Donnerstag, 16. November 2017

[Rezension Ingrid] Ein Mensch brennt von Nicol Ljubic

Am 16.11.2017  jährt sich der Tag der Selbstverbrennung von Hartmut Gründler zum 40. Mal. Seine Aktion ist ein Protest gegen die Lügen der Atomenergie, er stirbt fünf Tage später  am 21.11.2017 in Folge seiner Verletzungen im Krankenhaus.

Der SWR 2 hat mit dem Autor Nicol Ljubic ein Feature zu seinem Buch "Ein Mensch brennt", in dem Hartmut Gründler eine wichtige Rolle spielt, gedreht, an dem er fünf Jahre gearbeitet hat. Er schildert in dem Beitrag den Entstehungsprozess seines Romans von der ersten Idee bis zum fertigen Buch. 
Ausstrahlungstermin auf SWR 2: Dienstag, 21. November 2017, 22.03 Uhr

Der Radiosender NDR Kultur hat den Roman "Ein Mensch brennt"  von Nicol Ljubic in der Sendung  "Neue Bücher" am 02.11.2017 besprochen. Einen Link dazu findet ihr hier: LINK


Die titelgebende Figur des Romans „Ein Mensch brennt“ ist die historische Person Hartmut Gründler. Er hat sich am 16. November 1977 aus Protest gegen die Atompolitik der damaligen Regierung mit Benzin übergossen und angezündet und starb fünf Tage später im Krankenhaus an den Folgen seiner Verletzungen. Erzählt wird die Geschichte von der fiktiven Figur des Hanno Kelsterbach. Als Hartmut Gründler 1975 ins Souterrain des Familienheims zieht, steht Hanno gerade kurz vor seinem achten Geburtstag. Durch die Augen dieses Kinds schildert der erwachsene Hanno die Haupthandlung in Rückblicken auf die Ereignisse in den 1970ern. Entsprechend gestaltet ist das Cover mit dem Seitenprofil eines Jungen, der interessiert in die Welt blickt, die er sich erst noch erschließen muss.

Der Roman beginnt im Jahr 2011 in der Zeit nach der Nuklearkatastrophe von Fukushima. Inzwischen sind mehr als 33 Jahre vergangen seitdem sich Hartmut Gründler selbst angezündet hat. Hannos Mutter ist seit dieser Zeit überzeugte Umweltaktivistin und ein großer Anhänger der Ideen von Gründler. Hanno teilt deren Ansichten nicht, erinnert sich aber mit Bedenken an die Zeit als Gründler in die Kellerwohnung eingezogen ist und damit eine Veränderung im Wesen seiner Mutter begann. Er denkt zurück an den Kampf gegen die Atompolitik der Gruppe Lebensschutz, die Gründler ins Leben gerufen hat, und seine eigene Einbindung in die Aktivitäten durch das Engagement seiner Mutter in der Gruppe. Gleichzeitig versucht er durch den Rückblick besser zu begreifen, ob die schillernde Figur des Umweltaktivisten Anteil am Ende der Ehe seiner Eltern hatte.

Da auch ich in den 1970er Kind war, konnte ich die Agitation Hannos in dieser Zeit sehr gut nachvollziehen, sein Handeln auf Anweisung der Eltern, seine Freude am Hobby Fußball und gemeinsame Unternehmen mit der Familie. Ansonsten beobachtet man als Kind, hat seine Gedanken dazu, die viele Fragen aufwerfen, die man aber nicht abschließend formuliert oder sich nicht zu fragen traut, weil Kinder nicht alles wissen sollen. Die Sichtweise des Kinds bringt einen Anflug von Leichtigkeit in den Roman. Entsprechend der damals gängigen Vorstellung einer guten Ehe sorgte seine Mutter Martha sich ausschließlich um Haushalt und Kind. Der gemeinsame Kampf für die gute Sache gibt Martha die Möglichkeit im Engagement eine Art Befriedigung ihres Strebens nach Selbstbehauptung zu finden. Das Verständnis für die Ansicht seines Vaters als Familienoberhaupt und Versorger auf die Aktivitäten seiner Frau, das zum Zerwürfnis seiner Eltern führte, begreift Hanno erst später.

Beim Lesen habe ich manchmal vergessen, dass zwar Hartmut Gründlers wie auch mehrere andere Personen historisch verbürgt sind, die Geschichte aber an sich fiktiv ist. Geschickt wählt der Autor einen Protagonisten, der nur wenig jünger ist als er selbst, so dass er in seiner Wortwahl auf seine eigenen Erinnerungen zurückgreifen kann. Der Kontakt zu einem Mitstreiter Gründlers hat die Figur von Hannos Mutter nicht nur deutlich geprägt, sondern sie dadurch auch lebendig gemacht. Die Darstellung ist wirklichkeitsnah und nachvollziehbar.

Der erwachsene Protagonist wirft auch moralische Fragen auf. Beispielweise stellt er seine Rolle als Mitkämpfer im kindlichen Alter auf den Prüfstand. Hartmut Gründler war ein kompromissloser Idealist, der gewaltlosen Widerstand für die gemeinsame Sache forderte. Nicol Ljubic geht im Roman der Frage nach, wie viel man zu opfern bereit ist, um einer Idee zu folgen, bei der der Einzelne nichts zählt und allein dem Gemeinwohl dient.

„Ein Mensch brennt“ ist eine Familiengeschichte mit komplexem Tiefgang, die zwar als Hintergrund den Kampf gegen die Atomkraft in der Vergangenheit beinhaltet, aber gerade hier im Westen trotz des voraussichtlichen Endes der Atomenergie in Deutschland in Anbetracht des störanfälligen Kernkraftwerks Tihange/Belgien aktuell ist. Der Autor hat mit seinem Buch an ein verstörendes Ereignis erinnert, das uns beispielhaft den Kampf eines David in der Einzelperson des Hartmut Gründler gegen die mächtige Macht einer Bundesregierung als Goliath vor Augen führt. Die Geschichte bleibt in Erinnerung und ich empfehle sie gerne weiter, vor allem an Leser, die an geschichtlichen Ereignissen der jüngeren Vergangenheit interessiert sind.


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Titel: Ein Mensch brennt
Autor: Nicol Ljubic
Erscheinungsdatum: 08.09.2017
Verlag: dtv (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen
Buchspezial auf der dtv-Seite: LINK

Mittwoch, 15. November 2017

[Rezension Ingrid] Das Werk - H.P. Lovecraft (Hrsg. Leslie S. Klinger


In der großen kommentierten Ausgabe „Das Werk“, herausgegeben von Leslie S.Klinger, finden sich die besten 22 Erzählungen von Howard Phillips Lovecraft. Darüber enthält der Prachtband auf insgesamt mehr als 900 Seiten beinahe 300 Abbildungen, davon viele im Vierfarbdruck. Abgebildet sind Karten, Illustrationen der Geschichten aus bereits erschienenen Ausgaben, eigene Zeichnungen von Lovecraft, Cover von Büchern, Filmplakate und einiges mehr. Zahlreiche Anmerkungen am Rand oder in der Fußnote ordnen die jeweilige Erzählung in den zeitlichen Kontext ein und geben Querverweise zu Orten und Personen in der jeweiligen Geschichte, auf ähnliche Werke, weitere Veröffentlichungen und Verfilmungen. Einzig ein, zwei Lesebänder hätte ich mir zur Ausstattung gewünscht.

Nach einer Einführung von Alan Moore mit einem ersten Blick auf den Autor und sein Schaffen sowie dem Versuch einer Klärung, warum seine Erzählungen so erfolgreich sind, vertieft Leslie S. Klinger in einem mehr als 50-seitigen Vorwort diese Basis mit einem tieferen Blick auf das Leben von H.P. Lovecraft. Doch nicht nur biographische Daten finden sich hier, sondern auch die Einordnung seines Werks in der Literatur.

Neben Edgar Allan Poe gilt Lovecraft als einer der einflussreichsten Autoren der Phantastik und der modernen Horrorliteratur. Lovecraft wuchs in einer Zeit der Unsicherheit im Amerika der 1910er auf und festigte seine eigenen Zukunftsängste in vielfachen Hass. Er gilt als frauenverachtend, anti-semitisch und rassistisch. Auch diesen Aspekt verschweigt das Buch nicht.

Lovecrafts Arbeiten sind beeinflusst von Poe und H.G. Wells. Einen ersten Höhepunkt erreichte sein Schaffen im Jahr 1920. Das Genre, in dem Lovecraft schrieb, nannte er selbst „übernatürliches Grauen“, ScienceFiction war noch relativ neu am Markt. Fast alle Erzählungen des Autors wurden zunächst in Pulp-Magazinen, das sind Zeitschriftenmagazine mit Geschichten unterschiedlicher Genres, veröffentlicht. Lovecraft verließ die Schule aufgrund einer Krankheit ohne Abschluss und widmete sich anschließend dem Amateuerjournalismus, der auf seine Initiative durch Schulungen der Schreibenden im Niveau gesteigert werden konnte.

Unter den 22 Erzählungen des Buches finden sich mehrere Geschichten, die auf seinen Träumen beruhen sowie eine erste Erzählung von 1917 mit Elementen des sogenannten Cthulhu-Mythos, dessen Entwurf Lovecraft gerne zugesprochen wird. Die meisten Erzählungen siedelt Lovecraft in der von ihm erdachten Stadt Arkham an. Hier setzt auch die Weiterführung seines Werks durch Anhänger Lovecrafts an, nicht nur in weiteren Geschichten sondern auch als Szenario für Rollenspiele und einem Brettspiel.

