Donnerstag, 30. März 2017

[Rezension Ingrid] Fast eine Familie von Bill Clegg


Titel: Fast eine Familie
Autor: Bill Clegg
Übersetzerin: Adelheid Zöfel
Erscheinungsdatum: 23.02.2017
Verlag: S.Fischer Verlag (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen

Ihr Hochzeitstag sollte einer der schönsten Tage des Lebens für Lolly und Will werden. Doch dann gegen sechs Uhr in der Früh explodiert das Haus in dem kleinen Ort Wells an der Ostküste der USA in dem sie schlafen und reißt sie in den Tod. Mit diesem fulminanten Anfang beginnt der Roman „Fast eine Familie“, dem Debüt des US-Amerikaners Bill Clegg. Fassungslos zurück bleibt June, die Mutter der Braut, die nicht im Haus war. Außer dem jungen Paar verliert sie ihren Ex-Mann und ihren Lebensgefährten bei dem Unglück. June lässt das Geschehen immer wieder Revue passieren. Die innere Leere lähmt sie, diese Tiefe des Abgrunds der Einsamkeit der sich vor ihr auftut konnte ich nachempfinden. Deutete das Cover noch eher auf eine beschauliche Geschichte hin, bereitete der Klappentext mich bereits auf das entsetzliche Ereignis vor und die sichtbaren dunklen Wolken am Himmel auf dem Titelbild deuten das Unheil an.

Mit dem Brand des Wohnhauses endet für zwei junge Leute eine gemeinsame Zukunft als Familie, die noch gar nicht begonnen hat. Anstelle des Brautpaars stehen im Mittelpunkt der Erzählung diejenigen, die durch das Unglück wohl am meisten Leid erfahren, die Mütter. Einerseits ist es June, andererseits Lydia, die Mutter von Junes Lebensgefährten Luke. Der Autor erzählt aus unterschiedlichen Erzählperspektiven mal als auktorialer Erzähler wie bei June und Lydia, mal lässt er die Figur selbst zu Wort kommen. Es sind die Personen, die June und Lydia und deren Kinder sowie Will gekannt haben, die jeweils mit ihrer Geschichte einen weiteren Puzzlestein dazu liefern, das Geschehen vor und nach der Tragödie zu einem Großen und Ganzen zu ergänzen.  

Von Beginn an fragte ich mich, was der Auslöser für die Explosion war. Im Laufe des Lesens trat die Frage immer mehr in den Hintergrund, die Erzählung wendete sich mehr der Beziehung zwischen June und Luke zu. Luke schien Zeit seines Lebens durch seine Herkunft, sein Äußeres und seinen gutwilligen Gemüt dazu prädestiniert, der Schuldige zu sein. Auch nach dem Brand wird er ohne weitere Gründe von den Bewohnern der Ortschaft zum Täter erklärt.

Auf eindrucksvoll empfindsame Weise zeichnet der Autor ganz nebenbei das Miteinander in einer Kleinstadt an der Ostküste, das verbunden ist mit seinen Bewohnern von denen sich in der Regel die meisten einander kennen. Doch gerade in Wells hat sich in den letzten Jahrzenten die Bevölkerungsstruktur geändert und ein großer Teil der Häuser wird von Touristen und Besitzern nur noch am Wochenende bewohnt. Dadurch ist die Zahl der Bediensteten gestiegen, die besserverdienenden Hauseigentümer bevorzugen das Leben in der Großstadt. Ein Überschreiten der Grenze zwischen Eigentümer und Angestelltem wie bei Luke und June wird kritisch gesehen.

June wendet dem Dorf verständnislos den Rücken und fährt mit ihrem Auto bis an die Westküste zu einem Motel. Dort findet sie zunächst den benötigten Abstand, aber auch eine ungewöhnliche Form der Hilfe, die mir während des Lesens die Hoffnung darauf gab, dass June aus ihrer Starre herausfinden und es für sie einen Neuanfang geben wird. Gegenüber dem Dorfgefüge steht das Motel direkt am Meer der Westküste als Kleinkosmos mit seiner beschränkten, aber ständig wechselnden  Zahl an Gästen. Hier scheinen Wünsche in Erfüllung zu gehen, alles ist möglich, dazu gehört aber auch Enttäuschung. Allein durch ihren anhaltenden Aufenthalt gewinnt June Aufmerksamkeit in dieser Umgebung.

Bill Clegg erzählt in keiner zeitlichen Reihenfolge. Seine Figuren schildern jeweils ihren Teil der Geschichte, der meistens nicht direkt mit dem Unglück zusammenhängt. Jeder hat schon Bedeutsames erlebt und so wird aus fast jedem Kapitel eine Short Story. Dabei bin ich vielen interessanten Charakteren begegnet, erfuhr wie sie die Liebe ihres Lebens kennengelernt und ihren Platz im Leben gefunden haben.

Der Autor gibt die Hoffnung mit, dass es sie gibt, die aufmerksamen Menschen auf die man zu ungeahnter Zeit an unvermutetem Ort trifft und die uneigennützig beherzt dort helfen wo sie Handlungsbedarf sehen. „Fast eine Familie“ ist ein Buch mit großen Emotionen, sehr einfühlsam geschrieben und ergreifend. Ein gelungener Debütroman dem ich gerne eine Leseempfehlung gebe.


Mittwoch, 29. März 2017

[Rezension Ingrid] Der Club von Takis Würger


Titel: Der Club
Autor: Takis Würger
Erscheinungsdatum: 28.02.2017
Verlag: Kein & Aber (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Leineneinband mit Lesebändchen

Das Buch hat den Debütpreis der lit.cologne 2017 gewonnen. Einen Bericht über die Verleihung des Preises lest ihr hier: KLICK!

„Der Club“ ist der Debütroman von Takis Würger. Mit dem Titel ist ein elitärer Club für männliche Studenten der Universität in Cambridge gemeint. Die Ausstattung des Romans im Leinengewand in clubähnlichen Farben vermittelt dem Leser ein entsprechend auserlesenes Gefühl. Bei seiner Geburt in Niedersachsen ahnt noch niemand, dass Hans, der Protagonist des Buches, einmal zu diesem angesehenen Club gehören wird.

Hans ist ein ruhiges Kind, das möglichst jeden Trubel meidet und hervorragend beobachten kann. Nach einem Zwischenfall in der Schule meldet sein Vater ihn zum Boxtraining an. Er fährt ihn zu jeder Veranstaltung und verstirbt auf der Fahrt zu einem Turnier als Hans 15 Jahre alt ist. Wenige Monate später verliert er auch seine Mutter. Nachdem er bis zum Abitur in einem Internat gelebt hat, besorgt ihm seine in England wohnende und in Cambridge dozierende Tante ein Stipendium und einen Studienplatz an eben dieser Universität, allerdings mit der Bedingung, dass Hans ihr helfen soll ein Verbrechen aufzuklären. Nach einiger Überlegung ist er dazu bereit, obwohl er die Art der begangenen Straftat nicht kennt. Mit Hilfe von Charlotte, einer Doktorandin seiner Tante, wird er Mitglied im Pitt Club, dem nur Auserwählte beitreten dürfen. Was Hans dort sieht und erlebt entspricht nicht seinen Wertvorstellungen und immer wieder stellt er sich die Frage, ob der Weg richtig ist den er eingeschlagen hat.

Die Mutter von Hans ist bereits vor der Schwangerschaft mit ihm an Krebs erkrankt. Vielleicht ist es diese Tatsache die ihm jede Menge Respekt vor dem Leben und dem Leiden eines Menschen mit auf seinen Weg gibt. Er hat eine stoische Art sein Schicksal zu akzeptieren, doch weil seine englische Tante ihm nicht anbietet, ihn aufzunehmen, bleibt ihm kaum eine andere Wahlmöglichkeit außer dem Internat. Zum Glück findet er hier Gelegenheit zum Boxen, denn dieser Sport verhilft ihm nicht nur zu Kraft sondern sorgt auch dafür, dass er seine Gedanken konzentrieren und seine Gefühle kanalisieren kann. Takis Würger schreibt hierbei aus eigener Erfahrung und seine Begeisterung für den Sport ist im Geschriebenen erkennbar.

Doch in Hans spiegelt sich der Autor selbst nicht wieder. Ganz bewusst ist sein Protagonist im Vergleich eher klein, der Autor aber genau das Gegenteil. Nach den Ereignissen, die Takis Würger selbst als Mitglied im Pitt Club erlebte, kann ich verstehen, dass Hans nicht sein Alter-Ego sein soll. Unscheinbar soll Hans sein und dadurch ein bedeutungsloses Mitglied, wenn er denn unbedingt seiner Tante den Gefallen zu erfüllen hat. Erschreckend sind die eigenen Erfahrungen des Autors im Club, die er in die Handlungen seiner fiktiven Figuren einfließen lässt, doch sie stachelten meine Neugier an, darüber zu lesen und herauszufinden um welches Verbrechen es sich handelt, dass der Protagonist aufklären soll.

