Mittwoch, 26. August 2026

Rezension: Mama Maus ist heute krank von Kai Oppermann


Mama Maus ist heute krank
Autorin & Illustratorin: Kai Oppermann
Pappbilderbuch: 26 Seiten
Erschienen am 26. August 2026
Verlag: Fischer Sauerländer
Link zur Buchseite des Verlags

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Die fünf Mäusekinder Mila, Mona, Mak, Mik und Minchen wachen eines Tages ganz verdutzt auf: Wo steckt ihre Mama, die sie sonst wecken kommt? Schnell schauen sie nach und müssen feststellen, dass Mama Maus krank ist. Die Kinder sind sich einig: Mama muss im Bett bleiben und sie kümmern sich heute um sie. Es wird Suppe in der Badewanne gekocht und der Schal in der Rumpelkammer gesucht. Alle Kinder helfen mit und am Ende geht es Mama schon viel besser.

Welcher Elternteil kennt es nicht: Man wacht krank auf, das Kind ist munter und man fragt sich, wie man durch den Tag kommen soll. Diese Situation wird hier aufgegriffen und in eine liebevolle Geschichte übersetzt. Die fünf Mäusekinder sind ein bunter Haufen und sie machen allerlei Quatsch, während sie die Aufgaben erledigen, die sie sich als Hilfe überlegt haben. Dabei schlägt niemand über die Stränge, sodass die offenbar alleinerziehende Mama beruhigt im Bett bleiben kann. Am Ende können alle Kinder stolz sein, wie gut sie sich gekümmert haben, und auf Mamas Bett gemeinsam einschlafen. Die farbenfrohen Illustrationen sind wimmlig, ohne für die Zielgruppe von 2 Jahren zu überladen zu wirken. Mir gefallen die mit der Geschichte verbundenen Botschaften sehr gut, sodass ich das Buch gerne weiterempfehle.


Samstag, 22. August 2026

Rezension: Alleinruhelage von Eva Menasse


Alleinruhelage
Autorin: Eva Menasse
Hardcover: 224 Seiten
Erschienen am 13. August 2026
Verlag: Kiepenheuer & Witsch

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Die Erzählerin hat schon mehrere Anläufe genommen, nach den Ende ihrer Ehe das Wochenendhaus in Vorpommern zu verkaufen. Das Haus hat sie viele Jahre lang  begleitet: Hier hat sie mit ihrer Familie Zeit verbracht, renoviert und mit Freunden gefeiert. Während die Entscheidung reift, das Haus nun wirklich zu verkaufen, schweifen ihre Gedanken immer wieder in die Vergangenheit ab. Erinnerungen an ihre Ehe und das Zusammenleben als Patchwork-Familie, Begegnungen mit Nachbarn und andere Stationen ihres Lebens vermischen sich miteinander. Nach und nach erfährt man mehr darüber, was sie in diesen Jahren erlebt hat und wie sie heute darauf zurückblickt.  

Zu Beginn habe ich recht gut in die Geschichte hineingefunden. Besonders die Szenen rund um das Haus und die Nachbarn haben mir gefallen. Die Begegnungen sind oft unterhaltsam und entwickeln eine ganz eigene Dynamik. Immer wieder kommt es zu Situationen, die mich Schmunzeln ließen. Immer wieder werden Andeutungen gemacht, durch die ich neugierig wurde, was die Erzählerin noch alles erlebt hat.

Die Geschichte springt immer wieder zwischen Erinnerungen, Beobachtungen und Gedanken hin und her. Anfangs fand ich das noch interessant, ich hatte aber zunehmend das Gefühl, dass mir etwas fehlt. Zwar erfährt man viel über das Leben der Erzählerin, doch häufig werden Ereignisse eher angesprochen als wirklich erzählt. Viele wichtige Momente, die die Erzählerin geprägt haben, wurden für mich als Leserin nicht richtig greifbar werden. Dadurch blieb sie für mich auf Distanz. 

Insgesamt ließ sich der Roman dennoch gut lesen. Es gibt viele interessante Szenen und ich habe das Buch gern zur Hand genommen. Emotional hat es mich allerdings nicht so erreicht, wie ich es mir nach dem gelungenen Einstieg erhofft hatte. Deshalb lässt mich Alleinruhelage mit gemischten Gefühlen zurück und ist eher etwas für Leser:innen, die sich an einer ungewöhnlichen Erzählweise probieren wollen.

Freitag, 21. August 2026

Rezension: Alleinruhelage von Eva Menasse


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Alleinruhelage
Autorin: Eva Menasse
Erscheinungsdatum: 13.08.2026
Verlag: KiWi (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Leseband
ISBN: 9783462002621
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Der Titel des Romans „Alleinruhelage“ bezeichnet den besonders ruhigen Standort des Hauses, das die unbenannte Ich-Erzählerin im gleichnamigen Buch von Eva Menasse verkaufen möchte. Es steht an einem fiktiven Ort in Mecklenburg-Vorpommern, von Wald umgeben und mit einem See in unmittelbarer Nähe. Die aus Österreich stammende Verkäuferin hat dort viele Jahre mit ihrer Familie die Wochenenden verbracht, manchmal aber auch wochenlang in Schreibklausur. Nun jedoch unternimmt sie einen erneuten Versuch, das Haus zu verkaufen.

Nachdem sie den endgültigen Beschluss gefasst hat, neue Käufer zu finden, wandern ihre Gedanken zurück zu den Anfängen ihrer Ehe und dem bald darauf entstandenen Wunsch, ein Wochenendhaus zu kaufen. Bei ihrer Suche findet das Ehepaar ein abgelegenes ehemaliges Wirtshaus, in dessen Umgebung sich eine Siedlung mit mehreren Datschen befindet. Durch das Verhalten einiger Bewohner dieser Sommerhäuser ergeben sich immer wieder besondere Situationen, nicht zuletzt, weil ein Verein, dem sich auch die Ich-Erzählerin   anschließt, das nachbarschaftliche Miteinander regelt.

Es sind vielfältige Themen, die die Verkäuferin aufgreift: amüsante, ernste, gesellschaftskritische und persönliche. Ein Bautrupp, der zum Ausmisten und Reparieren des Gebäudes anrückt, beschreibt sie als Vergnügen, wohingegen sie das Verhältnis zu ihrer Tochter als belastet schildert. Ihre Erinnerungen reichen teils sogar bis zu ihrer Kindheit zurück, wobei die Begebenheiten authentisch wirken und ihre Gefühle gut nachvollziehbar sind. Es finden sich auch interessante Fakten, die bewegen und nachdenklich stimmen. Einige Ereignisse werden in politische Zusammenhänge von Ost- und Westdeutschland sowie Österreich eingeordnet.

Der Roman „Alleinruhelage“ von Eva Menasse ist ein facettenreicher Rückblick der Protagonistin auf ihr Leben, die ohne Schwermut ihr Wochenendhaus verkaufen möchte. Die vielfältigen Ereignisse, die sie während ihrer Aufenthalte dort erlebt hat, haben schöne, traurige, wütende und versöhnliche Erinnerungen hinterlassen. Die Geschichte vermittelt eine breite Palette an Stimmungen und macht zugleich Mut, sich auf einen Neuanfang einzulassen. Das Buch hat mich angenehm überrascht und ich empfehle es sehr gerne weiter.


 

Freitag, 14. August 2026

Rezension: Erzählen, was ist von Katrin Eigendorf

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Erzählen, was ist: Berichten am Limit
in einer Zeit der Kriege
Autorin: Katrin Eigendorf
Erscheinungsdatum: 26.01.2026
Verlag: S. Fischer
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN: 9783103976991

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Die aus Tönisvorst in Nordrhein-Westfalen stammende und heute in Berlin lebende Katrin Eigendorf gewährt in ihrem Buch „Erzählen, was ist“ nicht nur Einblicke in ihre journalistische Arbeit, sondern auch teils in ihr Privatleben, soweit dieses mit ihrem Beruf verbunden ist. Bereits der Untertitel „Berichten am Limit in einer Zeit der Kriege“ spiegelt wider, worin die Berichterstattung der Autorin hauptsächlich besteht: über die Brennpunkte der Welt zu berichten.

In neun Kapiteln nimmt die Autorin ihre Leserinnen und Leser mit nach Afghanistan, Russland, Israel und in die Ukraine. Dabei beschreibt sie nicht nur die Situation, die sie während ihrer Aufenthalte vor Ort erlebt, sondern erzählt ebenso, wie es ihrer Meinung nach zum jeweiligen Konflikt gekommen ist. Außerdem erläutert wie, welche fachlichen und persönlichen Kompetenzen sie im Laufe der Jahre hinweg erworben hat, um Ereignisse sachlich und wahrheitsgemäß darzustellen.

Karin Eigendorf hat sich mit der Zeit ein Netzwerk an Kontakten aufgebaut, auf die sie vertrauen kann. Es ist ihr wichtig, dass diejenigen, mit denen sie zusammenarbeitet verlässlich sind. Die Schilderungen mancher Situation sind tief bewegend etwa, als sie das Schicksal der Frauen in Afghanistan beschriebt. Zugleich macht das Buch immer wieder bewusst, welchen erheblichen Gefahren Eigendorf, ihr Team und viele andere Journalistinnen und Journalisten bei ihren Einsätzen ausgesetzt sind.

Für ihre Reportagen wurde die Autorin vielfach ausgezeichnet, obwohl sie auch Kritik hinnehmen musste. In diesem Zusammenhang setzt sie sich mit der Frage auseinander, wie sich Begebenheiten auf unterschiedliche Weise darstellen lassen und wie schwierig es mitunter ist, Wahrheit von gezielter Desinformation zu unterscheiden. Dem Titel ihres Buches folgend sieht sie es als ihre journalistische Verpflichtung an, in Konflikten alle Seiten zu Wort kommen zu lassen, was sich nicht immer leicht verwirklichen lässt. Mit Einfühlungsvermögen und beruflicher Erfahrung gelingt es ihr, auch zu schwierigen Gesprächspartnern Zugang zu finden. Darüber hinaus reflektiert sie, ob Journalismus überhaupt neutral sein kann.

