Sonntag, 11. Oktober 2026

Rezension: Und mittendrin der Birnbaum von Ute Mank

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Und mittendrin der Birnbaum
Autorin: Ute Mank
Erscheinungsdatum: 17.09.2026
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN: 9783423284929
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Dora ist die Protagonistin des Romans „Und mittendrin der Birnbaum“ von Ute Mank. Sie ist Mitte achtzig, seit einiger Zeit verwitwet, nachdem sie sechzig Jahre an der Seite ihres Mannes gelebt hat. Eines Tages beschließt sie, von ihrer jetzigen Heimat Bielefeld nach Hausen, dem Ort ihrer Kindheit und Jugend in Hessen, zu ziehen und dort in einem Seniorenheim zu leben. Ihr Bruder und seine Frau wohnen zeitlebens im Ort.

Dora hat sich stets darangehalten, immer nur nach vorne zu schauen und die Vergangenheit ruhen zu lassen. Doch in Hausen wird sie von ihren Erinnerungen eingeholt, vor allem an das letzte Jahr des Zweiten Weltkriegs. Damals war sie mit Fanny befreundet, einem jüdischen Mädchen. Doras Spaziergänge führen sie zum Haus der Familie von Fanny, vor dem erst vor Kurzem Stolpersteine verlegt wurden, erschrickt sie darüber, dass einer für ihre Freundin fehlt. Die Enkelin früherer Nachbarn zeigt großes Interesse an den Geschichten aus der Vergangenheit. Dora stellt sich der Herausforderung und beginnt mit der Aufarbeitung der vielen Fragen, die in ihrer Freundschaft mit Fanny offen blieben.

Ute Mank erzählt eine realistische Geschichte, die weder etwas beschönigt noch übertrieben dramatisiert. Während die Handlung in der Gegenwart in 2011 spielt, schildert sie durch Doras Erinnerungen und die einiger anderer Dorfbewohner das Leben zur Zeit des Nationalsozialismus und geht der Frage nach, wie es dazu kommen konnte, dass sich so viele Menschen der Ideologie der Partei anschlossen, sie mittrugen oder zumindest stillschweigend hinnahmen. Dora gehörte zu jenen, die von den Veränderungen profitierten, während ihre Freundin zunehmend ausgegrenzt wurde.

Die Autorin lässt Dora sich in ihren Gedanken mit ihrem damaligen Handeln auseinandersetzen. Lange bleibt offen, ob sie sich dafür entscheiden wird, den Verbleib von Fanny aufzuklären oder weiterhin ihren Blick ausschließlich auf die Zukunft richtet. Es ist schön, dass Ute Mank einiges an Lokalkolorit einbindet wie beispielsweise die Namen, die die Dorfbewohner den Häusern nach ihren Erstbesitzern geben.

„Und mittendrin der Birnbaum“ von Ute Mank ist ein ruhig erzählter, berührender Roman über Erinnerung, Schuld und die Verantwortung des Einzelnen. Eine nachdenklich stimmende Geschichte, die dazu anregt, die aktuellen Entwicklungen mit wachem Blick zu betrachten. Gerne empfehle ich das Buch weiter.


Samstag, 10. Oktober 2026

Rezension: Das kleine Monsterchen von Sam Rassy


Das kleine Monsterchen
Autor & Illustrator: Sam Rassy
Pappbilderbuch: 12 Seiten
Erschienen am 7. Oktober 2026
Verlag: FISCHER Sauerländer
Link zur Buchseite des Verlags

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Das kleine Monsterchen Kuschelbert und sein Freund Krabbel leben zusammen auf einem gemütlichen Dachboden. Hier kann man sich verstecken, lustige Kostüme basteln, verrückte Dinge kochen und einfach eine tolle Zeit haben. Auf jeder Doppelseite gibt es ein Schiebeelement, das für zusätzlichen Spaß beim Lesen sorgt.

Am allerbesten am ganzen Buch gefällt meinem Sohn (20 Monate) das Cover, denn dort ist schon der erste Schieber, mit dem man die Augen von Kuschelbert bewegen kann. Wir haben das Buch seit ein paar Tagen und jedes Mal wenn er es sieht ruft er „Wackelaugen! Wackelaugen!“ und schiebt diese begeistert hin und her. Auch die weiteren Schieber mag er gerne. Er kichert, wenn Kuschelbert und Krabbel in Gespenster-Kostümen abwechselnd hinter dem Vorhang hervorschauen und deckt die beiden am Ende der Geschichte mit einem Schnarch-Geräusch zu. 

Die Geschichte selbst gibt nicht allzu viel her, es werden lediglich die Szenen werden in 2-3 Sätzen beschrieben. Der Fokus liegt auf der Interaktion und den großen Illustrationen, in denen passend zum Gruselspaß-Thema die Farben blau, lila und grün dominieren. Mein Sohn hat das knuffige Monsterchen auf jeden Fall ins Herz geschlossen!


Sonntag, 4. Oktober 2026

Rezension: Ein ganz normales Wunder von Woody Brown

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Ein ganz normales Wunder
Autor: Woody Brown
Übersetzer: Stephan Kleiner
Verlag: KiWi (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN: 9783462016482
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Der Roman „Ein ganz normales Wunder“ handelt von den KlientInnen und MitarbeiterInnen der Tagesbetreuungsstätte „Upward Bound“ in Kalifornien, in der Menschen mit Behinderung betreut werden, darunter auch einige Autisten. Einer der Figuren des in elf Episoden geschriebenen Romans ist Walter, ein Alter Ego des Autors Woody Brown, der einen Masterabschluss in Fine Arts der Columbia University in New York City besitzt.

Hierzu beginnt nun leider eine rege Diskussion in den Medien, die die Autorenschaft des jungen Manns in Frage stellt. Seit einem Auftritt im US-amerikanischen Fernsehen, unmittelbar nach Erscheinen der Originalausgabe, wird in Erwägung gezogen, dass seine Mutter Mary, die ein Literaturstudium abgeschlossen hat, seine Äußerungen mittels einer Buchstabentafel frei interpretiert und daher einen wesentlichen Anteil an der Entstehung des Romans habe. Ausgerechnet diese Diskussion berührt jedoch einen zentralen Aspekt des Buches: die Schwierigkeiten eines nicht- (beziehungsweise nicht kontrolliert) sprechenden Autisten, sich seinen Mitmenschen verständlich zu machen.

Für mich ist es letztlich weniger entscheidend, wem die Urheberschaft des Romans zugesprochen werden kann, als die Inhalte, die er vermittelt. Die Episoden, die aus dramaturgischen Gründen nicht immer zeitlich geordnet sind, gewähren Einblicke in den Alltag einer Tagesstätte, die nur jemand erhalten kann, der diesen selbst erlebt hat. Auch ich hatte vor längerer Zeit die Möglichkeit, Einsicht in ein ähnliches Umfeld zu nehmen.

Beim Lesen hat mich bewegt, wie überzeugend Woody Brown die Gefühlswelt der im jeweiligen Kapitel im Fokus stehenden Figur vermittelt. Neben Walter sind dies unter anderem ein weiterer Klient mit Zerebralparese, eine neue Betreuerin, ein langjähriger Mitarbeiter sowie der gestresste Leiter der Betreuungsstätte. Außerdem beschreibt die Angestellte eines Warenhauses stellvertretend für Außenstehende, wie die Gruppe in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird. Der Autor beschreibt detailliert die Schwierigkeiten von Autisten mit anderen zu kommunizieren und vermittelt dadurch ein differenziertes Verständnis der Beeinträchtigung.

Deutlich wird auch, wie wenig ansprechend sich der Tagesablauf bei der Betreuung abspielt. Dabei nimmt Woody Brown, der aus eigener Erfahrung schöpft, nicht nur die Perspektive des Klienten Walter ein, der die wenigen angebotenen Förderangeboten nutzt und dabei, wie der Autor es selbst beschreibt, häufig infantilisiert wird. Ebenso betrachtet er aus Sicht eines Mitarbeitender die herausfordernde Aufgabe, eine Gruppe mit verschiedensten Behinderungen über viele Stunden hinweg zu beschäftigen. Jede Aktivität muss dabei auf ihre Auswirkungen auf den Einzelnen abgestimmt werden, denn was den einen anregt, kann bei einem anderen beispielsweise Überforderung und Frustration auslösen. Auch ein Hinweis auf fehlende finanzielle Mittel für die weitere Ausstattung der Betreuungseinrichtung fehlt nicht. Besonders bewegend ist es, wenn deutlich wird, wie schwierig es aufgrund des fehlenden sprachlichen Austausches sein kann, Liebe und Zuneigung für einen anderen Menschen auszudrücken. Hier und da hätte ich mir noch eine weitere Ausarbeitung eines Charakters gewünscht.

Mit seinem Roman gelingt es Woody Brown auf den Facettenreichtum und die Individualität der Menschen hinzuweisen, Vorurteile gegenüber Behinderten abzubauen und damit eines der Ziele zu erreichen, die er sich mit seinem Buch gesetzt hat. Zum Ende hin gibt es noch eine unerwartete, ergreifende Wendung in Bezug auf einen der Protagonisten. „Ein ganz normales Wunder“ regt dazu an, die eigenen Vorstellungen von Kommunikation, Selbstbestimmung und geistiger Teilhabe zu hinterfragen. Gerne empfehle ich das Buch weiter.

