Montag, 11. April 2022

Rezension: Der Papierpalast von Miranda Cowley Heller

 


Rezension von Ingrid Eßer

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Titel: Der Papierpalast
Autorin: Miranda Cowley Heller
Übersetzerin aus dem amerikanischen Englisch: Susanne Höbel
Erscheinungsdatum: 31.03.2022
Verlag: Ullstein (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Leseband
ISBN: 9783550201370

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Der Roman „Der Papierpalast“ von Miranda Cowley Heller nimmt den Lesenden mit zu einem heißen Tag in den Back Woods auf Cape Code in Massachuttes. Hier besitzt die Familie der Protagonistin und Ich-Erzählerin Eleanor Biishop, kurz Elle genannt, eine Sommerunterkunft. Liebevoll wie auch sarkastisch bezeichnen sie diese als Papierpalast, weil Elles Großvater die Innenräume aufgrund seiner finanziellen Lage mit Platten aus Presspappe ausgekleidet hat.

Die Geschichte verwebt zwei Handlungsebenen miteinander. Einerseits erzählt Elle in der Gegenwart von einem ersten Augusttag, der sie zu einer wichtigen Entscheidung in ihrem Leben treibt, denn am Vorabend ist etwas Bedeutsames für sie geschehen. Andererseits schaut sie zurück in die Vergangenheit. Seit ihrer Jugend trägt sie ein Geheimnis mit sich, dass sie bis heute nur mit ihrem besten Freund Jonas teilt. Die Frage, ob sie ihr Leben so weiterleben soll wie bisher oder mutig genug für einen Neuanfang ist, umspannt den ganzen Roman. Sowohl das, was sich früher ereignet hat wie auch die aktuellen Geschehnisse tragen zu ihrem letztendlichen Entschluss bei.

Elle ist Anfang 50, verheiratet und Mutter von drei Kindern. An diesem besonderen Tag in Back Woods ist nicht nur ihr Mann Peter anwesend, sondern auch Jonas, dessen Mutter ein Haus in der Nachbarschaft besitzt. Elle ist älter als der Freund ihrer Kindheitstag und damals waren sie ein ungleiches Gespann. Ihre Eltern sind geschieden und sowohl Mutter wie auch Vater hatten später neue Partner mit denen Elle und ihre drei Jahre ältere Schwester sich arrangieren mussten. Die neuen Beziehungspersonen hatten manchmal selbst Kinder. Argwöhnisch betrachteten die Geschwister die neuen Familienkonstellationen, immer mit der Befürchtung in Sachen Liebe und Zuneigung ihrer Eltern selbst zu kurz zu kommen.

Peter steht für Elle für Beständigkeit. Er hat für seine Familie ein Heim geschaffen. Mit ihm teilt sie eine Liebe, die ihr über manche Trauer hinweggeholfen hat. In unangenehmen Situationen gibt er ihr Rat und Hilfe. Über die Jahre hinweg hat er aber nie ihr uneingeschränktes Vertrauen erhalten, denn Elle hat ihm nicht von ihrem Geheimnis erzählt. An diesem ersten Tag im August fühlt die Protagonistin sich zerrissen von der anstehenden Entscheidung, denn ihr sind die Konsequenzen ihres Tuns bewusst.

Miranda Cowley Heller betet ihre Geschichte in eine landschaftlich bemerkenswerte Gegend ein. Durch die wechselnden Beziehungen der Eltern kommt es zu einer steigenden Anzahl handelnder Personen. Es erforderte meine Aufmerksamkeit als Leserin, ihren einzelnen Background über die wechselnden Rückblicke hinweg zu verfolgen, denn nicht immer verläuft die Zeitachse in der Vergangenheit chronologisch. Die Autorin beschreibt das Empfinden von Elle empathisch und berührend. Der Lesende sollte sich auf offene Beschreibungen mancher Szenen mit Gewaltanwendung einstellen.

Der Roman „Der Papierpalast“ von Miranda Cowley Heller nimmt einen heißen Sommertag, der zu einer wichtigen Entscheidung im Leben der Hauptfigur Eleanor Bishop führen wird, in den Fokus. Hinter der Fassade einer intakten Ehe steht ein großes Geheimnis, das die Protagonistin nur mit ihrem Jugendfreund teilt mit dem sie immer noch in Kontakt steht. Die Geschichte ist dramatisch, freimütig und berührend. Gerne vergebe ich eine Leseempfehlung. 


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