Obwohl mir die Arbeiten von Poe und Wells geläufig sind, habe ich vor Erscheinen des gewaltigen Buchs „Das Werk“ noch nichts von H.P. Lovecraft gelesen. Ich war überrascht, wie vielschichtig seine Storys sind indem er teilweise die Genre Horror mit ScienceFiction vermischt. Durch die ausführlichen informativen Kommentare und der zahlreichen Abbildungen werden auch viele Kenner des Autors hier in den neuübersetzten Erzählungen noch einiges Neues entdecken. Das Buch ist optisch ein Hingucker und eignet sich sicher als Geschenk für Liebhaber der Phantastik, genauso wie zum Selbstkauf.

*Werbung* Wer sich noch unsicher ist, ob er das Buch lesen möchte, kann sich in einer 15-seitigen Leseprobe, die auf der Seite des Fischer Verlags zu finden ist, einen Einblick verschaffen: KLICK ZUR LESEPROBE
Titel: Das Werk
Autor: H.P. Lovecraft
Herausgeber: Leslie S. Klinger
Erscheinungsdatum: 21.09.2017
Verlag: FISCHER TOR (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag

Montag, 13. November 2017

[Rezension Ingrid] Zeit der Schwalben von Nicola Scott


„Zeit der Schwalben“ ist der Debütroman der deutschen Autorin Nikola Scott. Die Geschichte spielt in England auf zwei Zeitebenen, einerseits im Jahr 2010 und in Rückblicken zwischen 1958 und 1960. Die Mutter der sechszehnjährigen Elizabeth ist sterbenskrank, doch auf ihren Wunsch hin verbringt ihre Tochter vier Wochen im Sommer 1958 bei Freunden auf dem Anwesen Hartland in East Sussex in der Nähe des Meers. Unerwartet erlebt sie dort unvergessliche, unbeschwerte heitere Tage mit Ausflügen, sportlichen Aktivitäten und einer ersten Schwärmerei. Schwalben stehen allgemein als Symbol für Freiheit und Hoffnung. Hier auf Hartland, wo die Schwalben fliegen, fühlt Elizabeth sich losgelöst und frei von den heimischen Sorgen. Die Hoffnung darauf, dass ihre Mutter wieder gesund wird und sie ihre gemeinsamen Zukunftspläne umsetzen können, fühlt sich real und richtig an. Das sich auf dem Cover die junge Frau im Wasser spiegelt ist kein Zufall, sondern deutet auf die Beziehung von zwei Charakteren in der Geschichte hin.

Adele Harington ist 40 Jahre alt und als Konditorin in einem Café angestellt. Vor einem Jahr ist ihre Mutter gestorben, ihre vier Jahre jüngere Schwester möchte als Jahresgedächtnis eine kleine Feier im elterlichen Haus gestalten. Während Adele etwas Abstand im früheren Arbeitszimmer ihrer Mutter sucht, klingelt das Telefon, sie nimmt das Gespräch entgegen und eine ihr unbekannte Person berichtet von einem eingetroffenen Brief, der nach ihrer Vorgabe jedoch wie alle Informationen nur nach Ankündigung zugestellt werden soll. Des Weiteren fällt noch ein Datum: ihr eigener Geburtstag. Doch damit ist nicht genug der seltsamen Ereignisse an diesem Tag, denn kurze Zeit später steht eine Frau vor der Haustür, die ihre Mutter sucht und vollkommen überrascht stellt Adele fest, dass es ihre eigene ist.

Der Roman verbirgt einige Geheimnisse und Nikola Scott versteht es, sie erst mit und mit zu lüften. Es ist nicht nur spannend mit ihr in die Vergangenheit der Familie zu reisen, sondern auch zu verfolgen, wie Adele sich langsam aus den noch immer im Raum stehenden Ansprüchen ihrer verstorbenen Mutter an ihre Person löst. Adele ist das einzige der drei Geschwister das kein Studium beendet hat. Sie ist von Kindheit an risikoscheu und häufig fließen Tränen aus kleinstem Anlass. Erst als immer mehr Details aus der Jugend ihrer Mutter bekannt werden, kann sie deren Handlungsweise im Umgang mit ihr verstehen und darauf aufbauend ergründen, was sie selbst als Persönlichkeit ausmacht. Adele ist ein Sympathieträger. Ihre Schwester Venetia hat häufig eine andere Meinung als sie und so ergeben sich ständig Reibereien.

Erschien mir Venetia schon nicht liebenswert, so empfand ich im Roman vor allem den Vater von Elizabeth als echten Unsympathen, obwohl als Entschuldigung für sein Verhalten sicher auch die Konventionen seiner Zeit zu sehen sind. Nikola Scott hat ausführlich zum Thema Frauen in Schwierigkeiten in den 1950er Jahren recherchiert. Anhand einer Begebenheit in meiner eigenen Familiengeschichte kann ich bestätigen, dass ihr eine überaus realistische Darstellung der Ereignisse gelungen ist. Sowohl Adele wie auch Elizabeth schildern die Geschichte in der Ich-Form, wobei die Autorin Tagebucheinträge von Elizabeth als Rückblick in die Vergangenheit nutzt. Auf diese Weise gelingt es ihr sehr gut, die Gefühle und Gedanken beider Personen in ihrer jeweiligen Zeit einzufangen.

„Zeit der Schwalben“ ist eine berührende Familiengeschichte, die ein Beispiel aufzeigt für die Folgen der gesellschaftspolitischen Stellung der Frau in der Familie von vor fünfzig Jahren. Die Suche nach der Wahrheit hält eine gewisse Spannungskurve bis zum Schluss. Mich hat der Roman fasziniert und daher vergebe ich gerne eine Leseempfehlung.

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Titel: Zeit der Schwalben
Autorin: Nikola Scott
Übersetzerin: Nicole Seifert
Erscheinungsdatum: 18.08.2017
Verlag: Wunderlich (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen

Sonntag, 12. November 2017

[Rezension Hanna] Atlas Obscura. Entdeckungsreisen zu den verborgenen Wundern der Welt - Joshua Foer, Dylan Thuras & Ella Morton


Atlas Obscura
Autoren: Joshua Foer, Dylan Thuras & Ella Morton
Übersetzer: Kristin Lohmann, Claudia Amor, Johanna Ott
Hardcover (mit Schutzumschlag, 17,5x26,6 cm, Vierfarbdruck): 480 Seiten
Erschienen am 16. Oktober 2017
Verlag: Mosaik

Inhalt
Ein Lavasee in Äthiopien. Ein Museum der zerbrochenen Beziehungen in Kroatien. Ein Skulpturengarten in der Antarktis. Die Weltmeisterschaft im Elefantenpolo in Nepal. Eine Kathedrale aus Schrott in Texas. Das sind nur einige Beispiele für die Orte und Dinge, die es in diesem schmuckvollen Werk zu entdecken gibt. Dieser alles andere als gewöhnliche Atlas nimmt den Leser mit auf eine ganz besondere Reise um die Welt, die den Leser in Staunen versetzt und Fernweh weckt.

Meinung
Die hochwertige Aufmachung des Buches macht schnell Lust darauf, sich zwischen den Buchdeckeln auf Entdeckungsreise zu begeben. Eine kurze Einführung erklärt, dass dieses Buchprojekt aus einer Webseite entstanden ist, wo schon länger obskure Orte auf der ganzen Welt gesammelt werden. Für dieses Buch wurde eine Auswahl getroffen. Es wird auch gleich darauf hingewiesen, dass man das Buch nicht als Reiseführer betrachte sollte. Während einiges frei oder gegen Eintritt zugänglich ist kann anderes gar nicht, nur an einzelnen Tagen im Jahr oder mit erheblicher körperlicher Anstrengung besucht werden. So lädt das Buch in erster Linie zum Stöbern und Staunen ein.

Bei den Orten und Dingen handelt es sich um eine höchst abwechslungsreiche Zusammenstellung. Die Auswahl umfasst unter anderem Wunder der Natur, ungewöhnliche Museen und religiöse Stätten, kulturelle Ereignisse und kuriose Gegenstände. Zu fast allem gibt es ein Foto oder eine Illustration – mal klein, mal seitenfüllend – sodass man sich ein gutes erstes Bild machen kann. Außerdem gibt es immer Erläuterungen zum Hintergrund, der Geschichte oder der Funktionsweise. Und es ist jeweils notiert, wo sich das Beschriebene befindet und ob bzw. wie man es besuchen könnte.

Dem Leser bleibt die Qual der Wahl, ob er sich Land für Land durch den Atlas schmökert oder kreuz und quer darin stöbert. Zwei Schwerpunkte des Buches bilden Europa und die USA mit jeweils rund 100 Seiten. Auf den weiteren 250 Seiten wird einmal die ganze Welt umrundet – auch Obskuritäten auf karibischen und pazifischen Inseln, in aktuellen Krisengebieten, in der Wüste und im ewigen Eis haben es ins Buch geschafft. Mir hat es großen Spaß gemacht, in diesem Buch Interessantes, Überraschendes und Mysteriöses zu entdecken, von dem ich zuvor noch nie etwas gehört habe.