Für Hans ist die Zeit in Cambridge wichtig, um zu erkennen, wie weit er gehen kann, um ein Ziel zu erreichen. Takis Würger spielt mit unterschiedlichen Erzählperspektiven in seinem Roman, eine davon ist natürlich Hans, der seine Erlebnisse in der Ich-Form schildert. Auf diese Weise ist es auch möglich an seiner Gewissensbildung durch innere Auseinandersetzungen teilzuhaben.

„Der Club“ ist tiefgründig, geistreich und spannend geschrieben ohne zu moralisieren, obwohl er durchaus ein Plädoyer für ein faires Miteinander der Geschlechter und Gesellschaftsschichten ist. Mir hat das Buch sehr gut gefallen und gerne gebe ich hierfür eine Leseempfehlung.

Dienstag, 28. März 2017

[Rezension Hanna] Das alte Böse - Nicholas Searle


Das alte Böse
Autor: Nicholas Searle
Übersetzer: Jan Schönherr
Hardcover: 368 Seiten
Erschienen am 24. März 2017
Verlag: Kindler

Inhalt
Betty und Roy sind beide über 80 Jahre alt und lernen sich mittels Online-Dating kennen. Im Nu sind sie zusammengezogen, um sich Gesellschaft zu leisten, auch wenn Roy hauptsächlich meckert und im Haushalt nicht mithilft, ganz zum Missfallen von Bettys Enkel Stephen. Doch Betty ist entschlossen, das Arrangement beizubehalten. Roy hat unterdessen ganz eigene Pläne und zeigt auffälliges Interesse an Bettys finanzieller Situation. Hat er mit ihr die richtige Person gewählt?

Meinung
Das Cover des Buches ziert eine Schlange, die in Kombination mit dem Titel verspricht, dass jemand nichts Gutes im Sinn hat. Die Geschichte startet ein wenig skurril mit dem Blind Date von Betty und Roy, die sich unter falschen Namen im Internet kennengelernt haben. Offensichtlich erfüllen sie die Kriterien des jeweils anderen, denn schon im nächsten Kapitel wohnen sie seit zwei Monaten zusammen.

Roy ist von Beginn an alles andere als ein sympathischer Zeitgenosse. Er ist meist mürrisch, starrt jungen Mädchen hinterher und lässt Betty seine Urinspritzer im Bad wegputzen. Schnell wird außerdem klar, dass er sich gebrechlicher gibt, als er ist. Will er sich damit nur vor den Haushaltsaufgaben drücken oder noch etwas anderes erreichen? Gleichzeitig begann ich mich zu fragen, warum die Betty das mit sich machen lässt. Sie ist gebildet, hat Witz und kann auch resolut auftreten. Wieso ist sie Roy gegenüber also so nachsichtig und bereit, mit ihm zusammenzuleben?

Die Geschichte springt bald in die Vergangenheit und man erfährt mehr über Roys bisheriges Leben. Dabei bestätigt sich der Eindruck, dass er wirklich kein angenehmer Kerl ist. Mit jedem Kapitel geht es in der Zeit ein Stück weiter zurück und ich erfuhr von verschiedensten Verbrechen, an denen er beteiligt gewesen ist. Dabei geht es meist um Betrügereien und Täuschungen, und mein negatives Bild von ihm wurde immer umfassender.

Zwischen den einzelnen Rückblicken erfährt man in der Gegenwart mehr über das weitere Zusammenleben der beiden Alten. Roy befragt Betty auffällig unauffällig zu ihrer finanziellen Situation aus und legt ihr seinen Berater ans Herz, der dem Leser schon aus der allerersten verbrecherischen Rückblende bekannt ist. Wird Betty darauf eingehen? Die Kapitel in der Gegenwart waren im Gegensatz zu den Rückblenden relativ kurz. Ich hätte mir ein etwas ausgewogeneres Verhältnis gewünscht. Bei der Schilderung von Roys Verbrechen nimmt der Autor immer viel Anlauf, wodurch sich die Kapitel für mich ein wenig gezogen haben.

Früh vermutete ich, dass noch irgendeine größere Überraschung auf mich wartet, und behielt Recht. Die Rückblenden in Roys Vergangenheit werden immer brisanter und schockierender, sodass die schon bekannten Betrügereien bald geradezu harmlos wirken. Und auch rund um Betty erlebte ich schließlich eine große Überraschung. Auf diese wartet man aufgrund zahlreicher Andeutungen von Beginn an, dennoch entwickelte ich erst kurz vor der Lüftung des Geheimnisses eine Ahnung, worum es sich drehen könnte. Es kommt zu einer genial angelegten Wendung, mit der mich der Autor begeistern konnte. Etwas enttäuscht war ich jedoch von den Konsequenzen. Das Verhältnis von Aufwand und Wirkung passte für mich nicht ganz und ich hätte insgesamt gern noch mehr darüber erfahren.

Fazit
In „Das alte Böse“ lernen sich Betty und Roy, beide über 80 Jahre alt, via Online-Dating kennen und ziehen schon bald zusammen. Während Roys Absichten schnell klar sind und seine abstoßende Vergangenheit immer weiter enthüllt wird, fragt man sich, warum Betty überhaupt freiwillig mit ihm zusammenlebt. Trotz kleiner Längen und einem etwas enttäuschenden Schluss hat mich der Aufbau des Romans, sein schrittweises Annähern an die Wahrheit, sehr gut unterhalten können. Eine ungewöhnliche und eindringliche Geschichte über Verbrechen in der Gegenwart und aus alter Vergangenheit.

Sonntag, 26. März 2017

[Rezension Hanna] AchtNacht - Sebastian Fitzek



AchtNacht
Autor: Sebastian Fitzek
Klappenbroschur: 416 Seiten
Erschienen am 14. März 2017
Verlag: Knaur TB

Inhalt
Ben durchlebt gerade seinen persönlichen Albtraum. Seiner Tochter Jule mussten vor vier Jahren die Beine unterhalb der Knie amputiert werden, weil er einen Unfall gebaut hat, nachdem sein damaliger Manager und Mitfahrer sie während der Fahrt angefasst hat. Jule schien sich an das Leben mit Einschränkung gewöhnt zu haben – doch warum hat sie sich dann vor wenigen Tagen mit dem Rollstuhl vom Dach ins Koma gestürzt? Gab es wirklich keine Fremdeinwirkung? Aber es kommt noch schlimmer: Ben wird von einer Webseite zum sogenannten AchtNächter ernannt, der eine Nacht lang vogelfrei ist und für den Gewinn von zehn Millionen Euro straffrei getötet werden darf. Die Mehrheit der Bevölkerung glaubt weder an den Gewinn noch an die Straffreiheit – doch einige selbsternannte Jäger machen sich auf die Suche nach ihm. Ebenso wie die mit ihm nominierte Arezu muss er die Nacht überstehen…

Meinung
Ich habe mich riesig über die Nachricht gefreut, dass mit „AchtNacht“ so kurz nach dem letzten Buch von Sebastian Fitzek eine weitere Geschichte aus seiner Feder auf den Markt kommt. Das Buch wirft den Leser im Prolog mitten hinein in eine Szene, die „einen Monat danach“ stattfindet. Eine noch unbekannte Person befindet sich in der Psychiatrie und erhält den Anruf eines Toten. Das war reichlich mysteriös und weckte vollends meinte Neugier.

Danach springt die Geschichte in der Zeit zurück und der Leser lernt den Protagonisten Ben kennen. In seinem Leben scheint wirklich alles schief zu laufen. Selbst wenn er mit bester Absicht handelt, scheint es falsch zu sein. In seiner ersten Szene will er ein Mädchen retten, das daraufhin schrecklich wütend ist, denn sie hat für Geld zugestimmt, sich öffentlich und vor laufender Kamera misshandeln zu lassen. Ähnlich scheint es ihm mit allem zu gehen, was er tut – auch in Bezug auf seine Tochter Jule, die wegen eines von ihm verursachten Unfalls behindert ist. Dass er schließlich für die AchtNacht nominiert wird, scheint ein weiterer Schritt in seiner Chronik des Scheiterns zu sein.

Ich war zu Beginn sehr skeptisch, ob der Ablauf der AchtNacht plausibel erklärt werden kann. Unter welchen Umständen würden Menschen denn so verrückt werden und spontan Personen jagen, die von einer Webseite für vogelfrei erklärt werden? Dem Autor ist es gut gelungen, das Geschehen glaubhaft zu machen, indem er für die Handlung mit Berlin die bevölkerungsreichste Stadt des Landes wählt und getreut dem Motto „Ein paar Bekloppte gibt es überall“ eine Handvoll Menschen die Jagd aufnehmen lässt. Hinzu kommen zwei Charaktere, die auf eine andere Weise aus der Sache Profit schlagen wollen und mit ihren Entscheidungen für noch größere Spannung sorgen.

