Freitag, 12. Januar 2018

[Rezension Hanna] Olga - Bernhard Schlink



Olga
Autor: Bernhard Schlink
Hardcover: 320 Seiten (Foto zeigt das TB-Leseexemplar)
Erschienen am 12. Januar 2018
Verlag: Diogenes

Inhalt
Olga hat schon als Kind gern ihre Umgebung beobachtet. Als ihre Eltern sterben, nimmt ihre Großmutter sie zu sich in ein kleines Dorf in Pommern. Dort lernt sie Herbert kennen, der am liebsten rennt, so schnell und oft es geht. Sie freundet sich mit ihm und seiner Schwester Viktoria an, Sprösslinge einer wohlhabenden Familie. Olga möchte Lehrerin werden, während Herbert sich zwar zu ihr hingezogen fühlt, aber immer wieder das Abenteuer in der Ferne sucht. Jahrzehnte möchte ein junger Freund Olgas das Unausgesprochene in ihrer Lebensgeschichte aufdecken, um zu verstehen.

Meinung
„Olga“ ist ein Buch, das aus drei ganz verschiedenen Teilen besteht. Es gibt dem Leser Einblicke in das Leben von Olga Rinke und lässt ihn schließlich auch hinter die Kulissen schauen. Wer einen emotionalen Roman erwartet, muss sich ein wenig gedulden. Denn erst einmal beginnt ein personaler Erzähler, in recht nüchternem Ton über Olgas Leben zu erzählen.


In diesen Kapiteln lernte ich Olga als strebsame Persönlichkeit kennen, die aus bescheidenen Verhältnissen kommt. Ihr Ziel ist es, Lehrerin zu werden, wozu sie sich das nötige Wissen selbst beibringen muss. Herbert ist dabei oft an ihrer Seite, während sich Viktoria mit den Jahren von ihr entfernt und nach standesgemäßen Freundinnen sucht. In hohem Tempo erhält man einen Abriss ihrer Kindheit und Jugend, der sich entwickelnden Liebe zu Herbert und seinen immer neuen Abenteuern in der Ferne, ihrer Tätigkeit als Lehrerin, wie es ihr in den Weltkriegen ergangen ist und in der Zeit danach.

Nach dem ersten Teil hatte ich einen umfassenden Eindruck von Olgas Lebensweg. Wie auch Olga gern beobachtet, so steht man als Leser am Rand und blickt auf die Ereignisse. Offen bleibt die Frage, wie sie sich bei all dem gefühlt hat. Im zweiten Teil berichtet ein Ich-Erzähler, der deutlich jünger ist als Olga, von seiner Freundschaft zu ihr, die in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg begann. Er vermittelt dem Leser seinen persönlichen Eindruck der gealterten Olga, die ihm seit seiner Kindheit gern Geschichten über Herberts Abenteuer erzählt und zu der er auch als Erwachsener Kontakt hält. Sein Bericht hat sich für mich ein wenig in die Länge gezogen. Schließlich stößt er auf alte Briefe, die Olga an Herbert geschrieben hat.

Im letzten Teil des Buches sind eben diese Briefe abgedruckt und vermitteln dem Leser ein noch klareres Bild von Olga. Endlich kommt sie selbst zu Wort. Alles Unausgesprochene, ihre Gefühle und Geheimnisse, hat sie hier festgehalten. Ihre Worte konnten mich berühren und ich begriff das ganze Ausmaß ihrer tragischen Geschichte und wie sie an Scheidewegen im Leben zu ihren Entscheidungen kam. Herbert bleibt eine Figur in der Ferne, die mehr ab- als anwesend ist, ein Objekt der Sehnsucht und vergeblicher Hoffnungen. Mir hat die schrittweise Annäherung an die Figur Olgas sehr gefallen. Das Buch zeichnet das Portrait einer entschlossenen und intelligenten Frau und ihrer großen Liebe vor dem Hintergrund des 20. Jahrhunderts. Ich gebe eine klare Leseempfehlung.