Rezension von Ingrid Eßer
Titel: Tage am Fluss
Autor: Jochen Mariss
Erscheinungsdatum: 09.07.2026
Verlag: Kiepenheuer und Witsch (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Leseband
ISBN: 9783462013672
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Sara, die Protagonistin des Romans „Tage am Fluss“ von
Jochen Mariss, lebt in einem kleinen Ort unweit von Hamburg, der ohne Umwege
nur über eine von ihr betriebene Gierseilfähre erreichbar ist. Eine weitere
Hauptfigur ist Leon, der sich einer Gruppe von Umweltaktivisten angeschlossen
hat, die durch eine Baumbesetzung den Uhlendorfer Forst vor der Abholzung
bewahren wollen. An einem heißen Sommertag betritt Leon die Fähre von Sara und
wird dort aufgrund einer Verletzung und der Hitze bewusstlos. Obwohl Handlung, Figuren
und Orte, abgesehen von Großstädten, fiktiv sind, wirkt das klimatische
Szenario der gesamten Geschichte erschreckend aktuell.
Sara ist in ihren Vierzigern und vor einigen Jahren in ihre
Heimat zurückgekehrt, um die Familientradition fortzusetzen und die Fähre in
vierter Generation zu betreiben. Gemeinsam mit ihrem Hund lebt sie zurückgezogen
im Elternhaus und verzichtet weitgehend auf Konsum. Sieben Hühner, drei Schafe sowie
ein Garten ermöglichen ihr, sich zu großen Teilen selbst versorgen kann. Ihr
Leben im Einklang mit der Natur wird jedoch zunehmend durch die Unwägbarkeiten
des Wetters beeinträchtigt, denn bei Niedrig- und Hochwasser kann sie die Fähre
nicht übersetzen.
Nicht nur für Leon, sondern auch für die Lesenden ergeben bereits
nach den ersten Seiten zahlreiche Fragen, die eine unterschwellige Spannung erzeugen:
Warum ist Sara zurückgekehrt? Welches Leben hat sie zuvor geführt? Und was ist
mit ihrem Bruder geschehen, an den sie durch Leon erinnert wird?
Als Leon, mehr als zwanzig Jahre jünger als Sara, die Fähre
betritt, befindet er sich auf der Flucht, ohne ein bestimmtes Ziel. Nur aufgrund
seines gesundheitlichen Zustands, gewährt Sara ihm eine Nacht in ihrem Haus.
Auch Leon bleibt zunächst eine geheimnisvolle Figur, deren Vergangenheit sich
sowohl Saral als auch den Lesenden erst nach und nach erschließt.
Jochen Mariss gelingt es, Gegensätze miteinander zu
verbinden. Einerseits schildert er die idyllische Flusslandschaft, an deren
Ufer Sara in ihrer wenigen freien Zeit sitzt und liest, aber auch gerne zum
Schwimmen in den Fluss steigt. Auf der anderen Seite beschreibt er Saras fordernden
Alltag mit körperlich anstrengenden Arbeit. Zusätzlich muss sie sich seit
geraumer Zeit mit den Befürwortern einer Brücke auseinandersetzen, die ihre
Interessen mit dreisten Methoden durchsetzen wollen. Die besondere Stärke des
Autors, eine Situation in prägende Worte zu setzen, blitzt im gesamten Roman
immer wieder durch, in guten wie in schlechten Zeiten.
Anhand des Alters der beiden Hauptfiguren wird
veranschaulicht, dass das Thema Klimawandel ebenso wie der verantwortungsvolle
Umgang mit der Umwelt generationsübergreifend wichtig sind. Vor allem Leon beschäftigt
sich intensiv mit existenziellen Fragen zur Zukunft der Welt. Zugleich
verdeutlicht Jochen Mariss, dass Liebe nicht abhängig vom Alter ist und vielmehr
Verständnis, Vertrauen und gemeinsame Werte entscheidend sind.
Der Debütroman von Jochen Mariss „Tage am Fluss“ verbindet
aktuelle gesellschaftliche Fragestellungen mit einer feinfühlig erzählten Liebesgeschichte
über zwei Figuren, die in einer eigenwilligen Beziehung sind. Die Geschichte
stimmt nachdenklich über die Beziehung des Menschen zur Umwelt und veranschaulicht, wie Nähe durch Offenheit und gemeinsame Überzeugungen wachsen kann. Sehr gerne
empfehle ich das Buch weiter, bei dem die Luft genauso vor Hitze flirrt wie gerade in unserem Sommer.