Mit Fortschreiten der Nacht nimmt die Jagd immer weiter an Fahrt auf und wird zunehmend dramatischer. Ben wird von der andere Nominierten Arezu schnell gefunden und die beiden versuchen, sich gemeinsam durchzuschlagen. Der Nervenkitzel blieb dadurch erhalten, dass man nie weiß, ob die Personen, denen die beiden begegnen, zu den Jägern gehören oder helfen wollen. Damit die beiden nicht zu schnell in Sicherheit sind, greift der Autor außerdem zu einem besonderen Mittel, dank dem die beiden in Bewegung bleiben.

Ich fand Bens Entscheidungen an manchen Stellen nicht ganz nachvollziehbar. Doch dank eben dieser Entscheidungen bleibt die Geschichte rasant und hochspannend. Ich fieberte mit, war Ben aufgrund einiger Perspektivwechsel meist einen Schritt voraus und wusste deshalb vor ihm, dass die nächste Hiobsbotschaft nicht weit entfernt ist. Das Buch konnte mich bis zum Schluss fesseln. Auch wenn ich einen zentralen Hintergrund recht früh erahnt habe, hatte die Geschichte zum Schluss noch Überraschungen für mich in petto und wurde damit zu einer runden Sache.

Fazit
In „AchtNacht“ wird Ben, der in seinem Leben trotz guter Absichten schon einiges falsch gemacht hat, für eine Nacht von einer Webseite für ein hohes Preisgeld für vogelfrei erklärt. Es entsteht eine dramatische und temporeiche Jagd mitten in Berlin, deren Hintergrund plausibel gemacht wird. Mich konnte die Geschichte erschrecken und fesseln, schaudernd las ich mich durch die Seiten bis hin zu einem überraschenden Schluss. Fans des Psychothrillers sollten sich auch dieses Buch von Sebastian Fitzek nicht entgehen lassen!

Freitag, 24. März 2017

[Rezension Ingrid] Der Mann, der zu träumen wagte von Graeme Simsion


Titel: Der Mann, der zu träumen wagte
Autor: Graeme Simsion
Übersetzer: Annette Hahn
Erscheinungsdatum: 23.02.2017
Verlag: Krüger, Imprint des S. Fischer Verlags (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag

„Der Mann, der zu träumen wagte“ im gleichnamigen Buch von Graeme Simsion heißt Adam Sharp, ist Jahrgang 1963 und wohnt als IT-Berater in London. Vor 22 Jahren war er in Melbourne/Australien eine Zeit mit der Schauspielerin Angelina Brown liiert, während er für seinen Arbeitgeber einen Auftrag dort vor Ort zu erledigen hatte. Doch Bedenken auf beiden Seiten für eine feste Bindung führten zum Ende der Beziehung. Vergessen hat er sie nie.

Eines Tages sitzt er zu Recherchezwecken vor seinem Computer als er eine E-Mail erhält. Es ist nur ein schlichter einsilbiger Gruß, aber er ist von Angelina. Inzwischen lebt Adam seit vielen Jahren mit seiner Freundin Claire zusammen. Beide sind durch ihre Berufe stark eingebunden und haben unter anderem dadurch ihre Differenzen. Die E-Mail gibt Adam jetzt die Möglichkeit den Kontakt wieder aufleben zu lassen. Er zögert mit einer Antwort, macht sich Gedanken darüber, warum sie ihm geschrieben hat. Schließlich antwortet er ihr. Erinnerungen werden wach bei ihm und eine gewisse Melancholie über die damalige Trennung. Dann schreibt Angelina ihm von ihrem bevorstehenden Urlaub, den sie gemeinsam mit ihrem Ehemann im eigenen Ferienhaus in Frankreich verbringen wird und lädt ihn dazu ein! Wie wird Angelina nach so langer Zeit auf ihn reagieren? Wäre es möglich ihre Liebe von damals nicht nur auf- sondern auch weiterleben zu lassen? Träumen darf man, aber wie viel ist Adam bereit, für seinen Traum aufzugeben?

Adam stammt aus einer zerrütteten Ehe, daher hat er Bindungsängste. Er selbst spielt leidenschaftlich gern Klavier, obwohl sein strenger Vater ihn früher zum Üben anhalten musste. Ich vermute, dass der Graeme Simsion ein großer Musikfan ist, denn der ganze Roman ist mit Musik durchzogen. Für jede Situation kennt der Protagonist einen Song. Bedeutsam dafür ist auch, dass er Angelina in einer Bar kennengelernt hat, während er dort Klavier spielte. Adam erscheint manchmal unsicher, aber in der Musik kann er seine Gefühle ausdrücken. Die Idee der Einbindung von Musik in eine Geschichte finde ich grundsätzlich interessant. Am Ende des Buchs hat der Autor eine Playlist zusammengestellt. Einige der Lieder kenne ich, leider aber nicht alle. Und so konnte ich manchmal die damit verbundenen Empfindungen leider nicht nachvollziehen.

An den beiden vorigen Romanen von Graeme Simsion habe ich vor allem die amüsanten Situationen geschätzt, die  durch die Auslegung bestimmten Verhaltens durch den Protagonisten entstanden. Diese vergnüglichen Szenen habe ich hier vermisst. Adam Sharp ist ein durch sein Elternhaus geprägter Charakter, der betrübt darüber ist den Möglichkeiten die das Leben ihm bisher geboten hat, nicht nachgekommen zu sein. Dabei zweifelt er, ob sie die bessere Wahl gewesen wären. Bei der ihm nun dargebotenen Chance lebt er seine Gefühle auf eine solche Weise aus, die moralisch anzuzweifeln ist. Mir ist die Figur dadurch auch nicht nahe gekommen genauso wenig wie Angelina. Dennoch muss ich dem Roman eine geschickte Konstruktion zuschreiben, verbunden mit einem leicht und gut lesbaren Schreibstil. Durch die Erzählung in der Ich-Form des Protagonisten verbleibt der Leser an der Seite von Adam, erfährt dessen Gedanken und kann sich so selbst ein Urteil über sein Verhalten bilden.

„Der Mann, der zu träumen wagte“ ist ein romantisch geschriebener Roman über zwei Menschen, die sich nach Jahren wiedersehen und sich über das Ausleben ihrer Gefühle und den Konsequenzen daraus klar werden müssen.

[Rezension Hanna] Der Jonas-Komplex - Thomas Glavinic



Der Jonas-Komplex
Autor: Thomas Lavinic
Hardcover: 752 Seiten
Erschienen am 10. März 2016
Verlag: S. FISCHER

In „Der Jonas-Komplex“ begleitet der Leser abwechselnd drei Protagonisten. Zunächst lernt er einen Wiener Schriftsteller kennen, scheinbar ein fiktives Alter Ego des Autors. Dieser ist mit einer ihm unbekannten Frau im Bett erwacht und versucht, sich an die vergangene Silvesternacht zu erinnern, in der er sich bis zum Filmriss betrunken hat. Danach begleitet man ihn bei weiteren Koks-, Alkohol- und Sexexzessen. In einem zweiten Handlungsstrang wird die Geschichte von Jonas beschrieben, dessen Freundin Marie mit ihm allein zu Südpol reisen will. Ruhelos lässt er sich von seinem Freund Tanaka an verschiedensten Orten der Welt verstecken, um ohne Hilfe zurückzufinden. Schließlich wird die Geschichte mit der dreizehnjährigen Version des Autors um eine dritte Perspektive ergänzt. Dieser interessiert sich vor allem für Schach und muss mit den Stimmungsschwankungen der Frau, bei der er lebt, zurechtkommen. Diese führt ein exzessives Leben, bringt immer wieder andere Männer mit nach Hause und untersucht seinen Penis regelmäßig auf Filzläuse.

Ich bin ohne spezielle Erwartungen in die Lektüre, mein erstes Buch des Autors, gestartet und konnte mich dank des flüssigen Schreibstils schnell in die Geschichte hineindenken. Die Seiten lesen sich insgesamt rasch weg, das muss man ihr zugutehalten. Alle drei Protagonisten, denen ich begegnete, sind ruhelos, auf ihre jeweilige Art auf Sinnsuche und ich habe sie nicht um ihr Leben beneidet. Nach einer Weile begann ich mich zu fragen, wohin der Autor mit seiner Geschichte will. Sie scheint keine feste Richtung einzuschlagen, sondern sich wie die Charaktere von äußeren Impulsen hierhin und dahin treiben zu lassen. Dabei fand ich es schnell ermüdend, über den Drogentrip des fiktiven Autors zu lesen. Auch die Leben der anderen Protagonisten konnten mich nicht fesseln.