Samstag, 3. Oktober 2026

Rezension: Stolz, Vorurteil und Hexerei von Melinda Taub


Stolz, Vorurteil und Hexerei
Autorin: Melinda Taub
Übersetzerin: Birgit Maria Pfaffinger
Hardcover: 496 Seiten
Erschienen am 12. September 2026
Verlag: Klett-Cotta

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Lydia ist die jüngste der fünf Bennet-Schwestern. Wobei das eigentlich nicht ganz stimmt. Die vierte Schwester, Kitty, ist nämlich gar kein Mädchen, sondern die Hauskatze, welche Lydia in ihrer Sehnsucht nach einer Spielkameradin verzaubert hat. Das war Lydias erster mächtiger Zauber: Sie ist eine Hexe und mit einem überdurchschnittlichen Talent ausgestattet. Unterricht erhält sie von ihrer Tante Philips, die als einzige in der Familie ebenfalls eine Hexe ist. Doch Lydias Macht zieht bald die Aufmerksamkeit des Dämons Wormenheart auf sich. Um Kittys Leben zu retten, muss sie ein mysteriöses Juwel ausfindig machen. Unterstützung erhält sie vom Sohn des Dämons, der Besitz von George Wickhams Körper ergriffen hat. Doch die Dinge laufen anders als geplant, denn alle verfolgen ihre eigenen Ziele.

Mir hat die Idee sehr gut gefallen, eine magische Geschichte im Jane Austen-Kosmos anzusiedeln. Zu Beginn des Buches wurde ich als Leserin von Lydia angesprochen, die in ärmlichen Verhältnissen mit Wickham zusammenlebt und niederschreibt, wie sie in diese Situation gekommen ist. Dazu springt sie einige Jahre zurück und erzählt zunächst, wie sie ihre Kräfte entdeckt hat. Von dort aus wird die Geschichte chronologisch weitererzählt, immer wieder unterbrochen von kurzen Passagen aus der Gegenwart der schreibenden Lydia, die einen Weg aus ihrer elendigen Situation sucht und Bekanntschaft mit Mr. Darcys Schwester Georgiana macht.

Die aus den Romanen von Jane Austen bekannten Ereignisse werden am Rande erwähnt, sind abgesehen von Lydias Heirat mit George Wickham aber nebensächlich. Schon früh wird deutlich gemacht, dass alles etwas anders abgelaufen ist, als der Rest der Familie denkt. Ich war schnell mittendrin in einem unterhaltsamen magischen Abenteuer, in dem so manch einer auf den eigenen Vorteil bedacht ist und Lydia immer wieder in brenzlige Situationen gerät. 

Warum man in den Büchern von Jane Austen nichts von alldem mitbekommt wird hinreichend erklärt. Mein Lieblingscharakter war Wickham, den ich als Scheusal kennenlernte, der im Laufe der Geschichte aber immer wieder für eine Überraschung gut war. Einige Stationen auf Lydias Weg werden sehr ausführlich erzählt, hier verliert die Geschichte deutlich an Schwung. Am Ende ging es mir hingegen zu schnell. Ich hätte mir ein ausgewogeneres Tempo gewünscht. Insgesamt habe ich mit dem Buch unterhaltsame magische Lesestunden verbracht und empfehle es gern an alle Austen-Fans weiter, die Lust auf eine originelle Adaption voller Hexerei haben.

Donnerstag, 1. Oktober 2026

Rezension: Dreimeterdreissig von Jaqueline Scheiber

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Dreimeterdreißig
Autorin: Jaqueline Scheiber
Erscheinungsdatum: 14.08.2026
Verlag: rororo
rezensierte Buchausgabe: Taschenbuch
ISBN: 9783499018794

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Der Roman „Dreimeterdreissig“ von Jaqueline Scheiber ist das erste Buch, das ich im Rahmen einer Buchclublektüre gelesen habe. Er bietet ausreichend Spielraum für Interpretationen und damit eine gute Grundlage für einen bereichernden Austausch. Die Geschichte wirft den Lesenden unmittelbar in eine Realität, die die Protagonistin Klara zunächst auf ihre eigene Weise auszublenden versucht: Balázs, ihr Freund, lehnt am Kopfende des gemeinsam Betts und regt sich nicht mehr. Der Autorin gelingt es mit wohl formulierten Sätzen, diese unbegreifliche Situation denkbar zu machen.

Spürbar liegt etwas in der Luft, das niemand erwartet hat, dessen Tragweite Klaras Verstand bereits erfasst, während ihr Herz noch nicht in der Lage ist, das Geschehene zu zuzulassen. Nicht nur die Sanduhr auf dem Cover, sondern auch die in unterschiedlichen Kombinationen von „Tick“ und „Tack“ überschriebenen Kapitel greifen das Motiv der Zeit auf, die nur langsam zu verrinnen scheint. In dieser Zwischenzeit aus Verdrängung und Fassungslosigkeit wirkt es so, als suche sie nach einem Weg, das Vorgefallene ungeschehen zu machen. Sie stellt fest, dass sie selbst körperlich unversehrt ist, aber psychisch tief getroffen wurde. Das Bizarre der Situation lässt sie verharren. Gerne würde sie die Zeit anhalten oder zurückdrehen. Ihre Gedanken eilen zurück zu ihrer Kindheit und transportieren Szenen, die für den Moment nur wenig zur Bewältigung des Unfassbaren beitragen.

Immer wieder wird das Geschehen in der Wohnung, deren Wände 3,30 m hoch sind, durch Kapitel unterbrochen, in denen neben Klara auch Balàzs im Mittelpunkt steht. Die Überschriften dieser Abschnitte ergeben ein Gedicht von Lydia Daher, das am Ende des Buchs vollständig zu lesen ist. Balázs ist Mitte Dreißig und in Ungarn aufgewachsen. Seit etwa zehn Jahren lebt er in Deutschland und arbeitet als Bühnentechniker eines Stadtteiltheaters in Wien. Die Autorin schildert den Beginn seiner Beziehung zu Klara, wobei zunächst vor allem der Hintergrund von Balázs beleuchtet wird. Mit der Zeit wird jedoch deutlich, dass Klara in einem Umfeld in Wien aufgewachsen ist, das sich sehr grundlegend von seinem unterscheidet.

Neben Balàzs spielt auch Klaras Freundin Jasmin eine wichtige Rolle im Leben der Protagonistin. In den Schilderungen ihrer gemeinsamen Erlebnisse wird eine gewisse Härte von Klaras Wesen sichtbar. Sie ist sich diese bewusst, aber es gestaltet sich schwierig für sie, diese zu überwinden. Aufgrund dessen fiel es mir als Leserin nicht leicht, Sympathien für Klara zu entwickeln. Während sie versucht, das Unbegreifbare zu fassen, flüchtet sich ihr Denken in den magischen Realismus. Es war für mich irritierend, dass Klara lange untätig bleibt, fremde Hilfe herbeizuholen und sei es auch nur für sich selbst.

Jaqueline Scheiber findet in ihrem Roman „Dreimeterdreißig“ eine ruhige, einfühlsame Sprache, die sich auf poetisch schöne Weise mit dem berührenden Thema des Verlusts einer nahestehenden Menschen beschäftigt, vor allem mit der Zeit zwischen dem Unfassbaren und der Akzeptanz der Realität. Gerne empfehle ich den Roman weiter.

Sonntag, 27. September 2026

Rezension: Weihnachten im Winterwimmelwald von Anna & Anabel Galitskaya

Weihnachten im Winterwimmelwald
Autorin: Anabel Galitskaya
Illustratorin: Anna Galitskaya
Pappbilderbuch: 16 Seiten
Erschienen am 23. September 2026
Verlag: FISCHER Sauerländer
Link zur Buchseite des Verlags

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In Wichtelhausen ist der erste Schnee gefallen. Jetzt kann die Einstimmung auf Weihnachten so richtig losgehen. Die Häuser werden geschmückt, die Tiere spielen auf dem zugefrorenen See, basteln, backen und besuchen den Weihnachtsmarkt. Endlich ist Nikolaus und schließlich auch Weihnachten. Auch das kleine rote Geschenk, das der Wichtel auf der ersten Seite verloren hat, hat über viele Umwege noch seine neue Besitzerin gefunden.

Schon das Cover zeigt eine wimmlige Weihnachtsszene und gibt einen guten Vorgeschmack auf den Stil des Buches. Jede Doppelseite hat ein weihnachtliches Thema und zeigt, wie die Tiere im Wald sich auf Weihnachten vorbereiten. Kurze Texte auf jeder Doppelseite beschreiben einige Szenen, die ich dann gemeinsam mit meinem Sohn suche. Besonders knifflig ist das rote Geschenk, das der Wichtel gleich zu Beginn verliert und das auf jeder Seite gesucht werden soll. Auch darüber hinaus gibt es auf den liebevoll illustrierten Seiten viel zu entdecken.

Etwas unpraktisch finde ich es, dass die dritte Doppelseite (Weihnachtwerkstatt) gedreht werden muss. Die Szene hätte man auch im Querformat abbilden können. Außerdem könnte das Thema Geschenke zu Fragen führen: Auf der ersten Seite ist ein Wichtel mit Geschenken unterwegs, in der Werkstatt basteln dann aber alle Tiere gemeinsam die Geschenke. Auf der Nikolaus-Seite sammeln die Wichtel die Wunschzettel ein und auf der letzten Seite heißt es, dass sich alle Tiere gegenseitig beschenken. Ich ändere den Text beim Vorlesen lieber etwas um. Trotz dieser Kritikpunkte freuen wir uns, das Buch bis Weihnachten noch viele Male zu lesen und immer Neues zu entdecken.

