Samstag, 5. September 2020

Rezension: Die Unschuldigen von Michael Crummey

 

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Die Unschuldigen
Autor: Michael Crummey
Übersetzerin: Ute Leibmann
Hardcover: 351 Seiten
Erschienen am 28. August 2020
Verlag: eichborn

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Die Geschwister Evered und Ada leben mit ihren Eltern und ihrer kürzlich geborenen Schwester in einer abgelegenen Bucht in Neufundland. Im Sommer und Herbst fangen und verarbeiten sie Fische, die ihr Vater auf einem zweimal jährlich eintreffenden Schiff gegen Vorräte eintauscht. Doch dann sterben das Baby, die Mutter und der Vater kurz nacheinander an einer Krankheit. Evered und Ada, zu diesem Zeitpunkt ungefähr zwölf und zehn Jahre alt, wollen in der Bucht bleiben und das ihnen bekannte Leben fortführen. Es ist für die beiden ein Ringen mit der wilden, unberechenbaren Natur und der eigenen Einsamkeit.

Der Klappentext des Buches verrät bereits, dass Evered und Ada mitten in der Wildnis von Neufundland im 18. Jahrhundert auf sich allein gestellt sind. Entsprechend wenig überrascht war ich vom Tod ihrer Eltern und ihrer Schwestern auf den ersten Seiten, wovon auf den allerersten Seiten recht schnell berichtet wird. Die beiden überlebenden Geschwister haben sich in ihrem ganzen Leben noch nicht weit von der Bucht entfernt und kennen außer ihrer Familie keine anderen Menschen außer der Hebamme Mary Oram, die zur Geburt ihrer Schwester eine Weile bei ihnen wohnte. Ihr Wissen von der Welt ist entsprechend eingeschränkt auf das, was ihre Eltern und Mary Oram ihnen gesagt und gezeigt haben.

Ich war neugierig, ob die Geschwister ihr bisheriges Leben fortführen können und wollen. Ein Schiff könnte sie innerhalb weniger Tage zum Dorf Mockbeggar bringen, doch die beiden wollen lieber versuchen, in ihrer Bucht zu überleben. Ohne die Unterstützung ihrer Eltern wird das zu einem herausfordernden Kampf ums Überleben. Können sie genug Fisch verarbeiten, um mit den eingetauschten Vorräten den Winter zu überstehen? Dazu wird nicht nur Geschick benötigt, sondern auch das Wetter muss mitspielen.

Die Geschichte wird in einem ruhigen Tempo und sehr atmosphärisch erzählt. Man begleitet Evered und Ada beim Fischfang, der Robbenjagd und durch lange dunkle Wintertage. Auch das Verhältnis der Geschwister zueinander wird intensiv beleuchtet. Die beiden sind durch die gemensam verbrachte Zeit unzertrennlich. Sie wissen, dass sie als Geschwister einander nicht heiraten können, haben aber keinerlei sexuelle Aufklärung erhalten, sodass sie entsprechechende Regungen nicht richtig einordnen können.

Die Routine der beiden wird gelegentlich unterbrochen, zum Beispiel von einem Sturm oder Besuchern in der Bucht. Ich hätte mir in Summe mehr Spannung gewünscht, denn auch diese Ereignisse lösen keine größeren Umbrüche aus. Über mehrere Jahre bleibt man an Evereds und Adas Seite, die sich beharrlich den harten Lebensumständen entgegen stellen und lieber ihr bekanntes Leben weiterführen wollen als sich ins Ungewisse aufzumachen. Ein eindringlich erzählter Roman, der mich tief in die Wildnis Neufundlands des 18. Jahrhunderts eintauchen ließ.

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