Was ich am Buch interessant fand sind die ungewöhnlichen Charaktere, insbesondere die Nebencharaktere. Da gibt es zum Beispiel Walter, ein Anwalt der Hells Angels, der nie um einen guten Spruch verlegen ist. Doch aus ihrem Handeln ergab sich für mich keine geordnete Geschichte. Das über 700 Seiten starke Buch hätte mich vermutlich noch gelangweilt, wenn es nur halb so dick gewesen wäre. Es werden sehr viele Themen angesprochen, die zum Nachdenken hätten anregen können, wären sie nicht untergegangen in dem Strudel aus Koks, Schach und Herumgeirre, in dem die Charaktere sich befinden. Zum Ende hin geschieht in Sachen Story doch noch mal einiges, aber das konnte meinen Gesamteindruck des Buches nicht mehr sonderlich ändern. Von mir gibt es schwache zwei Sterne. Dieses Buch war wohl einfach nicht mein Fall.

Donnerstag, 23. März 2017

[Rezension Ingrid] Luana von Luiza Sauma



Titel: Luana
Autorin: Luiza Sauma
Übersetzerin: Mayela Gerhardt
Erscheinungsdatum: 17.02.2017
Verlag: Hoffmann & Campe (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen)

Ein Brief aus Brasilien löst bei André Caraval, Mitte 40 und Allgemeinmediziner in London, Erinnerungen an seine Jugend in Rio de Janeiro aus. Doch bereits seit Monaten träumt er von der Absenderin Luana, dem früheren Dienstmädchen der Familie. In seinen Träumen ist sie für ihn unerreichbar.

Im gleichnamigen Roman konfrontiert Luiza Sauma gleich zu Beginn den Leser damit, dass André etwas in seinem Inneren ganz tief verborgen hat. Der Brief bringt Gefühle in ihm an einen langen heißen brasilianischen Sommer an die Oberfläche. Es war 1985 kurz nach dem Tod seiner Mutter und das Jahr in dem er seinen schulischen Abschluss gemacht hat. Luana war in diesem Sommer 16 Jahre alt. Schon das Titelbild in schwarz-weiß führt den Leser in der Zeit zurück. Das Cover zeigt eine junge Frau, die am Fenster Abkühlung im leichten Windzug sucht und offenbart dabei auf den zweiten Blick erkennbare Intimität, die eine zweite anwesende Person in der Szene erwarten lässt. 

Andrés Familie ist wohlsituiert und beschäftigt ihrem Stand entsprechend ein Dienstmädchen. Luanas Mutter ist in dieser Rolle der Familie von André seit vielen Jahren verbunden. Seit einiger Zeit wird sie durch ihre Tochter unterstützt. Der Vater von André ist als Chirurg bis spät abends beschäftigt. André und sein zehn Jahre jüngerer Bruder sind also, nachdem die Mutter verstorben ist, häufig mit den beiden Bediensteten zu Hause allein. Luanas Haut lässt vermuten, dass ihr Vater ein Weißer ist, doch näheres erfährt sie nicht von ihrer Mutter.

Sie ist anmutig und hübsch, ihrem Charme kann André sich nicht gänzlich entziehen. Aus der Sicht eines heute verheirateten, aber seit kurzem getrennt lebenden Manns mit zwei Kindern blickt er auf die Ereignisse Mitte der 1980er Jahre zurück. Mag der räumliche Abstand von seiner Heimat es ihm ermöglicht haben, das damalige Geschehen auszublenden, vergessen hat er es nicht. Jetzt beginnt er seine eigene Handlungsweise zu hinterfragen und aufzuarbeiten.

Obwohl ein Dienstmädchen möglichst präsent im Haushalt ihres Dienstherrn zu sein hatte, war ihr Platz grundsätzlich in der Küche oder dem eigenen kleinen Zimmer im Haus, wo sie Essen oder einer Beschäftigung außerhalb des Haushalts nachgehen konnte. Ihre Lebenswege scheinen auf diese Weise vorgezeichnet zu sein. Doch wenn er mit Luana allein ist, weichen die Grenzen zwischen ihnen zurück. In seinen Schilderungen kommt zum Ausdruck, dass er seine Mutter sehr stark vermisst. In der Wohnung bleibt alles an seinem Platz, vieles muss ihn an sie erinnern. Vielleicht ist es die Suche nach Geborgenheit, die er bei dem jungen Dienstmädchen zu finden hofft. Vielleicht ist es aufgrund der fehlenden Vaterfigur die Suche nach männlicher Stärke von der Luana André entgegen getrieben wird.

Luiza Sauma nähert sich dem alles ändernden, entscheidenden Zeitpunkt im Leben von André eher vorsichtig, aber äußerst offen, aus der Perspektive des inzwischen erwachsenen André in der Ich-Form erzählt. Sein Verhalten wird neben dem Unfalltod der Mutter auch beeinflusst von den Anforderungen des Vaters an ihn, den Erwartungen seiner Freunde und dem in der Gruppe üblichen Alkohol und Drogenkonsum gegen die endlose Langeweile der Kinder reicher Eltern. Der Sommer 1985 ist für beide Protagonisten eine wichtige Zeit in der ihnen die Gestaltung ihrer Zukunft offen stehen sollte. Aber für beide existieren aus unterschiedlichen Gründen Einschränkungen und Alternativen fehlen.

Die Autorin schreibt in einem leicht lesbaren Schreibstil in den sie einige portugiesische Wörter eingeflochten hat, die die Gestaltung des Umfelds abrunden. Die Kenntnis der Gegebenheiten in ihrem Geburtsort Rio de Janeiro lässt die Geschichte glaubhaft und real erscheinen. Während ich glaubte, die Hitze des Sommers zu spüren und die Luft flirren zu hören, habe ich ganz nebenbei auch einiges von der Lebensweise der Brasilianer in Ipanema erfahren können. Durch die Briefe Luanas konnte ich mir bereits einige Vorstellungen davon machen, was damals passiert ist. Doch meine Vermutungen reichten nicht daran heran, was wirklich geschah. Über allem liegt ein geheimnisvoller Schleier, der ein gewisses Spannungselement in den Roman einbringt und erst sehr spät gelüftet wird.

„Luana“ ist ein einfühlsam geschriebener Roman mit einigen überraschenden Wendungen über die gesellschaftliche Stellung durch Geburt, die Auswirkung des Vertuschens von Verfehlungen und der Unmöglichkeit der Korrektur verpasster Möglichkeiten. Im Vordergrund steht jedoch immer die Liebe zum Leben. Mir hat das Buch sehr gut gefallen und daher empfehle ich es gerne weiter.

Mittwoch, 22. März 2017

[Rezension Ingrid] Selfies von Jussi Adler Olsen



Titel: Selfies (Der 7. Fall für das Sonderdezernat Q Carl Morck)
Autor: Jussi Adler Olsen
Übersetzer: Hannes Thiess
Erscheinungsdatum: 10.03.2017
Verlag: dtv Verlag (Link zur Buchausgabe des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen

Im mittlerweile siebten Fall für das in Kopenhagen beheimatete Sonderdezernat Q unter der Leitung von Carl Morck geht es auch um „Selfies“ wie der gleichnamige Titel schon sagt, aber nur am Rande. Einen wesentlich größeren Platz im Buch nehmen diesmal die Väter ein. Ihr Verhalten kann ihre Kinder in bedeutender Weise mit nachhaltigen Folgen beeinflussen. Wenn die Söhne oder Töchter keinen Ausweg mehr sehen, sich dem Einfluss zu entziehen, wenn also alle Stricke reißen wie es auf dem Cover angedeutet wird, dann sind ungeahnte Handlungen überaus wahrscheinlich. Doch dazu möchte ich nicht zu viel verraten.

Bevor die Ermittlungen des Sonderdezernats Q im Mai 2016 zum aktuellen Fall beginnen, nimmt Jussi Adler Olsen im Prolog den Leser mit ins Jahr 1995 und ich lernte Dorrit, ihre Mutter, ihre Oma und den nationalsozialistisch eingestellten Großvater kennen, die später eine große Rolle spielen werden. In 2016 begegnete ich Dorrit wieder, war aber verwundert, dass sie sich inzwischen in Denise umbenannt hat. Sie lebt von der Sozialhilfe und lernt auf dem Sozialamt Michelle und Jazmine kennen, die etwa so alt sind wie sie selbst und sich ebenso gerne wie Denise aufbrezeln und von Männern aushalten lassen. Ihr Ziel ist es, talentlos berühmt zu werden. Doch die Sachbearbeiterin des Amts meint es nicht gut mit ihnen. Die Antipathie ist auf beiden Seiten gleich groß.

