An einem windigen Oktobermorgen befinden sich neben anderen
Passagieren auch vier Frauen und ein Mann im Salon einer Fähre, deren Ziel die
nur etwa drei Quadratmeter große Insel Neuwerk ist. Sie sind die
Protagonist*innen des nach ihnen benannten Thrillers „Fünf Fremde“ von Romy
Fölck. Der Untertitel „Nur einer kennt das tödliche Geheimnis, das sie alle
verbindet“ weckt die Neugier darauf, hinter die Fassade der Figuren zu blicken.
Eine der Fremden ist Annika, 43 Jahre alt und
Kriminalkommissarin in Hamburg. Sie hat um Freistellung gebeten, um sich auf
Neuwerk um ihre demente Mutter zu kümmern. Aber nur sie selbst kennt den wahren
Grund für ihre Auszeit. Erst spät erkennt sie, wer die Nonne ist, die sich ebenfalls
an Bord befindet und die angeblich von ihrer Mutter eingeladen wurde, obwohl Annika
stark daran zweifelt, dass diese dazu überhaupt in der Lage ist.
Sinje hingegen lebt in Rom und schreibt an einem True-Crime-Krimi.
Sie wird von der Nachricht nach Neuwerk gelockt, dass sich dort das
Verschwinden eines Jugendlichen zum dreißigsten Male jährt. Es bleibt zunächst
rätselhaft, wer ihr diese Information zugespielt hat. Auch der Meteorologe Mats
hat eine Mitteilung erhalten, die ihn auf die Insel führt. Sein beruflicher
Werdegang wird ebenfalls von einem Geheimnis überschattet. Die fünfte
Hauptfigur ist Michelle, eine junge Frau, die sich darum beworben hat, demnächst
auf einer unbewohnten Nachbarinsel von Neuwerk als Vogelwartin zu arbeiten. Der
Grund für ihren Jobwechsel bleibt zunächst im Dunkeln.
Mit der Insel Neuwerk hat Romy Fölck ein wunderschönes
Setting für ihren Thriller gefunden. Sie lässt viel Lokalkolorit einfließen, so
dass man sich am Ende beinahe wünscht, diesen abgelegenen Ort selbst zu
besuchen. Gleich zu Beginn werden zahlreiche Fragen aufgeworfen. Bereits
während der stürmischen Überfahrt ereignet sich ein Unfall, in den auch die Protagonist*innen
verwickelt sind.
Während sich in der Gegenwart die Spannung langsam steigert,
unterbrechen Kapitel mit Rückblicken auf Geschehnisse im Sommer 1995 die Handlung.
Dem Lesenden wird bald deutlich, dass die damaligen Ereignisse eng mit den
aktuellen Begebenheiten verknüpft sind. Nach und nach erschießt sich, was die
Hauptfiguren nach Neuwerk führt.
Die Wetterkapriolen sorgen dafür, dass die Spannung im
letzten Drittel zeitweise ins Stocken gerät. Obwohl sich am Anfang schnell ein
Lesesog bei mir einstellte, vor allem weil ich die Geheimnisse und Hintergründe
der Protagonist*innen ergründen wollte, fiel mir auf, dass die Führung der Figuren
nicht immer geschickt war. Um so viele Rätsel wie im Thriller aufzuwerfen,
bedarf es einer komplexen Konstruktion. Diese ist zwar gegeben, wirkt gelegentlich
aber gestellt, wozu auch das Ende gehört, welches jedoch für eine überraschende
Wendung mit Auflösung sorgt.
Der Thriller „Fünf Fremde“ von Romy Fölck kombiniert ein Closed-In
Szenario mit einem atmosphärischen Handlungsort. Die interessante Ausgangsidee,
eine psychologisch tiefgründige Figurengestaltung, mysteriöse Rätsel und miteinander verwobene Lebensgeschichten überdecken kleine Schwächen der Geschichte und sorgen für unterhaltsame Lesestunden.