Auch in Zukunft werde ich sicherlich immer wieder gerne in das Buch eintauchen, um mich auf Gedankenreise an außergewöhnliche Orte zu begeben. Beim Lesen wird so manchen die Abenteuerlust packen, das eine oder andere Wunder während der nächsten Reise selbst zu besuchen. Bei mir ist mit bislang einem besuchten Ort noch ganz viel Luft nach oben und ich werde vor dem nächsten Urlaub sicherlich nachschlagen, ob etwas in der Nähe ist. Das Buch ist ein schönes und gleichzeitig informatives Schmuckstück zum Verschenken und Selbst-Beschenken für alle Abenteurer und literarisch Reisenden!

Samstag, 11. November 2017

[Rezension Hanna] Sieben Tage voller Wunder - Dani Atkins



Sieben Tage voller Wunder
Autorin: Dani Atkins
Übersetzerin: Sonja Rebernik-Heidegger
Taschenbuch: 240 Seiten
Erschienen am 2. Oktober 2017
Verlag: Knaur TB

Inhalt
Fünf Wochen sind vergangen, seit Hannah herausgefunden hat, dass ihr Freund sie betrogen hat und sie deshalb von London nach Kanada zu ihrer Schwester geflüchtet ist. Noch immer nicht schlauer in Bezug auf die Frage, wie es weitergehen soll, will sie nun trotzdem nach Hause fliegen. Schon am Flughafen fällt ihr mehrfach ein Mann auf, der scheinbar das gleiche Ziel hat. Ein dramatisches Ereignis sorgt dafür, dass die beiden unter bedrohlichen Umständen zusammenarbeiten müssen und dabei bald mehr über den anderen erfahren.

Meinung
Von Dani Atkins hatte ich zuvor nur „Die Achse meiner Welt“ gelesen, was mir mitsamt seiner mysteriös-unerklärlichen Komponente sehr gefallen hat. Deshalb war ich neugierig, ob es auch in diesem Buch solch eine Komponente gibt. Im Nu war ich mitten drin in der Geschichte von Hannah, die sich nach fünf Wochen Auszeit bei ihrer Schwester auf den Weg in die Heimat macht, wo sie sich ihrem Vielleicht-Ex Freund stellen muss.

Ich konnte Hannahs Unsicherheit, wie es für sie weitergehen soll, gut nachvollziehen. Diese Frage schwebt wie eine riesige Wolke über ihrem Kopf. Doch sehr bald muss sie sich einem noch viel ernsteren, handfesten Problem stellen: Ihr Flugzeug über den kanadischen Bergen ab. Sie ist unverletzt, aber irgendwo im verschneiten Nirgendwo, und außer ihr ist nur Logan da, der ihr schon am Flughafen auf sympathische Weise aufgefallen ist.

Die Seiten fliegen beim Lesen nur so dahin und der Titel verrät auch schon, dass die Geschichte nur einen kurzen Zeitraum umfasst. Ich fand es interessant, zu erleben, wie Hannah und Logan mit ihrer schwierigen Lage umgehen. Hannah kommen immer wieder Zweifel, doch Logan behält einen kühlen Kopf und hat so manche gute Idee rund um das Überleben in der Wildnis.

Die beiden gehen typischen Survival-Tätigkeiten nach wie einen Unterschlupf bauen, Feuer machen und Essen beschaffen, die wenig Neues boten. Dabei kommen sie natürlich auch ins Gespräch. Vor allem Logan ist sehr neugierig und bringt Hannah dazu, viel von sich preiszugeben und noch einmal darüber nachzudenken, was sie eigentlich will. Durch ihre verzweifelte Lage sieht sie einiges in einem neuen Licht.

Der Umgang der beiden wird immer vertrauter, denn der Überlebenskampf schweißt zusammen. Immer wieder wird es aber auch zu einem Kampf im wahrsten Sinne des Wortes und dramatische Momente ließen mich mitfiebern, ob die beiden durchhalten werden. Kurz vor dem Schluss gibt es dann eine mysteriöse Entwicklung, mit der ich aber schon gerechnet hatte. Obwohl bei mir das Überraschungsmoment ausblieb führt die Autorin die Geschichte zu einem versöhnlichen Schluss.

Fazit
In „Sieben Tage voller Wunder“ kämpft Hannah gemeinsam mit einem ihr bis dato Unbekannten ums Überleben. Das Buch ist eine Survival-Story mit vorsichtiger Liebesgeschichte. Ich fand die Annäherung in einer so bedrohlichen Situation gelungen beschrieben, hätte mir aber noch mehr überraschende Entwicklungen gewünscht. Deshalb vergebe ich knappe vier Sterne an Hannahs und Logans Versuch, zu zweit in der verschneiten Wildnis zurechtzukommen.


Dienstag, 7. November 2017

[Rezension Hanna] Der Meisterkoch - Saygın Ersin

 

Autor: Saygın Ersin
Übersetzer: Johannes Neuner
Hardcover: 368 Seiten
Erschienen am 5. Oktober 2017
Verlag: Atlantik

Inhalt
Im Haus des Kaufmanns Zumrützade hat sich für den Abend hoher Besuch angekündigt: Der Waffenmeister des Sultans, bekannt für seine hohen und unberechenbaren Ansprüche beim Essen. Nach den ersten köstlichen Gängen kommt es zum Eklat: Es wird Lauch serviert, den der Waffenmeister, wie alle wissen, verabscheut. Umso erstaunlicher ist es, dass er probiert, bevor er davonstürmt, und den Koch am nächsten Tag in den Sultanspalast beordert. Dort soll er ihm fortan zwei Mahlzeiten täglich zubereiten. Für den Meisterkoch bedeutet es, das alles nach Plan verlaufen ist: Der junge Mann, der angeblich über den absoluten Geschmack verfügt, ist jetzt dort, wo er sein will. Doch er strebt noch etwas viel Größeres an – nicht aus Machtstreben, sondern aus Liebe.

Meinung
Das orientalische, golden schimmernde Cover des Buches ist ein echter Hingucker, der dafür sorgte, dass ich mehr über die zwischen den Buchdeckeln wartende Geschichte erfahren wollte. Diese spielt in Istanbul um 1600 und die goldenen Motive des Covers zeigen schon, dass es vor allem um das Kochen geht. Schon auf den ersten Seiten werden die servierten Speisen, die beim Besuch des Waffenmeisters im Haus des Kaufmanns serviert werden, so köstlich beschrieben, dass man am liebsten selbst davon gekostet hätte.

Doch die erste dramatische Wendung lässt nicht lange auf sich warten. Der Waffenmeister probiert den ihm verhassten Lauch, der ihm zu schmecken scheint, und poltert dann hinaus; der Schatzmeister, der ihn begleitet hat, erleidet nach einigen Löffeln eine merkwürdige Lähmung, und im Nu findet sich der Meisterkoch im Sultanspalast wieder. Ich war erstaunt, dass er scheinbar genau das bezwecken wollte und war gespannt, mehr über seine Pläne und seine Begabung zu erfahren.

An der Seite des Meisterkochs in das Leben in der Küche des Sultanspalasts einzutauchen war eine wundersame Erfahrung. Sie war zu jener Zeit als die größte Küche der Welt bekannt, und in ihr geht es zu wie in einem Bienenstock. Ich fand es interessant, mehr über die dort herrschende Hierarchie zu erfahren und wie sie organisiert ist. Jedes Mal, wenn der Meisterkoch zu seinen Messern greift, wird in einer anschaulichen Sprache absolut schmackhaft beschrieben, wie er die Speisen zubereitet und dafür sorgt, dass sie ganz besondere Wirkungen entfalten. Doch was will er damit bezwecken?

Diese Frage wird bald mittels Rückblenden beantwortet, welche abwechselnd zur Handlung im Sultanspalast erzählt werden. Man erfährt, woher er stammt, von wem seine Begabung entdeckt wurde, wo er diese zu nutzen gelernt hat und wie er sich schließlich verliebt hat. Wehmütig blickt er immer wieder auf die Jahre zurück, die ihn zu einem tragischen Charakter gemacht und ihm schließlich ein klares Ziel gegeben haben, dem er sich vollends verschrieben hat.

Die Rückblicke erklären auch, woher er über bestimmte sehr hilfreiche Kontakte verfügt, die ihm seine Hilfe anbieten. Was genau er bereit ist zu tun, wird meist erst verraten, wenn das gewünschte Ergebnis eingetreten ist oder eben nicht, sodass man gespannt bleibt, was die nächsten Schritte sein werden. Einige Auswirkungen sind durchaus drastisch, doch der Meisterkoch konnte mich mit seinem ungebrochenen Willen beeindrucken. Der Hauch Magie, welcher der Gabe des Meisterkochs innewohnt, führt zu manch überraschender Entwicklung, die mich staunen ließ.

Fazit
In „Der Meisterkoch“ kommt der gleichnamige Protagonist als Koch des Waffenmeisters in die Küche des Sultanspalasts, wo er einen größeren Plan nicht aus Machtstreben, sondern aus Liebe verfolgt. Die schmackhafte Beschreibung seiner Arbeit mit ein wenig Magie, seine tragische Geschichte und sein starker Wille ließen mich tief in die Geschichte eintauchen. Auch ohne kosten zu können wurde ich von den Künsten des Meisterkochs bezaubert. Dieses orientalisch-kulinarische Märchen war für mich ein echtes Lese-Highlight!