Im Moment versuchen Carl Morck und sein Team einen länger zurückliegenden Fall zu lösen, bei dem eine junge Lehrerin hinterrücks erschlagen wurde. Der Fall hat große Ähnlichkeit mit einem aktuellen  bei dem eine ältere Frau, die Großmutter von Denise, auf die gleiche Weise ums Leben gekommen ist. Rose geht es zu dieser Zeit nicht gut. Ein Rüffel von Carl bringt einen Widerstand gegen Autorität in ihr zum Klingen, der sie aus der Bahn wirft. Erst wünscht sie sich wieder wie eine ihrer Schwestern zu sein, doch die Depression wächst sich weiter aus und nimmt verstörende Züge an, die das Team des Sonderdezernats veranlassen, sich auf die Suche nach Roses Vergangenheit zu begeben. Dann wird Michelle, inzwischen eine Freundin von Denise, von einem Auto überfahren und es sieht so aus, als ob es sich um eine vorsätzliche Tat handelt.

„Selfies“ hat mir sehr gut gefallen, besser als die letzten beiden Serienteile. Warum ist das so? Einerseits liegt es sicher an meiner Neugier mehr über die Vergangenheit der dubiosen Charaktere aus dem Team von Carl Morck zu erfahren, die der Autor über die letzten Fälle hinweg aufgebaut hat und die nun in wenigstens einem Fall befriedigt wurde. Andererseits sind die Täter und Opfer diesmal Personen, die jeder aus dem Alltag kennt, vielleicht etwas überzeichnet, aber durchaus realistisch.

Außerdem verbindet der Thriller wieder einen Fall aus der Vergangenheit mit der Gegenwart, es sind Ähnlichkeiten und Unterschiede heraus zu arbeiten. Auf der Dienststelle gibt es für das Q-Team eine neue Variante durch die ihre Ermittlungsarbeit gestört wird. Vor allem aber verwebt Jussi Adler Olsen wieder mehrere Fälle in einer sehr interessanten komplexen Weise, die einfach Spaß zu lesen macht. Mit Denise und ihren Freundinnen sowie der Sachbearbeiterin vom Sozialamt schafft der Autor Charaktere, die man eigentlich nicht mögen will, die einem aber auch irgendwie leid tun. Ich konnte mich diesem Spiel mit Gut und Böse nicht entziehen.

Die Spannung kommt bei diesem Thriller eher leise daher, nimmt dann an Fahrt zu und hält bis zum Ende seinen Spannungsbogen. Die Geschichte spielt zwei Jahre nach dem sechsten Ermittlungsfall. Das Buch ist auch diesmal wieder in sich abgeschlossen, eine Kenntnis der vorherigen Fälle ist nicht nötig. Allerdings wird aus dem bisherigen Privatleben der Ermittler wenig wiederholt und die Relevanz der Kenntnis von Roses Vergangenheit kann nicht so gut eingeschätzt werden.

In den Dialogen mit Carls Assistenten Assad kommt es wieder zu dem besonderen Wortwitz aufgrund der Auslegung bestimmter Wörter. Doch die Reaktion von Assad auf die Korrekturen durch Carl deuten wie auch einige andere kurze Einwürfe an, dass es in seinem Leben noch einiges Unbekanntes gibt, der Stoff im nächsten Serienteil sein wird, wird schon zu erfahren war. Darauf freue ich mich schon.

Der siebte Fall für das Sonderdezernat Q hat mich spannungsmäßig gefesselt und vom Aufbau her überzeugt. „Selfies“ ist definitiv eine Empfehlung wert und für Carl Morck Fans ein absolutes „Must-Read“.
Rezensionen zu den bisherigen Büchern auf unserem Blog:

Rezension (Hanna) Verachtung - der 4. Fall: KLICK!
Rezension (Ingrid) Verachtung - der 4. Fall: KLICK!
Rezension (Ingrid) Erwartung (Der Marco-Effekt) - der 5. Fall: KLICK!
Kurzrezension (Hanna) Erwartung (Der Marco-Effekt) - der 5. Fall: KLICK!
Rezension (Ingrid) Verheissung (Der Grenzenlose) - der 6. Fall: KLICK!

Dienstag, 21. März 2017

[VikingWorldPoetryDay] Mein Lieblingsgedicht zum Welttag der Poesie

Hallo liebe Leser,

ich wünsche Euch einen fröhlichen Welttag der Poesie!

Und jetzt mal ehrlich... wer von Euch hätte gewusst, dass heute der Welttag der Poesie ist? Klar, den Welttag des Buches kennt man, aber dass seit 2000 jedes Jahr am 21. März der Welttag der Poesie gefeiert wird, das wusste auch ich bis vor kurzem noch nicht.

Doch dann hat sich Viking eine wundervolle Aktion zu besagtem Welttag ausgedacht, an der ich mich sehr gern beteilige: Den #VikingWorldPoetryDay ! Den Leitartikel von Viking zur Aktion könnt ihr hier Lesen: http://blog.viking.de/entspannt-arbeiten/welttag-der-poesie

Im Vorfeld habe ich eine tolle Kreativbox erhalten mit Materialien, um mein Lieblingsgedicht in Szene zu setzen:


Die vielen schönen Schreibutensilien musste ich gleich ausprobieren und machte im Vorfeld einige Schreib- und Malübungen, um die Stifte und auch die geniale Feder auszuprobieren. Ich hatte seit Jahren nicht mehr mit Tinte geschrieben, erst recht nicht mit solcher direkt aus dem Fass. Darum hat es mir sehr viel Spaß gemacht damit zu schreiben.

Da ich nicht DAS eine Lieblingsgedicht habe musste ich mich im Vorfeld für eines entscheiden. Grundsätzlich mag ich humorvolle Gedichte sehr viel lieber als schwülstige oder dramatische. Meine Wahl ist schließlich auf "Die Feder" von Joachim Ringelnatz gefallen, was auch super zur Schreibfeder passt, die deshalb noch mal mit aufs Foto durfte.

Und das ist das Ergebnis - mein Beitrag zum #VikingWorldPoetryDay :


Habt ihr ein Lieblingsgedicht? Und wann habt ihr zuletzt mit Tinte geschrieben?

Liebe Grüße
Eure Hanna

Montag, 20. März 2017

[Rezension Hanna] Caraval - Stephanie Garber


Caraval
Autorin: Stephanie Garber
Übersetzerin: Diana Bürgel
Klappenbroschur: 400 Seiten
Erschienen am 20. März 2017
Verlag: ivi

Inhalt
Schon als kleine Kinder lauschten Scarlett und ihre Schwester Donatella den Geschichten ihrer Großmutter über Master Legend und seine Caraval-Darsteller, deren Vorstellungen angeblich Magie in dieser Welt am nächsten kommen. Seither war es Scarletts größter Wunsch, einen Auftritt zu erleben. Doch ihre Briefe blieben unbeantwortet. Inzwischen hat Scarlett ihren Wunsch begraben und plant die Hochzeit mit einem unbekannten Grafen, um ihren gewalttätigen Vater zu entkommen. Ausgerechnet wenige Tage vor der Hochzeit erhält sie Eintrittskarten, um Caraval auf einer nahegelegenen Insel zu betreten. Scarlett will davon nichts wissen und steht doch kurz darauf gemeinsam mit dem Seemann Julian vor den Toren Caravals, die ihre Schwester bereits durchschritten hat. Um sie wiederzufinden, nimmt sie am Spiel teil, das ganz anders und scheinbar auch gefährlicher ist als gedacht.

Meinung
Das Cover von „Caraval“ verspricht eine magische Geschichte. Die Worte „Es ist nur ein Spiel …“ scheinen gleichzeitig eine Warnung zu sein, und meine Neugier war geweckt, was denn dahinter steckt. Das Buch beginnt mit den Briefen von Scarlett an Legend, in denen sie jahrelang den Wunsch äußerte, dass Caraval auf ihre Insel kommt. Nach sieben Jahren schreibt sie, dass sie sich in diesem Jahr keinen Besuch wünscht – und erhält ausgerechnet darauf eine Einladung.

Die Scarlett, die ich am Anfang des Buches kennen lernte, denkt pragmatisch und ist überzeugt davon, dass eine Heirat mit einem unbekannten Graf der einzige Ausweg aus ihrer Misere ist. Sie will damit nicht nur sich, sondern auch ihre Schwester retten, denn ihr Vater, Governor Dragna, schlägt die eine für Fehltritte der anderen. Ihre Schwester hingegen ist viel wagemutiger und will das Risiko eingehen, auszureißen und Caraval zu besuchen. Mit einer List setzt sie ihren Kopf durch und der Leser findet sich im Nu mitten in der magischen Welt von Caraval wieder.

