Donnerstag, 5. Februar 2026

Rezension: Die Routinen von Son Lewandowski

 


Rezension von Ingrid Eßer


Titel: Die Routinen
Autorin: Son Lewandowski
Erscheinungsdatum: 17.01.2026
Verlag: Klett-Cotta (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN: 9783608967166

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In ihrem Debüt „Die Routinen“ wirft Son Lewandowksi mit großem Feingefühl einen genauem Blick auf die Welt der Kunstturnerinnen. Dokumentarische Elemente verwebt sie geschickt mit der fiktiven Geschichte von Amik, einer inzwischen zweiunddreißig Jahre alten Leistungsturnerin, die am Ende ihrer Karriere steht. Das Cover ist in den Farben Rot, Gelb und Blau gehalten, was möglicherweise eine Reminiszenz an Nadia Comaneci ist, die als eine der bis heute besten Turnerinnen gilt und für Rumänien unter einer Flagge mit eben diesen Farben startete.

Amik blickt auf ihre sportliche Laufbahn zurück und erinnert sich an prägende Momente der Sportgeschichte in ihrer Disziplin. Sie denkt an die belarussische Athletin Olga Korbut, die bei den Olympischen Spielen 1972 in München mit ihren Darbietungen begeisterte. Auch ich erinnere mich daran, wie ich als Neunjährige fasziniert ihre Schwünge am Stufenbarren während der Fernsehübertragung verfolgte. Die Eleganz, die sie dabei ausstrahlte, erschien mir erstrebenswert. Erst neun Jahre später brachte die Verletzung und der anschließende Rücktritt der Eiskunstläuferin Tina Riegel, die kaum zwei Jahre jünger als ich war, mich zum Nachdenken über die alltäglichen Einschränkungen junger Leistungssportlerinnen. Weitere Jahre später rückte schließlich auch öffentlich in den Fokus, welchen Übergriffen durch Trainer*innen viele von ihnen ausgesetzt waren und sind.

Ihr Trainer bittet Amik, ihre Erfahrung mit der jungen Turnerin Izzy zu teilen. Doch noch vor dem Höhepunkt ihrer Karriere verunglückt diese schwer. Nun bleibt Amik nur, sich im Krankenhaus um sie zu kümmern. Die Autorin nutzt die Beziehung der beiden Frauen, um Amiks Gefühle herauszuarbeiten, sowohl jene, die sie für die andere in den Momenten in ihrem gemeinsamen Zimmer empfindet, als auch während der Trainingseinheiten und Wettkämpfe. Izzy steht dabei stellvertretend für all jene Konkurrentinnen, mit denen Amik einerseits eine Gemeinschaft bildet, ein „Wir“, wenn sie geschlossen für ihre Land antreten, mit denen sie andererseits jedoch um Startplätze und Anerkennung rivalisiert.

Son Lewandowski gewährt Einblicke in den Tagesablauf der Mädchen und Frauen. Da dieser nahezu vollständig vom Training bestimmt ist, bleibt kaum Spielraum für andere Aktivitäten. Dennoch sind es zahlreiche Themen, die Son Lewandowski in die Handlung einbindet. Sie schaut auf die Körper der jungen Frauen und schildert den ständigen Kampf mit Gewicht, Beweglichkeit und der Tatsache, einen erwachsenen Körper zu entwickeln. Damit verbunden ist auch ein Prozess der Emanzipation: die Leistung in den Mittelpunkt stellen statt auf die öffentliche Zurschaustellung des Körpers sowie die Forderung nach einem Training ohne Gewalt und Übergriffe.

Die formale Gestaltung des Textes, bei dem die Autorin immer wieder Sätze separiert oder wiederholt, ruft die Schattenseiten des Systems Kunstturnen nachdrücklich ins Bewusstsein. Gleichzeitig bleibt der Schreibstil von Respekt gegenüber den Leistungen der Athletinnen geprägt und zollt ihnen Hochachtung für die Entbehrungen, die sie nicht nur zum eigenen Ruhm, sondern auch für den ihres Landes auf sich nehmen.

„Die Routinen“ von Son Lewandowski ist ein eindrucksvolles Debüt, das fiktive Erzählung mit sporthistorischen Bezügen und gesellschaftskritische Fragen des Kunstturnen verknüpft, einem in der Öffentlichkeit oft angeschauten und aufgrund der körperlichen Höchstleistungen faszinierenden Sports. Der schonungslose Blick der Autorin schaut jedoch auch auf die Kehrseite der Medaillen und verdeutlicht die Machtstruktur, die Gehorsam erwartet und den Schmerz ignoriert. Sehr gerne empfehle ich das Buch weiter.

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