„Erzählen, was ist“ ist ein lesenswertes Buch für alle, die sich mit einer fundierten Berichterstattung nicht nur ein Bild der Konfliktregionen unserer Zeit machen möchten, sondern auch verstehen wollen, welche Entwicklungen zu den jeweiligen Konflikten geführt haben. Zugleich vermittelt Katrin Eigendorf einen eindrucksvollen Einblick in ihre verantwortungsvolle und viel zu oft gefährliche Arbeit als Reporterin in Krisengebieten

Donnerstag, 13. August 2026

Rezension: Au revoir und tschüss von Gudrun Lochte

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Au revoir und tschüss
Autorin: Gudrun Lochte
Erscheinungsdatum: 23.06.2026
Verlag: VANI
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Leseband
ISBN: 9783691690033

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Für Caro, Mitte vierzig, besteht das Leben aus einem Halbtagsjob, Hausarbeit, Hunderunden und der Bewirtung von Gästen, die ihr Mann Holger ungefragt einlädt. Ihre beiden Söhne sind längst erwachsen, dennoch übernimmt sie für den jüngeren immer noch die Wäsche. Nach ihren eigenen Wünschen und Bedürfnissen fragt in ihrer Familie niemand. Rückhalt findet Caro vor allem in den Telefonaten und Treffen mit ihrer Freundin Holly.

In ihrem Roman „Au revoir und tschüss“ erzählt Gudrun Lochte, wie bei ihrer Protagonistin Caro der Traum von einem Sprachurlaub in Frankreich beständig wächst, jedoch werden die Ausgaben dafür von Holger als unnötig abgetan. Von Holly in ihrem Ansinnen bestärkt, lässt sie sich davon nicht abhalten und bucht einen vierwöchigen Sprachkurs in Uzès in der Region Okzitanien.

Gudrun Lochte hält sich selbst gerne in Uzès auf, das merkt man ihren Beschreibungen der bezaubernden südfranzösischen Stadt an. Für Caro wird die Reise zu einem Wendepunkt. Fernab von ihrem Alltag geht sie zunächst zögerlich, dann zunehmen selbstbewusst auf andere Menschen zu und schließt neue Freundschaften. Außerdem entdeckt sie Gefühle, die sie lange nicht mehr so intensiv erlebt hat.

Das Sprachunterricht lässt Caro ausreichend Zeit, sich mit der Frage auseinanderzusetzen, was ihr selbst Freude bereitet und was sie sich von ihrem Leben wünscht. Auch die Exkursionen mit ihrem Französischkurs tragen dazu bei und ermöglichen zugleich den Lesenden, das reizvolle Umland zu entdecken. Die ruhige Erzählweise gibt Caros persönlicher Entwicklung Raum und lässt nachvollziehbar werden, wie es ihr gelingt, ihre eigenen Vorstellungen zu konkretisieren.

Französisches Flair, laue Sommernächte und unbeschwerte Stunden sind das Rezept für den eingängigen Roman „Au revoir und tschüss“ von Gudrun Lochte. Die Geschichte stimmt nachdenklich darüber, seine eigenen Wünsche und Träume nicht aus den Augen zu verlieren. Gerne empfehle ich das Buch weiter.

Dienstag, 11. August 2026

Rezension: Ms Atkins und die Bibliothek der Träume

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Ms Atkins und die Bibliothek der Träume
Autorin: Vanessa Göcking
Erscheinungsdatum: 11.08.2026
Verlag: VANI
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Farbschnitt
und Page Overlay
ISBN: 9783691690026
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Amanda ist die Protagonistin und Titelgeberin des Fantasyromans „Ms Atkins und die Bibliothek der Träume“ von Vanessa Göcking. Seit vielen Jahren arbeitet sie für die britische Zoll- und Steuerbehörde und führt ein zurückgezogenes Leben in ihrer Wohnung im Londoner Stadtteil Hampstead. Einen festen Platz in ihrem Alltag nimmt der Besuch der Bücherei ein, die sie jeden Freitagnachmittag besucht. Eines Tages erhält sie Zugang zu einem geheimnisvollen Raum der Bibliothek, von dem aus ein Fahrstuhl sie zu ihren Träumen bringen kann.

Nur wenigen Besucherinnen und Besuchern ist es gestattet, diesen besonderen Leseraum aufzusuchen. Hierzu gehören Henry, der sich in der Büberei nach dem Schulunterricht etwas hinzuverdient, und die etwa gleichaltrige, aufmüpfige Xiao Mei. Auch der wohlhabende Robert verbringt bereits seit etwa zehn Jahren die meiste Zeit in diesem geheimnisvollen Raum. Ob jung oder älter: Alle vier tragen ein eigenes Schicksal mit sich und bewahren Gedanken und Sorgen, über das sie nicht mit anderen sprechen. Als Amanda jedoch vor einem aktuellen Problem steht, schließen sie sich zu einer Gemeinschaft zusammen und versuchen, ihr beizustehen.

Die Idee hinter der Geschichte ist ansprechend. Eine Bücherei besitzt für Leserinnen und Leser ohnehin eine besondere Faszination, doch geheimnisvolle Vorgänge und mysteriöse Ereignisse verleihen diesem ohnehin Ort ein rätselhafte Atmosphäre. Die vier Hauptfiguren unterscheiden sich deutlich in ihren Eigenarten und es ist interessant zu beobachten, wie sie lernen müssen, aufeinander einzugehen und ihre unterschiedlichen Vorstellungen und Bedürfnisse miteinander zu vereinbaren.

Die Sorgen der ProtagonistInnen bleiben jedoch längere Zeit im Verborgenen und werden später, meiner Meinung nach, recht kurz beschrieben. Ich fand es auch schade, dass kaum eine weitere Auseinandersetzung mit den am Konflikt beteiligten Personen stattfand. Der Verlauf zum Schluss der Geschichte hin konnte mich ebenfalls nicht vollständig überzeugen, weil er mir auf diese Weise die Hoffnung auf weitere Abenteuer der vier Hauptfiguren genommen hat. Zudem empfand ich, dass das wiederholte Erzählen bestimmter Geschehnisse aus unterschiedlichen Perspektiven zu Längen führt.

In der Fantasy „Ms Atkins und die Bibliothek der Träume“ erzählt Vaness Göcking in einer schlichten und leicht zugänglichen Sprache von Mut, Zusammenhalt und der Kraft des Träumens. Das Buch verfügt über einen Farbschnitt und einem innenliegenden Page Overlay, wodurch es optisch so ansprechend gestaltet ist, dass man es besonders gern in die Hand nimmt. Trotz des interessanten Ansatzes konnte mich das Buch aufgrund der oben angeführten Punkte nicht ganz überzeugen.

Samstag, 8. August 2026

Rezension: Bretonischer Glanz - Kommissar Dupins fünfzehnter Fall von Jean-Luc Bannalec

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Bretonischer Glanz - Kommissar Dupins fünfzehnter Fall
Autor: Jean-Luc Bannalec
Erscheinungsdatum: 
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
rezensierte Buchausgabe Paperback mit gestalteten Klappen
ISBN: 9783462006032

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Der fünfzehnte Fall führt den aus Paris stammenden und nach Concarneau versetzten Kommissar Dupin an die Nordwestküste der Bretagne nach Roscoff. Die vorliegenden Fallermittlungen verknüpft Jörg aka Jean-Luc Bannalec wieder eng mit einer regionalen Spezialität. Obwohl die kleine Gemeinde nicht einmal 3500 Einwohner zählt, genießt sie weit über die Bretagne hinaus einen hervorragenden Ruf für ihre Roscoff-Zwiebeln, die sich durch ihre zartrosa Farbe und ihren mild-süßen Geschmack auszeichnen.

Eine besondere Würze erhält der Kriminalroman dadurch, dass die Tote in der Nähe eines der Lesungsorte des gerade stattfindenden, leider fiktiven Krimifestivasl in Roscoff aufgefunden wird. Das Opfer ist die junge, streitbare Betreiberin eines Zwiebelhofs, die sich mit großem Engagement für eine biodynamische Bewirtschaftung einsetzt. Der vor Ort zuständige Kollege geht in den wohlverdienten Ruhestand. Weil Dupins Mitarbeiter Kadeg ohnehin als Zuhörer das Festival besucht, empfiehlt er seinen Chef für die Ermittlungen. Während sich das gesamte Team als krimibegeistert erweist, ist Dupin wenig angetan von dem Wunsch eines Kriminalromanautors, ihn bei seiner Arbeit zu begleiten.

Neben den Beschreibungen der Sehenswürdigkeiten in Roscoff und der Umgebung greift der Autor auch gesellschaftspolitische Themen der Bretagne auf. Zum einen sind es Probleme im Zusammenhang mit Fährverbindungen, zum anderen sind es die Sorgen der landwirtschaftlichen Erzeugerinnen und Erzeuger, die zwischen den polizeilichen Ermittlungen verdeutlichen, welche Herausforderungen die Menschen vor Ort zu bewältigen haben und dadurch zum Nachdenken anregen.

Noch bevor das Motiv und Täterschaft geklärt werden können, geschieht ein weiterer Mord, so dass Dupin und sein Team aus Concarneau ihre bisherigen Erkenntnisse neu bewerten und die bisher ins Visier der Ermittlungen geratenen Personen befragen müssen. Es bleibt bis zum Ende spannend, wer die Morde begangen hat und ob sie von einer oder mehreren Personen ausgeführt wurden.

Auch der fünfzehnte Fall für Kommissar Dupin und sein Team verbindet wieder eine fesselnde Ermittlungsarbeit mit viel regionalem Flair. Mir hat es große Freude bereitet, leserisch erneut in die Bretagne zu reisen.