Nach und nach begreift man als Leser, was Caraval denn überhaupt ist. Ein magischer Hauch liegt auf allem, gleichzeitig reden die Darsteller in Rätseln und teilen Scarlett mit, dass sie an einem Spiel teilnehmen kann und dazu Hinweisen folgen muss, um im Falle eines Gewinns einen Wunsch zu erhalten. Außerdem wird nur bei Nacht gespielt – was tagsüber wohl draußen lauert? Bei der Ausgestaltung von Caraval hat die Autorin ihrer Fantasie freien Lauf gelassen und eine ungewöhnliche, interessante Welt geschaffen. Ich hatte große Lust darauf, sie zu erkunden und freute mich über jeden Streifzug, bei dem Scarlett wieder neue, unglaubliche Dinge sieht.

Die Charaktere, denen Scarlett begegnet, sind alle auf ihre Weise besonders und nicht leicht zu durchschauen. Viele von ihnen scheinen es mit der Wahrheit nicht so genau zu nehmen. Scarlett muss sich fragen, was Lüge und Täuschung ist und was nicht. Das ist in Caraval gar nicht so leicht zu unterscheiden. Mit wachsender Verzweiflung folgt Scarlett den Hinweisen und macht dabei einige unangenehme Überraschungen. Von Nacht zu Nacht scheint das Spiel gefährlicher zu werden. Aus Scarletts Vorstellung eines faszinierenden Erlebnisses ist ein dunkles Abenteuer geworden. Die Geschichte übte auf mich einen zunehmenden Sog aus, denn ich wollte unbedingt wissen, ob Scarlett ihre Schwester findet, was Julian verschweigt und ob es ihr gelingt, die Hinweise zu deuten.

Im letzten Buchdrittel nimmt die Spannung noch einmal zu. Es kommt zu dramatischen Szenen, die mich um die mir liebgewonnenen Charaktere bangen ließen. Erste Geheimnisse werden gelüftet, die zeigen, dass das Verwirrspiel noch größer und umfassender ist als gedacht und weitere Fragezeichen aufwerfen. Während des Finales, das mich die Luft anhalten ließ, fallen schließlich alle Puzzlestücke an ihren Platz und ließen mich erkennen, wie genial diese Geschichte angelegt ist. Der Abschluss hat mir richtig gut gefallen. Ich kann es kaum erwarten, mit einer Fortsetzung wieder in diese Welt einzutauchen und weitere Entdeckungen zu machen.

Fazit
In „Caraval“ wird Scarlett Teil eines magischen Spiels, um ihre Schwester zu finden. Gemeinsam mit dem geheimnisvollen Julian sucht sie in einer sonderbaren Welt nach Hinweisen und macht dabei so manche Entdeckung. Bald wird klar, dass das Abenteuer gefährlicher ist als gedacht. Mich konnte das Buch mit schillernden Beschreibungen verzaubern und durch dramatische Ereignisse mitreißen. Ein klares Muss für alle Leser fantastischer Geschichten!

Samstag, 18. März 2017

[Rezension Hanna] Retour. Luc Verlains erster Fall - Alexander Oetker


Retour. Luc Verlains erster Fall
Autor: Alexander Oetker
Klappenbroschur: 288 Seiten
Erschienen am 17. März 2017
Verlag: Hoffmann und Campe

Inhalt
Luc Verlain ist in die Aquitaine zurückgekehrt. Eigentlich hatte er seiner Heimat dauerhaft den Rücken gekehrt, doch nun hat der Leiter der zweiten Pariser Mordkommission sich vorübergehend nach Bordeaux versetzen lassen, um seinem kranken Vater näher zu sein. Doch die erwartete Ruhe bleibt aus, denn gleich nach seiner Ankunft wird am Strand von Lacanau die Leiche eines Mädchens gefunden. Die siebzehnjährige Caroline Derval besuchte am Vorabend das Strandfest, bevor sie später mit einem Stein erschlagen wurde. Carolines Stiefvater ist sich sicher, dass ihr Mörder der Algerier Hakim ist, einer ihrer Verehrer. Im vom Fremdenhass bestimmten Umfeld muss Luc die Wahrheit finden.

Meinung
Das Cover des Buches verspricht einen Kriminalfall dort, wo andere Urlaub machen. Auf den ersten Seiten lernt der Leser den Kommissar Luc Verlain kennen, während dieser von Paris in seine alte und neue Heimat Bordeaux fährt. Mit Beschreibungen der Landschaft und der kulinarischen Vorzüge der Gegend wurde ich auf den Schauplatz eingestimmt, bevor Luc sein neues Team kennenlernt und der erste Fall gelöst werden will.

Luc als Protagonist hat mir sehr gut gefallen. Er liebt nicht nur seine Arbeit, sondern auch gutes Essen und schöne Frauen. In seiner Vergangenheit lauern Schatten, doch diese verdrängt er die meiste Zeit und lässt sich durchs Leben treiben. Sein Kollege Etxeberria ist hingegen ein eher mürrischer Zeitgenosse, der sich mit dem gleichgestellten Kollegen schwer tut und Entscheidungen im Alleingang trifft. Außerdem gibt es da noch die sympathische und geheimnisvolle Kollegin Anouk sowie Hugo, über den man in diesem Buch noch nicht viel erfährt.

Nach einem kurzen Einstieg wird schon an Lucs erstem Tag die Leiche eines Mädchens gefunden und die Ermittlungen werden aufgenommen. In dem kleinen Ort, aus dem das Opfer stimmte, hat man für Ausländer nicht viel übrig, und so ist für den Stiefvater klar, dass der Algerier aus der Nachbarschaft der Mörder ist. Luc muss untersuchen, ob diese Vorwürfe irgendeinen Halt haben und wer sonst ein Motiv gehabt haben könnte. Die Stimmung ist aufgeheizt und falsche Entscheidungen könnten das Fass zum Überlaufen bringen.

Schnell gibt es neue Hinweise auf andere Personen, die etwas mit dem Mord zu tun haben könnten. Doch bevor es zu ausführlichen Befragungen kommen kann, erwartet den Leser bereits der erste Spannungshöhepunkt. Hier konnte ich die Entscheidungen der Beteiligten nicht ganz nachvollziehen und mich mit dem Geschehen deshalb nicht so recht anfreunden. Beispielsweise fand ich es merkwürdig, dass man sich bei gegenwärtiger Gefahr vor dem Aufbruch erst noch die Zähne putzt. Es passierten hier relativ früh relativ drastische Dinge, die mich überrumpelten.

Schließlich wird es wieder etwas ruhiger und Luc hat endlich Zeit, weitere Verdächtige zu suchen. Im Nu ist er dazu zurück in Paris und man erhält kurze Einblicke in sein bisheriges Leben. Nachdem er lange Zeit im Dunkeln tappte, geht schließlich alles sehr schnell. Ich fand die Auflösung im Vergleich zum spektakulären Intermezzo sehr ruhig und hatte gleichzeitig den Eindruck, dass die Ermittler hierauf eigentlich schneller hätten kommen können. Ich hätte mir einen stärkeren Spannungsbogen, der bis zum Schluss reicht, gewünscht.

Fazit
„Retour“ ist der erste Fall für Luc Verlain, einen lebensfrohen Kommissar, den es von Paris zurück in die Aquitaine, seine Heimat, verschlägt. Die Geschichte macht Lust auf einen Besuch des Schauplatzes und spricht gleichzeitig mit den starken Vorurteilen des Opferumfelds gegen Ausländer ein wichtiges Thema an. Die Dramaturgie dieses Debüts hat jedoch einige Schwächen. Unterm Strich vergebe ich drei Sterne für diesen Auftakt einer neuen, in Frankreich angesiedelten Krimireihe.

Freitag, 17. März 2017

[Rezension Hanna] Ein geschenkter Anfang - Lorraine Fouchet


Ein geschenkter Anfang
Autorin: Lorraine Fouchet
Übersetzerin: Sina de Malafosse
Hardcover: 368 Seiten
Erschienen am 17. März 2017
Verlag: Atlantik

Inhalt
Joseph und Lou sind als Frührentner von Paris zurück auf die Île de Groix gezogen. Doch nach einer kurzen, unbeschwerten Zeit kam Lou mit nur sechsundfünfzig Jahren ins Pflegeheim und verstarb bald danach. Zurück bleibt ein einsamer, zweifelnder Jo, der sich um seine beiden Kinder nie sonderlich gekümmert hat. Das will Lou in ihrem Testament ändern. Sie trägt ihm auf, dafür zu sorgen, dass sie glücklich sind. Erst dann dürfe er ihren letzten Brief lesen. Jo weiß nicht so recht, wie er das angehen soll, denn vor allem sein Sohn beginnt nach Lous Tod, den Kontakt aufs Nötigste zu reduzieren. Mittels Google Alerts und hilfsbereiten Freunden beginnt er, erst einmal mehr über das Leben seiner Kinder in Erfahrung zu bringen…

Meinung
Das Cover des Buches zeigt eine Küste mit Leuchtturm in Hintergrund, an der ein Mann mit einem Mädchen spielt. Die Kulisse passt gut zur Île de Groix sein, auf der ein Großteil der Geschichte spielt. Die abgebildeten Menschen könnten Jo mit seiner Enkelin Pomme sein, wobei letztere mit ihren zehn Jahren eigentlich schon zu alt für das gezeigte Kind ist.

