Sonntag, 19. Juli 2026

Rezension: Tage am Fluss von Jochen Mariss

 


Rezension von Ingrid Eßer

Titel: Tage am Fluss
Autor: Jochen Mariss
Erscheinungsdatum: 09.07.2026
Verlag: Kiepenheuer und Witsch (Link zur Buchseite des Verlags)
rezensierte Buchausgabe: Hardcover mit Schutzumschlag und Leseband
ISBN: 9783462013672

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Sara, die Protagonistin des Romans „Tage am Fluss“ von Jochen Mariss, lebt in einem kleinen Ort unweit von Hamburg, der ohne Umwege nur über eine von ihr betriebene Gierseilfähre erreichbar ist. Eine weitere Hauptfigur ist Leon, der sich einer Gruppe von Umweltaktivisten angeschlossen hat, die durch eine Baumbesetzung den Uhlendorfer Forst vor der Abholzung bewahren wollen. An einem heißen Sommertag betritt Leon die Fähre von Sara und wird dort aufgrund einer Verletzung und der Hitze bewusstlos. Obwohl Handlung, Figuren und Orte, abgesehen von Großstädten, fiktiv sind, wirkt das klimatische Szenario der gesamten Geschichte erschreckend aktuell.

Sara ist in ihren Vierzigern und vor einigen Jahren in ihre Heimat zurückgekehrt, um die Familientradition fortzusetzen und die Fähre in vierter Generation zu betreiben. Gemeinsam mit ihrem Hund lebt sie zurückgezogen im Elternhaus und verzichtet weitgehend auf Konsum. Sieben Hühner, drei Schafe sowie ein Garten ermöglichen ihr, sich zu großen Teilen selbst versorgen kann. Ihr Leben im Einklang mit der Natur wird jedoch zunehmend durch die Unwägbarkeiten des Wetters beeinträchtigt, denn bei Niedrig- und Hochwasser kann sie die Fähre nicht übersetzen.

Nicht nur für Leon, sondern auch für die Lesenden ergeben bereits nach den ersten Seiten zahlreiche Fragen, die eine unterschwellige Spannung erzeugen: Warum ist Sara zurückgekehrt? Welches Leben hat sie zuvor geführt? Und was ist mit ihrem Bruder geschehen, an den sie durch Leon erinnert wird?

Als Leon, mehr als zwanzig Jahre jünger als Sara, die Fähre betritt, befindet er sich auf der Flucht, ohne ein bestimmtes Ziel. Nur aufgrund seines gesundheitlichen Zustands, gewährt Sara ihm eine Nacht in ihrem Haus. Auch Leon bleibt zunächst eine geheimnisvolle Figur, deren Vergangenheit sich sowohl Saral als auch den Lesenden erst nach und nach erschließt.

Jochen Mariss gelingt es, Gegensätze miteinander zu verbinden. Einerseits schildert er die idyllische Flusslandschaft, an deren Ufer Sara in ihrer wenigen freien Zeit sitzt und liest, aber auch gerne zum Schwimmen in den Fluss steigt. Auf der anderen Seite beschreibt er Saras fordernden Alltag mit körperlich anstrengenden Arbeit. Zusätzlich muss sie sich seit geraumer Zeit mit den Befürwortern einer Brücke auseinandersetzen, die ihre Interessen mit dreisten Methoden durchsetzen wollen. Die besondere Stärke des Autors, eine Situation in prägende Worte zu setzen, blitzt im gesamten Roman immer wieder durch, in guten wie in schlechten Zeiten.

Anhand des Alters der beiden Hauptfiguren wird veranschaulicht, dass das Thema Klimawandel ebenso wie der verantwortungsvolle Umgang mit der Umwelt generationsübergreifend wichtig sind. Vor allem Leon beschäftigt sich intensiv mit existenziellen Fragen zur Zukunft der Welt. Zugleich verdeutlicht Jochen Mariss, dass Liebe nicht abhängig vom Alter ist und vielmehr Verständnis, Vertrauen und gemeinsame Werte entscheidend sind.

Der Debütroman von Jochen Mariss „Tage am Fluss“ verbindet aktuelle gesellschaftliche Fragestellungen mit einer feinfühlig erzählten Liebesgeschichte über zwei Figuren, die in einer eigenwilligen Beziehung sind. Die Geschichte stimmt nachdenklich über die Beziehung des Menschen zur Umwelt und veranschaulicht, wie Nähe durch Offenheit und gemeinsame Überzeugungen wachsen kann. Sehr gerne empfehle ich das Buch weiter, bei dem die Luft genauso vor Hitze flirrt wie gerade in unserem Sommer. 


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