Rezension von Ingrid Eßer
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In ihrem Debüt „Die Routinen“ wirft Son Lewandowksi mit großem
Feingefühl einen genauem Blick auf die Welt der Kunstturnerinnen.
Dokumentarische Elemente verwebt sie geschickt mit der fiktiven Geschichte von
Amik, einer inzwischen zweiunddreißig Jahre alten Leistungsturnerin, die am
Ende ihrer Karriere steht. Das Cover ist in den Farben Rot, Gelb und Blau
gehalten, was möglicherweise eine Reminiszenz an Nadia Comaneci ist, die als
eine der bis heute besten Turnerinnen gilt und für Rumänien unter einer Flagge
mit eben diesen Farben startete.
Amik blickt auf ihre sportliche Laufbahn zurück und erinnert
sich an prägende Momente der Sportgeschichte in ihrer Disziplin. Sie denkt an
die belarussische Athletin Olga Korbut, die bei den Olympischen Spielen 1972 in
München mit ihren Darbietungen begeisterte. Auch ich erinnere mich daran, wie ich
als Neunjährige fasziniert ihre Schwünge am Stufenbarren während der Fernsehübertragung
verfolgte. Die Eleganz, die sie dabei ausstrahlte, erschien mir erstrebenswert.
Erst neun Jahre später brachte die Verletzung und der anschließende Rücktritt der
Eiskunstläuferin Tina Riegel, die kaum zwei Jahre jünger als ich war, mich zum
Nachdenken über die alltäglichen Einschränkungen junger Leistungssportlerinnen.
Weitere Jahre später rückte schließlich auch öffentlich in den Fokus, welchen
Übergriffen durch Trainer*innen viele von ihnen ausgesetzt waren und sind.
Ihr Trainer bittet Amik, ihre
Erfahrung mit der jungen Turnerin Izzy zu teilen. Doch noch vor dem Höhepunkt
ihrer Karriere verunglückt diese schwer. Nun bleibt Amik nur, sich im Krankenhaus
um sie zu kümmern. Die Autorin nutzt die Beziehung der beiden Frauen, um Amiks
Gefühle herauszuarbeiten, sowohl jene, die sie für die andere in den Momenten
in ihrem gemeinsamen Zimmer empfindet, als auch während der Trainingseinheiten
und Wettkämpfe. Izzy steht dabei stellvertretend für all jene Konkurrentinnen,
mit denen Amik einerseits eine Gemeinschaft bildet, ein „Wir“, wenn sie
geschlossen für ihre Land antreten, mit denen sie andererseits jedoch um
Startplätze und Anerkennung rivalisiert.
Son Lewandowski gewährt Einblicke
in den Tagesablauf der Mädchen und Frauen. Da dieser nahezu vollständig vom Training
bestimmt ist, bleibt kaum Spielraum für andere Aktivitäten. Dennoch sind es
zahlreiche Themen, die Son Lewandowski in die Handlung einbindet. Sie schaut
auf die Körper der jungen Frauen und schildert den ständigen Kampf mit Gewicht,
Beweglichkeit und der Tatsache, einen erwachsenen Körper zu entwickeln. Damit
verbunden ist auch ein Prozess der Emanzipation: die Leistung in den
Mittelpunkt stellen statt auf die öffentliche Zurschaustellung des Körpers
sowie die Forderung nach einem Training ohne Gewalt und Übergriffe.
Die formale Gestaltung des Textes,
bei dem die Autorin immer wieder Sätze separiert oder wiederholt, ruft die
Schattenseiten des Systems Kunstturnen nachdrücklich ins Bewusstsein. Gleichzeitig
bleibt der Schreibstil von Respekt gegenüber den Leistungen der Athletinnen
geprägt und zollt ihnen Hochachtung für die Entbehrungen, die sie nicht nur zum
eigenen Ruhm, sondern auch für den ihres Landes auf sich nehmen.
„Die Routinen“ von Son Lewandowski ist ein eindrucksvolles Debüt, das fiktive Erzählung mit sporthistorischen Bezügen und gesellschaftskritische Fragen des Kunstturnen verknüpft, einem in der Öffentlichkeit oft angeschauten und aufgrund der körperlichen Höchstleistungen faszinierenden Sports. Der schonungslose Blick der Autorin schaut jedoch auch auf die Kehrseite der Medaillen und verdeutlicht die Machtstruktur, die Gehorsam erwartet und den Schmerz ignoriert. Sehr gerne empfehle ich das Buch weiter.