Das Buch startet bedrückend mit der Beerdigung von Lou. Sowohl Jo als auch Pomme sprechen währenddessen in Gedanken zu ihr und teilen mit ihr, was ihnen durch den Kopf geht. Um den Leser gleichzeitig abzuholen, erzählen sie Lou Dinge, die sie eigentlich wissen sollte. Dadurch wirkte die Sprache auf mich etwas holprig. Das gibt sich aber bald und ich fand immer besser in die Geschichte hinein.

Die Autorin hat Charaktere erschaffen, ich die ich mich schnell einfühlen konnte. Jo fühlt sich von Lou allein gelassen; er kann mit ihrem Auftrag wenig anfangen und hat auch wenig Antrieb, allein weiterzumachen. Aufheiterungsversuche seiner Freunde und seiner Enkelin Pomme sind nicht sonderlich erfolgreich. Jo zieht sich zunehmend zurück und es kommt zu berührenden Szenen, in denen er in Erinnerungen schwelgt und Entscheidungen trifft, in denen eine Depression aus ihm spricht. Der Entschluss, mehr über das Leben seiner beiden Kinder herauszufinden, gibt ihm schließlich eine neue Aufgabe.

Zu Erzählabschnitten aus Jos Sicht gesellen sich recht früh Abschnitte aus Pommes Perspektive und später auch aus derer seiner Kinder und einiger wichtiger Nebencharaktere. Pomme habe ich schnell ins Herz geschlossen. Sie hängt sehr an ihrem Großvater und wünscht sich eine bessere Beziehung zu ihrem Vater, dessen Besuche immer seltener werden. Sie ist lebensfroh und geht Dinge beherzt an. Darin unterscheidet sie sich von ihrer Halbschwester Charlotte, deren altkluge Sprache für mich nicht zu einer Neunjährigen passte und die aus dem Stehgreif eine psychologische Selbstanalyse zum Besten gibt. Auch Jos Kinder Sarah und Cyrian lernt man besser kennen. Beide sind in ihren Jobs äußerst erfolgreich. Doch erstere trifft keinen Mann mehr als zweimal, seit ihr Verlobter sie aufgrund ihrer Erkrankung verlassen hat und letzterer führt eine erkaltete Ehe mit der Mutter seiner zweiten Tochter, die er regelmäßig betrügt.

Mit dem Beginn von Jos Nachforschungen zum Leben seiner Kinder dringt man immer tiefer in das Beziehungsgeflecht der Familie vor. Man versteht zunehmend, was die einzelnen Charaktere antreibt und warum sie in bestimmten Verhaltensmustern gefangen sind. Der bedrückende Ton der Geschichte wird gelegentlich durch amüsante Szenen aufgelockert, zum Beispiel wenn Jo sich Google Alerts zur Beobachtung seiner Kinder einrichtet oder Freunde als Schauspieler instruiert, die Charakterstärke der Frauen in Cyrians Leben zu prüfen. Unauffällig und punktuell mischt sich Jo in Sarahs und Cyrians Leben ein, um sie in die richtige Richtung zu schubsen – mit unterschiedlichem Ergebnis. Schließlich kommt es zu einem dramatischen Ereignis, das alle stark ins Nachdenken bringt und schließlich zu einem versöhnlichen Ende, das ich sehr passend fand.

Fazit
„Ein geschenkter Anfang“ erzählt von der Familie der verstorbenen Lou, die von ihrem Mann verlangt, für das Glück der gemeinsamen Kinder zu sorgen. Der Fokus verschiebt sich langsam von ihm und seiner Trauer hin zur Frage, was im Leben seiner Kinder denn fehlt. Mit der Zeit fand ich immer besser in die Story hinein, begegnete Charakteren, in die ich mich hineinfühlen konnte und erlebte Momente, die mich berührten. Diese nachdenkliche und doch nach vorn schauende Familiengeschichte vor der Kulisse der traumhaften Île de Groix empfehle ich gern weiter.

Montag, 13. März 2017

[Lesungsbericht Ingrid] Verleihung des 8. Debütpreises der lit.cologne


Am 11. März 2017 wurde zum 8. Mal der Debütpreis der lit.cologne in Köln vergeben. Das Event wurde im Vorfeld schon von dem kleineren Depot 2 im Schauspielhaus in das etwa 300 Personen fassende Depot 1 verlegt und war ausverkauft. Die vorher als „Silberschweinpreis“ bekannte Auszeichnung ist den Verantwortlichen nach „Erwachsen geworden“ und trägt nun den schlichteren Titel Debütpreis, wird aber weiter im silbernen Schwein überreicht. Als Sponsor für den mit EUR 2.222,- dotierten Preis fungierte auch diesmal wieder die RheinEnergie.

Mein Mann und ich waren schon um kurz vor 19 Uhr vor Ort und haben uns vor Beginn der Verleihung mit einem Getränk und einem Brezen gestärkt. Während der Wartezeit auf den Einlass wurden die Stimmzettel für die Wahl zum Debütpreis verteilt. Nachdem sich die Türen für das Publikum gegen 19.15 Uhr öffneten, suchten wir uns angenehme Plätze in Reihe 6 ziemlich mittig. Die Veranstaltung begann mit wenigen Minuten Verspätung mit der Begrüßung durch Eva vom Organisationsteam der lit.cologne.