Mittwoch, 5. August 2026

Rezension: Der Blutmensch zu Köln - Eva-Maria Silber und Kirsten Wilczek (Bas Sello und Mathilde von Tabouillot 1)

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Der Blutmensch zu Köln
Autorinnen: Eva-Maria Silber und Kirsten Wilczek
Erscheinungsdatum: 28.11.2025
Verlag: between Pages by Piper
rezensierte Buchausgabe: Taschenbuch
ISBN: 9783377902733

Nominiert für den Goldenen Homer 2026
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Die beiden Autorinnen Eva-Maria Silber und Kirsten Wilczek haben in ihrem historischen Kriminalroman „Der Blutmensch zu Köln“ ein tatsächliches Verbrechen aus Holstein im Jahr 1866 aufgegriffen, es fiktiv aufgearbeitet und es nach Köln in den August des Jahres 1847 verlegt. Dort verbrennt ein Gutshof zu Schutt und Asche, zwischen denen die Leichen des Bauern, der Bäuerin, von fünf Söhnen und einer Tochter sowie von zwei Knechten und einer Magd gefunden werden. Sehr bald steht fest: die Opfer wurden erschlagen, bevor das Feuer ausbrach, nur ein Sohn überlebt verletzt.

Das fünfzehnjähriges Dienstmädchen Ida gerät unter den Verdacht, die Taten gemeinsam mit ihrem Liebsten begangen zu haben. Ihr Motiv soll Rache gewesen sein, denn sie wurde am Tag des Verbrechens von ihrem Dienstherrn entlassen. Die Redakteurin Mathilde von Tabouillot wird auf den Fall aufmerksam und wittert darin eine Chance, sich mit einer aufsehenerregenden Berichterstattung zu profilieren. Sie glaubt ebenso an die Unschuld der Magd wie Sergeant Hans Baudewin, der Ida verhaften musste. Beide wenden sich an die Kanzlei des erfahrenen Anwalts Dr. Venedey, der die Verteidigung der Magd übernimmt und dabei von seinem Rechtsreferendar Bas Sello unterstützt wird.

Der Kriminalfall ist gut konstruiert und überzeugend inszeniert. Als Anwältinnen gelingt es Eva-Maria Silber und Kirsten Wilczek, juristische Zusammenhänge und die damalige Rechtslage verständlich und anschaulich zu vermitteln. Grundlage hierfür ist ihre sorgfältige Recherche, die sich keineswegs auf rechtliche Aspekte beschränkt. Sie verstehen sich auch darin, das Köln des Jahres 1847 aufleben zu lassen und dabei ein detailreiches Bild der Stadt mit ihren historischen Gebäuden und ihrem damaligen Erscheinungsbild zu zeichnen.

Für humorvolle Momente sorgen die Autorinnen immer wieder, indem sie die rheinische Lebensart durch Dialoge im örtlichen Dialekt, dem rheinischen Singsang, authentisch zum Ausdruck bringen. Für alle, die das Kölnische Platt nicht beherrschen folgt immer eine geschickt in den Text eingearbeitete Übersetzung.

Auch Namensgebung der handelnden Personen wurde passend zu Zeit und Ort gewählt, selbst der französische Nachname der Redakteurin fügt sich stimmig in den historischen und regionalen Kontext ein und basiert auf einem wahren Hintergrund. Die Figur der Mathilde haben die beiden Autorinnen in Anlehnung an eine bekannte Frauenrechtlerin mit gleichem Namen gestaltet.

Aufgrund der geschickten Konstruktion des fiktiven Falls mit der zentralen Frage, ob Idas Unschuld bewiesen werden kann und wenn nicht, ob sich der oder die wahren Täter finden lassen, wird die Spannung bis zum Schluss hochgehalten, Die Geschichte ist als Reihe angelegt und der nächste Fall „Der Bonbonmord zu Köln“ ist bereits erschienen.

Freitag, 31. Juli 2026

Rezension: Dabei waren wir uns immer so nah von Jette Kötschau


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Dabei waren wir uns immer so nah
Autorin: Jette Kötschau
Erscheinungsdatum: 17.07.2026
Verlag: Rowohlt Kindler (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Leseband
ISBN: 9783463000893

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In ihrem Debütroman „Dabei waren wir uns immer so nah“ beschäftigt sich Jette Koetschau mit der Frage, wie sich Freundschaften im Zeitverlauf verändern können. Die drei Protagonistinnen Henri, Merle und Katharina haben sich während ihres Studiums kennengelernt. Im Laufe der Jahre ist ihr Vertrauen zueinander gewachsen. Sie wissen, dass sie sich aufeinander verlassen können und von den anderen mit all ihren Eigenarten und Stimmungen, frei von Vorwürfen, ernst genommen und akzeptiert zu werden. Doch nachdem sie die Dreißig überschritten haben, zeigt sich zunehmend, dass jede von ihnen einen anderen Lebensentwurf verfolgt. 

Merle ist inzwischen verheiratet und Mutter eines kleinen Kindes. Während ihr Mann neben seiner Arbeit den gemeinsamen Hausbau vorantreibt, bleibt die Verantwortung für die Kinderbetreuung überwiegend an ihr hängen. Der bevorstehende Umzug aus der Stadt aufs Land erfüllt sie nicht nur mit Vorfreude, sondern auch mit Unsicherheit, weil sie sich schon jetzt häufig alleingelassen fühlt.

Von Katharina wird Merle um ihr Familienglück beneidet, denn sie wünscht sich seit längerer Zeit ein Kind mit ihrem Partner. Für sie ist es immer wieder schmerzlich, wenn jemand aus ihrem Freundes- oder Bekanntenkreis eine Schwangerschaft verkündet. Um mit ihrer Frustration umgehen zu können, hat sie sich ein bestimmtes Verhaltensmuster angeeignet.

Henri hingegen ist nicht bereit für längere Beziehungen. Sie ist die kontaktfreudigste der Freundinnen und immer bereit zuzuhören und gute Ratschläge zu geben. Gleichzeitig belastet sie das schwierige Verhältnis zu ihrer Mutter. Ihr Traum ist es, sich beruflich selbständig zu machen. Als ihre Großmutter schwer erkrankt, stellt sie sich der Herausforderung, sich mit ihrer Mutter gemeinsam um sie zu kümmern.

Jede der drei Frauen kämpft mit ihren persönlichen Herausforderungen. In ruhigen Momenten wird ihnen jedoch bewusst, wie sehr sie die gemeinsamen Treffen, den regelmäßigen Austausch über ihre Gedanken und Gefühle, aber auch die persönliche Nähe vermissen.

Die Autorin greift Themen auf, die viele Frauen unmittelbar betreffen. Die feinfühligen, ruhigen Beschreibungen des Alltags ihrer Protagonistinnen wirken authentisch, so dass man sich gut in die Lage der Frauen hineinversetzen kann. Es kommt zum Ausdruck, dass sich das Leben nicht detailliert planen lässt und unvorhergesehene Entwicklungen alles verändern können. Obwohl sich Merle, Katharina und Henri in einer Situation befinden, in der sie Zuspruch aus ihrem Umfeld bekommen, ist ihnen bewusst, dass sie an einem Punkt sind, an dem sie selbst eine Veränderung herbeiführen sollten.

In ihrem Roman „Dabei waren wir uns immer so nah“ erzählt Jette Kötschau mit Feingefühl von den Herausforderungen im Erwachsenenleben jenseits der Dreißig und davon, ob lange bestehende Freundschaften trotz persönlicher Veränderungen Bestand haben können. Lebensnahe Figurengestaltung mit realistischen Gefühlen in emotionalen Situationen zeichnen die Geschichte aus, die ich gerne weiterempfehle.

Mittwoch, 29. Juli 2026

Rezension: Hörst du die Instrumente aus aller Welt - illustriert von Marion Billet

 


Hörst du die Instrumente aus aller Welt
Illustratorin: Marion Billet
Pappbilderbuch: 14 Seiten
Erschienen am 29. Juli 2026
Verlag: FISCHER Sauerländer
Link zur Buchseite des Verlags

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„Hörst du die Instrumente aus aller Welt“ ist die neueste Ergänzung der Hörst du-Reihe mit Soundbüchern ab 12 Monaten. Wir haben bereits den vorherigen Band zu „Die vier Jahreszeiten“ zu Hause, der seit Monaten rauf und runter gehört wird. Entsprechend begeistert war mein Sohn, als ich das neue Buch ausgepackt habe. Das einladende Cover zeigt einen Tiger mit Bambusflöte vor einer knallig gelben Wüstenlandschaft. Die Illustrationen von Marion Billet sind liebevoll und zeigen musizierende Tiere, die zum Land des jeweiligen Instruments passen. Es gibt kleine süße Details, ohne dass die Szenen zu überfrachtet sind.

Insgesamt können fünf Sounds entdeckt werden. Besonders gut kam bei meinem Sohn die Darbuka an, hier trommelt er immer begeistert mit. Text ist im Buch nicht enthalten, nur der Name des Instruments und das Land, aus dem es stammt. Enttäuscht hat mich die Länge der Sounds. Im Vivali-Buch sind sie fast 20 Sekunden lang, hier ist kein Sound länger als 10 Sekunden. Also drückt man entweder ständig neu oder das Buch ist sehr schnell vorbei. Auf der letzten Seite wartet wie für die Reihe üblich noch ein Sound-Suchspiel. Bei diesem sind die fünf Instrumente mit Tiergeräuschen gemischt worden und müssen richtig zugeordnet werden. Mein Sohn spielt es immer wieder gerne. Für uns ist „Hörst du die Instrumente aus aller Welt“ eine tolle Ergänzung der Reihe, wobei uns der vorherige Band noch etwas besser gefallen hat.

Montag, 27. Juli 2026

Rezension: Wirf einen Schatten von Elena Fischer

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Wirf einen Schatten
Autorin: Elena Fischer
Erscheinungsdatum: 22.07.2026
Verlag: Diogenes
rezensierte Buchausgabe: Leseexemplar als Taschenbuch
spätere ISBN für das Hardcover: 9783257073904

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Der Roman „Wirf einen Schatten“ von Elena Fischer führt zurück zum Heiligabend des Jahres 1963. Statt sich auf das kommende Weihnachtsfest zu freuen, wird der Protagonist Joseph vermutlich allein auf seinem Bauernhof verbringen. Schon auf der ersten Seite spricht sein Kummer aus den Zeilen und der Anlass dafür wird angedeutet: Seine Frau hat ihn verlassen und den gemeinsamen vierjährigen Sohn mitgenommen. Den Hof hat er von seinen Eltern übernommen, die bereits verstorben sind. Wo einst Betriebsamkeit herrschte, ist nun Einsamkeit eingekehrt.

