Rezension von Ingrid Eßer
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In der türkischen Bezeichnung des Botanischen Gartens
Istanbul ist der Name des Gründers Alfred Heilbronn erhalten geblieben. Neben
einem Handlungszweig, der in der Gegenwart spielt, reist Sandra Lüpkes in ihrem
Roman „Ein Ort, der bleibt“ in der Zeitgeschichte zurück in die 1930er und
1940er Jahre, als der Garten angelegt und zu Bedeutung gekommen ist.
Neben dem Botanischen Garten stehen drei Frauen im
Mittelpunkt der Handlung. Eine von ihnen ist Magda Heilbronn, Jahrgang 1889 und
Ehefrau des Gründers. Obwohl sie nach der Geburt ihrer Kinder promovierte und
einen Doktortitel in Philosophie erwarb, wurde ihr der erhoffte Lehrauftrag an
der Universität ihres Wohnortes Münster verwehrt. Sie drängt ihren Mann, der
Einladung zu folgen, ein Botanisches Institut in Istanbul aufzubauen.
Etwa zur gleichen Zeit strebt auch die einige Jahre jüngere,
in Istanbul lebende Mehpare Basarman eine Habilitation an. Später wird sie zur
geschätzten Assistentin von Alfred Heilbronn. Mit großer Sachkenntnis beschreibt
die Autorin das Sammeln, Züchten und Pflegen von Pflanzen. Dabei wird spürbar, mit
wie viel Begeisterung die Botanik*innen sich ihrer Aufgabe widmen.
Während Magda und Mehpare historische Persönlichkeiten sind
ist Imke, die dritte Protagonistin des Romans, eine fiktive Figur. Eine
befristete Anstellung als Stadtplanerin führt sie in der heutigen Zeit von
Münster nach Istanbul. Dort arbeitet sie an einem Gutachten mit, das über die
Zukunft des Botanischen Gartens entscheiden soll. Durch Imkes Perspektive greift
Sandra Lüpke zudem die Situation von Frauen in der Türkei auf.
Dank ihrer sorgfältigen Recherche lässt Sandra Lüpkes sowohl
die Zeit als auch die Schauplätze lebendig werden. Sie verdeutlicht die
zunehmenden Repressalien, die jüdische Wissenschaftler in Deutschland nach der
Machtergreifung der Nationalsozialisten hinzunehmen hatten und lenkt damit den
Blick auf ein wenig bekanntes Kapitel der Geschichte. Es werden Magdas Sorgen angesichts
des Aufbruchs in ein fremdes Land mit einer anderen Kultur deutlich.
Gleichzeitig zeigt die Autorin, wie schwierig es für Mehpare ist, sich in einem
von Männern dominierten Wissenschaftsbetrieb zu behaupten, obwohl in der noch
jungen Republik offiziell eine Gleichstellung angestrebt wurde.
In ihrem Roman „Ein Ort, der bleibt“ erzählt Sandra Lüpkes von einer heute kaum bekannten Episode der Geschichte: der Emigration deutsch-jüdischer Wissenschaftler*innen in die Türkei während der Zeit des Nationalsozialismus. Gleichzeitig thematisiert sie auch die Fragen nach Zugehörigkeit sowie den Platz der Frau in der Gesellschaft. Geschickt verbindet die Autorin historische Fakten mit fiktionalen Elementen und verbindet Vergangenheit und Gegenwart auf überzeugende Weise. Gerne empfehle ich das Buch weiter.