Montag, 6. November 2017

[Rezension Ingrid] Wie man es vermasselt von George Watsky



George Watsky, Jahrgang 1986, lebt in Los Angelos. Er wuchs gemeinsam mit seinem Zwillingsbruder in San Francisco auf. Bekannt wurde er als Hip-Hopper und Poetry-Slammer. Am Emerson College in Boston erhielt er den Bachelor of Arts in „Acting and Writing for the Screen and Stage“. „Wie man es vermasselt“ ist sein Debüt im Prosabereich und enthält dreizehn Erzählungen.

Im Mittelpunkt der Geschichten des Autors steht er selbst. Zeitlich sind sie nicht geordnet. Das Thema, dass alle Erzählungen umspannt, sind seine Misserfolge oder besser das, was George Watsky dafür hält. Er zeigt sich offen, humorvoll und schreckt nicht davor zurück, über schwierige Dinge zu reden. Der Autor erzählt von seiner Kindheit und seinem Wunsch nach Anerkennung. aber auch seinen ersten Erfolgen mit Hip-Hop und Spoken-Words. Verrückte Ideen, die er mit Freunden umgesetzt hat thematisiert er genauso wie die Vorliebe zum Baseball, die er mit seinem Vater teilt, und seinen geringen Erfolg diesen Sport auszuüben. Ebenso verschweigt er nicht, dass er unter Epilepsie leidet und schildert seinen Umgang mit der Krankheit.

Doch neben zahlreichen Fehlschlägen konnte ich als Leser auch über seine ersten Erfolge mit der Musik und beim Slammen  lesen, bei denen der Stolz darüber in den Worten des Autors spürbar war. Joints und Alkohol scheinen nicht wegzudenken aus einem solchen Leben als Musiker wie George Watsky es führt. In seinen Geschichten ist jedoch sein Zwillingsbruder, der einen ganz anderen Lebensweg geht, nicht in die geschilderten Ereignisse involviert. Obschon die Erzählungen unterhaltsam geschrieben sind, hinterfragt George Watsky seine vergangenen Handlungen durchaus selbstkritisch.

George Watsky ist eine frische Stimme aus den USA, der nicht nur ansprechende kurze Poetry-Texte und Songlyrics, sondern jetzt auch Erzählungen in einer Länge von 20-30 Seiten verfasst. Ich bin sicher, dass wir bald mehr von ihm lesen können.

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Titel: Wie man es vermasselt
Autor: George Watsky
Übersetzerin: Jenny Merlin
Erscheinungsdatum: 23.08.2017
Verlag: Diogenes (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Taschenbuch (Leseexemplar)



Sonntag, 5. November 2017

[Buchprojekt Ingrid] #LiteraTour by Janine Hasse



#LiteraTour - Was ist das eigentlich? 
Und was hat der "Aquariumtrinker" von Mischa Kopmann damit zu tun? 

LiteraTour ist eine Idee von Janine Hasse vom Blog "Das Debüt" (vorher "Zeilensprünge"). Nach einem Aufruf von ihr zum Mitmachen habe ich mich gemeldet. Außer mir haben sich noch weitere sechs Mitleser gefunden. Den Roman "Aquariumtrinker" von Mischa Kopmann aus dem Osburg Verlag hat Janine zu Beginn der Tour ausgelost. Als erstes hat sie selbst das Buch gelesen. Dabei war alles erlaubt, was den Leseprozess der teilnehmenden Leser deutlich macht beispielsweise Markierungen im Buch, Knicke und Eintragungen. Danach ist das Buch auf die Reise gegangen. Jeder Mitleser kann das Buch bis zu drei Wochen besitzen und wie oben beschrieben damit verfahren. Bei mir war die vierte Anlaufstelle des Romans.

Damit ich unbeeinflusst an den Text gehen konnte, habe ich mich vorher nicht mit dem Buch beschäftigt, nur mal kurz den Klappentext gelesen. Aber natürlich hat bereits der Titel mich neugierig gemacht und so war ich gespannt darauf, was sich dahinter verbirgt. Wie üblich habe ich mir Märkerchen aus dünnem Plastik bereitgelegt, die ich sonst an den Stellen ins Buch klebe, die ich wichtig für meine Rezension halte. Damit kennzeichne ich manchmal biographische Daten wie Alter und Wohnort des Protagonisten oder anderer wichtiger Personen, im späteren Lesefluss eher Aussagen, die ich nicht vergessen möchte. Nach hinten hin finden sich im Buch immer weniger Marker, weil ich nicht zu viel über die Geschichte verraten möchte. Grundsätzlich schreibe ich meine Rezensionen aber aus dem Gesamtgefüge des Romans und bringe meine eigenen Empfindungen beim Lesen dazu ein. Außerdem habe ich mir vor dem Leser von "Aquariumtrinker" einen Filzstift mit dünner Spitze genommen, um mich farblich von den bisherigen Eintragungen abzuheben. Sehr schnell habe ich festgestellt, dass ich die Marker hier nicht benötige, denn es war für mich eine ganz neue Erfahrungen auffällige Eintragungen direkt ins Buch zu schreiben :)

Bevor die Erzählung des Buchs startet, liest man drei Anmerkungen des Autors, die sich darauf beziehen, dass Handlung und Figuren des Buchs rein fiktiv sind, auch die Namensgebung. Ebenfalls weist der Autor auf seine besondere Art der Kommasetzung hin. Auf der nächsten Seite findet sich ein Dreizeiler aus einem amerikanischen Song, der den "Aquariumtrinker" beinhaltet. Hier habe ich durch einen "Vor"-Leser das ganze Gedicht als Einkleber vorgefunden.

Ohne, dass sich der Ich-Erzähler selbst vorstellt, plaudert er im ersten Kapitel von der Zeit der 1960er und 1970er. Der Protagonist ist wie der Autor Ende der 1960er geboren und hier versucht er darzustellen, welches Lebensgefühl ihn als Kind umgeben hat. Manches weckte auch meine Erinnerung. Zahlreiche Adjektive ergeben einen eher düsteren Unterton, der sich letztlich durch das ganze Buch zieht. Drogen sind immer wieder ein Thema. Was ich nicht gefunden habe, war eine Begriffsklärung des Titels. Im Internet bin ich in einem Interview der taz mit dem Autor (zum Interview) fündig geworden. Wer soll den Titel besser erklären als Mischa Kopmann selbst? Die Erläuterung ist ganz anders, als ich es angedacht hatte. Ein "Aquariumtrinker" ist demnach "eine Figur, die ein bisschen lächerlich und grossmäulig ist", eine Art "Hofnarr", der vieles sagen darf ohne negative Konsequenzen dafür zu erwarten.

Ich habe mir den Protagonisten Leon Spiehr bald schon so vorgestellt, wie der Gitarist auf dem Cover. In meinem Kopf entstand das Bild eines Menschen, der sehr viel Wert darauf legt, seine Gedanken frei zu halten und sich nicht in ein Arbeitsverhältnis "einsperren" zu lassen. Die Kapitel sind sämtliche kurz, d.h. nur wenige Seiten lang. Bereits im zweiten Kapitel erfuhr ich, dass seine Ehe gescheitert ist, im siebten Kapitel sieht er ein, dass sich von der Musik allein nicht leben lässt und sucht sich einen Job als Lebensmittellieferant. Sein Einsatzgebiet ist Blankenese, seiner Meinung nach das Beverly Hills von Hamburg. Von diesem Zeitpunkt an, erzählt Leon vieles über seine gutbetuchte Kundschaft, in erster Linie von weiblicher. Er schweift immer wieder in die Vergangenheit. Wahrscheinlich hält er das für nötig, um zu erklären, wie er heute ist und warum er Probleme hat.  Immer wieder wird er depressiv und erhält entsprechende psychotherapeutische und klinische Behandlung. Es gibt seltene Momente im Buch, die Mut und Glück vermitteln und wenn, sind sie mit Liebe und Musik verknüpft. Alles hinterfragt er kritisch und einem "Aquariumtrinker" gleich offenbart er seine Meinung dem Leser. Keine Konsequenzen für ihn -> Depression



Zum Ende hin wirkt Leon jedoch auf eine bestimmte Weise befreit, vielleicht weil er eine Möglichkeit gefunden hat, Rache zu üben an Personen, durch die er in der Vergangenheit körperliche Gewalt erfahren hat. Stellvertretend büßen sie nicht nur für ihr eigenes Vergehen, sondern auch für all die Kränkungen, Fehlschläge und Herabsetzungen im bisherigen Leben von Leon. Drogen suggerieren ihm Macht über Leben und Tod, die Realität gibt ihm auf andere Weise die Möglichkeit dazu. Ob die Schlusssequenz jedoch gelebt sein soll oder einen Traum wiedergibt ist nicht zu erfahren.

Die Geschichte blieb für mich nicht wirklich greifbar. Nach dem ersten Kapitel hatte ich mir eine Erzählung mit vielen Anspielungen auf Musik und das Leben eines Straßenmusikers erwartet. Gefunden habe ich (überwiegend) eine gesellschaftskritische Schilderung der Bewohner des Stadtteils Blankenese und eine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit des Protagonisten.