Sein Beruf verlangt Joseph täglich einiges ab, doch nun bleibt ihm Zeit darüber nachzudenken, wie er sich seine Zukunft vorstellt. Er fragt sich, ob ihn überhaupt jemand oder etwas ihn vermissen würde und kommt zu einer ernüchternden Antwort. Am tiefsten Punkt seiner Überlegungen klingt es an der Tür. Es ist jedoch nicht die Person, auf die er insgeheim hofft, sondern eine unbekannte junge Frau, die in der Folgezeit einigen Wirbel verursacht. Außerdem lebt seine Schwägerin nur unweit entfernt. Von Beginn an ist spürbar, dass er zu ihr eine besondere Beziehung hat, auch wenn die Hintergründe lange im Dunkeln bleiben.

Nach und nach wird deutlich, warum Joseph so sehr mit sich selbst ringt. Bereits als Kind wurde er von seinen Eltern ständig mit seinem Bruder verglichen, meist nicht zu seinem Vorteil. Immer wieder unterbrechen Rückblenden die Gegenwartshandlung und formen das Bild der Lebensvorstellungen seines Vaters, seiner Mutter und seiner Großmutter in den 1920er und späteren Jahren.

Eine zweite Erzählebene führt in wechselnden Kapiteln immer weiter in die Vergangenheit. Darin durchlebt Joseph noch einmal die einzelnen Phasen der Beziehung zu seiner Frau bis hin zu ihrem Kennenlernen. Indem die Geschichte rückwärts erzählt wird, schließt sich der anfänglich klaffende Spalt der Trennung immer weiter zu und es wird die unbeschwerte Anfangszeit ihrer Liebe spürbar. Es zeigt sich aber auch, dass Joseph seinen Alltag einfach weitergeführt und nicht daran gezweifelt hat, dass seiner Frau das ländliche Leben gefallen wird, obwohl sie in der Stadt aufgewachsen ist und immer dort gewohnt hat.

Joseph ist ein gebildeter und sensibler Mann, der sich den Gegebenheiten und den Erwartungen seines Umfelds angepasst hat. Das Erscheinen der unbekannten jungen Frau in seiner dunkelsten Stunde wirkt zwar konstruiert, setzt jedoch einen entscheidenden Veränderungsprozess in Gang. Insbesondere die weiblichen Hauptfiguren der Geschichte, die Selbstbewusstsein entwickelt haben und sich souverän geben, zeigen ihm, dass man sich aus seiner Rolle lösen kann.

In ihrem Roman „Wirf einen Schatten“ lässt Elena Fischer den Zeitgeist des Jahres 1963 wieder aufleben, in der traditionelle Werte noch hochgehalten wurden, aber bereits gesellschaftliche Umbrüche spürbar waren. Mit feinem Gespür für die Zwischentöne zeichnet sie die Gefühle des Protagonisten, der zwischen Pflicht und Sehnsucht mit sich hadert und nach einem Dasein sucht, das er für lebenswert hält. Gerne empfehle ich das Buch weiter.

Mittwoch, 22. Juli 2026

Rezension: Ein unglücklicher Tod - Ein Fall für DC Smith von Peter Grainger

 

Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Ein unglücklicher Tod - 1 Band Serie DC Smith
Autor: Peter Grainger
Übersetzerin: Eva Regul
Erscheinungsdatum: 22.07.2026
rezensierte Buchausgabe: Leseexemplar als Taschenbuch
ISBN des Hardcovers: 9783257696677

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„Ein unglücklicher Tod“ ist der erste Kriminalfall, in dem DC Smith ermittelt, wobei „DC“ nicht den Dienstrang des Detective Sergeants bezeichnet, sondern als Abkürzung seines Vornamens David Conrad steht. Der englische Autor Peter Grainger hat das Buch in seiner Heimat bereits vor dreizehn Jahren veröffentlicht, nun erscheint es erstmals auf Deutsch. In England sind inzwischen siebzehn Bände erschienen, und es gibt weiterhin Nachschub, in denen DC Smith selbst ermittelt oder zur Fallaufklärung herangezogen wird.  

Nach einer eingehenden Untersuchung eines Falls, an dem DC Smith zuvor beteiligt war, kehrt er zurück an seinen Posten bei der Polizei von Kings Lake, einem fiktiven Ort an der Nordseeküste in Norfolk, der etwa dem realen King`s Lynn entspricht. Er steht kurz vor der Berentung und hat es abgelehnt, auf einem höheren Rang, den er bereits inne hatte, weiterzuarbeiten.

Detective Inspector (DI) Reeve weist ihm als seiner Vorgesetzte Aufgaben in Prävention und Kommunikation zu. Ein eigenes Team soll er aber zunächst nicht erhalten. Zudem übergibt sie ihm eine Akte über den Tod des siebzehnjährigen Wayne, bei der nur noch eine Unterschrift fehlt, um den Fall abzuschließen. DC Smith wertet dies als Hinweis darauf, dass DI Reeve es für möglich hält, dass der Junge nicht einfach beim Schwimmen im Fluss ertrunken ist. Außerdem erhält er eine besondere Aufgabe: Er soll den neuen Kollegen DC Waters für wenige Tage über seine Schulter schauen lassen. Zu diesem Zeitpunkt ahnt er noch nicht, mit welcher großen Hilfe ihn DC Waters unterstützen wird.

Von Beginn an verdeutlicht Peter Grainger, dass DC Smith nicht bei jedem Kollegen ein hohes Ansehen genießt. Man fiebert mit, ob es ihm gelingt, den Fall vollständig aufzuklären, um seine Kompetenz zu beweisen und seine Kritiker eines Besseren zu belehren. Aufgrund seiner langjährigen Erfahrung versteht es DC Smith, die richtigen Fragen an die entscheidenden Personen zu richten. Gerne verschafft er sich ein eigenes Bild von Spuren und Hinweisen bei den Ermittlungen, kann jedoch ebenso gut delegieren, um sich zu entlasten. Er bleibt sachlich und respektvoll, weiß aber genauso gut mit Ironie umzugehen. Seine Frau ist verstorben und man spürt seine Trauer, wenn er an sie denkt.

Die Umstände des Todes von Wayne erweisen sich erwartungsgemäß als komplex. Dabei greift der Autor ein Thema auf, welches zunächst nicht absehbar ist. Die fesselnde Atmosphäre hält sich mühelos bis zum Schluss. Über die Vergangenheit von DC Smith finden sich immer wieder kleine Andeutungen, vieles bleibt aber offen. Daher freue ich mich auf die nächsten Bände der Reihe, um mehr darüber zu erfahren. Gerne empfehle ich diesen Auftakt der Serie weiter.

Dienstag, 21. Juli 2026

Rezension: Tür auf für Dackel und Maus - Beim Einkaufen von Pe Grigo


Tür auf für Dackel und Maus - Beim Einkaufen
Autorin & Illustratorin: Pe Grigo
Pappbilderbuch: 20 Seiten
Erschienen am 21. Juli 2026
Verlag: Hanser
Link zur Buchseite des Verlags

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Dackel und Maus wollen Äpfel kaufen gehen und ziehen gemeinsam los. Sie sehen einen Laden und rufen laut „Bitte Tüüür aaauf!“ Doch im Laden stellt sich heraus: Hier gibt es gar keine Äpfel, dafür aber jede Menge anderer toller Sachen. Und dann ist auch noch die Maus verschwunden! Dieses Spiel wiederholt sich mehrere Male, bis die beiden Tiere endlich den Obst- und Gemüseladen gefunden haben.

Mein 18 Monate alter Sohn war bei diesem Buch direkt Feuer und Flamme. Mit großem Eifer öffnet er Dackel und Maus durch Umblättern immer wieder die Tür zum jeweiligen Laden. Wo sich die Maus überall versteckt hatte er schnell raus und tippt gleich begeistert auf das Versteck, wo mal eine Nase, mal ein Auge oder die Ohren hervorschauen. In den Läden gibt es viel zu Entdecken. Backwaren, Bücher, Spielzeug und schließlich Obst und Gemüse. Mein Sohn benennt fleißig die angebotenen Waren. Die liebevollen Illustrationen und die Mitmachelemente sorgen dafür, dass er das Buch immer wieder anschauen will und dabei großen Spaß hat. Sehr gerne empfehle ich das Buch an Kinder in ähnlichem Alter weiter!


Sonntag, 19. Juli 2026

Rezension: Tage am Fluss von Jochen Mariss

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Tage am Fluss
Autor: Jochen Mariss
Erscheinungsdatum: 09.07.2026
Verlag: Kiepenheuer und Witsch (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Leseband
ISBN: 9783462013672

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Sara, die Protagonistin des Romans „Tage am Fluss“ von Jochen Mariss, lebt in einem kleinen Ort unweit von Hamburg, der ohne Umwege nur über eine von ihr betriebene Gierseilfähre erreichbar ist. Eine weitere Hauptfigur ist Leon, der sich einer Gruppe von Umweltaktivisten angeschlossen hat, die durch eine Baumbesetzung den Uhlendorfer Forst vor der Abholzung bewahren wollen. An einem heißen Sommertag betritt Leon die Fähre von Sara und wird dort aufgrund einer Verletzung und der Hitze bewusstlos. Obwohl Handlung, Figuren und Orte, abgesehen von Großstädten, fiktiv sind, wirkt das klimatische Szenario der gesamten Geschichte erschreckend aktuell.

