Rezension von Ingrid Eßer
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Mit ihrem Roman „Trag das Feuer weiter“ beendet Leila
Slimani ihre Familientrilogie, die auf wahren Begebenheiten aus dem Leben ihrer
Familien beruht. Die Wurzeln der Autorin liegen sowohl in Frankreich wie auch
in Marokko. Die überwiegende Handlung des dritten Bands spielt im Nordwesten
Afrikas. Die ersten beiden Teile habe ich nicht gelesen. Dank einer kurzen
Beschreibung der wichtigsten Figuren habe ich mich gut in die Erzählung
eingefunden.
Anfang der 1970er Jahre heiratet die Gynäkologin Aisha,
deren Mutter aus dem Elsass stammt, den Finanzökonomen Mehdi. Ihre Tochter Mia
wird 1974 geboren. In kurzen Zwischensequenzen erzählt diese aus der
Ich-Perspektive in der Gegenwart, in der sie als Schriftstellerin in Paris wohnt.
Aufgrund einer Erkrankung empfiehlt ihr ein Arzt, sich auf die Spuren ihrer
Vergangenheit zu begeben. Daraufhin reist sie nach Marokko zur noch
existierenden Farm ihrer Großeltern Mathilde und Amine, auf der ein Verwalter
sich um das Anwesen kümmert.
Die Geschichte von Mias Familie wird in auktorialer Erzählweise
geschildert und setzt Mitte der 1970er Jahre ein. In dieser Zeit gelingt es
Aisha, Beruf und Mutterschaft miteinander zu vereinbaren. Während ihrer
Abwesenheit kümmert sich ein Hausmädchen um Haushalt und die Kinder. Mia lehnt
ihre sechs Jahre jüngere Schwester Ines ab, die scheinbar von allen geliebt
wird. Sie selbst begehrt gerne mal auf. Bücher eröffnen ihr den Blick auf die
Welt. Sie sehnt sich nach Freiheit jenseits ihres privilegierten Elternhauses.
Leïla Slimani vermittelt dem Lesenden eindrucksvoll
politische und kulturelle Einblicke in Marokko. Sie stellt die Gegensätze der
Denkweisen und gesellschaftlichen Konventionen heraus, ohne diese zu werten.
Über die Jahre hinweg wird sichtbar, wie sich das Land verändert und mit ihm auch
Mias Familie.
Anfang der 1990er Jahre erleben Mehdi und Mia sowie ihr
Großvater Amine einen Culture Clash auf ihre je eigene Weise. Amine ist
verstört vom trubeligen New York, das er nur seines Sohns zuliebe besucht. Es
wird deutlich, wie schwierig es für ihn ist, sich in dieser fremden Kultur
zurechtzufinden, auch weil ihm die Sprachkenntnisse fehlen.
Mehdis berufliche Tätigkeit zwingt ihn dazu, Verhandlungen
im Ausland zu führen. Für ihn wird es zum Problem, Marokko als ein Land mit
großer Zukunft vorzustellen, um es für Investoren attraktiv zu machen. Derweil
beginnt Mia ein Wirtschaftsstudium in Paris und droht am Fehlen der familiären
Zuwendung zu scheitern.
In ihrem Roman „Trag das Feuer weiter“ zeigt Leïla Slimani die Suche nach Identität über mehrere Generationen, Religionen und Kontinente hinweg. Sie bindet bedeutende historische Ereignisse ein und verwebt sie mit den persönlichen Schicksalen der Protagonist*innen. Der Roman stimmt nachdenklich und regt dazu an, über Familie, Herkunft und Selbstverwirklichung nachzudenken. Sehr gerne empfehle ich ihn weiter.