Samstag, 26. September 2026

Rezension: Weck den Weihnachtswichtel von Nico Sternbaum


Weck den Weihnachtswichtel
Autor & Illustrator: Nico Sternbaum
Hardcover: 48 Seiten
Erschienen am 23. September 2026
Verlag: Bassermann
Link zur Buchseite des Verlags

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Die Bücher von Nico Sternbaum kommen bei meinem Sohn zuverlässig gut an, weshalb „Weck den Weihnachtswichtel“ bei uns sofort einziehen musste. Zu Beginn des Buches lernen wir Nils, den kleinen Wichtel, kennen. Leider hat er verschlafen, weshalb er erst einmal geweckt werden muss. Anschließend können die kleinen Helfer pusten, schütteln, klatschen, tippen und viele weitere Aufgaben erfüllen, um Nils zu unterstützen.

In bekannter Manier sind die 48 Seiten so gestaltet, dass es auf einer Doppelseite eine Situation mit einer Aufgabe gibt und auf der nächsten Doppelseite sieht man das Ergebnis. Die Illustrationen sind farbenfroh und passend zum Cover und zum Thema überwiegen die Farben grün und rot. Die Vorher-Nachher Gesichtsausdrücke von Nils sind wirklich süß und die Szenen stimmen gelungen auf Weihnachten ein. Bei uns wurde das Buch genauso begeistert aufgenommen wie die vorherigen Bände. Ich empfehle es gerne weiter!

Rezension: Geteiltes Haus von Alice Horáčková

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Geteiltes Haus
Autorin: Alice Horáčková 
Übersetzerin: Sophia Marzolff
Erscheinungsdatum: 19.08.2026
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Leseband
ISBN: 9783257074000
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In ihrem Roman „Geteiltes Haus“ erzählt Alice Horáčková ein Stück Geschichte des Sudetenlandes, mit dem ihre eigene Familie eng verbunden ist. Die Handlung erstreckt sich vom Beginn des vorigen Jahrhundert an bis 1948 und spielt hauptsächlich in der kleinen Gemeinde Benetzko im westlichen Riesengebirge, am Westabhang des Heidelbergs. Während die politischen Zugehörigkeiten wechselten, lebten Tschechen und Deutsche Seite an Seite, lachten und weinten miteinander, heirateten untereinander und und gerieten ebenso häufig über vermeintliche oder tatsächliche Vorrechte aneinander.

Benetzko ist die Heimat des Vaters der in Prag geborenen Autorin. Da er nur wenig über seine Kindheit und Jugend erzählte, machte Alice Horáčková auf die Suche nach weiteren lebenden Verwandten, um mehr über ihre familiären Wurzeln zu erfahren. Im Rahmen einer umfangreichen Recherche sichtete sie Dokumente in Archive, bereiste die Gegend und sprach mit den Menschen vor Ort. Die Figuren ihres Romans sind fiktiv, tragen jedoch Eigenschaften und Wesenszüge, die von denen ihrer Familienmitglieder inspiriert sind.

Als die Tschechin Zdenka Honců und die Deutsche Anežka Braun sich als Kinder anfreunden, ahnen sie noch nicht, dass sie später beide in die Familie Hollmann aus Benetzko einheiraten werden. Obwohl ihre Ehemänner Brüder sind, unterscheiden sie sich in ihren Lebenszielen und ihrer Weltanschauung. Gemeinsam ist ihnen jedoch, dass sie ihre Haltung gegenüber gesellschaftlichen Veränderungen im Rahmen ihrer Möglichkeiten immer wieder daran ausrichten, welchen persönlichen Vorteil sie daraus ziehen können. Allerdings trägt auch ein Portion Glück zum Gelingen ihrer Anliegen bei.

Eine wichtige Rolle im Roman nimmt auch der Lehrer der tschechischen Schule im Ort ein. An seiner Anstellung und seines Ansehens lassen sich die Veränderungen im politischen Geschehen nachvollziehen. Zu ersten größeren Spannungen zwischen den Bevölkerungsgruppen Nordböhmens kommt es zu Beginn der ersten Tschechoslowakischen Republik im Herbst 1918. Das Münchner Abkommen, das eine Angliederung an das Deutsche Reich vorsah, führte zu Ressentiments gegenüber den Tschechen. Am Ende des Zweiten Weltkriegs wurde hingegen die vorige Ordnung wieder hergestellt und die deutschsprachigen Bewohner vertrieben.

Alice Horáčková gestaltet ein lebendiges Miteinander der Einwohner im Randgebiet Böhmens, statt auf historische Daten zu schauen. Es finden sich wenige Geschichtszahlen im Text, die Handlung spricht für sich. Der Erzählstil der Autorin umfasst üppig ausgestaltete Szenen im Wandel der Zeiten, die Bilder im Kopf entstehen lassen, sodass man sich beinahe mitten im Geschehen wähnt. Sie schildert den Alltag, die beruflichen Verrichtungen, gleichwohl auch Gedanken der Hauptfiguren über ihre Mitmenschen und aktuellen Entwicklungen. Dabei eröffnet sie immer wieder neue Perspektiven auf die Personen und ihre Lebensumstände, sodass die Geschichte facettenreich und abwechslungsreich bleibt.  Eine Vielzahl der auftretenden Personen ist unumgänglich, wobei die wichtigsten Figuren am Ende des Buches in einem Überblick zusammengestellt sind. Es hat mir gefallen, dass manches Kapitel mit einer kleinen Ausblick auf die Zukunft einer Person endet, von der diese noch nichts ahnt.

„Geteiltes Haus“ von Alice Horáčková ist nicht nur ein Roman, der auf wahren Familienereignissen der Autorin beruht, sondern zugleich auch eine Dokumentation des Geschehens im Sudetenland in der ersten Hälfe des 20. Jahrhunderts. Die Autorin zeigt, wie eng persönliche Lebenswege mit den politischen Umbrüchen ihrer Zeit verbunden sind und wie schwierig es für die Menschen sein konnte, zwischen nationaler Zugehörigkeit, persönlichen Überzeugungen und eigenen Interessen ihren Weg zu finden Sehr gerne empfehle ich das Buch weiter.


Samstag, 19. September 2026

Rezension: Ella, die schlaue Kuh von Marc-Uwe Kling und Astrid Henn


Ella, die schlaue Kuh
Autor: Marc-Uwe Kling
Illustratorin: Astrid Henn
Hardcover: 32 Seiten
Erschienen am 25. September 2026
Verlag: Carlsen
Link zur Buchseite des Verlags

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Ella ist eine Kuh, die wie alle anderen Tiere zur Schule geht und dort von einem Erklärbar unterrichtet wird. Sie ist sehr schlau, auch wenn sie nicht sonderlich auffällt, da immer jemand anderes noch besser ist. Doch sie hat einen Traum: Eines Tages will sie selbst unterrichten! Die Tatsache, dass nur Bären Lehrer werden, schreckt sie nicht ab. Und so steht sie eines Tages vor der Tür der Fachhochschule für schlaue Bären und bittet um Einlass.

„Ella, die schlaue Kuh“ ist unser erstes Buch von Marc-Uwe Kling und Astrid Henn, da mein Sohn allmählich ins passende Alter kommt. Die unterhaltsamen Reime und die ansprechenden Illustrationen haben uns gleich abgeholt. Insbesondere die Gesichtsausdrücke der verschiedenen Tiere haben großen Unterhaltungswert. Ella mit ihren wachen Augen sticht klar hervor. Man fiebert gleich mit, ob sie ihren Traum verwirklichen kann. 

Für die Auflösung dieser Frage macht das Buch zwei große Zeitsprünge und gibt eine ermutigende Botschaft mit: Wer fest an seinen Traum glaubt und beharrlich bleibt, der kann ihn auch erreichen. Die Art und Weise, wie Ella ihr Ziel erreicht, hat mir gut gefallen. Es wird ihr nicht leicht gemacht, aber sie argumentiert so überzeugend, dass ihr die Erklärbären am Ende nichts mehr entgegensetzen können. Eine tolle Geschichte mit einer starken Botschaft, die bei uns sicherlich noch viele Male vorgelesen wird.


Rezension: Territorium von Sabrina Janesch

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Territorium
Autorin: Sabrina Janesch
Erscheinungsdatum: 04.09.2026
Verlag: Rowohlt Berlin (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Leseband
ISBN: 9783737102544
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In ihrem Roman „Territorium“ widmet sich Sabrina Janes dem kaum dargestellten Thema des Staatsstreichs gegen die hawaiische Königin Lili’uokalani im Januar 1893. In einer Welt, die hauptsächlich von Männern regiert wurde, war es im polynesischen Inselstaat nicht ungewöhnlich, dass eine Frau das Land regierte. Bevor es zum Putsch kam, hatte die Königin Reformen geplant, die den Einfluss der amerikanischer und europäischer Geschäftsleute beschränken sollten. Immer mehr Hawaiier waren von ihren angestammten Gebieten verdrängt worden und mussten sich als Tagelöhner bei den von Ausländern betriebenen, vor allem im Zuckerrohranbau erfolgreichen Unternehmen verdingen. Zudem wollte sie als erste weltweit das Frauenwahlrecht einführen. Angeführt wurde der Staatsstreich vom Rechtsanwalt Lorrin Thurston, der zwar auf Hawaii geboren wurde und dort aufwuchs, seine wirtschaftlichen Interessen jedoch über seine Verbundenheit mit den Inselbewohnern setzte.

