Autorin: Son Lewandowski
Verlag: Klett-Cotta
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Amik sitzt im Publikum der Turn-Europameisterschaften, als sie den schweren Sturz von Izzy beobachtet. Diese hat jahrelang mit ihr ein Zimmer geteilt und gilt als neue Hoffnungsträgerin, während Amik selbst es nach vielen erfolgreichen Wettkämpfen nicht mehr in den Kader geschafft hat. Nun sitzt sie am Krankenbett der komatösen Izzy und reflektiert ihren eigenen Werdegang. Parallel dazu erzählt ein kollektives Wir die Geschichte all der Turnerinnen, die seit den 1960er Jahren viel geopfert haben, um erfolgreich zu sein – ihre Kindheit, ihre Gesundheit und noch mehr.
Der Roman beginnt mit dem Sturz von Izzy, nach dem ich jedoch erst einmal nicht erfuhr, wie es ihr geht. Stattdessen beginnt nach wenigen Seiten das kollektive Wir mit seinen Erinnerungen, beginnend bei Nadia Comaneci. Es erzählt von der harten Arbeit der Turnerinnen im Leistungssport, dem damit verbundenen Druck und den Erwartungen von Außen. Die Trainer:innen treiben die Mädchen psychisch bis an ihre Grenzen, schlagen sie und lassen sich dann für die sportlichen Erfolge feiern. Diese Passagen lesen sich wie ein erzählendes Sachbuch und nahmen mich mit durch die Jahrzehnte bis in die Gegenwart zu Simone Biles und Larry Nassar.
Amik ist im Gegensatz dazu eine fiktive Person, die ähnliches erlebt wie die historischen Vorbilder und die als Ich-Erzählerin die Leser:innen nah an sich heranlässt. Hautnah konnte ich mitverfolgen, wie sie mithilfe eines starken Willens und Ehrgeiz ihre Karriere im Turnsport aufbaut und was sie dafür in Kauf nehmen muss. Ihre Eltern werden kaum erwähnt, für Freunde bleibt keine Zeit, die Beziehung zu den anderen Turnerinnen schwankt zwischen Zusammenhalt und Konkurrenz, ihr ganzes Leben gilt dem Sport. Im Gegenzug erhält sie viel Druck und wenig Anerkennung. Dass sie sportlich lange Zeit sehr erfolgreich war wird kaum erwähnt, an diese schönen Erinnerungen verschwendet sie kaum einen Gedanken. Was bleibt ist eine ernüchternde Bilanz und die Erkenntnis, das sich Amiks Schicksal immer wieder auf ähnliche Weise wiederholt.
Dass unter der glitzernden Oberfläche der Welt des Turnsports Abgründe lauern, ist keine neue Information. Son Lewandowski gelingt es, ihre Leser:innen nah an die Schicksale der Turnerinnen heranzuholen und sie nicht nur mit Amik mitfühlen zu lassen, sondern auch mit all den Generationen an Turnerinnen, wobei die Frage aufkommt, wieso das System schon so viele Jahrzehnte voller Selbstverständlichkeit bestehen kann. Zentrale Sätze werden häufig wiederholt und prägen sich damit besonders ins Gedächtnis ein. Mir persönlich haben die Passagen des kollektiven Wirs etwas besser gefallen als Amiks Geschichte, hier fehlte mir in der Gegenwart die Entwicklung der Figuren. Wer tiefer in die Welt des Turn-Leistungssports eintauchen und hinter die Fassade blicken möchte, der ist bei „Die Routinen“ genau richtig.
