wird. In späteren Jahren wird sie häufig bei Martha zu Gast sein, die sich ihr mit großer Zuneigung annimmt.

Bald bewährt sich Martha in ihrer Rolle als Hausbesorgerin. In den nächsten Jahren erlebt man, welche alltäglichen Freuden und Leiden sie in ihrem Beruf erfährt, aber auch, wie sie den Mann fürs Leben kennenlernt. Mit Harry Berkowitz bespricht sie alles rund ums Haus, kassiert die Mieten und leitet sie an ihn weiter. Zunehmend nimmt sie die wachsenden Repressionen gegenüber der jüdischen Bevölkerung wahr. Auch die Brüder Berkowitz sind Juden, doch während Ber sich rechtzeitig nach England absetzt, verweilt Harry zunächst bei seiner Familie. Liane findet Kontakt zu einer Widerstandgruppe, die vom NS-Regime verfolgt wird. Dadurch nimmt ihr Leben eine Wendung, die niemand je erwartet hätte.

Als Persönlichkeit ist Martha zielstrebig und dabei konsequent, fleißig, mit dem Herz auf der Zunge, sparsam und um Gerechtigkeit bemüht. Dank sehr guter Recherche entsteht ein umfassendes authentisches Bild ihres Lebens. Immer wieder lässt Shelly Kupferberg Historie und Histörchen einfließen. Es sind nicht immer die großen Ereignisse die dabei berühren, vielmehr sind es die kleinen Begebenheiten, die das Unbegreifliche greifbar machen. Gekonnt lässt die Autorin jedoch auch immer wieder vergnügliche Szenen einfließen und setzt so der der Schwere der Zeit einige entspannende Momente entgegen.   

Der auf wahren Geschehnissen beruhende Roman „Stunden wie Tage“ von Shelly Kupferberg erzählt das Leben der Hausbesorgerin Martha, die im letzten Jahrhundert in Schöneberg wohnte. Besonders eindringlich und verstörend wirkt die Darstellung der Zeit des Nationalsozialismus, deren beklemmende und unmenschliche Ereignisse lange nachhallen. Sehr gerne vergebe ich eine Leseempfehlung.

Sonntag, 19. April 2026

Rezension: Mirabellentage von Martina Bogdahn


Mirabellentage
Autorin: Martina Bogdahn
Hardcover: 352 Seiten
Erschienen am 16. April 2026
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Link zur Buchseite des Verlags

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Anna ist Anfang 50 und hat die letzten Jahrzehnte als Haushaltshilfe des Dorfpfarrers Josef gearbeitet, mit dem sie seit ihrer gemeinsamen Kindheit befreundet ist. Als dieser unerwartet stirbt, gerät Annas bisher klar strukturierter Alltag ins Wanken. Sie muss die Beerdigung organisieren und den unerwartet schnell angetretenen neuen Pfarrer Willkommen heißen. Vor allem aber lässt ihr Josefs letzter Wunsch keine Ruhe: Er möchte, dass sie seine Asche ans Meer bringt. Doch wie soll das gehen? Seit ihrer Führerscheinprüfung ist sie nicht mehr Auto gefahren, sie war noch nie am Meer und die Mirabellen sind reif und warten darauf, zu Marmelade verarbeitet zu werden.

Als Leserin lernte ich Anna kurz nach dem Tod von Josef kennen. Sie ist damit beschäftigt, zu funktionieren und alle notwendigen Aufgaben abzuarbeiten. Auf diese Weise geht sie mit ihrer Trauer um. Dass schon vor der Beerdigung der neue Pfarrer anreist, den sie mit seinem norddeutschen Akzent als Bayerin kaum versteht, sorgt für zusätzlichen Wirbel. Und als sie ihren alten Fahrlehrer um eine Auffrischung ihrer Fahrpraxis bittet, muss sie feststellen, dass ihr Schwarm von damals immer noch ihr Interesse wecken kann.

Es gibt viele Rückblenden, denn zum einen erinnert sich Anna an ihre Erlebnisse mit Josef zurück und zum anderen erzählt sie dem neuen Pfarrer so manche Anekdote über das Leben im Dorf und in der Pfarrgemeinde. Martina Bogdahn erzählt liebevoll von dem Dorfleben mit all seinen Eigenheiten und skurrilen Begebenheiten und konnte mich damit sehr gut unterhalten. In der Gegenwartsebene trifft Anna Vorbereitungen für die Reise ans Meer, von der sie gar nicht weiß, ob sie diese wirklich antreten will. Ich fand es schön, sie dabei zu begleiten, das Geschehene zu verarbeiten und zu akzeptieren und sich dem zu stellen, was vor ihr liegt. Allerdings hätte ich mir auf dieser Zeitebene stellenweise noch mehr erzählerische Entwicklung gewünscht. 

Insgesamt hat mir „Mirabellentage“ sehr gut gefallen. Es ist ein ruhiger Roman vom Erinnern, Loslassen und Nachvornblicken, der von Atmosphäre, Figurenzeichnung und einem augenzwinkernden Blick auf den Dorfalltag lebt. Wer solche Geschichten mag, der wird sich hier gut aufgehoben fühlen!

Samstag, 18. April 2026

Rezension: Möwe Emma im Gewimmel: Am Meer von Florian und Lena Mühlemann

 


Möwe Emma im Gewimmel: Am Meer
Autor: Florian Mühlemann
Illustratorin: Lena Mühlemann
Pappbilderbuch: 22 Seiten
Erschienen am 25. März 2026
Verlag: FISCHER Sauerländer
Link zur Buchseite des Verlags

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Heute sind 28 Grad! Möwe Emma ist zur Küste geflogen, um sich dort das Treiben anzusehen. Am Strand ist schon viel los, und wer lieber seine Ruhe haben will, der taucht unter Wasser ab. Im Schatten ist man vor der Hitze gut geschützt und wer eine Erfrischung braucht, der kauft am Büdchen ein Eis. An der Küste kann es aber auch ganz schön windig werden, und nach einem Sturm spülen die Wellen spannende Dinge an den Strand.

