Sonntag, 29. März 2026

Rezension: Eine Maus namens Merlin von Simon Van Booy

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Eine Maus namens Merlin
Autor: Simon Van Booy
Übersetzerin aus dem Amerikanischen: Dorothee Merkel
Erscheinungsdatum: 14.03.2026
Verlag: Klett-Cotta (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN: 9783608966787
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ie 83-jährige Helen Cartwright lebt seit drei Jahren wieder in dem Dorf ihrer Heimat in der Nähe von Oxford. Sechs Jahrzehnten lang hat sie in Australien verbracht und als Kardiologin in einem Krankenhaus in Sydney gearbeitet. Ihr Ehemann und ihr Sohn sind inzwischen verstorben. Um den schmerzhaften Erinnerungen zu entfliehen, hat sie alles zurückgelassen. In England pflegt sie kaum soziale Kontakte, denn jedes Gespräch ist damit verbunden, dass eventuell Fragen gestellt werden, die alte Wunden aufreißen könnten. Ihr Lebenswillen beginnt allmählich zu schwinden. Regelmäßige Mahlzeiten, für die sie Einkaufen geht, und häufige Nickerchen bestimmen ihren eintönigen Alltag.

Weil sie jemand ist, der Brauchbares nicht einfach wegwirft, und vermutlich auch aus Langeweile, hat sie in den letzten Monaten ein Faible für den Müll ihrer Nachbarn entwickelt. In einer ihrer schlaflosen Nächte entdeckt sie auf der gegenüberliegenden Straßenseite ein Aquarium, auf dem Pappkartons liegen sowie ein ihr bekanntes Kinderspielzeug, das Erinnerungen an glücklichere Zeiten bei ihr weckt. Obwohl der Glaskasten schwer ist, holt sie ihn samt Inhalt zu sich ins Haus. Damit beginnt für sie eine Woche, in der sie nicht nur einer Maus, sondern auch einigen liebenswerten Menschen begegnet, die ihrem Leben einen neuen Sinn geben.

Nach einem kurzen Prolog folgen Kapitel, die nach den Tagen einer Woche benannt sind. Die Handlung setzt in einer regnerischen Freitagnacht ein. Keine vierundzwanzig Stunden später glaubt Helen, ein zartes Klopfen im Erdgeschoss zu hören. Als Leserin wartete ich ungeduldig darauf, dass sie die Maus entdeckt, die sie später Merlin nennen wird. Zunächst ist sie von ihrem neuen Mitbewohner wenig begeistert und sucht nach Möglichkeiten, das Tier auf freundliche Weise wieder loszuwerden. Dazu muss sie über ihren eigenen Schatten springen und sich Rat und Wissen von anderen holen.

Die Erinnerungen an ihren Sohn, der sich immer eine Maus gewünscht hat, öffnen ihr Herz zunehmend für Merlin. Ihre anfängliche Abneigung wandelt sich bald in wachsende Gewogenheit und Zuneigung. Während ihrer Suche nach einer passenden Lösung zum weiteren Verbleib des Tieres gleiten ihre Gedanken immer wieder zu schönen, aber auch tragischen Momenten ihres Lebens ab, so dass nach und nach eine Vorstellung von Helens früherem Leben entstand. Gleichzeitig beginnt sie, sich mit der Vergangenheit auszusöhnen, ihr eigenes Verhalten zu reflektieren und eine Zukunft zuzulassen, in der es wieder mehr Begegnungen geben wird.

Das Buch „Eine Maus namens Merlin“ von Siman Van Booy ist eine zauberhafte Geschichte mit zwei reizenden, gegensätzlichen Hauptfiguren die zeigt, dass auch kleine Lebewesen tiefgreifende Veränderungen bewirken können. Einige überraschende Wendungen sorgen für Abwechslung und die ruhige, warme Erzählweise verleiht der liebevoll gestalteten Handlung emotionale Tiefe. Sehr gerne empfehle ich diesen berührenden Roman weiter.

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