Autorin: Miriam Carbe
Erscheinungsdatum: 28.05.2026
Verlag: Hanser (Link zur Buchseite des Verlags)
ISBN: 9783446287426
In ihrem Roman „Unerwünschte Töchter“ spannt Miriam Carbe
einen Bogen über vier Generationen ihrer Familie und beleuchtet das Leben ihrer
Urgroßmutter Margarethe, ihrer Großmutter Marianne, ihrer Mutter Monika sowie
ihre eigenen Kindheit. Entsprechend des Titels kamen sie jeweils zu einem Zeitpunkt
zur Welt, der von ihren Müttern eher unpassend empfunden wurde.
Margarethe wurde Ende des 19. Jahrhunderts in Dresden,
bereits drei Monate nach der Hochzeit ihrer Eltern in wohlhabende Verhältnisse
hineingeboren und war bedauerlicherweise nicht der erwartete Sohn. Sie selbst
gebar ihre Tochter Marianne 1914, nur wenige Tage bevor ihr Ehemann zum
Kriegsdienst eingezogen wird und davon nicht zurückkehrte. Während des Zweiten
Weltkriegs ist Marianne mit einem Offizier der Wehrmacht liiert, der zunächst
im Innendienst eingesetzt wird, später jedoch an die Front versetzt wird und
dort fällt. Zu diesem Zeitpunkt erwartet sie bereits Monika. 1967 kommt in
dieser Kette der Mütter die Autorin zur Welt, gegen den Wunsch ihrer Großmutter
und ihres Vaters.
Ein über die Generationen weitergereichter Kirschholzschrank
ihrer Urgroßmutter, der sich heute im Besitz der Autorin befindet, erinnert sie
an ihre Vorfahrinnen, deren Lebenswege den Roman inspiriert haben. Einst
beherbergte er Bücher wechselnder Genres, die stets als Bereicherung der Lebensqualität
galten sowie Dekorationsartikel. Heute bewahrt die Autorin darin jedoch einen
besonderen Schatz auf: die Tagebücher und Notizen der Frauen ihrer Familie, die
diese zahlreich hinterlassen haben und deren älteste Ausgabe Eintragungen von
1908 enthält. Sie haben darin Familienereignisse festgehalten oder einfach ihre
Gedanken zu Themen, die sie gerade beschäftigten.
Miriam Carbe erzählt die familiären Geschehnisse in
chronologischer Reihenfolge. Zwischen die historischen Kapitel fügt sie Abschnitte
ein, in denen sie eigene Erinnerungen schildert und Kenntnisse, die auf den Aufzeichnungen
der Vorfahrinnen basieren, aus denen sie immer wieder zitiert, was maßgeblich
zur Authentizität des Romans beiträgt. Zeiträume, zu denen sich keine Hinweise
in den Eintragungen finden, füllt sie mit Fiktion, was ihr hervorragend
gelingt, da sich keine Brüche erkennen lassen. Um bestimmte Aspekte der
gesellschaftspolitischen Entwicklung und deren Auswirkungen in die Erzählung
einzubinden, erschafft sie fiktive Figuren, deren Lebensgeschichten sich ebenso
nahtlos in die überlieferte Familiengeschichte einfügen.
Die Geschichte zeichnet zwischen den Zeilen die Entwicklung
der Rolle der Frau über die Jahre hinweg ab. Sie zeigt allerdings auch, wie
tief Konventionen prägen können, so dass sie an die nächste Generation
weitergegeben werden, obwohl sie längst überholt sind. Die Vorfahrinnen der
Autorin stellen sich auf ihre eigene Art und den ihn gegebenen Möglichkeiten gegen
die ihnen auferlegten, gesellschaftlichen Erwartungen und erkämpfen sich
gewisse Freiräume. Dennoch bleiben sie manchmal ihrer eigenen Meinung gegenüber
Widerständen fest verhaftet.
Mit „Unerwünschte Töchter hat Miriam Carbe einen bewegenden
Roman geschrieben, der Familiengeschichte, historische Fakten und Fiktion
überzeugend miteinander verbindet. Die zitierten Tagebucheinträge machen die
Schicksale der Vorfahrinnen der Autorin unmittelbar erfahrbar, so dass ein
vielschichtiges Generationenporträt entsteht, dass nachhallt. Sehr gerne
empfehle ich das Buch weiter.
