Samstag, 24. März 2018

[Rezension Hanna] Der Zopf - Laetitia Colombani

 

Der Zopf
Autorin: Laetitia Colombani
Übersetzerin: Claudai Marquardt
Hardcover: 288 Seiten
Erschienen am 21. März 2018
Verlag: S. Fischer

Inhalt
Smita, Giulia und Sarah sind Frauen aus drei ganz verschiedenen Welten. Smita ist eine Dalit, eine Unberührbare, die die Latrinen der anderen Dorfbewohner mit bloßen Händen leeren muss und sich für ihre Tochter eine andere Zukunft wünscht. Giulias Vater besitzt eine Perückenfabrik in Palermo und sie interessiert sich als einzige seiner Nachfahren für dieses in Italien aussterbende Handwerk. Und Sarah arbeitet als erfolgreiche Anwältin in Montreal und steht kurz davor, zur Teilhaberin ernannt zu werden. Für dieses große Ziel tut sie seit Jahren alles, um ihre Kollegen vergessen zu lassen, dass sie eine dreifache Mutter ist. Alle drei Frauen haben etwas, für das zu kämpfen sie bereit sind. Ein Zopf wird ihre Schicksale verbinden.

Meinung
Das Cover fällt mit seinen goldenen Akzenten und dem Zopf, der gerade geflechtet wird, sofort ins Auge. Ich war neugierig, die drei Protagonistinnen und ihre Leben kennenzulernen. Der Prolog ist ein Gedicht, in dem eine Perückenmacherin zu Wort kommt, die durch ihr Handwerk nicht nur Haare, sondern auch Leben verwebt. Sie wird auch später noch einmal zu Wort kommen und so einen nachdenklich stimmenden Rahmen für die Geschichte bilden.

In kurzen Kapiteln blickt der Leser abwechselnd auf die Schicksale von Smita, Giulia und Sarah. Durch die schnellen Wechsel ist der Kontrast zwischen ihren Leben umso größer. Allen dreien wurde ein Platz in der Welt zugewiesen, doch sie sind nicht bereit, andere darüber bestimmen zu lassen, wie es für sie weitergeht. Für Smitas Leben als Kloputzerin findet die Autorin unverblümte Worte. Smita ist fest entschlossen, ihrer Tochter einen anderen Weg zu ebnen. Doch ihr Umfeld sieht das anders. Ihr Weg ist nicht nur hart, sondern lebensgefährlich, und ich bangte mit ihr, ob ihr Plan erfolgreich sein wird.

Giulia und Sarah führen in der westlichen Welt ein bedeutend angenehmeres Leben. Doch auch sie werden vor Herausforderungen gestellt. Als Giulias Vater verunglückt steht die Frage im Raum, wie es mit der Fabrik weitergehen kann. Bei ihrer Recherche verliebt sie sich in einen Mann, der ganz anders ist, als ihre Familie es erwarten würde. Bei Sarahs Leben auf der Überholspur wurde mir schon beim Lesen beinahe schwindelig. Ihr Tag ist minutiös durchgetaktet, um genug Zeit für die Familie zu haben, sich das auf der Arbeit aber nicht anmerken zu lassen. Doch dann stößt sie an ihre Grenzen und gemeinsam mit ihr stellte ich erschreckt fest, wie rücksichtslos ihr Umfeld wirklich ist.

Alle drei Handlungsstränge haben mich auf ihre Weise berührt: Smita, die aus dem absoluten Elend entfliehen will; Giulia, die für die Zukunft des Familienbetriebs kämpft und auf ihr Herz hört und Sarah, die ihre Familie und ihren Körper zurückstellt, um Karriere in einem Haifischbecken zu machen. Es sind starke Protagonistinnen, die mich mit ihrer Entschlossenheit beeindrucken konnten und gleichzeitig Verletzlichkeit zeigen. Das verbindende Element habe ich recht früh erahnt, es hält die Geschichte gemeinsam mit den Worten der Perückenmacherin zusammen und bildet einen gelungen Abschluss, der Hoffnung gibt, aber auch Raum für Überlegungen lässt, wie der weitere Weg der drei Frauen aussehen wird.

Laetitia Colombani findet in „Der Zopf“ genau die richtigen Worte für die miteinander verwobenen Leben von Smita, Guilia und Sarah. Die wechselnden Perspektiven nach kurzen Kapiteln machen die Unterschiede umso deutlicher und übten einen Sog aus, der mich die Geschichte beinahe in einem Rutsch lesen ließ. Unbedingt lesen!

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