Die LiteraTour war eine interessante Erfahrung. Natürlich werden mit mit weiteren Lesern auch die Randbemerkungen und Notizen zunehmen. Ich habe versucht, mich dadurch nicht beeinflussen zu lassen. Gerade bei diesem Buch war es jedoch schwierig, gewisse Anspielungen zu verstehen und ich war manchmal dankbar, über die vorgefundenen Erläuterungen. Dennoch bin ich mir nicht sicher, ob es leichter wird als nachfolgender Leser das Buch zu lesen. Ich bin sehr gespannt darauf, was die weiteren Romanleser berichten werden und auch auf den abschließenden Bericht von Janine.

Wie findet ihr die Grundidee zur LiteraTour? Könntet ihr euch vorstellen, an einem solchen Buchprojekt teilzunehmen?

Eure Ingrid


Mittwoch, 1. November 2017

[Rezension Hanna] Eisige Gezeiten. Falling Kingdoms 4 - Morgan Rhodes


Eisige Gezeiten. Falling Kingdoms 4
Autorin: Morgan Rhodes
Übersetzer: Anna Julia Strü
Taschenbuch: 512 Seiten
Verlag: Goldmann
Die Reihe

Falling Kingdoms

Band 1: Flammendes Erwachen (Rezension)
Band 2: Brennende Schwerter (Rezension)
Band 3: Lodernde Macht (Rezension)
Band 4: Eisige Gezeiten
Band 5: ? (engl. Cristal Storn, 2016)
Band 6: ? (engl. Immortal Reign, vsl. 2018)

Inhalt
In Mythica bringen sich die verschiedenen Parteien im Kampf um Macht in Position. Alle vier Essenzen wurden eingefordert und jede befindet sich in der Hand einer anderen Person. Doch wie entfesselt man ihre Kraft? Das ist bisher nur Lucia gelungen, die nach dem Tod ihres Geliebten von Trauer und Wut getrieben ein neues Ziel verfolgt. Magnus und Cleo treffen unterdessen in Limeros ein, wo sie ihre jeweils nächsten Schritte planen. Werden sie dabei miteinander oder gegeneinander arbeiten? König Gaius sticht mit einem geheimen Plan in See, und auch Amara verfolgt in Kraeshia ihre eigene Agenda. Wer wird die Oberhand gewinnen?

Meinung
Mit „Eisige Gezeiten“ ist nun der vierte Band der Falling Kingdoms-Reihe erschienen, die voraussichtlich sechs Bände umfassen wird. Die Wartezeit war mit anderthalb Jahren seit dem letzten Band wieder recht lang, aber ich freue mich, dass es noch weitergeht. Ich musste deshalb erst ein wenig im dritten Band blättern, um die Erinnerung aufzufrischen und in den vierten Band eintauchen zu können. Dort geht es nach einem kurzen Prolog, in dem man noch einmal das Wichtigste über die Kristallkugeln mit Elementarmagie erfährt und ein kleines Geheimnis gelüftet wird, schwungvoll weiter.

Auch dieser Band bietet wieder eine Vielzahl unterschiedlicher Perspektiven. Erneut begleitet man Cleo, Magnus, Lucia und Jonas. Zusätzlich kommen nun Amara und Felix zu Wort, die dem Leser schon bekannt sind und die diesmal eine größere Rolle spielen, während andere Charaktere wie Nic und Lysandra ein wenig in den Hintergrund treten. Das brachte frischen Wind in die Geschichte sowie neue Einblicke und Erkenntnisse, die dem Leser bislang vorenthalten wurden. Besonders spannend fand ich, was die vier Personen, die jeweils eine Kugel mit Elementarmagie in ihren Besitz gebracht haben, damit machen. Lucia konnte bislang als einzige die Macht entfesseln. Sie hat nach den jüngsten Ereignissen eine dramatische Wandlung durchgemacht und als Leser erlebte ich mit, welche erschreckenden Konsequenzen die Entfesselung tatsächlich hat.

Die anderen Besitzer der Kugeln nutzen diese vor allem, um sich in eine strategisch gute Position zu bringen. Dabei geht der Blick erstmals auch über die Grenzen Mythicas hinaus, denn nicht weit entfernt lauert ein mächtiger Herrscher, der zu einem gefährlichen Feind werden könnte. Diese neue Bedrohung hat mich allerdings nicht voll überzeugt, da mir hier alles zu schnell ging und es zu dramatischen Szenen kommt, die durch die Naivität der Beteiligten überhaupt erst entstehen konnten. Auch in Mythica irritierte mich so manches Mal die Leichtgläubigkeit der Charaktere, während ich es weiterhin gelungen fand, dass niemand eindeutig gut oder böse ist, sondern alles eine Sache der Perspektive ist. Während die Charaktere zu Beginn des Bandes vor allem Erkundungen einholen, beobachten und Pläne schmieden, wird es mit der Zeit wieder actionreicher. Nach einem ersten Spannungshighlight steht die große Frage im Raum, was das für die ganze Welt bedeutet. Weitere dramatische Momente erhielten meine Neugier bis hin zu einem wichtigen Kampf am Ende, durch den sich die Machtverhältnisse erneut verschieben. Der fünfte Band ist in Englisch schon erschienen, weshalb ich hoffe, dass die Übersetzung nicht allzu lange auf sich warten lässt.

Fazit
In „Falling Kingdoms: Eisige Gezeiten“ geht das Ringen um die Macht über Mythica und die Magie weiter. Die Essenzen sind gefunden, doch nur Lucia ist die Entfesselung bislang gelungen. Es war wieder interessant, die verschiedenen Charaktere auf ihrem Weg durchs Land und nun auch darüber hinaus zu begleiten. Dramatische Momente und kleine Überraschungen hielten die Spannung aufrecht, doch einige Charakteren verhielten sich für meinen Geschmack zu leichtgläubig. Wer die Reihe kennt, der sollte sich auch diesen vierten Band nicht entgehen lassen, auch wenn ein gewisses Mitten-in-der-Reihe Gefühl nicht ausbleibt. Allen anderen, die Lust auf eine temporeiche High Fantasy-Reihe haben, empfehle ich, die Reihe mit dem ersten Band, „Flammendes Erwachen“, zu beginnen!


[Rezension Ingrid] Ich treffe dich zwischen den Zeilen von Stephanie Butland


Im Roman „Ich treffe dich zwischen den Zeilen“ von Stephanie Butland kommen sich die Protagonistin Loveday und der Illusionist Nathan durch ihre Vorträge beim Poetry-Slamen näher. Den Ausdruck ihrer Gefühle, den sie nur in dieser Form der Lyrik finden, lässt den jeweils anderen tiefer in ihre Seele blicken und bringt Verletzungen aus der Vergangenheit ans Tageslicht. Die Ausdrucksform gibt ihnen aber auch die Möglichkeit das auszusprechen, was sie sich im Alltagsleben nicht zu sagen trauen. Nicht nur auf dem Cover fliegen die Blätter eines Buchs wie fliegende Gedanken, sondern auch auf den Kapitelanfängen.

Loveday ist Mitte zwanzig und arbeitet seit zehn Jahren im Antiquariat Brodie in York/England, zunächst als Aushilfe, später als Vollzeitkraft. Eines Tages findet sie auf ihrem Weg zur Arbeit ein gebrauchtes Buch. In der Buchhandlung meldet sich auf ihren Aushang hin Nathan, der das Buch verloren hat. Er ist Leiter eines regelmäßig stattfindenden Poetry-Slams und lädt Loveday dazu ein. Obwohl sie zunächst ablehnt, gibt sie ihrer Neugierde schließlich nach, denn im Stillen hat auch sie bereits einige Gedichte geschrieben. Gemeinsam mit Loveday‘s Chef Archie gelingt es Nathan den Schutzschild, den sie um sich errichtet hat, einzureißen. 

Als Leser merkte ich von Beginn an, dass Loveday eine zu tiefst verletzte Persönlichkeit ist und es dazu ein erklärendes Ereignis aus ihrer Kindheit geben muss. Sie liebt ihre Arbeit, lebt aber zurückgezogen und vertieft sich in die Geschichten der Bücher, die sie liest. Äußerlich fällt sie durch ihr Nasenpiercing und ihre Schrifttatoos auf.

Die Geschichte wird auf drei Zeitebenen von Loveday selbst erzählt. Neben der Gegenwart gibt es Abschnitte, die im Jahr 1999 spielen und mit „Krimi“ überschrieben sind. Dadurch lässt sich leicht ahnen, dass das hier zu Beginn geschilderte Familienleben von Loveday und ihren Eltern unsanft gestört werden wird. Weitere Teile des Buchs spielen in einer Vergangenheit, die erst drei Jahre zurück liegt. Darin schildert die Protagonistin ihre gescheiterte erste Liebesbeziehung. Loveday zeigt also nicht nur aufgrund der Erlebnisse in ihrer Kindheit ein abwehrendes Verhalten, sondern ebenfalls aufgrund des Ausgangs ihrer ersten Schritte in Richtung feste Beziehung. Sie hat ein tiefes Misstrauen zu ihrer Umwelt entwickelt.