Bereits zu Beginn der Geschichte gelingt es der Autorin die von Veränderung geprägt Atmosphäre am Jahresanfang 1893 einzufangen. Dazu rückt sie zunächst Gertrude Wolf, die deutsche Beraterin und Gesellschaftsdame der Königin, bei einer Rast auf der Veranda ihres Hauses in den Mittelpunkt. Man glaubt, den Wind und die Wärme zu spüren und den Rausch zu erahnen, der Gertrude umfängt. Neben Lili’uokalani und der Journalistin Emma Nawahi, die ebenfalls der Königin zur Seite steht, ist sie eine der wenigen Frauen des Romans, die von größerer Bedeutung sind. Bereits die der Erzählung vorangestellte Auflistung der handelnden Personen umfasst ansonsten nur Männer.

Allein durch die lebendige Gestaltung ergibt sich ein Unterschied zu einem Sachbuch, denn Sabrina Janesch hat eine umfangreiche und akribische Recherche durchgeführt. Diese findet sich darin wieder, dass in den beiden Jahre nach dem Putsch nicht nur die Handlungsorte anschaulich und detailreich beschrieben sind, sondern auch die häufig auf historischen Vorbildern beruhenden Figuren glaubwürdig und facettenreich gestaltet werden. Dabei ist jederzeit deutlich, wer zu den Verfechtern der Unabhängigkeit Hawai’is gehört, die sich aus Traditionalisten, Opportunisten und Heldenhaften zusammensetzen, und wer Befürworter der Annexion durch die USA ist.

Die damalige Größe der deutschen Gemeinschaft auf Hawai’i hat mich überrascht. Sie spielt eine wichtige Rolle im Machtkampf, ebenso wie die Amerikaner. Auch chinesische Einwanderer suchen nach einem Platz im staatlichen Gefüge. Sabrina Janesch beleuchtet die Motive der handelnden Personen und beschreibt nicht nur die finanziellen Mittel der jeweiligen Gruppierungen, sondern auch die strategischen Überlegungen zu deren Einsatz. Eine besondere Rolle nehmen die Kapitel aus der Sicht der Königin ein, der die Autorin in der Wir-Form einen imaginären Raum zusteht. Beeindruckt hat mich beim Lesen die Vorstellung, dass es selbst mitten in dieser revolutionären Zeit möglich war, sich stets mithilfe eines Bretts in die Wellen zu stürzen.

In dem sprachlich ausdrucksstarken und atmosphärisch dicht erzählten Roman „Territorium“ verbindet Sabrina Janesch historische Fakten mit einer lebendigen Handlung. „Territorium“ erzählt dabei nicht nur vom Machtkampf um Hawaii, sondern stellt grundlegende Fragen nach Integrität und Loyalität, nach Recht und Unrecht sowie nach dem Mut, für die eigenen Überzeugungen einzustehen. Gerne empfehle ich das Buch weiter.

Dienstag, 15. September 2026

Rezension: (Un-)sichtbare Musen - Frauen, die unsere Welt veränderten von Elisa von Hof

Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Unsichtbare Musen – Frauen, die die Welt veränderten
Autorin: Elisa von Hof
Erscheinungsdatum: 12.09.2026
Verlag: Klett-Cotta (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN: 9783608967050
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In ihrem Buch „Unsichtbare Musen – Frauen, die die Welt veränderten“ unternimmt Elisa von Hof eine Typisierung derjenigen Personen, die einen Künstler kreativ beeinflussen. Dabei handelt es sich überwiegend um Frauen, denn männliche Musen sind nur wenig bekannt. Von der ursprünglichen Bedeutung her, waren Musen Schutzgöttinnen der Künste in der griechischen Mythologie.

Auf den ersten Seiten gibt die Autorin eine Einführung in die Geschichte der Muse, die untrennbar mit dem Künstler als Genie verbunden ist. Der Muse werden dabei immer wieder ähnliche Funktionen zugeschrieben: Sie soll inspirieren, trösten, unterstützen, sich kümmern und bewundern. Elisa von Hof unterscheidet zwischen „guten“ Musen und den „egoistischen“ Musen, die im Vergleich zu den erstgenannten stärker für ihre eigenen Interessen eintreten. Demgegenüber wird das Schaffen der „emanzipierten“ Muse zunehmend geschätzt. Kritisch blickt die Autorin Außerdem auch auf die rechtlichen und finanziellen Aspekte dieser häufig ungleichen Partnerschaften.

Ein jeweils eigenes Kapiteln widmet sie den Musen als Managerinnen, Ko-Produzentinnen, Supermodels, Therapeutinnen und als Benutzte. Dazu greift sie beispielhaft einige bekannte Konstellationen aus der Literatur, der Musik, der Kunst und der Mode auf. Beleuchtet werden unter anderem die Beziehungen von Christiane und Johann Wolfgang von Goethe, Sofja Tolstaja und Lew Tolstoi, Gala und Salvador Dali, Véra und Vladimir Nabokov sowie Lee Krasner und Jackson Pollock. Auch die wechselnden Musen von Pablo Picasso, Alfred Hitchcock, Ye West und Karl Lagerfeld finden Erwähnung.

Über diese Beziehungen zu berichten, erforderte eine umfangreiche Recherche, die sich auch in einem fast fünfzigseitigen Anmerkungsverzeichnis am Ende des Buches widerspiegelt. Entsprechend dem Titel des Werks zeigt die Autorin das Können und Wissen der Musen und verhilft ihr dadurch zu mehr Sichtbarkeit. Damit eine Frau oder einer der wenigen Männer jedoch zur Muse werden kann, braucht es traditionell einen Künstler, auf den sich ihre Rolle bezieht. So erzählt das Buch zwar zahlreiche Biografien bemerkenswerter Frauen, verknüpft diese jedoch stets mit dem Leben und Schaffen einer männlichen Person.

Elisa von Hof hinterfragt mit „Unsichtbare Musen“ das überlieferte Bild der Muse und rückt Frauen ins Licht, deren eigener Anteil am künstlerischen Erfolg häufig in den Hintergrund trat. Die zahlreichen Beispiele aus unterschiedlichen Epochen und Kunstbereichen machen deutlich, wie vielfältig die Beziehungen zwischen Muse und Künstler sein können und wie schwierig es oft ist, Inspiration, persönliche Nähe und eigene schöpferische Leistung voneinander zu trennen.

Sonntag, 13. September 2026

Rezension: Der geheime Apfelgarten - Getrennte Welten von Rebeka Eder

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Der geheime Apfelgarten - Getrennte Welten
Autorin: Rebekka Eder
Erscheinungsdatum: 14.08.2026
Verlag: Rowohlt
rezensierte Buchausgabe: Taschenbuch mit Klappen
ISBN. 9783499017049
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Rebekka Eder alias Rebekka Frank hat die Roman-Dilogie „Der geheime Apfelgarten“ als Hommage an das Buch „Der geheime Garten“ von Frances Hodgson Burnett geschrieben, welches sie als Kind gelesen und geliebt hat. Zwar greift sie die Idee der verborgenen Obstanlage dieser Geschichte auf, aber ansonsten ist selbstverständlich vieles anders: andere Figurenkonstellationen, ein anderer Handlungsort und andere Handlungszeit.

Angesiedelt hat die Autorin ihre Erzählung auf der ehemaligen Elbinsel Finkenwerder, die zu Beginn der Handlung im Jahr 1887 im Norden zu Hamburg und im Südteil zu Preußen gehörte. Diese besondere politische Situation fand ich sehr interessant. Die Landesgrenze spielte für die Inselbewohner im Alltag kaum eine Rolle. Jedoch sind die Besitzer der größten Ländereien miteinander zerstritten und die Hamburger Familie Rentfeld und die preußische Familie Loop achten streng darauf, dass ihr Besitz nicht von der jeweils anderen Seite überschritten wird.

Kea Loop ist fünfzehn Jahre alt und kümmert sich seit geraumer Zeit heimlich um den Apfelgarten ihrer verstorbenen Mutter. Warum diese gestorben ist und weshalb Keas Vater den Garten danach sich selbst überlassen hat, bleibt zunächst ein Geheimnis und verleiht der Geschichte eine hintergründige Spannung. Endlich ist es Kea gelungen, einen Apfel zu züchten, der sie an die Lieblingssorte ihrer Mutter erinnert. Durch Zufall hat sich der Baum jedoch im Garten der Rentfelds entwickelt. Kea scheut sich nicht, die Grenze zu übersteigen, wird dabei aber von Kristen Focke beobachtet, einem Knecht des Hofes auf der Hamburger Inselseite. Zunächst befürchtet sie Schwierigkeiten, stattdessen springt mehr als ein Funke der Begeisterung für den Garten und den Apfel auf Kristen über.

Aus der ersten Begegnung entwickelt sich eine zunächst etwas sentimental geschilderte, wohl dem jungen Alter der beiden geschuldete Liebegeschichte, die nicht nur die verschiedenen Landeszugehörigkeiten überwindet, sondern auch die Standesunterschiede zwischen ihnen. Doch das Schicksal hat in den folgenden fünf Jahre andere Pläne mit Kea und Kristen. Erst 1892 begegnen sich die beiden wieder, gerade als auf Finkenwerder die Cholera ausbricht. Beide haben in gewissem Maße Verantwortung für ihnen nahestehende Menschen übernommen und hadern mit dem aktuellen Erlass, dass der Grenzübertritt bei Todesstrafe verboten ist.

Neben der im Vordergrund stehenden Romanze mit Höhen und Tiefen vermittelt Rebekka Eder in „Der geheime Apfelgarten – Getrennte Welten“ einen anschaulichen Eindruck von den gesellschaftlichen Konventionen der damaligen Zeit, lässt historische Fakten einfließen und gibt Einblicke in den Apfelanbau. Die Hommage an Frances Hodgson Burnetts „Der geheime Garten“ ist dabei erkennbar, auch wenn die Geschichte für mich noch nicht ganz an das große Vorbild heranreicht. Die zahlreichen offenen Fragen am Ende machen jedoch neugierig auf die Fortsetzung. Vielleicht rückt die Geschichte im zweiten Band noch näher an die bezaubernde Atmosphäre des Vorbilds heran. Gerne empfehle ich das Buch weiter.

