Kurz nachdem „Toxibaby“ in Dana von Suffrins gleichnamigem
Roman zu der Autorin Herzchen Goldberg in deren Zweizimmerwohnung im Münchener
Stadtteil Giesing gezogen ist, fahren beide ins Blaue hinein nach Italien. Sie
landen in einem kleinen Ort am Taro. Toxi hat eigentlich einen ungenannten
altdeutschen Vornamen, aber sein Spitzname, den Herzchen ihm gegeben hat,
spiegelt den Kern ihrer Beziehung wider. Ihr wird in den ersten Tagen der Reise
bewusst, dass sie zwischen zwei widerstreitenden Gefühlen steht: Einerseits
möchte sie mit Toxi ihr ganzes Leben verbringen, andererseits fürchtet sie,
dass genau dieses gemeinsames Leben zum Scheitern verurteilt ist.
Aus der Gegenwart heraus schildert die inzwischen 37-jährige
Herzchen, die als Ich-Erzählerin auftritt, von ihrer Beziehung zu Toxi, die
sich inzwischen zu einer On-Off-Romanze entwickelt hat. Dreizehn Trennungen in
drei Jahren sind es nach ihrer Zählung, wie man bereits auf den ersten Seiten
erfährt. Seit dem letzten Beziehungsende hat sich jedoch das sonst übliche
Ritual bis zur Versöhnung geändert, denn erstaunt stellt sie fest, dass Toxi
sie nun wie ein vernünftiger Erwachsener ignoriert. Jede ihrer bisherigen Trennungen
hat sich für Herzchen wie ein Kleinkrieg angefühlt, den sie am Ende verlor. Nun
steht ein mehrwöchiger beruflicher Aufenthalt in der Schweiz bevor und mit ihm
die Angst, dort allein zu sein.
Die besondere Stärke des Romans liegt in seiner
differenzierten Figurengestaltung, in der sich exemplarisch die prägenden
Erfahrungen und Eigenschaften der sogenannten Millennials widerspiegeln. Herzchen
ist einige Jahre jünger als Toxi. Sie beschreibt sich selbst als impulsiv und
als jemand, deren Gefühle sich schnell zuspitzen, die sie im Streit auch
bewusst einsetzt. Toxi zu provozieren ist kein Zufall, denn es reizt sie, sich
ihrer eigenen Freiheit ihm gegenüber zu versichern. Als Tochter eines bereits
verstorbenen Chirurgen mit jüdischen Wurzen in Polen ist sie in München
aufgewachsen. Ihre Mutter ist gebürtige Italienerin. Sie kennt von ihr eine
gewisse Neigung, die sie auch bei Toxi feststellt. Gemeinsam ist den beiden auch, dass sie mit
ihren Handlungen kleinsten Widerstand leisten.
Toxis Attraktivität und seine Intelligenz findet sie
anziehend, jedoch benötigt er viel Aufmerksamkeit, ist eher humorlos und wenig
zur Selbstreflexion bereit. In einem Punkt unterscheidet sie sich deutlich von
ihm: Toxi schreibt das Scheitern seiner Lebenspläne der Gesellschaft zu,
wohingegen Herzchen glaubt, dass der Mensch selbst daran Schuld hat, weil er es
sein Können und Wissen stets dazu einsetzt, sich mit anderen zu messen. Sie
neidet es ihm, dass er in einer unaufgeregten, konventionellen Familie
aufgewachsen ist. Die Werte, die beiden durch ihre Herkunft vermittelt wurden,
haben sich bei ihnen tief eingeprägt.
Herzchen fehlt das Verständnis für die Lage ihres Freunds, dem sie ihrer Meinung nach jedwede Unterstützung gewährt und der doch nie zufrieden ist, was sich in Wutausbrüchen äußert. Ihre langjährige Freundin Daria, die eher nüchtern auf die Verbindung mit Toxi schaut, erdet sie, schafft es aber nicht, die festgefahrenen Muster der Vorwürfe aufzubrechen. Trotz der gewollten und ungewollten Konflikte hält Herzchen an der Beziehung mit Toxi fest, weil sie es für schwierig hält, ihn zu ersetzen. In diesem Punkt möchte man ihr Mut zusprechen, sich von ihm zu lösen. Ihr Wunsch nach Romantik und einer intakten Familie mit Vater, Mutter und Kind bleiben unangetastet.
Vordergründig ist der Roman „Toxibaby“ die Geschichte einer
ständig scheiternden Liebesbeziehung. Dana von Suffrin erzählt mit einem feinen
Gespür für das Beziehungsgeflecht ihrer Figuren in einem durchgehend lockeren
Tonfall mit Spuren von Ironie. Zunehmend gewährt die Protagonistin Herzchen
einen Blick auf ihre Herkunft und ihre Ansichten, die ein tieferes Verständnis
dafür geben, warum sie trotz ständiger Trennungen ihren Traum von einer Zukunft
an Toxis Seite nicht aufgibt. Gerne empfehle ich das Buch weiter.