Mit und mit erfuhr ich als Leser, wodurch ihr Verhalten erklärt werden kann. Stephanie Butland entwirft eine sehr berührende Erzählung, die aufzeigt, dass seelische Leiden in früher Kindheit nicht nur durch Fürsorge geheilt werden können. Loveday ist aufgrund fehlender anderer Gelegenheiten sehr mit sich selbst beschäftigt. Obwohl sie sich vieler ihrer Fehler bewusst ist, gelingt es ihr nicht, über ihren Schatten zu springen. Die Protagonistin ist aufgrund ihres argwöhnischen Verhaltens nicht unbedingt liebenswert, doch die Figuren des kauzigen, warmherzigen Antiquitätenhändlers Archie und der dandyhafte, selbstbewusste Nathan, gleichen das aus. Das uneingeschränkte Schuldeingeständnis der Mutter hat mich überrascht und hat sicher das Leben ihrer Tochter nachhaltig beeinflusst.

„Ich treffe dich zwischen den Zeilen“ ist ein einfühlsam geschriebener Roman, der die Kraft der Worte wiederspiegelt. Besonders hat es mich gefreut, dass die Autorin, die selbst an Poetry-Slams teilnimmt, einige Texte in ihren Roman einbindet. Gerne empfehle ich das Buch weiter.



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Titel: Ich treffe dich zwischen den Zeilen
Autorin: Stephanie Butland
Übersetzerin: Maria Hochsieder
Erscheinungsdatum: 02.10.2017
Verlag: Knaur (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Taschenbuch mit Klappen (Rezensionsexemplar)

Montag, 30. Oktober 2017

[Rezension Hanna] Zeit der Schwalben - Nikola Scott


Zeit der Schwalben
Autorin: Nikola Scott
Übersetzerin: Nicole Seifert
Hardcover: 512 Seiten
Erschienen am 18. August 2017
Verlag: Wunderlich

Inhalt
Adele lebt in London, arbeitet dort als Bäckerin und ist zufrieden mit ihrem Job, obwohl ihr von ihrer Mutter Elizabeth immer signalisiert wurde, dass sie wie ihre höchst erfolgreichen Geschwister mehr aus ihrem Leben machen soll. Doch nun liegt Elizabeths Unfalltod genau ein Jahr zurück. Als sich die Familie zu diesem Anlass im Elternhaus versammelt, schleicht sich Adele ins Arbeitszimmer ihrer Mutter, als das Telefon klingelt und sie einen verwirrenden Anruf annimmt: Ein Mann spricht von Nachforschungen und nennt den vierzehnten Februar – ihren Geburtstag. Kurz darauf steht eine Frau vor der Tür, die behauptet, herausgefunden zu haben, dass Elizabeth auch ihre Mutter sei. Was steckt dahinter? Adele folgt den Spuren in die Vergangenheit ihrer Mutter, bis hin zu einem Sommer, der alles verändert hat.

Meinung
Ich lese sehr gern Familiengeschichten mit einem lange gehüteten Geheimnis, weshalb dieses Debüt meine Neugier geweckt hat. Die ersten Seiten machen schnell Lust, tiefer in die Vergangenheit einzutauchen: Sie berichten von einem Haus, das schon viel gesehen hat und auch die Erinnerung an die erste Liebe eines Mädchens im Jahr 1958 bewahren wird. Bevor der Leser darüber mehr erfährt, springt die Geschichte gut vierzig Jahre in die Zukunft, wo sich für Adele die Ereignisse mit einem Anruf und einer angeblichen Schwester vor der Tür überschlagen.

Ich konnte gut nachvollziehen, dass Adele und ihre hochschwangere Schwester Venetia abwehrend reagieren und der Frau auf ihrer Türschwelle nicht so recht glauben wollen. Doch warum sollte diese sich so etwas ausdenken? Es scheint ihr nicht ums Geld zu gehen, und sie ist tatsächlich im Besitz von Notizen Elizabeths. Nach dem ersten Schock beginnt Adele, sich damit auseinanderzusetzen, was das für ihre Familie bedeutet. Natürlich will sie auch mehr darüber erfahren, was ihre Mutter ihr verschwiegen hat. Doch die Personen, die Informationen haben könnten, wollen oder können ihr diese aus nachvollziehbaren Gründen nicht preisgeben. Das wirkte auf mich etwas konstruiert, führt aber zu einer interessanten Spurensuche, auf die Adele sich gemeinsam mit ihrer angeblichen Schwester Phoebe begibt.

Adele und Phoebe sind vom Charakter her völlig unterschiedlich. Adele ist eher zurückhaltend und bedacht, sie wägt Optionen sorgfältig ab und scheut sich eher davor, etwas Neues zu beginnen. Phoebe ist hingegen ein Energiebündel, als Pilotin ist sie überall in der Welt unterwegs und will Dinge am liebsten gestern erledigt haben. Oft prescht sie aber auch zu schnell vor und verunsichert dadurch ihr Gegenüber. Die beiden können also noch einiges voneinander lernen und es war schön, sie bei ihrer gemeinsamen Suche zu begleiten.

Die Nachforschungen im Jahr 2000 werden immer wieder von Rückblicken unterbrochen, in denen Elizabeth in Form ihres Tagebuchs zu Wort kommt und hauptsächlich über die Jahre 1958 bis 1960 berichtet. Man begleitet sie auf ihrem Weg nach Hartheim, wo sie den Sommer verbringen soll, weil ihre Mutter im Sterben liegt. Dort verbringt sie unbeschwerte Wochen. Doch irgendwann kommt alles ganz anders als gedacht. Die Rückblicke fügen sich gelungen in die Handlung ein und erlauben es dem Leser, tief in Elizabeths Gedanken und Gefühle einzutauchen. Neue entscheidende Informationen erhält man dabei gleichzeitig mit Adele und Phoebe, sodass der Handlungsstrang im Jahr 2000 interessant blieb und einige überraschende und auch bedrückende Momente bereit hält, während die Wahrheit stückweise ans Licht kommt. Die Seiten flogen nur so dahin in dieser rundum gelungenen Geschichte, die am Ende alle wichtigen Fragen beantwortet.

Fazit
„Zeit der Schwalben“ erzählt von Adele, die ein Jahr nach dem Tod ihrer Mutter damit konfrontiert wird, dass diese ihr vierzig Jahre lang etwas Entscheidendes verschwiegen hat. Die beiden Zeitebenen, auf der die Geschichte erzählt wird, sind gelungen miteinander verwoben und ich konnte mich sehr gut in die interessanten Charaktere hineinversetzen, die ein Wechselbad der Gefühle durchleben. Das Buch thematisiert ein ernstes Thema der englischen Geschichte und stimmt nachdenklich, verliert gleichzeitig aber nie eine gewisse Leichtigkeit. Ich gebe eine ganz große Leseempfehlung an jeden, der gerne in Familiengeschichten mit Geheimnissen eintaucht!


Sonntag, 29. Oktober 2017

[Rezension Ingrid] Die Hauptstadt von Robert Menasse




In Brüssel spielt ein großer Teil der Handlung des Romans „Die Hauptstadt“ von Robert Menasse, der dafür den Deutschen Literaturpreis 2017 erhalten hat. Der Roman heißt aber nicht nur so, weil Brüssel die Hauptstadt Belgiens und nebenbei auch Sitz der Europäischen Kommission ist, sondern weil es nach einem der Charaktere endlich an der Zeit ist, nachnational zu denken und eine Hauptstadt für Europa zu bauen, funktionell vergleichbar mit Brasilia.

Die Protagonisten des Romans lernte ich im Prolog kennen, der umklammert wird von einem Tier, nämlich einem Schwein. Man könnte meinen, hier wird dem Sprichwort nach eine Sau durchs Dorf getrieben, aber erstens rennt es geschlechtslos durch eine Stadt und zweitens ist die Ursache dazu nicht sichtbar, allerdings ist ihm Aufmerksamkeit auf der ganzen Ebene sicher. Und dabei bleibt es nicht nur für diese kurze Begebenheit, sondern das Thema „Schwein“ zieht sich durch den Roman in vielerlei Form.

Soviel Interesse wie für das Schwein wünscht sich die Leiterin der Generaldirektion Kultur der EU auch für ihr Ressort. Denn der Kultur kommt bei weitem nicht die Beachtung zu wie etwa der Wirtschaft oder der Energie verbunden mit der Diskussion um den Klimawandel. Eine Jubiläumsfeier zum 50. Jahrestag der Gründung der Europäischen Kommission soll daher das Image und damit die Bedeutung der Kultur aufwerten. Nach einer Idee der Festausrichtung wird gesucht und gefunden, doch die Umsetzung gestaltet sich schwierig durch die Notwendigkeit der Zustimmung auf nationaler Ebene der angeschlossenen Staaten.

Während die EU-Mitarbeiter an den Planungen feilen, bereitet sich einer der letzten Überlebenden von Auschwitz, der in Brüssel lebt, auf seine letzten Tage vor und ein Kommissar versucht ein vertuschtes Verbrechen aufzudecken, dass in einem zentral gelegenen Hotel Brüssels geschehen ist just an dem Tag, an dem das Schwein durch die Straßen rannte. Robert Menasse greift die losen Fäden der Erzählung auf und führt den Leser unter verschiedenen Berührungspunkten stringent durch den Roman bis hin zu einem besonders traurigen Moment in Brüssel im März 2016, der uns alle erschüttert hat.