Sara ist in ihren Vierzigern und vor einigen Jahren in ihre Heimat zurückgekehrt, um die Familientradition fortzusetzen und die Fähre in vierter Generation zu betreiben. Gemeinsam mit ihrem Hund lebt sie zurückgezogen im Elternhaus und verzichtet weitgehend auf Konsum. Sieben Hühner, drei Schafe sowie ein Garten ermöglichen ihr, sich zu großen Teilen selbst versorgen kann. Ihr Leben im Einklang mit der Natur wird jedoch zunehmend durch die Unwägbarkeiten des Wetters beeinträchtigt, denn bei Niedrig- und Hochwasser kann sie die Fähre nicht übersetzen.

Nicht nur für Leon, sondern auch für die Lesenden ergeben bereits nach den ersten Seiten zahlreiche Fragen, die eine unterschwellige Spannung erzeugen: Warum ist Sara zurückgekehrt? Welches Leben hat sie zuvor geführt? Und was ist mit ihrem Bruder geschehen, an den sie durch Leon erinnert wird?

Als Leon, mehr als zwanzig Jahre jünger als Sara, die Fähre betritt, befindet er sich auf der Flucht, ohne ein bestimmtes Ziel. Nur aufgrund seines gesundheitlichen Zustands, gewährt Sara ihm eine Nacht in ihrem Haus. Auch Leon bleibt zunächst eine geheimnisvolle Figur, deren Vergangenheit sich sowohl Saral als auch den Lesenden erst nach und nach erschließt.

Jochen Mariss gelingt es, Gegensätze miteinander zu verbinden. Einerseits schildert er die idyllische Flusslandschaft, an deren Ufer Sara in ihrer wenigen freien Zeit sitzt und liest, aber auch gerne zum Schwimmen in den Fluss steigt. Auf der anderen Seite beschreibt er Saras fordernden Alltag mit körperlich anstrengenden Arbeit. Zusätzlich muss sie sich seit geraumer Zeit mit den Befürwortern einer Brücke auseinandersetzen, die ihre Interessen mit dreisten Methoden durchsetzen wollen. Die besondere Stärke des Autors, eine Situation in prägende Worte zu setzen, blitzt im gesamten Roman immer wieder durch, in guten wie in schlechten Zeiten.

Anhand des Alters der beiden Hauptfiguren wird veranschaulicht, dass das Thema Klimawandel ebenso wie der verantwortungsvolle Umgang mit der Umwelt generationsübergreifend wichtig sind. Vor allem Leon beschäftigt sich intensiv mit existenziellen Fragen zur Zukunft der Welt. Zugleich verdeutlicht Jochen Mariss, dass Liebe nicht abhängig vom Alter ist und vielmehr Verständnis, Vertrauen und gemeinsame Werte entscheidend sind.

Der Debütroman von Jochen Mariss „Tage am Fluss“ verbindet aktuelle gesellschaftliche Fragestellungen mit einer feinfühlig erzählten Liebesgeschichte über zwei Figuren, die in einer eigenwilligen Beziehung sind. Die Geschichte stimmt nachdenklich über die Beziehung des Menschen zur Umwelt und veranschaulicht, wie Nähe durch Offenheit und gemeinsame Überzeugungen wachsen kann. Sehr gerne empfehle ich das Buch weiter, bei dem die Luft genauso vor Hitze flirrt wie gerade in unserem Sommer. 


Dienstag, 14. Juli 2026

Rezension: Der Club der Unbeugsamen von Kathryn Stockett

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Der Club der Unbeugsamen
Autorin: Kathryn Stockett
Übersetzerin: Cornelia Holfeder - von der Tann
Erscheinungsdatum: 27.05.2026
Verlag: btb (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN: 9783442763351
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In ihrem Roman „Der Club der Unbeugsamen“ nimmt die US-amerikanische Autorin Kathryn Stockett die Lesenden mit nach Oxford im Bundesstaat Mississippi. Die Handlung spielt von Juli bis Oktober 1933, einer Zeit mitten in der „Großen Depression“, der schweren Wirtschaftskrise in den USA, die mit dem Börsencrash 1929 begann und die gesamten 1930er Jahre mit weltweiten Auswirkungen prägte. Der amerikanische Originaltitel „The Calamity Club“ verweist auf die schwierige Lebenssituation der Frauen, die im Fokus der vorliegenden Geschichte stehen und daher einen Club gründen, um ihre wirtschaftliche Lage zu verbessern. Sie gehen trotz zahlreicher Widerstände ihren Weg, was auch der deutsche Titel aufgreift.

Im Prolog kauft die 24 Jahre alte Birdina „Birdie“ Calhoun, eine der beiden aus der Ich-Perspektive erzählenden Protagonistinnen, in einer Drogerie eine große Menge Präservative und erwähnt dabei ausdrücklich, dass diese nicht für sie bestimmt sind. Dieser rätselhafte Einstieg machte mich neugierig auf den Hintergrund. Zwei Monate zuvor hat Birdie die elfjährige Margot „Meg“ Lefleur kennengelernt, die zweite Protagonistin des Romans. Meg lebt seit eineinhalb Jahren in einem Waisenhaus, nachdem ihre Mutter kurz vor Weihnachten verschwand. Als eines der ältesten Kinder wird sie von der Leiterin des Heims schikaniert.

Im ersten Teil des Buches zeichnet Kathryn Stockett ein eindringliches Bild der Lebensumstände ihrer beiden Hauptfiguren. Sie schildert die unwürdigen Bedingungen im Waisenhaus, in dem Meg aufgrund ihres Verhaltens sogar vom Schulunterricht ausgeschlossen wird. Birdie reist aus ihrem kleinen Heimatort nach Oxford, um dort ihre jüngere Schwester Frances zu besuchen und sie um finanzielle Unterstützung für die Mutter und die Großmutter zu bitten. Während Frances in eine gut betuchte Familie eingeheiratet hat, reicht Birdies Einkommen aus ihrer Tätigkeit im örtlichen Dorfladen kaum für den dreiköpfigen Haushallt, zumal sie für die gleiche Arbeit schlechter bezahlt wird als ein männlicher Kollege.

Die Bewohner von Mississippi leiden nicht nur unter den Folgen der anhaltenden Wirtschaftskrise, sondern auch unter den gesellschaftlichen Zwängen ihrer Zeit. Verstöße gegen die Prohibition werden streng verfolgt und bestraft, ebenso wie die Einhaltung der Gesetze zur Rassentrennung und gegen gleichgeschlechtliche Beziehungen. Kathryn Stockett macht eindrucksvoll deutlich, wie tief diese Vorschriften das Leben die Menschen prägen und die Gesellschaft spalten. In der Figur der Waisenhausleiterin findet sich eine zutiefst unsympathische Figur: Diese ist davon überzeugt, dass bestimmte Krankheiten sowie gewisse Denk- und Verhaltensweisen von Frauen unweigerlich zu einer Intelligenzminderung führen. Die Weitergabe dieser Eigenschaften versucht sie radikal zu unterbinden.

Die Autorin verdeutlicht, dass die wirtschaftliche Not sowohl die arme als auch die reiche Bevölkerung trifft, wenn auch in unterschiedlicher Ausprägung. Besonders alleinstehende, einkommensschwache Frauen verfügen nur über wenige Möglichkeiten, sich ein selbstbestimmtes Leben aufzubauen und dabei ihre Würde zu bewahren. Den täglichen Kampf für eine solche Unabhängigkeit wird im zweiten Teil des Buches geschildert. Nachdem Birdie die verzweifelte Charlie kennengelernt hat, lässt sie sich auf deren fragwürdigen Vorschlag ein, mit einem als Tanzclub getarnten Unternehmen in kurzer Zeit viel Geld zu verdienen.

Mit „Der Club der Unbeugsamen“ lässt Kathryn Stockett das Mississippi des Jahres 1933 lebendig werden. Einfühlsam versteht sie es, über den familiären Hintergrund ihrer facettenreich gestalteten Protagonistinnen Birdie und Meg sowie weiteren starken Frauenfiguren sowohl die gesellschaftlichen Missstände der Zeit als auch den unermüdlichen Kampf von Frauen gegen Konventionen und für ihre Ziele greifbar zu machen. Sehr gerne empfehle ich das Buch weiter. 



Donnerstag, 2. Juli 2026

Rezension: Unerwünschte Töchter von Miriam Carbe


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Unerwünschte Töchter
Autorin: Miriam Carbe
Erscheinungsdatum: 28.05.2026
Verlag: Hanser (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Leseband
ISBN: 9783446287426
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In ihrem Roman „Unerwünschte Töchter“ spannt Miriam Carbe einen Bogen über vier Generationen ihrer Familie und beleuchtet das Leben ihrer Urgroßmutter Margarethe, ihrer Großmutter Marianne, ihrer Mutter Monika sowie ihre eigenen Kindheit. Entsprechend des Titels kamen sie jeweils zu einem Zeitpunkt zur Welt, der von ihren Müttern eher unpassend empfunden wurde.

Margarethe wurde Ende des 19. Jahrhunderts in Dresden, bereits drei Monate nach der Hochzeit ihrer Eltern in wohlhabende Verhältnisse hineingeboren und war bedauerlicherweise nicht der erwartete Sohn. Sie selbst gebar ihre Tochter Marianne 1914, nur wenige Tage bevor ihr Ehemann zum Kriegsdienst eingezogen wird und davon nicht zurückkehrte. Während des Zweiten Weltkriegs ist Marianne mit einem Offizier der Wehrmacht liiert, der zunächst im Innendienst eingesetzt wird, später jedoch an die Front versetzt wird und dort fällt. Zu diesem Zeitpunkt erwartet sie bereits Monika. 1967 kommt in dieser Kette der Mütter die Autorin zur Welt, gegen den Wunsch ihrer Großmutter und ihres Vaters.

Ein über die Generationen weitergereichter Kirschholzschrank ihrer Urgroßmutter, der sich heute im Besitz der Autorin befindet, erinnert sie an ihre Vorfahrinnen, deren Lebenswege den Roman inspiriert haben. Einst beherbergte er Bücher wechselnder Genres, die stets als Bereicherung der Lebensqualität galten sowie Dekorationsartikel. Heute bewahrt die Autorin darin jedoch einen besonderen Schatz auf: die Tagebücher und Notizen der Frauen ihrer Familie, die diese zahlreich hinterlassen haben und deren älteste Ausgabe Eintragungen von 1908 enthält. Sie haben darin Familienereignisse festgehalten oder einfach ihre Gedanken zu Themen, die sie gerade beschäftigten.