Samstag, 12. September 2026

Rezension: Mila und Mo - Wo ist Teddy? von Rosalind Beardshaw


Mila und Mo: Wo ist Teddy?
Autorin & Illustratorin: Rosalind Beardshaw
Übersetzerin: Maria Höck
Pappbilderbuch: 10 Seiten
Erschienen am 26. August 2026
Verlag: Penguin Junior
Link zur Buchseite des Verlags

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Mila und ihr kleiner Bruder Mo wollen im Wohnzimmer Picknick spielen. Doch dann bemerkt Mila, dass ihr Teddy fehlt – der muss beim Picknick aber dabei sein. Die beiden beginnen, überall zu suchen. Dabei finden sie viel anderes Spielzeug, dass Mo in den Rucksack stopft. Teddy bleibt jedoch verschwunden, und Mo versucht, Mila aufzuheitern. Schließlich bemerken sie, dass er schon die ganze Zeit im Rucksack und bei ihrer Suche dabei war. 

Die beiden Hundekinder sehen mit ihren großen Augen wirklich niedlich aus und laden dazu ein, sich mit ihnen auf die Suche zu begeben. Gleich auf der ersten Seite ist ein Drehrad, das den Inhalt der roten Tasche zeigt, in der Mo als erstes sucht. Ein Auto, ein Dino.. aber kein Teddy. Auf den nachfolgenden Seiten gibt es viele Klappen, hinter denen weiteres Spielzeug entdeckt werden kann. Nicht verstanden habe ich, wieso die sechs Spielzeug-Illustrationen, die beim Drehrad zu sehen sind, für die Klappe beim Spielzeughaufen noch mal verwendet wurden.

Nach dem ersten Lesen wusste mein Sohn, dass der Teddy die ganze Zeit im Rucksack steckt. Seitdem zeigt er überall wo er zu sehen ist auf den geschlossenen Rucksack, aus dem der Arm des Teddys herausschaut. Wieso der Teddy dann jedes Mal, wenn der Rucksack geöffnet wird, nicht zu sehen ist, kann ich leider nicht erklären. Das ausklappbare Herz auf der letzten Seite ist ein schönes abschließendes Highlight. Die Sprache ist sehr einfach gehalten und die Sätze kurz, sodass das Buch für meinen anderthalbjährigen Sohn bereits gut geeignet ist. Ein unterhaltsamer Suchspaß für kleine Entdecker:innen!

Donnerstag, 3. September 2026

Rezension: Kichergeschichten: Bild für Bild durch meinen Tag von Katharina Bußhoff


Kichergeschichten: Bild für Bild durch meinen Tag
Autorin & Illustratorin: Katharina Bußhoff
Pappbilderbuch: 26 Seiten
Erschienen am 26. August 2026
Verlag: Fischer Sauerländer
Link zur Buchseite des Verlags

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Mika ist zwei Jahre alt und kann schon ganz viel. Zusammen mit seiner Mama, seinem Papa und seinem Kuscheltier Knuffel begleiten wir ihn in 11 Bildergeschichten durch seinen Alltag. Er spielt im Regen, zieht sich lustig an und versteckt sich, weil er nicht ins Bett gehen möchte. Schon lange hat sich mein 18 Monate alter Sohn nicht mehr mit so großer Begeisterung auf ein neues Buch gestürzt, was bei meinem buchbegeisterten Kind wirklich etwas heißt. Mika hat es ihm gleich angetan und wir haben das Buch in den letzten Tagen ungefähr eine Million Mal gelesen. 

Auf der ersten Doppelseite des Buchs wird Mika mit seiner Familie vorgestellt und es gibt ein kleines Bild zu jeder Geschichte im Buch, mit dem das Kind zeigen kann, worauf es gerade Lust hat. Das klappt bei uns sehr gut, seit mein Sohn die Geschichten alle kennt, er sagt zum Beispiel „baden“ oder „Seife“ und tippt das zugehörige Bild an. Die nachfolgenden Doppelseiten zeigen jeweils eine Bildgeschichte. Besonders gefällt mir die große Alltagsnähe. Es gibt viele lustige Situationen, viele davon hat mein Kind so oder so ähnlich auch schon erlebt. Mit der Bürste erhält Papa eine lustige Frisur und die Hose kann man doch auch als Mütze tragen?! Die Badegeschichte, bei der Mika zum Haare waschen die Augen fest zusammenkneift, nutzen wir, um genau das zu üben, was immer besser klappt. Damit landet bei uns bald hoffentlich kein Schaum mehr im Auge. 

Die Texte sind sehr kurz und von der Länge her passend für unser 18 Monate altes Kind – für ältere Kinder mit guter Sprachentwicklung könnte es schon zu wenig sein. Die Illustrationen von Mika und seinen Eltern gefallen uns sehr gut. Sie sind farbenfroh und legen den Fokus aufs Wesentliche, sodass die ganze auf der Doppelseite untergebrachte Geschichte gut erfasst werden kann. Gerne empfehle ich das Buch an Familien mit einem Kind in ähnlichem Alter weiter!

Dienstag, 1. September 2026

Rezension: Punkt Punkt Komma Strich, fertig ist die Kunstgeschicht. von Jakob Schwerdtfeger

 


Rezension von Ingrid Eßer 

Titel: Punkt Punkt Komma Strich, fertig ist die Kunstgeschicht.
Autor: Jakob Schwerdtfeger
Erscheinungsdatum: 15.05.2026
Verlag: dtv
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Leseband
ISBN: 9783423285360
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In seinem Buch „Punkt Punkt Komma Strich, fertig ist die Kunstgeschicht.“ nimmt Jakob Schwerdtfeger die Lesenden mit auf eine Reise durch die Epochen der Kunstgeschichte von der Romanik um das Jahr 1000 bis in die Gegenwart. Der Autor ist Kunsthistoriker und hat sich sowohl als Poetry-Slammer als auch als Moderater verschiedener Kultursendungen einen Namen gemacht. Die Beschäftigung mit Kunst liegt in seiner Familie: Der Bauhauskünstler Kurt Schwerdtfeger war sein Urgroßvater, dessen Sohn Stefan, ein Architekt, Maler und Bildhauer, sein Großvater.

Nach der Einleitung folgen zwölf Kapitel, wobei das elfte und zwölfte nochmals in mehrere Abschnitte untergliedert sind. Der Autor arbeitet zu jeder Epoche die wichtigsten Merkmale heraus, erklärt das Anliegen der jeweiligen Kunstrichtung und stellt dazu ausgewählte Werke vor, die meist im kleinen Format in den Text eingegliedert sind. Das verschafft einen guten Überblick; zum Betrachten von Details habe ich online nach dem Kunstwerk gesucht.

Aufgelockert werden die kunsthistorischen Ausführungen durch amüsante Begebenheiten und kuriose Fakten. Dadurch gelingt es Jakob Schwerdtfeger auch belanglos wirkenden Objekten Aufmerksamkeit zu schenken, aufgrund dessen man sich daran erinnern wird. Immer wieder finden sich Einschübe unter dem Titel „Gegen den Strom“ in denen Werke angeführt werden, die von den typischen Merkmalen der jeweils beschriebenen Epoche abweichen.

Natürlich kann das Buch den Besuch eines Museums nicht ersetzen, den der Autor am Ende sehr empfiehlt. Ergänzend finden sich Nachweise zu den Zitaten und Abbildungen.

„Punkt Punkt Komma Strich, fertig ist die Kunstgeschicht“ richtet sich vor allem an Kunstinteressierte, die sich auf unterhaltsame Weise einen Überblick über die Jahrhunderte der Kunstgeschichte und ihrer verschiedenen Strömungen verschaffen möchten.

Freitag, 28. August 2026

Rezension: Im Licht des neuen Tages von Jara Kubsova

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Im Licht des neuen Tages
Autorin: Jarka Kubsova
Erscheinungsdatum: 26.08.2026
Verlag: S. Fischer
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Leseband
ISBN: 9783103974973

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Ellie Hajek ist die Protagonistin des Romans „Im Licht des neuen Tages“ von Jarka Kubsova. Wie die Autorin selbst kam sie als Kind auf der Flucht aus der Tschechoslowakei nach Deutschland. Neben ihren Habseligkeiten ließ Ellies Familie auch Verwandte und enge Freunde zurück. 

Nach einer journalistischen Ausbildung wurde Ellie Autorin. Sie hat eine erwachsene Tochter und ist in einer festen Beziehung, die nicht immer harmonisch verläuft. Um eine Schreibblockade zu überwinden, mietet sie ein Haus im Wald. Dort kommt ihr Viktorka in den Sinn, eine Figur aus einem berühmten Roman, der tschechischen Schriftstellerin Božena Nĕmcová. Die Geschichte beruht auf wahren Begebenheiten. Ellie lässt der Gedanke nicht los, herauszufinden, was in diesem Roman Wahrheit und was Fiktion ist.

Spontan fährt sie nach vielen Jahren wieder in ihre frühere Heimat. Dort begibt sie sich auf Spurensuche nach Božena und Viktorka, zwei Frauen, die den Mut hatten, sich den Konventionen ihrer Zeit entgegenzustellen. Auf dieser Erzählebene lässt die Autorin Elemente des magischen Realismus einfließen: einerseits in märchenhafter Form, andererseits durch mysteriöse Ereignisse, die Ellie widerfahren und die ich im Kontext befremdlich fand. Die entsprechenden Schilderungen sind zwar atmosphärisch eindrucksvoll, führen meiner Meinung nach, allerdings auch zu einiger Länge.  