„Möwe Emma im Gewimmel“ ist eine neue Reihe von Florian und Lena Mühlemann, in der es für die Kleinsten viel zu Entdecken gibt. Der Band „Auf dem Markt“ hat uns so gut gefallen, dass auch „Am Meer“ bei uns einziehen durfte. Die Strand- und Meerszenen strahlen in kräftigen Gelb- und Blautönen. Auf den ersten Seiten gibt es wimmelige Sommerszenen, auf denen viel zu entdecken ist. In der zweiten Buchhälfte wird es windig und ein Sturm spült Schätze an Land. Hier sind weniger Menschen zu sehen, dafür gibt es Muscheln, Steine und Seetang zu entdecken. 

Meinem Sohn gefällt die Doppelseite am Besten, auf der zwei Paar Füße im Sand an der Wasserkante stehen. Hier landen immer seine Füße im Buch, die er dazustellen möchte. Die kurzen Texte sind in Reimform gehalten. Das jeweils letzte Wort fehlt und ist auf der nächsten Seite als großes Bild abgebildet. Mein Sohn blättert immer ganz neugierig um, damit ich schnell weiterlesen kann. Er findet Möwe Emma großartig und wir sind schon gespannt, ob es weitere Abenteuer mit ihr geben wird!


Freitag, 17. April 2026

Rezension: Einatmen. Ausatmen. von Maxim Leo

Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Einatmen. Ausatmen.
Autor: Maxim Leo
Erscheinungsdatum: 12.03.2026
Verlag: KiWi (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Leseband
ISBN: 9783462006513

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In seinem Roman „Einatmen. Ausatmen“ führt der Autor Maxim Leo die Lesenden an der Seite seiner Protagonistin Marlene Buchholz zu einem Achtsamkeitsseminar auf ein Brandenburger Schloss. Die dortige Academy wurde von dem Coach Alex Grow vor einigen Jahren gegründet. Er soll Marlene durch die beiden Kurswochen führen und ist eine weitere Hauptfigur der Geschichte.

Die 39 Jahre alte Marlene ist beziehungsarm, aber fachlich kompetent und immer für das Unternehmen da, in dem sie arbeitet. Ihr Karriereziel hat sie endlich erreicht: sie soll von der Abteilungsleiterin zur Vorstandsvorsitzenden befördert werden. Aber ihre Eignung für die neue Rolle wird von einigen Mitarbeitenden angezweifelt, weswegen ein Coaching sie optimal vorbereiten soll. Marlene hält die Schulung für unnötig und reist mit einer ablehnenden Einstellung an.

Alex Grow, dessen Nachname nur ein Alias ist, aber sinnbildlich für die frühere Entwicklung seiner Academy stehen kann, ist die Leichtigkeit beim Erteilen seiner Kurse abhandengekommen. Wehmütig denkt er an die Anfangszeit als Coach. In den letzten Jahren fiel es ihm immer schwerer, die Maschinerie seines Unternehmens mit etlichen Beschäftigen der unterschiedlichsten Berufe am Laufen zu halten. Wenn er es schafft, Marlene für ihre anstehende Aufgabe rechtzeitig in Form zu bringen, könnten die von ihrem Arbeitgeber in Aussicht gestellten Folgeaufträge seine Academy vor dem drohenden Bankrott bewahren.

Maxim Leo greift mit „Lifecoaching“ in seinem Roman ein aktuelles Thema auf, das inzwischen von vielen Unternehmen für ihre Angestellten in Anspruch genommen wird. Aber auch Personen, die im Beruf gestresst sind, suchen Hilfe und finden sie in Kursen, in denen Entspannungstechniken gelehrt werden. Auf der anderen Seite ist die Konkurrenz der Seminaranbieter steigend und zunehmend unübersichtlich. Die Handlung nimmt zwar Marlene und Alex in den Fokus, besitzt jedoch mit dem Hausmeister des Schlosses und einer 13-jährigen Umweltaktivistin weitere interessant gestaltete Figuren, die für ein abwechslungsreiches Geschehen sorgen.

Der Autor schreibt durchgehend kurzweilig, auch durch manche überzogene Darstellung. Die ungefiltert offene Art von Marlene sorgt ebenfalls für heitere Momente, ohne ihren Charakter abzuwerten. Gleichzeitig rührt er an Wunden im System des Coachings, die zum Nachdenken anregen. Einerseits wirft er die Frage auf, inwieweit jede und jeder sich verändern lassen möchte, um beruflichen Erwartungen gerecht zu werden. Andererseits zeigt die Geschichte auch die persönliche Seite eines Coachs, der selbst dem Druck ausgesetzt ist, Vorbild zu sein. Das ständige Messen an Mitbewerbern erfordert auch von ihm eine permanente Anpassung seiner Kompetenzen, was auf Dauer zunehmend erschöpfend ist.

„Einatmen. Ausatmen“ von Maxim Leo ist ein vergnüglicher Zeitvertreib und dennoch tiefsinnig. Mit den Beschreibungen über Leistungsdruck in Unternehmen, Achtsamkeitskursen und Selbstverwirklichung regt er dazu an, sich damit auseinanderzusetzen, was man selbst für wichtig im Leben erachtet. Sehr gerne vergebe ich eine Leseempfehlung.

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