Mit Martin Schulz und Armin Laschet sind zwei führende Politiker in diesem Jahr ins Rampenlicht getreten, die eine politische Vergangenheit auf europäischer Ebene haben und die mir vorher nur deshalb bekannt waren, weil sie hier im Grenzland zu den Niederlanden zur lokalen Prominenz gehören. Sollte ich heutige Europapolitiker nennen, käme ich ins Grübeln und ich glaube, dass es sehr vielen so geht. „Die Hauptstadt“ hat mein Augenmerk auf einen wichtigen Part unserer Geschichte gelenkt, auf die Zusammenarbeit der Staaten mit den vielen, nötigen, oft kleinteiligen Abstimmungen zur Steuerung des Schiffs Europa. Am Rand seines Romans blickt der Autor auf die Gründe zurück, die zur Zusammenarbeit der ersten Länder Europas führten.

Um seine Schilderung authentisch zu gestalten ist Robert Menasse für eine Weile nach Brüssel gezogen. Er hat dort das Alltagsleben beobachtet, den Flair der Stadt aufgenommen und vor allem Gespräche mit Arbeitnehmern der Europäischen Kommission geführt bei Kaffee und Zigarette, damit er sich in deren Denkweise hineinversetzen konnte. Seine Charaktere bringen Europa mit in die multikulturelle Hauptstadt Belgiens. Die meisten Mitarbeiter verlassen ihre Heimat, um hier zu arbeiten wie beispielsweise die Griechin und Zypriotin Fenia oder der Österreicher Martin. Der Autor blickt auf deren familiären Hintergründe und schweift in seinen Schilderungen gern mal ab auf Begebenheiten, die mir weitere Zusammenhänge in der Europapolitik aufzeigten. Und immer wieder ist auf allen Ebenen ein großer bürokratischer Aufwand zu bewältigen. Doch ich konnte den Figuren auch auf privater Ebene begegnen: der liebenden Frau mit Hintergedanken, dem eher unwirschen und dennoch besorgten Bruder, dem auf einer Idee beharrenden und seiner Frau nachtrauernden Emeritus und auch dem Mörder.

Gewürzt mit einer Portion Sarkasmus und einer Prise Ironie gelingt es dem Autor, die große Politik Europas verbunden mit dem Intrigenspiel und Machtgerangel der Funktionäre auf allen Ebenen und taktischen nationalen Abwägungen, ob man den Vorschlägen der Europäischen Kommission zustimmen soll und will, in einer nachvollziehbaren, ansprechenden Geschichte darzustellen. Meiner Meinung nach, hat „Die Hauptstadt“ den Deutschen Buchpreis zu Recht erhalten und ich wünsche dem Roman noch viele weitere Leser.




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Titel: Die Hauptstadt
Autor: Robert Menasse
Erscheinungsdatum: 11.09.2017
Verlag: Suhrkamp (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen 

Vielen Dank an den Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.

Samstag, 28. Oktober 2017

[Rezension Hanna] Außer sich - Sasha Marianna Salzmann


Außer sich
Autorin: Sasha Marianna Salzmann
Hardcover: 366 Seiten
Erschienen am 11. September 2017
Verlag: Suhrkamp Verlag

Inhalt
Ali reist nach Istanbul, um dort ihren Bruder Anton zu suchen. Denn seit dieser verschwunden ist hat er nichts von sich hören lassen, nur eine Postkarte aus ebendieser Stadt hat er geschickt. Doch wie findet man einen Bruder in einer solchen Metropole? Bald trifft sie auf Katho, der ihre Gedanken rund um ihre Identität ins Wirbeln bringt, und auf ihre Erinnerungen an all die Geschichten ihrer Familie in den Generationen vor ihr.

Meinung
Das Buch beginnt mit einer kurzen Erinnerung von Ali daran, wie sie mit ihrer Familie von Russland nach Deutschland gekommen ist. Danach trifft der Leser ihr erwachsenes Ich bei ihrer Ankunft in Istanbul wieder. Sie geht dem einzigen Hinweis auf den Verbleib ihres Bruders nach. Der Onkel eines Freundes kümmert sich vor Ort ein wenig um sie, und bald lag ich gedanklich neben Ali auf dessen wanzenbefallenem Sofa und tauchte ein in ihre Erinnerungen und Überlegungen.

Die Ereignisse im Buch sind nicht chronologisch erzählt und schon bald gerät Alis Suche nach Anton in den Hintergrund. Viel wichtiger wird ihre Auseinandersetzung mit der eigenen Identität. Da ist zum einen Katho, der eigentlich eine Sie ist, sich aber schon länger Testosteron spritzt und damit eine Möglichkeit nutzt, mit der auch Ali sich bei der Frage „Wer will ich sein“ beschäftigt. Ali beobachtet viel; dabei weiß man oft nicht, was Realität ist und was nur Illusion. Oft lässt sie sich und ihre Gedanken treiben ohne Ambition auf ein irgendwo Ankommen. Ich gewann immer mehr Informationen über sie als Person hinzu und konnte sie doch nie ganz greifen.

Zum anderen taucht man immer tiefer in die Geschichten einzelner Vorfahren ein: Der ihrer Eltern, der Eltern ihrer Mutter, der Eltern dieser Großmutter… Man erfährt, was diese bewegt hat, wie sie gelebt haben und wonach sie sich gesehnt haben. Als russische Juden wurden sie über die Jahrzehnte immer wieder Opfer von Ausgrenzung und Gewalt und haben für die Realisierung von ganz unterschiedlichen Vorstellungen eines ausgefüllten Lebens gekämpft. Beim Lesen der verschiedenen Lebensgeschichten entsteht allmählich ein Eindruck, der sich für mich wie ein Puzzle anfühlte, bei dem nicht alle Teile zusammenpassen und trotzdem die Ahnung eines Bildes entsteht. Hilft all das Ali, für sich selbst und ihre Zukunft Klarheit zu schaffen? Das wird nicht abschließend beantwortet. In jedem Fall hilft es beim Blick zurück und dem Verständnis, wo sie herkommt.

Die Suche nach der eigenen Identität dreht sich um Heimat, Familie und das eigene Fühlen, zu einem großen Teil aber auch um die sexuelle Identität. Viele der insbesondere in der Gegenwart handelnden Personen haben zu dieser ein aus meiner Sicht gestörtes Verhältnis. Die Frage, ob man sich als Mann oder Frau fühlt ist völlig berechtigt und heute kein Tabu mehr. Doch es wird mit Männern und Frauen fast jeden Alters geschlafen, auch innerhalb der eigenen Familie; Prostitution, Missbrauch und Vergewaltigung werden thematisiert. Die oft abstoßenden Schilderungen erschreckten mich und ebenso die Apathie, mit der so mancher Charakter das hinnahm. Der Roman überschreitet hier bewusst Grenzen und rückt dafür andere Aspekte in den Hintergrund, über die ich gerne mehr erfahren hätte, wie die Reaktionen auf Alis Wandlung und ihre Jugend in Deutschland. Der Abschluss ist schließlich wie das ganze Buch eine große Frage mit einer kleinen Antwort, ein mit stumpfer Schere abgeschnittener Faden, der zerfasert und mich aufgewühlt und in Gedanken vor allem bei Alis Familiengeschichte zurücklässt.

Fazit
„Außer sich“ berichtet von Ali, die in Istanbul nach Anton sucht, und mehr noch nach Antworten auf die Frage, wo sie herkommt und wer sie sein will. Die Struktur der Geschichte ist kunstvoll; dabei haben bei mir insbesondere die Puzzlestücke rund um Alis Vorfahren und ihre Einwanderung nach Deutschland einen Eindruck hinterlassen, während mir der Fokus auf einige Grenzüberschreitungen zu stark war. Das Lesen ist wie ein Segeln im Sturm, bei dem man mal hierhin, mal dorthin getragen wird und worauf man sich einlassen sollte.



Dienstag, 24. Oktober 2017

[Rezension Hanna] Das Fundament der Ewigkeit - Ken Follett


Das Fundament der Ewigkeit
Autor: Ken Follett
Übersetzer: Dietmar Schmidt und Rainer Schumacher
Hardcover: 1168 Seiten
Erschienen am 12. September 2017
Verlag: Bastei Lübbe

Inhalt

Kingsbridge im Jahr 1558: Ned Willard kehrt nach einem Aufenthalt bei seinem Onkel in Calais in die Stadt zurück. Er ist fest entschlossen, nun endlich seine geliebte Margery Fitzgerald zu heiraten. Als Sohn der reichsten Kaufmannsfamilie der Stadt ist er keine schlechte Partie. Doch obwohl Margery seine Gefühle erwidert, drängt ihre Familie sie energisch dazu, Bart zu heiraten, den zukünftigen Grafen von Shiring. Als Neds Familie fast alles verliert, hält ihn endgültig nichts mehr in Kingsbridge. Er tritt in den Dienst der protestantischen Elizabeth Tudor, die der katholischen Mary Tudor auf den Thron folgen will. Sie will sich dafür einsetzen, dass niemand mehr aufgrund seines Glaubens getötet wird. In Frankreich und der spanischen Niederlande beobachtet man die Entwicklungen genau – hier ist man katholisch und hat eigene Vorstellungen davon, wie man mit Protestanten umgeht. Wird es Ned gelingen, einen Beitrag zu einem friedlichen Miteinander der Religionen zu leisten?

