Rezension von Ingrid Eßer
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Im Roman „Little Hollywood“ von Inga Hanka begleitet man die
Protagonistin Leonie, kurz Leo genannt, zurück in die 1990er Jahre. Leo hat
gerade ihre letzte Abiturklausur geschrieben und steht ihr gefühlt die ganze
Welt offen, obwohl ihr Weg alles andere als frei ist. Sie lebt gemeinsam mit
ihrer Mutter und ihrem sieben Jahre jüngeren Bruder Ben in einer
Zweizimmerwohnung in einer Kleinstadt. Der Vater entzieht sich seiner
Verantwortung, auch beim Unterhalt für sie, weswegen die finanzielle Lage der
Familie angespannt ist.
Dennoch ist es Leos großer Traum in das weiter entfernte
Köln zu ziehen und dort zu studieren. Gleichzeitig zweifelt sie daran,
überhaupt einen Studienplatz zu bekommen. Für den Fall, dass sie die
Möglichkeit eines Studium bekäme, fürchtet sie den Trennungsschmerz ihrer
Mutter und damit verbundene Probleme.
Glücklicherweise gibt es nicht nur ihre beste Freundin,
sondern auch Klassenkameraden, mit denen sie Schwimmen geht und zu Feten. Mit
einem von ihnen kann sie sich sogar eine feste Beziehung vorstellen. Besonders
gerne leiht sie sich Filme in der Videothek aus, die dem Buch den Titel gibt. Dort
arbeitet auch ihr Mitschüler Jo, von dem sie zwar nicht mal seinen
vollständigen Vornamen kennt, mit dem sie aber so vertraut ist, dass sie sich jedes
Mal auf sein Wahrheit oder Pflicht-Spiel einlässt.
Die Handlung erstreckt sich über die Monate von Mai bis
September, in denen Leo wichtige Entscheidungen zu treffen hat, die ihr
zukünftiges Leben prägen werden. Belastet wird sie von der familiären Situation.
Mit ihren inzwischen neunzehn Jahren hat sie sich bisher immer den Ansprüchen
ihrer Mutter gebeugt. Ihr ist bewusst, dass es nicht einfach sein wird, die
nächsten Schritte allein zu gehen. Da sie bereits einige Zeit volljährig ist,
fand ich es überraschend, wie wenig Freiraum sie sich bisher genommen hat.
Für Leo ist die Welt des Films eine Möglichkeit, sich der
Realität zu entziehen. Die vielen Filmtitel und -zitate steigern die 1990er Atmosphäre
der Geschichte noch weiter, allein das Benutzen von öffentlichen Fernsprechern zum
Kontakt nach Hause habe ich vermisst. In Jo findet Leo einen ebenbürtigen Videokenner*in
wie sie selbst eine ist. Das Wachsen ihrer Beziehung ist feinsinnig beschrieben
und nachvollziehbar. Leos Bemühungen, richtige Entscheidungen für ihre Zukunft
zu treffen, werden immer wieder vom schwierigen Verhältnis zu ihrem Vater
überschattet.
Inga Hanka hat mit ihrem Roman „Little Hollywood“ eine Coming-Of-Age-Geschichte geschrieben, die das Flair der 1990er Jahre stimmungsvoll einfängt. Zwischen Loslösen und Aufbruch der Protagonistin Leo werden die Unsicherheiten des Erwachsenenwerdens ebenso spürbar wie ihre damit verbundene familiäre Abhängigkeit. Ein für jede und jeden schwierige Zeit, die hier realistisch dargestellt wird. Gerne empfehle ich das Buch weiter.