Während ich anfangs Ellies Wunsch nach einer örtlichen Veränderung gut nachvollziehen konnte, blieb sie mir im weiteren Verlauf aufgrund ihrer Entscheidungen und Handlungen gefühlsmäßig eher fern. Dennoch führt die Spurensuche dazu, dass sie sich zunehmend mit ihrer eigenen Identität und der Frage auseinandersetzt, wer sie heute ist und wie sie ihre Zukunft gestalten möchte. Dabei bewertet sie auch die Republikflucht ihrer Eltern neu und auch die lebenslang von ihr getragene Schuld daran.

Im Roman „Im Licht des neuen Tages“ verbindet Jarka Kubsova Lebensgeschichten aus verschiedenen Zeitaltern. Ungebundenheit, das Überwinden von Ungerechtigkeiten, die Suche nach der eigenen Identität und die Liebe zur Natur sind zentrale Themen des Romans, der von einer Spur Mystik durchzogen ist. Trotz kleiner Schwächen habe ich das Buch gerne gelesen.

Mittwoch, 26. August 2026

Rezension: Mama Maus ist heute krank von Kai Oppermann


Mama Maus ist heute krank
Autorin & Illustratorin: Kai Oppermann
Pappbilderbuch: 26 Seiten
Erschienen am 26. August 2026
Verlag: Fischer Sauerländer
Link zur Buchseite des Verlags

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Die fünf Mäusekinder Mila, Mona, Mak, Mik und Minchen wachen eines Tages ganz verdutzt auf: Wo steckt ihre Mama, die sie sonst wecken kommt? Schnell schauen sie nach und müssen feststellen, dass Mama Maus krank ist. Die Kinder sind sich einig: Mama muss im Bett bleiben und sie kümmern sich heute um sie. Es wird Suppe in der Badewanne gekocht und der Schal in der Rumpelkammer gesucht. Alle Kinder helfen mit und am Ende geht es Mama schon viel besser.

Welcher Elternteil kennt es nicht: Man wacht krank auf, das Kind ist munter und man fragt sich, wie man durch den Tag kommen soll. Diese Situation wird hier aufgegriffen und in eine liebevolle Geschichte übersetzt. Die fünf Mäusekinder sind ein bunter Haufen und sie machen allerlei Quatsch, während sie die Aufgaben erledigen, die sie sich als Hilfe überlegt haben. Dabei schlägt niemand über die Stränge, sodass die offenbar alleinerziehende Mama beruhigt im Bett bleiben kann. Am Ende können alle Kinder stolz sein, wie gut sie sich gekümmert haben, und auf Mamas Bett gemeinsam einschlafen. Die farbenfrohen Illustrationen sind wimmlig, ohne für die Zielgruppe von 2 Jahren zu überladen zu wirken. Mir gefallen die mit der Geschichte verbundenen Botschaften sehr gut, sodass ich das Buch gerne weiterempfehle.


Samstag, 22. August 2026

Rezension: Alleinruhelage von Eva Menasse


Alleinruhelage
Autorin: Eva Menasse
Hardcover: 224 Seiten
Erschienen am 13. August 2026
Verlag: Kiepenheuer & Witsch

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Die Erzählerin hat schon mehrere Anläufe genommen, nach den Ende ihrer Ehe das Wochenendhaus in Vorpommern zu verkaufen. Das Haus hat sie viele Jahre lang  begleitet: Hier hat sie mit ihrer Familie Zeit verbracht, renoviert und mit Freunden gefeiert. Während die Entscheidung reift, das Haus nun wirklich zu verkaufen, schweifen ihre Gedanken immer wieder in die Vergangenheit ab. Erinnerungen an ihre Ehe und das Zusammenleben als Patchwork-Familie, Begegnungen mit Nachbarn und andere Stationen ihres Lebens vermischen sich miteinander. Nach und nach erfährt man mehr darüber, was sie in diesen Jahren erlebt hat und wie sie heute darauf zurückblickt.  

Zu Beginn habe ich recht gut in die Geschichte hineingefunden. Besonders die Szenen rund um das Haus und die Nachbarn haben mir gefallen. Die Begegnungen sind oft unterhaltsam und entwickeln eine ganz eigene Dynamik. Immer wieder kommt es zu Situationen, die mich Schmunzeln ließen. Immer wieder werden Andeutungen gemacht, durch die ich neugierig wurde, was die Erzählerin noch alles erlebt hat.

Die Geschichte springt immer wieder zwischen Erinnerungen, Beobachtungen und Gedanken hin und her. Anfangs fand ich das noch interessant, ich hatte aber zunehmend das Gefühl, dass mir etwas fehlt. Zwar erfährt man viel über das Leben der Erzählerin, doch häufig werden Ereignisse eher angesprochen als wirklich erzählt. Viele wichtige Momente, die die Erzählerin geprägt haben, wurden für mich als Leserin nicht richtig greifbar werden. Dadurch blieb sie für mich auf Distanz. 

Insgesamt ließ sich der Roman dennoch gut lesen. Es gibt viele interessante Szenen und ich habe das Buch gern zur Hand genommen. Emotional hat es mich allerdings nicht so erreicht, wie ich es mir nach dem gelungenen Einstieg erhofft hatte. Deshalb lässt mich Alleinruhelage mit gemischten Gefühlen zurück und ist eher etwas für Leser:innen, die sich an einer ungewöhnlichen Erzählweise probieren wollen.

Freitag, 21. August 2026

Rezension: Alleinruhelage von Eva Menasse


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Alleinruhelage
Autorin: Eva Menasse
Erscheinungsdatum: 13.08.2026
Verlag: KiWi (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Leseband
ISBN: 9783462002621
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Der Titel des Romans „Alleinruhelage“ bezeichnet den besonders ruhigen Standort des Hauses, das die unbenannte Ich-Erzählerin im gleichnamigen Buch von Eva Menasse verkaufen möchte. Es steht an einem fiktiven Ort in Mecklenburg-Vorpommern, von Wald umgeben und mit einem See in unmittelbarer Nähe. Die aus Österreich stammende Verkäuferin hat dort viele Jahre mit ihrer Familie die Wochenenden verbracht, manchmal aber auch wochenlang in Schreibklausur. Nun jedoch unternimmt sie einen erneuten Versuch, das Haus zu verkaufen.

Nachdem sie den endgültigen Beschluss gefasst hat, neue Käufer zu finden, wandern ihre Gedanken zurück zu den Anfängen ihrer Ehe und dem bald darauf entstandenen Wunsch, ein Wochenendhaus zu kaufen. Bei ihrer Suche findet das Ehepaar ein abgelegenes ehemaliges Wirtshaus, in dessen Umgebung sich eine Siedlung mit mehreren Datschen befindet. Durch das Verhalten einiger Bewohner dieser Sommerhäuser ergeben sich immer wieder besondere Situationen, nicht zuletzt, weil ein Verein, dem sich auch die Ich-Erzählerin   anschließt, das nachbarschaftliche Miteinander regelt.

Es sind vielfältige Themen, die die Verkäuferin aufgreift: amüsante, ernste, gesellschaftskritische und persönliche. Ein Bautrupp, der zum Ausmisten und Reparieren des Gebäudes anrückt, beschreibt sie als Vergnügen, wohingegen sie das Verhältnis zu ihrer Tochter als belastet schildert. Ihre Erinnerungen reichen teils sogar bis zu ihrer Kindheit zurück, wobei die Begebenheiten authentisch wirken und ihre Gefühle gut nachvollziehbar sind. Es finden sich auch interessante Fakten, die bewegen und nachdenklich stimmen. Einige Ereignisse werden in politische Zusammenhänge von Ost- und Westdeutschland sowie Österreich eingeordnet.

Der Roman „Alleinruhelage“ von Eva Menasse ist ein facettenreicher Rückblick der Protagonistin auf ihr Leben, die ohne Schwermut ihr Wochenendhaus verkaufen möchte. Die vielfältigen Ereignisse, die sie während ihrer Aufenthalte dort erlebt hat, haben schöne, traurige, wütende und versöhnliche Erinnerungen hinterlassen. Die Geschichte vermittelt eine breite Palette an Stimmungen und macht zugleich Mut, sich auf einen Neuanfang einzulassen. Das Buch hat mich angenehm überrascht und ich empfehle es sehr gerne weiter.


 

Freitag, 14. August 2026

Rezension: Erzählen, was ist von Katrin Eigendorf

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Erzählen, was ist: Berichten am Limit
in einer Zeit der Kriege
Autorin: Katrin Eigendorf
Erscheinungsdatum: 26.01.2026
Verlag: S. Fischer
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN: 9783103976991

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Die aus Tönisvorst in Nordrhein-Westfalen stammende und heute in Berlin lebende Katrin Eigendorf gewährt in ihrem Buch „Erzählen, was ist“ nicht nur Einblicke in ihre journalistische Arbeit, sondern auch teils in ihr Privatleben, soweit dieses mit ihrem Beruf verbunden ist. Bereits der Untertitel „Berichten am Limit in einer Zeit der Kriege“ spiegelt wider, worin die Berichterstattung der Autorin hauptsächlich besteht: über die Brennpunkte der Welt zu berichten.