Bereits zum 6. Mal moderierte die Schweizer Reisejournalistin und Dokumentarfilmerin Monika Schärer den Abend. Kurz erklärte sie den Zuhörern den Ablauf, der je nominiertem Autor eine Lesung, ein Gespräch mit ihr und den anschließenden Freundschaftsdienst vorsieht, wobei jeder Teil ca. zehn Minuten dauert. Nach einer Auslosung der Reihenfolge stand fest, dass Takis Würger beginnen würde.
Monika Schärer (2.von re.) stellt die Nominierten vor:
Fatma Aydemir (li.), Tijan Sila (2.v.li) und Takis Würger (re)
Zunächst las der Autor den Beginn seines Buchs „Der Club“, das im Verlag Kein & Aber erschienen ist, den ich auch schon als Leseprobe aus dem Internet kannte. Inzwischen habe ich das Buch gelesen. Meine Rezension dazu könnt ihr hier nachlesen KLICK! Der Roman wurde für den Debütpreis nominiert, weil er fesselnd, spannend und hintergründig ist. Es geht ums Boxen, es geht auch um Selbstfindung und der Autor setzt die Themen konsequent und mitreißend um. Im Anschluss an seine Lesung erzählte Takis Würger der Moderatorin, dass er eine Auszeit dazu genutzt hat, ein Jahr in Cambridge zu verbringen und dort zu boxen. Cambridge war für ihn faszinierend und erschreckend, vor allem weil er dort viele 18-jährige getroffen hat, für die alles möglich war. Beispielsweise erfolgten sofortige Barzahlungen als Wiedergutmachung wenn in ihren Exzessen Dinge kaputt gingen. Der Autor ist Spiegelreporter, doch sein Buch wäre als Reportage nicht möglich gewesen. Seine Figuren sind sämtliche fiktional, doch in sie sind seine Erlebnisse eingeflossen.
Takis Würger bei seiner Lesung
Den Freundschaftsdienst für Takis Würger übernahm seine Mutter Johanna K. Sie ist gegen Bienen allergisch und aus einem Wald im Norden. Mit diesen Eigenschaften findet sie sich im Roman ihres Sohnes wieder. Von Beginn an war sie mit der Entstehung des Romans verbunden, denn der Autor hat viel auf ihre Meinung gegeben. Mit der Zeit entwickelte sich die Geschichte weiter und so konnte sie miterleben wie die Erzählung immer runder und voller wurde. Ihre Worte waren warmherzig und man spürte die Liebe zu ihrem Sohn und seinem Werk. Zum Schluss verriet sie den Zuhörern, dass ihr Sohn das Buch seiner Freundin gewidmet hat, diese Liebe aber verloren gegangen ist. Monika Schärer bezeichnete ihren Dienst denn auch als „Liebesdienst“ statt „Freundschaftsdienst“. Sie trug ihren Part charmant, bewegt, informativ und durchzogen mit einigen erheiternden Momenten vor.
Monika Schärer (li) und Takis Würger (Mitte) lauschen Johanna K.
 (re, Mutter von Takis Würger) bei ihrem Freundschaftsdienst
Als nächstes war nun Tijan Sila an der Reihe. Ihm war die Reihenfolge des Ablaufs vorher nicht bekannt und er hatte angenommen, dass der Freundschaftsdienst als erstes stehen würde. Daher lernten wir noch vor der Lesung seinen Freund und gleichzeitig Lektor seines Buchs „Tierchen Unlimited“ kennen. Hannes Ulbrich war zwei Jahre Volontär im Lektorat von Kiepenheuer & Witsch bei dem der Roman auch verlegt wird. Er hat gleich beim Lesen des Manuskripts bemerkt, welches Potential darin steckt. Amüsiert hat er sich über das beiliegende verwackelte Foto des Autors mit Katze auf der Schulter. Er erzählte weiter, wie er erfolgreich die Umsetzung des Manuskripts zum Buch begleitete. In seinen Worten spürte man den Stolz auf seine Entdeckung und die Freude über die neugewonnene Freundschaft zu Tijan Sila.
Monika Schärer (li) und Tijan Sila (Mitte) schauen
Hannes Ulbrich (re) bei seinem Freundschaftsdienst zu
Monika Schärer nannte als Erklärung nach erfolgter Lesung, im anschließenden Gespräch mit dem Autor die Begründung des Auswahlgremiums. „Tierchen Unlimited“ wurde für den Debütpreis nominiert, weil es den Lesern den bosnischen Bürgerkrieg und den anschließenden Neuanfang vor Augen führt. Es ist frech, witzig und eindringlich geschrieben. Ich konnte mir selber schon eine Meinung zum Buch bilden. Meine Rezension zum Buch findet ihr hier: KLICK! Tijan Sila kam mit 13 aus Bosnien nach Deutschland und arbeitet heute als Lehrer an einer berufsbildenden Schule. Beim Lesen des Romans habe ich mich oft gefragt, ob alles Fiktion ist oder ob der Autor einiges selbst erlebt hat. Für seine Lesung in Köln wählte er die Beschreibung seiner Flucht durch einen Tunnel und die Busfahrt Richtung Deutschland. Es überraschte mich als er erklärte, dass genau die Umstände dieser Flucht der einzige Teil seiner Geschichte ist, die der Wahrheit entspricht! Die Flucht sieht er als die „Geburt“ seiner namenlosen Figur und in Bezug dazu steht auch der Titel. Die Menschen im Krieg und auf der Flucht befriedigen ihre Bedürfnisse wie Tierchen. Weitere Themen die seinen Roman wie in Kreisen durchziehen sind Brüder mit nationalsozialistischer Neigung und Lügen.
Monika Schärer (li.) im Gespräch mit Tijan Sila
Als letzte der drei nominierten Autoren kam Fatma Aydemir auf die Bühne. Ihr Roman „Ellbogen“ ist im Hanser Verlag erschienen und in der Ich-Form geschrieben. So schlüpfte die Autorin beim Vorlesen in die Rolle ihrer 18-jährigen Protagonistin Hazal. Sie las den für den weiteren Hergang wichtigen Part vor bevor es zur unfassbaren Tat von Hazal und ihren Freundinnen kommt. Im anschließenden Gespräch erklärte Monika Schärer, dass der Roman nominiert wurde, weil der Coming-of-Age-Roman rasant und mitfühlend geschrieben ist und sowohl das Aufwachsen eines Mädchens mit Migrationshintergrund in Deutschland als auch deren Flucht in die vertraute Fremde behandelt. Ich konnte das Buch bereits lesen und meine Rezension dazu findet ihr hier KLICK!
Fatma Aydemir, die als Journalistin für die taz in Berlin arbeitet, erklärte im anschließenden Gespräch mit der Moderatorin, dass ihre Geschichte komplett erfunden ist. Doch einige Gemeinsamkeiten mit ihrer Protagonistin gibt es, denn auch ihre Eltern stammen aus der Türkei, sie liebt R&B Musik und auch in ihr ist jede Menge Wut.
Monika Schärer (li.) im Gespräch mit Fatma Aydemir
Für ihren Freundschaftsdienst hat sie sich ihren sehr guten alten Freund, den Künstler BASKE ausgesucht, der für seine Graffitiarbeiten bekannt ist. Links von der Bühne war von Beginn an eine schwarze Wand aufgebaut und nun erfuhren wir auch warum. Statt zu beschreiben, was passierte zeige ich euch das ganze einfach auf den folgenden Fotos:




Der Graffitikünstler (Buddy) Baske bei seiner Performance
auf dem untersten Bild links Fatma Aydemir
Stark! Doch dann war es auch schon Zeit, die Stimmzettel auszufüllen und nach deren Einsammeln gab es eine viertelstündige Pause.

Danach bat die Moderatorin nochmal alle Nominierten auf die Bühne. Frau Thelen als Vertreterin des Sponsors Rheinenergie würde nun die Siegerehrung vornehmen. Nach einem kurzen Moment der Spannung wurde Takis Würger mit „Der Club“ als Sieger verkündet! Frau Thelen überreichte ihm das gut gefüllte Silberschwein. Fatma Aydemir und Tijan Sila gingen aber auch nicht ganz leer aus, für ihre Nominierung erhielten sie ebenfalls ein Präsent von Frau Thelen überreicht.

v.l.n.r. Frau Thelen/RheinEnergie, Monika Schärer,
Fatma Aydemir, Tijan Sila, Takis Würger
Frau Thelen überreicht Takis Würger
 das Silberschwein




















Herzlichen Glückwunsch an den Gewinner und viel Erfolg für ihre Debütromane auch an Fatma Aydemir und Tijan Sila!






alle Mitwirkenden auf einem Bild:
v.l.n.r. Fatma Aydemir, BASKE, Tijan Sila, Hannes Ulbrich, Johanna K., Takis Würger,
 Monika Schärer, Frau Thelen/Rheinenergie
Ich freue mich schon auf das nächste Jahr wenn zum 9. Mal der Debütpreis der lit.cologne vergeben wird.

Eure Ingrid

Samstag, 11. März 2017

[Rezension Ingrid] Truggestalten von Rudolph Herzog


Titel: Truggestalten
Autor: Rudolph Herzog
Erscheinungsdatum: 16.02.2017
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag

Im Buch „Truggestalten“ von Rudolph Herzog sind sieben sagenhafte Erzählungen versammelt. Wie der Titel bereits andeutet, beinhalten die unterschiedlichen Geschichten Figuren, die unrealistisch sind, teils weil sie ausschließlich unserer Fantasie entspringen, teils weil sie durch Sagen in unsere Köpfe gekommen sind. Keine von ihnen hält einer realen Betrachtung stand. Das Titelbild des Buchs zeigt das East Side Hotel in Berlin, so wie wir es heute besuchen können. Die Kinder auf der Kaimauer passen mit ihrer Kleidung nicht ins Bild, stehen aber für vergangene Zeiten in der Stadt. In jeder Story wird eine Episode aus der Vergangenheit angeschnitten, die mich als Leser dazu veranlasste, mir diese ins Gedächtnis zu rufen und nach weiteren Informationen darüber im Netz zu suchen.

Die Erzählungen basieren manchmal auf genau jenen Erinnerungen, die auf unerklärbare Weise sich ihren Weg in das Bewusstsein der Berliner Bewohner, gleich welchen Alters drängen. Da sind beispielsweise polnische Zwangsarbeiter im zweiten Weltkrieg oder auch eine als verrückt erklärte Näherin aus dem 19. Jahrhundert. Erinnerungen an den Hungerwinter nach dem Krieg, aber auch an dem Mauerfall werden wach. Und wer bisher noch nicht wusste, woran es liegt, dass der neue Berliner Flughafen noch nicht fertig ist, wird hier eine Erklärung finden. Doch nicht nur die Vergangenheit dient der Erklärung der Truggestalten. Hierhinter verbergen sich auch Wiedergänger, Aufsitzer und Dschinn. Immer wieder finden sich Begebenheiten, die zwar weder zur Begründung noch zum Ablauf der jeweiligen Geschichte beitragen, aber interessant und abwechslungsreich sind.

Die Schilderungen spielen in unterschiedlichen Teilen der Hauptstadt Berlins, als Leser begegnete ich dort verschiedenen Kulturen. Nicht nur den Zeitgeist, sondern auch die aktuelle gesellschaftliche Lage versteht der Autor einzufangen. Rudolph Herzog schreibt in der allwissenden Erzählperspektive ebenso wie in der Ich-Form aus Sicht einer Frau und eines Manns. Die Gestaltung der Storys in der Verbindung zu historischen Geschehnissen verbunden mit Mystik hat mich sehr angesprochen. Gefehlt hat mir ein wenig die Verbindung zwischen den Geschichten, denn neben dem Handlungsort Berlin findet man nur gelegentlich eine Figur, die einem vage aus einer anderen Erzählung bekannt vorkommt und die vergleichbar mit einem Wimpernschlag auch schon wieder entschwunden ist.

Das Buch hat bei mir wohlige Schauer des Gruselns ausgelöst. Es zeigt die Vielfalt einer Großstadt, die Bedeutung des Einzelnen und Flüchtigkeit des Moments. Gerne kann es mehr solcher Geschichten geben.