Miriam Carbe erzählt die familiären Geschehnisse in chronologischer Reihenfolge. Zwischen die historischen Kapitel fügt sie Abschnitte ein, in denen sie eigene Erinnerungen schildert und Kenntnisse, die auf den Aufzeichnungen der Vorfahrinnen basieren, aus denen sie immer wieder zitiert, was maßgeblich zur Authentizität des Romans beiträgt. Zeiträume, zu denen sich keine Hinweise in den Eintragungen finden, füllt sie mit Fiktion, was ihr hervorragend gelingt, da sich keine Brüche erkennen lassen. Um bestimmte Aspekte der gesellschaftspolitischen Entwicklung und deren Auswirkungen in die Erzählung einzubinden, erschafft sie fiktive Figuren, deren Lebensgeschichten sich ebenso nahtlos in die überlieferte Familiengeschichte einfügen.

Die Geschichte zeichnet zwischen den Zeilen die Entwicklung der Rolle der Frau über die Jahre hinweg ab. Sie zeigt allerdings auch, wie tief Konventionen prägen können, so dass sie an die nächste Generation weitergegeben werden, obwohl sie längst überholt sind. Die Vorfahrinnen der Autorin stellen sich auf ihre eigene Art und den ihn gegebenen Möglichkeiten gegen die ihnen auferlegten, gesellschaftlichen Erwartungen und erkämpfen sich gewisse Freiräume. Dennoch bleiben sie manchmal ihrer eigenen Meinung gegenüber Widerständen fest verhaftet.

Mit „Unerwünschte Töchter hat Miriam Carbe einen bewegenden Roman geschrieben, der Familiengeschichte, historische Fakten und Fiktion überzeugend miteinander verbindet. Die zitierten Tagebucheinträge machen die Schicksale der Vorfahrinnen der Autorin unmittelbar erfahrbar, so dass ein vielschichtiges Generationenporträt entsteht, das nachhallt. Sehr gerne empfehle ich das Buch weiter.

 

Samstag, 27. Juni 2026

Rezension: Kein Sommer ohne August von Lucy Astner

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Kein Sommer ohne August
Autorin: Lucy Astner
Erscheinungsdatum: 01.06.2026
Verlag: Lübbe (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Klappenbroschur
ISBN: 978375770229

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Mit dem Roman „Kein Sommer ohne August“ hat die Autorin Lucy Astner nach eigener Aussage ein Buch geschrieben, wie sie selbst ihn gerne lesen würde. Bereits die sommerlich frische Gestaltung mit Farbschnitt ist ein Eyecatcher und lässt erahnen, dass die Handlung am Meer spielt. Doch die 32-jährige Protagonistin Charlie, die inzwischen in London in einer Event-Agentur arbeitet, kehrt nicht wegen der faszinierenden Umgebung oder aufgrund eines Urlaubs an ihren früheren Wohnort Liberty Beach zurück. Vielmehr sind es einige kurze Zeilen ihres Jugendfreunds August Green, die sie veranlasst haben, nach zehn Jahren in den Nordosten der USA heimzukehren, jedoch nur für wenige Tage.

Charlies Mutter war alleinerziehend und verfügte nur über geringe finanzielle Mittel. Mit elf Jahren lernt Charlie bei einem Vorfall, der ihr später peinlich ist, in der örtlichen Buchhandlung von Liberty Beach den Enkel der Inhaberin kennen. August ist etwa gleich alt und lebt mit seinen Eltern in New York. Seine dreiwöchigen Ferien verbringt er jedes Jahr bei seiner Großmutter Molly. Über zwölf Sommer hinweg erneuern Charlie und August ihre Freundschaft immer wieder und teilen ihre Liebe zu Geschichten und Büchern.

Lucy Astner versteht es ausgezeichnet, das Geheimnis lange zu bewahren, welches die tiefe Verbundenheit der beiden eines Tages erschüttert und Charlie dazu veranlasste, ihre Heimat zu verlassen. Dass August von ihr bereits auf den ersten Seiten der Geschichte als der größte Fehler ihres Lebens bezeichnet wird, deutet auf die Schwere des Konflikts hin. Der Roman entfaltet sich auf zwei Zeitebenen und wechselt zwischen der Gegenwart und den damaligen Sommern, die in chronologisch erzählt werden.

Für Charlie wird die Buchhandlung von Augusts Großmutter zum Zufluchtsort. Die Beziehung zu ihrer Mutter ist problembelastet. In der Buchhandlung hilft sie Molly und darf in die Geschichten zwischen den Buchseiten eintauchen, was ihr dabei hilft, die Gegenwart auszublenden. Die gemeinsamen Tage mit August sind geprägt von guten Gesprächen über Bücher, jedoch schleicht sich zunehmend ein deutlich stärkeres Gefühl als Zuneigung in ihre Freundschaft ein.

Die langen Monate zwischen den Sommern werden zu einer Zerreißprobe ihrer Beziehung. Die räumliche Distanz nährt das Misstrauen darüber, welche Kontakte der jeweils andere in der Zwischenzeit pflegt. Charlies Argwohn wird zusätzlich dadurch verstärkt, dass August ihr gegenüber ruhig und zurückhaltend wirkt, während er anderen gegenüber offen und humorvoll auftritt. In ihrem Schmerz zieht sie sich zurück, statt die Möglichkeit einer Aussprache zu nutzen. Außerdem begleitet Charlie über die Jahre hinweg eine Vorstellung ihrer Mutter, die die Liebe mit einer Rolltreppe vergleicht und dafür sorgt, dass sie ihre eigenen Gefühle zu verbergen sucht.

Der Roman „Kein Sommer ohne August“ von Lucy Astner ist ein atmosphärisch dichter Coming-of-Age-Roman mit einer originellen Liebesgeschichte, der von der Magie heißer Sommertage und dem Duft von Büchern begleitet wird. Gerne empfehle ich das Buch weiter.

Freitag, 19. Juni 2026

Rezension: Der Tag war schön und ich dachte an dich von Sofia Montrone

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Der Tag war schön und ich dachte an dich
Autorin: Sofia Montrone
Übersetzerin: Eva Bonné
Erscheinungsdatum: 19.06.2026
Verlag: Rowohlt (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Leseband
ISBN: 9783498007751

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„Der Tag war schön und ich dachte an dich“ ist das Debüt der in Kalifornien lebenden Autorin Sofia Montrone. Der Roman erzählt die Geschichte der in Manhattan lebenden Leo und ihrer Familie, die ihre Sommer im Norden Italiens verbringt. Dort, in der Lombardei, führt Nonna Tina, die Mutter von Leos Mutter, seit vielen Jahren ein Hotel.

Im Sommer des Jahres 2010 ist Leo zehn Jahren alt. Sie hilft ihrer betagten Großmutter tatkräftig beim Bettenmachen und Reinigen der Zimmer und unterstützt sie auch hier und da, wo es gerade nötig ist. Durch die Spuren jeder Art, die die Gäste im Hotel hinterlassen, beginnt sie darüber nachzudenken, welches Leben diese Menschen wohl in ihrer Heimat führen mögen. Währenddessen verbringt ihre chronisch erschöpfte Mutter die meiste Zeit im Bett. Mit Max ihrem ein Jahr jüngeren Bruder hat sie stets einen Spielgefährten zur Seite. Beide lauschen gerne dem Mythos der „Odyssee“, die ihr Vater, der gerne Trost im Alkohol sucht, ihnen stückweise erzählt. Leo sieht in der Figur des Odysseus Parallelen zu ihrem Vater, der auf der Suche nach Halt im Leben zu sein scheint und dabei seine Familie zurücklässt.

In einem zweiten Erzählabschnitt ist Leo achtzehn Jahre alt und verbringt den heißen Sommer erneut bei ihrer Großmutter im Hotel. Doch ein Unfall hat in den vergangenen Jahre ihre Familie verändert. Leo bandelt halbherzig mit einem Jungen im Dorf an. Als die fast gleichaltrige Amerikanerin Dolores, die eine nahegelegene Geigenbauschule besucht, eine Aushilfsstelle im Hotel annimmt, wirbelt sie Leos Gefühlswelt durcheinander. Für sie scheint nun die Zeit gekommen zu sein, sich mit ihrer nahen Zukunft auseinanderzusetzen. Dabei bleibt die Beschreibung der Beziehung eher im Hintergrund. Der Titel nimmt Anspielung auf Leos Überlegung, zukünftig alles Schöne, das sie sieht, mit Erinnerungen an ihre große Liebe zu verknüpfen.

Sofia Montrone erzählt diese sanft fließende Geschichte in einem sprachgewandten, poetischen Stil. Bei den Handlungen von Leo schaut sie genau hin und lässt ihre Protagonistin im Verlauf der Handlung eine Vielzahl an Gefühle durchleben, von Ekel bis Wohlbehagen, von Wut bis Gelassenheit. Angst, Neugier, Liebe und Trauer begleiten die Romanhandlung. Die Spiele der Weltmeisterschaften reizen die Emotionen der Personen im Umfeld Leos, die in der Phase ihres Coming-of-Age versucht, ihre Erfahrungen einzuordnen und für sich verständlich zu machen. Die Autorin verwendet eine auktoriale Erzählperspektive, wodurch für mich allerdings eine gewisse Distanz zu Leo blieb.

In ihrem Debütroman „Der Tag war schön und ich dachte an dich“ verbindet Sofia Montrone abwechslungsreiche Stimmungsbilder und familiäre Konflikte mit einer feinfühlig erzählten Liebesgeschichte. Der sprachlich feine Schreibstil verleiht dem Roman eine besondere Atmosphäre und trägt auch über ruhigere Passagen hinweg.

