Einatmen. Ausatmen.
Autor: Maxim Leo
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
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Marlene Buchholz hat ihr großes Karriereziel beinahe erreicht: Der aktuelle CEO ihres Konzerns, Dr. Finckenstein, geht bald in den Ruhestand und will, dass sie seine Nachfolgerin wird. Dazu muss aber auch der Aufsichtsrat zustimmen, in dem es aufgrund ihrer wenig empathischen Art Bedenken gibt. Finckenstein schickt sie daher für zwei Wochen auf ein Achtsamkeits-Seminar bei dem bekannten Business-Coach Alex Grow in einem kleinen Schloss in Brandenburg. Widerwillig macht sich Marlene auf den Weg und steht sich bei ihrem Plan, möglichst wenig aufzufallen und einfach mitzumachen, selbst im Weg. Alex ist dennoch wild entschlossen, sie auf den richtigen Pfad zu führen, denn im Erfolgsfall winken weitere Aufträge. Dass er gerade selbst mit Panikattacken zu kämpfen hat, ist dabei nicht gerade hilfreich.
Ich habe selbst mal in der Führungskräfteentwicklung gearbeitet und bin inzwischen Führungskraft, weshalb ich die Ausgangssituation des Romans interessant fand. Wie wird Marlene, die ihr Leben ganz der Arbeit gewidmet hat und weder sich selbst noch anderen erlaubt, Schwäche zu zeigen, auf ein Intensiv-Achtsamkeitstraining reagieren? Dafür nach Brandenburg auf ein Schloss geschickt zu werden ist ein realistisches Setting (in meinem Konzern finden solche Kurse auf einer Burg im Siebengebirge statt). Dass sich allerdings hundertsiebzig Angestellte mit Yoga, Thalasso-Bädern und Energiearbeit um das Wohlergehen von zehn Teilnehmern kümmern sollen, fand ich amüsant überzeichnet.
Diese Ambivalenz zieht sich durch den Roman. Auf der einen Seite erhält man einen bodenständigen Roman über eine Protagonistin, die mit neuen Impulsen in einer ungewohnten Umgebung ihre bisherigen Denkmuster zu hinterfragen beginnt und den Zugang zu ihren eigenen Gefühlen sucht. Auf der anderen Seite gibt es immer wieder bewusste Übertreibungen, welche die Handlung augenzwinkernd ins Absurde führen. Ich war mir nicht ganz sicher, ob der Autor das Thema Coaching nun auf die Schippe nehmen will oder nicht.
Den Schlagabtausch zwischen Marlene und Alex fand ich unterhaltsam und ich war neugierig, wie sich Alex eigener Gemütszustand auf die Ereignisse auswirkt. Lange habe ich erwartet, dass die Dinge gänzlich aus dem Ruder laufen. Doch das Gegenteil ist der Fall, im Laufe der Zeit wird die Geschichte immer wärmer und harmonischer. Es gibt viele schöne Momente des Zusammenhalts und der Besinnung. Das war für meinen Geschmack aber zu sehr heile Welt. Ich habe „Einatmen. Ausatmen“ gerne gelesen, doch aus der vielversprechenden Ausgangssituation hätte man noch mehr machen können.