In neun Kapiteln nimmt die Autorin ihre Leserinnen und Leser mit nach Afghanistan, Russland, Israel und in die Ukraine. Dabei beschreibt sie nicht nur die Situation, die sie während ihrer Aufenthalte vor Ort erlebt, sondern erzählt ebenso, wie es ihrer Meinung nach zum jeweiligen Konflikt gekommen ist. Außerdem erläutert wie, welche fachlichen und persönlichen Kompetenzen sie im Laufe der Jahre hinweg erworben hat, um Ereignisse sachlich und wahrheitsgemäß darzustellen.

Karin Eigendorf hat sich mit der Zeit ein Netzwerk an Kontakten aufgebaut, auf die sie vertrauen kann. Es ist ihr wichtig, dass diejenigen, mit denen sie zusammenarbeitet verlässlich sind. Die Schilderungen mancher Situation sind tief bewegend etwa, als sie das Schicksal der Frauen in Afghanistan beschriebt. Zugleich macht das Buch immer wieder bewusst, welchen erheblichen Gefahren Eigendorf, ihr Team und viele andere Journalistinnen und Journalisten bei ihren Einsätzen ausgesetzt sind.

Für ihre Reportagen wurde die Autorin vielfach ausgezeichnet, obwohl sie auch Kritik hinnehmen musste. In diesem Zusammenhang setzt sie sich mit der Frage auseinander, wie sich Begebenheiten auf unterschiedliche Weise darstellen lassen und wie schwierig es mitunter ist, Wahrheit von gezielter Desinformation zu unterscheiden. Dem Titel ihres Buches folgend sieht sie es als ihre journalistische Verpflichtung an, in Konflikten alle Seiten zu Wort kommen zu lassen, was sich nicht immer leicht verwirklichen lässt. Mit Einfühlungsvermögen und beruflicher Erfahrung gelingt es ihr, auch zu schwierigen Gesprächspartnern Zugang zu finden. Darüber hinaus reflektiert sie, ob Journalismus überhaupt neutral sein kann.

„Erzählen, was ist“ ist ein lesenswertes Buch für alle, die sich mit einer fundierten Berichterstattung nicht nur ein Bild der Konfliktregionen unserer Zeit machen möchten, sondern auch verstehen wollen, welche Entwicklungen zu den jeweiligen Konflikten geführt haben. Zugleich vermittelt Katrin Eigendorf einen eindrucksvollen Einblick in ihre verantwortungsvolle und viel zu oft gefährliche Arbeit als Reporterin in Krisengebieten

Donnerstag, 13. August 2026

Rezension: Au revoir und tschüss von Gudrun Lochte

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Au revoir und tschüss
Autorin: Gudrun Lochte
Erscheinungsdatum: 23.06.2026
Verlag: VANI
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Leseband
ISBN: 9783691690033

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Für Caro, Mitte vierzig, besteht das Leben aus einem Halbtagsjob, Hausarbeit, Hunderunden und der Bewirtung von Gästen, die ihr Mann Holger ungefragt einlädt. Ihre beiden Söhne sind längst erwachsen, dennoch übernimmt sie für den jüngeren immer noch die Wäsche. Nach ihren eigenen Wünschen und Bedürfnissen fragt in ihrer Familie niemand. Rückhalt findet Caro vor allem in den Telefonaten und Treffen mit ihrer Freundin Holly.

In ihrem Roman „Au revoir und tschüss“ erzählt Gudrun Lochte, wie bei ihrer Protagonistin Caro der Traum von einem Sprachurlaub in Frankreich beständig wächst, jedoch werden die Ausgaben dafür von Holger als unnötig abgetan. Von Holly in ihrem Ansinnen bestärkt, lässt sie sich davon nicht abhalten und bucht einen vierwöchigen Sprachkurs in Uzès in der Region Okzitanien.

Gudrun Lochte hält sich selbst gerne in Uzès auf, das merkt man ihren Beschreibungen der bezaubernden südfranzösischen Stadt an. Für Caro wird die Reise zu einem Wendepunkt. Fernab von ihrem Alltag geht sie zunächst zögerlich, dann zunehmen selbstbewusst auf andere Menschen zu und schließt neue Freundschaften. Außerdem entdeckt sie Gefühle, die sie lange nicht mehr so intensiv erlebt hat.

Das Sprachunterricht lässt Caro ausreichend Zeit, sich mit der Frage auseinanderzusetzen, was ihr selbst Freude bereitet und was sie sich von ihrem Leben wünscht. Auch die Exkursionen mit ihrem Französischkurs tragen dazu bei und ermöglichen zugleich den Lesenden, das reizvolle Umland zu entdecken. Die ruhige Erzählweise gibt Caros persönlicher Entwicklung Raum und lässt nachvollziehbar werden, wie es ihr gelingt, ihre eigenen Vorstellungen zu konkretisieren.

Französisches Flair, laue Sommernächte und unbeschwerte Stunden sind das Rezept für den eingängigen Roman „Au revoir und tschüss“ von Gudrun Lochte. Die Geschichte stimmt nachdenklich darüber, seine eigenen Wünsche und Träume nicht aus den Augen zu verlieren. Gerne empfehle ich das Buch weiter.

Dienstag, 11. August 2026

Rezension: Ms Atkins und die Bibliothek der Träume

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Ms Atkins und die Bibliothek der Träume
Autorin: Vanessa Göcking
Erscheinungsdatum: 11.08.2026
Verlag: VANI
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Farbschnitt
und Page Overlay
ISBN: 9783691690026
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Amanda ist die Protagonistin und Titelgeberin des Fantasyromans „Ms Atkins und die Bibliothek der Träume“ von Vanessa Göcking. Seit vielen Jahren arbeitet sie für die britische Zoll- und Steuerbehörde und führt ein zurückgezogenes Leben in ihrer Wohnung im Londoner Stadtteil Hampstead. Einen festen Platz in ihrem Alltag nimmt der Besuch der Bücherei ein, die sie jeden Freitagnachmittag besucht. Eines Tages erhält sie Zugang zu einem geheimnisvollen Raum der Bibliothek, von dem aus ein Fahrstuhl sie zu ihren Träumen bringen kann.

Nur wenigen Besucherinnen und Besuchern ist es gestattet, diesen besonderen Leseraum aufzusuchen. Hierzu gehören Henry, der sich in der Büberei nach dem Schulunterricht etwas hinzuverdient, und die etwa gleichaltrige, aufmüpfige Xiao Mei. Auch der wohlhabende Robert verbringt bereits seit etwa zehn Jahren die meiste Zeit in diesem geheimnisvollen Raum. Ob jung oder älter: Alle vier tragen ein eigenes Schicksal mit sich und bewahren Gedanken und Sorgen, über das sie nicht mit anderen sprechen. Als Amanda jedoch vor einem aktuellen Problem steht, schließen sie sich zu einer Gemeinschaft zusammen und versuchen, ihr beizustehen.

Die Idee hinter der Geschichte ist ansprechend. Eine Bücherei besitzt für Leserinnen und Leser ohnehin eine besondere Faszination, doch geheimnisvolle Vorgänge und mysteriöse Ereignisse verleihen diesem ohnehin Ort ein rätselhafte Atmosphäre. Die vier Hauptfiguren unterscheiden sich deutlich in ihren Eigenarten und es ist interessant zu beobachten, wie sie lernen müssen, aufeinander einzugehen und ihre unterschiedlichen Vorstellungen und Bedürfnisse miteinander zu vereinbaren.

Die Sorgen der ProtagonistInnen bleiben jedoch längere Zeit im Verborgenen und werden später, meiner Meinung nach, recht kurz beschrieben. Ich fand es auch schade, dass kaum eine weitere Auseinandersetzung mit den am Konflikt beteiligten Personen stattfand. Der Verlauf zum Schluss der Geschichte hin konnte mich ebenfalls nicht vollständig überzeugen, weil er mir auf diese Weise die Hoffnung auf weitere Abenteuer der vier Hauptfiguren genommen hat. Zudem empfand ich, dass das wiederholte Erzählen bestimmter Geschehnisse aus unterschiedlichen Perspektiven zu Längen führt.

In der Fantasy „Ms Atkins und die Bibliothek der Träume“ erzählt Vanessa Göcking in einer schlichten und leicht zugänglichen Sprache von Mut, Zusammenhalt und der Kraft des Träumens. Das Buch verfügt über einen Farbschnitt und einem innenliegenden Page Overlay, wodurch es optisch so ansprechend gestaltet ist, dass man es besonders gern in die Hand nimmt. Trotz des interessanten Ansatzes konnte mich das Buch aufgrund der oben angeführten Punkte nicht ganz überzeugen.

Samstag, 8. August 2026

Rezension: Bretonischer Glanz - Kommissar Dupins fünfzehnter Fall von Jean-Luc Bannalec

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Bretonischer Glanz - Kommissar Dupins fünfzehnter Fall
Autor: Jean-Luc Bannalec
Erscheinungsdatum: 
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
rezensierte Buchausgabe Paperback mit gestalteten Klappen
ISBN: 9783462006032

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Der fünfzehnte Fall führt den aus Paris stammenden und nach Concarneau versetzten Kommissar Dupin an die Nordwestküste der Bretagne nach Roscoff. Die vorliegenden Fallermittlungen verknüpft Jörg aka Jean-Luc Bannalec wieder eng mit einer regionalen Spezialität. Obwohl die kleine Gemeinde nicht einmal 3500 Einwohner zählt, genießt sie weit über die Bretagne hinaus einen hervorragenden Ruf für ihre Roscoff-Zwiebeln, die sich durch ihre zartrosa Farbe und ihren mild-süßen Geschmack auszeichnen.