Montag, 15. Juni 2026

Rezension: Pause von Lena Kupke

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Pause
Autorin: Lena Kupke
Erscheinungsdatum: 15.05.2026
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Leseband
ISBN: 9783423285421
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In ihrem Debütroman „Pause“ erzählt Lena Kupke von der 36-jährigen Hanna, die in Berlin lebt und während einer beruflichen Präsentation ihrer Arbeit für die Anwesenden völlig unerwartet das Bewusstsein verliert. Die behandelnde Ärztin im Krankenhaus entscheidet, dass sie in den nächsten Stunden nicht allein bleiben soll. Da weder ihr Lebenspartner Paul noch ihre Freundinnen Zeit haben, bleibt ihr als letzte Lösung nur, dass ihre Eltern sie aus dem etwa zweihundert Kilometer entfernten Lüneburg zu sich nach Hause holen.

Während Hannas Schwester Sara immer noch in der Heimat lebt, hat Hanna das Elternhaus bereits vor mehreren Jahren verlassen. Der Alltag ihrer Eltern folgt inzwischen einem routinierten Ablauf, der durch ihre Rückkehr durcheinandergerät. Kaum hat Hanna wieder ihr Kinderzimmer bezogen, werden viele Erinnerungen an die kleinen Marotten ihrer Mutter und ihres Vaters wach. Schon bald empfindet Hanna ihre Anwesenheit im Elternhaus als belastend, nicht zuletzt wegen mancher Bemerkungen ihrer Mutter. Dadurch, dass Hanna aus der Ich-Perspektive heraus erzählt, konnte ich ihrer Gefühlswelt sehr gut nachvollziehen. Ich empfand ihre Handlungen als authentisch, auch weil die Autorin darin vermutlich eigene Erfahrungen hat einfließen lassen.

Es wird von Beginn an deutlich, dass Hanna in den vergangenen Jahren einiges erlebt hat, dass ihr Angst macht und Panik auslöst. Das Problem wird allerdings nie beim Namen genannt, ist aber zwischen den Zeilen zu lesen, beispielsweise dann, wenn jemand über die Kinder von Gleichaltrigen spricht und sie sich am liebsten abwenden möchte. Es zeigt sich mit der Zeit, dass dieses Thema auch ihre Beziehung zu Paul belastet und zu Spannungen zwischen ihnen geführt hat.

In Hannas Familie ist seit jeher vieles unausgesprochen geblieben: man streitet sich und wenn man sich wenig später wieder trifft, ist alles wieder gut. Hanna hat inzwischen jedoch erkannt, dass ihr offenes Reden und Diskutieren über Sorgen und Ängste helfen würde. Es fehlt ihr aber der Mut, ihre eigenen Bedürfnisse klar zu formulieren und für sich einzustehen. Die Geschichte endet für sie mit einem wohlgemeinten Schluss.

Lena Kupke erzählt in ihrem bewegenden Roman „Pause“ feinfühlig mit Tiefgang über schwierige Themen im frischen und zeitweile amüsanten Sprachstil. Sie verdeutlicht, wie wichtig es manchmal sein kann, innezuhalten, um sich darüber klarzuwerden, ob eine neue Ausrichtung des Lebenswegs sinnvoll ist. Gerne empfehle ich den Roman weiter.

Sonntag, 7. Juni 2026

Rezension: Eine Liebe ohne Sommer von Timothy Paul

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Eine Liebe ohne Sommer
Autor: Timothy Paul
Erscheinungsdatum: 15.05.2026
Verlag: Rowohlt Polaris (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover
ISBN: 9783449017568
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Die Liebe von Rosa erlebt, wie bereits der Romantitel „Eine Liebe ohne Sommer“ andeutet, keine warme Jahreszeit, weil ihr geliebter Nikolas an einem kalten Wintertag bei einem Unfall ums Leben kommt. Im Buch von Timothy Paul begegnen sich die beiden durch Zufall auf der Treppe des Hauses, in dem sowohl Rosa als auch die Mutter von Nikolas wohnen. Es bleiben ihnen nur wenige Wochen, um einander besser kennenzulernen, bevor das gemeinsame Glück jäh endet.

Rosa ist 35 Jahre alt und seit drei Jahren Single. Von Beruf ist sie Redakteurin und Ghostwriterin. Sie kann kaum glauben, dass der gutaussehende Nikolas sich für sie interessiert. Obwohl sie sich von Beginn an zu dem charmanten, aber risikofreudigen Mann hingezogen fühlt, erfährt sie von ihm wenig über sich und seine Freunde, von denen er ihr nie jemanden vorstellt. Nach seinem Tod bleiben daher zahlreiche Fragen offen, sodass Rosa das Gefühl hat, den von ihr geliebten Mann nie wirklich gekannt zu haben. Um Antworten zu finden, sucht sie bewusst den Kontakt zu seinen Freunden und Weggefährten. Gespräche mit ihnen sollen ihr Einblicke in sein Leben zu ermöglichen.

Die Geschichte wird von Rosa aus der Ich-Perspektive erzählt, die nicht nur in der Gegenwart spielt, sondern auch Rückblicke auf die kurze Beziehung gewährt. Für zusätzliche Abwechslung Sorgen Auszüge aus Rosas Notizbuch sowie der Verlauf von WhatsApp Chats. Gleich am Anfang steht fest, dass Nikolas verstorben ist. Dennoch wird die Handlung nicht von Trauer beherrscht. Stattdessen prägen vor allem der warmherzige Umgang der Liebenden sowie ihre humorvollen und schlagfertigen Dialoge weite Teile des Romans.

Auf ihrer Suche nach dem Menschen hinter den Erinnerung, begegnet Rosa verschiedenen Personen, die überwiegend interessant gestaltet sind, mich aber nicht alle gleichermaßen überzeugen konnten. Durch die Gespräche setzt sich Schritt für Schritt ein immer vollständigeres Bild von Nikolas zusammen.

Rosas Versuch, die Wahrheit über den geliebten, aber verstorbenen Nikolas zu ergründen, verleiht dem Roman „Eine Liebe ohne Sommer“ eine beständige, unterschwellige Spannung. Feinfühlig schildert Timothy Paul die Licht- und Schattenseiten einer kurzen Liebesbeziehung, die sich trotz des tragischen Ausgangs leicht und flüssig liest. Gerne empfehle ich das Buch daher weiter.

Dienstag, 2. Juni 2026

Rezension: Brombeerblaue Tage von Simone Veenstra

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Brombeerblaue Tage
Autorin: Simone Veenstra
Erscheinungsdatum: 15.05.2026
Verlag: Rowohlt Wunderlich (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Leseband
ISBN: 9783805201292

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Der Roman „Brombeerblaue Tage“ von Simone Veenstra nimmt die Lesenden an der Seite der Protagonistin Elisa, einer Landschaftsarchitektin, mit nach Rügen. Sie folgt damit einem Anruf ihres Vaters, der sie kurzfristig bittet, sich während eines Routine-Checks in einem Krankenhaus auf dem Festland um seinen renovierungsbedürftigen Gutshof und seinen Hund zu kümmern.

Die vierundvierzigjährige Elisa ist selbständig, lebt in Berlin und hat wegen der Auftragslage kaum Zeit für anderes. Der Hof und die Gartenanlage sind in einem bedauerlichen Zustand. Gleichzeitig lebt ihre Leidenschaft für Pflanzen und Gärten neu auf, die einst in den Ferien von ihrer inzwischen verstorbenen, in den Niederlanden lebenden Großmutter geweckt wurde. Diese Naturverbundenheit spricht aus den Buchzeilen und spiegelt sich auch in den illustrierten Pflanzensteckbriefen wider, die jedem Kapitel vorangestellt sind.

Während Elisa versucht, ihre beruflichen Verpflichtungen von Rügen aus weiterzuführen, verschlechtert sich der Gesundheitszustand ihres Vaters. Sie gerät immer stärker in den Konflikt zwischen beruflicher Verantwortung und familiärer Fürsorge, bis sie schließlich selbst an ihre Belastungsgrenze stößt.

Simone Veenstras erzählt eine Geschichte, die nah am Leben ist. Vor allem Frauen haben im mittleren Lebensalter häufig den Spagat zwischen pflegebedürftigen Eltern und den Anforderungen ihres Berufs zu bewältigen. Bei Elisa kommt hinzu, dass sie auf Rügen mit ihrer Liebe zur Natur genau das findet, was ihr gefehlt hat und ihr gut tut. Durch die Begegnungen mit Nachbarn und einer engen Freundin ihres Vaters erkennt sie, wie sehr ihr diese Verbundenheit gefehlt hat. Es ist ein Gefühl, das sie nicht nur früher bei der Großmutter genossen hat, sondern das auch ihren Berufswunsch maßgeblich prägte. Gleichzeitig verschweigt die Autorin nicht die Schattenseiten von Elisas Job.

Der Roman thematisiert ebenfalls die entstehenden Probleme einer Person, die unter einem postoperativen Delir leidet. Die Schilderungen wirken besonders authentisch, weil darin die persönlichen Erfahrungen der Autorin eingeflossen sind. Medizinische Hintergründe und hilfreiche Ratschläge werden glaubwürdig in die Handlung integriert. Ebenso feinfühlig beschreibt Simone Veenstra die Annäherung zwischen Vater und Tochter, deren Beziehung über viele Jahre von Distanz geprägt war.

In ihrem Roman „Brombeerblaue Tage“ zeigt Simone Veenstra mit viel Empathie und aus eigener Erfahrung wie wohltuend und heilsam die Nähe zur Natur sein kann. Sie erzählt von der Suche nach dem, was im Leben wirklich wichtig ist und dem Mut zu einem Neuanfang. Ein berührendes Buch, das ich gerne weiterempfehle! 