Meinung
Nachdem ich vor Jahren sowohl „Die Säulen der Erde“ als auch „Die Tore der Welt“ begeistert gelesen habe, habe ich mich sehr gefreut, als ein dritter Kingsbridge-Roman angekündigt wurde. Seit den Ereignissen des zweiten Buches sind gut 200 Jahre vergangen und im Zentrum der Handlung stehen die Nachfahren der früheren Protagonisten. Ich war gespannt, wie es ihnen ergehen wird. Man braucht aber nicht zwingend das Vorwissen der anderen Bücher, um in diese Geschichte eintauchen zu können.

Das Buch beginnt wie einst „Die Säulen der Erde“ mit einer Hinrichtung. Der Erzähler merkt an, dass er den Verurteilten jahrzehntelang gejagt hat und verhindern konnte, dass dieser den größten Teil der Königsfamilie tötet. Wann dies passiert und wer Erzähler und Verurteilter sind, wird vorerst nicht aufgeklärt. Stattdessen findet man sich im Jahr 1558 wieder, wo Ned Willard gerade von Calais nach Kingsbridge zurückgekehrt ist und feststellen muss, dass seine Geliebte gegen ihren Willen mit dem zukünftigen Grafen von Shiring verheiratet werden soll.

Schnell konnte ich einen ersten guten Überblick darüber gewinnen, wie die verschiedenen Personen zueinander stehen. Durch die erzwungene Heirat Margerys, einem Angriff auf Calais und einer Klage gegen Neds Mutter wurde die Handlung schnell spannend und dramatisch. Wer die Vorgänger kennt, der weiß, dass für die sympathischsten Charaktere erst einmal alles schief geht. Ned lässt deshalb schon bald alles hinter sich und tritt in den Dienst von Elizabeth Tudor, wo er in den folgenden Jahren das politische Geschehen hautnah miterleben wird.

Neben den Kapiteln in England erfährt man auch mehr über die politische Situation in Frankreich, Spanien und der spanischen Niederlande. Die Handlungsstränge sind zu Beginn unabhängig voneinander, laufen später aber alle zusammen. Auch hier werden dem Leser Geheimnisse und Intrigen geboten. Da ist zum Beispiel Neds Bruder Barney, der aus Spanien fliehen muss und zu diesem Zweck in die Armee eintritt oder Sylvie, deren Vater in Paris streng verbotene protestantische Schriften verkauft und die sich in einen Spion der Katholiken verliebt. Gut und Böse sind insbesondere bei den fiktiven Charakteren recht klar verteilt und ich fieberte mit, ob sich die mir sympathisch gewordenen Charaktere behaupten und ihre Pläne verwirklichen können.

Viele Charaktere stehen bald im Dienst von einflussreichen politischen Persönlichkeiten. Beim Lesen erfährt man viel über die politischen Entwicklungen und insbesondere das Thema Katholiken versus Protestanten spielt eine wichtige Rolle. Der Autor berücksichtigt in seiner Geschichte viele historische Ereignisse und verschafft den fiktiven Charakteren wichtige Rollen darin. Die einen planen Verschwörungen, während die anderen versuchen, sie aufzudecken – letzteres nicht immer erfolgreich. Das fand war oft spannend, insbesondere im Mittelteil hätte ich mir aber oft eine straffere, weniger ausschweifende Erzählweise gewünscht. Über 60 Jahre lang begleitet man die Charaktere durch Höhen und Tiefen bis hin zu einem letzten dramatischen Anschlagsplan und einem runden Schluss.

Fazit
In „Das Fundament der Ewigkeit“ versuchen Nachfahren der Protagonisten der früheren Kingsbridge-Romane, ihre Pläne zu verwirklichen. Dabei spielt das Ringen zwischen Katholiken und Protestanten bis hin zum Bürgerkrieg eine große Rolle, denn die fiktiven Charaktere sind bei vielen historischen Ereignissen hautnah dabei. Der Aufbau der Geschichte ist seinen Vorgängern nicht unähnlich und manche Entwicklungen hätten straffer beschrieben werden können. Insgesamt bietet dieses Buch gelungene Unterhaltung, die sich kein Ken Follett-Fan entgehen lassen sollte!

Sonntag, 22. Oktober 2017

[Rezension Ingrid] Scythe - Die Hüter des Todes von Neal Shusterman




Auf dem Cover der Dystopie „Scythe – Die Hüter des Todes“ von Neal Shusterman ist ein martialisch aussehender Sensenmann abgebildet. Die Sense (=Scythe) als ihr Werkzeug benutzen die zum Töten Ausgewählten jedoch sehr selten, denn ihnen stehen vielfach andere Mittel zur Verfügung. Willkürlich werden für diesen Beruf Personen in ihrer Jugend ausgesucht und zu Scythe ausgebildet. Ihre Aufgabe besteht darin, den natürlichen Tod zu ersetzen, denn inzwischen kann jede Krankheit und jede körperliche Versehrtheit geheilt werden, es gibt keinen Anlass mehr um Kriege zu führen, das Verkehrswesen ist sicher, Verbrechen wurden ausgemerzt und jeder hat genug zum Leben. Sie töten, von ihnen „nachlesen“ genannt, nach ihrer eigenen Auswahlmethode, um eine festgesetzte Quote zu erfüllen. Allein dieser Tatbestand führt zu kritischen Stimmen innerhalb des Berufsstands der hochgeachteten, gleichzeitig auch gefürchteten Scythe in Bezug auf Anwendung und Durchführung der Methoden und Quotenerfüllung.

Bei einer seiner Nachlesen wird Scythe Faraday auf die 16-jährige Citra aufmerksam, bei einer weiteren auf den gleichaltrigen Rowan und daher beruft er sie zu seinen Auszubildenden. Beide lernen im Laufe der Auseinandersetzung mit ihrem zukünftigen Beruf das Für und Wider der willkürlichen Nachlese kennen. Durch eine unerwartete Wendung der Geschehnisse werden Citra und Rowan zu Konkurrenten, denn nur einer von ihnen soll letztlich zum Scythe ernannt werden, der andere darf nicht, wie ursprünglich geplant, in sein altes Leben zurückkehren, sondern wird vom Rivalen sofort vor Ort nachgelesen.

Neal Shusterman spielt in seiner Dystopie mit einer spannenden Idee. Er geht davon aus, dass im Jahr 2042 die Rechenkraft unserer Computer eine ungeahnt enorme Größe erreicht hat. Das System „Thunderhead“, entwickelt aus der heute bereits bestehenden Cloud, besitzt die Fähigkeit sich selbst anhand der ausgewerteten Daten zu verbessern und so optimiert es beispielsweise den Verkehrsfluss oder auch Medizintechnik. Es leben zwar auch heute in der Realität immer mehr Menschen auf unserem Planeten weil die Geburtenzahl die Todesfälle übersteigt. Nach der Vision des Autors stirbt ein Mensch aber keines natürlichen Todes mehr, ganz im Gegenteil kann er sich immer wieder verjüngen lassen. Die Möglichkeit andere Welten zu erschließen ist wegen Misserfolgen ausgeschlossen. Die einzig logische Konsequenz daraus, scheint es zu sein, weltweit ein System zum Beenden von Leben zu etablieren. Thunderhead errechnet zwar den Bedarf an Sythe, mischt sich aber ansonsten nicht in deren Belange ein. Doch nach welchen Maßstäben soll getötet werden? Kann die Auswahl gerecht getroffen werden? Wird unsere Moral es zulassen, sich über das Verbot des Tötens unter dem Deckmantel der Notwendigkeit hinwegzusetzen?

Alle diese Fragen bilden den Hintergrund der Geschichte um Citra und Rowan. Der Autor fügt zwischen den Kapiteln Tagebucheinträge verschiedener Scythe ein, die mir Einblicke in das Denken der Ausgewählten gaben. Auf diese Weise habe ich deren Zweifel an ihrer Tätigkeit, manchmal aber auch die Begeisterung dafür gespürt. Sehr geschickt zeigt Neal Shusterman unterschiedliche Positionen seiner Charaktere, die ein Abbild der Ansichten in unserer Gesellschaft bilden. Spielt es überhaupt eine Rolle, wie die Auswahl der zu Mordenden getroffen wird, ob schnell getötet wird und auf welche Weise? Es ist nicht einfach, Figuren sympathisch zu finden, die zum Töten ausgebildet werden, obwohl der Autor dazu Argumente findet, den Bedarf an Scythe zu erklären. Sind Citra und Rowan schließlich Opfer oder Täter?

„Scythe – die Hüter des Todes“ ist nicht einfach nur eine spannende Dystopie, sondern eine Auseinandersetzung mit dem wertvollen Gut unseres eigenen Menschseins. Mich hat das Buch zum Nachdenken über das Problem des Bevölkerungswachstums gebracht. Sehr gespannt bin ich schon auf die Fortsetzung des Buchs voraussichtlich im April 2018.


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*Titel: Scythe - Die Hüter des Todes
Autor: Neal Shusterman
Übersetzerin: Pauline Kurbasik
Erscheinungsdatum: 21.09.2017
Verlag: Sauerländer (Link zur Buchseite des Verlags
rezensierte Buchausgabe: Broschur (Leseexemplar)