Eine besondere Würze erhält der Kriminalroman dadurch, dass die Tote in der Nähe eines der Lesungsorte des gerade stattfindenden, leider fiktiven Krimifestivasl in Roscoff aufgefunden wird. Das Opfer ist die junge, streitbare Betreiberin eines Zwiebelhofs, die sich mit großem Engagement für eine biodynamische Bewirtschaftung einsetzt. Der vor Ort zuständige Kollege geht in den wohlverdienten Ruhestand. Weil Dupins Mitarbeiter Kadeg ohnehin als Zuhörer das Festival besucht, empfiehlt er seinen Chef für die Ermittlungen. Während sich das gesamte Team als krimibegeistert erweist, ist Dupin wenig angetan von dem Wunsch eines Kriminalromanautors, ihn bei seiner Arbeit zu begleiten.

Neben den Beschreibungen der Sehenswürdigkeiten in Roscoff und der Umgebung greift der Autor auch gesellschaftspolitische Themen der Bretagne auf. Zum einen sind es Probleme im Zusammenhang mit Fährverbindungen, zum anderen sind es die Sorgen der landwirtschaftlichen Erzeugerinnen und Erzeuger, die zwischen den polizeilichen Ermittlungen verdeutlichen, welche Herausforderungen die Menschen vor Ort zu bewältigen haben und dadurch zum Nachdenken anregen.

Noch bevor das Motiv und Täterschaft geklärt werden können, geschieht ein weiterer Mord, so dass Dupin und sein Team aus Concarneau ihre bisherigen Erkenntnisse neu bewerten und die bisher ins Visier der Ermittlungen geratenen Personen befragen müssen. Es bleibt bis zum Ende spannend, wer die Morde begangen hat und ob sie von einer oder mehreren Personen ausgeführt wurden.

Auch der fünfzehnte Fall für Kommissar Dupin und sein Team verbindet wieder eine fesselnde Ermittlungsarbeit mit viel regionalem Flair. Mir hat es große Freude bereitet, leserisch erneut in die Bretagne zu reisen.

Mittwoch, 5. August 2026

Rezension: Der Blutmensch zu Köln - Eva-Maria Silber und Kirsten Wilczek (Bas Sello und Mathilde von Tabouillot 1)

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Der Blutmensch zu Köln
Autorinnen: Eva-Maria Silber und Kirsten Wilczek
Erscheinungsdatum: 28.11.2025
Verlag: between Pages by Piper
rezensierte Buchausgabe: Taschenbuch
ISBN: 9783377902733

Nominiert für den Goldenen Homer 2026
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Die beiden Autorinnen Eva-Maria Silber und Kirsten Wilczek haben in ihrem historischen Kriminalroman „Der Blutmensch zu Köln“ ein tatsächliches Verbrechen aus Holstein im Jahr 1866 aufgegriffen, es fiktiv aufgearbeitet und es nach Köln in den August des Jahres 1847 verlegt. Dort verbrennt ein Gutshof zu Schutt und Asche, zwischen denen die Leichen des Bauern, der Bäuerin, von fünf Söhnen und einer Tochter sowie von zwei Knechten und einer Magd gefunden werden. Sehr bald steht fest: die Opfer wurden erschlagen, bevor das Feuer ausbrach, nur ein Sohn überlebt verletzt.

Das fünfzehnjähriges Dienstmädchen Ida gerät unter den Verdacht, die Taten gemeinsam mit ihrem Liebsten begangen zu haben. Ihr Motiv soll Rache gewesen sein, denn sie wurde am Tag des Verbrechens von ihrem Dienstherrn entlassen. Die Redakteurin Mathilde von Tabouillot wird auf den Fall aufmerksam und wittert darin eine Chance, sich mit einer aufsehenerregenden Berichterstattung zu profilieren. Sie glaubt ebenso an die Unschuld der Magd wie Sergeant Hans Baudewin, der Ida verhaften musste. Beide wenden sich an die Kanzlei des erfahrenen Anwalts Dr. Venedey, der die Verteidigung der Magd übernimmt und dabei von seinem Rechtsreferendar Bas Sello unterstützt wird.

Der Kriminalfall ist gut konstruiert und überzeugend inszeniert. Als Anwältinnen gelingt es Eva-Maria Silber und Kirsten Wilczek, juristische Zusammenhänge und die damalige Rechtslage verständlich und anschaulich zu vermitteln. Grundlage hierfür ist ihre sorgfältige Recherche, die sich keineswegs auf rechtliche Aspekte beschränkt. Sie verstehen sich auch darin, das Köln des Jahres 1847 aufleben zu lassen und dabei ein detailreiches Bild der Stadt mit ihren historischen Gebäuden und ihrem damaligen Erscheinungsbild zu zeichnen.

Für humorvolle Momente sorgen die Autorinnen immer wieder, indem sie die rheinische Lebensart durch Dialoge im örtlichen Dialekt, dem rheinischen Singsang, authentisch zum Ausdruck bringen. Für alle, die das Kölnische Platt nicht beherrschen folgt immer eine geschickt in den Text eingearbeitete Übersetzung.

Auch Namensgebung der handelnden Personen wurde passend zu Zeit und Ort gewählt, selbst der französische Nachname der Redakteurin fügt sich stimmig in den historischen und regionalen Kontext ein und basiert auf einem wahren Hintergrund. Die Figur der Mathilde haben die beiden Autorinnen in Anlehnung an eine bekannte Frauenrechtlerin mit gleichem Namen gestaltet.

Aufgrund der geschickten Konstruktion des fiktiven Falls mit der zentralen Frage, ob Idas Unschuld bewiesen werden kann und wenn nicht, ob sich der oder die wahren Täter finden lassen, wird die Spannung bis zum Schluss hochgehalten, Die Geschichte ist als Reihe angelegt und der nächste Fall „Der Bonbonmord zu Köln“ ist bereits erschienen.

Freitag, 31. Juli 2026

Rezension: Dabei waren wir uns immer so nah von Jette Kötschau


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Dabei waren wir uns immer so nah
Autorin: Jette Kötschau
Erscheinungsdatum: 17.07.2026
Verlag: Rowohlt Kindler (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Leseband
ISBN: 9783463000893

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In ihrem Debütroman „Dabei waren wir uns immer so nah“ beschäftigt sich Jette Koetschau mit der Frage, wie sich Freundschaften im Zeitverlauf verändern können. Die drei Protagonistinnen Henri, Merle und Katharina haben sich während ihres Studiums kennengelernt. Im Laufe der Jahre ist ihr Vertrauen zueinander gewachsen. Sie wissen, dass sie sich aufeinander verlassen können und von den anderen mit all ihren Eigenarten und Stimmungen, frei von Vorwürfen, ernst genommen und akzeptiert zu werden. Doch nachdem sie die Dreißig überschritten haben, zeigt sich zunehmend, dass jede von ihnen einen anderen Lebensentwurf verfolgt. 

Merle ist inzwischen verheiratet und Mutter eines kleinen Kindes. Während ihr Mann neben seiner Arbeit den gemeinsamen Hausbau vorantreibt, bleibt die Verantwortung für die Kinderbetreuung überwiegend an ihr hängen. Der bevorstehende Umzug aus der Stadt aufs Land erfüllt sie nicht nur mit Vorfreude, sondern auch mit Unsicherheit, weil sie sich schon jetzt häufig alleingelassen fühlt.

Von Katharina wird Merle um ihr Familienglück beneidet, denn sie wünscht sich seit längerer Zeit ein Kind mit ihrem Partner. Für sie ist es immer wieder schmerzlich, wenn jemand aus ihrem Freundes- oder Bekanntenkreis eine Schwangerschaft verkündet. Um mit ihrer Frustration umgehen zu können, hat sie sich ein bestimmtes Verhaltensmuster angeeignet.

Henri hingegen ist nicht bereit für längere Beziehungen. Sie ist die kontaktfreudigste der Freundinnen und immer bereit zuzuhören und gute Ratschläge zu geben. Gleichzeitig belastet sie das schwierige Verhältnis zu ihrer Mutter. Ihr Traum ist es, sich beruflich selbständig zu machen. Als ihre Großmutter schwer erkrankt, stellt sie sich der Herausforderung, sich mit ihrer Mutter gemeinsam um sie zu kümmern.

Jede der drei Frauen kämpft mit ihren persönlichen Herausforderungen. In ruhigen Momenten wird ihnen jedoch bewusst, wie sehr sie die gemeinsamen Treffen, den regelmäßigen Austausch über ihre Gedanken und Gefühle, aber auch die persönliche Nähe vermissen.

Die Autorin greift Themen auf, die viele Frauen unmittelbar betreffen. Die feinfühligen, ruhigen Beschreibungen des Alltags ihrer Protagonistinnen wirken authentisch, so dass man sich gut in die Lage der Frauen hineinversetzen kann. Es kommt zum Ausdruck, dass sich das Leben nicht detailliert planen lässt und unvorhergesehene Entwicklungen alles verändern können. Obwohl sich Merle, Katharina und Henri in einer Situation befinden, in der sie Zuspruch aus ihrem Umfeld bekommen, ist ihnen bewusst, dass sie an einem Punkt sind, an dem sie selbst eine Veränderung herbeiführen sollten.

In ihrem Roman „Dabei waren wir uns immer so nah“ erzählt Jette Kötschau mit Feingefühl von den Herausforderungen im Erwachsenenleben jenseits der Dreißig und davon, ob lange bestehende Freundschaften trotz persönlicher Veränderungen Bestand haben können. Lebensnahe Figurengestaltung mit realistischen Gefühlen in emotionalen Situationen zeichnen die Geschichte aus, die ich gerne weiterempfehle.

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