Sonntag, 31. Mai 2026

Rezension: Die Mitternachtsreise von Matt Haig


Die Mitternachtsreise

Autor: Matt Haig
Übersetzerin: Sabine Hübner
Hardcover: 336 Seiten
Erschienen am 21. Mai 2026
Verlag: Droemer Knaur

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Wilbur ist 81 Jahre alt, als er an einem Herzinfarkt stirbt. Er findet sich als Geist an einem Bahnhof wieder, in der Hand ein Ticket für den Mitternachtszug. Dieser fährt kurz darauf ein, und ein weiterer Geist heißt ihn Willkommen. Es ist Agnes Bagdale, in deren Buchladen Wilbur als Kind stundenlang stöbern konnte und den er später übernommen und zu einer großen Kette ausgebaut hat. Sie nimmt ihn mit auf eine chronologische Reise durch sein Leben, beginnend bei seiner Kindheit. Bei den Momenten, die ihn am meisten geprägt haben, muss er aussteigen und sie als Geist beobachten. Wilbur durchlebt die Höhen und Tiefen seines Lebens und beginnt sich zu fragen, ob er etwas anders hätte machen sollen. Agnes beharrt darauf, dass die Vergangenheit unabänderlich ist und er sich an die Regeln halten müsse. Denn sonst… ja, was eigentlich?

Das Buch beginnt im Jahr 1974 in Venedig, wo sich Wilbur mit seiner Frau Maggie in den Flitterwochen befindet. Die beiden genießen die Zeit in vollen Zügen und überlegen, wie es wohl wäre, für immer in der Stadt zu bleiben. 52 Jahre später lebt Wilbur allein und ist verwundert, als Maggie ihn anruft, denn er hat seit Jahrzehnten nicht mit ihr gesprochen. Der Wunsch nach weiteren Gesprächen wird durch seinen Tod, der ihn kurz darauf ereilt, nicht erfüllt. Als Leserin war ich natürlich neugierig, was in all den Jahren dazwischen passiert ist.

Bevor man wieder im Jahr 1974 landet vergeht einige Zeit, denn erst einmal erhält man Einblicke in Wilburs schwierige Kindheit. Sein Vater ist im Krieg gestorben, seine Mutter ist mit zwei Kindern sichtlich überfordert und das Geld ist knapp. Wilburs älterer Bruder Dougie gerät schon früh auf die schiefe Bahn. Auch Maggie, die Wilbur schon seit der Kindheit kennt, hat bald ihren ersten Auftritt. Das Tempo ist hoch, da immer nur einzelne prägende Szenen aus Wilburs Leben herausgegriffen werden. Dazwischen gibt es Szenen im Zug, in denen Wilbur sein Leben vorbeiziehen sieht, Agnes über die Regeln ausfragt und reflektiert, wieso er welche Entscheidung getroffen hat.

Die sich langsam entwickelnde Liebesgeschichte zwischen Wilbur und Maggie hat mir sehr gut gefallen. Die beiden passen perfekt zusammen und als Leserin hoffte ich, dass Wilbur begreift, in welchen Momenten er Entscheidungen getroffen hat, die ihn von Maggie entfernt haben. Während Agnes darauf beharrt, dass Wilbur als Geist keinerlei Einfluss auf das Geschehene nehmen kann, gibt es immer wieder Momente, die daran zweifeln lassen. Daher blieb ich gespannt, ob nicht doch irgendetwas Unerwartetes passieren wird, bevor die Fahrt wie von Agnes angekündigt in der Ewigkeit endet.

„Die Mitternachtsreise“ ist eine wirklich gelungene Ergänzung zu „Die Mitternachtsbibliothek“. Über den Gastauftritt von Nora, der Protagonistin des ersten Buchs, habe ich mich sehr gefreut. Die Überlegungen, welche Leben man mit anderen Entscheidungen hätte leben können, werden hier durch eine rückblickende Perspektive ergänzt. Wer den ersten Band mochte, der sollte nicht zögern, in den Mitternachtszug einzusteigen!


Rezension: Widdersehen - Ein Schafskrimi von Leonie Swann

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Widdersehen - Ein Schafskrimi
Autorin: Leonie Swann
Erscheinungsdatum: 14.04.2026
Verlag: Dumont (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Leseband
ISBN: 9783755801061
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Viele Jahre nach ihren Romanen „Glennkill“ und „Garou“ legt Leonie Swann mit „Widdersehen“ eine Fortsetzung ihrer beliebten Schafkrimis vor. Das Wortspiel des Titels versteht sich also im doppelten übertragenen Sinn. In der Welt der Schäferin Rebecca und ihrer Herde ist seit den letzten Ereignissen wenig Zeit vergangen. Doch nun ist etwas geschehen, dass die Schäferin veranlasst, ihre in Frankreich grasenden Schafe wieder zurück in die Heimat nach Irland zu bringen.

Die aus den früheren Büchern bekannten Schafe Miss Marple, Mopple, Othello und Ritchfield sowie noch einige weitere Tiere der Herde können zunächst kaum glauben, dass es wirklich ihre frühere Weide in Glennkill ist, auf der sie wieder grasen dürfen. Aber sie sind irritiert, weil sich darauf ein paar fremde Schafe befinden. Als Rebecca kurz darauf verschwindet, wagen sich die mutigsten Tiere in den Schäferwagen. Dort finden sie einen blutigen Finger. Wem mag das Körperteil gehören? Aus welchem Grund wurde es abgetrennt? Neben der Suche nach dem Verbleib von Rebecca, gilt es nun auch, das Rätsel um den Finger zu lösen.

Für die Schafe ist Rebecca die wichtigste Bezugsperson. Sie sitzt oft auf den Stufen ihres Wagens, liest der Herde vor oder lässt ihre Gedanken laut schweifen. Umso größer ist die Verunsicherung über ihr plötzliches Verschwinden.

Es sind nicht nur Schafe, die bereits aus den früheren Bänden bekannt sind, sondern auch menschliche Figuren wie beispielsweise der Metzger. Nicht alle sind der Herde wohlgesonnen, aber für die Tiere ist es schwierig, das herauszufinden. Die einzelnen Schafe unterscheiden sich durch ihren Charakter. In einer Auflistung zu Beginn des Buchs erhält man darüber eine schnelle Übersicht. Es ist durchgehend amüsant, wie Leonie Swann die Sprache ihrer tierischen Protagonisten gestaltet und den Schafkosmos mit zahlreichen Wortspielen lebendig werden lässt, wenn es hier „mäht“ und dort „wollt“. Zugleich regen die manchmal philosophisch anmutenden Gedanken der Herdentiere immer wieder zum Nachdenken an.

Eine besondere Rolle spielt die Ziege Madouc, die probeweise ein Schaf sein möchte. Mit Störrigkeit und Übermut setzt sie sich für die gemeinsamen Ziele ein. Ihr fehlen sowohl die früheren schlechten Erfahrungen in Glennkill als auch die schönen Erlebnisse, die vor allem darin bestanden, dass Rebecca und deren verstorbener Vater George als Vorbesitzer, der Herde regelmäßig vorgelesen haben. Das Auftreten von Rebeccas Bruder als neuem Protagonistin macht schnell deutlich, worin ein möglicher Grund für das Verschwinden der Schäferin liegen könnte.

Mit dem Krimi „Widdersehen“ gelingt Leonie Swan ein unterhaltsamer und vergnüglicher Roman um ein Verbrechen, an dessen Aufklärung eine Herde Schafe mit ihren Aktivitäten einen großen Anteil hat. Die Geschichte lebt von dem eigenwilligen Blick der Tiere auf die Welt. Sehr gerne empfehle ich das Buch weiter.

Donnerstag, 28. Mai 2026

Rezension: Laute Nächte von Anne Freytag

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Laute Nächte
Autorin: Anne Freytag
Erscheinungsdatum: 22.04.2026
Verlag: Kampa (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Leseband
ISBN: 9783311101666
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Der Münchner Kenni ist die zentrale Figur und zugleich Ich-Erzähler des Romans „Laute Nächte“ von Anne Freytag. Seit dem Unfalltod seiner Freundin hat er den Halt im Leben verloren. Vorher hatten sie gemeinsam einen festen Plan: Sie hatten einen Camper hergerichtet, um damit drei Wochen lang auf Reisen zu gehen. Einige Zeit nach diesem einschneidenden Verlust zieht Kenni schließlich ohne große Erwartungen nach Wien, wo er ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft gemietet hat.

Anne Freytag gelingt es von Beginn an, Kennys Gefühlswelt authentisch darzustellen. Seine Orientierungslosigkeit und die Unfähigkeit, den Verlust zu begreifen oder angemessen damit umzugehen, werden glaubhaft vermittelt. In der WG lernt er drei sehr verschiedene Mitbewohnende kennen, die prägend für seine Zukunft sein werden. Da ist zunächst sein Vermieter Paul, der mit Tennis ein kleines Vermögen verdient hat und ihm nun genauso verloren erscheint, wie er selbst sich fühlt. Beiden gelingt es zunächst nicht, sich anderen gegenüber zu öffnen und über ihre Erfahrungen der vergangenen Zeit zu reden. Während Elif gesellig und lebensfroh ist, zieht Julia sich lieber in ihr Zimmer zurückzieht.

Die Autorin zeigt einfühlsam, wie es Kenni schrittweise gelingt, neben seiner anhaltenden Trauer, verdrängte Gefühle wieder zuzulassen und auf diese Weise langsam neue Freude am Leben zu finden. Als er sich schließlich dazu entschließt, die geplante Reise doch anzutreten, entscheidet Elif sich, ihn zu begleiten. Neun Jahre später finden sich seine früheren Mitbewohnenden zu einer Ausstellung seiner Arbeiten in Zürich ein. Der Abend bringt für Kenni erneut eine große Veränderung in seinem Leben, die er so nicht erwartet hätte.

In Rückblicken, aber auch in der Folgezeit setzt Kenni sich mit seiner immer noch vorhandenen Trauer zunehmend kritisch auseinander, wobei er seine Gefühle für Elif stets als Verrat an seiner verstorbenen Freundin sieht. Die Darstellung der inneren Zerrissenheit mit all ihren Höhen und Tiefen ist dabei authentisch und glaubhaft. Trotz des schweren Themas wirkt „Laute Nächte“ jedoch nie bedrückend, sondern lebt von der besonderen Dynamik der WG und den gemeinsamen Nächten, in denen Erfahrungen gemacht werden, die das Leben nachhaltig verändern können. Diesen Roman über Verlust, Freundschaft und Neuanfang empfehle ich den Roman weiter.


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