Im Buch „Du, hier“ von Julia Wolf versammeln sich elf
voneinander unabhängige Stories, die sich lose um das Thema der
Selbstbestimmung drehen, was im heutigen Sprachgebrauch auch als Empowerment bezeichnet
wird. Im Fokus steht jeweils eine Protagonistin in mittleren Jahren, also im
Alter der Autorin. Dadurch erreicht Julia Wolf eine Nähe zu ihren Figuren, die
ihnen Glaubwürdigkeit verleiht. Sie wirken lebensnah und ihre Handlungen sind
nachvollziehbar. Allen gemeinsam ist eine Unzufriedenheit mit bestimmten Aspekten
in ihrem Leben. Manchmal ist es nur ein Wort, um die Figuren dazu zu bringen,
ihre Gewohnheiten zu hinterfragen und ihr Verhalten zu ändern. Die meisten von
ihnen haben bis dahin in der selbst gewählten oder einer auferlegten Rolle
verharrt.
Die Geschichten spielen sämtlich in der Gegenwart und handeln
beispielsweise von Selbstverteidigung, das Infragestellen von Konventionen, familiären
Beziehungen und Paardifferenzen. In der titelgebenden Erzählung begegnen sich
zufällig zwei Jugendfreundinnen wieder, überrascht vom bisherigen Lebensweg der
anderen, mit einer unerwarteten Wendung am Ende. Männer im Umfeld der Frauen
treten entweder in den Hintergrund oder fungieren als Reibungspunkte. Jede Story
ist einzigartig, im ganz eigenen Schreibstil, zum Beispiel besteht eine von
ihnen rein aus einem inneren Monolog der Protagonistin.
Julia Wolf schreibt faszinierend, in leicht lesbarer, ruhiger
Sprache, mit feiner Ironie durchzogen. Die Geschichten umfassen zwischen
vierzehn bis neunundzwanzig Seiten und entfalten einen unwiderstehlichen Sog, der
die Lesenden in die Gedanken- und Gefühlswelt der Hauptfiguren zieht, um
mitzuverfolgen, was sie als störend empfinden, welche Richtungsänderung sie
einschlagen werden und wodurch sie diese erreichen wollen. Ich habe die Stories
mit großem Vergnügen gelesen und empfehle sie gerne weiter, auch als kurze
Lektüre für zwischendurch.
